ten, benötigt man aber einen Mann, der metaphyische GRUNDZÜGE SEINER PHILOSOPHIE Einsicht mit Herrscherqualitäten vereinigt, den Philoso- glaubte andie letztendliche Einheit der Wahr-
phenkönig Platons. Nur er versteht einerseits die heit, und daß diese sowohl in den offenbarten Quellen
Gesetze richtig und kann andererseits für ihre Durchdes Islam, als auch bei Platon und Aristoteles zu finden
setzung sorgen. Sollte ein solcher Mann nicht zu finden sei. Seine Philosophie stellt daher eine Synthese dieser
sein, so kann auch ein Philosoph zusammen mit einem drei Quellen dar.
König oder ein Rat von mehreren besonders Qualifizierten In der Tradition des Neuplatonismus entwickelte
herrschen. Wenn aber die Philosophie keinen Anteil an eine metaphysische Hierarchie der Welt, an deren Spitze
der Regierung hat, ist die Stadt verloren.
Gott, das Eine, der erste Grund steht. Es folgen die imma- DIE TUGENDHAFTE STADT
teriellen Wesen, die materiellen aber perfekten Himmelskörper, der Mensch und dann der Rest der Welt.
Der Mensch als politisches Wesen kann seine Perfektion Der Mensch ist als einziges Wesen weder in der Materie
nur in der Gemeinschaft erreichen. Nur wenn alle Bürger verhaftet noch von selbst perfekt. Er hat das Potential, die
einer Stadt tugendhaft handeln, d.h. so zusammenarbei- materielleWelt zu überwinden, darin liegt seine Bestim-
ten, daß jeder sein Potential voll entwickeln kann, führt mung und sein Glück. Handlungen, die dazu führen sind
das zur Glückseligkeit, dem Ziel des menschlichen gut und tugendhaft, die anderen böse und lasterhaft. Um
Handelns.
zu erkennen, welche Handlungen gut sind, muß der
Dazu ist es notwendig, daß alle Menschen in der Stadt sich Mensch also eine Vorstellung von der Natur des Univer-
dieses Zieles bewußt sind, daß das Gesetz gerecht ist, sums haben.
richtig verstanden und befolgt wird, und daß jeder die Zur Erkenntnis stehen dem Menschen grundsätzlich drei
Position im Gemeinwesen einnimmt, die seinen Fähig- Organezur Verfügung: Seine Sinne, seine Vorstellungskraft
keiten entspricht. Die tugendhafte Stadt benötigt also eine und seine Vernunft.
wahre Religion (samt Gesetz) und einen perfekten Herr- Der Philosoph, erfährtden Aufbau der Welt und damit
scher.
auch Tugenden und Laster durch rationale Erkenntnis. Er
Er lehrt die Tugenden, legt das Gesetz aus und ändert es kann sie einigen seiner Anhänger durch logische Beweis-
wennnötig und weist jedem seine Stellung im Gemeinwesen führung beibringen.
zu. Diese Stellungen bilden eine strenge Hierarchie: Die Denjenigen aber, die zu solch theoretischer Erkenntnis
Fähigsten dienen nur dem Herrscher und befehlen allen nicht imstande sind, muß die Wahrheit durch Beispiele
anderen. Andere gehorchen ihnen und befehlen wieder und Bilder nahegebracht werden. Das ist die Aufgabe der
anderen. Die Unverständigsten dienen schließlich nur und Religion.
haben niemandem zu befehlen.
Sie gründet nicht auf rationaler Erkenntnis, sondern auf der ANDERE STAATSFORMEN Offenbarung. Analog zum Philosophen, dessen Verstand so hoch entwickelt ist, daß er sich mit dem Göttlichen
Neben der tugendhaften Stadt gibt es verschiedene Arten
vereinigt, gewinnt der Prophet seine Einsicht durch die
von „unwissenden“ Städten, die über das Universum und
Perfektion seiner Vorstellungskraft, die sozusagen intui-
das Glück des Menschen nichts wissen und deshalb andere
tiv und bildhaft unter Umgehung des Verstandes erkennt.
Ziele verfolgen, z.B. Ruhm, Reichtum oder Macht.
Die Visionen, in denen der Prophet die Offenbarung
unterscheidet hiervon die „bösen“ Städte, die
erhält, sind für die Masse verständlich, aber nicht zu unzwar die wahre Bestimmung des Menschen kennen, sie
terscheiden von den bloßen Halluzinationen eines Verrück- abernicht verfolgen. Ihre Bürger haben zwar die Ansich-
ten. Außerdem fehlt dem reinen Propheten die Fähigkeit, ten der tugendhaften Stadt, aber das Verhalten der un-
seine Offenbarung richtig zu interpretieren und daraus wissenden Städte.
Handlungsanweisungen zu entwickeln. Eine wahre Re- Fernergibt es Städte, die einst tugendhaft waren, die aber
ligion kann also nur von einem Prophet-Philosophen be- vomrechten Weg abgekommen sind; entweder durch
gründet werden.
Verfälschung der Lehre oder weil die Bürger ihr nicht mehr
Es kann durchaus mehrere wahre Religionen geben: Die gehorchten.
letzte Wahrheit, die sie abbilden, ist zwar immer die selbe, Schließlich gibt es Städte, deren Gründer fälschlicherweise
aber die unterschiedlichen Völker der Erde benötigen un- glaubten,eine Offenbarung erhalten zu haben. Ihre Hand-
terschiedlicheMetaphern, um sie zu verstehen.
lungen gleichen denen der tugendhaften Stadt, aber ihre An- DER PERFEKTE HERRSCHER sichten sind falsch–auch diese Städte haben keine Aussicht auf Glückseligkeit.
Wenn dieser Prophet-Philosoph außerdem noch über die
äußert sich mit keinem Wort über die Einord- Qualitäteneines Herrschers verfügt, so kann er ein
nung real existierender Staaten und Religionen in dieses
perfektes Gemeinwesen gründen; er ist „der wahre
Schema.
“, der perfekte Herrscher über die Stadt, die Nation HISTORISCHE BEDEUTUNG UND BEWERTUNG und die ganze Welt.
Nachdem die wahren Gesetze und die wahre Religion also vollbrachte eine bemerkenswert schlüssige
einmal von diesem Prophet-Philosoph-Herrscher-Synthese der klassischen Philosophie mit dem Islam,
Gesetzgeber geschaffen wurden, kann bei seinem Nach- derVernunft mit der Religion. Einen Schwachpunkt stellt
folger auf das Prophetentum verzichtet werden. Um die dabei der Versuch dar, die islamische Vorstellung von Pa-
Religion und die Gesetze weiterzuführen und richtig zu deu-
2
radies und Hölle mit der platonischen Seelenwanderung zu vereinigen. persönlicher Verdienst ist schwer zu beurteilen, da seine unmittelbaren Quellen unbekannt sind.
Innerhalb des islamischen Rationalismus ist die politische Lehre wohl die kompletteste und eigenständigste. Für die spätere Entwicklung der sunnitischen Staats-theorie blieb sie aber bedeutungslos, da ihr vorgeworfen wurde, die göttliche Offenbarung der menschlichen Vernunft unterzuordnen.
Literatur:
(1) Farabi, Abu-Nasr Muhammad Ibn-Muhammad al-; Broennle, Paul (Hrsg.): Die Staatsleitung, Leiden 1904 ( Dt. von F. Dieterici) (2) Farabi, Abu-'n-Nasr Muhammad Ibn-Muhammad Ibn-Tarhan al-; Walzer, Richard (Hrsg.): al- Farabi on the perfect state 1985 Oxford (arab/engl. mit Kommentar (3) Pines, S.: Some Problems of Islamic Philosophy, in: Islamic Culture 11 (1937) (4) Sherwani, H.K.: al-Farabi’s Political Theories, in: Islamic Culture 12 (1938), S. 288-308 (5) Rosenthal, E.: The Place of Politics in the Philosophy of al-Farabi, in: Islamic Culture 29 (1955) (6) Najjar, Farzi: Al-Farabi on Political Science, in: The Muslim World 48 (1958), S.94-103 (7) Najjar, Farzi: Al-Farabi’s Political Philosophy and Shi’ism, in: Studia Islamica 14 (1961) (8) Dunlop, D.M.: al-Farabi’s Aphorisms of the Statesman, in: Iraq 14 (1952), S.93-117 (9) Artikel „al-“, „“, in: Encyclopedia of Islam
3
Quote paper:
Christofer Burger, 1998, Al-Farabi und seine politische Philosophie, Munich, GRIN Publishing GmbH
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