1 Einleitung 3
2 Juan Rulfo Biographischer Überblick 4
3 Weibliche Archetypen der mexikanischen Tradition 6
3.1. Ursprünge 6
3.2. La Malinche doña Marina 7
3.3. La Virgen de Guadalupe 10
3.4. Weiblichkeitsbilder in der mexikanischen Gesellschaft des 20 Jahrhunderts
11
4 Die Darstellung der Frauen in Juan Rulfos El Llano en llamas 13
4.1. Es que somos muy pobres 13
4.2. La herencia de Matilde Arcángel 15
4.3. Anacleto Morones 19
4.4. Wiederkehrende Motive 24
5 Schlussbetrachtung 27
Bibliographie 28
Primärliteratur 28
Sekundärliteratur 28
Internetquellen 29
2
Hombres necios que acusáis
1 Einleitung
Trotz des bescheidenen Umfangs seines literarischen Oeuvres, das lediglich einen Sammelband mit Kurzgeschichten und einen Roman umfasst, ist Juan Rulfo einer der bedeutendsten Autoren Mexikos, der nicht nur lateinamerikanische Schriftsteller wie Carlos Fuentes, Jorge Luis Borges und Gabriel García Márquez begeistert, sondern auch international, unter anderem von Günter Grass, gefeiert wird. 3 Seine Werke sind in mehrere Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt worden. In ihnen stellt er die triste Realität der mexikanischen Landbevölkerung dar, für die die Mexikanische Revolution kein Befreiungsschlag, sondern der Weg in die Verarmung und in die Trostlosigkeit bedeutete.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Darstellung der Frauen in Rulfos Kurzgeschichten, die im Hinblick auf diesen Aspekt wenig untersucht worden sind. Im Gegensatz zu denen in Pedro Páramo geraten die weiblichen Figuren der siebzehn Kurzgeschichten in El Llano en llamas 4 aufgrund der omnipräsenten Motive der Gewalt und des Todes in den Hintergrund. Dennoch ist es interessant, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, um zu untersuchen, inwieweit Rulfos Weiblichkeitsbilder trotz ihrer Einbettung in eine stark deskriptive Darstellung der ländlichen Gesellschaft im post- revolutionären Mexiko tatsächlich stereotypen Darstellungen der Weiblichkeit in der mexikanischen Tradition entsprechen.
1 Sor Juana Inés de la Cruz. Poesía, teatro y prosa. Hg. Antonio Castro Leal. 11. Aufl. México, D.F.: Editorial Porrúa, 1988. 34.
2 Paz, Octavio. El laberinto de la soledad. Edición conmemorativa – 50 aniversario. I. México, D.F.: Fondo de Cultura Económica, 2000. 39.
3 „Rulfo escritor.“ Juan Rulfo. Página oficial. 2001. 15. März 2008 http://www.clubcultura.com/clubliteratura/clubescritores/juanrulfo/pedroparamo1.htm 4 Als Grundlage für diese Arbeit dient die 15. Auflage der spanischen Cátedra-Ausgabe von 1984. Rulfo, Juan. El Llano en llamas. Hg. Carlos Blanco Aguinaga. 15. Aufl. Madrid: Ediciones Cátedra, 2004.
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Grundlage für die Analyse der wiederkehrenden Motive in allen Kurzgeschichten ist die genaue Auseinandersetzung mit „Es que somos muy pobres“, „La herencia de Matilde Arcángel“ und „Anacleto Morones“, die die Rolle der Frau in Rulfos Darstellung der mexikanischen Gesellschaft am eindrucksvollsten schildern. Bevor jedoch mit der Analyse der Kurzgeschichten begonnen werden kann, ist es unerlässlich, zunächst anhand Rulfos Biographie zu erkunden, inwieweit der Autor eine realitätsnahe Darstellung der ländlichen Gesellschaft geben kann. In einem nächsten Schritt sollen die typischen Frauenbilder der mexikanischen Tradition, die den Ausgangspunkt dieser Arbeit bilden, vorgestellt werden. Der Analyse der Kurzgeschichten folgt abschließend eine zusammenfassende Schlussbetrachtung.
2 Juan Rulfo – Biographischer Überblick
Juan Rulfo wird am 16 Mai 1917 in Apulco im Staat Jalisco inmitten der Wirren der Mexikanischen Revolution geboren. Er ist das dritte Kind des wohlhabenden Ehepaares Juan Nepomuceno Pérez Rulfo und María Vizcaíno Arias. Von den Revolutionären wegen ihres Wohlstands verfolgt, sehen sich seine Eltern gezwungen, oftmals umzuziehen bis sie sich schließlich in San Gabriel niederlassen. Dort wird sein Vater von einem Betrunkenen erschossen, als Juan Rulfo sechs Jahre alt ist, seine Mutter stirbt nur wenige Jahre später, als die Cristero Revolution bereits ihre Schrecken verbreitet. Nach Beendigung seiner Schulzeit im strengen Waisenhaus Luis Silva in Guadalajara versucht er vergeblich, sich an der dortigen Universität einzuschreiben. Stattdessen tritt er 1932 dem Seminario Conciliar del Señor San José bei, das er jedoch nach drei Jahren abbricht. Nach einem kurzen Aufenthalt auf der Hazienda seiner Großeltern in Apulco zieht es ihn 1935 in die Hauptstadt, wo er mit Hilfe seines Onkels, eines Generalstabsoffiziers, einen Posten in der Secretaría de Gobernación erhält. Dort lernt er den Schriftsteller Efrén Hernández kennen, der ihn zum Schreiben ermutigt.
Nicht zufrieden mit seiner Arbeit, beschließt Rulfo 1939 zunächst nach Guadalajara zurückzukehren, wo er seine ersten literarischen Versuche wagt, um dann durch Mexiko zu
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reisen. Die Eindrücke, die er während der Reise sammelt und fotografisch festhält, 5 prägen ihn. Er kehrt 1941 in die Hauptstadt zurück, lässt sich jedoch bald in die Einwanderungsbehörde von Guadalajara versetzen. Seine Entscheidung, dorthin zurückzukehren, erweist sich als vorteilhaft für seine literarische Karriere. Nachdem Rulfo seinen ersten Roman verwirft, veröffentlicht er 1945 seine erste Kurzgeschichte „La vida no es muy seria en sus cosas“ in der Zeitschrift América, an deren Entstehung er maßgeblich beteiligt ist. Er freundet sich nicht nur mit Schriftstellern an, sondern auch mit den Herausgebern der Zeitschrift Pan, in der seine Kurzgeschichten „Nos han dado la tierra“ und „Macario“ erscheinen.
1947 kehrt er nach Mexiko-Stadt zurück, wo er als Reifenvertreter arbeitet, um Geld für seine Hochzeit mit Clara Aparicio Reyes im April 1948 zu verdienen. Diese Verbindung bringt nicht nur vier Kinder hervor, sondern auch eine Sammlung von Liebesbriefen, die 2000 posthum unter dem Titel Aire en las colinas veröffentlicht wird. Die Veröffentlichung weiterer Kurzgeschichten in der beliebten Zeitschrift América verhilft ihm zu einen gewissen Bekanntheitsgrad, er bekommt sogar zwei Jahre in Folge (1952-1953, 1953-1954) ein Stipendium des Centro Mexicano de Escritores, das es ihm erlaubt, sich gänzlich dem Schreiben zu widmen. Diese Unterstützung ermöglicht es ihm, fünfzehn seiner Geschichten in einem Band zu versammeln, der 1953 unter dem Titel El Llano en llamas erscheint und dem Autor positive Kritik beschert. Derart beflügelt beginnt er 1954 seinen Roman Pedro Páramo zu schreiben, der 1955 erscheint und ebenfalls von den Kritikern gelobt wird.
Der Boom der lateinamerikanischen Literatur in den 1960er Jahren verhilft Rulfo zu seinem internationalen Durchbruch. Seine Bücher werden vor allem in den 1970er Jahren nicht nur in Mexiko gefeiert, sondern auch in Europa und in den Vereinigten Staaten mit großem Interesse rezipiert. Sowohl seine Kurzgeschichten als auch sein Roman werden in eine Vielzahl von Sprachen übersetzt, teilweise verfilmt und mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem mexikanischen Premio Nacional de Literatura und dem spanischen Premio Príncipe de Asturias. Seinen beiden Prosabänden folgen keine
5 Rulfo wird nicht nur als Autor gefeiert, sondern auch als Fotograf. Wie seine Prosa sind auch seine
Fotografien Momentaufnahmen der mexikanischen Einöde abseits der Metropolen. Nähere Informationen
finden sich u.a. auf seiner offiziellen Homepage. „Rulfo fotógrafo.“ Juan Rulfo. Página oficial. 2001. 16.
März 2008 http://www.clubcultura.com/clubliteratura/clubescritores/juanrulfo/rulfofotografo.htm
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weiteren literarischen Werke, abgesehen von seiner Geschichte El gallo de oro, die von Carlos Fuentes und Gabriel García Marquez für die Leinwand adaptiert wird und 1964 in die Kinos kommt. Nach zahlreichen Reisen durch Lateinamerika und Europa stirbt Juan Rulfo 1986 in Mexiko-Stadt. 6
3 Weibliche Archetypen der mexikanischen Tradition
3.1. Ursprünge
Eine gemeinsame Geschichte ist unerlässlich zur Bildung einer gemeinsamen nationalen Identität, die sich deutlich von anderen abgrenzt. Das Geschichtsverständnis hängt dabei von den vorherrschenden politischen und sozialen Interessen und Erfahrungen zu einer bestimmten Zeit ab und ändert sich somit ständig. Dementsprechend kann Geschichte niemals objektiv sein, sie ist immer ein fiktionales Konstrukt, das von externen Faktoren beeinflusst wird. Das Konzept der Fiktionalität reduziert sich hierbei nicht auf Literatur, sondern umfasst ebenfalls die Weltanschauungen und Traditionen –inklusive Auto- und Heterostereotypen–, die die Mentalität einer Nation prägen, auch wenn sie offensichtlich nicht mit den historischen Fakten übereinstimmen. 7 Auch im Falle Mexikos ist die Vermischung von Geschichte und Fiktion ein zentraler Bestandteil der Identität. 8 Dies zeigt sich in den weiblichen Archetypen der mexikanischen Tradition, die sich auf zwei Figuren reduzieren lassen: die Virgen de Guadalupe und die historisch belegte Malinche. Sie stellen die Dichotomie der reinen Jungfrau und der entjungferten Frau dar, 9 die auf der bereits im Mittelalter etablierten Interpretation der biblischen Figuren Maria und Eva basiert. Während Letztere durch die Übertretung der göttlichen Weisung –ähnlich der Pandora der griechischen Mythologie– die Menschheit ins Verderben stürzt und somit der Ursprung jener Schuld ist, die jedem Menschen als Erbsünde anhaftet, ist die Jungfrau Maria seit jeher der Inbegriff der reinen,
6 Roffé, Reina. Juan Rulfo. Las mañas del zorro. Madrid: Espasa Calpe, 2003.
7 Nünning, Ansgar. „New Directions in the Study of Individual and Cultural Memory and Memory Cultures.“ Journal for the Study of British Cultures 10. 1 (2003): 3ff.
8 Peters, Michaela. Weibsbilder. Weiblichkeitskonzepte in der mexikanischen Erzählliteratur von Rulfo bis Boullosa. Frankfurt am Main: Vervuert, 1999. 46.
9 Leal, Luis. „Female Archetypes in Mexican Literature.“ In Women in Hispanic Literature. Icons and Fallen Idols. Hg. Beth Miller. Berkeley, Los Angeles, London: University of California Press, 1983. 227ff.
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tugendhaften Frau. 10 Die sich daraus ergebenden Weiblichkeitskonzepte sich völlig gegensätzlich. So ist die Frau auf der einen Seite der Inbegriff des Bösen, das es zu verdammen gilt, auf der anderen Seite ein gutartiges Wesen, dessen positive Eigenschaften man fördern muss 11 und dessen Reinheit laut der biblischen Weisung mit allen Mitteln zu wahren ist. 12
3.2. La Malinche/ doña Marina
La Malinche ist die „Eva mexicana“, 13 die Übersetzerin und Geliebte Hernán Cortés’, deren Geschichte in den Chroniken der Eroberung überliefert ist. Sie ist somit nicht nur eine historische Figur, sondern –laut Sandra Messinger Cypess, Professorin für Lateinamerikanische Literatur an der University of Maryland 14 und Autorin von La Malinche in Mexican Literature. From History to Myth– auch die erste weibliche Figur der mexikanischen Literatur. 15 Die zentrale Bedeutung der Malinche für die Identität der Mexikaner und ihre Verankerung in der mexikanischen Tradition lässt sich nur anhand des geschichtlichen Hintergrundes erklären.
Als Quelle für die biographischen Daten der Malinche dient die Chronik Historia verdadera de la conquista de Nueva España, deren Glaubwürdigkeit zwar nicht nachgewiesen kann, aber deren Autor Bernal Díaz del Castillo, der unter Hernán Cortés als Soldat diente, zumindest Augenzeuge war. Zur Zeit der Eroberungszüge Cortés’ ist Malinche, die auch als Malinal, Malintzin –ihre aztekischen Namen– oder doña Marina 16 – ihr spanischer Taufname– bekannt ist, Sklavin im Aztekenreich, das weite Teile Mesoamerikas umfasst. 17 Den Ausführungen Díaz del Castillos zufolge ist zwar sie die erstgeborene Tochter von Kaziken, wird jedoch nach dem Tod ihres Vaters von ihrer
10 Peters 1999, 11, 45f., 56ff.
11 Morant, Isabel. „Hombres y mujeres en el discurso de los moralistas.“ In Historia de las mujeres en España y América Latina. Vol. II. El mundo moderno. Dir. Isabel Morant. Koord. Margarita Ortega, Asunción Lavrin, Pilar Pérez Cantó. 2. Aufl. Madrid: Ediciones Cátedra, 2006. 27f. 12 Castellanos, Rosario. Declaración de fe. Reflexiones sobre la situación de la mujer en México. Mexico, D.F.: Alfaguara, 1997. 48.
13 Paz 2000, 89.
14 School of Languages, Literatures and Cultures. Homepage der Fakultät. University of Maryland. 27. März 2008 http://www.languages.umd.edu/people/faculty.php 15 Cypess, Sandra Messinger. La Malinche in Mexican Literature. From History to Myth. 4. Aufl. Austin, TX: University of Texas Press, 2000. 2.
16 Bernal Díaz verwendet grundsätzlich ihren spanischen Taufnamen.
17 Cypess 2000, 2, 17, 27.
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Mutter und ihrem Stiefvater weggegeben, um den dem ältesten Erben zustehenden Titel an ihren jüngeren Halbbruder weitergeben zu können. 18 Sie gelangt so als Sklavin nach Tabasco, wo sie dem Herrscher eines Maya-Stammes dient und dessen Sprache erlernt. 19 Als dieser den Spaniern im Kampf unterliegt, beschenkt er die siegreichen Eroberer unter anderem mit zwanzig Frauen, unter denen sich auch „una muy exçelente muger que se dixo doña Marina, que ansí se llamó después de buelta cristiana“ befindet. Sie wird zunächst dem Offizier Alonso Hernández Puertocarrero übergeben, doch als dieser nach Spanien zurückkehrt, wird sie die Begleiterin Cortés’, dem sie einen Sohn namens Martín gebiert, 20 bevor sie schließlich den Edelmann Juan Jaramillo heiratet. Díaz del Castillo zufolge ist die Begegnung mit Malinche „gran prinçipio para nuestra conquista“, da ihre Tätigkeit als Übersetzerin die Eroberung erleichtert. Doch der Chronist lobt nicht nur ihre Schönheit und ihre Unterstützung der Spanier, sondern auch ihre schnelle Aneignung christlicher Werte, die sich bei der Begegnung mit ihrer Mutter und ihren Bruder zeigt. Statt sich für das ihr angetane Unrecht an ihnen zu rächen, verzeiht Malinche ihnen und gibt ihnen sogar Juwelen und Kleidung, denn „Dios le avía hecho mucha merçed en quitarla de adorar ídolos agora y ser cristiana, y tener un hijo de su amo y señor Cortés, y ser casada con un cavallero como era su marido Joan Xaramillo; que aunque la hizieran caçica de todas quantas provinçias avía en la Nueva España, no lo sería, que en más tenía servir a su marido e a Cortés que quanto en el mundo hay“. 21 Diese kulturelle Assimilation erfährt ihren Höhepunkt, als Malinche 1519 die Indios der Stadt Cholula verrät, die auf Weisung Moctezumas einen Hinterhalt planen, bei dem alle Spanier ermordet werden sollen. Obwohl sie die Möglichkeit hat, den Eroberern zu entkommen, als die Frau eines Kaziken, die ihr aufgrund ihrer Schönheit und ihres Reichtums das Leben retten und sie mit ihrem Sohn verheiraten will, sie in die Pläne der Indios einweiht, beweist doña Marina ihre Loyalität ihren Herren gegenüber. Ihr Bericht ermöglicht es den Spaniern, den Verschwörern zuvorzukommen; mit Hilfe verbündeter Indios töten sie viele der Einwohner Cholulas und plündern die Stadt. 22
18 Díaz del Castillo, Bernal. Historia verdadera de la conquista de la Nueva España: manuscrito „Guatemala“. Hg. José Antonio Barbón Rodríguez. México, D.F.: El Colegio de México u.a., 2005. 91. 19 Peters 1999, 47.
20 Díaz del Castillo 2005, 87f.
21 Ib. 91f.
22 Ib. 202ff.
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Quote paper:
Ana Colton-Sonnenberg, 2008, Die Darstellung der Frauen in den "cuentos" von Juan Rulfo, Munich, GRIN Publishing GmbH
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