Im Rahmen der Ausbildung zum Psychotherapeuten oder Paar- und Familienberater(in) bedarf es einer intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Person. Dieser Text setzt sich mit Selbstbildern von frisch ausgebildeten Psychotherapeuten und Beratern/ Beraterinnen auseinander. Der Text beruht auf einem Vortrag in der Fachhochule Fulde in einem Seminar über Kommunikation(1984)D
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Heilen
3. Das eigene Leben
4. Wissen um die Geschichten des Lebens
5. Sich berühren lassen
6. Die Geschichte vom Umhang
7. Der ängstliche Heillose Heiler
8. Zaubertränke
9. Das Melonenfeld
10. Die Geschichte vom Zucker
11. Der Dattelesser
12. Geschichten heilen
13. Die Traumfrau
14. Der Teufel mit den drei Goldenen Haaren
15. Die Guten Eltern
16. Begegnung als Heilung
17. Die Weisheit des Hakim
18. Angst heilt Angst
19. Was also ist Heilen?
20. Sinne
21. Der Narr
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Voraussetzungen und das Selbstverständnis von Psychotherapeuten im Hinblick auf den Heilungsprozess. Ziel ist es, durch die Reflexion über Märchen, Mythen und therapeutische Begegnungen aufzuzeigen, dass Heilung primär durch die authentische Auseinandersetzung des Heilers mit der eigenen Geschichte und die Begegnung auf Augenhöhe mit dem Suchenden geschieht.
- Die kritische Auseinandersetzung mit dem "heillosen Heiler"
- Die Bedeutung der eigenen Lebensgeschichte für die therapeutische Arbeit
- Die heilende Funktion von Metaphern und Geschichten in der Psychotherapie
- Persönliche Autorität durch Selbsterfahrung statt äußerer Machtposition
- Die Bedeutung von Achtsamkeit, Offenheit und Präsenz im therapeutischen Kontakt
Auszug aus dem Buch
Die Geschichte vom Zucker
Als Nasrudin Friedensrichter war, brachte eine Frau ihren Sohn zu ihm. Dieser sagte sie, isst zu viel Zucker. Ich kann es mir nicht leisten, ihm immer soviel zu geben. Verbiete ihm, soviel zu essen; mir will er nicht gehorchen. - Kehre in 7 Tagen wieder, sagte N. Nach dieser Frist verschob er die Entscheidung aufs Neue. Nach einer Woche sagte er zu dem Jungen: Jetzt verbiete ich dir, mehr als soundso viel Zucker pro Tag zu essen. Die Frau fragte ihn daraufhin, warum er solange Zeit gebracht hatte, um eine so einfache Anordnung treffen zu können. Sehen Sie, meine Dame, ich musste erst herausfinden, ob ich selber meinen Verbrauch an einschränken kann, bevor ich es jemand anderem befehle" (Shah, 1981, 69).
Für mich war diese Geschichte u.a. ein Hinweis dar auf was persönliche Autorität bedeutet: nicht Macht aus einer äußerlichen Position heraus sondern Wissen aus eigener Erfahrung. Nasrudin anerkennt die existentielle Gleichheit zwischen ihn und dem Jungen. Beide haben den selben "Fehler", Und so verbietet er dem Jungen nicht das Naschen, sondern anerkennt dessen Wunsch nach Süßigkeiten, und setzt eine Grenze, die er vielleicht selber erfahren hat. Nasrudin hält sich nicht heraus.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Der Autor thematisiert den Heilungsprozess als Notwendigkeit zur Selbstreflexion und die Rolle des Therapeuten als Gefährte auf einer gemeinsamen Reise.
Heilen: Heilung wird als Prozess der Selbstheilung und der mutigen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und den eigenen Gefühlen definiert.
Das eigene Leben: Der Autor betont die Notwendigkeit, selbst zu "pilgern", um anderen bei ihrem Wachstum helfen zu können, und distanziert sich von guruhaften Rollenbildern.
Wissen um die Geschichten des Lebens: Es wird dargelegt, dass das Verständnis der Lebensgeschichte des Suchenden essentiell ist, wobei der Therapeut diese als Teil seiner eigenen Erfahrung anerkennen sollte.
Sich berühren lassen: Die Fähigkeit des Therapeuten, sich emotional berühren zu lassen, wird als notwendige Voraussetzung für eine heilende Begegnung identifiziert.
Die Geschichte vom Umhang: Diese chassidische Geschichte verdeutlicht, dass man sich nicht auf fremde Geschichten verlassen kann, sondern den eigenen Weg zur Heilung finden muss.
Der ängstliche Heillose Heiler: Das Kapitel kritisiert Therapeuten, die sich hinter Techniken und fremden Ratschlägen verstecken, anstatt sich auf den Patienten einzulassen.
Zaubertränke: Es wird die Illusion eines "Heilungs-Elixiers" hinterfragt und die Bedeutung des ständigen Neuerwerbs der Heilfähigkeit betont.
Das Melonenfeld: Anhand einer Parabel wird der Unterschied zwischen einem heillosen Helfer und einem hilfreichen Trickser herausgearbeitet, der den Patienten schrittweise zu sich selbst führt.
Die Geschichte vom Zucker: Diese Geschichte dient als Illustration für persönliche Autorität, die durch eigene Erfahrung und existenzielle Gleichheit zum Patienten entsteht.
Der Dattelesser: Das Kapitel unterstreicht erneut, dass authentische Ratschläge nur aus eigener Erfahrung mit dem Thema entstehen können.
Geschichten heilen: Der Autor erläutert, wie Geschichten als Spiegel für die eigenen Schwächen dienen und den Suchenden helfen, Leid als universell zu begreifen.
Die Traumfrau: Diese Geschichte veranschaulicht den Umgang mit alten Bindungen und Erinnerungen und wie der Therapeut das Unbewusste durch ganzheitliches Erfassen anspricht.
Der Teufel mit den drei Goldenen Haaren: Das Kapitel zeigt, dass das Verstecken vor den eigenen verborgenen Seiten zur Stagnation führt, während die Konfrontation mit der eigenen Schwäche zur Befreiung führen kann.
Die Guten Eltern: Anhand einer Fallgeschichte wird die schädliche Überfürsorge thematisiert und aufgezeigt, wie gesunde Abgrenzung zur Lösung führt.
Begegnung als Heilung: Der Autor resümiert, dass Heilung nicht in einer Methode liegt, sondern in der Fähigkeit des Therapeuten, hinter die Fassaden der gelebten Realität zu schauen.
Die Weisheit des Hakim: Diese Geschichte verdeutlicht, dass Angst durch eine Konfrontation mit existentiellen Erfahrungen, nicht durch reines Zureden geheilt wird.
Angst heilt Angst: Es wird dargelegt, wie der Therapeut "gleiches durch gleiches" heilen kann, indem er den Patienten aus der Welt der Gedankengespinste zurück zur Realität führt.
Was also ist Heilen?: Die Bedeutung von Achtsamkeit, dem Lauschen mit stillem Herzen und der Präsenz im Jetzt wird als Kern des Heilens hervorgehoben.
Sinne: Das Kapitel betont die Bedeutung von Sinnlichkeit, Körperlichkeit und Ich-Erweiterung für einen ganzheitlichen Heilungsweg.
Der Narr: Der Narr wird als Idealbild eines Menschen gezeichnet, der die Realität kreativ gestaltet, im Einklang mit seinem Leben lebt und den Moment feiert.
Schlüsselwörter
Heilung, Psychotherapie, Selbstheilung, Lebensgeschichte, Authentizität, Achtsamkeit, Begegnung, Metaphern, Narr, Trickser, persönliche Autorität, Selbsterfahrung, Ganzheitlichkeit, Psychosomatik, Kommunikationstherapie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit thematisiert das Selbstverständnis von Psychotherapeuten und argumentiert, dass echte Heilung nicht durch starre Methoden, sondern durch eine authentische Begegnung zwischen zwei Menschen erfolgt, die sich ihrer eigenen Geschichte stellen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Arbeit mit eigenen Anteilen des Therapeuten, die Nutzung von Geschichten und Metaphern zur Bewusstseinserweiterung sowie die Bedeutung der menschlichen Präsenz und Achtsamkeit im Heilungsprozess.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Reflexion über die Voraussetzungen des Heilens und die Darstellung, dass ein Therapeut nur dann hilfreich sein kann, wenn er selbst bereit ist, sich dem eigenen Wachstum und der eigenen Verletzlichkeit zu stellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt einen phänomenologischen und reflexiven Ansatz, der auf der Analyse von Märchen, Mythen und chassidischen Geschichten sowie auf theoretischen Bezügen zur Kommunikationstherapie und Existenzphilosophie basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil setzt sich kritisch mit verschiedenen Heiler-Typologien auseinander, illustriert therapeutische Prozesse anhand zahlreicher Geschichten und grenzt die Bedeutung von persönlicher Autorität von bloßer technischer Anwendung ab.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Heilung, Selbstheilung, Lebensgeschichte, Authentizität, Achtsamkeit, therapeutische Begegnung, Metaphernarbeit, Ich-Erweiterung, Ganzheitlichkeit und philosophische Neugier.
Wie unterscheidet der Autor zwischen einem hilfreichen Heiler und dem sogenannten "heillosen Heiler"?
Der heillose Heiler verlässt sich auf Methodenkisten und fremde Weisheiten, ohne diese selbst durchlebt zu haben. Der hilfreiche Heiler hingegen kennt seine eigene Geschichte, führt den Patienten behutsam zu sich selbst und wahrt eine existenzielle Gleichheit.
Warum spielt die eigene Geschichte des Therapeuten eine so zentrale Rolle?
Der Autor argumentiert, dass ein Therapeut nur dann die schmerzhafte Selbstöffnung des Patienten ertragen und begleiten kann, wenn er seine eigenen Schwächen und Verbote ebenfalls kennt und integriert hat.
Welche Bedeutung hat das Motiv des "Narren" in diesem Text?
Der Narr steht für eine Figur, die nicht in festgefahrenen Anschauungen verharrt, die Realität als flexibel begreift und durch seine Hingabe zum Leben eine Form der Befreiung verkörpert, die der Heiler anstreben sollte.
Was bedeutet der Titel "Der Heillose Heiler"?
Der Titel weist auf die Gefahr hin, dass ein Therapeuten-Ich sich hinter einer Rolle versteckt und versucht, "heillos" (also ohne eigene Heilung) anderen zu helfen, was den therapeutischen Prozess letztlich entleert und wirkungslos macht.
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- Dipl.-Psych. Andreas Schulz (Author), 2011, Der Heillose Heiler, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98796