1. Einleitung
„Kinder und Jugendliche trauern anders. Und wenn ein Bruder oder eine Schwester stirbt, übersehen die betroffenen Eltern in ihrem eigenen Schmerz die Geschwister allzu leicht.“ 1
Mit diesen einleitenden Worten weisen MARGIT BAßLER und MARIE-THÉRÈSE
SCHINS als Herausgeberinnen des B uches „Warum gerade mein Bruder? Trauer um
Geschwister“ auf das hin, was sie im Folgenden als zentrale Problematik näher beleuchten.
Todesfälle lösen im allgemeinen Betroffenheit und Trauer aus. Je nach Beziehung zum Verstorbenen ist diese mehr oder weniger intensiv ausgeprägt. Beim Tod eines Familienmitglieds herrscht in der Familie eine besondere Trauer, da auch die Beziehungen der Personen untereinander von besonderem Charakter sind bzw. waren. War das verstorbene Familienmitglied ein Kind, stellt dies d ie Angehörigen häufig vor Fragen, zu denen sie wenn überhaupt nur schwer Antworten finden werden können. „Er/Sie war doch noch so jung ...!? Warum nur ein Kind, das doch noch so viel vom Leben vor sich hatte ...? Warum ein so junger Mensch, der in seinem kurzen Leben doch an nichts Böses gedacht hat ...?“ So könnten nur einige dieser verzweifelten Fragen lauten.
Trauer in der Familie ist etwas Normales, ja sogar etwas Notwendiges, um den Schmerz des Verlustes eines Mitglieds der Familie verarbeiten zu können.
Welche Folgen hat der Verlust eines Kindes für die Familie? Wie können die Eltern mit ihrem tiefen Schmerz umgehen und mit dem Tod ihres Kindes leben? Wie können die Eltern der oft stummen und verzweifelten Trauer des/der hinterbliebenen G eschwisterkindes/er gerecht werden? Beim Verlust eines Kindes wird doch häufig z unächst an die Mutter gedacht, in einigen Fällen noch an den Vater. Aber wer denkt schon an die Geschwisterkinder? 2
1 Baßler, Margit / Schins, Marie-Thérèse (Hg.): Warum gerade mein Bruder? Trauer um Geschwister.
Erfahrungen, Berichte, Hilfen. S. 2.
2 Vgl. Voss-Eiser, Mechtild: Einführung. In: Baßler, Margit / Schins, Marie-Thérèse (Hg.): Warum
gerade mein Bruder? Trauer um Geschwister. Erfahrungen, Berichte, Hilfen. S. 10.
Die Trauer von Kindern und Jugendlichen ist eine andere wie die der Erwachsenen. Um sie besser verstehen zu können, soll im Folgenden auf ♦ die Situation der Geschwister, ♦ die Faktoren der Geschwistertrauer sowie ♦ Bedürfnisse und Hilfen näher eingegangen werden. 3
2. Die Situation der Geschwister
„Meike, acht Jahre alt, leidet zwei Jahre lang stumm und zurückgezogen, bis ihre Eltern merken, daß ihr ruhiges Wesen wesentlich mit dem Tod ihrer Schwester zusammenhängt, die an Leukämie gestorben war. Niemand bemerkte, wie sehr sie sich verändert hatte, bis sie zunehmend aggressiv und unausstehlich wurde, bei geringsten Anlässen, oft aus unerfindlichen Gründen.
(...) Oliver, zehn Jahre alt, hatte über Jahre hin zunehmend Probleme, nachdem sein Bruder verunglückt war. Der zugängliche und verträgliche Junge wurde immer schwieriger für seine Freunde, Mitschüler und Nachbarn.“ 4
Oft lassen sich bei Kindern nach dem Tod eines Bruders oder einer Schwester solche oder ähnliche Verhaltensänderungen beobachten. Jedoch wird ein Zusammenhang zwischen dem Ereignis und einer Häufung nachfolgender Schwierigkeiten häufig nicht gesehen oder übersehen.
In der unmittelbaren Zeit nach dem Verlust des geliebten Familienmitgliedes gelingt es den Erwachsenen, die um das hinterbliebene Geschwisterkind herum sind, häufig nicht, die Aspekte Tod und Verlust a uf angemessene und – vor allem für das G eschwisterkind – Hilfe bietende Art und Weise zu thematisieren. Ein Grund dafür mag
3 Vgl. zu der Gliederung die Überschriften in Voss-Eiser, Mechtild: Einführung. In: Baßler, Margit /
Schins, Marie-Thérèse (Hg.): Warum gerade mein Bruder? Trauer um Geschwister. Erfahrungen, Be-
richte, Hilfen. S. 9-36.
darin liegen, daß die Erwachsenen zunächst so sehr in ihrer eigenen Trauer versinken, daß sie keine Kraft mehr für das Kind und dessen Trauer haben.
Als Folgeerscheinungen stellen sich bei den trauernden Kindern dann häufig Verhaltensmuster ein, die den o.g. entsprechen. Auf Seiten der Erwachsenen besteht jedoch die Gefahr, daß sie das Verhalten der Kinder anschließend anderen – aus i hrer Sicht vielleicht näher liegenden – Gründen zuschreiben und weniger das Ereignis des Verlustes dafür in Betracht ziehen. Und dies, obwohl der Tod eines Kindes in der Familie auch und gerade für die Geschwister eine bedeutende Rolle spielt.
Trauernde Eltern und Geschwister müssen mit dem Tod eines Kindes in der Familie ein Ereignis verkraften, auf das sie in keinerlei Weise vorbereitet sind. Der Umgang mit diesem Erlebnis vollzieht sich in den unterschiedlichen Altersstufen und Reifeund Entwicklungsstadien von Fall zu Fall verschieden. Auch sind die Kinder dann veränderten oder z.T. zerstörten Familienstrukturen ausgesetzt. So kann die elterliche Trauer die Geschwister daran hindern, das Ereignis nach eigenen Kräften zu verarbei-ten.
Die Schwierigkeiten, die ein Trauerfall in der Familie auslösen kann, lassen sich an drei Punkten festmachen:
(a) Das Phänomen der Verschwörung der Stille oder der Verschwörung des Verschweigens: „Die Eltern schweigen, weil sie das Kind nicht belasten wollen, und das Kind schweigt, weil es überzeugt ist, daß es die Eltern aus der Fassung bringt, wenn es über den Tod des verstorbenen Kindes spricht.“ 5 (b) Die neuen Rollenerwartungen im Beziehungsgeflecht Familie: Diese können darin bestehen, daß hinterbliebene Kinder beispielsweise glauben, die Hoffnungen der Eltern erfüllen zu müssen, dem verstorbenen Geschwister ähnlich zu sein oder an dessen Leben geknüpfte Erwartungen zu erfüllen. Eine elterliche Überbehütung wirkt sich ebenso belastend auf die Geschwister des verstorbenen Kindes aus wie eine Idealisierung desselben. 6 (c) Die Einzigartigkeit der Geschwister-Beziehung: Geschwister teilen sich die gleichen Eltern, aber auch Spielsachen, Zimmer, Kleidung und Geheimnisse. Sie lieben sich, sie hassen sich, sie schmusen miteinander und streiten auch. Diese vielseitige und deshalb einzigartige Beziehung bereitet Geschwistern große Schwie-
4 Vgl.ebd., S. 12.
5 Voss-Eiser, Mechtild: Einführung. In: Baßler, Margit / Schins, Marie-Thérèse (Hg.): Warum gerade
mein Bruder? Trauer um Geschwister. Erfahrungen, Berichte, Hilfen. S. 14
6 Vgl. ebd., S. 14 f.
rigkeiten, die Endgültigkeit des Todes der Schwester oder des Bruders zu begreifen. 7 Trotz dieser Feststellungen und Tatsachen fanden die kindlichen Reaktionen auf den Verlust des Geschwisters in der Literatur bislang vergleichsweise wenig Beachtung. Die G eschwis-terbeziehung gilt offenbar als zweitrangig hinter der Eltern-Kind-Beziehung und aus diesem Grunde auch als flüchtiger und weniger prägend. Dies mag v erwundern, wenn man bedenkt, daß Geschwister i.d.R. auch noch viele Jahre nach dem Tod der Eltern engen Kontakt miteinander haben.
3. Faktoren der Geschwistertrauer
Die Reaktionen eines Kindes auf den Tod eines Geschwisters sind unterschiedlich. Sie zeigen sich zum einen aufgrund der jeweiligen Individualität jedes Einzelnen auf verschiedene Weise und sind zum anderen vom Alter und dem jeweiligen Reife und Entwicklungsstand abhängig. M. VOSS-EISER nimmt eine Unterteilung in 5 Alters-stufen vor: 8 Für Kinder bis zum 5. Lebensjahr hat der Tod etwas mit Dunkelheit, Bösem, Gewalt, Schlaf und Bestrafung zu tun. Kinder diesen Alters begreifen Tod noch nicht als etwas Endgültiges und müssen deshalb ihre Fragen dazu stellen dürfen. Wichtig e rscheint in diesem Stadium die deutliche Unterscheidung zwischen Schlaf und Tod, um den Kindern die Angst vor dem Schlafen und der Nacht zu nehmen.
In der sog. Latenzphase mit ca. 6 / 7 Jahren nehmen die Ängste der Kinder zu, vor allem Verstümmelungsängste und die Angst vor dem Tod der Eltern oder vor dem eigenen Tod. Typisch für dieses Alter ist auch das Bedürfnis, eine Verbindung zum verstorbenen Geschwister herzustellen, indem es in das Spiel oder den Alltag der Kinder mit einbezogen wird.
7 Vgl. Voss-Eiser, Mechtild: Einführung. In: Baßler, Margit / Schins, Marie-Thérèse (Hg.): Warum
gerade mein Bruder? Trauer um Geschwister. Erfahrungen, Berichte, Hilfen. S. 15.
8 Vgl. ebd., S. 16 ff.
Ca. 8- bis 9-jährige Kinder beginnen zu realisieren, daß ein Verstorbener wahrscheinlich nicht wiederkehrt. Diese Erkenntnis wirkt sich verstärkend auf die Angst vor dem eigenen Tod aus. Außerdem beschäftigen Trennungs und Verstümme-lungsängste die Kinder in dieser Phase.
Im Alter von ca. 10-12 Jahren begreifen die Kinder, daß Tod bedeutet, daß alle Menschen sterben müssen. Religiöse und spirituelle Fragen und das Leben nach dem Tod sind Themen, mit denen sich diese Kinder beschäftigen. Sie können Trost darin finden, daß sie den verstorbenen Bruder oder die verstorbene Schwester in der Obhut Gottes wissen.
Ab etwa 12 / 13 Jahren wird der Tod abstrakter als bisher gesehen. Das beginnende Pubertätsalter fordert zur Auseinandersetzung mit dem Thema auf, wodurch wiederum Ängste hinsichtlich der eigenen Zukunft entstehen. Besondere Bedeutung für die Kinder gewinnt in diesem Alter die Offenheit von Freunden und Erwachsenen und die Respektierung der eigenen Person.
Trauerreaktionen sind gerade bei Kindern vom jeweiligen Entwicklungsstand abhängig. Diese Annahme findet sich durchgängig in der Literatur. Jedoch sind die meisten Darstellungen weniger detailliert als die o.g. von M. VOSS-EISER. So stellt E.A.
GROLLMAN beispielsweise fest, daß sich die Äußerung der Trauer bei Kindern im
wesentlichen in drei Altersstufen unterscheidet. Im Gegensatz zu M. VOSSEISER weist er der sog Latenzphase keine eigene Darstellung zu, verzichtet auf eine weitere Unterteilung ab dem 10. Lebensjahr und beschreibt folglich, wie sich Trauer im Vor-schulalter, bei 5- bis 9-jährigen Kindern und bei 10-jährigen und älteren Kindern auf verschiedene Weise äußert: 9 Kinder im Vorschulalter haben das geringste Verständnis von dem, was Tod bedeutet. Aber auch sie zeigen bereits Reaktionen auf ein verändertes emotionales Klima zu Hause und das Verhalten ihrer Bezugspersonen. Reizbarkeit, abweichendes Schreiund Eßverhalten oder Darm- und Blasenstörungen können erste Anzeichen bei Klein-kindern sein. Vor allem sind es aber Trennungsängste, weshalb die Kinder von den Eltern häufig ü bertriebene Aufmerksamkeit fordern, sich an diese klammern, nachts zu ihnen ins Bett möchten oder sich unter Umständen sogar weigern, die Schule zu besuchen. Diese Angstzustände können bis zum 7. oder 8. Lebensjahr andauern.
9 Vgl. Grollman, Earl, A.: Mit Kindern über den Tod sprechen: Ein Ratgeber für Eltern. S. 35 ff.
Aufgrund verschiedener Erfahrungen sind etwa 5- bis 9-jährige Kinder bereits in der Lage, die Endgültigkeit des Todes zu erfassen. Sie wissen, daß alles Lebendige einmal sterben muß, bringen diese Tatsache aber eher mit alten Menschen, mit Krankheiten oder Unglücksfällen als mit der eigenen Person in Verbindung.
Ab etwa dem 10. Lebensjahr haben Kinder eine realistische Vorstellung vom Sterben als endgültigen Schlußpunkt des Lebens. Diese Gewißheit erzeugt Ängste, die sich bei einigen Kindern auf die Konzentrationsfähigkeit auswirken können. A ndere ziehen sich von Familie und Freunden zurück, leiden unter körperlichen B eschwerden, Müdigkeit oder Schwindelanfällen. Die Risiken, die mit der hoffnungslos erscheinenden Trauer- und Angstbewältigung verbunden sind, nehmen mit dem Alter der Kinder und Jugendlichen zu und können neue Probleme aufwerfen.
Zur gleichen Diskussion findet man bei E. GROß: „Die Kinderfrage nach dem Tod ist da, und sie ist nicht kleinzukriegen. Sie kommt dem Kind, wenn es etwa vier Jahre alt ist. Zuerst denkt es sich den Toten als Schlafenden oder als Verreisten. Um das fünfte Lebensjahr herum bringt es den Tod in Verbindung mit dem Altsein; es merkt: er ist endgültig; es stellt fest: er hängt zusammen mit Nicht-mehr-atmen-Können, mit Nicht-mehr-sprechen-Können ... Erst später, mit neun oder zehn Jahren, kann das Kind wissen: Sterben ist ein Naturgesetz, es gibt dieses „Sterben und Werden“. Alles stirbt einmal.“ 10
Wurde das kindliche Verständnis von dem, was Tod ist, im allgemeinen bislang fast ausschließlich auf seine kognitiven Faktoren hin betrachtet, so spielen neuerdings auch die emotionalen Faktoren eine verstärkte Rolle. Entscheidend für diese Diskussion ist die Tatsache, daß „die lange unumstrittene Meinung, daß nämlich ein „realistisches“ Todesverständnis bei Kindern überhaupt Voraussetzung dafür sei, trauern zu können, nicht mehr unangefochten ist.“ 11 Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob das Verständnis eines Kindes von dem, was Tod bedeutet, eine Rolle in seinem Trauerprozeß spielt, verweist M. VOSSEISER darauf, „daß die seit Freud so genannten typischen, „symptomati-schen“ Trauerreaktionen der Erwachsenen bei Kindern zumindest weniger eindeutig
10 Groß, Engelbert: Wenn Kinder nach dem Glauben fragen. S. 70 f.
11 Voss-Eiser, Mechtild: Einführung. In: Baßler, Margit / Schins, Marie-Thérèse (Hg.): Warum gerade
mein Bruder? Trauer um Geschwister. Erfahrungen, Berichte, Hilfen. S. 18.
sind...“ 12 Das bedeutet aber gleichzeitig, daß es durchaus Kinder gibt, die auf den Tod eines Geschwisters mit allen – so genannten typisch erwachsenen – Symptomen der Trauer reagieren können. Dazu zählen vor allem Wut und Zorn, Angst und Schuldgefühle, Schlaf und Eßstörungen, Halluzinationen oder auch Suizidgedanken. Daß sich die Trauerreaktionen der Kinder von denen der Erwachsenen z.T. erheblich u n-terscheiden, scheint aufgrund des unterschiedlichen Erfahrungsschatzes nicht ver-wunderlich und besagt keinesfalls, daß Kinder das Ereignis Tod noch nicht begreifen. Sie erklären es sich auf ihre Art und verstehen es vor ihrem eigenen geistigen Hori-zont.
Auf die emotionalen Äußerungen von kindlicher Trauer geht auch E.A. GROLLMAN ein. 13 Er widmet jeder einzelnen Gefühlsäußerung einen separaten Abschnitt und e rweitert seine Aufzählung (Verdrängung, Schmerz, Weinen, Wut, Schuldgefühle und Erinnerung an die Vergangenheit) um den Appell an die Eltern: „Verbergen Sie Ihre eigenen Gefühle nicht!“ 14
Bei einem emotional so bewegenden und einschneidenden Erlebnis wie dem Tod eines geliebten Menschen aus dem familiären Umkreis sind die Reaktionen der Trauernden ebenso vielfältig wie unvorhersehbar. Die Trauer kann sich bei jedem Einzelnen, ob Erwachsener oder Kind, auf unterschiedliche Art und Weise äußern.
Eltern, die sowohl mit der eigenen Trauer zu kämpfen haben als auch den Trauerprozeß hinterbliebener Geschwisterkinder begleiten, kann wohl kaum ein allgemein z utreffendes Lösungsmuster zur angemessenen Bewältigung der neuen Situation an die Hand gegeben werden. Ihnen sollte jedoch bewußt sein, daß Kinder, gleich welcher Alters und Entwicklungsstufe, sehr wohl in der Lage sind zu trauern. Über Art und Ausmaß der jeweiligen Trauerreaktionen von Kindern können auch Erwachsene nur mutmaßen, bedenkt man die eigene Konfusion der Sinne und der Empfindungen, die ein jeder in einer entsprechenden Situation mehr oder weniger intensiv bereits erfah-ren haben mag. Eine eindeutige Rückführung auffälliger Verhaltensweisen auf einen Trauerfall wird nur schwer möglich sein.
Angesichts der Doppelbelastung für die Eltern, die ein Trauerfall in der Familie auslösen kann, ist es nicht nur ratsam, sondern für Eltern wie für Kinder meiner Meinung
12 Voss-Eiser, Mechtild: Einführung. In: Baßler, Margit / Schins, Marie-Thérèse (Hg.): Warum gerade
mein Bruder? Trauer um Geschwister. Erfahrungen, Berichte, Hilfen. S. 19.
13 Vgl. Grollman, Earl, A.: Mit Kindern über den Tod sprechen: Ein Ratgeber für Eltern. S. 51 ff.
14 Ebd., S. 63.
nach die größte Hilfe, dem Thema „Tod“ mit der größtmöglichen Offenheit und U nbefangenheit zu begegnen. Wenn Erwachsene ihre Trauer nicht verbergen, sondern den Kindern gegenüber ihre Gefühle zeigen, hilft das den Eltern und den Kindern. Diese erfahren so, daß ihre Empfindungen natürliche Reaktionen auf das Ereignis des Todes sind und daß sie damit nicht alleine stehen. Die Kinder in ihrer Trauer nicht alleine zu lassen muß die Aufgabe verantwortungsbewußter Eltern sein. Den Kindern gebührt in einer solch` schwierigen Situation die größte Liebe und Zuwendung der Eltern.
4. Bedürfnisse und Hilfen
Um den Kindern und ihrer Trauer gerecht zu werden, ist es für Eltern, Erzieher und andere Erwachsene, die Umgang mit Kindern haben, notwendig, intensiver als g ewöhnlich auf sie einzugehen. „Wir müssen anfangen, ihre Welt, ihre Gefühle, Ängste und Verletzungen besser zu verstehen“ 15 , beginnt M. VOSSEISER den letzten Teil ihrer Einführung, in dem sie anschließend sehr detailliert 16 Anhaltspunkte zusammenstellt, die dazu beitragen sollen, die Bedürfnisse trauernder Kinder ein wenig kla-rer zu sehen.
Eine entscheidende Rolle in diesem Prozeß fällt dabei der Familie als unmittelbarem sozialen Umfeld des Kindes zu. Ist sie zwar „theoretisch“ in der Lage, die Bedürfnisse trauernder Kinder zu erfüllen, kann sie gerade dies in der Praxis aber oft nicht leisten. Durch den Tod eines Kindes in der Familie verändern sich die Strukturen innerhalb der Gemeinschaft und die diesbezüglichen Fähigkeiten aller ihrer Mitglieder. Dieser Zustand kann unter Umständen zu dauerhaften und das Familiensystem belastenden Konsequenzen führen. 16 Aber auch an Personen, die nicht zur Familie gehören, sondern deren Trauerprozess aus privaten oder beruflichen Gründen begleiten, werden Anforderungen gestellt, wie
15 Voss-Eiser, Mechtild: Einführung. In: Baßler, Margit / Schins, Marie-Thérèse (Hg.): Warum gerade
mein Bruder? Trauer um Geschwister. Erfahrungen, Berichte, Hilfen. S. 23.
16 Vgl. ebd., S. 29.
sie mit Kindern auf geeignete Weise den Tod eines Geschwisters thematisieren können. Dazu zählen im Einzelnen: 17 Sehen können, sehen lernen.
- Dasheißt, das Kind so wahrzunehmen und zu akzeptieren, wie es ist und nicht wie es möglicherweise sein sollte.
Hören können.
- Dasheißt, dem Kind durch „aktives Zuhören“ die angemessene Aufmerksamkeit und Einfühlung zu schenken.
Körperliche Nähe und Zuwendung.
- Siesind notwendig, um Trost zu spenden und die aufgewühlte Gefühlswelt und die Ängste des Kindes zu beruhigen.
Sprechen.
- Gesprächedienen dazu, die Realität nicht aus den Augen zu verlieren, Gedanken, Gefühle und Erfahrungen auszudrücken und sich die Bedeutung des Lebens klarzumachen.
Schreiben, Lesen, Zeichnen, Malen, u.a.
- Wasin den Köpfen der Kinder vorgeht und nicht über die Sprache zum Ausdruck kommt, kann in Ansätzen durch diese und weitere Mitteilungsformen wie beispielsweise Rollenspiele u.ä. angedeutet werden.
Kinder werden im Zusammenhang mit dem Tod wie bereits erwähnt vor allem von Ängsten beherrscht. Diese Ängste, die sich zumeist auf Ungewisses und Unbekanntes beziehen und die Welt der Kinder zu zerstören scheinen, vereinnahmen sie stärker als jede Trauer. P. SPANGENBERG betont die Notwendigkeit einer ernsthaften Zuwendung zum Kind in der Form des Miteinbeziehens. Er begründet dies mit der Tatsache, daß das Kind in dieser Situation bestimmte Wünsche hat. Es möchte „wissen, geborgen sein, spielen, beteiligt sein und so einbezogen werden, daß es die Erlebniswelt der Erwachsenen in seinem Horizont begreifen kann.“ 18 Das Thema Tod beschäftigt Kinder vielleicht mehr als man allgemein annimmt. Bei E. GROß ist die Rede davon, daß 80 % der kindlichen Ängste darauf zurückzuführen seien. Vor diesem Hintergrund hat „das Kind [hat] ein Recht auf Antwort, der Erzie-
17 Vgl.Voss-Eiser, Mechtild: Einführung. In: Baßler, Margit / Schins, Marie-Thérèse (Hg.): Warum
gerade mein Bruder? Trauer um Geschwister. Erfahrungen, Berichte, Hilfen. S. 29 ff.
18 Spangenberg, Peter: Wenn Kleine große Fragen stellen: Religiöse Fibel für Eltern und Erzieher.
S. 56.
her [hat] aber kein Recht auf Verschweigen der Dinge, die mit dem Tode zusammenhängen...“ 19 Bei der Beantwortung der Kinderfragen zu diesem Thema nennt E. GROß einige Regeln, die Eltern und Erzieher beachten sollten: Die Kinder ermutigen, ihre Ängste mitzuteilen.
- DieÄngste ernst nehmen, den Kindern Verständnis entgegenbringen und ihnen so
- dasGefühl von Sicherheit vermitteln.
Die Kinder die eigene Liebe und die Liebe anderer erfahren lassen.
- DieKinder über den Tod belehren und ihnen die Furcht vor Einbildungen neh-
- men.Wissen kann Sicherheit bieten, Unsicherheit vermag Angst zu machen. Den Kindern auf angemessene Art und Weise mit der Wahrheit gegenübertreten
- undsie die Erfahrung machen lassen, daß man ihnen Halt und Zuversicht bieten kann. 20
Anregungen für einen Hilfe leistenden Umgang mit Kindern, die den Tod eines ihnen nahestehenden Menschen erfahren haben, fehlen auch bei E.A. GROLLMAN nicht. Er liefert bereits in der Einleitung seines Ratgebers für Eltern „Zehn Gebote für den betroffenen Elternteil.“ 21 Darin formuliert er folgende Gedanken: Das Thema „Tod“ darf kein Tabuthema sein. Offene Gespräche über das Thema
- könnenden Kindern eine hilfreiche Unterweisung sein und deshalb bereits im frühen Kindesalter stattfinden.
Trauer und Schmerz drücken sich auch bei Kindern auf unterschiedliche Art und
- Weiseaus. Reaktionen wie Erstarrung, Ablehnung, Zorn, Panik oder auch physische Krankheiten können ihren Ursprung in dem Erlebnis eines Trauerfalls haben. Gefühlsäußerungen der Kinder sind nicht nur legitim, diese zu unterdrücken wäre
- sogarschädlich. Kindern sollte die Gelegenheit geboten werden, Gefühle und Gedanken zu äußern, sie in Form von Gedichten oder Erzählungen in Worte zu fassen oder ggf. auch laut herauszuschreien.
Auch die Schule sollte über den Verlust in der Familie informiert werden. Lehrer
- könnenvor dem Hintergrund dieser Information Änderungen im Lernverhalten, plötzlich aggressives oder störrisches Verhalten des Kindes besser verstehen und angemessen darauf reagieren.
19 Groß, Engelbert: Wenn Kinder nach dem Glauben fragen. S. 71.
20 Vgl. ebd., S. 71 f.
21 Grollman, Earl, A.: Mit Kindern über den Tod sprechen: Ein Ratgeber für Eltern. S. 12 ff.
Trauer und Leid kann auch die ausgeglichenste Persönlichkeit zutiefst beeinflus-
- sen.Erwachsene dürfen sich deshalb nicht davor scheuen, bei der Betreuung ihres Kindes in einer Trauerphase die Hilfe anderer Menschen, beispielsweise eines Geistlichen, eines Therapeuten oder eines Erziehers in Anspruch zu nehmen. Für das Kind ist es schwer genug, den Verlust eines geliebten Menschen zu ver-
- kraften.Es darf nicht zusätzlich dadurch belastet werden, daß ihm die Rolle eines Ersatzes für das verstorbene Familienmitglied zugeschrieben wird. Kinder brauchen Vertrauen und Wahrheit. Unaufrichtige Erklärungen des Phä-
- nomens„Tod“, fiktive Erzählungen und Halbwahrheiten können zu Furcht, Zweifel und Schuldgefühlen führen. Die Flucht in eine Phantasiewelt kann für die Kinder bedrückender sein als die Realität.
Auch Erwachsene haben nicht auf alle Fragen eine endgültige Antwort. Im G e-
- sprächmit dem Kind können sie Raum für Zweifel, Fragen und unterschiedliche Meinungen lassen. Das Kind wird früher oder später eigene Antworten auf die Fragen nach Leben und Tod finden.
Kinder richten sich in ihrer Trauer nach den Erwachsenen. Gefühle zu unterdrü-
- ckenhilft weder Eltern n och Kindern, Tränen und Kummer sind natürliche Reaktionen auf einen Verlust und helfen, den Schmerz des Todes zu akzeptieren. Die größte Hilfe in ihrem Trauerprozeß erfahren Kinder durch die Liebe und die
- Fürsorgeihrer Eltern. Dadurch, daß Eltern ein wahres Interesse an ihren Kindern zeigen und ihnen zuhören, bieten sie ihnen die Gelegenheit, die sie bedrückenden Gefühle zu äußern.
5. Schlußbemerkung
Aus der vorangegangenen Darstellung der Thematik „Kind und Tod“ – mit allen E rklärungsansätzen zum kindlichen Verständnis von dem, was Tod ist und mit den Ratschlägen und Hilfestellungen für betroffene Eltern, Erzieher und sonstige den Trauerprozeß begleitende Personen – läßt sich die Frage ableiten, ob nicht die B eschäftigung aller eventuell beteiligten Personen mit diesem Thema bereits vor einem konkreten Todesfall in der Familie sinnvoll wäre? Warum sollen Kinder gerade auf so ein einschneidendes „Erlebnis“ nicht auch vorbereitet sein? Das an dieser Stelle nicht mehr zu diskutierende Stichwort lautet „antizipatorische“ oder „vorweggenommene Trauer“ und bewegt sich rund um die Frage: „Ist trauern lernbar?“ 22 Dabei muß sich Trauer nicht ausschließlich auf den Tod beziehen, sondern kann die Erfahrung allen „Verlustes“ mit einschließen. Weil diese Erfahrung den meisten Kindern durchaus bereits in verschiedenen Formen begegnet sein wird, kann sich eine generelle Beschäftigung mit den Themen Verlust und Trauer auch in Bezug auf andere Bereiche als hilfreich erweisen.
22 Voss-Eiser, Mechtild: Einführung. Aus: Baßler, Margit / Schins, Marie-Thérèse (Hg.): Warum gera-
de mein Bruder? Trauer um Geschwister. Erfahrungen, Berichte, Hilfen. S. 31.
6. Literatur
Baßler, Margit / Schins, Marie-Thérèse (Hg.): Warum gerade mein Bruder? Trauer um Geschwister. Erfahrungen, Berichte, Hilfen. Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH. Reinbek bei Hamburg 1992.
Grollman, Earl, A.: Mit Kindern über den Tod sprechen: Ein Ratgeber für Eltern. Cristliche Verlagsanstalt, Konstanz 1991.
Groß, Engelbert: Wenn Kinder nach dem Glauben fragen. Verlag Butzon & Bercker, Kevelaer 1977.
Spangenberg, Peter: Wenn Kleine große Fragen stellen: Religiöse Fibel für Eltern und Erzieher. Patmos Verlag, Düsseldorf 1988.
Arbeit zitieren:
Norbert Lindemann, 2000, Trauer um Geschwister, München, GRIN Verlag GmbH
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Bin aus Zufall auf diese Hausarbeit gestoßen und entdecke viele Parallelen. Mein eigener Bruder ist vor zehn Jahren (ich war 18.) auf tragische Weise ums Leben gekommen. Bis heute hinterließ dieser Verlust eine innere Leere.......in der meiner Familie wurde darüber geschwiegen; keiner wollte den anderen verletzen. Heute muß ich mit den Folgen leben. Ständig bin ich mit Diagnose "Hyperventilation" in Kliniken. Ein ausgeprägtes Streßsyndrom, Wut, Aggressionen, Schuldgefühle kommen dazu; typische psychosomatische Störungen. Gerade heute kam ich wieder aus dem Krankenhaus, man hat mir angeboten eine Psychotherapie zu absolvieren. Ich weiß nicht wie erfolgsversprechend diese Therapie nach so langer Zeit sein wird, aber ich werde sie auf jeden Fall machen. Ich möchte nicht mehr so weiterleben müssen, wie die ganze Zeit. Es ist im wahren Leben genau wie in dieser Hausarbeit geschildert: kaum jemand kümmert sich um die Geschwister. Der Schock sitzt zu tief und man schafft es einfach nicht alleine die Trauer zu verarbeiten, selbst mit noch so vielen Freunden die zuhören!
Interessante Arbeit! Vor allem für diejenigen, die selbst betroffen sind!
am Tuesday, September 25, 2001-