Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Soziologie
Proseminar:
Strukturen sozialsatorischer Interaktion
WS 2007/ 2008
Franziska Loth, 3. Semester
Das Konzept der Resilienz
Student: Franziska Loth
Soziologie und Medienwissenschaft (Magister)
Datum: 27.03.2008
1
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
2
1. Was ist ,,Resilienz" ?
3
1.1
Die
Wortbedeutung
3
1.2 Voraussetzungen und Entwicklung in
der
Forschung
3
1.3
Entstehung
des
Begriffes
,,Resilienz"
5
1.4
Definitionsmöglichkeiten
5
1.5
Resilienz
als
Eigenschaft?
8
1.6
Der
Erwerb
von
Resilienz
8
2. Die ,,Kauai Longitudinal Study"
10
2.1
Aufbau
und
Ergebnisse
10
2.2
Die
Besonderheiten
dieser
Studie
11
2.3
Förderliche
Faktoren
11
2.4
Abschließende
Bemerkungen
13
3. Einflussfaktoren
14
3.1
Ressourcen 14
3.2
Schutzfaktoren
14
3.3
Risikofaktoren
16
4. Der Nutzen des Resilienzkonzepts
18
5. Resümee
19
Literaturverzeichnis
21
2
Einleitung
Im Rahmen des Seminars ,,Strukturen sozialisatorischer Interaktion" wurde diskutiert, was
Sozialisation ist und nach welchen Mustern sie von statten geht. Hurrelmann beschreibt
Sozialisation als einen Prozess, in welchem sich das Individuum wechselseitig mit sich selbst
und seiner Umwelt auseinandersetzt und so seine eigene Persönlichkeit entwickelt.
1
Die Familie ist die Umgebung, in welcher die Sozialisation beginnt. Für viele Jahre bleibt die
Familie auch die Umwelt, welchen den entscheidenden Einfluss auf den Entwicklungslauf des
Kindes ausübt. Familie lässt sich begreifen, um es mit Hildenbrand auszudrücken, als
,,System sozialisatorischer Interaktionen"
2
. Man weiß um die Folgen, wenn dieses System
nicht idealtypisch funktioniert. Ist eine Familie mit Dingen konfrontiert wie beispielsweise
dem Fehlen eines Elternteiles, Krankheit, Todesfällen, Arbeitslosigkeit und ähnlichem spricht
man von Risiken für eine gelingende Sozialisation. Das Negative rückt in den Fokus und
dabei scheint vergessen zu werden, dass Probleme nicht zwingend schlechte Auswirkungen
mit sich bringen. Es gibt durchaus Kinder, welche zwar unter problembehafteten
Bedingungen aufwachsen, aber deren Entwicklung davon unbeschadet bleibt. Solche Kinder
werden als ,,resilient" bezeichnet.
Im folgenden soll geklärt werden, welches Konzept sich hinter diesem Adjektiv verbirgt.
Zunächst sei darauf hingewiesen, dass das Adjektiv ,,resilient" im englischen Sprachraum
angesiedelt ist, wo es sich wiederum vom lateinischen Wort ,,resilire" ableitet, was man über-
setzten kann mit ,,zurückspringen" oder ,,abprallen".
3
,,Resilient" meint die Eigenschaft eines
Materials elastisch, belastbar, federn et cetera zu sein. Man übertrug dieses Wort auf den
Menschen, um damit einen Begriff zu schaffen für die weiter oben bereits beschriebene
Beobachtung, dass es Menschen gibt, denen Risken nichts anhaben können.
Der Fokus dieser Hausarbeit wird sich vor allem auf Resilienz bei Kindern richten, da bei
ihnen eine besondere Empfindlichkeit gegenüber widrigen Lebensumständen besteht.
Im Folgenden wird es zu einer kritischen Betrachtung der verschiedenen Definitionsansätze
und den damit verbundenen Konzeptionen von Resilienz kommen.
Um sich dem Konzept beispielhaft nähern zu können wird die so genannte ,,Kauai
1
Vgl. Klaus Hurrelmann (2002): Einführung in die Sozialisationstheorie. 3. Aufl., Weinheim/ Basel: Beltz , S. 7,
15-16.
2
Bruno Hildenbrand (2003): Familie als Ort sozialisatorischer Interaktion -Plädoyer für einen offenen
Familienbegriff. In: Erwägen, Wissen, Ethik, 14/ 3, S.520.
3
Joseph M. Stowasser et al. (1979): Stowasser: lateinisch-deutsches Schulwörterbuch. Aufl. 1998, München:
Oldenbourg, S. 442.
3
Längsschnittstudie" von Emmy E. Werner vorgestellt, in welcher die Entwicklungsverläufe
einer Geburtskohorte untersucht wurden.
Ein weiterer Gegenstand sind die so genannten Risiko- und Schutzfaktoren, welche in
Verbindung mit dem Resilienzbegriff gebraucht werden.
Weiterführend wird der Nutzen dieses Konzepts hinterfragt.
Abschließend soll geprüft werden, ob der gewählte Begriff, also die metaphorische
Benutzung einer Materialeigenschaft für den Menschen, sinnvoll erscheint.
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1. Was ist ,,Resilienz" ?
1.1 Die Wortbedeutung
Beim dem Versuch das Wort ,,Resilienz" beziehungsweise ,,resilient" in einem
Nachschlagewerk oder Vokabularium zu finden, wird man nur mit etwas Glück fündig. So
sucht man vergebens im ,,Lexikon der Soziologie" danach.
4
Englische Wörterbücher
übersetzten ,,resilient" meist nur im Sinne von Materialeigenschaften wie ,,elastisch" oder es
wird übertragen als ,,unverwüstlich".
5
Etwas weiter hilft uns folgende Erläuterung aus einem
einsprachigem Nachschlagewerk: ,,strong enough to deal with illness, a shock, change".
6
All diese vagen Beschreibungen lassen vermuten, dass sich hinter diesem Wort eine auf den
Menschen übertragbare Eigenschaft verbergen könnte.
Das wissenschaftliche Verständnis von ,,Resilienz" findet sich nur in der Fachliteratur. Doch
auch dort herrscht kein Konsens. Eine allgemein gültige Definition existiert nicht. Um die
verschiedenen Definitionen von Resilienz kritisch betrachten zu können, muss man sich
zunächst darüber im klaren sein, warum es eben eine Vielzahl derer gibt, anstelle einer
einzigen. Ein Grund dafür liegt in der disziplinübergreifenden Beschäftigung mit diesem
Konzept. Psychologen, Mediziner, Soziologen und Pädagogen setzen sich damit auseinander.
Diese untersuchen dieses Phänomen unter den unterschiedlichsten Aspekten.
1.2 Voraussetzungen und Entwicklung in der Forschung
Die Resilienzforschung begann sich innerhalb der Psychologie zu entwickeln. Zunächst lässt
sich festhalten, dass bis etwa Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts die psychologische
Forschung ,,[...] ihre Aufmerksamkeit fast ausschließlich den negativen Effekten biologischer
und psychosozialer Risikofaktoren gewidmet [...]" hat.
7
Man untersuchte also meist nur die
Fälle, wo die Entwicklung von Kindern nicht gut verlaufen war. Eine solche
Forschungspraxis legt den Schluss nahe, dass Risken stets von Nachteil für die Betroffenen
4
Werner Fuchs-Heinritz et al. (Hrsg., 1995): Lexikon zur Soziologie.3. Auflage, Opladen: Westdeutscher
Verlag.
5
Veronika Schnorr et al. (1998): PONS Praxiswörterbuch Englisch plus mit Sprachführer. Stuttgart/ Düsseldorf/
Leipzig: Ernst Klett, S. 211.
6
Miranda Steel (2002): Oxford wordpower dictionary. Oxford: Oxford University Press, S. 559.
7
Emmy E. Werner (2006): Wenn Menschen trotz widriger Umstände gedeihen -und was man daraus lernen
kann. In: Bruno Hildenbrand/ Rosmarie Welter-Enderlin: Resilienz - Gedeihen trotz widriger Umstände.
Heidelberg: Carl-Auer, S. 28.
5
sind.
8
Es war ein langer Weg, bis sich dies änderte. Zunächst erforderte es Forscher, die ihre
Aufmerksamkeit auf jene Kinder richteten, welche - entgegen der verbreiteten Annahme-
unbeschadet blieben, obwohl Widrigkeiten in ihrem Umfeld vorhanden waren.
Einen Beitrag zu diesem Perspektivenwechsel leistete auch der israelitische Soziologe Aaron
Antonovsky mit seinem Konzept der Salutogenese. Dieses entwarf er in den siebziger Jahren
des zwanzigsten Jahrhunderts. Es steht im Gegensatz zur pathogenetischen Sicht, welche auf
Defizite und Krankheiten ausgerichtet ist. Antonovsky ging es darum herauszufinden, welche
Faktoren und Ressourcen einen Menschen gesund erhalten.
9
Das Konzept der Salutogenese ist
von daher verwandt mit dem Konzept der Resilienz. Deshalb sieht man in Antonovsky einen
Wegbereiter für die soziologische Auseinandersetzung mit dem Phänomen Resilienz.
10
An dieser Stelle sei schon verwiesen auf eine die für die Erforschung von Resilienz wichtige
Studie. Gemeint ist die ,,Kauai Longitudinal Study", welche die amerikanische Psychologin
Emmy E. Werner mit einem Team von Forschern verschiedener Fachrichtungen über einen
Zeitraum von dreißig Jahren durchführte. Eine Kohorte von Kinder eines bestimmten
Territoriums wurde von Geburt an beobachtet. Diese Studie war 1955 begonnen worden. Zu
diesem Zeitpunkt existierte der Begriff der Resilienz in dem hier gemeinten Sinne noch nicht,
wohl aber konnte Werner später unter den beobachteten Kindern solche ausmachen, welche
sich als resilient erwiesen.
11
1.3 Entstehung des Begriffes ,,Resilienz"
Die Ursprünge der Entstehung des Rezilienzbegriffes finden sich im entwicklungs-
psychologischen Bereich. Dort formulierte 1974 der Kinderpsychiater James Anthony das
Konzept des so genannten ,,psychologisch unverwundbaren Kindes". Solche Kindern waren
Widrigkeiten und psychologischem Stress ausgesetzt und trotzdem in der Lage sich gut zu
8
Vgl. Ebd.
9
Vgl. Ingrid Schoon (2006): Risk and Resilience. Adaptations in changing times. Cambridge: Cambridge
University Press, S. 7.
10
Vgl. Pauline Boss (2006): Resilienz und Gesundheit. In: Bruno Hildenbrand (Hrsg.): Erhalten und Verändern.
Rosmarie Welter-Enderlins Beitrag zur Entwicklung der systemischen Therapie und Beratung. Heidelberg:
Carl-Auer, S. 68.
11
Emmy E. Werner (2007): Entwicklung zwischen Risiko und Resilienz. In: Günther Opp/ Michael Fingerle
(Hrsg.): Was Kinder stärkt: Erziehung zwischen Risiko und Resilienz. 2., völlig neu bearb. Aufl., München
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