I. Einleitung
Gerade in einer immer komplexer werdenden Welt fällt es vielen heranwachsenden Menschen immer schwerer, sich zurechtzufinden. Die Kenntnis geschichtlicher Strukturen erleichtert die Orientierung in der Gesellschaft und hilft viele Zusammenhänge zu verstehen.
In der vorliegenden Arbeit soll die Frage behandelt werden, ob im Sachunterricht der Grundschule in der 1. und 2. Klasse ein Geschichtsbewusstsein aufgebaut werden kann. Aufgrund persönlichen Interesses für Geschichte, lag eine Beschäftigung mit dem Thema historischer Sachunterricht nahe. Nach erster Sichtung der Literatur kristallisierte sich heraus, dass eine Beschäftigung mit der aktuellen Sachunterrichtsdidaktik, den historischen Sachunterricht betreffend, Inhalt dieser Arbeit werden würde. Um auf die oben genannte Fragestellung näher eingehen zu können, ist es notwendig, zunächst die Begriffe Zeitbewusstsein und Geschichtsbewusstsein zu klären. Anschließend soll auf die Trennung von Zeit- und Geschichtsbewusstsein im Unterricht und auf die Notwendigkeit des Aufbaus eines Geschichtsbewusstseins in den ersten beiden Grundschuljahren, eingegangen werden. Abschließend wird eine exemplarisch ausgewählte, praktische Umsetzung einer Unterrichtsstunde des historischen Sachunterrichts dargestellt und analysiert. (P&K)
II. Zeitbewusstsein
Die Zeit beschäftigt den Menschen auf vielerlei Weisen: z.B. philosophisch, physikalisch, historisch. Schon seit frühester Zeit gab es in der Menschheit ein fortwährendes Bemühen, die Zeit zu messen und sich ein tieferes Bewusstsein vom Begriff Zeit zu verschaffen. In der Natur und in der Gesellschaft war die Zeit stets ungemein wichtig, da sie die Lebensrhythmen von Pflanzen und Tieren, sowie das tägliche Zusammenleben, Handeln und Planen der Menschen schon immer zu bestimmen vermochte.
Der Begriff des Zeitbewusstseins ist mehrschichtig zu betrachten. Während historisches Zeitbewusstsein sich aus dem Zusammenhang zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in geschichtlicher Hinsicht bildet, bezieht sich das physikalische Zeitbewusstsein auf den Beginn, die Dauer oder das Ende einer Handlung und stellt die Voraussetzung für die Entwicklung des historischen Zeitverständnisses dar (vgl. Ziechmann, 1995, S. 120 f.).
Dementsprechend befasst sich die erste Vermittlung eines Zeitverständnisses in der Grundschule diesem Verständnis nach mit dem physikalischen Zeitbewusstsein.
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Die typischen Zeitabläufe, welche das Leben auf der Erde grundsätzlich prägen und die als Grundlage unserer Zeitmessung dienen, werden durch astronomische Gegebenheiten (Erddrehung um ihre eigene Achse (Tag und Nacht) und Umdrehung der Erde um die Sonne (Jahreszeiten und Kalenderjahre)) bestimmt (vgl. Schreiber 1999, S. 174).
Das Zeitbewusstsein ist ferner entwicklungspsychologisch von einiger Aussagekraft, da das entwickelte Zeitbewusstsein beim Kinde als Gradmesser der Persönlichkeitsentwicklung angesehen wird (vgl. Schmitt 1990, S.6). Wer sich in zeitlichen Strukturen organisiert verhalten und orientieren kann, hat ein gefestigteres Selbst, als jene, die zeitlich nicht so sicher manövrierfähig sind. So kommt dem Sachunterricht eine wichtige entwicklungspsychologische Aufgabe zu, nämlich dieses Bewusstsein zu vermitteln, derer sich insbesondere die Lehrkraft bewusst werden muss, da diese Aufgabe nur selten als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann (vgl. Schreiber 1999, S. 20).
Nachdem dieses erste Teilfundament des Zeitbewusstseins aufgebaut wurde, das des physikalischen Zeitbewusstseins, geht es nun anschließend darum, den Schülern die Zeit als System und Konzept näher zu bringen. War Zeit bis hier hin für den Schüler ein kalendarischer Wert und darüber hinaus gleichbedeutend mit der Uhrzeit, muss sie, die Zeit, in der Schülervorstellung nun um eine weitere Bedeutungskomponente reicher werden.
Die Zeit muss in der Schülervorstellung als „System von Beziehungen nach und nach aufgebaut“ werden, „da die Zeit nichts ist, als eine In-Beziehung-Setzung der Ereignisse, die sie ausfüllen“ (Jean Piaget, „Psychologie der Intelligenz : das Wesen der Intelligenz ; die Intelligenz und die sensomotorischen Funktionen ; die Entwicklung des Denkens“, 1974, in der vollständig überarbeiteten Übersetzung der 2. Auflage, München : Kindler, 1976 (zitiert nach Schmitt 1990, S.7)). Weiter führt Piaget aus, Erinnerung an Vergangenes sei die Grundlage jedes gegenwärtigen Verhaltens und die „In-Beziehung-Setzung“ vergangener Ereignisse mit Hilfe der Erinnerung stelle schon ein erstes Geschichtsbewusstsein dar (vgl. ebd.).
Hier gehen Ziechmann und Piaget also nicht konform, denn Ziechmann bezeichnet diese „In-Beziehung-Setzung von Ereignissen“ (ebd.) als historisches Zeitbewusstsein und nicht als Geschichtsbewusstsein (vgl. Ziechmann 1995, S.120 f.).
Was hier noch als Bedeutungsüberschneidungen der Begrifflichkeiten erscheint, wird nun im folgenden Teil, dem des „Geschichtsbewusstseins“, geklärt, nämlich dahingehend, was Geschichtsbewusstsein einer wissenschaftsorientierten Definition nach ist. (P)
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III. Geschichtsbewusstsein
Den Begriff Geschichte allein zu erklären stellt sich noch als recht einfach dar. Unter Geschichte versteht man im Allgemeinen Begebenheiten und Vorkommnisse, die in der Vergangenheit liegen. Für die Wissenschaft beginnt die Geschichte vor zwei bis drei Millionen Jahren und wird von ihr als Menschheits- und Menschengeschichte bezeichnet (vgl. Von Reeken, 1999, S. 6).
Versucht man den Begriff Geschichtsbewusstsein zu erklären, wird es schwieriger, denn das Geschichtsbewusstsein an sich existiert nicht. Verschiedene Menschen weisen verschiedenen Ausformungen von Geschichtsbewusstsein auf. Daher ist es wichtig, darauf zu achten, dass bei einer Erklärung dieses Begriffes nicht bloß eine Ausformung berücksichtigt wird, sondern alle erdenklichen. Dabei gibt es keine richtigen oder falschen Formen von Geschichtsbewusstsein.
Die Ausprägung des Geschichtsbewusstseins ist immer sozialisationsabhängig (vgl. Pandel, 1987, S. 131). „In verschiedenen sozialen und historischen Kontexten, den nach sozialen Schichten und parteipolitisch geprägten Gruppen ausgerichteten Lebenswelten, verläuft historische Sozialisation ebenso unterschiedlich wie in verschiedenen historischen Regionen“ (Pandel, 1997, S. 131).
Nach Hans-Jürgen Pandel ist Geschichtsbewusstsein eine narrative Kompetenz, die sich in der Fähigkeit Geschichte zu verstehen und erzählen zu können, äußert und nicht mit dem „Erinnern können“ zusammenhängt (vgl. Pandel, 1987, S. 131).
Um eine alle Formen umfassende Erklärung des Geschichtsbewusstseins zu ermöglichen, schlug Pandel vor das Geschichtsbewusstsein als eine mentale Struktur zu betrachten, die sich aus mehreren Doppelkategorien zusammensetzt. Dabei nahm er eine Unterteilung in drei Ba-siskategorien und vier soziale Kategorien vor (vgl. Pandel, 1987, S. 132).
Basiskategorien (vgl. Pandel, 1987, S. 132):
- Zeitbewusstsein (früher – heute/morgen) Die Fähigkeit zwischen gestern, heute und morgen unterscheiden zu können und einen Zusammenhang zwischen dem Geschehen und der Zeit herstellen zu können (vgl. Pandel, 1987, S. 133). (Dies entspricht wohl auch dem Verständnis dieses Begriffes von Ziechmann).
- Wirklichkeitsbewusstsein (real/historisch – imaginär) Real existierende Personen können von erfundenen, imaginären Personen unterschieden werden (z.B. Rocky Balboa = fiktiv und Muhamed Ali = real). „Erst wenn Fiktion und Re-
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alität geschieden sind, kann aus dem Märchenerzählen ein historisches Erzählen werden“ (Pandel, 1987, S 134).
- Historizitätsbewusstsein (statisch – veränderlich) Es besteht ein Wissen darüber, dass Personen, Dinge und Begebenheiten sich im Laufe der Zeit verändern und das manche Dinge und Begebenheiten im Laufe des eigenen Lebens sich nicht verändern (vgl. Pandel, 1987, S. 135).
Soziale Kategorien (vgl. Pandel, 1987, S. 132):
- Identitätsbewusstsein (wir – ihr/sie) Die Fähigkeit sich mittels „wir“ und „ihr“ von einigen Gruppen abzugrenzen und anderen Gruppen zuzuordnen (vgl. Pandel, 1987, S. 135).
- politisches Bewusstsein (oben – unten) Das Wissen um die unterschiedliche Machtverteilung innerhalb einer Gesellschaft. Das politische Bewusstsein kann auch als Herrschaftsbewusstsein bezeichnet werden (vgl. Pandel, 1987, S. 136).
- ökonomisch soziales Bewusstsein (arm – reich) Die Wahrnehmung sozialer Unterschiede und Ungleichheit in Gegenwart und Vergangenheit (vgl. Pandel, 1987, S. 137).
- moralisches Bewusstsein (richtig – falsch) Wie weit ist das moralische Bewusstsein entwickelt und wie geht es mit historischen Situationen um (vgl. Pandel, 1987, S. 138)?
Aus diesen Kategorien, die bei jedem in individueller Ausprägung vorhanden sind, setzt sich also die von Pandel erdachte mentale Struktur zusammen, die als Geschichtsbewusstsein bezeichnet werden kann (vgl. Pandel, 1987, S. 133). Allerdings ist nicht bekannt, wann die einzelnen Kategorien erworben werden und wie sie sich konkret entwickeln (Vgl. Schnaub, H., 1999, S. 229). Wichtig ist auch, dass obwohl der Begriff „Bewusstsein“ verwendet wird, es sich nicht zwangsläufig um ein bewusstes und reflektiertes Geschichtsbewusstsein handeln muss. (K)
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Moritz Prien, 2007, Kann in der Grundschule ein Geschichtsbewusstsein im Sachunterricht der 1. und 2. Klasse aufgebaut werden?, Munich, GRIN Publishing GmbH
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