Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Kunsthistorisches Institut
Oberseminar: Von der lebenden Photographie zum
Gesamtkunstwerk. Meilensteine der Filmkunst
Wintersemester 04/05
Stalker
- eine biografische, politische, ästhetische, poetologische und geschichtliche
Hinführung zur Gedankenwelt Andrej Tarkowskijs
abgegeben am 12.12.2006
von
Sara Ehsan
8. Semester
Literaturwissenschaft/Iranistik/Kunstgeschichte
2
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung...3
2. Kurzbiographie...3
2.1 Filmographie...5
2.2 Historischer Hintergrund...5
3. Stalker - Stufen der Entstehung ...6
3.1 Stellung von Stalker innerhalb des Gesamtwerks...8
3.2 Vorbilder des Autors...9
3.2.1 Literarische Einflüsse...10
3.2.2 Politische Einflüsse...12
3.2.3 Persönliche Einflüsse...13
3.3 Epochengebundenheit von Stalker...14
3.4 Selbstaussagen des Autors...15
3.4.1 Ästhetische Positionen des Autors...16
3.4.2 Politische Positionen des Autors...17
3.4.3 Poetologische Positionen...17
4. Interpretation...19
5. Rezeptionsergebnisse des Films...27
6. Die ästhetische Aktualität von Stalker und des Films allgemein...29
7. Resümee...30
8. Literaturverzeichnis...31
3
1.
Einleitung
In meiner Hausarbeit beschäftige ich mich mit der Frage, unter welchen biographischen und
geschichtlichen Umständen, unter welchen filmhistorischen, ästhetischen und poetologischen
Einflüssen Andrej Tarkowskijs Arbeit sich entwickelt hat. Dabei gehe ich im besonderen auf
seinen Film Stalker aus dem Jahre 1979 ein, der auf dem Höhepunkt seiner stilistischen Arbeit
entstand. Meine Filmanalyse geht hauptsächlich auf die inhaltliche Ebene des Films ein,
wobei sie ein Versuch darstellen soll, Tarkowskijs persönliche Weltvorstellung zu eröffnen.
Es scheint so, dass in Tarkowskij Werk fortwährend dasselbe Problem in je verschiedenen
Variationen bearbeitet wird: Der Zwiespalt des Menschen in Geist und Materie. Dies werde
ich auch unter Berücksichtigung anderer Interpretationen zu verdeutlichen suchen. Zum
Schluss werde ich auf die Rezeptionsergebnisse von Tarkowskijs Werk eingehen und
versuchen, den Aktualitätsbezug aufzeigen.
2. Kurzbiografie
Andrej Tarkowskij kam am 4. April 1932 als Sohn eines berühmten Dichters, Arseni
Tarkowskij, an der Wolga zur Welt. Der Vater verließ die Mutter mit zwei Kindern einige
Jahre nach dem Krieg, in dem er ein Bein verloren hatte. Andrej und seine Schwester
wuchsen wegen der Evakuierung bei Verwandten auf. In der Sekundarstufe besuchte Andrej
eine Musikschule, später auch eine Malklasse. 1952 fing er ein Studium der Arabistik im
Institut für orientalische Sprachen an. Von 1954 bis 1956 war er als Landvermesser auf
geologischer Reise in Sibirien. Dieser Beruf diente wohl auch seinem Gespür für
Landschaftsaufnahmen und ihre Verwandlungsvariationen zu bestimmten Jahres- und
Tageszeiten. 1956 begann er ein vierjähriges Studium an der WGIK (Filmhochschule) in
Moskau. Sein Dozent war Michail Iljitsch Romm (1901-1975). Romm war einer der
künstlerisch aktivsten der älteren sowjetischen Regisseure. Einen Namen konnte er sich durch
den Film Der gewöhnliche Faschismus machen ein Dokumentarfilm, der die
Massenpsychologie des Nationalsozialismus darzustellen versuchte
1
. Im Gegenteil zu seinen
meist berühmt gewordenen Schülern gestaltete er reines Genre- und Erzählkino, das
1
Vgl. Felicitas Allardt-Nostitz (Hrsg.): Andrej Tarkowskij. Film als Poesie- Poesie als Film. Bonn 1981, S.
151f.
4
durchweg zuschauerorientiert blieb. Er engagierte sich für seine Schüler, protegierte sie auch
finanziell und setzte sich für ihre Filme ein, auch wenn sie ihm inhaltlich fern lagen.
2
.
Tarkowskij hörte gerne Bach und liebte die deutsche Literatur und Malerei der Romantik,
besonders E.T.A. Hoffman und Novalis. Ein Zeugnis dafür ist das nicht verfilmte Drehbuch
Hoffmanniana
von 1976. 1977 inszenierte er sogar eine Aufführung von Hamlet im Londoner
Theater.
Das Problem der russischen Emigranten traf auch ihn und seine Frau. Die Assimilation fiel
ihnen schwer und beide litten unter ständigem Heimweh. Tarkowskij lebte 1982 ein Jahr in
Italien, um die russisch-italienische Koproduktion für seinen Film Nostalghia zu beenden.
Danach beantragte er beim Chef von Goskino eine Verlängerung für drei Jahre, da er in den
letzten 22 Jahren nur fünf Filme drehen durfte und nie in der Sowjetunion Anerkennung oder
Filmpreise bekommen habe. Diese Bitte wurde nicht angenommen, so bekundete er auf einer
Pressekonferenz in Milan, dass er beschlossen habe, politisches Asyl zu beantragen, wobei er
dies nicht aus politischen, sondern aus Gründen der künstlerischen Freiheit und
ökonomischen Notwendigkeit tue. Sein Traum, Dostojewskijs Der Idiot zu verfilmen, wäre in
der UDSSR nie in Erfüllung gegangen. Die Stadt Florenz gab ihm und seiner Frau eine
Wohnung. Doch die Schwierigkeit lag darin, dass sich von ihrem Kind Andrej und von Olga,
ihrer Tochter aus erster Ehe, sowie von ihrer Mutter trennen musste, denen allesamt eine
Ausreise verweigert wurde. Dies war eine gängige Methode, um eine Rückkehr der
Ausreisenden zu versichern. Man hielt sie sozusagen als ´Geisel´
3
.
Auch Tarkowskijs Gesundheitzustand war Anlass zur Sorge. Von seinem Lungenkrebs
träumte er bereits vor der Diagnose: eine schwarze blutende Stelle in seiner rechten Brust.
(Sein Hauptdarsteller Anatoli Solonyzin, der sein Debüt in dem Film Andrei Roublev hatte
4
,
starb
auch
an
dieser
Krankheit.)
Tarkowskijs
Tagebuch
trug
ab
seiner
Chemotherapiebehandlung in Paris den Titel Martyrolog. Gegen Ende seiner Krankheit ließ
er sich auch in einer anthroposophischen Klinik in Deutschland behandeln. Er plante 1984/85
einen Film über Rudolf Steiner zu drehen das Vorhaben scheiterte aber.
Seine Freunde sammelten Geld für seine Behandlung und nach vielen Jahren wurde es ihm
kurz vor seinem Tod am 29. Dezember 1989 endlich möglich, nach langjähriger Trennung
seinen Sohn und seine Schwiegermutter wiederzusehen. Er liegt im Sainte-Genèvieve-des-
Bois, einem Friedhof für russische Emigranten in Paris, begraben.
2
Vgl. Ebd., S. 27.
3
Vgl. Vida T Johnson. und Graham Petrie: ,,Tarkovsky". In: Goulding, Daniel J. (Hrsg.): Five
Filmmakers
. Indianapolis 1994, S. 2 f.
4
Paul Davay, Stalker, le nouveau film d´ A. Tarkovski.
5
Tarkowskij war ein Mensch von starker, unnachgiebiger Denkweise. Seine Ansprüche, die er
an den Film stellte, konnten ihn zum Teil zu einem »unbequemen« Charakter machen, dem
wir aber sein Talent und ihre Verwirklichung verdanken
5
.
2.1 Filmographie
· Die Straßenwalze und die Geige (Katok I Skrypka 1960) -
>
von der Presse gelobt
6
· Iwans Kindheit (Ivanovvo Detsvtvo 1962) -> Literaturverfilmung der gleichnamigen
Erzählung von Wladimir Bogomolow
7
; Goldner Löwe, Venedig 1962, Preis für die
beste Regie in San Francisco, in der UDSSR sechs Jahre lang nicht aufgeführt
· Andrej Rubljow (1966) -> prämiert von der internationalen Filmkritik, Cannes 1969
· Solaris (1972) -> Sonderpreis der Jury, Cannes 1972
· Der Spiegel (Serkalo 1974)
· Stalker (1979)
· Nostalghia (1982-83)
· Opfer (1986)
2.2
Historischer Hintergrund
Tarkowskijs Interesse für die Utopie bekundete sich bereits in seinem Film Solaris. Dies hatte
wohl seine Gründe, denn die ganze Welt verfolgte seit dem Ende der sechziger Jahre die rege
Weltraumforschung. Es begann mit der Mondlandung 1969, zehn Jahre danach näherte sich
die Forschungsraumsonde der NASA, Voyager 1, dem Jupiter, es folgte Voyager 2, der den
Menschen herrliche Bilder von Mars; Venus und Saturn mitbrachte. Diese Entsakralisierung
des Himmels, sowie die Erforschung und Suche nach anderen Lebensformen und Wesen
beschäftigte die Phantasie vieler Wissenschaftler und Künstler. Ebenso damit verbunden
waren die Sorge um eine Invasion der Erde von Außerirdischen. Dies bildete auch einen
Schnittpunkt der Wissenschaft mit den SF-Autoren
8
.
Tarkowskij hatte das Glück, dass nach Stalins Tod 1953 beschlossen wurde, die
Filmproduktion zu erhöhen, denn nach dem Krieg wurden nur fünf Filme im Jahr gedreht, so
5
Vgl. Felicitas Allardt-Nostitz (Hrsg.): Andrej Tarkowskij. Film als Poesie- Poesie als Film. Bonn 1981, S. 32.
6
Vgl. Ebd., S. 32.
7
Vgl. Ebd., S. 35.
8
Brian W. Aldis: Der Milliarden-Jahre-Traum. Die Geschichte der Science Fiction. Bergisch Gladdbach 1990,
S. 682 f.
6
dass sogar renommierte Regisseure Schwierigkeiten hatten, einen Film zu drehen. 1954
hingegen, bei Tarkowskijs Aufnahme an der WGIK, wurden bereits 45 Spielfilme pro Jahr
gedreht. Regisseure wie Segel und Kulitshanow brachten mit neorealistischen Filmen, wie
etwa Das Haus, in dem ich wohne oder Wenn die Kraniche ziehen von Kalatosow, Ende der
50er Jahre frischen Wind in die sowjetische Filmkultur, die davor vom Monumentalfilm
beherrscht wurde. Kalatosow und sein Kameramann Urussewskij verfremdeten den
neorealistischen Stoff mit expressiven Stilmitteln. Ihre Arbeiten wurden zu Markensteinen des
Experimentalfilms und genossen großes Interesse bei den Filmfestspielen 1957 in Cannes.
Manche führen die formalen Experimente Tarkowskijs auf Urussewskijs ,,entfesselte
Kamera" zurück
9
. In den sechziger Jahren waren es Grigorij Tschuchraj (geb. 1921) und
Marlen Chuzijew, die durch ihre unheroisch, antistalinistisch sozialkritischen Filme zu den
Erneuerern des Russischen Films zählten
10
.
Die Stummfilm-Ära der zwanziger Jahre war längst vergangen, der Neorealismus und die
neue audiovisuelle Neuerung in den sechziger Jahren brachten innovative Möglichkeiten auf
die Leinwand. Nun war in aller Welt eine Subjektivität gefragt, die sich im Autoren-Kino
manifestierte
11
.
Keine Gemeinsamkeiten lassen sich mit den expressiven Bildern eines Eisenstein oder den
phantastischen Hyperbeln eines Dowshenko finden
12
. Tarkowskijs Bilder sind wie langsame,
fließende Bäche, wenig bevölkert, meist auf dem Land, zwischen flachen Ufern, getragen von
einer Poesie, die sowohl der Atmosphäre als auch den wirklichen Gedichten, die einfließen,
entstammen.
3. Stalker Stufen der Entstehung
Wie reift ein Gedanke?
Das ist ein äußerst rätselhafter
und nicht nachvollziehbarer Prozeß.
Er verläuft gleichsam unabhängig von uns,
im Unterbewusstsein, kristallisiert sich
an den Wänden unserer Seele
[...]
hängt seine Einmaligkeit ab,
mehr noch, von ihr hängt
die geheime »Reifezeit« ab,
die dem Bewußtsein verborgen bleibt.
13
9
Felicitas Allardt-Nostitz (Hrsg.): Andrej Tarkowskij. Film als Poesie- Poesie als Film. Bonn 1981, S. 23 ff.
10
Vgl. Ebd., S. 152 f.
11
Vgl. Ebd., S. 38.
12
Vgl. Ebd., S. 46.
13
Andrei Tarkovskij: Lichtbilder. München 2004, S. 45.
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