Heute ist Samstag, 1. Januar 2000, 10:30 Uhr. Ein lichter, frostiger und klarer Wintertag. Solche Kopfschmerzen, mit denen Sie aufwachen, haben Sie lange nicht mehr verspürt: Als hämmere ein kleines böses Männchen mit einem Stahlmeißelchen gegen Ihre Schädeldecke. Aber was soll's: Schließlich gab es Silvester und Neujahr zu feiern - den Beginn des Jahres 2000. Eine Tasse Kaffee wird's schon richten. Sie rollen sich mühsam aus dem Bett, schlurfen in die Küche - und müssen zähneknirschend feststellen: Die Kaffeemaschine tut's nicht. Und plötzlich dämmert es Ihnen, warum Sie den elektrischen Wecker nicht gehört haben: Der Strom in Ihrer Wohnung ist ausgefallen. Auf die heiße Dusche nach durchfeierter Nacht müssen Sie verzichten. Und kalt ist Ihre Bleibe auch: Ohne Strom keine Heizung. Das Zähneknirschen reicht nicht mehr aus - Ihnen schwillt buchstäblich der Kamm: Sie greifen zum Telefonum die Störungsstelle des Elektrizitätswerkes zu alarmieren; der übliche Neujahrsgruß an Mutter kann warten. Doch Sie erleben eine neuerliche Pleite: Das Telefon gibt keinen Ton von sich, kein Freizeichen, kein Besetztzeichen - nichts. Sie fluchen, beschimpfen jetzt lautstark die Telefongesellschaft - doch Ihr Wutausbruch bleibt unbemerkt. Es dauert nur wenige Sekunden, und Sie hören überhaupt nicht mehr auf zu fluchen: Der Kühlschrank und die Tiefkühltruhe (ohne Stromversorgung) werden abgetaut - Wasser macht sich in Ihrer Wohnung breit. Mit einem Haufen Lappen haben Sie das Problem zwar schnell im Griff - so viel Feuchtigkeit ist es ja nicht, Sie haben aber immer noch rasende Kopfschmerzen; da fällt Ihnen ein: Die Tankstelle um die Ecke (deutsche Supermärkte sind am Feiertag ja geschlossen, und heute ist Feiertag) ist ja geöffnet; und da wollen Sie sich endlich Ihren lang ersehnten Guten-Morgen-Kaffee an der Espresso-Maschine besorgen - doch Pustekuchen: das kleine Männchen in Ihrem Kopf attackiert spätestens jetzt statt mit dem Stahlhämmerchen Ihre Gehirnwindungen mit einem Preßluftbohrer. Denn auch die Tankstelle ist ohne Strom: Sie bekommen keinen heißen Kaffee, und selbst ein Brötchen oder ein paar Süßigkeiten können Sie nicht kaufen: Die elektronische Kasse ist schön anzusehen - gibt aber keinen Biep von sich. Sie eilen nach Hause - doch das Telefon funktioniert immer noch nicht, genau so wenig sind die Heizung, der Kühlschrank, Ihr Heim-Computer aktiv. Spätestens jetzt ist Ihnen klar geworden: Sie haben ein Problem, Sie haben ein riesengroßes Problem - Sie haben das Jahr-2000-Computer-Problem.
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„Das größte Projekt in der Geschichte der Elektronischen Datenverarbeitung.“ So bezeichnen nicht nur Computer Fachleute die weltweiten Anstrengungen, das sogenannte „Jahr-2000-Problem“ zu lösen. Der amerikanische Präsident Bill Clinton und Großbritanniens Premierminister Tony Blair haben sich dafür eingesetzt, dass das „Jahr-2000-Problem“ auf dem G8-Gipfel der wichtigsten westlichen Industrieländer in Birmingham behandelt wird.
Und gerade die amerikanische Regierung hat schon vor geraumer Zeit y2k vorrangige Bedeutung eingeräumt. y2k ist die Abkürzung von year2kilo, also Jahr 2 Tausend. Präsident Bill Clinton und Vizepräsident Al Gore haben das Thema Mitte des vergangenen Jahres zur Chefsache erklärt:
Der millennium bug - zu deutsch: das Computer-Jahrtausendproblem. Beileibe kein Sachverhalt, der lediglich Systemadministratoren oder Programmierern Kopfschmerzen bereitet oder ein Thema für Computerspezialisten darstellt. Der millennium bug berührt sämtliche Bereiche unseres Lebens und ist damit eine politisch-ökonomisch-soziale Aufgabenstellung erster Ordnung.
Peter de Jager, einer der führenden amerikanischen Systemanalytiker, der sich schon seit geraumer Zeit mit dem millennium bug beschäftigt und auf einer eigenen Seite im Internet das Problembewußtsein schärfen will, hat vor kurzem via World Wide Web einen offenen Brief an den amerikanischen Präsidenten gerichtet mit der Zielrichtung, auf höchster staatlicher Ebene das Jahr-2000-Problem zu be-handeln und Initiativen zu ergreifen - mit öffentlichen Absichtserklärungen, denen keine Taten folgten, sei schließlich niemandem geholfen.
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Das Jahr-2000-Computer-Problem - ein relativ kleines, ein rein tech-
nisches Problem. Zu Beginn des "Computerzeitalters" vor etwa 30 Jahren war Speicherplatz in den damals klobigen Rechnern knapp und sehr teuer, was die Programmierer der ersten Stunde zu Sparsamkeit zwang: sie ließen in den Jahreszahlen die beiden ersten Ziffern aus. Statt 1965 beispielsweise schrieb man eben nur 65. Zu jener Zeit machte sich niemand Gedanken darüber, daß diese Form der Jahresangaben Jahrzehnte überdauern könnte. Das bedeutet: Beim Wechsel ins Jahr 2000 interpretieren sehr viele Systeme die Jahresangabe 10.10.00 als 10.10.1900 - eine Jahresangabe, die in Millionen Rechnerprozessen beunruhigende Konsequenzen nach sich ziehen kann.
„Warum tauscht man diese Chips nicht einfach aus?“, möchte man sagen. Das hört sich einfach und vernünftig an, gäbe es da nicht die sogenannten "embedded systems", auf Deutsch die eingebetteten, nicht sichtbaren elektronischen Steuerungen, die heute praktisch überall in großer Zahl zu finden und nicht mehr zu kontrollieren sind. Und genau diese "embedded systems" sind es, die für Abstürze der Rechner am 1. Januar 2000 sorgen könnten.
Eine einzige Ölbohrplattform enthält heutzutage mehr als 10.000 der "embedded", der eingebetteten Chips.
Die Lösung dieses Problems ist unglücklicherweise äußerst schwierig, schmerzhaft und erfordert einen hohen Einsatz von Arbeitskräften. Millionen Arbeitsstunden sind notwendig, um die Computercodes für hunderttausende von unabhängigen Organisationen neu zu schreiben, sie zu kaufen und Notfallpläne zu erstellen, damit die Regierungsarbeit nicht zum Stillstand kommt - und das ist ganz sicher die umfangreichste Herausforderung für das Management in der Geschichte.
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Da viele Datenverarbeitungs-Anlagen durch die Doppelnull ins Jahr 1900 zurückversetzt werden, springen sie wie ein durchgelaufener K ilometerzähler 100 Jahre zurück. Die möglichen Folgen: Schwerwiegende Fehler in zahlreichen Programmen. So könnten Aufzüge und ganze Produktionsanlagen mit zeitgesteuerten Inspektionssystemen stehenbleiben, denn rechnerinterne Prüfroutinen glauben auf einmal, daß die Wartungsintervalle um 100 Jahre überschritten sind, und stoppen die Programmabläufe. In der Renten- und auch L ebensversicherung werden die Laufzeiten von Verträgen falsch berechnet, Statistiken mit Zeitreihen geraten durcheinander.
Betroffen davon sind u.a. z.B. Strom- und Wasserversorgungsunternehmen, die Finanzwirtschaft, die Atomindustrie, Anlagen der Telekommunikation, Türsicherungen, Fahrzeuge aller Art, Flugzeuge und Schiffe, Automobilwerke, der Groß- und Einzelhandel, öffentliche Verwaltungen sowie Rundfunk- und Fernsehanstalten.
Fachleute rechnen mit Störungen, die allein in Deutschland Schäden in Milliarden-Höhe verursachen. Nach Schätzung der Industrie- und Handelskammer in Köln könnte die Zahl der Konkurse wegen des „Jahr-2000-Problems“ um bis zu 10 Prozent steigen. Und Dr. Edward Yardeni, Chefökonom der Deutschen Bank Securities in New York, geht davon aus, daß y2k eine ernste B edrohung für die Weltwirtschaft darstellt. Schon Mitte 1998 warnte er vor einer globalen Rezession.
Mögliche Auswirkungen:
FOLIE (2)
FOLIE (3)
Die Unternehmensberatung Gerling-Consulting in Köln hat die Angaben von über 1.600 Firmen ausgewertet (Stand: 26.2.1999). Demnach haben 31 Prozent der Firmen die Umstellung abgeschlossen, 47 Prozent haben teilweise abgeschlossen, 22 Prozent haben noch nichts oder nur sehr wenig unternommen. Gerling-Consulting schätzt, daß 15 bis 20 Prozent aller Unternehmen wegen Jahr-2000-Computerfehler Probleme bekommen werden. Diese Probleme reichen von vorübergehenden Störungen im Betriebsablauf bis hin zum Konkurs.
Deutschland besser und weiter als andere? Unternehmensanalysten der amerikanischen Beratungsfirma Gartner Group, die mit einer sogenannten Tactical Strategy Group das Jahr-2000-Problem in Angriff genommen haben, sind der Auffassung, daß Deutschland kaum als Vorzeigenation angesehen werden kann. Kenn Orr, einer der Gartner-Spezialisten, wird nach einem Deutschland-Besuch Anfang dieses Jahres mit den Worten zitiert:
"In einem Land, in dem die Straßenbahnen und Züge in der Regel pünktlich ankommen und abfahren, fällt es den Menschen offenbar schwer zu glauben, daß es einen so ungeheuren Fehler wie das Jahr-2000-Problem überhaupt gibt."
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Bis heute kann niemand genau die Höhe der Kosten abschätzen, die die Datumsumstellung in den Computern letztlich verursachen wird. Die Innenverwaltung der deutschen Hauptstadt Berlin hat im Frühjahr 1,7 Millionen Mark veranschlagt - dort müssen bis Ende 1999 insgesamt rund 25.000 Computer "jahr2000fest" gemacht werden. Das amerikanische Firmenberatungsunternehmen Gartner Group schätzt den Aufwand für die Bereinigung des Problems - sofern es sich in der noch verbleibenden Zeit überhaupt bereinigen läßt - auf bis zu 600 Milliarden Dollar weltweit; die Skala für Aufwendungen ist nach "oben offen".
Der Versicherungskonzern Gerling rechnet mit 43 Millionen Mark. Mercedes Benz AG veranschlagt 50 Millionen Mark. Der Lebensmittel- und Waschpulver-Riese Unilever schätzt rund 900 Millionen Mark.
Das Weiße Haus in Washington beziffert die Ausgaben für die Reparaturarbeiten allein in seiner Administration auf 6,5 Milliarden Dollarum die gesamte amerikanische Wirtschaft jahr-2000-fest zu machen, werden zwischen 50 und 60 Milliarden Dollar benötigt; und das, obwohl nach Angaben Washingtons der größte Teil der Arbeiten an y2k bis Juli dieses Jahres erledigt sein dürfte.
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Verweis auf Checkliste im Handout à
Bei Mannesmann ARCOR arbeiten rund 140 Mitarbeiter an dem Jahr-2000-Problem. Auch das Telekommunikationsunternehmen O.tel.o setzt alles daran, sämtliche mögliche Fehler von vornherein auszuschließen. Wolfgang Weise, Leiter der Business Support Systeme bei O.tel.o, schätzt die monatlichen Kosten, die y2k verursacht, auf 54 Millionen Mark. Summen, die ganz sicher nicht in die Kategorie Verschwendung einzustufen sind. Und bei den umfangreichen Überprüfungen, die notwendig sind, gibt es manchmal auch Überraschungenin Betriebsbereichen, die mit der Telekommunikation gar nicht zu tun haben.
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Autoren im weltweiten Internet haben Ihre Horrorvisionen in etlichen Geschichten zu Papier gebracht. Die bekannteste dürfte wohl die „doomsday-story“ sein - Eine Geschichte vom Zusammenbruch der Zivilisation - der totalen Apocalypse -, wenn die Zeiger der Uhren auf den 1. Januar 2000 springen. Hier wird u.a. vom unkontrollierten Abfeuern von Atomwaffen geredet.
Diese Schauermärchen werden in dieser Form sicherlich nicht auftreten. Wir brauchen uns also nicht wie Dennis Edwards aus Nevada City, Kalifornien auf den 1. Januar 2000 vorzubereiten. Der Familienvater - Verkäufer von Beruf mit mittlerem Einkommen - hat rund 17.000 Dollar aufgewendet, um sich g egen die möglichen Folgen von doomsday zu wappnen. Lebensmittel für 90 Tage werden gehortet, verfügbares Bargeld wird in Gold umgetauscht, Generatoren für die unabhängige Stromversorgung werden angeschafft, Brunnen oder Tanks für das Trinkwasser werden angelegt. Edwards' Begründung für diese Vorsichtsmaßnahmen: "Keiner weiß, was geschehen wird. Ich habe eine Familie, für die ich sorgen muß." Der Familienvater spielt zudem mit dem Gedanken, sich eine Waffe zuzulegen: "Wir leben in der Nähe von Sacramento - und wenn es tatsächlich zum großen computer crash am 1. Januar 2000 kommen sollte, sind Unruhen und Panik zu befürchten. Und vor Kriminellen wollen wir uns schützen."
Dennis Edwards gehört zu einer wachsenden Zahl von amerikanischen Bürgern, die sich selbst als survivalists, als Menschen, die überleben wollen, bezeichnen. Keine Frage, daß diese survivalists als Verrückte angesehen werden - was die Betreffenden wenig stört. "Was ist schon dabei, wenn man sich mit allem Nötigen schon jetzt eindeckt und einen Generator daheim hat? Wenn wirklich nichts geschehen sollte - schön. Und es kann nicht verkehrt sein, über eine unabhängige Stromversorgung zu verfügen, wenn man außerhalb der Stadt wohnt."
Troz alledem wünsche ich jetzt schon einen schönen Jahreswechsel, der hoffentlich nur mit einem Kater endet und nicht mit einer Telefonrechnung über ein 100 Jahre dauendes Gespräch über 21.537 Mark und 72 Pfennig.
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
Für Fragen stehe ich gerne noch zur Verfügung.
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Arbeit zitieren:
Bernhard Schlögel, 1999, Das Jahr2000-Problem, München, GRIN Verlag GmbH
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