Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG 3
1. METHODOLOGISCHE ÜBERLEGUNGEN 6
2. GRAMMAR OF SCHOOLING 8
2.1 REFORMZYKLUS 8
2.2 WIE DIE SCHULE DIE REFORMEN ÄNDERT 9
2.3 REFORMINSTITUTIONALISIERUNG 11
3. DAS BILDUNGSSYSTEM EINE INSTITUTIONALISIERTE ORGANISATION 13
3.1 DER RATIONALITÄTSMYTHOS IN DER BILDUNGSORGANISATION 14
3.2 ISOMORPHE PROZESSE IN DER BILDUNGSORGANISATION 16
4. DER INSTITUTIONELLE WANDEL IM BILDUNGSSYSTEM 20
4.1 ZU EINER MARKTGERECHTEN BILDUNG 22
4.2 ZU EINER STANDARDISIERTEN BILDUNG 25
FAZIT 32
LITERATURVERZEICHNIS 34
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Einleitung
Der in den 70er Jahren aufkommende Neo-Institutionalismus ist eine Weiterentwicklung der Theorie des Institutionalismus. Um die zentralen Begrifflichkeiten und Problemfelder des Neo-Institutionalismus zu verstehen ist es unabdingbar sich dessen Ursprung vor Augen zu halten.
Die Theorie des Institutionalismus findet ihre Wurzeln in der Organisationssoziologie. Der Grundstein hat Emil Durkheim gelegt. In seiner Arbeit „Die Regeln der soziologischen Methode“ werden die Institutionen als „Glaubensvorstellungen und durch die Gesellschaft festgesetzte […] Verhaltensweisen“ charakterisiert (Durkheim 1999: 100). Die Institutionen gelten seither als die Stützpfeiler der Gesellschaft. Der zweite Gründungsvater des Institutionalismus ist Max Weber. Dessen „idealtypische Darstellung der Bürokratischen Organisation gilt bis heute als die erste profunde organisationssoziologische Arbeit“ (Senge/Hellmann 2006: 9). Begriffe wie Bürokratie, Macht, Herrschaft, Autorität und Legitimität stehen im Zentrum der weberischen Organisationssoziologie. Mit diesem gesamtgesellschaftlichen Interessenspektrum schafft Weber ein neues Forschungsterrain für eine ganze Generation von Soziologen. So gewinnt in den 50er Jahren die Stellung der Organisationen für die moderne Gesellschaft immer mehr an Bedeutung. Gesellschafts- wissenschaftler wie Robert Merton, Philip Selznick, Talcott Parsons und andere treiben die Theorie voran. Ein neues Paradigma entsteht. Die Organisationen werden nicht mehr als von der Gesellschaft isolierte Einzelphänomene betrachtet, sondern stets in ihren komplexen und kontextuellen gesellschaftlichen Zusammenhängen (Senge/Hellmann 2006:11).
Diese in den Arbeiten der „Old Institutionalists 1 “ dargelegten Theorien zum Gegenstand „Organisation“ wurden ihrerseits von einer neuen Generation von Wissenschaftler gegen Mitte der 70er Jahren aufgenommen und in einigen Aspekten neu formuliert. Abstand zur politischen Soziologie zeichnet der neue Ansatz aus. Konflikte und Interessensunterschiede werden weniger betont, dafür bestärkt die Homogenität zwischen Organisationen und ihrem institutionellen Umfeld. Während der „Old Institutionalism“ den Fokus auf den einzelnen Akteuren innerhalb einer Organisation setzte, vernachlässigt der Neo-Institutionalismus diese Mikroperspektive. Nicht mehr das Verhältnis Akteur/Organisation, sondern das Verhältnis Organisation/Institution steht im Neuen Institutionalismus im Zentrum des Interesses. „Handeln ist nicht nur Ergebnis individueller Entscheidungsfindung, sondern auch bedingt durch institutionelle Rahmenbedingungen“ (Senge/Hellmann 2006: 7). Nichtsdestotrotz ist die neue Theorie der alten in vieler Hinsicht verbunden. Gemeinsame Merkmale beider Strömungen sind einerseits die Betrachtung der Organisationen mit Blick auf das
1 Der Begriff „Old Institutionalism“ ist in der Fachliteratur kein festgelegter Terminus. Ich übernehme ihn aus dem Aufsatz von Konstanze Senge und Kai-Uwe Hellman (2006). Er dient lediglich zur Unterscheidung zum Begriff des Neo-Institutionalismus.
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gesellschaftliche Umfeld, anderseits einen Skeptizismus gegen rationale Modelle – also gegenüber der Vorstellung, dass organisationales Handeln überwiegend auf ökonomisch rationalen Entscheidungen beruht (Senge/Hellmann 2006: 13-14).
Zur Erläuterung der Nomenklatur des Neo-Institutionalismus bleibt uns noch dessen zentraler Terminus, der Begriff „Institution“, zu erklären. Wir wollen hier keine Genealogie des Institutionenbegriffs vornehmen. Es sei nur vermerkt, dass er auf zwei grosse Theorie- richtungen beruht: eine funktionalistische (Institutionen und Gesellschaft stehen in direktem Zusammenhang) und eine handlungstheoretische (der Prozess der Institutionalisierung steht im Mittelpunkt). Im neo-institutionalistischen Institutionenbegriff sind beide Traditionen einflussreich. Der Neo-Institutionalismus bedient sich gerne verschiedenster Fachgebieten und Theorien; eine Heterogenität, die Reichtum aber auch Diffusion zur Folge hat. Eine offizielle Definition des Begriffes sucht man deshalb in der neo-institutionalistischen Literatur vergebens. Allgemein lassen sich Institutionen als übergreifende Erwartungsstrukturen definieren, die darüber bestimmen, was angemessenes Handeln und Entscheiden ist. Sie geben Verhaltensweisen vor und stehen der Verwirklichung von Alternativen entgegen (Hasse/Krücken 2005: 14-15).
Keine endgültige Definition aber eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Begriff der Institution liefert Richard Scott (2001) in seinem Buch „Institutions and Organizations“. Scott unterscheidet Institutionen nach ihrer Funktion, nach ihrer kausalen Kraft. Dieses Institutionenmodell entsteht im Anschluss an DiMaggio/Powell (1991) Analyse organisationaler Mechanismen. Entsprechend diesen Mechanismen unterscheidet das scottsche Institutionenmodell zwischen regulativen, normativen und kognitiven Institutionen. Das Verhältnis der Institutionen zu den Organisationen und somit zur Gesellschaft wird in diesem Modell auf drei Säulen „The Three Pillars of Institution“ aufgeteilt (Scott 2001: 51- 58).
(1) Regulative Institutionen generieren Handlungen anhand explizit formulierter Regeln und Gesetze. Das Aufstellen von Regeln, das Überwachen der Handlungen und das Bestrafen der Überschreitungen zeichnen den regulativen Prozess aus. Die Befolgung erfolgt nach den Kriterien rationaler Wahl, die institutionelle Kraft ist der Zwang.
(2) Normative Institutionen generieren Handlungen über Normen und Werte. Eine vorschreibende, abschätzende und allgemeinverbindliche Dimension in das soziale Leben der Institution zeichnet den normativen Prozess aus. Die Befolgung erfolgt nach den Kriterien der Moral, die institutionelle Kraft ist die Verpflichtung.
(3) Kognitive Institutionen generieren Handlungen anhand implizierter Bedeutungs- und Glaubenssysteme. Eine geteilte Vorstellung der sozialen Wirklichkeit und der Rahmen in welcher Bedeutung entsteht, zeichnen den kognitiven Prozess aus. Die Befolgung
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erfolgt nach den Kriterien der internen Darstellung der Umgebung, die institutionelle Kraft ist die Selbstverständlichkeit.
In der neo-institutionalistischen Theorie wird den kognitiven Institutionen eine besondere Bedeutung zugewiesen (Scott 2001: 57). Die selbstverständlichen Vorstellungen und Handlungsroutinen, die „taken-for-grantedness“ wirken auf Organisationen bedeutsam, weil sie besonders nachhaltig sind und ein Hinterfragen ihrer Geltung unwahrscheinlich ist. Die Legitimität kognitiver Institutionen wird von der Gesellschaft nur im extremem Fall hinterfragt, eine absolute Umwandlung der Strukturen ist meist undenkbar. Das Bildungs- system ist hier ein gutes Beispiel. Die Strukturen dieser umfassenden Institution sind tief in der Gesellschaft verankert. Weil Schulen Organisationen sind, die stark von institutionalisierten Regeln regiert werden, neigen sie zu Rigidität. Die Organisationsstruktur der Schule, so wie wir sie seit Beginn des 20. Jahrhunderts kennen, ist zur Selbst- verständlichkeit geworden; die Institution Schule ist in der Gesellschaft „taken for granted“. Diese Nachhaltigkeit, diese Feindlichkeit gegenüber Reformen bedeutet jedoch nicht, dass das Bildungssystem in seinem Postulat stagniert. Wir denken vielmehr, dass es mit den allgemeinen Umwandlungen der Institutionen voranschreitet. Ziel dieser Arbeit ist eine Untersuchung des Bildungssystems als formale Organisationsstruktur. Dabei soll, in einer neo-institutionellen Perspektive, dem Wandel der Institution Schule in den letzten 30 Jahren besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.
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1. Methodologische Überlegungen
Es ist nicht Ziel dieser Arbeit eine allgemeine Zusammenfassung der neo-institutionellen Theorie zu liefern. Wir werden uns ausschliesslich mit der Frage der Erziehung auseinander- setzen und gemäss den meisten Publikationen zum Thema, widmen wir unser Interesse lediglich dem Beispiel des amerikanischen Bildungssystems. Das Erkenntnisziel ist der Beweis, dass das Bildungssystem als Organisation institutionalisiert ist. Die zentrale Frage: ob die Strukturen der Bildungsorganisation dem allgemeinen Wandel der Institutionen unterliegen. Für einen kohärenten Argumentationsverlauf muss neben der Theorie des Neo- Institutionalismus auch rückblickend die der „Grammar of Schooling“ und voranschreitend die der „World Polity“ betrachtet werden. Die drei Theorien sind jedoch nicht voneinander zu trennen, sondern gleiten vielmehr ineinander ein.
Die „Grammar of Schooling“ stellt eine Rigidität des Schulunterrichtes auf Reformen fest. Obwohl ständig neue Schulreformen beschlossen werden, scheitert vielfach deren Implementierung. In einer neo-institutionellen Perspektive wird nach möglichen Gründen für dieses Scheitern geforscht. Die Referenz ist Tinkering Toward Utopia von Tyack und Cuban (1995). In einem ersten Punkt, fragen wir nach institutionellen Trends in der Reformgeschichte, nach dem Fortdauern der Grammar of Schooling. Ändern die Reformen die Schule, oder eher die Schule die Reformen? Und wie erklärt die neo-institutionelle Theorie der letzten 30 Jahre die Schwierigkeiten der Implementierung erzieherischer Reformen?
In einem zweiten Punkt, soll die Lage des Bildungssystems bei der ersten Bestandesaufnahme durch den Neo-Institutionalismus in den 70er Jahren aufgezeigt werden. Die Referenz ist der Aufsatz Institutionalized Organizations: Formal Structure as Myth and Ceremony von J.W. Meyer und Rowan (1977). Die verschiedenen Ansatzpunkte der neo-institutionellen Theorie (soziologisch, ökonomisch, politisch, pädagogisch) sollen am Beispiel der Bildungsinstitution verdeutlicht werden. Hier fragen wir uns, wie das Verhältnis zwischen den verschiedenen Instanzen der Bildungsorganisation ist? Ob der Rationalitätsmythos auch für die Bildungs- institution gilt? Und wenn ja, wie legitimiert sich die Bildungsinstitution? Anhand dieser Erkenntnisse soll bewiesen werden, dass das Bildungssystem eine institutionalisierte Organisation ist.
Der in den 90er Jahren aufkommende „World Polity“ Ansatz berücksichtigt die Globalisierung der Institutionen. Sei es durch ökonomischer oder politischer Druck, viele Organisationen sehen sich ihrer Legitimität wegen zur Anpassung an die „Vorbilds-“ Organisation ihres Sektors gedrängt. Das Phänomen der Isomorphie steht hier im Mittelpunkt der institutionellen Theorie. In einem dritten Punkt, soll eine Bestandesaufnahme des Bildungssystems durch den Neo-Institutionalismus in den 90er Jahren die Entwicklung der
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Bildungsorganisationen aufzeigen. Die Referenz ist The New Institutionalism in Education von H.-D. Meyer und Rowan (2006). Hier fragen wir uns, inwiefern sich das Bildungssystem seit den 70er Jahren geändert hat? Ob die Bildungsorganisationen im öffentlichen Sektor sich aneinander angeglichen haben? Und wenn ja, werden damit Nischen für den privaten Sektor geschaffen? Besteht nicht einen Widerspruch mit dem Aufkommen eines heterogenen Bildungsmarktes und der Feststellung einer isomorphen Bewegung? Ein Vergleich zur Entwicklung der Institutionen soll die Angehörigkeit und somit auch die Abhängigkeit der Bildungsorganisationen zum allgemeinen Wandel der Institutionen beweisen.
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Arbeit zitieren:
David Stamm, 2007, Der Neo-Institutionalismus, München, GRIN Verlag GmbH
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