ÄErziehung ist Beispiel und Liebe ± VRQVWQLFKWV³
( Friedrich Wilhelm August Fröbel) 1
1. Einleitung
Pisaschock, Ganztagsschulen, Turboabitur, Entrümpelung der Lehrpläne, Reform der Bildungsinhalte ± solche Schlagzeilen, die sich beliebig fortsetzen lassen, zeigen, welche Grundsatzfragen heutzutage im Mittelpunkt der bildungspolitischen Dis- kussion stehen. Ist unser Schulsystem in der Lage, Kinder und Jugendliche so aus- zubilden, dass sie den steigenden Anforderungen unserer modernen Gesellschaft gerecht werden, dass sie sich in der immer komplexer werdenden globalisierten Welt zurecht finden, dass sie sich selbst verwirklichen, aber auch zum Wohle der Gemein- schaft beitragen können?
Schule allein kann das sicher nicht leisten, aber neben bzw. gemeinsam mit den Eltern die hierfür nötigen Kenntnisse, Fähigkeiten und Verhaltensweisen zugrunde legen.
Anfangs des 20. Jahrhunderts stellte sich Alexander Sutherland Neill eine andere Grundsatzfrage, nämlich die, ob das seiner Meinung nach von Disziplin und Autorität geprägte Schul- und Bildungssystem reformiert werden müsste, hin zu einer Schule, die von Freiheit, Selbstbestimmung und Liebe gekennzeichnet ist.
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die Methoden solcher Schulen gut kannte. Ich wusste, dass sie falsch waren. Sie waren
falsch, weil sie von der Vorstellung Erwachsener ausgingen, was ein Kind sein und wie
2
es lernen soll.³
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umzusetzen, gründete A. S. Neill 1921 die Internatsschule Summerhill (schon der Name suggeriert hier ein Gefühl von unbeschwerter Freiheit im Gegensatz zu dem von Zwang und Autorität bestimmten bestehenden Schulsystem), um den Schülern durch eine gewaltfreie Erziehung zu einem glücklichen Dasein zu verhelfen.
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das aber als Ladenhüter zunächst in den Regalen liegen blieb. Erst als der Rowohlt
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DQWLDXWRULWlUHQ(U]LHKXQJ³YHU|IIHQWOLFKWHZXUGe daraus ein Bestseller, der den Nerv
1 URL: http://www.spielzeugland-erzgebirge.com/Ueber-uns:_:9.html [Stand: 29.02.2008].
2 Sutherland Neil, A.: Theorie und Praxis antiautoritärer Erziehung. Hamburg 1969, S. 22.
3
der Zeit genau traf, zur studentischen Revolte und den ihr zugrunde liegenden Hoffnungen auf gesamtgesellschaftliche Veränderungen.
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Neills Vorstellungen einer freien und befreienden Erziehung, eines freien Auslebens der Sexualität treffen sich hier fast identisch mit der 68er Bewegung.
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4 )HUQVHKVHQGXQJÄ$VSHNWH³LP=')YRP
4
2. Biographie
2.1. Neills Kindheit und Jugend
Neills Biografie und seine späteren Erziehungsideale sind nicht ohne seine eigenen
Kindheits- und Jugenderlebnisse, die von Zwang, Disziplin und Unfreiheit geprägt
waren, zu erklären. Sein Konzept der antiautoritären Erziehung ist eine Wider-
spiegelung dessen, was er als Kind und Jugendlicher durchlebt hat. Der Autor Axel '.KQJLEWLQVHLQHP%XFKÄ$OH[DQGHU61HLOO³GDVYRP5RZRKOW9HUODJDOV
Taschenbuch veröffentlicht wurde, in 155 Seiten einen Überblick über das Leben des
schottischen Pädagogen und deckt den Zusammenhang zwischen den eigenen
Schulerfahrungen Neills - sowohl als Schüler als auch als Lehrer - und dessen
späteren pädagogischen Praxis auf.
Dieses Buch dient neben Neills Autobiographie als Grundlage für den folgenden
Überblick über Neills persönliche Daten.
Alexander Sutherland Neill wurde am 17. Oktober 1883 als viertes Kind von George
Neill, Leiter einer Dorfschule in Kingsmuir, und Mary Sutherland, Lehrerin an einer
Schule in Leith, in Schottland Forfar geboren. Mary Sutherland gab ihre Tätigkeit als
Lehrerin nach der Heirat mit George Neill auf, da es in der damaligen calvinistisch
geprägten Zeit, verheirateten Frauen nicht erlaubt war, ihre Lehrtätigkeit weiter aus-
zuüben. 5
Mit viereinhalb Jahren wurde Alexander in die Schule seines Vaters eingeschult. Das
Verhältnis zwischen Vater und Sohn war mehr als problematisch, da Alexander als
Sohn des Lehrers nicht als bevorzugt gelten sollte und deshalb immer strenger als
andere Kinder behandelt wurde. Prügelstrafe war zu dieser Zeit - nicht nur in Schott-
land - nichts Unübliches, um Kinder zu Gehorsam zu erziehen bzw. zu
disziplinieren. 6
ÄMein Vater machte sich nichts DXVPLU>«@ HUZDU RIWJUDXVDP>«@XQGLFKHQWZLFNHOWH
eine ausgesprochene Angst vor ihm, eine Angst, die ich auch als Mann nie ganz über-
7
wand.³
5 vgl. Kühn, A. D.: Alexander S. Neill. Hamburg 1995, S. 7.
6 vgl. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Neill [Stand 03.03.2008].
7 Kühn, A. D.: Alexander S. Neill. Hamburg 1995, S. 10.
5
Ein weiteres Beispiel dafür, welch angespanntes Verhältnis zwischen Vater und Sohn
herrschte, brachte Neill in seiner Autobiografie, die im Englischen unter dem Titel Ä1HLOO 1HLOO 2UDQJH 3HHO³ GW 7LWHO: Ä1HLOO 1HLOO %LUQHQVWLO (ULQQHUXQJHQ GHV JURHQ
(U]LHKHUV³ YHU|IIHQWOLFKW ZXUGH QRFK HLQPDO GHXWOLFK ]XP $XVGUXFN XQG EHVFKULHE
dies wie folgt:
"Wenn ein Brotlaib einen besonders harten und unappetitlichen Knust hatte, schnitt mein Vater ihn mit einem Schlenker ab; mit einem weiteren Schlenker rollte er ihn in meine Richtung über den Tisch und sagte: 'Gerade richtig für Allie' (sc. Allie war der Rufname
8
Neills in der Familie)." George Neill hegte für seine Kinder ehrgeizige Pläne, Pläne, die er selbst einst zu
verwirklichen versucht hatte, die ihm jedoch verwehrt wurden und die er deshalb auf
seine Kinder projizieren wollte. 9 So beschrieb es Neill auch in seiner Autobiografie:
Ä'HU Junge, den er bewunderte, war der Junge, der die anderen im Unterricht über- rundete; und da ich mich nicht für Unterricht interessierte und nicht lernen konnte, konnte
10
LFKQLFKWKRIIHQMHPDOVPHLQHV9DWHUV,QWHUHVVHRGHU=XQHLJXQJ]XJHZLQQHQ³ Neill schrieb über sich selbst, dass er ein minderwertiger Artikel und der Versager in
einer Tradition akademischen Erfolgs gewesen sei und diese untergeordnete
Stellung automatisch akzeptierte. 11
Ende des neunzehnten Jahrhunderts war die Situation der Familie Neill im ländlichen
Schottland durch ständigen Geldmangel gekennzeichnet, wobei sich das Schulleiter-
ehepaar der Oberschicht der Gemeinde zugehörig fühlte, vor allem die Mutter
Alexanders.
Ä6LH ZDU HLQ 6QRE XQG VLH PDFKWH 6QREV DXV XQV³ 12 (sc. ¶Snob¶ bezeichnet eine ÄPerson, die durch ihr Verhalten und/oder ihre Aussagen offensiv Reichtum und ge-
sellschaftliche Stellung gegenüber Personen vermeintlich oder tatsächlich niederen
Ranges zur Schau stellt³). 13 Da sich die Schulaufsicht damals meist aus Bauern, Pastoren und Bürgermeistern
zusammensetzte, war es in der Realität so, dass die Lehrer einer dörflichen Gemein-
schaft dieser Gemeinschaft unterstellt waren und somit automatisch einen
niedrigeren Status hatten, als sie es sich eigentlich erhofften.
8 Sutherland Neill, A.: Neill, Neill Birnenstil. Erinnerungen des großen Erziehers. Hamburg 1982, S. 25. 9 vgl. Ebd., S. 50.
10 Ebd., S. 22.
11 vgl. Ebd., S. 25.
12 Ebd., S. 19.
13 URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Snob [Stand: 03.03.2008].
6
Das beste Verhältnis hatte Alexander zu seiner jüngeren Schwester Clunie, wobei er
für seine beiden älteren Brüder kaum existierte.
Neill wurde nicht nur durch die calvinistischen Einflüsse, die sich stark auf das
schottische Bildungswesen auswirkten, geprägt, sondern auch durch die religiöse
Erziehung seiner Großmutter Clunes Sinclair, die ihm immer wieder das Gefühl ver-
mittelte, schuldig zu sein und für diese Schuld Höllenqualen erleiden zu müssen. 14
2.2. Neills Lehrjahre, Studium und Beruf
Nach seiner 7-monatigen Tätigkeit als Schreibkraft in einer Fabrik folgte eine Aus-
bildung in einem Textilgeschäft, die Neill krankheitsbedingt im Alter von vierzehn -DKUHQDXIJHEHQPXVVWH'LH(QWWlXVFKXQJVHLQHU(OWHUQZDUJURXQGVRÄ]ZDQJHQ³
sie ihn, eine vierjährige Lehrerausbildung an der Schule seines Vaters zu beginnen. $P(QGHGHU$XVELOGXQJVWDQGHLQH3UIXQJGLHEHUGLH=XODVVXQJ]XPÄ7HDFKHU-
Training-&ROOHJH³HQWVFKLHGNeill scheiterte zwar, ließ sich aber von dem Ziel, Lehrer
zu werden, nicht abbringen. Er erhielt GLH 0|JOLFKNHLW DQ GHP ÄH[ SXSLO³-
Lehrerprogramm WHLO]XQHKPHQ XP VSlWHU DOV +LOIVOHKUHU GLH GLH ÄQLHGULJVWHQ
:UPHULP*DUWHQGHU%LOGXQJ³ 15 darstellen, zu arbeiten.
1DFK DFKW :RFKHQ DQ GHU Ä-DQH 0F.LQOH\ 6FKRRO³ ZHFKVHOWH er ima Alter von 20
Jahren an die Kingskettle School in Fife. Hier herrschte strengste militärische
Disziplin. Der Schulleiter James Calder machte von seinem Riemen rücksichtslos *HEUDXFK XQG HUZDUWHWH GLHVH Ä3lGDJRJLN³ DXFK YRQ 1HLOO 5FNEOLFNHQG EHVFKULHE
Neill diese Zeit soÄ.LQJVNHWWOHZDUXQGEOLHEHLQ6FKUHFNHQIUPLFK>«@KDXSWVlFh-
OLFKHULQQHUHLFKPLFKDQ$QJVW³ 16 Nach Ende seiner Tätigkeit in Kingskettle nahm Neill 1906, nach bestandener
3UIXQJ]XPÄ+LOIVOHKUHUHLQH6WHOOHDOV.RQUHNWRUDQGHU1HZSRUW3Xblic School an,
an der er relativ selbstständig arbeiten und unbeschwerter unterrichten konnte, aber
auch viele und harte Kämpfe wegen seiner unkonventionellen Lehrmethoden und
Eigenwilligkeiten im Lehrerkollegium ausstehen musste. Neill beschrieb diese Zeit als
die vielleicht glücklichsten Jahre, die er bis dahin erlebt hatte. 17 Trotz all dieser hier erlebten positiven Erfahrungen wurde Neill schnell bewusst, dass er nach be-
14 vgl. Kühn, A. D.: Alexander S. Neill. Hamburg 1995, S. 12.
15 Sutherland Neill, A.: Neill, Neill Birnenstil. Erinnerungen des großen Erziehers. Hamburg 1982, S. 76.
16 Ebd., S. 83.
17 vgl. Ebd., S. 93.
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Arbeit zitieren:
Christian Fischer, 2007, Alexander Sutherland Neill, München, GRIN Verlag GmbH
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