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Scholary Paper (Seminar), 1998, 22 Pages
Author: Britta Zimmermann
Subject: Musicology
Details
Institution/College: University of Dortmund
Tags: Analyse, Sinfonie, G-Dur, Joseph, Haydn, Analyseseminar
Year: 1998
Pages: 22
Grade: 2
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-98616-8
File size: 94 KB
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Fulltext (computer-generated)
Fachbereich Musik, Kunst, Textilgestaltung, Sport und Geographie
(FB 16) der Universität Dortmund
Frau Prof. Dr. E. - M. Houben
Sommersemester 1998
Hausarbeit
im Rahmen des Seminars
,,Analyse: Symphonien von Joseph Haydn"
mit dem Thema
,,Analyse des 1. und 2. Satzes der Symphonie Nr. 94
(Paukenschlag-Symphonie) in G-Dur von Joseph Haydn"
vorgelegt von
Britta Zimmermann, 6. Semester Lehramt Musik und Geographie
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG ____________________________________________________ 3
2 GESCHICHTLICHE EINORDNUNG UND ENTSTEHUNG DER
SYMPHONIE _____________________________________________________ 4
3 ANALYSE DER ERSTEN ZWEI SÄTZE DER SYMPHONIE NR. 94 ... _______ 7
3.1 ALLGEMEIN______________________________________________________ 7
3.2 1. SATZ _________________________________________________________ 7
ADAGIO CANTABILE, ¾-TAKT, G-DUR__________________________________ 7
VIVACE ASSAI, 6/8-TAKT, G-DUR _____________________________________ 7
3.3 2. SATZ ________________________________________________________ 14
ANDANTE, C-DUR, 2/4-TAKT _______________________________________ 14
4 FAZIT __________________________________________________________ 18
5 LITERATURVERZEICHNIS _______________________________________ 20
6 NOTENVERZEICHNIS ___________________________________________ 21
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1 ____________________________________________________________14
2
1 Einleitung
Diese Hausarbeit beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Analyse der ersten beiden
Sätze der Symphonie Nr. 94, G-Dur, von Joseph Haydn. Ferner wird die geschichtliche
Einordnung der Symphonie dargelegt.
Ich habe diese Symphonie als mein Hausarbeitsthema gewählt, weil ich sie vom Hören her
zwar kannte, ich sie aber gerade wegen ihrer Bekannt- und Beliebtheit näher kennen lernen
wollte, sie analysieren wollte. Schnell habe ich gemerkt, daß eine Analyse über die gesam-
te Symphonie viel zu umfangreich für eine Hausarbeit ist. Deshalb habe ich mich auf die
ersten beiden Sätze beschränkt; den zweiten Satz wegen seiner ,,zwingenden" Notwendig-
keit (Paukenschlag, bekanntes Thema), den ersten Satz wegen seiner Stellung in der Sym-
phonie (1. Satz und mit langsamer Einleitung) und wegen seiner Schönheit. Ich finde es
schade, daß gerade nur der zweite Satz aus dieser Symphonie Nr. 94 so bekannt ist. Denn
an diesem ersten Satz wird neben zahlreichen anderen Beispielen deutlich, was Haydn in
Bezug auf kompositorische Überraschungen wie plötzliche Forte - Piano - Wechsel oder
hineinkomponierte Ritardandi und Crescendi zu leisten vermag. Vor allem auch in Bezug
darauf, daß Haydn den Zuhörer mit etwas Unerwartetem überrascht.
Die Symphonie Nr. 94 gehört zu den volkstümlichsten Schöpfungen Haydns. Volkstümlich
deshalb, weil das Thema des zweiten Satzes dem Aufbau eines Volksliedes entspricht. A-
ber dazu mehr im Kapitel 3.3.
Haydn komponierte die Symphonie Nr. 94 im Jahre 1791 während seines ersten England-
aufenthaltes. Die Erstaufführung fand am 23. März 1792 in London statt.
Ihre Beliebtheit verdankt die Symphonie dem Thema des zweiten Satzes, ihren Namen
einem überraschenden Paukenschlag, mit dem dieses pianissimo vorgetragene Thema sei-
nen kräftigen Abschluß findet. In England und Frankreich heißt die Symphonie ,,The Sur-
prise" bzw. La Surprise" (Die Überraschung). Man sagt, Haydn habe den Paukenschlag
angebracht, um die Zuhörer, die beim Andante (2. Satz) sanft einzuschlummern pflegen, zu
wecken.1 2
1 Renner, Schweitzer, 1994, S. 54
2 Martinez-Göllner, 1979, S. 6
3
2 Geschichtliche Einordnung und Entstehung der Symphonie
Die Entstehung der letzten zwölf Symphonien Joseph Haydns verdanken wir einer Einrich-
tung, die uns heute zwar längst vertraut, am Ende des 18. Jahrhunderts aber als ungewöhn-
lich anzusehen ist: einer durch den Verkauf von Abonnements finanzierten Reihe öffentli-
cher Konzerte. Zu einer Zeit, als das Konzertleben auf dem Kontinent noch hauptsächlich
durch den Adel bestimmt wurde, boten sich in der reichen Großstadt London fast moderne
Verhältnisse. Neben Orchesterkonzerten und Opernaufführungen mit zeitgenössischer Mu-
sik gab es Kreise, die sich ausschließlich älterer Musik widmeten, angeregt allerdings
durch die noch durchaus lebendige Begeisterung der Engländer für die Musik Händels.
Man bemühte sich ständig, ausländische Künstler zu gewinnen und nach London zu holen.
Dies wurde durch zwei rivalisierende Unternehmen Anfang der 90er Jahre des 17. Jahr-
hunderts erheblich gefördert. Als Konkurrenz zu den älteren ,,Professional Concerts" hatte
nämlich im Jahre 1786 der bekannte Geigenvirtuose, Johann Peter Salomon, ein gebürtiger
Deutscher, seine eigene Supskriptions-Reihe gegründet, der sofort Erfolg beschieden war.
Nicht nur das große Ansehen Londons als Musikstadt (ein Vergleich mit dem heutigen
New York ist von musikalischer Seite her sicherlich angemessen)3, sondern auch großzü-
gige finanzielle Angebote trugen dazu bei, Künstler aus ganz Europa für die beiden Unter-
nehmen zu gewinnen.
Auch Haydn wollte man für diese Konzerte gewinnen, denn sein Ruhm war weit verbrei-
tet. Doch daß sich der fast sechzigjährige Meister dazu überreden lassen würde, war sehr
unwahrscheinlich. Haydns Leben hatte sich bislang in einem ganz anderen Rahmen be-
wegt.4
Seit dreißig Jahren war er im Dienste des Fürsten Esterhazy tätig und war nur wenig mit
der breiten Öffentlichkeit in Berührung gekommen. Zunächst blieben die Versuche Salo-
mons auch ergebnislos.
Am 28. September 1790 starb dann überraschend Haydns langjähriger Freund und Gönner,
der Fürst Nikolaus Esterhazy. Sein Nachfolger wurde Sohn Anton. Dieser ließ die Schloß-
kapelle schließen, so daß Haydn nach fast dreißigjährigem Wirken im Dienste der Familie
Esterhazy wieder frei war. Es wurde Haydn, wenn er sich weiterhin Esterhazyscher
Kapellmeister nenne, ein Jahresgehalt von 1400 fl. bezahlt, so daß er aller materieller Sor-
3 Geiringer, 1980, S. 20
4 Martinez-Göllner, 1979, S. 3
4
gen enthoben war. Er verließ Esterhaz und schlug seinen Wohnsitz in Wien auf. 5
Als Johann Peter Salomon vom Tod des Fürsten Esterhazy erfuhr, eilte er unverzüglich
nach Wien, entschlossen, Haydn für die kommende Saison nach London zu verpflichten.
Dieser war nun dazu in der Lage und beide handelten einen Vertrag unter glänzenden ma-
teriellen Bedingungen aus. Am 15. Dezember 1790 verließ Haydn zusammen mit Salomon
Wien und sie erreichten England am 2. Januar 1791, zwei Wochen später. Am nächsten
Tag fuhren sie weiter nach London, wo Haydn begeistert empfangen und gefeiert wurde.
Insgesamt blieb Haydn eineinhalb Jahre in London und kehrte 1794/95 zu einem zweiten,
etwa gleich langen Aufenthalt nach London zurück.6
Die Londoner Reise des Meisters bedeutet eine Reaktion auf die jahrzehntelange Abhän-
gigkeit von dem Willen eines hohen Herren. So schreibt Haydn in einem Brief aus Lon-
don: ,,Das Bewußtseyn, kein gebundener Diener zu seyn, vergütet alle Mühe."7
Das Leben, das Haydn namentlich während seines ersten englischen Aufenthaltes führt,
steht denn auch im schärfsten Gegensatz zu der Beschaulichkeit seines bisherigen Daseins.
Zunächst muß Haydn zahlreiche Konzerte dirigieren, wobei ihn nicht nur die allwöchent-
lich stattfindenden Salomonkonzerte, sondern auch verschiedene andere Veranstaltungen
in Anspruch nehmen. Er hat während seiner Londoner Tage eine Produktivität entwickelt,
die ganz erstaunlich ist. Sie besticht nicht nur durch ihre Breite, sondern gerade durch ihre
Tiefe.8
Der erste Vertrag mit Salomon lautete auf 300 englische Pfund Sterling für sechs neue
Symphonien und 200 Pfund für deren Vertragsrechte, 300 Pfund für eine neue Oper, 200
Pfund für 20 kleinere Werke und 200 Pfund Garantie auf ein Benefiz-Konzert, im Ganzen
also 1200 Pfund. Das Benefiz-Konzert brachte sogar 350 Pfund ein.9
Im Mai 1791 besuchte Haydn die Händel-Gedenkfeier in Westminster Abbey. In der Zeit
5 Geiringer, 1980, S. 18
6 Newstone (Hrsg.), Eulenburg-Taschenpartitur, 1984, S. III
7 Geiringer, 1980, S. 19
8 Geiringer, 1980, S. 21
9 Martinez-Göllner, 1979, S. 4
5
vom 6. bis 8. Juli hielt er sich in Oxford auf, wo er an drei Konzerten mitwirkte und die
Ehrendoktorwürde eines Doktors der Musik entgegennahm.10
Die Symphonie Nr. 94 entstand im Jahre 1791 und wurde zum ersten Mal in den Hanover
Square Rooms in London am 23. März 1792 aufgeführt. Und zwar im Rahmen des sechs-
ten Konzerts der 1792 von Salomon gegebenen Konzertreihe unter der Leitung Haydns als
Cembalist und mit Salomon als Konzertmeister. Die Symphonie hatte außerordentlichen
Erfolg und wurde bald zu einer der bis heute beliebtesten Symphonien Haydns. 11
Die Hanover Square Rooms wurden 1775 von Johann Christian Bach eröffnet und waren
auch im 19. Jahrhundert einer der beliebtesten Konzertsäle Londons.
Es gab bei den Salomonischen Konzerten keinen Dirigenten im heutigen Sinne. Entweder
übernahm der Konzertmeister, in diesem Fall also Salomon, die Führung, oder man diri-
gierte vom Cembalo aus. Letzteres tat auch Haydn.12
Haydn verließ London Ende Juni 1792 und erreicht Wien am 24. Juli. Die Zeit dort, bis zu
seinem zweiten London Aufenthalt, verlief sehr ruhig. Sein beispielloser Erfolg hatte in
Wien anscheinend nur wenig Eindruck gemacht. Immerhin konnte er in Ruhe arbeiten und
so seinen zweiten Londoner Aufenthalt vorbereiten. Im Herbst 1793 kam auch eine Ver-
einbarung mit Salomon über einen zweiten Londoner Besuch zustande. Über diese Verein-
barung ist lediglich bekannt, daß Haydn sich erneut verpflichtete, sechs weitere Sympho-
nien zu komponieren.13
10 Larsen, Feder, 1994, S. 75
11 Newstone (Hrsg.), Eulenburg-Taschenpartitur, 1984, S. XII
12 Martinez-Göllner, 1979, S. 4
13 Larsen, Feder, 1994, S. 73-74
6
3 Analyse der ersten zwei Sätze der Symphonie Nr. 94 in G-Dur
3.1 Allgemein
Die Orchestrierung der Symphonie weist keine Besonderheiten auf, sondern hält sich an
die Gegebenheiten des Salomonschen Orchesters: Die Besetzung besteht aus 2 Flöten, 2
Oboen, 2 Fagotten, 2 Hörnern, 2 Trompeten, Pauken und Streichern (Violine, Viola, Vio-
loncello und Kontrabaß).
Die Symphonie ,,mit dem Paukenschlag" weist, wie viele der späten Werke Haydns, eine
einfache und klare tonale Struktur auf. Von ihren vier Sätzen stehen drei in der Haupttonart
G-Dur. Diese Einheit in der Struktur geht sogar soweit, daß selbst die Einleitung zum ers-
ten Satz und das Trio des Menuetts (dritter Satz) in G-Dur geschrieben sind. Allein für den
zweiten, den Andante-Satz wählte Haydn eine andere Tonart, nämlich die Subdominant-
Tonart C-Dur. Dieser zweite Satz ist auch der einzige, in dem ein längerer Moll-Abschnitt
vorkommt.
In dem gesamten Werk werden also tonale Spannungen vermieden.
3.2 1. Satz
Adagio cantabile, ¾-Takt, G-Dur
Vivace assai, 6/8-Takt, G-Dur
Dem ersten Satz steht, wie bei fast allen Londoner Symphonien - Nr. 95 bildet die einzige
Ausnahme eine langsame Einleitung im ¾-Takt voran. Sie umfaßt 17 Takte. Der Satz
beginnt mit einem zweitaktigen Motiv, das volltaktik in den Bläsern einsetzt und aus Vier-
telnoten bzw. einem punktierten Abgang besteht. Dieses Motiv wird sodann abgebrochen,
denn es erklingt ein zweites Motiv, das nun in tiefer Lage von den Streichern vorgetragen
wird. Das zweite Motiv beginnt auftaktik, besteht aus Achtelnoten und steht dem ersten
Motiv gegenüber. Das erste Motiv beginnt und endet in G-Dur (Takt 2), wohingegen das
zweite Motiv in G-Dur beginnt, aber auf der Dominanten endet (Takt 5).
Die ersten vier Takte der Einleitung setzen sich also aus zwei Motiven zusammen, die
durch Rhythmus, Lage und Instrumentierung voneinander abgehoben werden. Sie sind wie
eine hohe und eine tiefe Stimme, wie Frage und Antwort einander gegenübergestellt und
7
bilden eine Art musikalischen Dialog zwischen Holzbläsern und Streichern.14
Bei der nun folgenden Wiederholung des ersten Motivs bewirkt das Hinzutreten der Flöten
eine Steigerung gegenüber dem Anfang und eine stärkere Betonung des Lageunterschieds
zum zweiten Motiv. Es scheint, als würde die ,,Frage" noch intensiver gestellt werden.
Die Takte 7 und 8 runden die achttaktige Periode ab und führen sie zurück zur Tonika. In
Takt 8 setzt sodann eine durchgehende, rhythmische Bewegung von Achtelnoten (Ton g)
in den Violinen ein. Diese Bewegung steigt ab Takt 10 bis Takt 13 chromatisch höher,
wobei sie nun nicht mehr ganztaktig erscheint, sondern halbtaktig, also ein Tonwechsel auf
dem ersten und vierten Achtel. Somit kommt es zu einer Zweideutigkeit im metrischen
Ablauf: Der ¾-Takt der Einleitung nähert sich dem 6/8-Takt des folgenden Vivace.15
Die Achtelbewegung läuft bis Takt 16 weiter und mündet dort in einen Dominantseptak-
kord. Eigentlich könnte Haydn hier die Einleitung beenden, doch er verlängert diese noch
durch einen Takt. Somit umfaßt die Einleitung 17 Takte.
Der siebzehnte Takt (eine Fortführung des Dominantseptakkordes) beinhaltet eine überlei-
tende Figur in der ersten Violine zum folgenden Vivace-Teil. Dieser Takt steht wieder wie
eine Frage im Raum, leitet aber unmittelbar zum Vivace über, denn das Vivace beginnt
ebenfalls im Piano. Ferner bedeutet der erste Ton h` des Vivaces die unmittelbare Auflö-
sung der Überleitung aus der Einleitung. Dies soll aber nicht bedeuten, daß das Hauptthe-
ma, das in Takt 17 zweite Hälfte beginnt, in der Tonika steht (als Folge der Auflösung des
Dominantseptakkordes). Das Hauptthema des Vivace steht vielmehr immer noch in der
Dominante und wird erst in Takt 21 zur Tonika aufgelöst.
Die Schlußfolgerung sieht also wie folgt aus: Haydn hat keine eindeutige Trennung zwi-
schen Einleitung (Adagio) und Vivace vorgenommen, außer dem Tempounterschied. Dies
fällt dem Hörer aber nicht unmittelbar auf. Sowohl rhythmisch als auch dynamisch gibt es
keine hörbaren Unterschiede. Es bleibt zunächst also unklar, wann denn genau das Vivace
beginnt. Letztendlich mit dem Schlußton des Hauptthemas in Takt 21 werden die Verhält-
nisse geklärt. Auf diesem Ton setzt das volle Orchester forte ein und gerät in einen schein-
bar unaufhaltsamen Lauf von Achtel- und Sechzehnteltönen, die teilweise staccato gespielt
14 Müller-Arp, 1992, S. 97
15 Martinez-Göllner, 1979, S. 12
8
werden. Froh die Tonika erreicht zu haben, spielen sich die folgenden neun Takte (von
Takt 21 29) auf dem Grundton G ab. Erst in Takt 30 vollzieht sich eine plötzlich Wen-
dung zur Dominante, die 8 Takte lang umspielt wird. 16
In diesen zwei Blöcken, Takt 21-29 und Takt 31-38, hat Haydn kompositorisch Interessan-
tes geleistet. Im ersten harmonischen Block hat er ein Accelerando in den Satz hineinkom-
poniert, ohne das äußere Tempo des Satzes zu verändern. In den acht Takten nach der Mo-
dulation zur Dominante (T. 31-38) hat er dann ein Ritardando in den Satz hineinkompo-
niert. Beide Phänomene folgen jedoch einem unterschiedlichen, kompositorischen Prinzip:
Zunächst zu Takt 21-29:
Während der Baß den Ton G in Achteln wiederholt, wechselt der Oberstimmenkomplex
zwischen Tonika und Dominante ab. Und zwar in immer kürzer werdenden Abständen.
Zunächst nach 2 Takten, dann nach einem Takt. Von Takt 24 bis 27 erfolgen die Wechsel
dann halbtaktik, Takt 28 und 29 dann vierteltaktik. Somit sind die Wechsel zwischen To-
nika und Dominante im Verlauf der 9 Takte stets beschleunigt worden. Man hat als Hörer
das Gefühl, daß das Tempo schneller geworden ist, doch Haydn hat das Tempo nicht ver-
ändert, sondern nur eine Accelerando in den Satz hineinkomponiert.
Nun zu den Takten 31-38:
Hier gibt es keine Wechsel zwischen Tonika und Dominante. Es verharren alle Stimmen
auf der Dominante. Somit bleibt das harmonische Element konstant. Das in den Satz hin-
einkomponierte Ritardando läßt sich am besten am Baß nachvollziehen. Der Baßton d folgt
immer in größer werdenden Abständen aufeinander. Im Takt 35 tritt dann auch eine Ver-
langsamung des Tempos durch Weglassen der Sechzehntelläufe in den Streichern und der
Bläser ein. Im Takt 38 bleiben schließlich nur zwei Melodietöne über dem Pizzicato des
Dominantseptakkordes in den Unterstimmen übrig.17
Nach einer Pause folgt nun wieder das Hauptthema in der Dominante (Takt 39-43). In Takt
43 verläßt Haydn die soeben erreichte Tonika wieder und lenkt den Satz zur Doppeldomi-
nante (T. 45-53). Im Takt 54 setzt dann wieder das Thema ein und es schließt sich in Takt
58 eine Kadenz an. Sie endet in Takt 66. In den folgenden Takten 66-69 findet ein perma-
nenter Wechsel zwischen der Dominanten und der Doppeldominanten statt, sowie
zwischen piano und forte.
16 Martinez-Göllner, 1979, S. 12
17 Martinez-Göllner, 1979, S. 12, 13
9
Die plötzlichen Wechsel zwischen Forte und Piano18, die mit der Instrumentation ver-
knüpft sind, durchlaufen die gesamte Symphonie, aber nicht nur diese. Sie tauchen auch in
zahlreichen anderen Symphonien Haydns auf, wie zum Beispiel in der Abschiedssympho-
nie Nr. 45, Takte 56 bis 73. Die Wechsel können sogar als Haydns ,,Markenzeichen" an-
gesehen werden.
In den Takten 70 bis 73 kommt es dann zu einem graduellen Dynamikwechsel von piano
zu forte. Allerdings ist dieses Crescendo nicht als Crescendo gekennzeichnet, sondern es
entsteht wieder aus der Musik, wie auch das schon besprochene Accelerando und Ritar-
dando. Es kommt zu ganztaktigen Wechseln zwischen Tonika und Dominante, wobei die
rhythmischen Figuren der einzelnen Stimmen gleichbleiben. Durch das Hinzufügen von
einzelnen Stimmen bis hin zum Tutti in Takt 74, von wo an die Unterstimmen auch in Be-
wegung geraten, entsteht somit ein Crescendo, das auch noch bis Takt 79 fortgeführt wird.
Dieses Crescendo hat die Funktion, kadenzartig zum zweiten Thema überzuleiten.19
Das zweite Thema beginnt auftaktig in Takt 80 und endet in Takt 86, Violine I. Es besteht
aus einem zweitaktigen Motiv, das unmittelbar wiederholt wird, und einer dreitaktigen
kadenzierten Wendung, die sich anschließt. Die Themenwiederholung setzt unmittelbar ein
(in Violine I und Flöte), sie ist jedoch keine genaue Wiederholung.
Nach Beendigung des zweiten Themas in Takt 93 setzt eine Kadenz in der Dominanten
ein, der eine Unisono-Bewegung ab Takt 101 folgt, die schließlich auf dem Ton h mündet
und die Exposition beschließt. Der Ton h erklingt zwei Takte lang und macht einen Ein-
schnitt deutlich. Somit weiß der Hörer, daß nun etwas neues kommt, bzw. das alte noch
einmal wiederholt wird.20
Die Durchführung beginnt mit dem Hauptthema, jedoch nicht in seiner ursprünglichen
18 Sehr gut zu erkennen sind diese plötzlichen Wechsel auch in der Durchführung Takt 126 bis 131, wo
Haydn in extremer Weise Dynamikveränderungen taktweise vornimmt.
19 Martinez-Göllner, 1979, S. 13,14
20 Martinez-Göllner, 1979, S. 14
10
Form. Es beginnt mit einem Sextsprung anstatt mit einem Quartsprung. Ferner erklingt das
Thema nun in G-Dur, als Dominante zu C-Dur ist. Außerdem erklingt nur der Themenkopf
mit einer zweifachen Wiederholung. Das Thema ist somit um einen halben Takt gekürzt.
Es mündet in C-Dur. Danach erklingt es in der Durchführung nicht wieder.21
Von Takt 113 an beginnen 10 Takte mit rhythmischen Figuren (Motiv) des ersten Themas,
ab Takt 115 über dem Grundton C. Durch die vielen langen Noten, die in den anderen
Stimmen auftauchen, kommt keine richtige Bewegung in die Durchführung. Sie hat bis-
lang eher stagnierenden Charakter. Gerade ausgesprochen kommt auch schon in Takt 123
die plötzliche Wende. Ein A-Dur-Akkord mit Forteeinsatz des ganzen Orchesters erklingt
und führt zwei Takte später schon nach d-moll. Die neue Tonart, d-moll, wird bis Takt 130
gefestigt, die dann aber mit dem gebrochenen Quartsextakkord abbricht und in Takt 134 in
eine chromatisch absteigende Akkordfolge abgleitet, bis in Takt 141 dann Fis-Dur (Domi-
nante von h-moll) erreicht ist. Es schließt sich bis Takt 148 eine längere Kadenz in h-moll
an. In Takt 146 erklingen dann in den Streichern und in der Flöte sowie der Oboe Motiv-
ausschnitte des zweiten Themas. 22
Aber auch h-moll wird in Takt 148 wieder verlassen. Es tauchen nun wieder die Achtelno-
ten h auf, die schon am Ende der Exposition auftraten, um das Ende der Exposition anzu-
kündigen. Auch hier haben sie ähnliche Funktion. Sie läuten den Schluß der Durchführung
bzw. den Beginn der Reprise ein. Diesmal wird aber mit dem erklingenden Ton g in der
zweiten Violine die Tonika vorbereitet. (Takte 148-154)
Die Reprise beginnt in Takt 154 mit der Wiederaufnahme des Hauptthemas. Die Tonika
erklingt dann in Takt 158 mit dem Schlußakkord des Themas. Im weiteren Verlauf weicht
die Reprise erheblich von der Exposition ab. Bis Takt 174 wird die Exposition weitestge-
hend wiederholt, danach nimmt die Reprise einen anderen Verlauf. Ab Takt 183f taucht
wieder das Motiv aus der Exposition, Takt 66f, auf.
Die Takte 191 bis 227 bilden einen neuen Teil in der Reprise, der sowohl in der Exposition
21 Martinez-Göllner, 1979, S. 14
22 Martinez-Göllner, 1979, S. 15
11
als auch in der Durchführung nicht aufgetaucht ist. Hier ist die eigentliche Durchführung
des Hauptthemas in G-Dur zu finden. In der Durchführung selber tritt das Thema nur am
Anfang einmal auf, danach nicht wieder.
Im Prinzip fällt durch den neuen Teil in der Reprise die zweimalige Wiederholung des
Hauptthemas, in der Haupttonart und in der Dominante, weg. (Siehe Exposition Takt 39
bis 78.)
Am Anfang des neue Teil (Takt 195 bis 206) erklingt dreimal der Themenkopf in kurzen
Abständen hintereinander, immer mit anderer Instrumentierung. Die Takte 210 / 211 bil-
den die Vorbereitung mit vollem Orchester zu einer Kadenz, die zur Tonika G-Dur in Takt
215 führt. Die Tonika wird jedoch nur von den Hörnern im piano gebracht. Somit bleibt
der erwartete volle Tonikaklang aus. Haydn hat uns an der Nase herumgeführt.
Bis Takt 227 erklingt das Hauptthema dann noch zweimal.
Im Takt 228 beginnt dann die Wiederaufnahme des zweiten Themas in G-Dur. Unmittelbar
zuvor war noch das erste Thema zu hören. Haydn bringt also in der Reprise beide Themen
zusammen, wo sie doch in der Exposition noch so weit voneinander getrennt waren. An-
statt zwei verschiedene Themen als Gegensätze aufzustellen, wie man es von späteren
Symphonien her gewohnt ist, bringt Haydn also beide Themen am Schluß des Satzes zu-
sammen.23
Der Rest des Satzes verläuft ähnlich wie der Schluß der Exposition, mit dem Unterschied,
daß jetzt die Tonika durch wiederholte Kadenzakkorde als Abschluß des Satzes bestätigt
und betont wird. Eine abschließende Coda fehlt, weil die abschließende Funktion bereits
übernommen ist.
Zusammenfassend läßt sich also festhalten:
23 Martinez-Göllner, 1979, S. 16
12
Einleitung Takt 1-17
Exposition Takt 17-107
Durchführung Takt 107-154
Reprise Takt 154-257
Hauptthema Takt 17-21
2. Thema Takt 80-86
Die eigentlich thematische Arbeit dieses ersten Satzes findet nicht in der Durchführung
statt, sondern in der Reprise. Die Durchführung bringt das Hauptthema nur am Anfang
einmal, was ja in dem Sinne keine thematische Arbeit ist. Die Reprise ist damit keine bloße
Wiederholung der Exposition.
Die eigentliche Durchführung behandelt eher das Überleitungs- und Zwischenspielmaterial
thematisch.
13
3.3 2. Satz
Andante, C-Dur, 2/4-Takt
Das Andante beruht auf einer melodischen Linie, die das gesamte Andante variationenhaft
durchfließt.
Das Thema besteht aus einer Periode und erstreckt sich von Takt 1 bis Takt 32. Die Perio-
de besteht aus zwei Teilen von jeweils 8 Takten, die jeweils wiederholt werden. Die Teile
setzen sich ihrerseits ebenfalls aus zweitaktigen Gebilden zusammen., so daß der Dop-
peltakt die eigentliche Einheit darstellt.
Schematisch sieht der Aufbau der Periode wie folgt aus:
Thema (Periode)
32 Takte
Vordersatz Nachsatz
8 Takte + 8 Takte Wiederholung 8 Takte + 8 Takte Wiederholung
E 1 E 2 E 3 E 4 E A E B E C ED
2 T. 2 T. 2 T. 2 T. 2 T. 2 T. 2 T. 2 T.
Abb. 1: Schematischer Aufbau des Themas E = Einheit
Die Melodie ist sehr einfach strukturiert und dadurch sehr eindringlich. Die Töne sind je-
weils Bestandteil eines einzelnen Akkordes, des Dreiklanges. Es handelt sich um eine
Dreiklangsakkordbrechung. Die ersten zwei Takte (Einheit 1, Abb.1) umfassen den Toni-
ka-Dreiklang, die nächsten zwei Takte den Dreiklang des Dominanseptakkordes (Einheit
2), dann erklingt zwei Takte lang der Tonika-Dreiklang (Einheit 3) wieder. Nur die letzten
zwei Takte fassen Dominante und Tonika in einer Kadenz zusammen (Einheit 4).
Diese Melodie ist sehr eingängig, so daß der Zuhörer nach einmaligem Hören die Melodie
mit- bzw. nachsingen kann. Sie ist oftmals, zumindestens ging es mir so, nicht mehr aus
dem Ohr zu bekommen (ein sogenannter Ohrwurm).
14
Der Rhythmus des Themas besteht aus Achteln, deren Verlauf durch eine Viertelnote am
Ende jeder zweitaktigen Einheit unterbrochen wird. Mit diesen Achten sind Tonwiederho-
lungen verbunden, so daß die Tonhöhe sich nur im Viertelabstand ändert.
Vorgetragen wird die Melodie von den Violinen, begleitet wird sie durch die Viola und
den Baß, die jeweils nur eine Viertelnote zu Beginn eines jeden Taktes spielen.
Das alles zusammen verleiht der Melodie etwas Starres, Einfältiges. Ihre natürlich Ein-
fachheit hat volkstümlichen Charakter.
Nachdem die ersten 8 Takte in den Geigen erklungen sind, läßt Haydn diese von den ersten
Violinen allein wiederholen. Die anderen Streicher (2. Violine bis Kontrabaß) begleiten
mit einem Pizzicato-Akkord auf der ersten Zählzeit eines jeden Taktes. Die Wirkung des
Ganzen ist ein hineinkomponiertes Pianissimo.
Und nur wegen dieses Pianissimo ist die Wirkung des ,,Paukenschlag" (Takt 16) um so
größer. Er kommt völlig unvorbereitet in der Mitte des Taktes 16, nachdem der Schluß der
Melodie längst erklungen ist. ,,Und buchstäblich mit einem Schlag ist die natürliche volks-
tümliche Melodie in eine Komposition verwandelt, in der das Natürliche, das Erwartete,
jeden Augenblick umgestoßen werden kann 24." Ein reiner Paukenschlag ist der Akkord in
Takt 16 nicht, wird aber der Einfachheit halber als dieser bezeichnet. Er ist vielmehr ein G-
Dur-Akkord (Viertel) im Fortissimo, der von allen Orchsterinstrumenten gespielt wird.
Die zweite Hälfte der Melodie ist bei gleichbleibendem Grundrhythmus etwas bewegli-
cher. Vor allem der Baß hat seinen starren Charakter verloren und macht nun den Rhyth-
mus der übrigen Stimmen mit. Das strenge Schema der Tonwiederholungen ist aufge-
sprengt, melodische Übergänge verbinden die Doppeltakteinheiten.
Haydn läßt dem erklungenen Thema (Takt 1-32)
vier
ungemein farbige, subtile Variatio-
24 Martinez-Göllner, 1979, S. 18
15
nen folgen. Die Variationen erklingen mit verschiedenen Begleitfiguren, sind verschieden
harmonisiert und instrumentiert. In ihrem Rhythmus und ihrer Tonfolge sind sie kaum ge-
ändert.25
Die
erste Variation
beginnt Takt 33 und endet Takt 48. Sie umfaßt 32 Takte (16 + 16 Tak-
te) und steht in C-Dur, wie das Thema selbst auch. Die Grundstruktur des Themas ist
gleichgeblieben, Vordersatz und Nachsatz werden real übernommen. Haydn fügt eine O-
berstimme hinzu, die zunächst von der ersten Violine, Takt 38 bis 40 von der ersten Violi-
ne und der Flöte gespielt wird.
Die
zweite Variation
beginnt in Takt 49. Sie steht in c-moll und umfaßt 34 Takte (16 + 18
Takte). Die zweite Variation ist zwei Takte länger als die anderen Variationen, weil Haydn
eine viertaktige Überleitung angefügt hat. Diese Variation verläßt als einzige die strenge
Symmetrie des Themas. Die ersten 8 Takte der Variation, die wiederholt werden, bilden
die erste Abweichung vom Original. Hier wurden die ersten zwei Takte des Themas mit
den letzten beiden Takten kombiniert. Somit sind aus 16 Takten Thema (ohne Wiederho-
lung) nur 8 Takte geworden. Auf diese Weise können die folgenden 18 Takte eine freie
Bearbeitung des thematischen Materials an Stelle der sonst zu erwartenden zweiten Hälfte
des Themas bringen. Es erklingt sogar der Paukenschlag wieder (Takt 57).26
Die
dritte Variation
(Takt 75 bis 106) erklingt wieder in C-Dur und ist in 16 + 16 Takte
aufgeteilt. Aus der zweifachen Tonwiederholung hat Haydn nun eine vierfache Tonwie-
derholung gemacht. Anstatt zwei Achtelnoten bringt er nun vier Sechzehntelnoten, dies
aber auch nur die ersten 8 Takte lang. Danach erklingt das Thema wieder in seiner ur-
sprünglichen Form. Hinzu kommen zwei Oberstimmen, gespielt von Flöte und Oboe. Eine
Abweichung zum Thema tritt dann in Takt 95 ein. Haydn verändert den Themennachsatz
dahingehend, daß er vier Takte des Vordersatzes einschiebt und dafür 4 Takte des eigentli-
chen Themas wegläßt. Harmonisch ändert sich nichts.
Die
vierte und letzte Variation
beginnt in Takt 107 und endet in Takt 138. Das einfache
25 Lessing, 1987-89, S. 102
26 Martinez-Göllner, 1979, S. 19
16
volkstümliche Lied, das Thema also, erklingt plötzlich als glanzvoller Marsch mit Pauken,
Trompeten und synkopierter Begleitung in den Streichern (ausgenommen die ersten Violi-
ne). Die Tonart ist C-Dur.
Diesmal übernehmen die Bläser die Funktion des Themenvortrages, die anderen Stimmen
haben Begleitfunktion. Die ersten 8 Takte sind dem Thema entnommen, danach erscheint
die Wiederholung etwas verändert. Sie wird nun von den Violinen in etwas abgewandelter
Form vorgetragen (die Bläser haben Pause). Dies geschieht ab Takt 115 bis Takt 130. Die-
ser Teil ist auch der ruhigste in der gesamten vierten Variation, da die Bläser fehlen. Er
bildet sozusagen den Mittelteil, denn das Ende der Variation (Takt 131 bis Takt 138) er-
klingt wieder im Marsch.
Somit ist aus einem Zweiteiler (Vorder- und Nachsatz) ein Dreiteiler geworden (Marsch
ruhiger Mittelteil Marsch).27
Nach dem Schluß der vierten Variation in Takt 138 beginnt die
Coda
(Takt 138 bis 156).
Es ertönt zunächst eine Fanfare, die das Ende des Marsches ankündigt (Takt 139 142).
Dann verhallt der Marsch in der Ferne. Die ersten vier Takte des Themas erklingen dann
nochmals in den Oboen und im Fagott über einem ausgehaltenen C7-Akkord in den übri-
gen Stimmen, bis der Satz dann schließlich mit dem pianissimo wiederholten C-Dur-
Akkord ausklingt.
Zusammengefaßt läßt sich der Aufbau des zweiten Satzes wie folgt darstellen:
Thema
(Takt 1 32): C-Dur, Aufbau 16 + 16 Takte
1. Variation
(Takt 33 48): C-Dur, Aufbau 16 + 16 Takte
2. Variation
(Takt 49 74): c-moll, Aufbau 16 + 18 Takte
3. Variation
(Takt 75 106): C-Dur, Aufbau 16 + 16 Takte
4. Variation
(Takt 107 138): C-Dur, Aufbau 16 + 16 Takte
Coda
(Takt 138 156): C-Dur, 18 Takte
27 Martinez-Göllner, 1979, S. 20
17
4 Fazit
Kaum ein anderer Komponist hat noch zu Lebzeiten solch einen unbestrittenen Erfolg er-
rungen wie Josef Haydn. Bezeichnenderweise war es ein Ruhm, den Haydn selbst in keiner
Weise gesucht hat. Die große Beliebtheit beim Publikum verdankt er in erster Linie den
beiden Londoner Aufenthalten, doch wären diese wiederum nicht ohne seine früheren Er-
folge zustande gekommen.28
Um so seltsamer muß es erscheinen, daß die Musik Haydns im 19. und frühen 20. Jahr-
hundert häufig als uninteressant abgetan wurde und immer mehr aus den Konzertsälen ver-
schwand. Erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit gelingt es allmählich, die Legende des bra-
ven aber wenig aufregenden Haydn zu überwinden. Dabei wurde Haydn, als er nach Lon-
don kam, gerade wegen seiner Originalität und Genialität mehr als andere Komponisten
gepriesen und gefeiert.29
Diese Originalität findet sich auch in dieser Symphonie Nr. 94 wieder. Bekannt und be-
rühmt wurde diese Symphonie durch den ,,Paukenschlag" (2. Satz), nach dem sie auch
benannt wurde.
Aber auch der erste Satz ist nicht außer Acht zu lassen. So ist er durch eine fortlaufende
Bewegung gekennzeichnet, die oft von harmonischen oder rhythmischen Elementen be-
stimmt ist. Die eigentliche thematische Arbeit findet, wie wir gesehen haben, nicht in der
Durchführung, sondern in der Reprise statt, die keineswegs als bloße Wiederholung der
Exposition aufgefaßt werden kann.
Es handelt sich auch nicht um eine Bearbeitung von Motiven in schulmäßigem Sinne, son-
dern um veränderte Verhältnisse, neue Zusammenstellungen und ähnliche Änderungen, die
aus Eigenschaften des thematischen Materials herauswachsen. Für Haydn liefert die soge-
nannte ,,Sonatenform" lediglich eine übergeordnete formale und vor allem tonale Gliede-
rung.30
Haydn nimmt die Grenzen seiner Zeit wie Tradition an, um sie wieder zu durchbrechen.
28 Renner, Schweitzer, 1994, S. 55
29 Martinez-Göllner, 1979, S. 27
30 Martinez-Göllner, 1979, S. 17
18
Der zweite Satz glänzt durch seine klare melodische Linie, die streng periodisch aufgebaut
ist. Dieser Satz ist ein Variationssatz und erlangt seine Berühmtheit durch den ,,Pauken-
schlag"-Akkord.
Diese Stelle ist zwar die berühmteste ihrer Art, keineswegs aber die einzige. Ein Gegen-
stück dazu bildet z.B. die Pause, die im ersten Satz anstelle des vorbereiteten Tonika-
Akkordes auftritt (T. 215, erster Satz) und ihr Analogon auch im letzten Satz findet (T. 74
und 209, 4. Satz). 31
Dies sind nur einige Beispiele eines Verfahrens, das im tieferen Sinne zu den Grundele-
menten des Haydnschen Satzes gehört:
das Herausstellen des Neuen, des Unerwarteten
.
Das, was wir (Hörer) erwarten, bringt Haydn nicht. Er überrascht uns mit etwas, was wir
nicht erwartet haben, wie mit dem fehlenden C-Dur-Akkord Takt 215, erster Satz. Wir
erwarten dort einen klaren C-Dur-Akkord, doch Haydn bringt nur den Ton c in den dump-
fen Hörnern, so daß man ihn kaum wahrnimmt.
Auch zu Übertreibungen neigt Haydn immer wieder. Diese Übertreibungen finden wir
auch in der Symphonie Nr. 94. Im ersten Satz, Takt 126 131, bringt Haydn extreme Dy-
namikwechsel (forte piano) taktweise. Diese klingen beim Hören übertrieben.
Die immer wiederkehrenden Schleifen im ersten Satz Takt 27 bis 29 klingen auch über-
trieben. Einmal bis zweimal hätte diese Schleife auch genügt.
Vor allem aber die einfältige Melodie des Themas im zweiten Satzes klingt übertrieben, so
als wenn Haydn dem Zuhörer nichts Anspruchsvolleres zutraut. Das denkt sich der Zuhö-
rer sicherlich auch zuerst. Durch den überraschend erklingenden Paukenschlag wird der
Zuhörer dann aber eines besseren belehrt. Denn die dem Thema folgenden Variationen
sind sehr lieblich, zart und variabel komponiert.
Abschließend läßt sich also festhalten, daß Haydn auch in dieser Symphonie
seinem
Schema treu geblieben ist. Diese Symphonie ist auch reich mit unerwartetem, übertriebe-
nem und überraschendem Material gespickt. Erstaunlich, wieviele unterschiedlichen Vari-
anten Haydn findet.
31 Martinez-Göllner, 1979, S. 18
19
5 Literaturverzeichnis
Geiringer, Karl: Joseph Haydn.
Aus: Die großen Meister der Musik.
Laaber-Verlag, Wiesbaden. 1980. S.
Larsen, Jens Peter; Georg Feder: Haydn.
Aus: The New Grove- die großen Komponisten.
Metzler, Stuttgart, Weimar. 1994. S. 66-76; 93-106; 115-119.
Lessing, Walter: Die Sinfonien von Joseph Haydn. Dazu: Sämtliche Messen.
Aus: Sendereihe im Südwestfunk Baden-Baden 1987-89. Band 3.
Südwestfunk. S. 101-106.
Martinez-Göllner, M. L.: Joseph Haydn. Symphonie Nr. 94 (Paukenschlag).
Aus: Meisterwerke der Musik. Heft 16.
Wilhelm Fink Verlag, München. 1979. S. 3-27.
Müller-Arp, Eberhard: Die langsame Einleitung bei Haydn, Mozart und Beethoven.
Aus: Hamburger Beiträge zur Musikwissenschaft. Bd. 41
Verlag der Musikalienhandlung K. D. Wagner, Hamburg, Eisenach. 1992. S. 96-102.
Renner, Hans; Klaus Schweitzer: Reclams Konzertführer. Orchestermusik.
Reclam, Stuttgart, 25. Aufl.. 1994. S. 53-55.
Schröder, Gesine: Über das ,,klassische Orchester" und Haydns späte symphonische In-
strumentation.
Aus: MUSIK-KONZEPTE. Die Reihe über Komponisten. Heft 41.
Johannesdruck Hans Pribil , München. 1985. S. 79-98.
20
6 Notenverzeichnis
Newstone, Harry (Hrsg.): Joseph Haydn. Symphonie Nr. 94, G-Dur.
Aus: Eulenburg Edition, Nr. 435.
Eulenburg, London, Mainz, u.a.. 1984.
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13.11.2002 16:57:25
Wer hätte gedacht, dass Sie in ihrem Studium in weiser Voraussicht genau die Themen behandeln, die Ihre ehemaligen (wir waren sogar die ersten) Musikschüler später bei Ihren Kollegen behandeln müssen... Aber mal im Ernst: Frau "Zimmerman" verknüpft Strukturelle Analyse mit einer hervorragend aufbereiteten Einbettung in den historischen Kontext jener Zeit. Der Leser fühlt sich unweigerlich gezwungen aus Leibeskräften mitzusingen, er möchte am liebsten sofort zum Instrument greifen um sich und seine Fähigkeiten an diesem Werk zu schulen und zu messen. Wir hoffen, das uns der städtische Musikguru Uwus weitere Virtuosen schenkt, die es verstehen Intellektuellen Geist und musikalischen Verständnis zu einem solch einmaligen Lesegenuß zu verbinden, beinahe ein Wunder scheint es sein, dass Frau "Zimmerman" nicht aus der Meisterklasse des oben genannten genialen Musikers kommt. naja... bis dann... DerdenNiemandkennt