Inhaltsverzeichnis
Seite:
1. Einleitung 1
2. Sternheim ein Expressionist?
2.1 Carl Sternheim- ein bürgerliches Leben 2
2.2 Sternheim in der Kritik und das Problem der Zuordnung 4
2.3 Sternheims Kritik am Expressionismus 6
2.4 Sternheims Doktrin von der „eigenen nunace 8
3. Interpretation einer exemplarischen Auswahl von Sternheims Werken
3.1 Allgemeines zum Werk Sternheims 10
3.2 Zwei Komödien: „ Der Snob und „Tabula Rasa
3.2.1 Inhalt, Aufbau, Struktur 12
3.2.2 Expressionistisches in Sprache und Stil der Komödien 14
3.2.3 „Der Snob : Gesellschaftskritik und „eigene nuance 18
3.2.4 Politik und „eigene nuance in „Tabula Rasa 22
3.3 Die Novelle „Vanderbilt
3.3.1 Inhalt und Aufbau 28
3.3.2 Ironie und Parodie in „Vanderbilt 29
3.3.3 Die „eignene nuance und das Glück durch „Vanderbilt 30
4. Fazit 34
Literaturverzeichnis
1
1. Einleitung
Carl Sternheim ist ein bekannter und viel gespielter Komödienautor, der vor allem durch die von Max Reinhardt uraufgeführten Komödien „Aus dem b ürgerlichen Heldenleben” bekannt wurde. Viele Literaturwissenschaftler haben sich mittlerweile mit Sternheim und seinem Werk auseinandergesetzt. Die Interpretation von Sternheims Werken scheint zuweilen schwierig zu sein, was auf Sternheims Art der grotesken Verzerrung und Komik zurück zuführen ist. Sternheims Stellung im Expressionismus ist ein weiterer oft diskutierter Punkt, zu dem es die verschiedensten Meinungen gibt. Während Sternheim in allgemeinen Nachschlagewerken immer noch als „einer der bedeutendsten Dramatiker des Expressionismus” 1 bezeichnet wird, sehen ihn heutzutage zwar die meisten Literaturwissenschaftler als Zeitgenossen der expressionistischen Epoche an, jedoch nicht als typischen Vertreter. Vergeblich kann man nach Werken und Aufsätzen suchen, die sich speziell mit dieser Fragestellung befassen. Die Problematik scheint hier in der genauen Definition der expressionistischen Literaturepoche und an den verwirrenden Aussagen Sternheims über sein Werk zu liegen. In dieser Hausarbeit, die sich mit Carl Sternheim befasst, werde ich mich unter anderem mit der zuvor beschriebenen Problematik der Einordnung Sternheims befassen und eigene Position beziehen, indem ich Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Werken Sternheims und denen der Expressionisten aufzuzeigen versuche. Einen zweiten Schwerpunkt lege ich auf Carl Sternheims Doktrin der „eigenen nuance”, die die Thematik seiner Werke zum größten Teil bestimmt und relevant erscheint für die Einordnung der Sternheimschen Werke. Begonnen wird diese Hausarbeit mit einer kurzen Beschreibung von Sternheims Leben, in der schon einige Unterschiede in der Lebensführung gegenüber „wirklicher” Expressionisten auffallen. Danach folgt eine Gegenüberstellung verschiedener Meinungen über Sternheims Stellung im Expressionismus, um zu zeigen wie weitläufig diese sind. Besonders wichtig erscheinen auch die Kapitel über Sternheims Kritik am Expressionismus und seine Doktrin der „eigenen nuance”, auf die ich mich in der gesamten Hausarbeit immer wieder beziehen werde . Nach diesem theoretischen Teil folgt die Untersuchung von drei Werken Carl Sternheims. Ich habe exemplarisch zwei Komödien „Aus dem bürgerlichen Heldenleben” gewählt, weil diese
1 Der große Brockhaus: Elfter Band. 18. Auflage. Wiesbaden 1980, S. 66.
2
während der expressionistischen Schaffenskrise entstanden sind und zur Bearbeitung besonders geeignet erscheinen. Zusätzlich wurde die Novelle „Vanderbilt” ausgewählt, um zu überprüfen ob die Feststellungen auch auf die Prosa Sternheims zutreffen. Zum Schluss der Hausarbeit folgt ein Fazit, in dem ich die Ergebnisse zusammenstelle und eine eigene Position zur Einordnung Sternheims beziehen werde.
2. Sternheim ein Expressionist?
2.1 Carl Sternheim - ein bürgerliches Leben
Carl Sternheim, am 1. April 1878 in Leipzig geboren, wächst als Sohn des wohlhabenden Bankiers und Besitzers des Hannoverschen Tageblattes Julius Sternheim in Hannover auf. Sternheim kommt schon früh mit dem Theater in Kontakt, da sein Vater die wichtigsten Theateraufführungen in seiner Zeitung selbst rezensiert und den Sohn des öfteren ins Theater mitnimmt. 2 Als die Familie nach Berlin umsiedelt, wird der Kontakt mit dem Theater noch enger, denn Sternheims Onkel ist Besitzer des Belle-Alliance-Theater. Nach dem Abitur im Jahre 1887 studiert Sternheim in München, Göttingen, Leipzig, Jena, Berlin, Heidelberg und Freiburg Rechtswissenschaften, Erkenntnistheorie, Literaturgeschichte, Geschichte und Kunstgeschichte. 3 Von 1900 bis 1906 ist er mit Eugenie Hauth verheiratet, mit der er in München und Weimar lebt. Nach der Hochzeit mit seiner Frau Thea, einer reichen Erbin, ist Sternheim finanziell unabhängig.
Conrad Felixmüller, Künstler und Freund Sternheims erlebt ihn folgendermaßen: „Carl Sternheims Erscheinung wurde eindrucksvoll beherrscht von lebhaften Bewegungen. Er war schlank, ohne groß zu sein, meist dunkelblau gekleidet, unauffällig elegant. Sein Gesicht frisch rosigblond, hellbraune scharfblickende Augen, die gern lustig und verschmitzt, aber auch tiefernst seine wechselnde Stimmung offenbarten. Ehrliche Begeisterung und aufrechtem Kampf konnte er sich leisten, er war materiell und sozial unabhängig.” 4 Im Gegensatz zu vielen
2 Karasek, Hellmuth: Sternheim. Velber 1965. S. 7.
3 Ebd., S. 8.
4 Felixmüller, Conrad: Das Portrait des Dichters Carl Sternheim 1928/29. Hg. v. der Kulturstiftung der
3
zeitgenössischen Literaten kann Sternheim sich also ohne materielle Sorgen der Schriftstellerei widmen und ist nicht darauf angewiesen, sich in seinem Schaffen nach Vorlagen von Verlegern zu richten. In einer Literaturgeschichte heißt es: „Sternheim war ein reicher Mann und führte das Leben eines Grandseigneur, wo immer er wohnte; doch die Wohnorte wechselte er oft: Hannover, Berlin, München, Göttingen, Leipzig, abermals Berlin und München, dann Belgien, Harzburg, K önigstein im Taunus, Brüssel, Scheweningen, Uttwil im Schweizer Kanton Thurgau, Dresden, wieder Berlin, und zum Schluß lebte er auf einem Schloß bei Brüssel, […].” 5 In seinem schlossartigen Haus „Bellemaison” bei München, in dem er von 1907 bis 1912 lebt, besitzt Sternheim unter anderem eine große Sammlung von Van Gogh- Bildern. Sternheim führt demnach, einmal abgesehen von seinen vielen Umzügen, ein recht bürgerliches und vornehmes Leben, was viele Kritiker Sternheims verwirrt, denn kritisiert er nicht gerade dieses bürgerliche Leben in seinen Komödien? Es scheint paradox, dass der „Bürger Sternheim” sich schonungslos in seinen Komödien über das Bürgertum hermacht. Auch Kurt Wolff, Verleger, erscheint alles was Sternheim angeht recht paradox: „Die herrliche, unfreiwillige und absurde Komik Carl Sternheims ist vor allem darin begründet, daß er in seiner Prosa wie in den Komödien aus dem bürgerlichen Heldenleben einen radikalen Feldzug gegen das wilhelministische Bürgertum mitleidslos und mit ätzenden Witz führte, in seiner eigenen Person und Lebenshaltung aber den bürgerlichen Parvenu der Nach- Gründerzeit in seltener Reinkultur verkörperte. Sternheim war stolz, einjährig in einem vornehmen Kavallerie- Regiment gedient zu haben und Corps-Student gewesen zu sein. Er las lieber den Gotha als Goethe und zog Rangliste und Kurszettel literarischer Lektüre vor.” 6
Bereits hier fällt auf, dass Sternheim in seiner Person all jene Werte verkörpert, gegen die die jungen Expressionisten in ihren Werken rebellieren und kämpfen. Ob Sternheim trotz dieser Biographie die gleichen Absichten wie sie hat, soll in den folgenden Kapiteln geklärt werden.
5 Salzer, Anselm u. von Tunk, Eduard: Illustrierte Geschichte der Deutschen Literatur. Band 3. Frechen, S.
221
6 Wolff, Kurt: Autoren, Bücher, Abenteuer. Betrachtungen eines Verlegers. Berlin 1965, S. 60.
4
2.2 Sternheim in der Kritik und das Problem der Zuordnung
Wie schon in der Einleitung beschrieben, gibt es bei Carl Sternheims Werk immer wieder unterschiedliche Meinungen hinsichtlich der Zuordnung zum Expressionismus. Allerdings scheint dieses Problem der Zuordnung im Expressionismus auch bei anderen Autoren, zum Beispiel bei Georg Kaiser, aufzutreten. 7
Die Problematik der Zuordnung oder Abgrenzung zum Expressionismus besteht darin, dass es eine Vielzahl von expressionistischen Autoren gibt, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemeinsam haben. Nicht ohne Grund wird in der literarischen Epoche des Expressionismus zwischen Expressionismus und Aktivismus, zwischen rationaler und irrationaler Richtung unterschieden. 8 Der Expressionismus ist somit die Bezeichnung für eine sehr heterogene literarische Strömung unterschiedlichster Ausmaße.
Gemeinsam ist allen expressionistischen Autoren allerdings die „expressionistische Rebellion gegen die als tot und erstarrt empfundene Ordnung der bürgerlichen Zeit” 9 sowie das Gefühl, in einer von Verfall gezeichneten Welt zu leben und auf eine Katastrophe zuzutreiben, woraus das Verlangen nach einer neuen Weltordnung entsteht. Der Expressionismus stellt den Menschen über die Natur - was einen entscheidenden Unterschied zum Naturalismus darstellt - und somit entsteht das Motiv des „neuen Menschen”, welcher sich von jeglicher Fremdbestimmung zu befreien versucht.
Im Anschluss werden einige unterschiedliche Meinungen zu Sternheims Standpunkt im Expressionismus vorgestellt:
Wolfgang Wendler sieht Sternheim als einen vom Expressionismus unabhängigen Autoren und drückt es folgendermaßen aus: „Der Kampf und Wechsel der Ideen, der Aufstieg und die Unsicherheit des Bürgertums, die Sternheim in seiner Jugend erlebte, blieben zeitlebens sein Thema. Indem er mit wachsender Einsicht beschrieb, was vorging, versuchte er für sich selbst einen Ort außerhalb der Bewegungen zu finden. Auch dem Expressionismus gegenüber, der aus der Unsicherheit und den Zweifeln des beginnenden Jahrhunderts, aber auch aus dem
7 weiteres hierzu findet man zum Beispiel bei Denkler, Horst: Das Drama des Expressionismus. In: Rothe, W.:
8 Wendler, Wolfgang: Carl Sternheim. Weltvorstellung und Kunstprinzipien. Frankfurt/ Main 1966, S. 247.
9 Ebd.,S. 247.
5
Gefühl der Befreiung und einem neuen Lebensempfinden wuchs, blieb er unabhängig. Die durch Rickert gewonnenen Kenntnisse bewahrten ihn vor den Problemen der Expressionisten, verbunden war er mit ihnen durch das Verlangen nach einem Leben, das wirklich den Charakter des Lebendigen hat und sich vom Zwang der bürgerlichen Ordnung löst.[…] Eine Problematik des Expressionismus ist es, dass er das Leben als obersten Maßstab einsetzt, sich aber nicht radikal genug von alten Vorstellungen löst.” 10 Nach Wendler hat Carl Sternheim später diese Schwäche der expressionistischen Literatur erkannt und sie klar herausgestellt. Weiterhin schreibt er, dass sein Kampf gegen die bürgerliche Vorstellungswelt, seine Sprache und seine künstlerische Methode, die Dinge unabhängig von psychologischen Beziehungen darzustellen, expressionistisch erscheinen, aber die Voraussetzungen sowohl wie das Ziel seines Denkens dem entgegenstehen.
Wolfgang Paulsen sieht Sternheims Werk zwar als eine Randerscheinung des Expressionismus, ist aber der Meinung, dass man Sternheim nicht völlig von den Expressionisten trennen sollte. Die Problematik in der Zuordnung Sternheims besteht nach ihm darin, dass man den Expressionismus schwer definieren kann, da es so viele Ziele wie Expressionisten gibt und er den Expressionismus als Bewegung kaum zu fassen sieht. Sternheims Technik der Dialogform bezeichnet Paulsen durchaus expressionistisch, stellt sich aber gleichzeitig die Frage ob es überhaupt eine expressionistische Sprachform gibt. 11 Als allgemeine Stilmerkmale des Expressionismus nennt Paulsen die Verzerrung des „Wirklichen” ins Groteske, Sprachverknappungen, welche er bei Sternheim als deutlich vorhanden ansieht, und “jede Art von sprachlicher Freiheit, die sich ein Autor mit der traditionellen Syntax erlaubt hat”. 12 Bei Sternheim erkennt Paulsen weiterhin die karikaturistische Überzeichnung der handelnden Personen und eine Aushungerung der Sprache; beides bezeichnet er durchaus als typische Wesenselemente des Expressionismus. 13
Walter Sokel findet Sternheims Held typisch expressionistisch, wenn er sich auf der Bühne in
10 Wendler, Wolfgang: a.a.O., S. 6.
11 Paulsen, Wolfgang: Deutsche Literatur des Expressionismus. In: Roloff, Hans- Gert (Hg.): Langs Germanistische Lehrbuch Sammlung. Band 40. Bern 1983.,S. 141.
12 Ebd., S. 43.
13 Ebd., S. 221.
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rückhaltloser Weise ausspreche. 14 Im Gegensatz zu den zuvor zitierten Literaturwissenschaftlern, sieht er Sternheims Zugehörigkeit zum Expressionismus im Inhaltlichen begründet und nicht in der sprachlichen Ebene.
Nach Denkler scheinen Sternheims Dramen der programmatischen Gründung des Expressionismus vorzuarbeiten. Er nennt ihn - wie auch Kaiser- aber keinesfalls einen Expressionisten. Denkler wundert sich, dass die Expressionisten Sternheim immer zu sich zählen, obwohl die strenge dramatische Konzeption seiner Dramen ihnen zuwider sein müsste. Jedoch rühmen sie sich mit seinem Erfolg und greifen von ihm erprobte Stilzüge auf. Denkler sieht dies in der Missinterpretation des Sternheimschen Helden von Seiten der Expressionisten begründet. Sie sehen in Sternheims Held eine Kritik am Bürgertum, der durch sein pures Sein, die Leser und Zuschauer zum puren Anderssein bewegen will. Sie übersehen dabei jedoch Sternheims Auf-forderung zum Ausleben der “eigenen nuance”, welche er immer wieder programmatisch betont. 15
Auch Emrich trennt Sternheim von den Expressionisten, weil dieser keinen Sinn verkündet und nicht wie die “jüngsten Weltuntergangspoeten [die Expressionisten] die Sinnlosigkeit, die Verzweiflung, die Katastrophe, das Absurde oder das Nichts” predigt. 16
Auffällig ist, wie viele verschiedene Meinungen es über die Einordnung von Sternheims Werk in die Literaturgeschichte gibt. Besonders oft wird jedoch erwähnt, dass Sternheims Sprache expressionistische Züge aufweist. Ob meine Untersuchung dasselbe zeigt wird sich im Kapitel 3.2.2 zeigen. Gegen eine Zuordnung zum Expressionismus steht jedoch Sternheims Kritik an diesem, die im folgenden Kapitel behandelt wird.
14 Sokel, Walter H.: Dialogführung und Dialog im expressionistischen Drama. Ein Beitrag zur Bestimmung des Begriffs ‚expressionistisch‘ im deutschen Drama, in: Aspekte des Exppressionismu s.S.64 u. 65. zit. n.: Paulsen, Wolfgang: Carl Sternheim und die Komödie des Expressionismus. In: Durzak, Manfred (Hg.): Zu Carl Sternheim. Stuttgart 1982, S.60.s, S.64 u.
15 Denkler, Horst: Das Drama des Expressionismus. In: Rothe, Wolfgang (Hg.) Expressionismus als Literatur. Gesammelte Studien. Bern 1969, S.138ff.
16 Emrich, Wilhelm: [Carl Sternheims “Kampf der Metapher!” und für die “eigene Nuance”- und seine Grenzen. In: Durzak, Manfred (Hg.): Zu Carl Sternheim. Stuttgart 1982, S.26.
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Mirja Plischke, 2002, Carl Sternheim ein Expressionist? Gesellschaftskritik und 'eigene nuance' in seinem Werk, Munich, GRIN Publishing GmbH
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