Arbeitsmarktpolitik Seite 2 von 2
Fragestellung: Wie lässt sich die Persistenz von Arbeits-losigkeit erklären? Was kann die Arbeitsmarktpolitik dagegen
tun?
Zur Erklärung von anhaltender Arbeitslosigkeit unterscheidet man zunächst in konjunkturelle und strukturelle Arbeitslosigkeit. Die konjunkturbedingte
Arbeitslosigkeit nimmt als Basis das wirtschaftliche Wachstum und dessen Auswirkung auf den Arbeitsmarkt. Die Beschäftigung wird hierin maßgeblich durch die Kapazitätsauslastung der Unternehmen bestimmt, welche ihrerseits ihre Personalpolitik an der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage orientiert. Fällt die Nachfrage in einer Periode durch beispielsweise die Durchsetzung einer restriktiven Finanzpolitik zur Konsolidierung des Staatshaushaltes, so wird die Produktion entsprechend angepaßt. Kapazitäten werden abgebaut oder werden nicht voll ausgelastet, so daß Arbeitslosigkeit entsteht. Der demographische Faktor nimmt auch maßgeblichen Einfluß auf das Arbeitskräfteangebot in einer Volkswirtschaft. Das Arbeitskräfteangebot ist in den letzten Jahren gestiegen durch die gestiegene Beteiligung des weiblichen Geschlechts in den Arbeitsprozessen, Steigerung der Wohnbevölkerung und erhöhten Produktivitätszuwachs der Unternehmen.
Viel interessanter hingegen ist die Frage der strukturellen Arbeitslosigkeit. Als erstes Problem stellt sich das Beharrungsvermögen der Arbeitslosigkeit bzw. der Beschäftigten heraus. Aufgrund vieler Rahmenbedingungen wie zum Beispiel das Arbeitsrecht (Kündigungsschutz, Gewerkschaften ,Inflexibilität des Unternehmens etc.) ist die Fluktuation von Beschäftigten in die Arbeitslosigkeit und umgekehrt in Deutschland im Mittel verglichen zu Europa, aber verglichen mit der USA sehr gering. Als Indikator wird der Fluktuationskoeffizient gewählt, der sich zusammensetzt aus dem arithmetischen Mittel der über ein Jahr kumulierten Zugänge und Abgänge in Relation zum Jahresdurchschnittsbestand an Arbeitslosen. Dieser Indikator mißt also die Anpassung der Nachfrage nach Arbeitskräften, welcher in Deutschland vornehmlich durch die Arbeitszeitregelung
(Kurzzeit/Vollzeit) geschieht, während aufgrund gelockerter Arbeitsschutz- bestimmungen in den USA die Anpassung eher über Entlassung bzw. Einstellungen
Arbeitsmarktpolitik Seite 3 von 3
von Arbeitskräften geregelt wird. Demzufolge reagiert der Arbeitsmarkt in Deutschland auf Konjunkturimpulse sehr viel mehr verzögert, als dies beispielsweise in der USA der Fall ist.
Eine geringe Fluktuation hat den Vorteil, daß mühsam erarbeitetes Humankapital durch Entlassungen nicht verloren geht und das Arbeitsplätze erhalten bleiben. Demgegenüber ist es von Nachteil vom Blickpunkt der Arbeitslosen aus im Falle eines Konjunkturaufschwungs auch einen Arbeitsplatz zu erhalten. Die Dauerarbeitslosigkeit entsteht eben durch diesen Nachteil und der damit verbundenen dauerhaften Abstinenz vom Berufsleben. Dequalifikation und Entmutigung der Arbeitslosen verstärken diesen Prozeß.
Ein weiteres Strukturmerkmal für Dauerarbeitslosigkeit ist der sogenannte „Mismatch“ zwischen Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage. Dabei kann zunächst die regionale Diskrepanz zwischen Unternehmen und Arbeitsuchenden genannt werden. Es gibt Unternehmen, die Arbeitskräfte nachfragen, diese aber in ihrer Region nicht finden. Gleichermaßen gibt es Arbeitskräfte, die der Qualifikation des Unternehmen entsprechen, diese können Aufgrund bestimmter Mobilitätsbarrieren nicht in den nachfragenden Unternehmen eingestellt werden. Die Gründe für
Mobilitätsdefizite können hohe Grundstückspreise, Schulsystem, soziale Bindungen, unzulängliche B ereitschaft und Fähigkeit neue Qualifikationen zu erwerben, mangelnde Bereitschaft für Lohneinbußen sein. Der Mismatch kann auch darin bestehen, daß die Anforderungen an die Qualifikation in der Unternehmung nicht mit der Qualifikation der Arbeitslosen übereinstimmt. Dies trifft insbesondere in Branchen zu, die starken technischen Veränderungen unterliegen. Indirekt kann auch eine Diskrepanz zwischen den Leistungen der Bildungssysteme und der Wirtschaft den Mismatch fördern.
Arbeitsplätze werden geschaffen und vernichtet durch die schlichte Tatsache, das Unternehmen entstehen, expandieren oder schrumpfen oder gar schließen. Der Strukturwandel in den Wirtschaftsektoren und der Trend von der Industriegesellschaft hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft ist der Motor für die Dynamik der Entstehung und Vernichtung von Unternehmen und damit auch Arbeitsplätzen. Der Indikator für die Erfassung dieses Phänomens ist die sogenannte Umschlagsrate. Die Umschlagshäufigkeit hat natürlich einen Einfluß auf die Fluktuation in den Betrieben und die Erkenntnis aus diesem Wert ist jener, daß in bestehenden Betrieben die Fluktuation der Belegschaft wesentlich höher ist, als dem
Arbeitsmarktpolitik Seite 4 von 4
Saldo der Beschäftigungsveränderungen aus Betriebsschließungen und
Neugründungen. Dennoch ist anzumerken, daß das Beschäftigungswachstum langfristig auf Betriebsneugründungen beruht. Es wird also deutlich, daß Langzeitarbeitslosigkeit gefördert wird durch die zu geringe Zahl von Neugründungen.
Im Zusammenhang mit der Fluktuationsrate wurde das Arbeitsrecht als institutionelles Hemmnis zur Verringerung der Arbeitslosigkeit angesprochen. Das Arbeitsrecht regelt insbesondere den Kündigungsschutz und bestimmt damit auch die Höhe der Entlassungskosten in Form von Abfindungsleistungen bzw. Sozialplänen derjenigen Unternehmen, die Kapazitäten abbauen müssen und Arbeitskräfte entlassen wollen. Das Betriebsverfassungsgesetz schreibt Sozialplanregelungen ab einer Betriebsgröße von mehr als 20 Mitarbeitern vor, so daß im Falle von strukturellen Anpassungsnöten insbesondere kleinere und mittelständische Betriebe unverhältnismäßig hohe Entlassungskosten haben, als vergleichsweise Konzerne. Das Resultat ist ein hohes Defizit an Flexibilität hinsichtlich der Anpassung an die Nachfrage und eine geringe Bereitschaft neue Mitarbeiter langfristig einzustellen, so daß das Risiko der Schließung der Unternehmen steigt. Die Lohnhöhe in Deutschland wird oftmals als Ursache für steigende Arbeitslosigkeit herangezogen. Dabei versuchen die Gewerkschaften oftmals Lohnansprüche über d em Niveau des Produktivitätszuwachs zu realisieren mit der Folge und eventuell zum Kalkül der Opferung von Arbeitsplätzen. Maßgeblich für die Frage der Entlassung von Beschäftigten ist der Umwälzungsspielraum der Unternehmen die Lohnsteigerungen in Preisen der Produkte fort zuschreiben. Unternehmen im internationalen Wettbewerb haben einen sehr viel geringeren Umwälzungsspielraum, als jene Unternehmen, deren Absatzmärkte auf bestimmte Regionen beschränkt sind. Ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang ist auch der Trend Investitionen in Ländern durchzuführen, die wesentlich geringere Löhne aufweisen, so daß Arbeitsplätze exportiert werden. Als Indikator wird die sogenannte Reallohnlücke herangezogen, welche die prozentuale Abweichung des tatsächlichen Lohnes vom Vollbeschäftigungslohn mißt. Das Ziel der Beschäftigungspolitik sollte eben sein, daß die Lücke zwischen Reallohn und Vollbeschäftigungslohn möglichst gering oder gar ganz wegfällt. In den achtziger Jahren führte eine Rückführung der Lohnlücke zu Beschäftigungseffekten. Das macht deutlich, daß ein Überschreiten der
Arbeit zitieren:
Florian Schoetzke, 2000, Rolle der Arbeitsmarktpolitik, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die demographische Lage Deutschlands
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Hausarbeit, 38 Seiten
Mindestlöhne als Instrument der Arbeitsmarktpolitik - Ein europäischer...
VWL - Mikroökonomie, allgemein
Seminararbeit, 31 Seiten
Die Einführung von Mindestlöhnen in Deutschland - Konzepte, Auswirkung...
Hausarbeit, 31 Seiten
Bestimmungsgrößen und Folgen des Demographischen Wandels
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Seminararbeit, 23 Seiten
Der Zusammenhang zwischen Erwerbsarbeit und Armut in der Bundesrepubli...
Hausarbeit, 17 Seiten
Mindestlöhne in Frankreich und Großbritannien - Vorbild für Deutschlan...
Hauptseminararbeit, 26 Seiten
Mindestlohn als arbeitsmarktpo...
Seminararbeit, 20 Seiten
Mindestlohn: Die Möglichkeiten und Folgen einer gesetzlichen Einführun...
Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation
Bachelorarbeit, 65 Seiten
Die Reform der sozialen Sicherungssysteme als sozialpolitische Herausf...
Seminararbeit, 30 Seiten
Mindestlöhne und Arbeitsmärkte in einer globalisierten Welt: Das Model...
Seminararbeit, 23 Seiten
Der gesetzliche Mindestlohn - Darstellung einer aktuellen Kontroverse ...
Geowissenschaften / Geographie - Wirtschaftsgeographie
Seminararbeit, 18 Seiten
Die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland von der Vergangenheit bis i...
Konsequenzen, politische Herau...
Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung
Seminararbeit, 36 Seiten
Die Auswirkungen von Mindestlöhnen auf Arbeitsangebot und Arbeitsnachf...
Ergebnisse theoretischer und e...
Hauptseminararbeit, 25 Seiten
Der demographische Wandel in Deutschland - Handlungsoptionen für eine ...
Hausarbeit, 29 Seiten
Bestandsaufnahme und Analyse d...
Seminararbeit, 27 Seiten
Florian Schoetzke hat den Text Rolle der Arbeitsmarktpolitik veröffentlicht
Florian Schoetzke hat einen neuen Text hochgeladen
Schriften und Reden IV (1892 - 1899). Landarbeiterfrage, Nationalstaat...
Wolfgang J. Mommsen
Schriften und Reden IV. (1892-1899). Landarbeiterfrage, Nationalstaat ...
Wolfgang J Mommsen
Arbeitsmarktpolitik in der sozialen Marktwirtschaft
Vom Arbeitsförderungsgesetz zu...
Silke Bothfeld, Werner Sesselmeier, Claudia Bogedan
Netzwerke im Politikfeld 'lokale Arbeitsmarktpolitik'
Arbeitsmarktpolitik und politi...
Ulf Keller
Rolling Bearing Analysis, Fifth Edition - 2 Volume Set
Tedric A. Harris, Michael N. Kotzalas
Richard Rolle and the Invention of Authority
Nicholas Watson, Alastair Minnis, Patrick Boyde
Vom Sozialplan zur Transfergesellschaft. Förderinstrumente einer flexi...
Förderinstrumente einer flexib...
0 Kommentare