Inhaltsverzeichnis
Einleitung Seite 3
1. Die postnationale Konstellation und die Zukunft der Demokratie
Seite 4
2. Bewertung Seite 10
Literaturverzeichnis Seite 15
2
Einleitung
Als bedeutenster deutscher Philosoph der Gegenwart gilt weithin Jürgen Habermas, der sich in den letzten Jahrzehnten zum wichtigsten Vertreter der zweiten Generation der Frankfurter Schule entwickelte. Er arbeitete Ende der fünfziger Jahre als Assistent am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main bei Adorno, der zu dieser Zeit die Leitung der Einrichtung übernahm. Einige Jahre später habilitierte er mit seiner Schrift "Strukturwandel der Öffentlichkeit" und trat danach Professuren in Heidelberg und Frankfurt an, wo er Soziologie und Philosophie lehrte und schließlich den Lehrstuhl von Horkheimer übernahm. 1971 wurde er Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg, das er in enger Zusammenarbeit mit Carl Friedrich von Weizsäcker führte. Dort stand die Erforschung der Entstehung unserer Gesellschaftsform im Mittelpunkt, wobei auch konkrete Forschungsgebiete wie etwa die Abhängigkeit der Wissenschaft vom bestehenden politischen System oder die Beziehung zwischen Kapitalismus und Sozialpolitik untersucht wurden. 1 Habermas Leistungen wurden 1974 mit dem Hegel-Preis, 1976 mit dem Freud-Preis und 1980 mit dem Adorno-Preis gewürdigt. Da die Max-Planck-Gesellschaft sich dazu entschloß, nach dem Ausscheiden v.Weizsäckers Starnberg nicht mehr in vollem Umfang zu fördern, ging Habermas 1983 wieder nach Frankfurt am Main, um dort am Philosophischen Seminar zu lehren. 2
Im Sommer letzten Jahres trat Jürgen Habermas wieder ins Licht einer breiteren Öffentlichkeit, als er im Rahmen des Kulturforums der Sozialdemokratie über die aktuellen Globalisierungstendenzen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft und deren Auswirkungen auf die Politik sprach. Dabei kritisierte Habermas in Anwesenheit des jetzigen Bundeskanzlers Gerhard Schröder im Berliner Willy-Brandt-Haus nicht nur den aufkommenden Neoliberalismus, sondern stellte auch die Frage nach den zukünftigen Inhalten der Politik. Die Rede stellt eine Kurzfassung des kürzlich bei Suhrkamp veröffentlichten Essays dar, wobei sich diese Hausarbeit nur auf den genannten Vortrag bezieht. Zur Verdeutlichung des Inhalts werde ich zunächst eine mit kurzen Kommentaren ergänzte 1Vgl. Reijen, W.v.(1986), S.28 2Vgl. Reijen, W.v.(1986), S.160
3
Zusammenfassung anschliessen, die Jürgen Habermas Gedankengang folgt, um abschliessend eine Bewertung seiner Aussagen aus meiner Sicht noch einmal etwas ausführlicher darzulegen.
1. Die postnationale Konstellation und die Zukunft der Demokratie
Nach Jürgen Habermas Auffassung hat sich seit dem Zusammenbruch des Ostblocks und den daraus resultierenden Folgen für Politik und Weltwirtschaft die Heransgehensweise vieler Politiker an soziale oder ökonomische Problemstellungen verändert. Er bemängelt, daß die Politik zunehmend davor zurückweicht, Mißstände aufzuheben und diese stattdessen lediglich als naturgegebene "Schönheitsfehler" betrachtet, mit denen man sich abfinden müsse. Als Ursache hierfür nennt Habermas die Tendenz der nationalen Regierungen, neoliberale Elemente in ihre Arbeit einzufügen, was seiner Meinung nach in eine Selbstabwicklung der Politik mündet und den Sozialstaat in Bedrängnis bringt. Er bezeichnet diese Entwicklung als "das mehr oder weniger intelligente Managment einer erzwungenen Anpassung ( reduziert auf) Imperative der Standortsicherung" 3 , was für ihn im klaren Gegensatz zum sozialdemokratisch geprägten Aufbau des Wohlfahrtstaates im Europa der Nachkriegszeit steht. Der zweite Aspekt, den Jürgen Habermas in der Einleitung zu seiner "Berliner Rede" anspricht, ist die Veränderung des demokratischen Selbsteinwirkungsprozesses durch die Globalisierung. Während er die im Nationalstaat gewachsenen demokratischen Prozesse im keynesianisch geführten Staatswesen der Fünfziger und Sechziger Jahre als noch funktionstüchtig beschreibt, sieht er "die Idee, daß eine demokratisch verfasste Gesellschaft mit einem ihrer Teile reflexiv auf sich als ganze einwirken kann" 4 , angesichts von Globalisierungstendenzen gefährdet, da es in der postnationalen Konstellation an demokratischen Institutionen mangelt. Da die Politik auf diese Veränderungen nach Habermas Empfinden nur mit Ratlosigkeit reagiert, stellt er sich die Frage, ob und wie eine politische Neuformation der globalen Gesellschaft möglich ist beziehungsweise wie die Politik anders auf die Veränderungen reagieren kann.
Zunächst spricht Jürgen Habermas über die möglichen Auswirkungen der zunehmenden
3siehe "Die postnationale Konstellation und die Zukunft der Demokratie" in : Blätter für deutsche und internationale Politik (1998), S.805 4siehe oben
4
Globalisierung, die sich in verschiedensten Bereichen, wie etwa Verkehr oder Kommunikation, ganz besonders aber in der Wirtschaft durch eine stark ansteigende transnationale Verflechtung der Beziehungen manifestiert. Für ihn stellt die Globalisierung damit vor allem eine Entmachtung der Nationalstaaten dar, weil diese den bisherigen Einfluß aufgrund ihrer an den Staatsgrenzen endenden Macht auf sozioökonomische Entwicklungen verlieren. Im weiteren Verlauf des Vortrages folgen nun einige Beispiele, mit denen Habermas diesen
Entmachtungsvorgang belegen will. Zuerst nennt er Problemfelder wie die Umweltverschmutzung und das organisierte Verbrechen, wobei er gleichzeitig einräumt, daß es gerade in diesen Bereichen bereits erste grundlegende internationale Vereinbarungen gibt, die zumindest teilweise die entmachteten nationalstaatlichen Institutionen ersetzen können. Klarer verdeutlicht wird seine Ansicht durch das Beispiel der Fiskalpolitik der einzelnen Länder, die aufgrund höherer Kapitalmobilität und der gestiegenen Standortkonkurrenz geringere Steuereinnahmen verzeichnen müssen. Hierbei kritisiert Habermas vor allem die Tatsache, daß Vermögens- und Gewinnsteuern im Gegensatz zu Verbrauchs- und Einkommensteuern in den westlichen Industrieländern deutlich gesunken sind, woraus er schließt, daß in erster Linie Bezieher niedrigerer Einkommen die negativen Folgen der Globalisierung zu spüren bekommen. Hinsichtlich der Auswirkungen auf die Souveränität der Nationalstaaten stellt der Referent das traditionelle Staatenmodell, nach dem jedes Land einen eigenständigen Akteur darstellt, der primär auf die eigene Machterhaltung bedacht ist, zu Recht in Frage. Obwohl die Aufrechterhaltung beziehungsweise der Ausbau von nationalen Machtstrukturen nicht völlig aufgegeben wurde, schreitet zweifelsohne seit dem Zweiten Weltkrieg die politische und wirtschaftliche Blockbildung, das heißt die Vernetzung von Einzelstaaten zur besseren Artikulation gemeinsamer Interessen, voran. Habermas zufolge haben sich hier Institutionen gebildet, die ein "Regieren ohne Regierung" 5 ermöglichen und den Machtverlust der Nationalstaaten partiell kompensieren, wobei er allerdings das Fehlen von Instrumenten zur Durchsetzung wirtschaftlicher und sozialer Grundsätze kritisiert. Im Unterschied zu den demokratischen Systemen der einzelnen Länder macht Habermas in den ansatzweise vorhandenen internationalen Regimen außerdem "Legitimitätslücken" 6 aus, mit denen er anscheinend demokratische Defizite in supranationalen Einrichtungen umschreiben will. Seiner Meinung nach bewirkt die Globalisierung und die mit ihr eng
5siehe "Die postnationale Konstellation und die Zukunft der Demokratie" in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr.7/1998, Seite 808 6siehe oben
5
Quote paper:
Alexander Pilic, 1999, Zu: Jürgen Habermas - Die postnationale Konstellation und die Zukunft der Demokratie, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Kommentar zu Jürgen Habermas "Die postnationale Konstellation&quo...
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Literature Review, 7 Pages
Freizeittrends im Tourismus - Auswirkungen und Handlungsmöglichkeiten ...
Scholarly Research Paper, 23 Pages
Der Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo - ein 'neuer'...
Politics - International Politics - Region: Africa
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 41 Pages
Das Verfahren der Prozesskostenhilfe
Law - Civil Action / Lawsuit Law
Scholary Paper (Seminar), 28 Pages
Systemtransformation in Osteuropa
Politics - International Politics - Region: Eastern Europe
Termpaper, 19 Pages
Die Position Habermas zum Phänomen Globalisierung. Auswirkungen, Chanc...
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 20 Pages
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Die Hugenotten in Brandenburg-Preußen: Faktoren ihrer Integration
History Europe - Other Countries - Modern Times, Absolutism, Industrialization
Scholary Paper (Seminar), 22 Pages
Die Exzellenzinitiative - Ein Schritt in Richtung deutsche Eliteuniver...
Sociology - Political Sociology, Majorities, Minorities
Swiss Diploma Thesis, 35 Pages
Die Mehrgenerationenperspektive und das Genogramm
Presentation (Elaboration), 36 Pages
Forschungsvorbereitung: Exploration, stichprobe, Erhebungssituation un...
Sociology - Methodology and Methods
Scholary Paper (Seminar), 15 Pages
"Kehrt um und lauft nach Santiago" - Der Jakobsweg als Merkm...
Examination Thesis, 161 Pages
Politische Theorie der Weltgesellschaft: Kosmopolitismus
Diskussion von David Helds Kon...
Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Termpaper, 16 Pages
Sind "neue Kriege" wirklich neu?
Politics - International Politics - Topic: Peace and Conflict Studies, Security
Intermediate Examination Paper, 34 Pages
Alexander Pilic's text Zu: Jürgen Habermas - Die postnationale Konstellation und die Zukunft der Demokratie is now available as a printed book
Alexander Pilic has published the text Zu: Jürgen Habermas - Die postnationale Konstellation und die Zukunft der Demokratie
Alexander Pilic has uploaded a new text
System der Rechte, demokratischer Rechtsstaat und Diskurstheorie des R...
Habermas-SONDERHEFT. Zeitschri...
Werner Krawietz, Gerhard Preyer
0 comments