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Ernst Probst
Die Aunjetitzer Kultur
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Meiner Ehefrau Doris gewidmet
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Ernst Probst
Die
Aunjetitzer
Kultur
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Bestattung eines älteren Mannes und
quer über ihm liegend eines Kindes
aus der Zeit der Aunjetitzer Kultur
(etwa 23001600/1500 v. Chr.)
im ,,Fürstengrab" des Ortsteils Leubingen von Sömmerda
in Thüringen. Die Toten ruhen unter einer Totenhütte,
die von einem riesigen Grabhügel bedeckt ist.
Zeichnung: Friederike Hilscher-Ehlert, Königswinter
Aus: PROBST, Ernst: Deutschland in der Bronzezeit,
München 1996
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Vorwort
Die Bronzezeit vor mehr als 2000 bis 800 v. Chr. gilt als die
erste und längere der Metallzeiten in Europa. In dieser Zeit
wurden Werkzeuge, Waffen und Schmuck aus Bronze her-
gestellt. In einigen Gebieten hatte die Bronzezeit eine andere
Zeitdauer. So begann sie in Süddeutschland schon vor etwa
2300 v. Chr. und endete um 800 v. Chr. In Norddeutschland
dagegen währte sie von etwa 1600 bis 500 v. Chr.
Zu den in Deutschland verbreiteten Kulturen der Bronze-
zeit gehört die Aunjetitzer Kultur vor etwa 2300 bis 1600/
1500 v. Chr., die nach dem Gräberfeld von Unetice (Aunjetitz)
in Böhmen (Tschechien) benannt ist. Sie war in der Frühstufe
in Böhmen, Mähren, der Südwestslowakei, Schlesien, Nie-
derösterreich, Thüringen, Sachsen-Anhalt und in der Spät-
stufe im östlichen Niedersachsen sowie in Brandenburg und
im Südwesten Großpolens verbreitet.
Der Text über die Aunjetitzer Kultur stammt aus dem vergrif-
fenen Buch ,,Deutschland in der Bronzezeit" (1996) des
Wiesbadener Wissenschaftsautors Ernst Probst in alter deut-
scher Rechtschreibung und entspricht dem damaligen Wis-
sensstand. Weitere Kulturen der Bronzezeit aus Deutschland
werden ebenfalls in Einzelpublikationen vorgestellt.
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KAREL BUCHTELA,
geboren am 6. März 1864
in Novy Pavlov, gestorben
am 19. März 1946 in
Prag. Er war Finanz-
oberrat und hatte von
1924 bis 1938 das Amt
des Direktors des Staatli-
chen Archäologischen
Instituts in Prag inne. Bei
seinen Forschungen
arbeitete Buchtela mit
dem tschechischen Ar-
chäologen Lubor Niederle
zusammen. Buchtela und
Niederle haben 1910 den
Begriff Aunjetitzer Kultur
verwendet und
populär gemacht.
LUBOR NIEDERLE,
geboren am 20. Septem-
ber 1865 in Klatovy,
gestorben am 14. Juni
1944 in Prag. Er habili-
tierte sich 1891 und war
von 1898 bis 1929 Profes-
sor der vorgeschichtlichen
Archäologie und Ethnolo-
gie an der Universität
Prag. Später wurde er
Rektor der Universität
Prag sowie Begründer
und erster Direktor des
Archäologischen Instituts
in Prag. Niederle verwen-
dete 1910 zusammen mit
Karel Buchtela den Be-
griff Aunjetitzer Kultur.
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Bronzegießer, ,,Fürsten"
und Kannibalen
Die Aunjetitzer Kultur
von etwa 2300 bis 1600/1500 v. Chr.
A
ls Dr. med. Cenek Ryzner (18451923) in den 1870er
Jahren im böhmischen Unetice (Aunjetitz) ein
urgeschichtliches Gräberfeld untersuchte, ahnte er nicht,
welche Bedeutung dieses einmal erlangen würde. Denn nach
jenem Fundort mit 31 Gräbern hat man später eine der
bedeutendsten Kulturen der Frühbronzezeit benannt. Ryzner,
der Distriktsarzt von Roztoky bei Prag und Heimatforscher
war, publizierte 1880 seine Ausgrabungsergebnisse und ver-
zichtete dabei auf einen Kulturbegriff.
Ungeachtet dessen sprachen einige Archäologen am Ende
des 19. Jahrhunderts spontan von Funden oder Gräbern des
Typs Unetice. Der Name ,,Uneticer Kultur" tauchte erstmals
in dem 1910 erschienenen ,,Handbuch der Tschechischen
Archäologie" auf. Das Werk wurde von den Prager Archäo-
logen Karel Buchtela (18641946) und Lubor Niederle (1865
1944) verfaßt. Der Ausdruck ,,Uneticer Kultur" ist heute
noch in Tschechien und in der Slowakei gebräuchlich. In
Deutschland und Österreich dagegen verwendet man den
deutschsprachigen Begriff ,,Aunjetitzer Kultur" oder ,,Aun-
jetitz-Kultur".
Es gab auch Versuche, noch andere Namen in die Fach-
literatur einzuführen. Doch der nach dem mährischen Fund-
ort Menín (Mönitz) geprägte Name ,,Mönitzer Kultur" konn-
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te sich ebensowenig durchsetzen wie der auf einem mittel-
deutschen Fundort fußende Ausdruck ,,Leubinger Kultur".
Die Aunjetitzer Kultur ist gegen Ende der Jungsteinzeit aus
der Glockenbecher-Kultur und den Schnurkeramischen
Kulturen hervorgegangen. Weil die Aunjetitzer Leute die
Gewinnung und die Verarbeitung von Kupfer und Bronze
beherrschten, markiert ihre Kultur den Beginn der Früh-
bronzezeit.
Nach heutiger Kenntnis existierte die Aunjetitzer Kultur von
etwa 2300 bis 1600/1500 v. Chr.. Sie war in deren Frühstufe
in Böhmen, Mähren, der Südwestslowakei, Schlesien, Nie-
derösterreich, Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und in
der Spätstufe im östlichen Niedersachsen sowie in Branden-
burg und im Südwesten Großpolens verbreitet.
Die ältesten Funde aus der Frühstufe in Mitteldeutschland
(Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt) sind etwas jünger als
die ältesten Hinterlassenschaften in Mähren, wo das Kern-
gebiet der Aunjetitzer Kultur lag. Nach Ansicht der Archäo-
logen sind die Aunjetitzer in Mitteldeutschland aber nicht
aus Mähren oder Böhmen eingewandert. Bei ihnen handelt
es sich vielmehr um heimische Stämme, welche die Errun-
genschaften der Aunjetitzer im Gebiet des heutigen Tsche-
chien übernahmen.
Im östlichen Niedersachsen sind die typischen Erzeugnisse
dieser Kultur erst in deren Spätstufe nachweisbar. In ihrer
Nachbarschaft behaupteten sich noch Stämme, die auf dem
Niveau der späten Jungsteinzeit standen. In Teilen von
Brandenburg (Altmark, Ober- und Niederlausitz, Oder-Nei-
ße-Gebiet, Uckermark) und von Mecklenburg wurden die
Errungenschaften der Aunjetitzer wie deren Metallurgie,
Töpferei, Bestattungssitten und Religion erst gegen Ende
der Spätstufe übernommen.
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