Rahel Levin Varnhagen - eine Autobiographie in Briefen close Bitte warten


Details

Veranstaltung: Hauptseminar :Tewjes Töchter - Lebensentwürfe west- und ostjüdischer Frauen
Institution/Hochschule: Universität Regensburg (Institut für Germanistik)
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2004
Seiten: 26
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 15  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 253 KB
Archivnummer: V54487
ISBN (E-Book): 978-3-638-49680-3
ISBN (Buch): 978-3-638-66328-1

Zusammenfassung / Abstract

Die 1771 in Berlin geborene Jüdin Rahel Levin Varnhagen hat in ihrem Leben über zehntausend Briefe an etwa 300 Adressaten verfasst. Diese mehr als umfangreiche Korrespondenz kann als ihr literarisches Werk bezeichnet werden, wenngleich diese Auffassung nicht unumstritten ist, da der literarische Stellenwert des Briefes bisweilen äußerst niedrig angesetzt wird. Obwohl die meisten ihrer Briefe privater, ja fast schon intimer Natur sind, gibt Rahels Ehemann Karl August Varnhagen von Ense nach ihrem Tod die gesammelte Korrespondenz seiner Frau 1833 in gebundener Form heraus. Noch zu Lebzeiten Rahels erarbeiten sie und Varnhagen das Editionsprinzip des Buches. Sie „findet […] nichts dabei, wenn die Briefe anderen Menschen zum Lesen weitergereicht werden“, und fordert ihre Adressaten dazu auf, ihre Korrespondenzen zu sammeln und aufzubewahren. Aus dem schriftlichen Verkehr mit zahlreichen Freunden, Bekannten und Verwandten bezieht sie eine geistige Unabhängigkeit, die ihre hilft, sich nicht als Opfer von Schicksal und äußeren Umständen aufzugeben, sondern ihre Vorstellung von einer humanistischen Gesellschaft im Kleinen zu verwirklichen und zu leben. Dennoch sehen sich sowohl Rahel, als auch andere “romantische Jüdinnen“, die sich der Briefform bedienten, mit dem Vorwurf konfrontiert, der Brief zähle nicht zur Literatur als solche, und diene höchstens als biographisches oder historisches Dokument. Nicht nur selbständige literarische Kreativität wird den VerfasserInnen von Briefen abgesprochen. Vielmehr seien die Schreibenden „beim ‚Räsonnement’ über das ihnen zur Verfügung stehende ‚Bildungsmaterial’ stehengeblieben“. Dabei wird jedoch eine Differenzierung zwischen dem Brief in seiner eigentlichen Funktion (Privatbrief) und dem literarisierten Brief als uneigentliche Verwendungsform der schriftlichen Korrespondenz – und somit sicher nicht als dilletantisches „Hin- und Herschreiben“ anzusehen - nicht berücksichtigt. Diese Unterscheidung ist jedoch unerlässlich, wenn es darum geht, die Literarizität eines Briefes offen zu legen, was besonders im Falle von Rahel Levin Varnhagen Gültigkeit besitzt und im Folgenden anhand ihrer umfangreichen Korrespondenz vorgenommen werden soll.

Textauszug (computergeneriert)

Universität Regensburg, Institut für Germanistik
Hauptseminar Tewjes Töchter –
Lebensentwürfe west- und ostjüdischer Frauen
Sommersemester 2004

Rahel Levin Varnhagen - eine Autobiographie in Briefen

von: Christiane Abspacher

 


Inhaltsverzeichnis

1. Rahel Levin Varnhagen und der Privatbrief S. 3

1.1. Literarischer Privatbrief und literarisierter Brief S. 4

1.1.1 Der literarische Brief S. 4
1.1.2 Der literarisierte Brief S. 5

2. Selbstaufklärung und Selbstwiderspruch - Barbara Breysach über Rahel Varnhagen S. 7

2.1 Der wahre Brief - Rahel als Briefschreiberin der Romantik S. 7
2.2 Emanzipation durch Geselligkeit und Widerspruch als System S. 8
2.3 Erlösung des Einzelnen durch Selbsttherapie S. 9

3. Ein unentwegtes Selbstgespräch – Rahel E. Steiner über Rahel Varnhagen S.10

3.1 Dem öffentlichen Leben fern geblieben S.11
3.2 Der höchste Schmerz des Herzens S.12
3.3 Zeugnisse des nie endenden inneren Selbstgespräches S.12

4. „Aus dem Judentum herauskommen“ - Hannah Arendt über Rahel Varnhagen S.14

4.1 Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Juden S.14
4.2 Mit allen über alles sprechen S.15
4.3 Wichtigkeit der Gefühle und Korrespondenz als eigentliche Freundschaft S.16

5. Suche alle meine Briefe - Barbara Hahn über Rahel Varnhagen S.18

5.1 Schreiben ohne Ordnung und Regeln S.18
5.2 Rahels Handschriften als oberste Instanz S.19
5.3 Das „Buch des Andenkens“ als Autobiographie S.20

6. Rahel Varnhagen - Mehr als die Summe der einzelnen Teile S.21

6.1. Der Brief als literarisches Kunstwerk S.21
6.2 Eine Auswahl denkwürdiger Zeugnisse für Rahels Freunde S.23
6.3. Die Seele spazieren gehen lassen: Rahels Art zu schreiben S.23
6.4 Auf dem Terrain einer „ausgerotteten“ Geschichte S.24

Quellenangabe S.26

 


 

1. Rahel Levin Varnhagen und der Privatbrief

Von "poetische[n] Passagen, philosophische[n] und gesellschaftliche[n] Einsichten, Aphorismen, Literaturkritiken, Abhandlungen über Schauspielkunst, Tanz, Malerei und Musik, sogar Tagebucheintragungen“2 ist die Rede, wenn Dieter Wunderlich in seinem Kurzporträt über Rahel Varnhagen ihre Briefe anspricht. Im Exzerpt seines im Regensburger Pustet Verlag erschienenen Buches „EigenSinnige Frauen. Zehn Porträts“3 geht er unter der Überschrift „Eine schöne Seele“- angelehnt an eine Aussage Johann Wolfgang von Goethes über Rahel Varnhagen - auf die 1771 in Berlin als Rahel Levin geborene Jüdin ein, die in ihrem Leben über zehntausend Briefe an etwa 300 Adressaten schrieb. Obwohl die meisten ihrer Briefe privater, ja fast schon intimer Natur sind, gibt Rahels Ehemann Karl August Varnhagen von Ense nach ihrem Tod die gesammelte Korrespondenz seiner Frau 1833 in gebundener Form als „Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde“ heraus. Noch zu Lebzeiten Rahels erarbeiten sie und Varnhagen das Editionsprinzip des Buches. Sie „findet […] nichts dabei, wenn die Briefe anderen Menschen zum Lesen weitergereicht werden“4, und fordert ihre Adressaten dazu auf, ihre Korrespondenzen zu sammeln und aufzubewahren. Aus dem schriftlichen Verkehr mit zahlreichen Freunden, Bekannten und Verwandten bezieht sie eine geistige Unabhängigkeit, die ihre hilft, sich nicht als Opfer von Schicksal und äußeren Umständen aufzugeben, sondern ihre Vorstellung von einer humanistischen Gesellschaft im Kleinen zu verwirklichen und zu leben. Dennoch sehen sich sowohl Rahel, als auch andere “romantische Jüdinnen“5, die sich der Briefform bedienten, mit dem Vorwurf konfrontiert, der Brief zähle nicht zur Literatur als solche, und diene höchstens als biographisches oder historisches Dokument6. Nicht nur selbständige literarische Kreativität wird den Verfasserinnen von Briefen abgesprochen. Vielmehr seien die Schreibenden „beim ‚Räsonnement’ über das ihnen zur Verfügung stehende ‚Bildungsmaterial’ stehengeblieben“7, wie es die von August Lewald herausgegebene Zeitschrift „Europa“ 1861 andeutet8. Dabei wird jedoch eine Differenzierung zwischen dem Brief in seiner eigentlichen Funktion (Privatbrief) und dem literarisierten Brief als uneigentliche Verwendungsform der schriftlichen Korrespondenz – und somit sicher nicht als dilletantisches „Hin- und Herschreiben“ anzusehen - nicht berücksichtigt. Diese Unterscheidung ist jedoch unerlässlich, wenn es darum geht, die Literarizität eines Briefes offen zu legen.

1.1 Literarischer Privatbrief und literarisierter Brief

Laut Sprachforscher und Dichter Caspar Stieler (1632-1707) „sey [ein Brief] eine Unterred oder Wechselung zwischen Abwesenden, in der Schrift bestehend“9, während sich der Brief nach Angaben des Netlexikons „Wikipedia“ als eine zu Papier gebrachte Mitteilung definiert. Seine Geschichte lasse sich zurückverfolgen bis zu den Babyloniern, die „Nachrichten in Tontafeln ritzten“10. Dabei habe sich der Sinn und Zweck des Briefes seit den ersten Verfassern einer solchen Mitteilung im Wesentlichen nicht geändert: Er sei nach wie vor ein Medium zur „öffentlichen Meinungsäußerung (z.B. Leserbriefe […]), eine literarische Form (z.B. Goethes Briefroman ‚Die Leiden des jungen Werther’ […]) sowie ein Instrument zur Verbreitung amtlicher Nachrichten (z.B. kultusministerielle Schreiben)“11. Der Privatbrief ist somit eine der möglichen Verwendungsweisen der schriftlichen Korrespondenz. Er zeichnet sich insbesondere durch „Inoffizialität und Spontaneität“12 aus, ist meist an einen einzelnen Empfänger gerichtet und nicht zur Veröffentlichung gedacht. Auch kennzeichnen ihn „Individualität, […] Vertraulichkeit sowie […] nicht Reproduzierbarkeit“13. Diese Auslegung basiert allerdings auf der Intimität der persönlichen Korrespondenz und sieht keine Publikation derselben vor. Werden private Korrespondenz oder Briefsammlungen jedoch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht oder bereits mit Blick auf spätere Veröffentlichung verfasst, so ist die eigentliche Verwendung der Briefform unter Umständen nicht mehr gewährleistet.

1.1.1 Der literarische Brief

Eine der Erscheinungsformen des Privatbriefes ist der literarische Brief, der beispielsweise in der Korrespondenz von Schriftstellern, Poeten und Künstlern anzusiedeln ist, die auch beim Schreiben privater Briefe „von Berufs wegen […] ihrem ästhetischen Sinn, ihrem Sinn für Form und Stil eher folgen und Geltung verschaffen“14 als ein nicht-poetischer Verfasser. Kommt zu Rhetorik und Ästhetik jedoch eine uneigentliche Verwendungsweise, beispielsweise das Adressieren an eine nicht-private, begrenzte oder uneingeschränkt öffentliche Leserschaft, hinzu, so zeigt sich eine Zugehörigkeit des Briefes zur Literatur auch im engeren Sinne. Die Verwendung des Briefes ist somit nicht mehr als „eigentliche“ zu bezeichnen, und das Schreiben wird zum literarisierten Brief. Die Grenze zwischen eigentlicher und uneigentlicher Verwendung der Textgattung Brief wird laut Nikisch dann überschritten, wenn die Korrespondenz einer nichtpragmatischen Absicht unterworfen wird, wenn es sich also nicht mehr um eine schriftlich fixierte Interaktion zwischen räumlich getrennten Parteien, verbunden und motiviert durch eine individuelle reale Beziehung handelt15. Die eigentliche Verwendung wird zur uneigentlichen, der Privatbrief zum literarisierten Brief.

1.1.2 Der literarisierte Brief

[...]


1 Hahn, Barbara: „Antworten Sie mir!“: Rahel Levin Varnhagens Briefwechsel, S. 210 [in der Downloaddatei vorhanden]

2 Auf http://www.powercat.de/portraits/varnhagen.html (12.1.2005)

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Vgl. Breysach, Barbara: Die Persönlichkeit ist uns nur geliehen. S. 141

6 Vgl. ebd.

7 Vgl. ebd.

8 Vgl ebd., S. 139 ff.

9 Stieler, Caspar: Teutsche Sekretariat-Kunst, S. 399

10 http://www.lexikon-definition.de/Brief.html (10.01.2005)

11 Ebd.

12 http://www.wissenschaftsforschung.de/JB02_47-59.pdf#search=′der%20brief%20definition′ (11.01.2005)

13 Ebd.

14 Nickisch, Reinhard: Brief, S. 101

15 Vgl. Nickisch, Reinhard: Brief, S. 107

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