Wintersemester 2007/2008
Hauptseminar: Traurige Theorie: Melancholie- Diskurse in der Dekonstruktion
Universität Hamburg ( Institut für Germanistik 2: Neuere deutsche Literatur)
Die Derridasche These der Unmöglichkeit der wahren
Trauer und die Frage nach deren Plausibilität
vorgelegt von Caroline Boller im April 2008
2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung... 1
2.
Die Auffassung der Trauer bei Derrida und Freud... 2
2.1
Die Derridasche Argumentation für dessen These der Unmöglichkeit der
,,wahren Trauer". . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
2.2
Die Freudsche Theorie der erfolgreichen Trauer . . . . . . . . . . . . . . . . 4
2.3
Die Unterschiede zwischen der Freudschen und der Derridaschen Theorie
der Trauer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
3.
Die Infragestellung der Freudschen Theorie der erfolgreichen Trauer durch
Derrida und die Unmöglichkeit der wahren Trauer ... 7
4.
Die Frage nach der Plausibilität der Derridaschen These der Unmöglichkeit
der wahren Trauer... 10
5. Schlusswort ... 13
6. Literaturverzeichnis ... 16
1
1.
Einleitung
Das Thema dieser Hausarbeit ist die Frage nach der Plausibilität der Derridaschen
These der Unmöglichkeit der ,,wahren Trauer".
Im Zuge dieser Hausarbeit werden folgende Fragen beantwortet:
1.
Wie argumentiert Derrida für seine These der Unmöglichkeit der ,,wahren
Trauer"?
Welche Unterschiede bestehen zwischen der genannten Derridaschen
Behauptung und der Freudschen Theorie der erfolgreichen Trauerarbeit?
2.
Inwiefern ist die Annahme Derridas, derzufolge die ,,wahre Trauer" unmöglich
sei, plausibel?
In dieser Arbeit wird die Frage nach der Plausibilität der Derridaschen These der
Unmöglichkeit der ,,wahren Trauer" diskutiert, da dieser eine zentrale Stellung in
Derridas ,,Mémoires 1" zukommt.
Gemäß der Derridaschen Theorie ist die wahre, erfolgreiche Trauer unmöglich.
Denn diese setzt voraus, dass wir die Andersartigkeit des Anderen nach dessen Tod
akzeptieren, ihn folglich nicht in uns aufnehmen und uns letztlich mit dessen Tod
abfinden.
Dagegen argumentiert Freud aber, diese wahre Trauer sei mittels der ,,Trauerarbeit"
möglich.
Es ist insofern von Interesse, diese sehr unterschiedlichen Positionen zu erörtern, als
diese Diskussion erst eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Annahme Derridas,
es könne keine wahre Trauer geben, ermöglicht.
Zu Beginn dieser Arbeit wird die Derridasche Argumentation für diese These
dargestellt werden.
Im Hinblick auf die Argumentation Derridas für diese Behauptung wird auch die
Freudsche Theorie der erfolgreichen Trauer erörtert werden. Denn die Derridasche
These der Unmöglichkeit der wahren Trauer kann nur unter Bezug auf die Freudsche
Theorie der erfolgreichen Trauer verstanden und somit auch hinsichtlich ihrer
Plausibilität beurteilt werden.
Schließlich hat Derrida diese ja in Abgrenzung zu Freuds Begriff der erfolgreichen
Trauer entwickelt. Denn die wahre Trauer, deren Möglichkeit Derrida verneint, wäre
die erfolgreiche Trauer gemäß Freud, da sie den Anderen als Anderen annimmt, ihn
angesichts seines Todes loslässt, und folglich auch dessen Tod akzeptiert.
Das Ziel dieser Arbeit ist es zu zeigen, dass die Derridasche These der
Unmöglichkeit der wahren Trauer nicht überzeugend ist.
2
2.
Die Auffassung der Trauer bei Derrida und Freud
2.1
Die Derridasche Argumentation für dessen These der Unmöglichkeit der
,,wahren Trauer"
Derrida behauptet, dass es keine wahre Trauer geben kann.
1
Diese Annahme begründet Derrida zum einen, indem er auf die Endlichkeit des
Gedächtnisses verweist. Diese resultiere aus der ,,Spur des anderen in uns" und
beinhalte zugleich das Kommen oder Erinnern der Zukunft.
2
Mit dem Begriff der Spur des anderen in uns bezeichnet Derrida dasjenige, durch das
der andere seine Existenz in uns markiert.
Die Endlichkeit des Gedächtnisses werde insofern durch die Spur des anderen in uns
bedingt, als diese sowohl etwas vom anderen als auch vom Gedächtnis des anderen in
sich birgt, etwas, das vom anderen herkomme, aber auch dem anderen zukomme.
3
Aufgrund dieser könne es keine wahre Trauer geben, weil diese voraussetzen würde,
dass unser Gedächtnis derart beschaffen wäre, dass wir den anderen so erinnern
könnten, wie dieser tatsächlich gewesen sei.
Mit dem Begriff der wahren Trauer bezeichnet Derrida also eine Trauer, die insofern
wahr ist, als sie auf einem vollkommenen Gedächtnis und der entsprechenden
Erinnerung des Anderen beruht.
Da aber dasjenige, was durch den Begriff des ,,Ich", des ,,Wir" und des
,,Gedächtnisses" beschrieben wird, erst durch den Tod des anderen erschaffen wird,
sind wir auch nicht fähig, den Anderen so zu erinnern, wie dieser wirklich gewesen
ist. Und somit ist es auch ausgeschlossen, die wahre Trauer jemals zu erfahren. Denn
die Erinnerung ist die Voraussetzung der Trauer.
So schreibt Derrida:
,, La terrible solitude qui est la mienne ou la nôtre à la mort de
l´autre, c´est elle qui constitue ce rapport à soi qu´ on appelle ,,moi", ,,nous", ,,entre
nous",
,,subjectivité", "intersubjectivité", "mémoire".
4
Der Tod des Anderen stellt folglich eine Grenze zwischen dem eigenen Ich und dem
Ich des Anderen dar, insofern von diesem nichts mehr zu den Lebenden gelangen
kann.
Diesbezüglich sagt Starling: ,,For
Derrida, even in these earlier texts, death is an
entirely
other figure: that of an ,,internal"and unpresentable limit that is not only already
exceeded,
but which can never be fully or definitively crossed. "
5
1
Derrida, Jacques: Mémoires pour Paul de Man, Paris, 1988, p.50. Die wahre Trauer zeichnet sich der
Derridaschen Theorie gemäß sowohl durch eine vollständige Erinnerung des Anderen als auch durch
eine vollkommene Akzeptanz dessen Todes aus.
2
Ebd., pp. 49-50.
3
Ebd., p.50, siehe auch für das Folgende.
4
Ebd., p.53. (,,Es ist diese schreckliche Einsamkeit, die meinige oder die unsrige, beim Tode des anderen,
die jene Selbstbeziehung konstituiert, die man ,,ich", ,,uns", ,,unter uns", ,,Subjektivität", Intersubjektivität",
,,Gedächtnis" heißt.") (Derrida, Jacques: Mémoires, Für Paul de Man. Dt. Erstausgabe, Wien, 1988, S.57).
3
Eine plausible Begründung für die Derridasche These der Unmöglichkeit der wahren
Trauer stellt aber auch die Annahme dar, dass die wahre Trauer deshalb unmöglich
ist, weil diese sich ihrer selbst erinnern und betrauern können müsste, um auch zu
Recht als wahre Trauer bezeichnet werden zu können.
So schreibt auch Krell: ,,
If we keep mourning in mind, we must also mourn memory
, and
thus mourn mourning itself".
6
Aber dies ist deswegen unmöglich, da das Gedächtnis (dessen Existenz die
Bedingung der Möglichkeit der Trauer darstellt, weil es ohne Gedächtnis auch keine
Erinnerung des Anderen geben kann), sich seiner selbst nicht erinnern kann, sodass
auch die Trauer keine Erinnerung ihrer selbst besitzt.
Zum anderen begründet Derrida seine These aber auch unter Bezugnahme auf das
Wesen der ,,wahren Trauer":
,,
Le vrai ,,deuil" semble dicter seulement une tendance: à accepter l`incomprehension, à
lui laisser la place et à énumérer froidement, on dirait presque comme la mort même, les
modes di langage qui dénient en somme toute la rhétoricité
du vrai
(non
anthropomorphique,
non
élégiaque... non poétique, etc.)
".
7
So zeichne sich die wahre Trauer durch das Bestreben aus, das Nicht-Verstehen zu
akzeptieren und diejenigen Sprechweisen anzuführen, die die Rhetorizität des
Wahren bestreiten. Daraus folgt, dass die wahre Trauer letztlich auf der Annahme
beruht, dass Wahrheit und Rhetorizität sich gegenseitig ausschließen.
Diese stellt Derrida allerdings in Frage: ,,
Par là, ils nient aussi, paradoxalement, la
verité, qui consiste en une certaine rhétoricite, la mémoire allégorique qui constitue
tout
trace en tant quelle est toujours trace de l´autre
".
8
Demnach besteht die Wahrheit der wahren Trauer gerade in einer bestimmten Form
von Rhetorizität.
Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass es keine vorher bestehende
(unabhängig von bestimmten Sprechweisen existierende) Wahrheit der Trauer gibt.
5
Starling, Roger:Addressing the Dead:Of Friendship, Community and the Work of Mourning,p.107.
In: Angelaki: a new journal in philosophy, literature and the social sciences, Oxford 1993, pp.107-
124.
Starling bezieht sich hier u. a. auf die Derridaschen Texte "Aporias", "The Gift of Death" und "Of
Grammatology".
6
Krell, David Farell: The Purest of Bastards. Works of Mourning, Art and Affirmation in the
Thought of Jacques Derrida, Pennsylvania, 2000, p.18.
7
Derrida, Jacques, Mémoires pour Paul de Man, Paris,1988,p.51. (,,Die wahre ,,Trauer" scheint
allein
ein Bestreben zu diktieren: das Nicht- Verstehen zu akzeptieren, ihm den Platz zu lassen und kalt-
man möchte beinahe sagen: wie der Tod selbst- die Sprechweisen aufzuzählen, die
zusammengenommen die gesamte Rhetorizität des Wahren (nichtanthropomorphisch, nicht-elegisch,
... nicht- poetisch usw.) verneinen.") (Derrida, Jacques: Mémoires; Für Paul de Man. Dt.
Erstausgabe, Wien, 1988, S.54).
8
Ebd., p.51 ( ,,Paradoxerweise verneinen sie dadurch auch die Wahrheit der Trauer, die in einer
bestimmten Rhetorizität besteht, in einem allegorischen Gedächtnis, das für jegliche Spur
konstitutiv ist, insofern diese stets Spur des anderen ist.") ( Derrida, Jacques: Mémoires; Für Paul
de Man. Dt. Erstausgabe, Wien, 1988, S.54).
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