,Der gebildete Musiker wird an einer Raffaelschen Madonna mit gleichem Nutzen studieren können wie der Maler an einer Mozartschen Sinfonie. Noch mehr: dem Bildhauer wird jeder Schauspieler zur ruhigen Statue, diesem die Werke jenes zu lebendigen Gestalten; dem Maler wird das Gedicht zum Bild, der Musiker setzt die Gemälde in Töne um.`1
Schumanns Glauben an ein gegenseitiges kreatives Befruchten der verschiedenen Kunstformen untereinander passt durchaus in unser traditionelles Bild der Romantik, in welchem immer wieder von der Verschmelzung der Künste als Ausdruck größtmöglichem künstlerischen Genies die Rede ist. Gerade Dichtung und Musik scheinen Ende des 18. bzw. Anfang des 19. Jahrhunderts eine besonders symbiotische Bindung einzugehen. Einerseits findet Musik einmal primär in den Gedichten, Romanen und Novellen Eichendorffs, Brentanos, Novalis oder Tiecks statt, indem keine Gelegenheit ausgelassen wird, die singenden Dichterprotagonisten zur Gitarre, Laute oder Violine greifen zu lassen2 um ihren Gefühlsmomenten entsprechenden Ausdruck zu verleihen. Andererseits scheint es den Romantikern auf einer zweiten Ebene aber gerade auch um eine Musikalität der Sprache und Dichtung an sich zu gehen, also um die Findung einer Sprache, in welcher das Musikalische schon impliziert ist.
So mag es wenig verwundern, dass in einer positiven Besprechung Heines Buches der Lieder durch Varnhagen von Ense dann auch von der ,süßen Melodie der Sprache` die Rede ist und der Rezensent schließlich befindet: ,Dieser Zauber der Sprache macht, dass manches Lied schon in Musik gesetzt scheint, weil es unendliche Musik in dem Leser aufregt.`3
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Mit Myrthen und Rosen
1.) H. Heine: Buch der Lieder (1827). Junge Leiden (1817-1821). Lieder: IX
2. R. Schumann: Liederkreis op. 24, 9
III. Die alten bösen Lieder
1. H. Heine: Buch der Lieder (1827). Lyrisches Intermezzo (1822-1823). LXV
2. R. Schumann: Dichterliebe op. 48, 16
IV. Nachwort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das intermediale Wechselspiel zwischen Dichtung und Musik am Beispiel ausgewählter Heine-Vertonungen durch Robert Schumann, um die komplexe Beziehung zwischen literarischer Vorlage und musikalischer Umsetzung zu analysieren.
- Analyse der Lyrik Heinrich Heines im Kontext romantischer Kunstauffassungen.
- Untersuchung der musikalischen Vertonung durch Robert Schumann unter Berücksichtigung philologischer Aspekte.
- Diskussion des Spannungsfeldes zwischen Literaturwissenschaft und Musikwissenschaft beim Phänomen des Kunstliedes.
- Interpretation von Ironie, Metaphorik und musikalischen Chiffren in den untersuchten Werken.
Auszug aus dem Buch
Die alten bösen Lieder
1 Die alten, bösen Lieder, Die Träume schlimm und arg, Die laßt uns jetzt begraben, Holt einen großen Sarg.
5 Hinein leg‘ ich gar manches, Doch sag‘ ich noch nicht was; Der Sarg muß seyn noch größer Wie’s Heidelberger Faß.
Und holt eine Todtenbahre, 10 Von Brettern fest und dick; Auch muß sie seyn noch länger Als wie zu Mainz die Brück‘.
Und holt mir auch zwölf Riesen, Die müssen noch stärker seyn 15 Als wie der starke Christoph Im Dom zu Cöln am Rhein.
Die sollen den Sarg forttragen, Und senken in’s Meer hinab; Denn solchem großen Sarge 20 Gebührt ein großes Grab.
Wißt Ihr warum der Sarg wohl So groß und schwer mag seyn? Ich legt‘ auch meine Liebe Und meinen Schmerz hinein.
Um Missverständnissen bezüglich etwaiger Textänderungen durch Schumann vorzubeugen, hält sich der Abdruck dieses Gedichtes erneut an die erste Auflage des Buches der Lieder, welche Schumann als Grundlage für seine Vertonung verwendete.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die romantische Vorstellung der Verschmelzung von Musik und Dichtung ein und definiert den interdisziplinären Untersuchungsansatz der Arbeit.
II. Mit Myrthen und Rosen: Die Analyse konzentriert sich auf Heines gleichnamiges Gedicht und dessen Vertonung durch Schumann, wobei die Metaphorik des Sarges und der mediale Prozess der Textvertonung im Vordergrund stehen.
III. Die alten bösen Lieder: Dieses Kapitel untersucht das Gedicht aus dem Lyrischen Intermezzo, beleuchtet den ironischen Charakter des Textes sowie Schumanns musikalische Interpretation und dessen Umgang mit Textänderungen.
IV. Nachwort: Das Fazit reflektiert die Problematik der getrennten wissenschaftlichen Betrachtungsweisen von Literatur und Musik und plädiert für einen integrativen, interdisziplinären Ansatz bei der Interpretation von Kunstliedern.
Schlüsselwörter
Heinrich Heine, Robert Schumann, Romantik, Kunstlied, Intermedialität, Dichterliebe, Lyrisches Intermezzo, Musikwissenschaft, Literaturwissenschaft, Metaphorik, Ironie, CLARA-Motiv, Liedvertonung, Schaffensprozess, Textanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der interdisziplinären Analyse von Heine-Gedichten und deren Vertonung durch Robert Schumann, insbesondere im Hinblick auf das Zusammenspiel von Sprache und Musik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das romantische Kunstverständnis, die Analyse literarischer Vorlagen, die musikalische Interpretation durch Schumann und das Spannungsverhältnis zwischen Musik- und Literaturwissenschaft.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die wechselseitige Durchdringung von Heine-Dichtung und Schumanns Musik zu untersuchen, ohne ein Medium einseitig über das andere zu erheben oder gegeneinander auszuspielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine interdisziplinäre Methodik angewandt, die philologische Textanalysen mit musikwissenschaftlichen Interpretationen kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Gedichte „Mit Myrthen und Rosen“ sowie „Die alten bösen Lieder“ und vergleicht diese mit Schumanns entsprechenden Kompositionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Heine, Schumann, Kunstlied, Intermedialität, Ironie und das Spannungsfeld zwischen Dichtung und Komposition charakterisiert.
Warum spielt die Sargmetaphorik in den Gedichten eine so große Rolle?
Die Sargmetaphorik dient Heine als poetologisches Mittel, um das „Begraben“ von Liedern, Träumen und Schmerz zu thematisieren und gleichzeitig die Grenzen der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit des Dichters aufzuzeigen.
Welche Bedeutung hat das „CLARA“-Motiv in Schumanns Vertonung?
Das von Eric Sams identifizierte Motiv, das Schumann in seine Kompositionen einfließen lässt, wird als Chiffre für seine Geliebte Clara gedeutet und verdeutlicht die persönliche Ebene seiner musikalischen Ausdruckssprache.
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- Martin Stepanek (Author), 2001, Heine - Schumann: ein interdisziplinärer Arbeitsbericht zu: Mit Myrten und Rosen und Die alten bösen Lieder, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9635