Um diese Frage zu beantworten, reicht nicht nur, sich auf das Einfühlungsbedürfnis zu verlassen, sondern bedarf es auch dem Abstraktionsdrang. Der Einfühlungsprozeß unterstreicht durch das Hervorheben des Organischen, Lebendigen, Naturhaften und Zufälligen die Beglückungswerte. Beim Abstraktionsprozeß hingegen wird das Bleibende, Absolute und rein Gesetzmäßige betont und hebt somit die Beruhigungswerte hervor. Wenn man nun beide Betrachtungsweisen anwendet, um ein Musikstück aus der Zeit vor 1500 zu betrachten, bekommt man ein recht anschauliches Bild vom Charakter und von der Absicht, die das Musikstück bezwecken sollte.
Wenn man Musik aus früherer Zeit untersucht oder vielleicht auch nur hören und verstehen möchte, darf man einen ganz wichtigen Punkt nicht aus den Augen verlieren: Die Musik war nicht zu allen Zeiten Ausdruck und klingende Gefühlsdialektik. Man muß sich auch die sozialen, religiösen, magischen und ethischen Anschauungen der entsprechenden Epoche bewußt machen, um die Musik als wirkliches Ganzes verstehen zu können. Und wenn nicht bekannt ist, ob Musik in den betreffenden Kulturstufen auch eine Geltung hatte, dann kann man sie nicht Kunst nennen. Fest steht, daß die Menschen damals die Musik unterschiedlich rezeptiert haben müssen, als sie es heute tun, denn nicht umsonst hat man so große Probleme, die Musik zu verstehen und teilweise eben auch zu mögen.
Die damalige soziale Stellung der Musiker ist mit der heutigen Situation der Musiker überhaupt nicht mehr zu vergleichen. Musiker zu sein war damals ein normaler Berufsstand wie auch Schuster oder Schmied. Der Künstler nannte sein Schaffen Arbeit und sein Finden Wissen. Der mittelalterliche Musikschreiber kannte in Bezug auf sein Schaffen die Begriffe Inspiration und Intuition nicht. So stellte er auch nicht sein Werk als sein ureigenes Selbst dar, sondern sah es als Leistung des gesamten Menschentyps. Es fehlte ihm sogar der Ehrgeiz, sich mit Namen zu nennen. Teilweise ist es heute nun nicht möglich, in einem Tonstück das Herz des Schöpfers zu erkennen und eine Ich-Beziehung zum Werk herzustellen.
Da heute viel über den Instrumentenapparat der alten Zeit bekannt ist, können einige Rückschlüsse über das Musikhören gezogen werden.
Die Instrumente waren aus heutiger Sicht nicht sehr qualitativ gearbeitet worden, was bestätigt, daß sie nur ihren Zweck erfüllen sollten. Sämtliche Instrumente waren klanglich und technisch einer Musikauffassung unterstellt, die mit unserer romantischen Auffassung des Klanges nicht übereinstimmen.
Neben den Instrumenten hatte die einstimmige Gesangsmusik einen besonderen Stellenwert. Beim Vortrag kam es zuerst auf den Textinhalt an. Dann wurde auf die Art des Vortrages geachtet und erst zum Schluß war die Qualität der Musik interessant. Das heißt also, daß der Haupteindruck vom Text und vom Vortrag abhing, und die Musik nur als Würze hingenommen wurde.
Ganz anders muß man nun an die Betrachtung des einstimmigen gregorianischen Chorals rangehen. Denn die Melodien wurden auch damals als eindrucksvoll empfunden. Das heilige Wort wurde in streng vorgeschriebene uralte und unverletzliche Formeln gebannt. Damit nahm die Kirche die Affekte der Trauer, Freude, Zerknirschung und Angst und zielte somit auf die Beruhigungswerte.
Noch problematischer war im Mittelalter die Entwicklung der Mehrstimmigkeit. Dafür entscheidend war der gesamte Apparat der Lebenszusammenhänge. Die Entwicklung der Mehrstimmigkeit war eine Veränderung, die den ganzen musikalischen Menschen neu formte. Noch nie gedachte Elementarprobleme wurden innerhalb kürzester Zeit gehandhabt. Zuerst entwickelte sich das Parallelorganum. Jedoch blieb die Erkenntnis nicht lange aus, daß ein Gesang mit parallelen reinen Intervallen nur ein Gefärbter einstimmiger Gesang ist. Eine Hauptstimme mit einer 2. Oder gar 3. Stimme zu verkoppeln, bedurfte einer kompletten Veränderung und Steigerung des Tonvorstellungsvermögens.
Der Hörer hatte nun die Wahl, entweder jede der beiden Stimmen für sich zu verfolgen oder das klangliche Doppelwesen auf als Ganzes auf sich wirken zu lassen.
Nach einer Prüfung von überlieferten Dokumenten kann man davon ausgehen, daß der Hörer die linearen Vorgänge als das Wesentliche empfand. Das Harmonische wurde eher als sekundäre Erscheinung aufgefaßt.
Das Hören der zwei Stimmen in sich kann als horizontales Hören bezeichnet werden. Das heißt, zu einer fixen Grundstimme mit einer melodischen Einheit konnte die kontrapunktierende Gegenstimme entweder darüber oder darunter erfaßt werden. Erst einige Zeit später fanden die Terzen und mit ihnen die Dreiklänge ihre Bedeutung. Man erkannte, daß man mit diesen Tonabständen und Tonverbindungen die Aufmerksamkeit automatisch auf die Oberstimme lenken konnte. Somit trat die Oberstimme nun führend auf und alles andere wurde als reiner Klang wahrgenommen.
Einige Fragen werden jedoch immer offen bleiben:
- Wie ist der mittelalterliche Mensch in die Mehrstimmigkeit gewachsen?
- Welche spezifischen Klanggefühle hatte der mittelalterliche Mensch beim Hören mehrstimmiger Musik?
- Wie wurde das Zeitmaß behandelt?
- Inwieweit bestimmten Räumlichkeiten, Besetzung und Gruppierung der Chöre den Charakter und Eindruck der Musik mit?
Allerdings kann man sicher davon ausgehen, daß sich die Stellung der Musik von Generation zu Generation verschoben hat.
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Gitte Homann, 1999, Über Musikhören und Musikempfinden im Mittelalter, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Über Musikhören und Musikempfinden im Mittelalter.
Vor allem fehlen mir die Angaben der Quellen.
on Tuesday, June 20, 2000-
Christian
Leicht daneben ist auch vorbei.
Ziemlich pauschale und vereinfachte Sichtweise. Wann war Musik denn "Ausdrucksmusik"? Zwischen 1800 und 1900 vielleicht; wenn wir das in andere Musik hineininterpretieren (z.B. Musik des Barock), dann ist das mindestens gewagt und zeigt nur, daß unser Hörverständnis bei dem der Spätromantik stehen geblieben ist. (Nationalsozialismus sei Dank!) Ich weiß auch nicht, wie Musik vor 800 Jahren geklungen hat, aber wenn man einem schreienden Kleinkind eine reine Quintbordun vorsingt (vorzugsweise Männerstimmen), wird es still - diese "Macht" von Klängen wäre mal zu untersuchen oder zumindest im Referat klarzustellen.
on Tuesday, December 18, 2001-
Peter Ninaus
Begriff und Analyse.
Arnold Schering ist der wohl umstrittenste Musikwissenschafter, wenn es um Musikanalyse geht.
Als Sohn eines Muiskverlegers wurde er in die historische Musikwissenschaft hineingestossen. Schering, der sich in der psychologisierten Musikwissenschaft und Musiksoziologie auskannte, musste als Werkzeug des Nazi-Regimes den Weg für eine heroische Deutung bereitmachen.
Die Begriffe Gefühl und Symbol, die Schering prägte, stammen aus Scherings Kenntnis der Literaturwissenschaft und haben nichts mit romantischen oder romantisiernden Gefühlsdeutungen zu tun. Ich möchte auch behaupten, dass Scherings Kenntnisse über Affekte sehr mangelhaft waren.
Noch zum Schluss einige Antworten auf "Fragen", die "jedoch immer offen bleiben":
- Wie ist der mittelalterliche Mensch in die Mehrstimmigkeit gewachsen?
* Polyphonie leitet sich von der Einstimmigkeit ab - Bei der Polyphonie handel es sich um simultane Ereignisse, die sich kontrastieren oder ergänzen (- musikalisches Gespräch)
- Welche spezifischen Klanggefühle hatte der mittelalterliche Mensch beim Hören mehrstimmiger Musik?
* Die Musik des Mittelalters war eine vokale Musik, die somit nach textlichen Kriterien und nach der Verwandschaft der Begleitung mit dem Text bewertet wurde.
- Wie wurde das Zeitmaß behandelt?
* Textierte Musik richtet sich nach der Sprachgeschwindigkeit und dem natürlichen Atem (Das Metronom wurde später und für rein instrumentale Musik erfunden)
- Inwieweit bestimmten Räumlichkeiten, Besetzung und Gruppierung der Chöre den Charakter und Eindruck der Musik mit?
* Der Gregorianische Choral wurde einstimmig so komponiert, dass er (unterbewusst) durch sämtliche physikalischen und besetzungstechnischen Eigenschaften polyphon, kontrapunktisch gewirkt hat, wie wir ihn heute kaum kennen. Auch die Mehrchörigkeit der Venezianer funktioniert am besten in der Markuskirche in Venedig.
- Allerdings kann man sicher davon ausgehen, dass sich die Stellung der Musik von Generation zu Generation verschoben hat.
* Dem würde Adorno sicher widersprechen, denn die Stellung von Musik (speziell von bestimmten Richtungen) ist Gesellschaftsabhängig und nicht Zeitabhängig.
on Sunday, June 16, 2002-