1
Der 41 Brief der Epistulae mo rales
Aljoscha Riehn
Inhaltsverzeichnis
I Einleitung 2
II Interpretation 2
Das selbstständige Erreichen der bona mens 2
Kritik an den heidnischen Kulthandlungen 3
Der Gott in dir 4
Göttliches Walten in der Natur 5
Göttliches im Menschen 6
Der animus des stoischen Weisen 6
Wer also ist dieser Geist 7
Die Lasterhaftigkeit 9
III Senecas Gottesbild im 41 Brief 10
IV Senecas Gottesbild im Vergleich zu dem der alten Stoa und dem de r
Volksreligion 11
V Fazit 13
VI Literaturverzeichnis 14
I. Einleitung
Diese Arbeit befasst sich mit dem 41. Brief der Epistulae morales ad Lucilium (im Folgenden nur noch: Epistulae morales), die Lucius Annaeus Seneca in den Jahren nach seinem Rückzug aus der Politik, also etwa 62-64 n.Chr., verfasste.
'HU%ULHIGHU LQ YHUVFKLHGHQHQGHXWVFKHQhEHUVHW]XQJHQGHQ7LWHO Ä'HU*RWW LQ GLU³WUlJWVROOdem Adressaten Lucilius den Weg zur bona mens, den er einschlagen möchte, aufzeigen. Die bona mens ist ein unabdingbares Gut auf dem Weg zur Stufe des Weisen, des sapiens perfectus. Damit verbunden erfahren wir zum einen etwas über den Gottesbegriff bei Seneca, zum anderen auch über weitere Themen, die mit dem des Gottesbegriffs in enger Beziehung stehen. Dies sind u.a. die Kritik an den heidnischen Kulten, der Wert der virtus, die Frage nach der rechten Lebensführung des Menschen und die Kritik an der Masse, bzw. an den Spielen.
Im Folgenden soll nun der 41. Brief in einzelne Sinnabschnitte geteilt und ± mit dem Fokus auf das Gottesbild Senecas ± interpretiert werden. Im Anschluss an die Interpretation, die der Reihenfolge des Briefes entspricht, soll eine zusammenfassende Darstellung von Senecas Gottesbild, das im 41. Brief skizziert wird, gegeben werden. Diese Darstellung soll dann mit dem traditionellen Gottesbild der alten Stoa und dem der Volksreligion verglichen werden. Schließen soll diese Arbeit mit einem kurzen Fazit.
II. Interpretation
Seneca beginnt den 41. Brief mit einem an Lucilius gerichteten Lob, dass dieser auf dem ÄUHFKWHQ³ :HJH VHL ZHQQ HU DXI GLH bona mens GLH ÄUHFKWH 9HUQXQIW³ GDV ÄJ|WWOLFKH (OHPHQW³ RGHU GLH ÄYROONRPPHQH *HLVWHVKDOWXQJ³ GLH GDV =LHO HLQHV Meden Stoikers darstellt, zugehe, sich ihr als proficiens zu nähern. Um ein sapiens perfectus, ein vollkommener Weiser, zu werden, bedarf man der bona mens. Ferner sagt er: quam stultum est optare cum possis a te inpetrare (Ep. 41, 1). Erwähnenswert ist es, dass Seneca hier der Auffassung ist, man könne die bona mens von sich selbst aus erlangen und müsse sie nicht (von den Göttern) erbitten. Da in diesem Zusammenhang die Betonung auf dem a te liegt,
GHP ÄYRQGLUVHOEVW³ würde ich die Lesart ante, die wir in einem Kodex (p) 1 aus dem 9.
Jahrhundert finden, als unzutreffend, bzw. den Sinn verfälschend einstufen.
1 Vgl. Sig lenverzeichnis im Anhang.
Kritik an den heidnischen Kulthandlungen
An sein anfängliches Lob schließt Seneca nun eine scharf formulierte Kritik an die kultische Gottesverehrung an, die durch das einleitende non stark betont wird. Hier heißt es: Non sunt ad caelum elevandae manus nec exorandus aedituus ut nos ad aurem simulacri, quasi magis exaudiri possimus, admittat (Ep. 41, 1). Der Modalsatz, der mit ut eingeleitet wird, bezeichnet eine faktische Wirkung, die sich demnach ereignen soll, wenn z.B. die Hände zum Himmel gehoben würden. Den Konjunktiv Präsens possimus könnte man insofern an dieser Stelle als einen Potentialis auffassen, als dass das durch die Gerundivkonstruktion ausgesprochene Verbot als eine Möglichkeit gesetzt werden könnte 2 . Doch erklärt sich der Konjunktiv in dem mit der Konjunktion quasi eingeleiteten hypothetischen Vergleichssatz, der ohne Vergleichspartikel stehen kann 3 . Jener Satz klingt an dieser Stelle schon sehr ironisch, beinahe so, als zöge Seneca die heidnischen Kulte ins Lächerliche. Interessant ist, dass Seneca an dieser Stelle mit possimus die 1. Person Plural nutzt. Entweder spricht er
KLHU YRQ ÄZLU³ LP 6LQQH YRQ ÄZLU 5|PHU³ RGHU HU VFKOLHW VLFK selbst explizit mit in die
Kritik ein. Nun drängt sich die Frage auf, wo man den Gott bzw. die Götter, die Seneca anscheinend nicht (ausschließlich) im Himmel vermutet 4 , findet und wie man sie verehren soll. Bezüglich der Verehrung vertritt die Stoa und mit ihr Seneca die Ansicht, dass ÄGHU wahre Kult [darin] besteht [...], daß man die rechte Erkenntnis vom Wesen der gütigen Gottheit hat, alle anthropomorphen Vorstellungen und namentlich die widerwärtigen Riten der orientalischen Modereligionen ablehnt, und daß man vor allem Gott nur mit reinem, IURPPHP+HU]HQQDKW³ 5 . An einer anderen Stelle in den Epistulae morales KHLWHVÄ:LOOVW
GXGLH *|WWHU JQlGLJVWLPPHQ"6HL JXW*HQJHQG YHUHKUWVLH ZHUVLH QDFKDKPW³ Ep. 95,
50). Die Götter nachzuahmen, sich ihnen in Bezug auf die virtus gleich zu machen, war nach der stoischen Lehre notwendig, um auf die Stufe des Weisen zu gelangen. Man spricht hier von der imitatio Dei. Wie man die Gottheit verehren soll, wurde nun dargelegt. Die Frage, wo sie denn zu finden sei, soll jetzt Klärung erfahren.
2 Vgl. Kühner ± Stegmann 1962: 176 Bd. 1.
3 Vgl. Georges 1918: 2141 Bd. 2.
4 Vgl. Maurach 1975: 352.
5 Pohlenz 1992: 323.
Der Gott in dir
Seneca fährt mit folgenden Worten fort: prope est a te deus, tecum est, intus est (Ep. 41, 1). Mit diesen drei asyndetisch verbundenen Kola setzt Seneca eine eindringliche Sentenz, die gleichsam eine Klimax darstellt. Schön zu sehen ist ebenfalls, dass die Kola umso kürzer werden, je näher Gott dem Menschen ist. Gott sei schlussendlich in uns: Seneca drückt hiermit eine gewisse Innerlichkeit seines Gottesverständnisses 6 aus, das er im Folgenden näher darlegen wird. Denn er sagt, in uns säße ein sacer spiritus (gleichzusetzen mit Gott), ein Beobachter und Wächter unserer schlechten und guten Taten: sacer intra nos spiritus sedet, malorum bonorumque nostrorum observator et custos (Ep. 41, 2). Stilistisch sehr schön ist die abbildende Wortstellung ± sacer spiritus umklammert intra nos ± und die Homoioteleuta, die die Bedeutung der guten und schlechten Taten in den Vordergrund treten lassen. Die Auffassung, ein sacer spiritus säße in uns, ist ganz an die stoische Lehre angelehnt, denn nach AnsiFKWGHU6WRD ÄGXUFK]LHKWGLH :HOWYHUQXQ
erweckt sie so gewissermaßen zum Leben und bringt sie in eine logische Ordnung. In allem auf der Welt ist Gott vertreten, alles hat Anteil an ihm und er ist der Welt immanent, er ist verfügbar.
Des Weiteren ist das Wortpaar observator et custos zu beachten. Seneca meint hier mit observator et custos sicherlich den sacer spiritus, der als observator et custos in uns fungiert und schlussendlich unser Gewissen, die conscientia, darstellt 8 . Direkt im Anschluss weist Seneca auf die Eigenverantwortung des Menschen hin und wiederholt indirekt nochmals seine Kultkritik: hic prout a nobis tractatus est, ita nos ipse tractat (Ep. 41, 2). Damit ist nämlich nicht gemeint, dass der Mensch beten oder den Kult praktizieren, sondern dass er versuchen solle, die bona mens zu erlangen.
Da nun ein jeder mit dem sacer spiritus beseelt ist, schließt Seneca folglich, dass niemand ohne Gott ein guter Mann, ein bonus vir, ein stoischer Weiser, sein könne. Dieser Folgerung verleiht Seneca durch die mit an potest eingeleitete rhetorische Frage Nachdruck. Und weiter: Ille dat consilia magnifica et erecta (Ep 'LHV EHGHXWHW GDVV ÄGLH Entschlüsse des Menschen [..@ DOVR HLQH *DEH *RWWHV³ 9 sind und dass somit eine Alleinwirksamkeit Gottes gezeichnet wird 10 . Zur Textkritik sei an dieser Stelle noch
6 Vgl. hierzu auch Sen. Ep. 31, 11 und Ep. 73, 16.
7 Albrecht 2004: 138.
8 Vgl. Klauck 1994: 17f.
9 Albrecht 2004: 142.
10 Vgl. Albrecht 2004: 142.
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Aljoscha Riehn, 2008, Der 41. Brief der Epistulae morales (Seneca), Munich, GRIN Publishing GmbH
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