Inhalt
Einleitung Seite 1
1. Franz Schubert und Johann Mayrhofer Seite 1
2. Johann Mayrhofer Seite 3
3. Die Antikenlieder Schuberts zu Texten Seite 6
von Johann Mayrhofer
3. 1 Antikenlieder Seite 6
3. 2 Der Sagenkreis um Troja Seite 7
3. 3 Philoktet D 540 Seite 8
3. 4 Memnon D 541 Seite 13
3. 5 Orest auf Tauris D 548 Seite 17
4. Die Antikenlieder Mythologie Sprache und Musik Seite 19
Literaturnachweis
Anhang
Einleitung
Lieder nehmen im Schaffen Franz Schuberts einen bedeutenden Platz ein und sind auch heute aus dem Konzertleben nicht wegzudenken. Er vertonte Texte von Dichtern wie Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine und Friedrich Schiller, deren literarischer Rang unbestritten ist und deren Werke auch heute noch rezipiert werden. Aber seinen Liedern liegen auch Texte von weniger bekannten Dichtern zugrunde, wie z. B. Gedichte von Johann Mayrhofer. Diese Lieder finden sowohl in der Konzertpraxis als auch in der musikwissenschaftlichen Forschung eher wenig Beachtung. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Liedern, die Schubert zu Texten von Mayrhofer schrieb. Dabei werden vor allem die Antikenlieder „Philoktet“ (D 540), „Memnon“ (D 541) und „Orest auf Tauris“ (D 548) berücksichtigt.
1. Franz Schubert und Johann Mayrhofer
Franz Schubert bekleidete nach seinem Studium an einer Lehrerbildungsanstalt eine Anstellung als Schulgehilfe an der Schule seines Vater in Lichtental, einer Wiener Vorstadt. Im Herbst 1816 ließ er sich von der Schulbehörde beurlauben und wohnte bis Ende August 1817 im Hause der Familie seines Freundes Franz von Schober. Schubert war das erste Mal in seinem Leben unabhängig und widmete sich ganz der Musik. In dieser Zeit entstanden viele Lieder. Auffällig ist die große Anzahl der Vertonungen von Gedichten seines Freundes Johann Mayrhofer. Schubert vertonte in dieser Zeit 24 Gedichte Mayrhofers, davon behandeln acht Gedichte die antike Mythologie.
Franz Schubert hatte Johann Mayrhofer bereits im Jahre 1814 durch seinen Freund Joseph von Spaun kennen gelernt, denn dieser war mit Spauns jüngerem Bruder
Anton von Spaun befreundet. 1 Um Anton von Spaun bildete sich ein Freundeskreis literarisch interessierter Jünglinge, dem auch bald Franz Schubert angehörte. In den Jahren 1816 und 1817 gaben Anton von Spaun und Johann Mayrhofer die „Beiträge zur Bildung für Jünglinge“ heraus, worin sie ihr Programm vorstellten. Es wies Freundschaft, Tugend und Bildung große Bedeutung zu. Der Almanach wurde jedoch aufgrund seines geringen Erfolgs nach zwei Jahrgängen eingestellt.
Mayrhofer und Schubert verband eine enge Freundschaft, vom November 1818 bis Ende 1820 bewohnten sie gemeinsam ein Zimmer in der Wipplinger Straße in der
Wiener Innenstadt. 2 Nach Schuberts Tod erschien zu Beginn des Jahres 1829 ein Nachruf von Mayrhofer, in dem er sich zu ihrem Verhältnis äußert:
„[...] die Liebe für Dichtung und Tonkunst machten unser Verhältnis inniger; ich dichtete, er
komponierte, was ich dichtete und wovon vieles seinen Melodien Entstehung, Fortbildung
und Verbreitung verdankt [...] Während unseres Zusammenwohnens konnte es nicht fehlen,
daß Eigenheiten sich kundgaben [...] Seine frohe, gemütliche Sinnlichkeit und mein in sich
geschlossenes Wesen traten schärfer hervor und gaben Anlaß, uns mit entsprechenden
Namen zu bezeichnen, als spielten wir bestimmte Rollen.“ 3
1821 kühlte sich dann das Verhältnis von Schubert und Mayrhofer ab. Schubert zog aus dem gemeinsamen Zimmer aus und mietete ein eigenes Zimmer ebenfalls in der Wipplinger Straße in Wien. Mayrhofer bemerkte:
„Der Strom der Verhältnisse und der Gesellschaft, Krankheit und geänderte Anschauung
des Lebens hatten uns später auseinandergehalten.“ 4
1 Zum Begriff der Freundschaft in Schuberts Freundeskreis und speziell bei Johann Mayrhofer vgl. Dürhammer, Ilja: Schuberts literarische Heimat. Dichtung und Literaturrezeption der Schubert- Freunde, Wien/ Köln/ Weimar 1999, S. 221–233.
2 Mögliche homoerotische Neigungen Schuberts und Mayrhofers werden erläutert in: Youens, Susan: Schubert's poets and the making of lieder, Cambridge 1996, S. 159f. 3 Mayrhofer, Johann: Erinnerungen an Franz Schubert. In: Neues Archiv für Geschichte, Staatenkunde, Literatur und Kunst Nr. 16 (1829), S. 121–123.
Zitiert nach: Dürr, Walther: Schubert in seiner Welt. In: Schubert-Handbuch, hrsg. v. W. Dürr und A. Krause, Kassel 1997, S. 24.
4 Ebenda.
2. Johann Mayrhofer – Dichter und Zensor
Johann Mayrhofers Leben war geprägt von Spannungen, denn er war seit 1814 Zensor am k. k. Bücherrevisionsamt und bekleidete diese Position bis zu seinem Freitod 1836. In dieser Position stabilisierte er die gesellschaftlichen Zustände, die er in seinen Dichtungen anprangert. Nach Goethe und Schiller ist Mayrhofer der meist vertonte Dichter in Schuberts Œuvre.
Dürhammer versuchte durch statistische Untersuchungen zu erklären, welche Texte Schubert zu einer Vertonung reizten und ging nach inhaltlichen Kriterien vor. 5
„Demnach ist Liebe das häufigste Thema, ihm sind etwa 50% der veröffentlichten Texte gewidmet; fast 50% haben mit dem Gefühl der Wehmut zu tun, oft in Zusammenhang mit Abend- oder Nachtstimmung. Gut 20% der veröffentlichten Texte behandeln das Thema Wandern, Reisen oder eine andere Form der Bewegung, weitere fast 20% das Motiv 'Wasser'. Etwa 10% der veröffentlichten Texte sind Frühlingslieder; immerhin mehr als 15% widmen sich der Todesthematik. Fast ein Drittel der veröffentlichten Texte endet mit einem deutlichem Resumée oder einer Aporie, der Benennung einer ausweglos erscheinenden
Situation. Die Hälfte der veröffentlichten Texte sind Rollengedichte.“ 6
Aus diesen statistischen Erhebungen konstruiert Dürhammer den fiktiven Typus eines Gedichtes, das Schuberts Vorstellungen ideal entsprochen und ihn zur Vertonung gereizt hätte. Das Gedicht hätte „drei bis fünf Strophen zu jeweils vier alternierenden Versen, möglichst mit jambischen Tri- oder Tetrametern und Kreuzreimen. Sein Thema wäre eine wehmütige Liebesgeschichte in nächtlichem Ambiente mit Wasserstimmung oder -symbolik, und es sollte mit einem lakonischen Satz, einer Frage oder einer Aufforderung schließen. Mit 50% wäre es ein Rollengedicht.“ 7
5 Dürhammer, Ilija: Zu Schuberts Literaturästhetik. In: Schubert durch die Brille Nr. 14 (1995), S. 46–54.
6 Ebenda, zitiert nach:
Dittrich, Marie-Agnes: „Für Menschenohren sind es Harmonien“. Die Lieder. In: Schubert Handbuch, hrsg. v. W. Dürr und A. Krause, Kassel 1997, S. 173.
7 Ebenda.
Diese Beschreibung trifft auf die Gedichte Wilhelm Müllers zu, der die Texte für die Liederzyklen „Die schöne Müllerin“ und die „Winterreise“ dichtete, die zu Schuberts wichtigsten Werken gehören. Auch die häufige Vertonung von Goethe-Gedichten entspricht Dürhammers These, denn sie bedienen „häufig die beliebte Liebesthematik
und zeichnen gern pittoreske Abendbilder und wehmütige Stimmungen“ 8 , so z. B. in dem Lied „An den Mond“ (D 259), in dem das artikulierte Ich in der Nacht am Ufer eines Flusses die vergängliche Liebe beklagt.
Die Gedichte von Mayrhofer entsprechen auf den ersten Blick nicht dem von Dürhammer dargelegten Idealtypus, sie „handeln weniger von Liebe, drücken aber
viel Wehmut und Sehnsucht aus.“ 9 Sehnsucht nach Verlorenem und die Frage nach Schuld und Erlösung sind Themen, die in den meisten Gedichten Mayrhofers bearbeitet werden. Mayrhofer wendet sich auch „einer klassizistisch geprägten, von
Schiller beeinflußten Romantik“ zu. 10 Friedrich Schiller veröffentlichte 1795 die Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtkunst“. Auf diesem Programm fußen die Romantiker. Nach Schiller teilt sich die Dichtung in zwei große Gruppen: naive und sentimentalische Dichtung. Die naive Dichtung zeichnet sich durch unreflektierte Übereinstimmung mit der Natur aus, z. B. Volksdichtung. Sentimentalische Dichtung entsteht aus dem Gefühl heraus, dass die Einheit des Menschen und der Natur verloren ging. Die Moderne ist von diesem Denken geprägt und die Menschen leiden am Verlust der Naivität. Schiller vertritt in seinem Aufsatz die Position, dass sich wahre Dichtung immer auf dieses Thema beziehen müsse. Des weiteren kann sentimentalische Dichtung zwei Grundhaltungen einnehmen: als Satire, die den Zustand der Entfremdung dominant zum Thema macht und Kritik daran übt oder als Elegie, in der die Trauer über das Verlorene dominiert. Schiller sieht den modernen Dichter als Satiriker oder Elegiker und er verbindet seine Anschauungen von Kunst mit Hegels Geschichtsphilosophie, nach der Geschichte ein unendlicher Fortschritt auf einen Endzustand hin ist. Diesen Gedanken folgend prägte Friedrich Schlegel den Begriff der progressiven Universalpoesie. Der Dichter weiß
8 Ebenda.
9 Ebenda.
10 Dürr, Walther: Schubert in seiner Welt. In: Schubert-Handbuch, hrsg. v. W. Dürr und A. Krause,
Kassel 1997, S. 25.
um den Verlust der Ursprünglichkeit in seiner jetzigen, modernen Zeit und sieht die antike Dichtung als die ursprüngliche, vollkommene, in Schillers Sinne naive Dichtung, die als Vorbild wirkt. So wenden sich viele Dichter der Antike zu und verarbeiten mythologische Stoffe. Auch der Dichter Mayrhofer folgt dieser Tendenz, seine Gedichte sind meist Elegien in Schillers Sinne. Trauer über die verlorene Einheit mit dem Ursprünglichen und Wehmut über die Unerreichbarkeit dieses vergangenen Idealzustandes prägen seine Gedichte und machten nach Dürhammers Auffassung seine Texte für Franz Schubert so reizvoll. Die Hinwendung Mayrhofers und vieler anderer zu antiken Stoffen ist auch vor einem anderen Hintergrund zu sehen. Er war Zensor am k. k. Bücherrevisionsamt und kannte die strenge Zensur der Metternich-Ära.
„Der Zensor Mayrhofer wußte, auch aus seinen Erfahrungen mit den „Beyträgen zur
Bildung für Jünglinge“ wie wichtig 'antike Einkleidung' für die Behörde war. Zwar
verstanden die Zensoren die Absichten der Autoren wohl, aber sie glaubten, daß solch
antiker Mantel die breiten Volksschichten abschrecken würde – und darum eben ging es
ihnen: Das einfache Volk vor staatsfeindlichen, verderblichen Bestrebungen zu schützen“. 11
Mayrhofer war es möglich, in Gedichten über die antiken Mythologien durch Umgehung der Zensur auch Kritik an den damaligen Verhältnissen zu üben. Die Tragik seines Lebens bestand allerdings darin, dass er einerseits Dichter war, der sich in seinen Werken kritisch mit Politik und Gesellschaft auseinandersetzte und als Beamter gleichzeitig dieses System stabilisierte. Sein Selbstmord wird auf diesen
unüberwindbaren Zwiespalt zurückgeführt. 12 Johann Mayrhofer hatte für Franz Schubert eine große Bedeutung, sowohl als Freund als auch als Dichter. Obwohl seine Lyrik nicht die literarische Qualität der Lyrik Goethes oder Schillers erreicht, nimmt sie im Zusammenhang mit Franz Schuberts Kompositionen einen wichtigen Platz ein und „die Bedeutung der für Schuberts Liedschaffen fruchtbaren Freundschaft mit Johann Mayrhofer überragt den Einfluß
11 Ebenda S. 26.
12 Vgl. Goldschmidt, Harry: Franz Schubert. Ein Lebensbild, Leipzig 1964, S. 151–154.
Quote paper:
M.A. Katharina Legnowska, 2004, „Philoktet“ (D 540), „Memnon“ (D 541) und „Orest auf Tauris“ (D 548) – Franz Schuberts Antikenlieder zu Texten von Johann Mayrhofer, Munich, GRIN Publishing GmbH
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