Das Geschichtsbild des Sallust close

Bitte warten

Bitte installieren Sie den Flash Player, wenn kein E-Book erscheint.

Das Geschichtsbild des Sallust

Autor: Tobias Wolf
Fach: Latein

Lesen Sie im E-Book



Details

Kategorie: Facharbeit (Schule)
Jahr: 1999
Seiten: 16
Note: 12 Punkte
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 76 KB
Archivnummer: V100176
ISBN (E-Book): 978-3-638-98605-2

Volltext (computergeneriert)

Gymnasium XXXX

Schuljahr:1998/1999

LK Latein

Kursleiter: XXXX

Das Geschichtsbild

des

Sallust

Sallust, Jug. 15-16; Sallust, Cat. 10

Ausgabe der Themen: 10.2.1999

Abgabetermin: 24.3.1999

XXXXXXXX

XXXXXXXX

XXXXXXXX

Bewertung:

Punkte

Fon:XXXXXX

(Unterschrift Schüler)

(Unterschrift Fachlehrer)


2

Inhaltsverzeichnis:

EINLEITUNG: 3

TEXT: 4

SALLUST, JUG. 15-16 4

SALLUST, CAT.10 5

ÜBERSETZUNG: 5

SALLUST, JUG. 15-16 5

SALLUST, CAT. 10 7

DER AUTOR UND SEIN WERK: 8

EINORDNUNG DES TEXTES IN DEN ZUSAMMENHANG: 9

INTERPRETATION UND ANALYSE: 10

SALLUST, CAT. 10 10

SALLUST, JUG. 15-16 12

LITERATURVERZEICHNIS: 15


3

Einleitung:

Das Herausarbeiten des Geschichtsbildes Sallusts unter Zuhilfenahme der

beiden Textstellen scheint am sinnvollsten da anzusetzen zu sein, wo es als

Ganzes am klarsten erkennbar ist. Denn er war ,,der erste Römer, der die

Geschichte seines Volkes als ein Ganzes erfaßt" hat1. Es ist seine

Arbeitsweise, die ihn als Geschichtsschreiber auszeichnet, und die er verfolgt

um seine Argumentationsstränge besonders deutlich und einleuchtend zu

machen; d.h. er geht von einem allgemeinen, wenn auch hypothetischen,

Prinzip aus, welches den gesamten geschichtlichen Ablauf bestimmt und

belegt dieses an einem Exemplum, in dem er schrittweise ins Detail geht, bis

er an Einzelpersonen gerät, die er schwarz-weiß-malerisch mit Hilfe seiner

sittlichen Auffassung als eindeutig gut oder eindeutig schlecht charakterisiert.

Aufgrund dessen ist es angemessen mit der Auswertung der Catilinastelle zu

beginnen, da sie, obgleich sehr allgemein und knapp gehalten, die wichtigsten

Kerngedanken und Schlagworte Sallusts zum Ablauf der römischen

Geschichte enthält.

Im Folgenden werde ich mich mit der Jugurthastelle befassen, in der Sallust

seine geschichtlichen Prinzipien zur Bewertung der Situation benutzt. In

diesem Fall ist es die, von Sallust als Grundstoff allen Übels verteufelte,

avaritia

, die Jugurtha Tür und Tor für seine Manipulationen öffnet und so der

Durchsetzung des Unrechts in Numidien Vorschub leistet. Eindrucksvoll faßt

Sallust diese Schwäche Roms mit dem berühmt gewordenen Ausspruch

Jugurthas zusammen, den dieser getan haben soll als er Rom beim Verlassen

Italiens den Rücken gekehrt hatte:

,, O urbem venalem et mature perituram, si

emptorem inveneret."

2

1 C. Koch, Roma aeterna, G59, 1952, S. 202

2 ,,O käufliche und dem Untergang geweihte Stadt, wenn sie einen Käufer findet!", Sallust,

Jug. 35,10


4

Text:

Sallust, Jug. 15-16

Postquam rex finem loquendi fecit, legati Iugurthae largitione magis quam

causa freti paucis respondent: Hiempsalem ob saevitiam suam ab Numidis

interfectum, Adherbalem ultro bellum inferentem, postquam superatus sit,

queri, quod iniuriam facere nequivisset. Iugurtham ab senatu petere, ne se

alium putarent, ac Numantiae cognitus esset, neu verba inimici ante facta sua

ponerent. Deinde utrique curia egrediuntur. Senatus statim consulitur.

Fautores legatorum, praeterea senatus magna pars gratia depravata Adherbalis

dicta contemnere, Iugurthae virtutem extollere laudibus; gratia, voce, denique

omnibus modis pro alieno scelere et flagitio, sua quasi pro gloria, nitebantur.

At contra pauci, quibus bonum et aequum divitiis carius erat, subveniundum

Adherbali et Hiempsalis mortem severe vindicandam censebant, sed ex

omnibus maxume Aemilius Scaurus, homo nobilis, inpiger, factiosus, avidus

potentiae, honoris, divitiarum, ceterum vitia sua callide occultans. Is

postquam videt regis largitionem famosam inpudentemque, veritus, quod in

tali re solet, ne polluta licentia invidiam adcenderet, animum a consueta

lubidine continuit. Vicit tamen in senatu pars illa, quae vero pretium aut

gratiam anteferebat. Decretum fit, uti decem legati regnum, quod Micipsa

obtinuerat, inter Iugurtham et Adherbalem dividerent. Cuius legationis

princeps fuit L. Opimius, homo clarus et tum in senatu potens, quia consul C.

Graccho et M. Fulvio Flacco interfectis acerrume victoriam nobilitatis in

plebem exercuerat. Eum Iugurtha, tametsi Romae in amicis habuerat, tamen

accuratissume recepit, dando et pollicendo multa perfecit, uti fama, fide,

postremo omnibus suis rebus commodum regis anteferret. Relicuos legatos

eadem via adgressus plerosque capit, paucis carior fides quam pecunia fuit. In

divisione, quae pars Numidiae Mauretaniam adtingit, agro virisque opulentior,

Iugurthae traditur; illam alteram specie quam usu potiorem, quae portuosior et

aedificiis magis exornata erat, Adherbal possedit.


5

Sallust, Cat.10

Sed ubi labore atque iustitia res publica crevit, reges magni bello domiti,

nationes ferae et populi ingentes vi subacti, Carthago, aemula imperi Romani,

ab stirpe interiit, cuncta maria terraeque patebant, saevire fortuna ac miscere

omnia coepit. Qui labores, pericula, dubias atque asperas res facile

toleraverant, iis otium divitiaeque, optanda alias, oneri miseriaeque fuere.

Igitur primo pecuniae, deinde imperi cupido crevit: ea quasi materies omnium

malorum fuere. Namque avaritia fidem probitatem ceterasque artis bonas

subvortit; pro his superbiam, crudelitatem, deos neglegere, omnia venalia

habere edocuit. Ambitio multos mortalis falsos fieri subegit, aliud clausum in

pectore, aliud in lingua promptum habere, amicitias inimicitiasque non ex re,

sed ex commodo aestumare, magisque voltum quam ingenium bonum habere.

Haec primo paulatim crescere, interdum vindicari; post, ubi contagio quasi

pestilentia invasit, civitas immutata, imperium ex iustissumo atque optumo

crudele intolerandumque factum.

Übersetzung:

Sallust, Jug. 15-16

Nachdem der König seine Rede beendet hatte, antworteten die Legaten

Jugurthas, weil sie sich mehr auf ihre Bestechung als auf die gute Sache

verließen, mit wenigen Worten: Hiempsal sei wegen seines Ungestüms von

Numidern umgebracht worden. Adherbal habe den Krieg grundlos vom Zaun

gebrochen und beschwere sich nun, nachdem er besiegt worden war, weil er

kein Unrecht habe begehen können. Jugurtha bitte den Senat, daß sie nichts

anderes glauben sollten, als was noch von Numantia bekannt sei. Sie sollten

nicht die Worte des Feindes vor seine Taten stellen. Daraufhin verließen beide

Parteien das Senatsgebäude. Hierauf trat der Senat in die Beratung ein. Die

Begünstiger der Legaten und außerdem ein großer Teil des Senats, der durch

die Gefälligkeiten verführt worden war, äußerten sich abfällig über das

Gesagte des Adherbal, Jugurthas Leistungen dagegen priesen sie mit


6

Lobesworten. Mit Freundlichkeit, Redekunst und schließlich mit allen Mitteln

setzten sie sich für die verbrecherische Schandtat eines Fremden, wie für die

eigene Ehre, ein. Aber (nur) wenige stimmten dagegen, denen Tugend und

Recht teurer als Reichtum waren3, und (stimmten statt dessen) dafür,

Adherbal beizustehen und den Tod Hiempsals hart zu bestrafen. Am lautesten

aber von allen tat dies Aemilius Scaurus, ein adliger Mann, der unermüdlich

in Parteien engagiert war, dem es aber auch nach Macht, Ehre und Reichtum

verlangte, der aber im übrigen seine Fehler geschickt verbarg. Nachdem er die

anrüchige und schamlose Bestechung des Königs gesehen hatte, zügelte er

seinen Trieb von der gewohnten Gier, weil er das fürchtete, was in solchen

Situationen zu geschehen pflegt, nämlich daß die schmutzige Frechheit Neid

entfache.

Im Senat siegte dennoch jene Partei, die Geld oder Gunst der Wahrheit

vorzog. Es wurde der Beschluß gefaßt, daß zehn Legaten das Reich, das

Micipsa besessen hatte, zwischen Jugurtha und Adherbal aufteilen sollten.

Anführer dieser Gesandtschaft wurde L. Opimius, ein berühmter und damals

im Senat einflußreicher Mann, weil er als Konsul nach der Ermordung des C.

Gracchus und des M. Fulvius Flaccus auf äußerst rücksichtslose Weise den

Sieg des Adels gegen das Volk ausgenutzt hatte. Diesen empfing Jugurtha,

obschon er ihn in Rom zu seinen Feinden zählte, dennoch mit ausgesuchter

Höflichkeit und erreichte viel mit Geschenken und Versprechungen, so daß

dieser das Interesse des Königs höher als seinen Ruf, seine Redlichkeit und

schließlich all seine Angelegenheiten anschlug. Die übrigen Legaten

bearbeitete er auf die gleiche Weise und gewann die meisten für sich. Nur

wenigen war ihre Redlichkeit wichtiger als das Geld. Bei der Landaufteilung

wurde Jugurtha der Teil Numidiens zugesprochen, der an Mauretanien

angrenzt und der reicher an Ackerland und Menschen war. Adherbal nahm

den zweiten Teil in Besitz, der mehr dem äußeren Anschein als dem wahren

Nutzen nach wertvoller war, und der mehr Häfen und prachtvollere Gebäude

hatte

3 eigtl. Singular


7

Sallust, Cat. 10

Sobald jedoch der Staat durch Mühe und Gerechtigkeit gewachsen, große

Könige im Krieg gezähmt, wilde Stämme und ungeheuer große Völker mit

Gewalt unterjocht worden waren und Karthago, die Rivalin des römischen

Volkes, mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden war, standen alle Meere und

Länder offen, und das Schicksal begann zu wüten und alles in Unordnung zu

bringen. Diejenigen, die Mühsalen, Gefahren, verzweifelte und harte

Situationen leicht gemeistert hatten, denen brachten Frieden und Reichtum,

sonst durchaus erstrebenswerte Dinge, Belastung und Unglück. Es wuchs also

zuerst die Gier nach Geld, dann nach Macht: Sie war gleichsam die Wurzel

allen Übels. Denn die Habgier untergräbt Treue, Rechtschaffenheit und alle

anderen guten Eigenschaften; statt dessen lehrte sie Hochmut, Grausamkeit,

die Götter zu verachten und alles für käuflich zu halten. Der Ehrgeiz ließ viele

Menschen Heuchler werden, das eine in der Brust verschlossen, das andere

offen auf der Zunge tragend, er lehrte Freund- und Feindschaften nicht nach

dem inneren Wert, sondern nach dem äußeren Vorteil zu bewerten und eher

eine gute Miene als einen guten Charakter zu zeigen. Dies wuchs am Anfang

allmählich und wurde bisweilen geahndet. Später aber, sobald der schlechte

Einfluß einer Seuche gleich eindrang, änderte sich die Bürgerschaft, und aus

einer äußerst gerechten und guten Herrschaft wurde eine grausame und

unerträgliche gemacht.


8

Der Autor und sein Werk:

Über kaum einen anderen Geisteswissenschaftler dieser Zeit sind so viele

Quellen vorhanden wie über Gaius Sallustius Crispus, da er nicht sein ganzes

Leben der Geschichtsschreibung gewidmet hatte, sondern schon frühzeitig

politisch tätig war, und man im allgemeinen nur politisches Handeln für über-

lieferungswürdig hielt. So sind die wichtigsten Lebensdaten festgehalten. Im

Jahre 86 v. Chr. in Amiternum, einem angesehenen plebejischen Geschlecht

abstammend, geboren, erlebte er in seiner Jugend eine der bewegtesten

Epochen der römischen Geschichte ­ einschließlich der Schreckensherrschaft

Sullas, Spartakus, der Catilinarischen Verschwörung, des Triumvirats,

Ciceros Verbannung und Caesars Konsulat ­ und stieg nach einer gründlichen

Ausbildung als Anhänger der Popularen in die Politikerlaufbahn ein. In den

Senat zog er 54 v. Chr. ein, wurde im folgenden Jahr zum Quästor gewählt

und richtete sich nach Ablauf seiner Quästur als Volkstribun besonders gegen

Cicero und Milo (52 v. Chr.). In dieser Zeit schrieb er sein erstes wichtiges

Werk: die Invektive gegen Cicero, deren Echtheit ­ wahrscheinlich zu Un-

recht ­ angezweifelt wird. Seit seinem Tribunat gilt er als brennender Anhän-

ger Caesars und wurde wahrscheinlich aus diesem Grund, unter dem Vorwand

sittlicher Verfehlungen, aus dem Senat ausgeschlossen (50 v. Chr.). Zwei

Jahre später wurde er von Caesar erneut zum Quästor gemacht und vor dem

Senat rehabilitiert. Auch Caesar war es der ihn 46 v. Chr. zum Prätor mit pro-

konsularischen Befugnissen in der neuen Provinz Africa ernannte. Dort berei-

cherte er sich maßlos und errichtete nach seiner Rückkehr, finanziert durch

die angeeigneten Reichtümer, die bekannten

,,Horti Sallustiani"

(Sallustische

Gärten). Nach der Ermordung Caesars zog er sich aus dem politischen Leben

zurück und widmete sich ganz der Geschichtsschreibung. Er starb im Jahr 35

v. Chr.. Daß Sallust in seinem Leben nicht den strengen sittlichen Ansprüchen

gerecht wurde, die er in seinen Hauptwerken

,,De coniuratione Catilinae"

und

,,bellum Iugurthinum"

an die menschliche

virtus

stellt, zeigen seine Aus-

stoßung aus dem Senat und seine Proömien, in denen er sittliche Ausschwei-

fungen bekennt.


9

Einordnung des Textes in den Zusammenhang:

Der vorliegende Text entstammt Sallusts Werk

,,Bellum Jugurthinum"

, das den

Krieg Roms mit Numidien4 beschreibt. Sallust benannte es nach Jugurtha, der mit

seiner Usurpation des numidischen Thrones die Römer zur Intervention zwang.

In den vorangehenden Kapiteln5 der Textstelle beschreibt Sallust den Aufstieg

Jugurthas, der seine Jugend am Hofe seines Onkels Micipsa, des Königs von

Numidien verlebt. Diesen beunruhigt er jedoch durch seine außerordentliche

Tüchtigkeit. Da Micipsa in dem kraftvollen jungen Mann Gefahr für seine eigenen

unfähigen Söhne wittert, sendet er Jugurtha in den Numantinischen Krieg, in dem

er sich entgegen den Erwartungen vielfach verdient macht, großen Ruhm beim

verbündeten römischen Volk erlangt und sogar die tiefe Sympathie des Publius

Scipio findet. Nach der Rückkehr des von allen Seiten gelobten Neffen ist Micipsa

voller Stolz, adoptiert Jugurtha und setzt ihn neben seinen beiden leiblichen

Söhnen Hiempsal und Adherbal als Erben ein. Nach dem Tod Micipsas verfallen

die Brüder schnell in Streit mit Jugurtha, so daß eine Aufteilung des Reiches

unausweichlich scheint. Dieser läßt nach Provokationen Hiempsal ermorden. Die

Nachricht von dem schweren Verbrechen befällt das Volk wie ein Schrecken und

spaltet das Land in zwei Parteien. Adherbal sendet Legaten zur Benachrichtigung

des Senats nach Rom und muß nach der Entscheidung auf dem Schlachtfeld

geschlagen auch dorthin fliehen. Dies gibt Jugurtha die Möglichkeit sich ganz

Numidiens zu bemächtigen. Eine Intervention Roms befürchtend, sendet auch er

Legaten nach Rom, jedoch um dort ihm bekannte Adlige mit reichen

Schenkungen zu kaufen und diese dazu zu veranlassen die Senatoren zu seinen

Gunsten zu beeinflussen. Es wird eine Senatssitzung angesetzt, in welcher

Adherbal eine weitschweifende Rede hält, in der er das Eingreifen der Römer und

die Rächung seines Bruders fordert.

Im vorliegenden Kapitel wird die Reaktion der Legaten Jugurthas und der Se-

natoren auf die Rede Adherbals beschrieben.

4 111-105 v. Chr.

5 Sallust, Jug. 5-14


10

Interpretation und Analyse:

Sallust, Cat. 10

Dies ist das Kapitel in dem Sallust die Ursachen der römischen Dekadenz

allgemein, aber auf das Wesentliche reduziert (Brevitas), unter dem Aspekt

der geschichtlichen Umstände analysiert. Er verzichtet in ihm auf die

Nennung eines Exemplum, wie man es von ihm erwarten würde.

Mit der Zeit der

labor atque iustitia

ist die Zeit der Könige und

maiores

gemeint, die Sallust durchweg glorifiziert, da die ständige Angst vor dem von

allen Seiten drohenden Feind (

metus hostilis

) die positiven Kräfte der virtus

anregte. Die Verehrung Sallusts für die alte Zeit zeigt sich in der häufigen

Benutzung archaischer Formen wie bei

fuere

(statt

fuerunt

10,2) oder

subvortit

(statt

subvertit

10,4). Die Leistung der Beseitigung dieser äußeren

Bedrohung hebt Sallust besonders durch den Satzbau hervor. In dem parallel

gebauten (

reges magni ­ nationes ferae; bello domiti ­ vi subacti

) und

asyndetischen Trikolon steht als Höhepunkt die totale Vernichtung Karthagos

(schöne Metapher:

ab stirpe

). Die Nachstellung der drei Attribute hält, um

den Parallelismus nicht zu durchbrechen,

Carthago

die wichtige Stelle am

Kolonanfang frei, wodurch

Carthago

an der Spitze der Climax zu stehen

kommt.

Sallust sah das Jahr 146 mit der Zerstörung Karthagos nämlich als wichtiges

Epochenjahr der römischen Geschichte an6, da mit dem Fall des letzten

Feindes auch die

metus

hostilis

und damit auch die Notwendigkeit zum

politischen Konsens wegfiel. Danach konnte sich das Parteiunwesen

ungehindert ausbreiten und schuf somit, vorrangig für die

nobiles

, den

Nährboden für Macht- und Besitzstreben. Das Streben aller für die

gemeinsame Sache wandelte sich so in das Streben eines jeden für sich selbst.

Mit

optanda alias

gibt Sallust ein Beispiel seines einzigartigen paradoxen

Stils: Die Grundlage für ein nach römischer Sicht lebenswürdiges Leben ­

nämlich vor allem

divitiae

- ist bei ihm die Ursache für das Unglück.

6 vgl. Jug. 41; dort befaßt Sallust sich noch detaillierter mit der Bedeutung der Zerstörung

Karthagos als Wendepunkt der römischen Geschichte.


11

Igitur

primo

...

fuere

ist als der zentrale Satz des Stückes anzusehen, da Sallust

vorrangig in seinen Werken die

cupido

pecuniae

und ihr Pendant

avaritia

(Habsucht), später dann auch die

cupido

imperi

oder

ambitio

(Machtstreben;

Ehrgeiz), für den Verfall der

res

publica

verantwortlich macht. Durch die

Geichsetzung mit dem alliterierenden

materies

omnium

malorum

läßt er

darüber keinen Zweifel aufkommen.

Crevit

drückt dagegen aus, daß diese

zwar von Anfang an ,,keimhaft" vorhanden waren, aber erst durch

otium

und

divitiae

,,gewachsen" sind. Im folgenden Satz personifiziert Sallust die

avaritia

, als ob sie ein tätiges Wesen sei. An die Stelle der

fides

tritt

superbia

,

statt

probitas

hält

crudelitas

Einzug (Parallelismus). Auffallend ist auch die

Variatio von zwei substantivischen (

superbia

;

crudelitas

) und zwei verbalen

(

neglegere

;

venalia

habere

) Objekten, welche die große Macht der

avaritia

in

den verschiedenen Lebensbereichen (Religion; Politik) herausstellt.

Aber auch die

ambitio

wird als aggressiv und die Moral untergrabend

personifiziert (doppelte Alliteration:

multos mortalis falsos fieri

klingt

,,zischelnd") Auch typisch für Sallust: Der antithetische Aufbau (Schlagwort

magis

und chiastische Konstruktion) der drei Heucheleiformen.

clausum in pectore

in lingua promptum

Der Chiasmus zeigt, verbunden mit der Bildsprache, sehr schön das

heuchlerisch Berechnende, das die Machtgier erzeugt. Auch hier werden die

drei Glieder in ihrer Konstruktion variiert, wobei das dritte gravierendste

Glied eine Folge des zweiten ist.

Mit

crescere

greift Sallust wieder sein Schema der allmählich beginnenden

und immer rascher werdenden Dekadenz der

res

publica

auf. Es folgt ein

häufig benutzter, aber dennoch sehr schöner Vergleich: Der Vergleich der

entsittlichenden Kräfte mit dem Eindringen einer Seuche bzw. eines Giftes.


12

Sallust, Jug. 15-16

Sallust versucht in diesem Kapitel meinungsbildend auf den Leser

einzuwirken. Er stellt sich schützend vor den schwächeren Adherbal und seine

wenigen Begünstiger, verurteilt dagegen aber die, aus seiner Sicht

unsittlichen, Schenkungen Jugurthas und die für ihn skandalöse Korruption

der Senatoren. Er erreicht dies durch eine kunstvolle Konstruktion von

Antithesen.

Es muß hierzu gesagt werden, daß es für Rom nicht verpflichtend war ohne

Notlage in die internen Querelen in einem Klientenland einzugreifen, da das

patrocinium

Roms7 nur dem Schutz des Landes selbst galt. Auch war es

durchaus Usus von einem befreundeten Fürsten Geschenke entgegenzuneh-

men. Insofern konnte den Senatoren kein Rechtsbruch vorgeworfen werden.8

Gleich zu Beginn macht Sallust jedoch seinen eigenen Standpunkt klar: Mit

der ersten Antithese

largitione magis quam causa freti

zeigt er dem Leser wie

er die Vorgehensweise Jugurthas beurteilt. Die Antwort der Legaten fällt

entsprechen kaltschnäuzig aus. Hiempsal war nämlich nicht von irgend-

welchen Numidern, sondern auf Befehl Jugurthas getötet worden, er ließ sich

sogar seinen Kopf überbringen. Den Krieg zu beginnen, um den Tod seines

Bruders zu rächen, kann nicht als grundlos, sondern muß wohl eher als die

Pflicht Adherbals bezeichnet werden. Nicht von der Hand zu weisen sind

dagegen Jugurthas große Verdienste im Numantinischen Krieg, die ihm

Adherbal gegenüber einen Vorteil im Senat verschaffen.

In 15,2 beginnt Sallust mit der antithetischen Aufteilung zwischen ,,gut" und

,,böse". Der große Teil (

magna pars

) der Senatoren wird von Sallust seiner

Käuflichkeit wegen mit Schmähungen belegt: Die erste Antithese (

dicta

contemnere

virtus extollere

) stellt ein abwertendes

dicta

einem sehr

positiven

virtus

gegenüber. Es wird gefolgt von einem asyndetischen

Trikolon, welches in einer zweiten Antithese mündet, in der

sua

durch ein

Hyperbaton von

gloria

getrennt ist, um so besser den Gegensatz zu

alieno

7 Seit dem Numatinischen Krieg waren Rom und Numidien socies (Verbündete).

8 vgl. E. Koestermann, Bel. Iug., S. 81


13

hervorheben zu können. Alle Stilmittel in diesem Satz drücken das Handeln

der Begünstiger Jugurthas gegen alles, was gut und gerecht ist aus.

Mit

at contra

läßt Sallust aber nun das ,,Pendel" seiner Argumentation in

einer weiteren Antithese auf die entgegengesetzte Seite schwingen. Denn

denjenigen (

pauci

), die hingegen das Gute und Gerechte der Bereicherung

vorziehen erteilt er als Moralist großes Lob. Ihre Forderungen werden durch

die chiastische Stellung von

subveniundum

und

vindicandam

eingerahmt. Die

nun folgende kunstvolle Charakteristik ist ein von Sallust oft benutztes Mittel,

um Personen zu kategorisieren und ihre Beweggründe zu offenzulegen. So

typisch aber für Sallust auch die Wahl der von ihm favorisierten moralischen

Seite ist, so seltsam mutet nun die Wahl seines Exemplum an: Denn nach

ex

omnibus maxume

wird der Hauptprotagonist nicht, wie zu erwarten wäre, mit

Lob überhäuft, sondern mit gut gezielten ,,schnellen Schlägen" bloßgestellt

(Asyndeta erzeugen Brevitas) -- ein weiteres paradoxes Umschwenken des

sallustischen Argumentationspendels.

Mit

factiosus

und

avidus potentia, honoris, divitiarum

wird Scaurus als einer

der, Sallust so verhaßten und der

avaritia

und

ambitio

verfallenen,

nobiles

hingestellt. Mit

vitia sua callide occultans

beschuldigt er ihn der (in Cat. 10 so

verteufelten ­

clausum in pectore ...

) Heuchelei. Scaurus zügelt nämlich seine

avaritia

angesichts der schamlosen, schmutzigen Geschäfte, weil er instinktiv

den Skandal ,,wittert", den sie voraussichtlich auslösen werden. In

quod in tali

re solet

besteht eine der Wendungen Sallusts, die seinen zunehmenden

politischen und geschichtlichen Pessimismus ausdrücken, der ihn nach dem

Tod Caesars zur Geschichtsschreibung getrieben hat.

Mit

vicit tamen

,,schwenkt" Sallust nun wieder antithetisch zur Gegenseite

und gibt mit Bedauern kurz und knapp das Ergebnis des

consilium

bekannt.

Erst jetzt wird der Sieg der

depravati

vor dem Hintergrund des Scaurus-

Beispiels verständlich: Wie hätten sich die zahlenmäßig unterlegenen und von

magna pars

15,2 und

pars illa

16,1 ,,umzingelten"

boni

gegen die

korrumpierten Senatoren durchsetzen können, wo doch ihr stärkster Vertreter

nicht aus eigener Überzeugung, sondern nur aus Angst vor gesellschaftlicher


14

Ächtung handelt. Der durative Imperfekt

anteferebat

deutet an, daß

avaritia

und

ambitio

durchaus dauerhafte Eigenschaften der römischen Führungs-

schicht waren.

Die folgende Charakteristik des Opimius folgt dem typischen sallustischen

Schema. Denn mit dem anprangernden

acerrume victoriam...exercuerat

wird

die vorangestellte durchaus positive Wertung

clarus

und

potens

sofort wieder

verdeckt. Auch wird erahnbar woher diese

potentia

stammt.

Amicis

16,3 ist nur sinnvoll mit Feinde (

inimicis

) zu übersetzen, eine

Abweichung, die vermutlich auf einen Fehler beim Abschreiben einer alten

Handschrift zurückzuführen ist.

Das Asyndeton

fama, fide

steht hier parallel zu

gratia, voce,

und

postremo

parallel zu

denique

(beide 15,2). Es ordnet Opimius zusammen mit den

plerique

dem

magna pars

im Senat zu. Wogegen wieder antithetisch die

pauci

in der Kommission den

pauci

im Senat, und damit der pflichtbewußten Seite,

entsprechen (vgl.

carior fides quam pecunia fuit

mit

bonum et aequum divitiis

carius erat

15,3).

Im Schlußvers, in dem die Ergebnisse der Gesandtschaft bekanntgegeben

werden, stellt Sallust noch einmal einen Vergleich an. Den Teil, der Jugurtha

zugesprochen wird, bewertet er als viel wertvoller und stellt ihn in Verhältnis

zu dem Gebiet, das Adherbal erhalten soll. Mit der letzten, von prägnanter

Kürze gekennzeichneten, Antithese des Kapitels:

illam alteram specie quam

usu potiorem

stellt er abschließend die Ungerechtigkeit heraus, die bei der

Grenzziehung gewaltet hat, heraus.

Im Ganzen ist Sallust die beachtliche Leistung gelungen als Moralist die

Grundsätze, die er in seinen Proömien aber auch im Textbeispiel Cat. 10

aufstellt, auf die Einzelsituation zu übertragen, um so den Leser zu belehren,

ihn auf falsches Verhalten hinzuweisen und den Verlauf der Ereignisse zu

erklären. Das Catilinastück dagegen ist stark durch die defätistische Weltsicht

Sallusts eingefärbt, gibt dem interessierten Leser aber die Gelegenheit den

einzigartigen Stil Sallusts kennenzulernen, weil er ihn in diesem Stück

besonders intensiv zur Geltung bringt


15

Literaturverzeichnis:

- Sallust, Bellum Iugurthinum und Auswahl aus den Historien (Text und

Kommentar),Verlag Aschendorff, Münster 1971

- Sallust, De coniuratione Catilinae, C. C. Buchners Verlag, Bamberg 1986

- Koestermann, Erich, C. Sallustius Crispus, Bellum Iugurthinum, Carl

Winter Universitätsverlag, Heidelberg 1971

- Vretska, Konstantin, Studien zu Sallust Catilina, Wien 1955

- Büchner, Karl, Sallust, Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg 1982


Kommentare

Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:

http://www.grin.com/e-book/100176/