Als 1848 die Revolution in Deutschland scheiterte, weil die Ziele der verschiedenen politischen Gruppierungen unvereinbar waren, distanzierte sich das Bürgertum von der Politik. Die Schriftsteller wandten sich ebenfalls von der Politik ab, politische Probleme spielten daher im literarischen Realismus nur eine geringe Rolle.
Nach dem Krieg zwischen Preußen und Österreich kam es 1866 zur Auflösung des Deutschen Bundes, dies hatte einerseits eine kleindeutsche Nationallösung unter Führung Preußens und andererseits eine Doppelmonarchie Österreich - Ungarn zur Folge. 1869 war das Gründungsjahr der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (August Bebel, Wilhelm Liebknecht), welche versuchte eine Lösung der sozialen Frage zu finden. Das Sozialgefüge hatte bis zur Jahrhundertwende die alten Strukturen im Ganzen beibehalten (Adel - Klerus - Bürger - Bauern - Gesellen - Landarbeiter). Veränderungen kamen durch die Industrialisierung und den Kapitalismus, so daß sich das Großbürgertum bildete. Die von 1848 angesprochene Abkehr der Bürger von der Politik wandte sich regelrecht in eine Arbeitslust um. Es kam zum wirtschaftlichen Aufschwung der durch einige Tiefpunkte, wie z.B. den Deutsch - Französischen Krieg (1870), unterbrochen wurde und in den neunziger Jahren seinen Höhepunkt erreicht hatte.
Die Mehrzahl der Arbeiter kam aus ländlichen Gebieten, Deutschland entwickelte sich aber mehr und mehr zu einem Land mit städtischer Bevölkerung. Durch die zunehmende Zahl des Proletariats entwickelten sich nach und nach andere Daseinsverhältnisse, als in der Zeit der Agrarwirtschaft.
Die Lebensweise der Arbeiter grenzte sich vom Bürgertum ab. Sie lebten auf engstem Raum, mit zumeist großer Familie, in Mietskasernen oder Wohnsiedlungen. Aus dieser Lebensweise entwickelte sich bald ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das Proletariat bildete eine Gemeinschaft. Man bekämpfte gemeinsam die gegen Sozialdemokratie gerichteten Gesetze und lebte sein eigenes Leben. Das Proletariat wurde aus dem Staatswesen und der Politik ausgegrenzt, somit hatte es kein Mitspracherecht und auch keine Chance auf einen Sitz in der Volksvertretung.
Da die Betriebe wuchsen und neue Arbeitskräfte im Bürowesen benötigt wurden, bildete sich ein weiterer Stand, die Angestellten. Die Angehörigen dieses Standes konnten Lesen und Schreiben und waren in der Lage auch selbständig Texte zu verfassen. Sie waren gebildet und daher für die Literatur von besondere Bedeutung. Als Gegenstand der Literatur spielte das Proletariat kaum eine Rolle.
3. Geistiger Hintergrund:
Geistige Grundlagen zur Zeit des Realismus waren:
− Die Naturwissenschaften, der technische Fortschritt:
Die Entwicklung der Technik und die damit verbundenen Erfindungen, z.B. Röntgenstrahlen, Dieselmotor und die Elektrizitätslehre führten zur Vorstellung der Erklärbarkeit aller Dinge und des Menschen.
− Der Positivismus:
Positivismus bedeutet Glaube an den Fortschritt der Wissenschaften, er sieht den Sinn alles Wissens im praktischen Nutzen. Kennzeichnend ist die grundsätzliche Beschränkung der Gültigkeit menschlicher Erkenntnis auf das durch Erfahrung Gegebene. Die Folge ist die Auflösung der Religion.
− Der Materialismus:
Der naturwissenschaftliche Materialismus des 19.Jahrhundert wollte auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen eine wissenschaftsoptimistische materialistische Weltanschauung aufbauen. Er leugnet die Existenz Gottes, ebenso wie die des freien Willens.
Der Materialismus fördert ebenso die Auflösung der Religion. Was nicht als Materie angesehen werden kann, gilt als Einbildung oder Trugbild.
− Der Evolutionismus, der Determinismus:
Im Mittelpunkt steht der Evolutionsgedanke, d.h. alles Leben ist durch Höherentwicklung der Materie erklärbar (Darwin). Der Mensch nimmt keine Sonderrolle in der Schöpfung ein. Geist, Freiheit, Seele und Gott sind Erfindungen.
− Der Pessimismus:
Philosophische Auffassung, wonach die bestehende Welt schlecht ist, keinen Sinn enthält und eine Entwicklung zum Besseren nicht zu erwarten ist.
Schopenhauer hielt politischen Wandel für unmöglich.
4. Merkmale:
− Sach- und Dinggebundenheit
− Versuch einer objektiven Wirklichkeitsdarstellung, genaue Zustandsbeschreibung − In der Novelle psychologisch feine Charakterisierung, strukturierende Leitmotive − Milieuschilderungen dienen der Verdeutlichung seelischer Vorgänge − Einfache, volkstümliche Stilmittel, natürliche Sprechlage; Dichtung behält bewahrende Rolle, obwohl sich Themen und Formen verändert haben
Realisten erheben den Anspruch die Zeitgenössische Wirklichkeit darzustellen. Dennoch ist die Basis ihrer Denkweise und ihrer Theorien idealistisch. Sie wollen das wesentliche sichtbar machen, indem sie nebensächliche und zufällige Elemente herausschneiden. Vom Idealismus hebt sich der Realismus dadurch ab, daß er die Welt nicht mehr darstellt, wie sie sein sollte, sondern wie er sie sieht und interpretiert.
Bei der Sicht und Deutung der Welt stehen die Realisten in dem geistigen Zwiespalt ihrer Zeit: zwischen dem traditionellen Denken und den Einflüssen von Strauß, Feuerbach und Schopenhauer, zwischen Optimismus der Hegelnachfolger und dem Pessimismus Schopenhauers. Sie vermeiden die Extreme und suchen den Mittelweg. Zwischen den Literaten gab es wenig Kommunikation, jeder schrieb für sich allein, verfolgte aber was der Kollege herausgab. Es bildeten sich keine nennenswerten Gruppen. Starke Beachtung fanden beim Schreiben u.a. die Umwelt, die Details und die Entwicklung der einzelnen Charaktere.
Die Dichter des Realismus waren fast durchweg Angehörige des mittleren und kleinen Bürgertums
Es gibt verschiedene Formen der realistischen Literatur:
− Die erzählende Dichtung Im Zentrum des europäischen literarischen Realismus steht das Romanschaffen. Im deutschsprachigen Raum übernimmt die erzählende Dichtung die Vorherrschaft über die Gattungen. Dabei entwickelt sich hier mit der Novelle eine eigenwertige literarische Form, die im Gegensatz zum Roman international Geltung erlangt.
Mit den Formen wandeln sich die Gestaltung, der Stil, die Sprache. Aus der Opposition gegen den hohen Stil in Epos und Drama wächst der Sinn für Humor, man nähert sich der Umgangssprache an. Allerdings bleibt es weitgehend bei einem gehobenen Gesprächston.
− Der Zeitroman Unter einem Zeitroman versteht man ein Werk, daß Denk-und Erfahrungsweisen seiner Gegenwart erzählerisch gestaltet und ein politisch - gesellschaftliches, geistiges und
kulturelles Panorama entwirft. Im Realismus spielt der Zeitroman eine zentrale Rolle. Das Schicksal von Menschen aus bürgerlichen Berufen wird geschildert, darunter gibt es Pfarrer, Kaufleute, Handwerker, Beamte usw.
Das Darstellungsziel ist nicht ein Idealtypus. Der Autor setzt seinen „Helden“ mitten in die Welt, zeigt auf, wie er sich mit dem Zeitgeist, den Widerständen des Umfelds und den Absonderlichkeiten seiner Mitmenschen plagt und dabei seine eigene Persönlichkeit entfaltet, ohne daß er ihn zu einer vorbildlichen, allgemein gültigen Gestalt überhöht. So ist bezeichnend, daß der bedeutendste realistische „Künstlerroman“, Gottfried Kellers „Der grüne Heinrich“ nicht den Aufstieg, sondern daß Scheitern des Malers Heinrich Lee zum Inhalt hat. In der weiteren Entwicklung rückt man mehr und mehr von großen Weltzusammenhängen ab und wendet sich verstärkt den überschaubaren Bereichen der Heimat, eines Berufsstandes oder der Familie zu.
− Novelle und Erzählung
Novelle ist ein literarischer Begriff für Erzählungen verschiedener Art. In der zweiten Jahrhunderthälfte wurde die Novelle im deutschsprachigen Bereich vor allem aufgrund der aufblühenden Kulturzeitschriften und Familienblätter zu einer zentralen Literaturgattung. Die Novelle gibt nicht das umfassende Bild der Weltzustände, aber einen Ausschnitt aus einem Menschenleben, das eine Spannung, eine Krise hat und uns durch eine Gemüts- und Schicksalswendung zeigt, was Menschenleben überhaupt ist. Die Novelle sollte objektiv berichtend, ein einziges Problem behandeln, eine mittlere Länge zwischen Roman und Kurzgeschichte und einen gradlinigen, einsträngigen Aufbau haben.
− Die lyrische Dichtung
Von den Vertretern einer literarischen Epoche, die sich auf die erzählende Dichtung konzentriert hat und eine realistische Darstellung anstrebt, ist nicht zu erwarten, daß sie in der Lyrik neue Wege beschreitet. Tatsächlich bleiben sie bei den überkommenen Motiven und Formen. Erst gegen Ende der Epoche sind Ansätze erkennbar, sich der realistischen Sehweise zu stellen und sie mit neuartigen Stilmitteln und Gedankenführung anzuwenden. Die ersten Jahre des Realismus sind in der Lyrik durch zwei Erscheinungen bestimmt: Die politische Lyrik wechselt in einer vollständigen Umkehr vom revolutionären Ton zum vaterländischen Reichston. Die unpolitische Lyrik übernimmt die Themen und Formen ihrer Vorgänger, vor allem Goethes.
Das Festhalten am Alten geschieht auch unter dem Druck einer Öffentlichkeit, der ein wohlgeformtes Gedicht nach wie vor als die Krönung der Poesie galt.
− Die dramatische Dichtung:
Das Drama, bislang die angesehenste Gattung, erlitt durch die realistische
Kunstauffassung einen Rückschlag. Die unheroische Lebensauffassung des Bürgers
vertrug sich nicht mit dem rhetorischen Pathos Schillers und mit der überlieferten Auffassung von den hohen Inhalten der Tragödie. So verlor die Gattung an Niveau und trat schließlich ganz in den Hintergrund: Nach Hebbel entstand bis zum Naturalismus kein bedeutendes Drama mehr.
− Die Ballade
Die Ballade des Realismus kehrt wieder zur „klassischen“ Form zurück. Diese enthält epische, dramatische und lyrische Elemente. Im Realismus neigt sie eindeutig zum Epischen, das Dramatische und das Lyrische ordnen sich in der Regel dem Erzählstrang unter. Man befaßte sich vor allem mit Heldenballaden.
5. Thematik:
Der Realismus beschäftigt sich mit der Darstellung des Bürgertums, wobei der bürgerliche Alltag im Mittelpunkt steht. Der Stoff ergibt sich nicht mehr aus der Welt der Ausnahmegestalten und Helden, sondern aus dem Charakter des Durchschnittsmenschen. Dichtung bewahrt die zeitlosen Werte in Natur, Geschichte, Gesellschaft und Moral. Der Realismus wollte die Welt unparteiisch beobachten und schildern. Wichtige Themen waren z.B. die soziale Frage, das Staatswesen und der Gemeinschaftsgedanke. Mittelpunkt der realistischen Darstellung war der Mensch.
Die Bedeutung des Humors im bürgerlichen Realismus hängt mit dessen verstehender Haltung, seinem „Achselzucken den Zuständen“ gegenüber, dem „Nichtparteiergreifen“ zusammen. Der Humor lebt aus der Spannung des Objektiven und Subjektiven, ermöglicht Relativierung und Distanz und dient schonungsloser Demaskierung.
6. Wichtige Vertreter:
Fontane, Theodor (1819 - 1998), Gesellschaftsromane, u. a. „Effi Briest“ (1894); Balladen und Erzählungen.
Hebbel, Friedrich (1813 - 1863), einziger bedeutender Dramatiker, Hauptthema: Scheitern eines tragischen Individuums in der Welt, u. a. „Maria Magdalene“ (1844). Keller, Gottfried (1819 - 1890), bedeutendster Entwicklungsroman nach Goethe und Jean Paul: „Der grüner Heinrich“(1854/55); Novellenzyklen, u. a. „Zürcher Novellen“ (1876 - 1878). Meyer, Conrad Ferdinand (1825 - 1898), Gedichte und Novellen, u. a. „Der Schuß von der Kanzel (1878).
Raabe, Wilhelm (1831 - 1910), Romane, u. a. „Der Hungerpastor“ (1864)
Storm, Theodor (1817 - 1888), geprägt durch die nordfriesische Landschaft; Lyrik im Ton der Spätromantik; Novellen, u. a. „Der Schimmelreiter“ (1888).
Dennis Mohrmann, Klasse 13/2 Fach: Deutsch
Literaturverweis: Literaturgeschichte kurzgefaßt, dtv: Literaturgeschichte: Realismus, dtv: Daten deutscher Dichtung, Chronologischer Abriß der deutschen Literaturgeschichte, Band 2 Vom Realismus bis zur Gegenwart
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Dennis Mohrmann, 2000, Literaturgeschichte zur Zeit des Realismus, Munich, GRIN Publishing GmbH
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