Die Julikrise 1914 war bis in die sechziger Jahre des letzen Jahrhunderts in der Geschichtswissenschaft kein umstrittenes Thema. Die „Zunft“ innerhalb und außerhalb Deutschlands hatte sich weitgehend auf die an Lloyd George angelehnte Formel, alle Mächte seien 1914 sozusagen unbeabsichtigt in einen Krieg hineingeschlittert, geeinigt. Ändern sollte sich dies erst mit Fritz Fischer. Sein Ziel war es, die Forschungslücke über die deutschen Kriegsziele im Ersten Weltkrieg zu schließen. Im Oktober 1959 erschien als erstes Ergebnis seiner Arbeit der Aufsatz ,,Deutsche Kriegsziele - Revolutionierung und Separatfrieden im Osten 1914 - 1918" in der Historischen Zeitschrift. Im Jahre 1961 folgte sein Buch ,,Griff nach der Weltmacht" in dem er seine bisherige Arbeit zusammenführte. Dieses Buch löste eine Diskussion aus, die weit über die Grenzen der Geschichtswissenschaft hinausging. Politik, Medien und die Öffentlichkeit nahmen in der Folge großen Anteil an der, zum Teil sehr emotional geführten, sogenannten „Fischerkontroverse“. In diesem Zusammenhang werden gerne die verbalen Attacken von Franz Josef Strauß genannt, der Fischers Thesen als eine Verzerrung der deutschen Geschichte und eine Beschmutzung Deutschlands brandmarkte. Es wurde deutlich, dass die Geschichtswissenschaft sich in zwei Lager - Befürworter und Gegner der Thesen Fischers - gespalten hatte und diese jeweils erhebliche Unterstützung aber auch Kritik von außen - Öffentlichkeit, Politik, Medien, ausländischen Historiker - bekamen.
Was aber war die Kernaussage Fischers, an der sich so viele kluge Köpfe stießen? Fischers Kernthese war, dass die deutsche Politik einen erheblich Teil der historischen Verantwortung für den Ausbruch eines umfassenden Krieges trug und bereits von Beginn des Krieges an eine festgelegte Kriegszielpolitik betrieb. Sowohl die politische als auch die militärische Führung Deutschlands hätten den serbisch und österreichisch-ungarisch- Konflikt bewusst ausgenutzt, um einen europäischen Krieg zu entfachen. Dagegen stand die traditionelle Sicht, dass die Haltung der deutschen Reichsführung in der Julikrise vergleichsweise gemäßigt gewesen sei und eigentlich den Frieden bewahren wollte, aber durch missgünstige Umstände den Krieg nicht mehr verhindern konnte. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 HAUPTTEIL
2.1 Schwerpunkte und Verlauf der Fischerkontroverse
2.2 Fritz Fischer
2.2.1 Position
2.2.2 Verteidigung gegen Zechlin
2.2.3 Verteidigung gegen Hillgruber
2.2.4 Analyse
2.3 Immanuel Geiss
2.3.1 Position
2.4 Klaus Hildebrand
2.4.1 Position
2.5 Historische Bedeutung der Fischerkontroverse
3 SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit gibt einen Überblick über den neueren Forschungsstand zur Julikrise 1914. Das primäre Ziel ist es, die sogenannte Fischerkontroverse darzustellen, die Thesen von Fritz Fischer zu analysieren sowie die Positionen seiner maßgeblichen Kritiker, insbesondere Egmont Zechlin, Andreas Hillgruber und Imanuel Geiss, in den wissenschaftlichen Diskurs einzuordnen.
- Die Entwicklung und Kerninhalte der Fischerkontroverse.
- Die Kontinuität deutscher Kriegszielpolitik im Ersten Weltkrieg.
- Die Rolle der „Weltpolitik“ und des „europäischen Sicherheitsdilemmas“.
- Methodische Ansätze in der modernen Weltkriegsforschung.
- Der Vergleich von defensiven Präventivkriegsthesen mit der Theorie des kalkulierten Risikos.
Auszug aus dem Buch
Position
Warum entwickelte ein Historiker, der in seiner „Zunft“ eigentlich ein gutes Renommee genoss, Thesen, die ihm wütende Angriffe und Schmähungen von Seiten der Medien, der Öffentlichkeit, der Politik und auch der eigenen Kollegen einbrachte?
Die Intention des Autors war eine politisch-pädagogische. Er wollte einen Beitrag zur völligen Integration der Bundesrepublik Deutschland in die westliche Welt leisten. Dieser Beitrag sollte den nationalistischen Irrweg der Deutschen, der in zwei Weltkriege geführt hatte, aufzeigen. Nur durch die komplette Aufarbeitung und damit auch mit der Verarbeitung der beiden Kriege könne, so Fischer, ein erneuter deutscher Irrweg vermieden werden.
Fischer sah in zwei Weigerungen des deutschen Volkes nach 1918 den Grund, warum Aufrüstung und neue expansionistische Politik wieder zum Krieg führen konnten. Die erste Weigerung war die Anerkennung des deutschen Anteils an der Verantwortung zum Kriegsausbruch. Der unhaltbaren These eines „Hineinschlitterns“ oder sogar eines Verteidigungskrieges, setzte er seine These des gewollten Krieges gegenüber. Die zweite Weigerung auf die er sich bezog, war die Dolchstoßlegende, die das Bild des „unbesiegten deutschen Recken“ hochhielt und das neue demokratische System per se schwer belastete.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung erläutert den wissenschaftlichen Konsens vor der Fischerkontroverse und führt in Fischers Thesen über die bewusste Kriegsschuld des Deutschen Reiches ein.
2 HAUPTTEIL: Der Hauptteil analysiert die Kernbereiche der Kontroverse, von Fischers Thesen über die Reaktionen seiner Kritiker Zechlin, Hillgruber und Geiss bis hin zur Bedeutung des Sicherheitsdilemmas.
3 SCHLUSSBETRACHTUNG: Die Schlussbetrachtung vergleicht die unterschiedlichen Forschungspositionen und bewertet die Auswirkungen der Fischerkontroverse auf die deutsche Geschichtswissenschaft.
Schlüsselwörter
Julikrise 1914, Fischerkontroverse, Fritz Fischer, Erster Weltkrieg, Kriegsschuldfrage, Weltpolitik, Septemberprogramm, kalkuliertes Risiko, Präventivkrieg, Imanuel Geiss, Klaus Hildebrand, Geschichtswissenschaft, Kontinuität, deutsche Außenpolitik, Bündnisautomatik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den wissenschaftlichen Diskurs über die Ursachen des Ersten Weltkriegs, insbesondere die sogenannte Fischerkontroverse, die das Geschichtsbild über die deutsche Politik im Jahr 1914 grundlegend verändert hat.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Analyse?
Zentrale Themen sind die Kriegszielpolitik des Deutschen Reiches, die Kontinuität deutscher Machtpolitik zwischen 1871 und dem Ende des Nationalsozialismus sowie die verschiedenen Deutungen der diplomatischen Abläufe in der Julikrise 1914.
Was ist die primäre Forschungsfrage oder das Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, einen Überblick über den Forschungsstand zu geben und aufzuzeigen, wie sich verschiedene Historiker durch die Analyse der Fischerkontroverse kritisch mit der deutschen Verantwortung am Kriegsausbruch auseinandergesetzt haben.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse, bei der verschiedene historische Thesen und deren Quellenbasis gegenübergestellt werden, um die Unterschiede in der Argumentation der Historiker herauszuarbeiten.
Welche Inhalte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit Fritz Fischers Thesen, der Reaktion von Kritikern wie Zechlin und Hillgruber, der Perspektive von Immanuel Geiss und dem Konzept des europäischen Sicherheitsdilemmas nach Klaus Hildebrand.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Forschungsarbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe Fischerkontroverse, Kriegsschuldfrage, Weltpolitik, kalkuliertes Risiko und Präventivkrieg geprägt.
Welche Bedeutung kommt der Theorie des kalkulierten Risikos zu?
Diese Theorie, vertreten durch Kritiker wie Hillgruber, dient dazu, das deutsche Handeln in der Julikrise als Versuch einer machtpolitischen Sicherung in einer bedrohlichen internationalen Lage darzustellen, anstatt als direkten Angriffskrieg.
Inwiefern beeinflusste die Fischerkontroverse die spätere Forschung?
Die Debatte hat zur Erschließung neuer Aktenbestände geführt, die Methoden der Geschichtswissenschaft erweitert und eine Neubewertung der Rolle Bethmann Hollwegs sowie der Rolle gesellschaftlicher Gruppen im Kaiserreich angestoßen.
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- Sebastian Nieder (Author), 2004, Die Darstellung der Julikrise 1914 in der neueren Geschichtswissenschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27114