Machttheorie bei Niklas Luhmann
1. EINLEITUNG 3
2. DARSTELLUNG UND ÜBERBLICK 4
2.1. Macht als Kommunikationsmedium 4
2.2. Handlungsbegriff im Verhältnis zu Macht 6
2.3. Funktion von Medien-Codes 8
2.4. Macht und physische Gewalt 12
2.5. Technisierung des Sozialen 13
2.6. Dreidimensionaltät von generalisiertem Einfluß 14
2.7. Risiken der Macht 16
2.8. Gesellschaftliche Relevanz von Macht 17
2.9. Macht und organisationsspezifische Systeme 19
3. RESÜMEE 20
LITERATUR 22
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Machttheorie bei Niklas Luhmann
1. Einleitung
Die weltweite Vernetzung von Systemen und Systemstrukturen scheint analog zum Theorem der Globalisierung mit zunehmender Eigendynamik und Rasanz eine Entwicklung zu nehmen, die sich mehr denn je dem Einfluß und der Steuerbarkeit durch Politik entzieht. Durch die strukturell asymmetrische Lagerung der Grundbedingungen der multilateralen Weltgesellschaft auf der einen und der territorialen Gebundenheit der Politik auf der anderen Seite, kommt es scheinbar zunehmend zum Rückgang der politischen Einflußmöglichkeiten. Die Frage, inwieweit das politische System überhaupt noch steuerungsfähig ist, verweist auf ein dirigistisches Vorverständnis und soll hier mit der kritischen Bemerkung präzisiert werden, dass das Steuern im Sinne von Navigieren und richtunggebendem Lenken nicht notwendig als zentrale Aufgabe von Politik aufgefasst werden muß. Die Gegenposition stellt in Betracht, dass das politische System zunehmend die Fähigkeit verliert, sich (im Sinne von Talcott Parsons Begriff des collectiv goal attainment) hinreichend an strukturelle Veränderungen anpassen zu können.
Die vorliegende Arbeit soll einen Beitrag zur systemtheoretischen Annäherung an diesen Fragenkomplex leisten. Eine Theoretisierung von Macht (als Einflußmöglichkeit) ist angesichts (global) unüberschaubarer werdender Einfluß- und Interdependenzstrukturen unabdingbar. Die Machttheorie Niklas Luhmanns bietet dazu einen wesentlichen Ausgangspunkt. Um einen Überblick auf die Theorie der Macht bei Luhmann zu gewinnen, bedarf es zahlreicher Definitionen und Erläuterungen von Begriffen. Ebenso wie die allgemeine Systemtheorie Luhmanns (1984) bedeutet auch die Theorie der Macht einen Paradigmenwechsel hinsichtlich der bisherigen Terminologie und des vorherrschenden Verständnisses in der Soziologie. Die luhmannsche Theorie versteht sich als eine Weiterführung des machttheoretischen Ansatzes von Talcott Parsons und lädt somit zu vergleichenden Exkursen mit dessen Ideen ein. Luhmann erläutert dem Begriff der Macht allgemein von einer sozio-kulturellen und evolutionstheoretischen Perspektive, um dann – deduktiv – auf Spezifika und Einzelerscheinungen, wie die Einschränkung von politischer Macht durch intersystemische Wechselbeziehungen und durch die Generierung von (Organisations)Systemen mit machtabsorbierenden Eigenschaften überzuleiten.
Die Vorgehensweise hierbei bewegt sich nahe der von Luhmann Gewählten, um die Wahrscheinlichkeit von Verständnis erschwerender Komplexifizierungen und sprachlich irreführender Chiffrenbildung zu minimieren. Das schließt eine enge, wenn auch erläuternde Anlehnung an die vorhandene Terminologie Luhmanns ein. Dennoch handelt es sich im Folgenden nicht um eine schlichte Übernahme der vorhandenen Begrifflichkeiten, darf doch Seite 3
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eine Theorie mit derartig universalem Anspruch sich in der Plausibilität ihrer Kernthesen nicht auf sich selbst beziehen. Das Risiko der Entfundierung fragiler Theoriekonstrukte mittels neuer und andersartiger terminologischer Setzungen und Definitionen soll also ebenfalls kalkuliert werden.
2. Darstellung und Überblick
2.1. Macht als Kommunikationsmedium
Die Grundlage des theoretischen Konzeptes von Macht bei Niklas Luhmann ist die Theorie der Kommunikationsmedien. Bei der Betrachtung der aus dem 19. Jahrhundert überlieferten Gesellschaftstheorien handelt es sich zum einen um die Theorie der sozialen Differenzierung nach funktionalen Subsystemen, Mechanismen und Formen von Stratifikation und zum anderen um die Theorie der sozio-kulturellen Evolution. Die Frage nach den Begriffen der Kommunikation und der Motivation hat in diesen Theorien keine nachhaltige Bedeutung, worin Luhmann einen Mangel sieht 1 . Er unternimmt daher den Versuch, eine allgemeine Theorie symbolisch verallgemeinerter Kommunikation zu formulieren und diese sowohl mit dem Konzept der Gesellschaftsdifferenzierung als auch mit dem der sozio-kulturellen Evolution zu verbinden.
Der Begriff der Kommunikation setzt sich nach Luhmann aus drei Komponenten zusammen, von denen jede für sich eine Entscheidung bedeutet 2 . Eine Komponente von Kommunikation ist die Mitteilung, die die Art und Weise bezeichnet, mit der ein Inhalt kommuniziert wird. Der Inhalt selbst ist die zweite Komponente und ist gleichbedeutend mit der Information 3 . Als drittes Element nennt Luhmann das Verstehen. Verstehen liegt genau dann vor, wenn Ego die Differenz zwischen Mitteilung und Information erkennt und in Bezug darauf die Anschlußbedingungen für die Nachfolgekommunikation festlegt; diese bestehen in der zweiwertigen Struktur von Annahme und Ablehnung. Nur wenn gewährleistet ist, dass eine dreifache Auswahl, nämlich auf der Ebene der Mitteilung, der Information und des Verstehens vorliegt, entsteht Kommunikation.
Hinsichtlich der Evolution von Medien der Kommunikation ist Sprache eine basale Form; fortgeschrittene und durch funktionale Differenzierung gekennzeichnete Gesellschaften
1 vgl. Luhmann, 1988: 4
2 vgl. Luhmann, 1984: 196ff 3 Auch Schulz von Thun greift die Differenzierung verschiedener Ebenen der Kommunikation auf, wobei er diese psychologischen Betrachtungen hinsichtlich der Sende- und Empfangsgewohnheiten in zwischenmenschlichen Interaktionen unterzieht, vgl.: 1981: 45-58
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entwickeln einen Bedarf an der Differenzierung des Sprach-Codes ebenso wie den Bedarf an symbolisch verallgemeinerten Medien der Kommunikation, wie z.B. Macht, Geld und Wahrheit. Solche Medien regulieren die Annahmewahrscheinlichkeit von vorausgewählten Angeboten, also von Selektionen. Ihre Funktion ist die Motivation zur Annahme. Kommunikationsmedien sind so verstanden eine Zusatzeinrichtung zur Sprache und liegen vor als Codes von generalisierten Symbolen. Elementar für die Entstehungsweise sowie auch für die Struktur von Kommunikationsmedien und somit auch von Macht ist die von Luhmann vorausgesetzte Wechselseitigkeit zwischen Alter und Ego, also zwischen Machtinhaber und Machtunterworfenem: Die Selektionsweise von Alter muß der Motivationsstruktur von Ego entsprechen. Das bedeutet, dass die Art, wie Alter eine Entscheidung trifft von Ego antizipiert werden muß. Die Möglichkeit zur Selektion besteht hierbei auf beiden Seiten, sie ist doppelkontingent 4 . Kommunikationsmedien setzen einen sozialen Kontext voraus. In Bezug auf Macht heißt das, dass Alter eine getroffene Auswahl auf Ego übertragen kann. Die Selektionsleistung Alters wird somit von Ego reproduziert, allerdings nicht in ihrer tatsächlich vorliegenden Komplexität, die Ego gar nicht zugänglich ist, sondern in einer von der Ausgangskonstellation vereinfachten und abstrahierten Weise. Hierfür sind Symbole notwendig, die vermittels generalisierter Codes eine gemeinsame Orientierung ermöglichen. In dem Sachbestand von Egos Unkenntnis der Ausgangskonstellation liegt für Luhmann eine der bedeutendsten Voraussetzungen von Macht: In Bezug auf die Selektion des Machthabers Alter besteht bei Ego Unsicherheit. Die der Machtstruktur immanente Reziprozität zwischen Machthaber und -unterworfenem bewirkt, dass Macht besonders dann steigerbar ist, wenn die Freiheiten auf Seiten des Machtunterworfenen gesteigert werden 5 .
Darin unterscheidet sich Macht von Zwang: Im Fall von Zwang sind die Wahlmöglichkeiten des Gezwungenen, d.h. die Möglichkeiten zur Annahme oder Ablehnung des vorausgewählten Angebotes, auf Null reduziert. In dem Maß wie Macht sich an Zwang annähert, verliert sie Funktion als Überbrücker von doppelter Kontingenz. Zwang bedeutet, auf die Möglichkeiten symbolischer Generalisierung zu verzichten; er zielt nicht darauf ab, die Selektivität des Gegenübers, sondern das Gegenüber selbst zu steuern 6 . Das Prinzip von Ursache und Wirkung liegt im Falle der Macht bei dem Machtunterworfenen in der Neutralisierung des Willens, nicht in dessen Brechung. Die Funktion der Macht setzt
4 Eine ausführliche Darstellung des konzeptionellen Begriffs der doppelten Kontingenz gibt Luhmann in: 1984: 148ff
5 vgl. Luhmann, 1988: 9 6 vgl. ebd.: 9 Seite 5
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Luhmann gleich mit der eines Katalysators: Katalysatoren beschleunigen das Eintreten von Ereignissen bzw. setzen die nötige Eintrittsenergie herab, wobei sie sich selbst nicht verändern.
Die Funktion von Kommunikationsmedien liegt in der Übertragung von reduzierter Komplexität. Die Ausgangskonstellationen, aus denen Alter selektiert, werden im Prozess der Selektion hinsichtlich ihrer Vielfältigkeit reduziert und dann über die Struktur des Mediums kommuniziert. Es spielt hierbei für die Verlaufsrichtung keine Rolle, wie das entsprechende Medium strukturell gelagert ist: die Übertragung von Selektionsleistung verläuft in beide Richtungen, von Machthaber zum Machtunterworfenen und umgekehrt. Hierin liegt für Luhmann die entscheidende Veränderung gegenüber älteren Machttheorien, die Macht als Möglichkeit ausschließlich zu einseitiger Übertragung deklarieren. Die Theorie Luhmanns begreift das Phänomen der Macht anhand der Trennlinie zwischen systemspezifischem Code und Kommunikationsprozess und ist deshalb in der Lage, Macht nicht als Eigenschaft oder Fähigkeit von nur einem Partner zu verstehen.
2.2. Handlungsbegriff im Verhältnis zu Macht
Für den Code des Kommunikationsmediums Macht ist es im Unterschied zu anderen Medien der Kommunikation entscheidend, dass dieser eine Kommunikation zwischen den Partnern voraussetzt, die Komplexität durch Handeln – und folglich nicht durch Erleben 7 – reduziert. Von Handeln spricht Luhmann, wenn soziale Systeme Selektion leisten, also eine Auswahl treffen und sich selbstreferenziell mit dem Ziel ihrer eigenen Reproduktion verhalten; die Zurechnung auf Systeme ist für den Handlungsbegriff konstitutiv. Erleben hingegen dient der Reproduktion von Sinn 8 . Eine Handlung ist nur dann zu erkennen, wenn Entscheidungen unabhängig von der ihren zu Grunde liegenden Semantik nachweislich auf Systeme - nicht auf deren Umwelt - bezogen sind 9 . Psychische Komponenten wie Absichten, Motive und Interessen werden von diesem Handlungsbegriff nicht erfasst. Die Differenzierung von Umwelt und System ist ein elementarer Baustein der gesamten luhmannschen Systemtheorie. Der Handlungsbegriff kann vor dem Hintergrund einer Medienstruktur, welche die Selektivität beider Partner in dem Mittelpunkt stellt, gleichgesetzt werden mit dem der Entscheidung.
7 Zur begrifflichen Differenz von Handeln und Erleben s. Luhmann, 1984: 124f
8 Eine ausführliche Darstellung des Sinnbegriffs findet sich in: ebd.: 92-147, bes. 112ff 9 vgl. ebd.: 228, siehe auch 242-286 Seite 6
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Thomas Schröder, 2001, Theorie der Macht bei Niklas Luhmann, Munich, GRIN Publishing GmbH
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Manuela Müller
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Ich finde die Arbeit nicht wirklich gut. Man kann genauso gut Luhmann direkt lesen. Thomas Schröder hat mehr oder weniger nichts Anderes getan, als die schwierige Luhmann-Sprache übernommen und die Sätze etwas angepasst. Wenn jemand die Idee von Luhmann verstehen, ohne sich in die unsägliche Begrifflichkeit einarbeiten möchte, dann ist diese Hausarbeit kein Gewinn. Sie ist genauso elitär und dekadent.
on Tuesday, May 17, 2005-