Der Fund der Liliputaner
Als er die Maschine an unsere Ohren hielt, machte sie ein fortwährendes, dem einer Wassermühle ähnliches Geräusch: wie wir vermuten, ist dasselbe entweder ein unbekanntes Tier oder der Gott, den er verehrt. Wir sind aber der letzteren Meinung geneigter, weil er uns versicherte …, er tue selten etwas, ohne jenes Ding um Rat zu fragen. Er nannte es sein Orakel und sagte, es bezeichne die Zeit jeder Handlung seines Lebens.
Aus D-503s Alltag …
Jeden Morgen stehen wir, Millionen, wie ein Mann zu ein und derselben Stunde, zu ein und derselben Minute auf. Zu ein und derselben Stunde beginnen wir, ein Millionenheer, unsere Arbeit, zur gleichen Stunde beenden wir sie. Und zu einem einzigen, millionenhändigen Körper verschmolzen, führen wir in der gleichen, durch die Gesetzestafel bestimmten Sekunde die Löffel zum Mund, zur gleichen Sekunde gehen wir spazieren, versammeln uns zu den Taylor-Exerzitien in den Auditorien, legen uns schlafen …
Ich w ill ganz offen sein: Die absolute, endgültige Lösung des Problems Glück haben selbst wir noch nicht gefunden: Zweimal am Tag, von 16 bis 17 und von 21 bis 22 Uhr, spaltet sich der gewaltige Organismus in einzelne Zellen auf - das sind die von der Gesetzestafel festgesetzten Persönlichen Stunden.
Jewgenij Samjatin: „Wir“ (1920)
Inhalt
Einleitung 1
1 Die Zeit: Begriff und Messung, das knappe Gut und soziale Konstrukt 2
2 Zeitrhythmen und die Taktung des Alltags durch das Fernsehen 5
3 Zwischen Zeitnot und Mußewunsch: TV-Nutzung als Strategie der Zeitökonomie 10
Fazit 15
Literaturverzeichnis 17
Anhang 20
Einleitung
„Der Mensch ist das einzige Säugetier, das sich absichtlich Schlaf entzieht. Das rund um die Uhr erreichbar ist, nachts noch E -Mails beantwortet oder Fachliteratur studiert. Das den Fernseher einschaltet, um selbst abzuschalten“, schreibt Ines Possemeyer im Zusammenhang mit der Pandemie Stress (Possemeyer 2002b: 167). Der Mensch ist tatsächlich einzigartig, vor allem dahingehend, dass er sich im Laufe der Anthropogenese immer mehr von seiner natürlichen Umwelt emanzipiert hat. Er lebt heute in einer Welt, die er aktiv gestaltet, kultiviert und geprägt hat; in einer Welt, deren Referenz zur natürlichen marginalisiert ist; in einer Welt, die mit dem Attribut „artifiziell“ prägnant charakterisierbar ist. Überdies handelt es sich beim Menschen um „ein soziales Wesen, ein zoon politicon, das auf Gemeinsamkeit angewiesen ist, von anderen abhängt und bestimmt wird“ (Possemeyer 2002a: 32). Das so notwendige soziale Geflecht fußt auf Kommunikation, die zwischen den Individuen vermittelt. Das Verbindungsglied, der soziale Kitt, dieses „Mittlere“ wird im Lateinischen übersetzt mit einem heute oft gebrauchten Begriff: medium. Medien nehmen nicht nur aufgrund ihres semantischen Ursprungs eine mittlere Position ein, inzwischen spielen sie in Form der Massenmedien eine zentrale Rolle im Leben des Menschen: Sie verleihen seinem Alltag eine Struktur, insbesondere eine zeitliche. Mit diesem Phänomen beschäftige ich mich in dieser Hausarbeit anhand des Fernsehens, das in kürzester Z eit zum individuellen wie gesellschaftlichen Taktgeber wurde.
Zunächst nähere ich mich dem diffus verwendeten Begriff Zeit an. In diesem Zusammenhang schildere ich die Geschichte der Zeitmessung und die historisch gewachsenen, ko-evolutionäre Problematik der Zeitökonomie und die der Macht. Danach gehe ich auf das menschliche Zeitgefühl und soziale Zeitgeber, speziell das Metronom TV, ein, die dem Individuum einen temporalen Rhythmus vorgeben. Im Anschluss widme ich mich dem Fernsehen als Strategie der Zeitökonomie. Ergänzt wird dies durch die Beschreibung von Phänotypen der Zeit- und Mediennutzung, deren Grundlage Irene Neverlas explorative Studie „Fernseh-Zeit“ aus dem Jahr 1992 darstellt. Im Fazit schließlich gehe ich auf die herausgearbeiteten Ambivalenzen ein und bewerte sie.
1
1 Die Zeit: Begriff und Messung, das knappe Gut und soziale Konstrukt
Obwohl „Zeit“ ein häufig gebrauchter Terminus ist, entzieht sich die Zeit dem Begreifen und damit einem Begriff. Vor dem Dilemma einer Definition stand schon Augustinus: „Was ist die Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; wenn ich es einem Fragenden erklären will, weiß ich es nicht“ (zit. nach: Beck 1994: 72). Die Frage nach dem Wesen der Zeit gehört ebenso zu den „grundlegenden und ältesten Problemen der Philosophie“ wie der „Nachweis von Objektivität und Realität der Zeit“ (ebd.). Eine Antwort steht noch immer aus, woran der Physiker Richard Feynman wenig Anstoß nimmt. „Worauf es dem Physiker schließlich ankommt“, schreibt er, „ist nicht, wie man Zeit definiert, sondern wie man sie mißt.“ 1 Die Zeitmessung selbst ist „ein altes kulturelles Phänomen“ (Nowotny 1990: 57). Die Ägypter verwendeten bereits um das Jahr 2055 v. Chr. herum Sonnenuhren. Ab dem zweiten Jahrtausend v. Chr. kam mit der Wasseruhr ein Messgerät für kürzere Intervalle hinzu; gleiches gilt für jene Uhren, die darauf basieren, dass eine Substanz verbrennt (vgl. Olonetzky 1997). Eine neue Zeit in deren Messung brach am Ende des 13. Jahrhunderts mit einer europäischen Innovation an: der mechanischen Uhr (vgl. Cipolla 1997: 36). Sie trat ab dem 14. Jahrhundert von Italien aus ihren Siegeszug in Form von kostspieligen (Kirch-)Turmuhren an. Dass diese noch über keine Minutenzeiger verfügten (vgl. Geißler 1989: 31) und nicht sehr exakt funktionierten, änderte sich ebenso schnell wie deren Absenz in der privaten Sphäre. Portable Uhren mit Minutenzeigern fanden ab dem 16. Jahrhundert wachsende Verbreitung in den Häusern der Handwerker, Kaufleute und des Adels (vgl. Cipolla 1997: 50ff.). Doch die Uhren bzw. deren Benutzer litten an der damaligen Ungenauigkeit der Chronografen. Einer Revolution kam daher die Erfindung der Quarzuhr im Jahr 1930 gleich. 1948 steht in den USA die erste - noch unzuverlässige - Atomuhr, aber bereits 1955 ist dieser Mangel abgestellt (vgl. Olonetzky 1997).
Die Geschichte der Zeitmessung per Uhr erscheint skurril 2 und wirft Fragen auf: Wieso wurde es ganz evident elementarer, so genau wie möglich zu wissen, wie spät
1 Feynman, Richard (1963): Lectures on Physics Vol. I, Reading, Mass. Zit. nach: Eigen 1998: 35
2 zum Bemühen des Menschen, Zeit immer genauer zu messen, vgl. Cipolla 1997, Knepper 1999 und Olonetzky 1997
2
es ist? Und wieso ist das Leben ohne Uhr heute bestenfalls anachronistisch, realiter nachgerade undenkbar? Die ambitionierte Zeitmessung ist eng verquickt mit der His-torie eines weiteren typisch menschlichen Phänomens: der Erwerbsarbeit. Arbeit hatte ursprünglich Subsistenz-Charakter. Sie war notwendig, aber lästig. Daran sollte sich bis ins Mittelalter wenig ändern; speziell in Europa galt: „ Arbeit ist unwürdige Mühsal, Strafe, die Folge des Sündenfalls“ (Negt 2002: 294). Arbeit wurde ergo für ein Zeichen der eigenen Schwäche und eine Strafe Gottes gehalten. Diese Korrelation zog nach sich, dass „Ora et labora“ im Laufe des frühen Mittelalters eine feste Maxime im Leben der Mönche wurde, später auch für die restliche Bevölkerung. Hintergrund ist der biblische Gedanke, dass durch ein gottgefälliges Leben der Christ beim Jüngsten Gericht das ewige Leben erhält. Die Erschaffung der Welt und das Jüngste Gericht stellen die zwei Zeitmarken der Christen dar: „Es gibt einen Anfang und ein Ende [der Zeit]“ (Delumeau 1999: 74). Das mag banal klingen, aber diese religiöse Vorstellung hat die okzidentale Auffassung von Zeit determiniert: Sie gilt als irreversibel, linear 3 - mittlerweile als linear-abstrakt - und messbar.
Den „Ora et labora“-Takt 4 gab verstärkt die Uhr des Kirchturms vor, doch die Notwendigkeit, die Uhrzeit zu kennen, bestand gleichfalls aus einer weltlicheren Perspektive in den Städten. „Handwerker, Unternehmer und Kaufleute entwickelten ein Interesse an einer engeren Koordination und genaueren Planung und Kontrolle ihrer Geschäftsvorgänge“ (Beck 1994: 131). Dazu benötigen sie die Uhrzeit - heute mehr denn je. Entscheidend dafür sind die Industrialisierung und der aufkommende Kapitalismus zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Der Mensch, nunmehr zum Produk-
3 ImGegensatz zur jüdisch-christlichen Tradition und Zeitauffassung gibt es „eine Reihe anderer … Vor allem der Hinduismus, der in dieser Hinsicht vom Buddhismus fortgesetzt wird, glaubt an einen zyklischen Lauf der Dinge. Nach mehreren Jahrhunderten oder Perioden gelangt man schließlich wieder an den Ausgangspunkt zurück. Auch die Griechen hatten diese Vorstellung.“ (Delumeau
1999: 74)
4 Das bedeutet, dass es fixe Zeiten fürs Arbeiten und Beten geben musste. Das klösterliche Leben folgte einem solchen Plan, dessen strikte Befolgung genaue Zeitmesser voraussetzt. Es wird denn auch vermutet, dass die mechanische Räderuhr im 13. Jahrhundert in europäischen Klöstern erfunden wurde (vgl. Olonetzky 1997) - nicht zufällig befanden sich die ersten Uhren vor allem an Kirchtürmen. Die orthodoxen Dogmen wirkten durch die Macht der Kirche zunehmend auf das Leben ihrer Gläubigen. Arbeit wurde zu einer Art der sakrosankten Lebensführung, zu einer kollektiven Katharsis und einem Gottesdienst gleichgestellt (vgl. Stengel 1997: 23). Diese Auffassung hat, verschärft durch die Reformation, das Verständnis vom Stellenwert der Arbeit bis heute geprägt. Sie wirkt heute noch nach, gerade in der nur scheinbaren Selbstverständlichkeit, mehrere Stunden am Tag mit (Erwerbs)Arbeit zuzubringen.
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Maik Philipp, 2002, Unser täglich Fernsehen gib uns heute - TV-Zeit: Zeitrhythmus, Zeitvertreib, Zeitnot, Munich, GRIN Publishing GmbH
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