Einleitung
Die vorliegende Arbeit analysiert die Frauenfigur der Philine im Roman Wilhelm
Meisters Lehrjahre. Die Reihe der Frauenfiguren des Romans ist zu umfangreich um im
Rahmen einer Hausarbeit umfassend analysiert zu werden, weshalb ich mich auf die Analyse der Philine beschränkt habe.
Im ersten Teil gehe ich auf Philines Weiblichkeit ein, ihre Pantöffelchen, die fast schon Fetischcharakter erreichen und nicht nur Wilhelm durchwachte Nächte bereiten. Die Ausflüge Wilhelms und Philines führen immer wieder an Orte, denen eine gewisse Konnotation zugeschrieben werden kann, deshalb werde ich diesen Aspekt genauer beleuchten. Philine gehört dem Stand des Theaters an und ihr promiskuitiver Lebensstil rückt sie in ein bestimmtes Licht: Sie spielt Theater für alle Stände und sie spielt mit allen Ständen. Den ersten Teil schließt ein kurzer Exkurs zu Goethes Frauenentwürfen ab.
Im zweiten Teil wird die Rivalität und das dadurch entstehende Vexierspiel Philine/Mignon untersucht, denn wo die eine Figur wirkt hat die andere keinen Platz. Den Höhepunkt und Sieg Philines stellt die Liebesnacht mit der Unbekannten dar.
Der dritte Teil beleuchtet das Verhältnis Philines zu ihrem Partner Friedrich. Er ist ihr „würdiger“ Partner und kann als männliches Äquivalent Philines gedeutet werden.
Abschließend wird Philines Funktion im Roman untersucht, inwiefern sie sich verändert/ entwickelt hat und welche Einwirkung sie auf Wilhelm hat.
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1. Die Hetäre Philine
Wilhelm Meisters Lehrjahre gilt als Prototyp der Gattung Bildungsroman, was vor allem
darauf beruht, dass Dilthey, der diese Bezeichnung prägte 1 , seine Definition mit eben diesem Roman vor Augen formulierte. Kern des Bildungsromans ist die innere Ent- wicklung eines Protagonisten, „der durch Lehrmeister und Konfrontationen mit der Realität [...] allmählich ins Leben eingeweiht und [...] zu einem ‚charaktervollen, harmonischen Ganzen’ ausgebildet wird“ 2 . Strohkirch unterstreicht die männliche Dominanz im Bildungsroman und argumentiert, dass sich
aus feministischer Sicht [...] die Chancenlosigkeit zur gleichberechtigten Stellung der Frau gerade im Genre Bildungsroman [offenbart], da in ihm ein Werdegang dargestellt wird, der Männern vorbehalten ist. Der Bildungsroman scheint aus weiblicher Sicht doppelt verschlossen, nicht nur, weil die Frau als Protagonistin nicht in Frage kommt, sondern auch, weil die Welt, die entworfen wird, systematisch Männer Frauen überordnet. 3
Das besagt freilich nicht, dass die Welt des Bildungsromans Frauenfiguren gänzlich
ausschließt. Ganz im Gegenteil präsentiert Wilhelm Meisters Lehrjahre eine vielfältige
Reihe von Frauenfiguren, die als Entwicklungsstufen und Bildungselemente für Wilhelm zu dessen „harmonischen Ganzen“ beitragen. Lorey 4 bemängelt, dass die Frauenfiguren eben nur auf ihre Funktion als Bildungselemente reduziert und dadurch abgewertet werden. Buße widerspricht zurecht, dass diese Behauptung nicht aufrecht erhalten werden kann, denn die Frauenfiguren „entwickeln im Laufe des Romans eine eigene Biographie und somit kann man von einer Selbstständigkeit und Individualität der weiblichen Figuren sprechen“ 5 . Dem traditionellen Frauenbild, das Frauen häusliche, nützliche und männlichen Bedürfnissen unterworfene Rollen zuschreibt, steht das Bild
der im Wilhelm Meister propagierten Gleichberechtigung der Geschlechter gegenüber.
Salema kommt zu dem Schluss, „dass der Roman wegen seiner Frauenfreundlichkeit vom Kanon der patriarchalen Texte deutlich abweicht“ 6 .
1 Dilthey etablierte den Gattungsbegriff in seinem Werk Das Leben Schleyermachers. Jedoch spricht Karl von Morgenstern bereits 1819/20 in Vorlesungen vom „Bildungsroman“. Das widerlegt die Annahme Dilthey habe den Begriff in die Literaturwissenschaft eingeführt. 2 Gfrereis, Heike (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturwissenschaft. Stuttgart 1999. Stichwort ‚Bildungsroman’.
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Strohkirch, Katharina: Zum Löwen geboren. Gender in Entwicklungsromanen aus verschiedenen Jahrhunderten: Parzival, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Ahnung und Gegenwart, Netzkarte, Der junge Mann. Stockholm 2002. S. 78.
4 In: Buße, Diana: Die Symbolik der Frauengestalten in Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre. http://www.e-scoala.ro/germana/diane_buse.html (Stand: 13.02.2008). S. 1. 5 ebd., S. 2.
6 Vgl. Strohkirch, S. 80.
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Wilhelm Meisters Weg ist von Frauenfiguren geprägt. Obwohl er anfangs dem Patriarchat des Vaters entflieht und sich in die von der Mutter gutgeheißenen Welt des Theaters begibt, endet der Roman mit der „Initiationszeremonie [...] in die Männer- gemeinschaft der Turmgesellschaft“ 7 . Frauenfiguren, die qua verwandtschaftlichen Beziehungen zum äußeren Umkreis der Turmgesellschaft gezählt werden können, wird der Zutritt zum inneren Kern jedoch verweigert.
Aber es „sind [...] insbesondere Frauen, die sich [...] dem Gesetzesstatus anstrebenden Einfluss der Turmgesellschaft widersetzten“ 8 :
Man sei ungerecht gegen unser Geschlecht, hieß es, die Männer wollten alle höhere Kultur für sich behalten, man wolle uns zu keinen Wissenschaften zulassen, man verlange, dass wir Tändelpuppen oder Haushälterinnen sein sollen. (467) 9
Lothario lenkt die Beschwerde des weiblichen Geschlechts geschickt in andere Bahnen, indem er das „Regiment des Hauses [als die] höchste Stelle“ bezeichnet, die, beiläufig erwähnt, eine Frau „einzunehmen fähig ist“ und verwundert fragt, warum sich beschweren, wenn der Mann die Frau an eben „die[se] höchste Stelle setzen will“. So nimmt er den Frauen geschickt den Wind aus den Segeln und erreicht damit eben doch abermalige Übermacht des Patriarchats.
Eine der Frauenfiguren, die den Männern zwar gefallen, aber „sich keiner männlichen Willkür unterwerfen lässt“ 10 , ist Philine. Sie wird eingeführt als „wohlgebildetes Frauen- zimmer“ (90), die vom Fenster ihres Gasthauszimmers aus auf die Straße blickt. Kawa beschreibt sie immer wieder als „Frau am Fenster“ und nennt fünf Belegstellen 11 (90, 92, 97, 112, 126), die die Figur der Philine mit dem Fenster in Verbindung bringen und so ihre Rolle als Hetäre unterstreichen (sollen) 12 . Philine wird zusammen mit Laertes,
7 Strohkirch, S. 80.
8 Schmitz-Burgard, Sylvia: Das Schreiben des anderen Geschlechts: Richardson, Rousseau, Goethe. Würzburg 2000. S. 182.
9 Die Seitenangaben dieser Arbeit beziehen sich auf: Goethe, Johann Wolfgang: Wilhelm Meisters Lehrjahre, hg. v. Erich Schmidt. Frankfurt am Main 2003.
10 Strohkirch, S. 86.
11 Kawa, Rainer: Wilhelm Meister und die Seinigen. Studien zu Metamorphose und Spiegelung beim Figurenensemble der Lehrjahre von Johann Wolfgang von Goethe. Bucha bei Jena 2000. S. 60.
12 Siehe dazu auch Kohn, Brigitte: „Denn wer die Weiber haßt, wie kann der leben?“ Die Weiblichkeitskonzeption in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahren im Kontext von Sprach- und Ausdruckstheorie des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Würzburg 2001. S. 281.
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„einem ständigen Liebhaber“ 13 , als Überbleibsel einer Schauspielergesellschaft vorgestellt. In den Schauspielerkreisen spielt Prostitution eine große Rolle: Narziß macht „Besuche“ bei einigen Frauen der Stadt und Laertes „unterhält“ Landrinette (105). Insofern reiht sich Philine als Hetäre treffend in die Gruppe der Schauspieler ein.
Wilhelms erste Begegnung mit Philine und der dort festgelegte vestimentäre Code unterstreicht Kawas Auffassung:
Das Frauenzimmer kam ihnen auf ein paar leichten Pantöffelchen mit hohen Absätzen aus der Stube entgegen. Sie hatte eine schwarze Mantille über ein weißes Negligé geworfen, das, eben weil es nicht ganz reinlich war, ihr ein häusliches und bequemes Ansehn gab; ihr kurzes Röckchen ließ die niedlichsten Füße von der Welt sehen. (94)
Die Farbe des Negligés kann als ironische Anspielung auf Philines bereits verlorene Unschuld gelesen werden. Philine ist tagsüber nur mit einem „halb verhüllend- enthüllendem“ 14 Negligé und einer Mantille bekleidet; sie bewegt sich auch im Haus auf Pantöffelchen mit hohen Absätzen. Dies lässt m. E. nur die von Kawa vorgeschlagene Lesart zu, die Philine in das Milieu der Prostitution rückt. Philine „war es wohl auch, deretwegen [...] Goethes Schwager Schlosser moniert, dass Goethe der Stiftsdame ‚einen Platz in seinem Bordell angewiesen’ habe“ 15 .
1.1. Philines Pantöffelchen
Philines Pantöffelchen erreichen fast schon Fetischcharakter. Das aufreizende Klappern der Pantöffelchen spielt auf ein Attribut der Venus an, deren „Pantoffeln allzu sehr klappern, wenn sie ging“ 16 . Bischoff beschreibt Fetischismus im Sinne Freuds und entziffert „den Fetisch als Ersatz für den mütterlichen Phallus, der als privilegiertes Ersatzobjekt in Besitz genommen wird, zugleich aber den Vorgang der Abtrennung zur Schau stellt 17 “. Überträgt man diese Definition auf Wilhelms Situation, so war es ja die Mutter, die das Theater guthieß. Wilhelms Zuwendung zum Theater und der Theater- gesellschaft bedeutet im gleichen Atemzug ein Abwenden vom Vater. Philines Pantöffel-
13 Dick, Anneliese: Weiblichkeit als natürliche Dienstbarkeit. Eine Studie zum klassischen Frauenbild in Goethes Wilhelm Meister. Frankfurt am Main 1986. S. 169.
14 ebd., S. 41.
15 Ladendorf, Ingrid: Zwischen Tradition und Revolution. Die Frauengestalten in Wilhelm Meisters Lehrjahren und ihr Verhältnis zu deutschen Originalromanen des 18. Jahrhunderts. Frankfurt am Main 1990. S. 89.
16 Buße, S. 5.
17 Bischoff, Doerte: Fetischismus. In: Renate Kroll (Hrsg.): Metzler Lexikon. Gender Studies/ Geschlechterforschung. Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Stuttgart 2002.
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chen können somit zum Einen für Philines Rolle als Mutter Wilhelms innerhalb des Theaters gesehen werden 18 und zum Anderen für Wilhelms Trennung vom Elternhaus stehen und damit seine entstehende Selbstständigkeit unterstreichen.
Philines blonde Locken erinnern laut Schlaffer 19 ebenfalls an Venus, die römische Göttin der Liebe. Philines Begleiter Friedrich 20 , kann als Cupido, der römische Gott der Liebe, gelesen werden, denn er wird als Philines Friseur eingeführt und Hederich „erwähnt[...] eine Darstellung des Cupido, „wie er ihr [Venus’] Haar zurechte machen will 21 “. Der Blumenstrauß, der zur ersten Begegnung Wilhelms und Philines führt, besteht u.a. aus Rosen (90), die als Blumen der Liebe erneut einen symbolischen Verweis sowohl auf Venus als auch ihr griechisches Äquivalent Aphrodite darstellen.
Philine nutzt ihre Pantöffelchen vor allem, um Männern wie Wilhelm oder Serlo den Kopf zu verdrehen. „Die sexuelle Symbolik der Schuhe besteht schon, seitdem Wilhelm Philine zum ersten Mal trifft.“ 22 Philine provoziert Serlo explizit, indem sie die Schuhe vor ihm auf den Tisch stellt (310), oder die Sohlen gegeneinander reibt und ruft: „Was das heiß wird!“ (311), eine Anspielung auf heiße Liebesnächte. Serlo, der diese Idee nur allzu gerne weiterverfolgen würde, wird prompt in die Realität zurückgeholt, indem Philine ihn mit dem Absatz der aufgeladenen Schuhe auf die Hand schlägt und ruft: „Ich will Euch lehren, bei meinen Pantoffeln was anders zu denken“ (311). Elsaghe 23 versteht Philine als Verkörperung der weiblichen Bedrohung patriarchaler Mächte.
Diese Szene wirft ein Schlaglicht auf das Geschlechterverhältnis und verweist so auf die allgemeinere Bedeutung, die in Philines sozialer Freiheit verborgen liegt. Sie, die Verkörperung des Weiblichen, Sinnlichen schlechthin, ist den Männern durch ihre Unabhängigkeit überlegen; sie spielt mit ihnen [...]. 24
Elsaghe 25 sieht „in dem Schlag [...] einen mythologischen Verweis auf eine Szene, in der Aphrodite mit ihrer Sandale nach einem Eros schlägt“. Philine spielt mit den Männern, wann immer sie Gelegenheit dazu findet, behält dabei aber allezeit die Zügel in der Hand und lenkt das Geschehen nach ihrem Willen. Mit Wilhelm verfährt sie nicht weniger glimpflich als mit Serlo: Er ist stolz darauf, ihren „frevelhaften Reizen“ (108)
18
im
Hamlet
übernimmt sie eine ausgesprochene Mutter-Rolle: Kawa, S. 95.
19
Vgl. Kawa, S. 60.
20 siehe dazu auch Abschnitt 3.
21 Vgl. Kawa, S. 61.
22 Strohkirch, S. 86.
23 Vgl. Kawa, S. 95.
24 Ladendorf, S. 100.
25 Vgl. Kawa, S. 61.
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Quote paper:
Sarah Müller, 2008, Die Reihe der Frauenfiguren in Wilhelm Meisters Lehrjahren - Philine, Munich, GRIN Publishing GmbH
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