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Einleitung:
Theodor Fontanes Vorbild für Effi Briest ist die 1853 geborene Elisabeth Freiin von Ploth. Sie verlobt sich im Jahr 1871 als 17-jährige mit dem 22-jährigen Leutnant Armand L–on von Ardennes. 1873 heiraten die beiden und ziehen nach Berlin. Acht Jahre später kehrt Ardenne als Rittermeister zu den Husaren nach Düsseldorf zurück und Elisabeth folgt ihm. Die Familie Ardenne ist seit 1980 mit dem verheirateten Amtsrichter Emil Hartwich (er ist 10 Jahre älter als Elisabeth) freundschaftlich verbunden. Aus dieser Verbundenheit heraus geht Elisabeth mit 31 Jahren eine Beziehung mit ihm ein, da sie keine glückliche Ehe führt. Sie tragen sich beide mit dem Gedanken, sich scheiden zu lassen. Der mißtrauisch gewordene Ardenne entdeckt in einer verschlossenen Kassette die Pläne der beiden; daraufhin reicht er seinerseits die Scheidung ein und fordert Emil Hartwich zum Duell, das am 27. November 1886 mit der schweren Verwundung von Hartwich endet. Dieser stirbt an seinen Verletzungen - die Kinder der Familie Ardenne werden nach der Scheidung dem Vater zugesprochen. Die geschiedene Elisabeth widmet sich dem Dienst an hilfsbedürftigen und kranken Menschen und stirbt 1952 fast 100-jährig am Bodensee.
In meiner Arbeit möchte ich vier wichtige Aspekte herausstellen und näher erläutern: Zunächst beleuchte ich die Ehe zwischen Effi und Innstetten genauer und werde im Einzelnen auf die Spukgeschichte mit dem Chinesen eingehen. Anschließend beschäftige ich mich mit der Gesellschaft der Bismarck-Zeit. Letztlich untersuche ich die Duell-Thematik im vierten Kapitel und analysiere die Notwendigkeit des Duells im Roman.
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1 Die Ehegeschichte:
Effis Beziehung zu Innstetten zeichnet sich nicht durch Vertrautheit und Nähe aus, sondern vielmehr durch Distanz und Fremdheit. „Wir nennen uns auch schon du und beim Vornamen“, (S. 16) 1 gesteht Effi kurz nach ihrer Verlobung ihren Freundinnen, als könnte sie stolz sein über diese plötzliche Intimität. Aber zur Entwicklung zu eines vertrauteren Umgangs bestand bisher auch keine Zeit. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Effis Einverständnis mit der überraschenden Verlobung nur als fehlender Widerspruch, als schweigendes Gehorchen, nicht als freudige Zustimmung ausfällt. Die Kenntnisse, die Effi über Innstetten hat, reichen kaum zu mehr als einer Anteilnahme an seiner „Liebesgeschichte“ (S. 6) mit ihrer Mutter und einem Respekt vor seiner männlichen Erscheinung und seiner gesellschaftlichen Stellung. Mehr Intimität konnte sich erst gar nicht entwickeln, da Innstetten wieder nach Kessin zurückreist, um erst zur Hochzeit wieder da zu sein.
1.1 Erwartungen und die Realität:
Effi verbleiben drei Monate bis zu ihrer Hochzeit. In dieser Zeit erfährt sie immer wieder Ernüchterung anstelle von Emotionalität. Auf der einen Seite entwickelt Effi mit ihrer Mutter in Gesprächen ihre Vorstellungen vom künftigen Zusammenleben mit Innstetten. Dabei schwärmt sie von einem Schlafzimmer in fernöstlichem Dekor, einem „japanischen Bettschirm [...] schwarz und goldene Vögel drauf, alle mit einem langen Kranichschnabel“ und einer „Ampel [...] mit rotem Schein“ (S. 26ff) und gibt ihrer Mutter damit einen Einblick in ihre erotischen Phantasien. Auch kreisen ihre Zukunftsträume um ein vornehmes, gesellschaftlich ansehnliches Haus, um „Hofball“, „Galaoper“ und Zerstreuungen jeglicher Art: „[...] ja, Zerstreuung, immer was Neues, immer was, daß ich lachen oder weinen muß. Was ich nicht aushalten kann, ist Langeweile.“ (S. 29) Effi wünscht sich, ihre Schaukelleidenschaft läßt kaum anderes vermuten, ein kontrastreiches, aufregendes Leben.
Auf der anderen Seite treffen in Hohen-Cremmen täglich Innstettens Briefe ein, die Effi mit wenig Spannung erwartet, gelegentlich auch ungelesen in die Tasche steckt und erst nach Mahnung der Mutter öffnet und regunslos überfliegt.
1 Aus Fontane, Theodor Effi Briest, Ernst Klett Verlag Stuttgart 1984 (s. auch folgende Seitenzahlenangaben).
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Wenn Innstetten über sein Kessiner Leben berichtet, über die Renovierugsarbeiten im Haus, dann enthalten seine Briefe nichts, was Effis Gefühle ansprechen könnte: „Geheimnisse! Ja, er nimmt immer einen Anlauf, aber das meiste könnt` ich auf dem Schulzenamt anschlagen lassen, da wo immer die landrätlichen Verordnungen stehen.“ (S. 30) Instettens „Anlauf“ zu Vertraulichkeit zeigt sich in Zärtlichkeitsfloskeln wie „meine süße, kleine Effi“. (S. 30). Die ersten Nachrichten über Effis Befinden an der Seite Innstettens belegen selbst Mutter Briest zu der verspäteten Erkenntnis: „Das arme Kind. Sie hat Sehnsucht.“ (S. 39) Statt die Hochzeitsreise für mehr Intimität zu nutzen, absolviert Innstetten ein anstrengendes Kulturprogramm. Effi ihrerseits schreibt über Innstetten so, als reise sie in Begleitung eines väterlichen Freundes. Gleich zweimal berichtet sie, er sei „engelsgut“ (S. 38), „sehr gerecht“ (S. 39), „gar nicht überheblich und auch gar nicht alt“. (S. 39) Von der ersten Begegnung in Hohen-Cremmen bis zur ersten gemeinsamen Nacht in Kessin, stellt Fontane Effis Verbindung mit Innstetten als einen Prozeß zunehmender Isolation in der scheinbaren Geborgenheit gesellschaftlicher Konvention dar. Als beklemmend erscheint dabei die offenkundige Unabwendbarkeit dieses Schicksal. Weder ist Innstetten ein Vorwurf zu machen: Effi erkennt in ihm sogar einen versteckten „Zärtlichkeitsmenschen“ (S. 123), der nur mit Rücksicht auf seine berufliche Karriere seine Gefühle nicht so zeigen wolle. Noch zeigt Effi guten Willen. Wie die Unterhaltungen mit ihrer Mutter verdeutlichen, ist sie immer wieder bereit, ihre Ansprüche an ein emotional wie gesellschaftlich befriedigendes Leben zurückzuschrauben.
Mit ihrer Ankunft in Kessin überschreitet Effis Isolation allerdings das Maß dessen, was sie ohne größere psychische Schäden ertragen könnte. Angst ist die Folge. Was sich von nun ab in Effis Psyche und in der Beziehung zwischen Effi und Innstetten abspielt, hat Fontane in dem vielschichtigen und für den Roman zentralen Motiv des Chinesen verdichtet.
2 Einführung des Chinesenmotivs:
Eingeführt wird der Chinese bereits ganz zu Beginn der Kessiner Handlung. Noch auf der Kutschfahrt zu ihrem Haus berichtet Innstetten, aus welch unterschiedlichen Nationalitäten sich die Bevölkerung Kessins zusammensetzt. Effi ist angenehm überrascht und entgegnet, sie habe ein kleines Nest erwartet und finde „eine ganz neue Welt hier. Allerlei Exotisches [...] vielleicht einen Neger oder einen Türken oder vielleicht sogar einen Chinesen“. (S. 43) Mit seiner Antwort: „Auch einen Chinesen.
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Wie gut du raten kannst. Es ist möglich, daß wir wirklich noch einen Chinesen haben, aber jedenfalls haben wir einen gehabt; jetzt ist er tot und auf einem kleinen eingegitterten Stück Erde begraben, dicht neben dem Kirchhof.“ (S. 43) bestätigt Innstetten zwar Effis Vermutung, doch weckt er gleichzeitig ihre Ängstlichkeit. Denn die Formulierung: „Es ist möglich, daß wir wirklich noch einen haben“ (S. 43) gibt zu verstehen, dass dieser Chinese, in welcher Weise auch immer, noch gegenwärtig sein könnte.
2.1 Die Bedeutung des Chinesen in der Bismarck-Zeit:
In das öde pommersche See- und Handelsstädtchen Kessin bringt der Chinese jedenfalls, wenn auch nicht Hofball und Galaoper, so aber doch einen schwachen Abglanz imperialistischer Wirtschaftspolitik. Furcht vor den als unberechenbar angesehenen Characktereigenschaften der Chinesen, der Genügsamkeit und dem Fleiß auf der einen, der Grausamkeit, der Hinterlist und dem Treuebruch auf der anderen Seite, bestimmte das Bild des Chinesen in der deutschen Öffentlichkeit zur Entstehungszeit des Romans (vgl. Utz, S. 215 f.). Zur Überwindung dieses Angstklischees reizten jedoch die ungeahnten Möglichkeiten, die der Kultur- und Wirtschaftsraum China einem Handel mit Europa bieten konnte.
2.2 Effis Reaktionen auf den "Chinesen":
Diese die öffentlich Meinung bestimmende zwiespältige Haltung, die sich als schauderndes Zurückschrecken bei gleichzeitig magischem Angezogensein beschreiben läßt, prägt auch Effis Umgang mit dem Chinesen. Als echtes Kind ihrer Zeit liebte sie das Exotische als reizvollen Dekor und vermag auch seine erotischen Impulse aufzunehmen, ist andererseits aber nur allzu leicht von dem „Gruseligen“ (S. 43) der Chinesenvorstellung zu beeindrucken. Dass sich diese emotionale Betroffenheit aber bis zu Spukvision steigert, hängt meiner Meinung nach eng mit ihrer Isolation in der Zweisamkeit, dem unbefriedigenden Eheleben in Kessin zusammen.
Effi, deren Leben so sehr auf Bewegung abgestellt ist, auf Fliegen und Schaukeln, muß in Kessin die Erfahrung machen, dass ihr Lebensfluß zu stocken droht. Innstetten läßt ihr Gefühlsleben weitgehend unberührt, Kessin bietet außer einem Tripelli-Abend und Silvesterball kaum Zerstreuungen, und der gesellschaftliche Umgang reduziert sich auf den Apotheker Gieshübler. In dieser Situation sind die
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Sarah Gastreich, 2001, Theodor Fontanes "Effi Briest" - Eine Analyse, Munich, GRIN Publishing GmbH
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