Nacheinander von punktierten Halben und Vierteln auf, die die Phrase stockend oder schreitend wirken lassen. Erstmals tauchen hier auch die schon erwähnten Hinweise zur Spielweiser (dolce) auf. b‘ ist eine abgewandelte Wiederholung der ersten Phrase. Das erste Intervall (die kl. Sek.) wurde zu einer großen Sekunden augmentiert. Auch beginnt hier ein Chrescendo poco a poco und schließlich eine Tempozunahme (Animando, T. 94): es wird also Spannung aufgebaut, die mit b‘‘ noch gesteigert wird. Phrase b‘‘ ist eine exakte Sequenzierung von b um eine große Sekunde nach oben. Phrase b‘‘‘ indes beginnt wie eine Sequenz von b‘‘ um eine weitere Sekunde, endet aber mit einem rhythmisch abgewandelten, ritardierten und betont phrasierten Abgang in T. 101. Sie endet wie b in T. 102 piano und a tempo. Das Sforzato in Takt 99 hebt den Höhepunkt der Phrase und des ganzen Themas hervor: das c3 auf der ersten Zählzeit.
Das in allen vier Phrasen sequenziert oder verändert vorliegende Motiv könnte eine Art Seufzer darstellen, der mit der Vergrößerung des ersten Intervalls (T. 97, 91, 95, 99) und der Erhöhung gleichsam eine wiederholtes und gesteigertes Aufstöhnen verbildlicht. Womöglich wollte Berlioz in dieser zweiten Phrase einen weiteren Aspekt seiner Gefühle zu der Geliebten vertonen: die Verzweiflung über ihre Ferne, über den Abstand zwischen dem Liebenden und der Geliebten oder ähnliches.
Der dritte Teil C beginnt in Takt 104. An dieser Stelle ist die formale Einteilung jedoch nicht ganz eindeutig. Der Takt 103 gehört thematisch eher zur vorherigen Phrase, verleiht dieser aber eine gewisse Asymmetrie. Der Takt steht etwas zwischen den beiden Teilen und stört dadurch die Formeinteilung ein wenig.
Man kann C in drei logische Phrasen einteilen: c, c‘ und d, wobei c und c‘ auch als eine Phrase gedacht werden könnten. Es wird dort ein dem in Teil B ähnelndes Seufzermotiv aufgebaut. In Takt 104 bildet eine Zweivierteltriole den Auftakt zu einer fallende Septime. Das Dynamikgefälle von Forte beim Auftakt und Piano in T. 104 akzentuiert dieses Motiv. Es wird in den folgenden zwei Takten ausgehend vom a‘ und mit einer fallenden Sexte als abgewandelte Sequenz wiederholt, versehen aber mit ähnlichen Dynamikschritten vom Sforzato zum Piano. Die letzte Phrase des Teils lässt sich mit keinem vorherigen Motiv in Verbindung setzen. Es ist charakteristisch durch große Dynamikschwankungen (von Piano bis Sforzato innerhalb eines Taktes, T. 108), eine Fermate in T. 109 und ein weiteres, stärkeres Ritardando in T. 110. Die Phrase beginnt mit zwei aufstrebenden Vierteltriolen aus teils chromatischen Tonfolgen. Die Tonwerte sind im folgenden wieder länger, in Takt 108 liegt ein Höhepunkt, der durch eine fallende große Sexte unterbrochen und durch die dann folgende steigende kleine Sexte seinen Schluss auf der Fermate in T. 109 findet. Ein dem Aufgang in Takt 107 ähnelnder Abgang aus Vierteltriolen führt die Phrase auf den Schlusston c2, von dem aus es a tempo weitergeht. Dieser letzte Teil könnte eine weitere, bewundernswerte Facette der Geliebten beleuchten,
womöglich die Festigkeit ihres Charakters oder irgend eine andere Bewunderung des Liebenden an ihr.
Abschließend lässt sich feststellen, dass das vorliegende Thema des ersten Satzes aus der Symphonie Fantastique von Hector Berlioz in vielerlei Hinsicht anders ist, als gewöhnliche Sinfoniethemen. Es fallen besonders die asymmetrische Themenbildung, die niemals exakten Sequenzen, die rhythmische Uneinigkeit (durch den alla breve Takt fast Synkopen an manchen Stellen, Duolen und Triolen nacheinander), die großen non-kantablen Intervalle, die Temposchwankungen und die detaillierten Angaben zur Spielweise auf.
Vom Programm ausgehend scheint Berlioz in den unterschiedlichen Phrasen seines ersten Themas versuchte zu haben, verschiedene Seiten der Beziehung des Liebenden zu seiner Geliebten darzustellen. Das umfasst Bewunderung und Hinaufschauen ebenso wie seufzerhaftes Klagen und Hoffen.
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Andree Michaelis, 2000, Analyse der "idée fixe" aus Berlioz` Symphonie Fantastique, Munich, GRIN Publishing GmbH
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