musste er auf Reisen gehen, denn eine jede Geschichte, die erzählt wird, ist eine eigene. Sonst gilt sie nicht.
Sich berühren lassen: Die Suchenden suchen einen Menschen, dem sie sich anvertrauen können, nicht in erster Linie einen Psychologen oder einen Sozialarbeiter. Das heißt, ich muss fähig sein, mich berühren zu lassen. Wenn wir einander gegenüber sitzen, berührt sich unser Leben.
Die Geschichte vom Umhang
Hierzu gibt es chassidische Geschichten. Ich will mit einer beginnen:
Eine Frau kam zu Rabbi Israel, dem Maggid von Kosnitz, und weinte vor ihm? Ein Dutzend Jahre sei sie vermählt und habe noch keinen Sohn. Was willst du tun? fragte er. Sie wusste nichts zu antworten. Meine Mutter, erzählte nun der Maggid, ist alt geworden ohne ein Kind zu haben. Da hörte sie, dass der heilige Balschem auf einer Reise in ihre Stadt Apta weilte. Sie lief zu ihm in die Herberge und flehte ihn an, ihr einen Sohn zu erbeten. Was willst du tun, fragte er. Mein Mann ist ein armer Buchbinder, antwortete sie, aber etwas Gutes habe ich doch, das will ich dem Rabbi geben. Stracks lief sie heim und holte den sorgsam verwahrten Umhang, die Katinka, aus der Truhe. Als sie aber damit in die Herberge kam, erfuhr sie, dass der Balschem bereits wieder nach Mesbiz abgereist sei. Sie machte sich ohne Verzug auf den Weg und ging, da sie kein Geld zum Fahren hatte, mit ihrer Katinka von Stadt zu Stadt, bis sie nach Mesbiz kam. Der Balschem nahm die Katinka und hing sie an die Wand. Es ist gut, sagte er. Meine Mutter ging wieder von Stadt zu Stadt, bis sie nach Apta kam. Im Jahr darauf wurde ich geboren. - Auch ich will, rief die Frau, euch einen guten Umhang von mir bringen, dass ich einen Sohn bekomme. - Das gilt nicht, erwiderte der Maggid, Du hast die Geschichte gehört. Meine Mutter hatte keine Geschichte gehört. (Buber, 1949, 439 f.).
Schlecht beraten bin ich, wenn ich mich auf fremde Geschichten verlasse. Mein Leben ist erst einmal mein Leben. Wie ich heile, hängt mit mir und meiner Heilung zusammen.
Der ängstliche Heillose Heiler: Der Heillose Heiler vertraut auf die Heilsprüche anderer, während der Geschichtenerzähler auf Suche ging und eine neue Geschichte erlebte, verlässt sich der Heillose Heiler auf die Weisheiten anderer. Selbstverständlich kennt er den genauen Unterschied zwischen Gesund und Krank - für die anderen, nicht für sich. Er besinnt sich nicht lange und sucht in seiner Methodenkiste nach dem rechten Heilungsweg, den andere ihm erzählt haben. Er will mit den Metaphern fremder Geschichten zaubern, die er selber nicht mit seinem Herzen begriffen hat, und für die der Heilsuchende nicht bereit ist. Ratschläge hat er parat, noch und nöcher. Sich selber hält er hübsch raus. Heilung ist doch nicht sein Thema, oder? Eher doch des Hilfesuchenden. Und schnell wird er zum Pfleger und der Heilsuchende zum Pflegling. Von sich überzeugt, erblindet der Heillose Helfer und übersieht, dass seine Geschichte mit der des anderen verknüpft ist. So geraten sie schnell aneinander und aneinander vorbei: enttäuscht und verwirrt kehrt der Heilsuchende immer und immer wieder, in der Überzeugung, dass sein Guru sein Glück schon in den Händen hält - nur rückt er halt noch nicht damit heraus. Und so treffen sich beide immer und immer wieder: heillos heilt der heillose Helfer, dabei hat die Reise beider vorläufig hier ihr Ende gefunden.
Zaubertränke: Wachsam ängstlich schaut der Heillose Heiler, der sich nicht kennt, um. Niemand ihn von seiner eben erst erlangten Heilfähigkeit, an die er seine ganze Existenz und Jahre seiner Ausbildung und seines Lebens gehängt hat, in die kaum Gefilde der Unsicherheit und des Zweifels zurückstoßen. ,,Dies ist es", sagt er ? So stolz, und merkt nicht, dass dies
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schon wieder vorbei ist. Nichts lässt sich halten, was man nicht jeden Augenblick wieder weggeben kann. Die Heilfähigkeit gilt es Moment neu zu erhalten, im Aufgeben sich schenken zu lassen, aus der Tiefe der Begegnung. Kaum kommt der Heillose Heiler auf den Gedanken, dass er sich auch auf der anderen Seite wiederfinden könnte; wenn dieser Gedanke in ihm aufblitzt, dann sehr zu seiner Beunruhigung. Kaum beschleicht ihn die Ahnung, dass seine Lehrer ihm keinen Zaubertrank verkauften, kein Elixier der Wahrheit oder des Heilens. Vielleicht waren seine Lehrer nur heimlich ZEN - Meister, die ihn mit ihren Lehren befähigen wollten, später selber um den Rechten Weg des Heilens zu kämpfen. Er begriff sie nur wörtlich. Aber das Geheimnis liegt in ihm verborgen, er braucht es sich nur heraufzuholen.
Der Heillose Heiler gleicht dem Mann, der ins Land der Narren kam und diesen dass das Ungeheuer auf ihrem Felde ...
Aber ich will die Geschichte lieber erzählen:
Das Melonenfeld
Es war einmal ein Mann, der sich verirrte und in das Land der Narren kam. Auf sei einem Weg sah er Leute, die voller Schrecken von einem Felde flohen, wo sie Weizen ernten wollten. Im Felde ist ein Ungeheuer, so erzählten sie ihm. Er blickte hinüber und sah, dass es eine Wassermelone war. Er erbot sich, das Ungeheuer zu töten schnitt die Frucht von ihren, Stiel und machte sich sogleich daran, sie zu verspeisen. Jetzt bekamen die Leute noch größere Angst vor ihm, mehr fürchteten sie sich vor ihm als vor der Melone. Sie schrien: als nächstes wird er uns töten, wenn wir ihn nicht schnellstens Loswerden. Und sie jagten ihn davon.
Wieder verirrte sich eines Tages ein Mann ins Land der Narren und auch er begegnete Leuten, die sich vor einem vermeintlichen Ungeheuer fürchteten. Aber statt ihnen seine Hilfe anzubieten, stimmte er ihnen zu, dass es wohl sehr gefährlich ,sei, stahl sich vorsichtig mit ihnen von dannen, bis er ihr Vertrauen gewinnen konnte. Lange Zeit lebte er bei ihnen, bis er sie schließlich Schritt für Schritt die einfachsten Tatsachen lehren konnte, die sie befähigten, nicht nur die Angst vor Wassermelonen zu verlieren, sondern sie sogar selber anzubauen (Kopp, 2006, 1)
Soviel zum Unterschied zwischen dem Heillosen Heiler und dem hilfreichen Trickser Der hilfreiche Trickser kennt die Hintergründe seiner Geschichte und der Geschichte der anderen. Langsam führt er sie zu sich selber hin. Erbaut auf dem auf, was sie ihm anbieten: ihre falschen Lösungswege sind eine gute Basis.
Wo endet nun der Heillose Helfer? Saadi, ein persischer Mystiker, sagt:
Vom Abend bis zum Morgen saß er an Bett des Kranken und weinte. Am nächsten Morgen starb er, der Kranke lebte aber weiter (PESESCHKIAN, 1979, 69).
Der Heiler, der sich seiner Geschichte stellt, handelt anders.
Die Geschichte vom Zucker
Als Nasrudin Friedensrichter war, brachte eine Frau ihren Sohn zu ihm. Dieser sagte sie, isst zu viel Zucker. Ich kann es mir nicht leisten, ihm immer soviel zu geben. Verbiete ihm, soviel zu essen; mir will er nicht gehorchen. - Kehre in 7 Tagen wieder, sagte N. Nach dieser Frist verschob er die Entscheidung aufs Neue. Nach einer Woche sagte er zu dem Jungen: Jetzt
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verbiete ich dir, mehr als soundso viel Zucker pro Tag zu essen. Die Frau fragte ihn daraufhin, warum er solange Zeit gebracht hatte, um eine so einfache Anordnung treffen zu können. Sehen Sie, meine Dame, ich musste erst herausfinden, ob ich selber meinen Verbrauch an einschränken kann, bevor ich es jemand anderem befehle" (Shah, 1981, 69).
Für mich war diese Geschichte u.a. ein Hinweis dar auf was persönliche Autorität bedeutet: nicht Macht aus einer äußerlichen Position heraus sondern Wissen aus eigener Erfahrung. Nasrudin anerkennt die existentielle Gleichheit zwischen ihn und dem Jungen. Beide haben den selben "Fehler", Und so verbietet er dem Jungen nicht das Naschen, sondern anerkennt dessen Wunsch nach Süßigkeiten, und setzt eine Grenze, die er vielleicht selber erfahren hat. Nasrudin hält sich nicht heraus.
Eine ähnliche Geschichte ist die vom Dattelesser:
Der Dattelesser
Eine Frau kam mit ihrem kleinen Sohn zu dem weisen Ali. "Meister", sprach sie, ,,mein Sohn ist von einem widerwärtigen Übel befallen. Er isst Datteln von morgens bis abends Wenn ich ihm keine Datteln gebe, schreit er, dass man es bis in den siebten Himmel hört. Was soll ich tun, bitte hilf mir.′′ Ali schaute das Kind freundlich an und sagte: ,,Gute Frau, geh nach Hause und kommt morgen zur gleichen Zeit wieder. Am nächsten Tag setzte Ali den Jungen auf seinem Schoß, sprach freundlich mit ihm und nahm ihm die Datteln aus der Hand. "Erinnere dich der Mäßigkeit, sprach er. gibt andere Dinge, die gut schmecken". Mit diesen Worten entließ er sie. Verwundert fragte die Frau ihn, warum er dies nicht schon am vorigen Tag gesagt hätte. "Gute Frau, antwortete Ali, gestern hätte ich deinem Sohn nicht überzeugend sagen können, was ich ihm heute sagte, denn gestern hatte ich selber die Süße der Datteln gekostet." (Peseschkian, 1979, 44).
Mir gefällt der Umgang Nasrudins mit dem Jungen besser, denn er lässt ihn weiterhin Zucker essen. In dieser Geschichte kommt ein anderer Aspekt hinzu: nicht nur selber erkennen muss der Rat Gebende, auch den nötigen Abstand zu sich und seinen Handlungen muss er haben. Soweit über Heiler und ihre Selbstheilung, ihr Kennen ihrer Geschichte.
Geschichten heilen: Geschichten lassen sich auf unterschiedliche Art beim Heilen verwenden. Zum einen erinnern sie wieder und wieder an die eigenen Schwächen, ohne zum Ändern zu drängen. Und der Verzagte erfährt, dass auch andere Menschen unter einem zumindest ähnlichem Schicksal leiden. So handeln die ersten zig Geschichten in den Erzählungen aus 1001 Nacht von den Betrügereien zwischen Männern und Frauen. Erzählt werden sie einem Sultan, der selber von einer Frau betrogen wurde und in vielen Nächten junge Frauen umbringen ließ, nachdem sie ihm willfährig sein mussten. Der Sultan erfährt, dass sein Leid nicht nur sein persönliches Leid ist und dies Wissen hilft ihm den Schmerz zu ertragen. Nicht ändern, sondern begreifen. Das Papageienbuch handelt von einer Frau, die sich, nachdem ihr Mann sie für einige Monate verlassen hat, in einen jungen Mann gleich ihr verliebt und sich jeden Abend anschickt, sich zu ihm zu begeben. Der Kaufmann hatte, bevor er sich auf die Reise machte, einen Papagei zur Überwachung seiner Frau und zu ihrem Zeitvertreib überlassen. Und jeden Abend ermuntert der Papagei die Frau, sich zu ihrem Liebhaber zu begeben und warnt sie gleichzeitig vor den Gefahren der falschen Liebe. Jeden Abend wird die junge Frau, Mahi - Scheker, neugierig und lässt den Papagei erzählen. Dieser erzählt ihr nicht nur Warnungen, sondern malt ihr in den schönsten Farben die Süße der Liebe aus. Was Mahi - Scheker nicht in die Tat umsetzen kann, erlebt sie so tausendfach in der
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Arbeit zitieren:
Dipl.-Psych. Andreas Schulz, 2011, Der Heillose Heiler, München, GRIN Verlag GmbH
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