Da die Fragestellung nach Fortschritt oder Dekadenz der Sprache eine sehr umfangreiche ist, behandelt diese Hausarbeit hauptsächlich den Einfluss von Anglizismen auf die deutsche Sprache.
2. Beispiele für Anglizismen
Etwa 4000 englische Wörter beinhaltet die deutsche Sprache (Berliner Morgenpost, 17.Okt. 1998). Einige Beispiele dafür sind: Story, feedback, clean, after shave, background, cash, date, dealer, fun, freecall, joke, kid, level, mix, shop et cetera. Darüberhinaus haben sich auch einige Pseudo-Anglizismen in die deutsche Sprache eingeschlichen, die im Englischen etwas völlig Anderes bedeuten als im Deutschen. Beispiele für Pseudo-Anglizismen sind: body, dressman, talkmaster, wellness, handy, smoking etc..
3. ,,Die Fronten"
Beim Gebrauch dieser und anderer Fremdwörter differenzieren die Meinungen. ,,Für die einen sind englische Einsprengsel in der Rede der Ausweis von Weltläufigkeit und Modernität, für die anderen zeugt die Menge der ,,Angloamerikanismen" vom Niedergang des Deutschen als Kultursprache." 1 Nach Angaben des Instituts für Deutsche Sprache stammen 40 Prozent aller Neologismen der letzten Dekade aus dem Englischen, und 20 Prozent enthielten zumindest eine englische Komponente, beispielsweise last-minute-Urlaub. 25 Prozent aller vom Institut befragten Bundesbürger seien besorgt um ihre Muttersprache. 2 Der ,,Verein zur Wahrung der Deutschen Sprache" mobilisiert seine Kräfte zum Kampf gegen die ,,Überschwemmung des Deutschen...mit angelsächsischem Wort- und Sprachgut". 3 Das Hauptanliegen dieses Vereins ist es, den ,,Tiefencode" der deutschen Sprache vor einer Beschädigung zu bewahren, da eine Zerrüttung dieses Codes angeblich eine Verwirrung des Denkens und einen kulturellen Verlust zur Konsequenz hätte, was jedoch sehr übertrieben wirkt.
Anglizismen jedoch scheinen sich offenbar dem Tiefencode unterzuordnen, beispielsweise lassen sich Verben wie ,,managen" relativ problemlos konjugieren (ich manage, du managest, er managet...) und auch Adjektive wie "cool" lassen sich ganz ,,easy" steigern: cool, cooler, am coolsten.
Die Idee des Purismus in der deutschen Sprache wurde auch in vorherigen Jahrhunderten von vielen Anhängern unterstützt, konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Im Mittelalter wurden Begriffe aus dem Lateinischen übernommen, und im 17./18. Jahrhundert stand die französische Sprache hoch im Kurs- König Friedrich der Grosse sprach zu seiner Zeit überwiegend Französisch.
Auch Dieter Zimmer, Redakteur der Zeit, ist davon überzeugt, dass die Tiefenstruktur der deutschen Sprache gefährdet sei, plädiert jedoch gegen einen ,,Einreisestopp für fremde Wörter" in seinem Aufsatz ,,Neuanglodeutsch. Über die Pidginisierung der Sprache". Auch verneint er eine ,,Zwangseindeutschung" der Fremdwörter.
Einige Gegner der Anglizismen verweisen auf die Academie Francaise, deren Aufgabe es ist, die französische Sprache vor ausländischen- insbesondere englischen- Wörtern zu schützen. Daher fordern sie die Einführung ähnlicher Kompetenzen für die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, jedoch wissend, dass sich Sprache entwickelt und es ein vergebliches Unterfangen wäre zu versuchen, die deutsche Sprache ,,clean" zu halten. Eine interessante Theorie über die Herkunft von neuen Wörtern bietet der Düsseldorfer Anglist Dieter Stein, der den Ursprung verbaler Neuerungen in der Jugendsprache sieht. Dies stünde im Kontrast zu der Tatsache, dass früher neue Sprachtrends von der Oberklasse ausgingen. Die in der Jugendsprache geprägten Begriffe würden laut Stein von Werbetextern aufgegriffen, zumal insbesondere das jugendliche Klientel über eine gewisse ,,Konsummacht" verfüge. Via Marketing-Sprache gerieten die neuen Begriffe dann per Massenmedien in die Alltagssprache, in der sie sich etablierten. Stein begründet die hohe Anzahl von Anglizismen und Amerikanismen auch über den Tourismus und kontastiert diese mit den minimalen Einflüssen der türkischen Sprache trotz Millionen von türkischen Mitbürgern. Letztere Idee finde ich eher unzutreffend, da auch sehr viele Deutsch ihren Urlaub in der Türkei verbringen. Fakt ist jedoch offenbar, dass Anglizismen insbesondere im Zeitalter der Globalisierung und die damit verbundene Beschleinigung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens den Fortschritt ankündigen. Gerhard Stickel, Leiter des Mannheimer Instituts für Deutsche Sprache sagte zu diesem Aspekt: ,,Gerade in den Bereichen, wo es um die Wurst geht, wird fast nur noch Englisch gesprochen." und ,, Der deutschen Sprache brechen ganze Sachbereiche weg." ,so dass, ,, ...wenn das so weitergeht, können sich Chemiker in zwanzig Jahren nicht mehr auf Deutsch über ihr Fachgebiet unterhalten." 4 .
4. Weitere Beispiele für Anglizismen und deren Einfluss auf die deutsche Sprache Auch in der Idiomatik zeichnet sich der Einfluss der englischen Sprache ab. Einige Beispiele, um den englischen Einfluss zu belegen sind:
,,In Schlaf fallen" von "to fall asleep" anstelle von ,,einschlafen", ,,In Deutsch" von "in German" anstelle von ,,auf Deutsch" etc..
Hierbei stellt sich die Frage, ob der englische Spracheinfluss die Ausdrucksgenauigkeit der
deutschen Sprache erweitert oder hemmt. Zimmer fordert daher die genaue und sorgfältige Erwägung des Werts der einzelnen ,,Sprachimporte".
Eine sich ebenfalls stellende Frage lautet: Wieviele fremde Wörter verträgt eine Sprache?
Auf diese Frage existiert keine eindeutige Antwort, da eine Sprache viele Fremdwörter vertragen kann. Eine Sprache werde laut Zimmer nur dann beschädigt, ,,...wenn das höchst komplexe, einzigartige Regelgefüge, das sie darstellt, in Frage gestellt ist und sich aufzulösen beginnt. Ist also das Regelgefüge des Deutschen durch den Zustrom fremder Wörter und Wendungen in diesem Sinne gefährdet?"
Zimmer selbst bejaht diese Frage in Bezug auf die deutsche Sprache.
Hierbei unterscheidet er zwischen fünf Ebenen die zu einer Sprache gehören: 1.) die phonemische Ebene 2.) die morphemische Ebene 3.) die syntaktische Ebene 4.) die morphologische Ebene
5.) die Ebene der Beziehungen zwischen Lauten und Buchstaben.
Diese fünf Ebenen bilden den ,,Code" oder ,,Tiefencode" einer Sprache. Auf die Art und Weise, in welcher sich ein fremder Begriff in den Code einfügt, hört es auf, ein Fremdwort zu sein, so dass ein fremdes Wort Bewegungsfreiheit nur in dem Maß erhält, wie es sich dem Tiefencode der Sprache anpasst. Jedes Wort, welches aufgenommen wird, muss artikulierbar
Sein. Dies ist jedoch nicht immer der Fall aufgrund der Einschränkung des menschlichen Sprachvermögens. Beispielsweise fällt es Europäern leichter, europäische - oft sprachverwandte- Wörter zu artikulieren im Vergleich zu Wörtern einer Eingeborenensprache Südamerikas. Schwierigkeiten treten jedoch häufig bei der Aussprache von Wortkombinationen aus verschiedenen Sprachen auf, beispielsweise "Lifestyle-Debut-Plan" . Spricht man den gesamten Begriff englisch aus, oder wird nur Lifestyle englisch gesprochen, dafür Debut französisch und Plan deutsch?!?
Beispiele für die phonetische Einbindung englischer Wörter in die deutsche Sprache sind: Puzzle, Sport, Reporter etc.. Hierbei ist man deutlich von der englischen Aussprache
abgewichen und hat die Begriffe einfach ,,eingedeutscht". Die Rechtschreibung dieser Wörter ist jedoch ( bisher) unverändert gegenüber der Rechtschreibung der Wörter in ihrer Muttersprache.
Beispiele für unveränderte Übernahmen aus dem Englischen sind: email, broker, online und computer sowohl in Schriftbild als auch teilweise in Aussprache ( ,wobei im Falle von Computer, eine Zwischenlösung vorliegt).
5. Fazit
Anglizismen sind ein fester Bestandteil der deutschen Sprache geworden, wobei die Medien einen grossen Teil dazu beigetragen haben, insbesondere in der Werbebranche.
Ist es wirklich nötig, dass Siemens für ein call center mit cordless Telefonen für ein corporate Network wirbt, oder dass die Deutsche Telekom ihre Tarife in CityCall, RegioCall, GermanCall und GlobalCall unterscheidet, und dass o.tel.o for a better understanding wirbt?
Würden deutsche Wörter diese Inhalte nicht genauso gut wiedergeben können?
Die Antworten zu diesen Fragen muss sich ein jeder selbst stellen, da deren Beantwortung eine sehr subjektive Angelegenheit ist. Offenbar ist jedoch, dass Werbefirmen
stets darauf bedacht sind, im Trend zu sein, stets aktuell bezüglich der Sprache ihrer Konsumenten.
Gegenüber den zahlreichen Anglizismen der 90er Jahre in der deutschen Sprache stehen nur sehr wenig deutschsprachige Neuerungen, wie beispielsweise der Rinderwahn.
Fakt ist, dass einige Anglizismen nicht mehr wegzudenken sind, und dass es höchstwahrscheinlich aussichtslos wäre zu versuchen, einige Anglizismen durch deutsche Wörter zu ersetzen. Man muss jedoch mit Neuimporten aus anderen Sprachen zukunftig vorsichtiger umgehen, um langfristig gesehen eine Überlagerung der deutschen Sprache zu verhindern. Es muss daher ein Mittelweg gefunden werden:
Einerseits darf man sich neuen Wörtern aus der englischen Sprache nicht gänzlich verwehren, andererseits sollte jedes importierte Wort gründlich auf Notwendigkeit geprüft werden, um die deutsche Sprache vor überflüssigen Anglizismen zu bewahren. Welche Anglizismen jedoch als überflüssig zu betrachten sind, hängt vom Urteil des einzelnen ab.
Immanuel Kant schrieb:
,,Kein größerer Schaden kann einer Nation zugefügt werden,
als wenn man ihr den Nationalcharakter, die Eigenheit ihres Geistes und ihrer Sprache nimmt."
Dies trifft zwar für den momentanen Zustand der deutschen Sprache noch nicht zu, jedoch könnte dieser Zustand einmal entstehen.
Man kann Anglizismen einerseits allgemein gesehen als Weiterentwicklung betrachteninsbesondere im Zeitalter der Globalisierung können sie nützlich sein-, was jedoch den sprachlichen Fortschritt der deutschen Sprache betrifft, so muss sich ein jeder hierzu sein eigenes Urteil bilden.
Meiner Meinung nach sollte sich jeder der Worte Kants vergegenwärtigen, die momentan wie ein Damoklesschwert über der deutschen Sprache schweben.
Daher fälle ich -für meine Person sprechend -das Urteil, dass Anglizismen nicht zu sprachlichem Fortschritt führen, obwohl ich zugebe muss, dass einige Anglizismen sich sehr gut in die deutsche Sprache eingegliedert haben und unersätzlich sind. Die grosse Flut von Anglizismen, die die deutsche Sprache ergänzt, ist in diesem Ausmaß nicht positiv zu bewerten.
Viele Zeitungleser sind dankbar, wenn sie bei Nachrichten, Werbung und Artikeln auf Worte stossen, die allen verständlich sind, anstatt auf Redewendungen( beispielsweise can't beat that feeling), die nicht allen geläufig sind und sogar zu Verunsicherungen führen können.
1 Der Tagesspiegel, 21.03.2000, S.34.
2 Der Tagesspiegel, 21.03.2000, S.34.
3 Der Tagesspiegel, 21.03.2000, S.34.
4 Neue Westfälische, ???.
Arbeit zitieren:
2000, Anglizismen, München, GRIN Verlag GmbH
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