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Musiktheorie und Notation im Mittelalter

Other, 2001, 17 Pages
Author: Johanna Uminski
Subject: Musicology

Details

Category: Other
Year: 2001
Pages: 17
Language: German
Archive No.: V100401
ISBN (E-book): 978-3-638-98827-8

File size: 222 KB


Fulltext (computer-generated)

Einführungskurs Nadia Ghattas

WS 2000/2001

Referat

Musiktheorie und Notation im Mittelalter

Von

Johanna Uminski


2

Gliederung

1.

Institution

2.

Schultypen

2.1.

allgemeine Schultypen

2.1.1. Klosterschule

2.1.2. Episkopale Schule

2.1.3. Parachialschule

2.1.4. Stadtschule

2.1.5. Universität

2.2.

spezielle Schultypen

2.2.1. Palastschule

2.2.2. Schola cantorum

3.

Altersstufen der Schulkinder

4.

Lehrsystem und Bildungsziel

5.

Musicus und Cantor

6.

Methodik, Didaktik, Unterrichtsformen

6.1.

Schreibutensilien der Schüler

6.2.

Methodik und Didaktik des Elementarunterrichts

6.3.

Didaktische Hilfsmittel

6.4.

Methodik und Didaktik des Gesangunterrichts

6.5.

Stimmbildung, Klangideal, Cheironomie

6.6.

Singen nach Noten

7.

Der Musikwissenschaftliche Lehrstoff, die griechische Musiklehre

8.

Tonhöhe und Tonreinheit im Mittelalter

9.

Anhang

9.1

Literaturangabe

9.2

Begriffserklärung


3

1. Institution

-

Nach den großen Völkerwanderungen, die sich im Laufe des 4.- 6. Jh.

vollzogen, übernahm Karl der Große 711 die Regierung des Fränkischen

Reiches. Er forderte das Bildungssystem ,gründete Schulen und suchte

Gelehrte, die die allgemeine Bildung förderten.

-

Die Wiederbelebung der antiken Kultur im 9. Jh. wird auch als die

,,karolingische Renaissance" bezeichnet. Das Wiederaufleben der Antiken

Kultur vollzog sich nicht nur bezüglich dem lesen der klassischen lateinischen

Poesie, der ,,grammatica" und der Prosa, sondern auch der übrigen ,,artes

liberales". Es gab vor 875 keine wahren ,,ars musica" im Sinne der klassischen

Disziplin.

-

Nachdem man sich Zugang zu dem überliefertem Lehrstoff aus der Antike

verschaffte, entwickelte sich eine eigenständige Musiklehre. Zu dieser Zeit

entstanden die Abhandlungen über Mehrstimmigkeit, und die erste Didaktik

für den ,,höheren Musikunterricht" wurde geschrieben. Als Vorbild galt die

irische Schule, aus welcher Lehrer wie Heiric von Auxerre ( 841- nach 875)

und dessen Schüler Hucbald von St. Amand (um 840 ­ etwa 930) und

Remigius von Auxerre ( nach 841 ­ 908) hervorgingen. Sie haben z. B. eine

Musiklehre (,,De Institutione Musica") geschrieben.

-

Karl der Große( 768- 814 ) hatte einen erheblichen Einfluß auf das

Bildungswesen.

-

Sein Ziel war ein gemeinsames christliches Reich, mit einheitlicher Liturgie

und einheitlichem Kirchengesang, zu schaffen(dem aus Rom stammenden

,,Gregorianischen Choral"). Die Basis bildete eine Bevölkerung, die zumindest

in den Fragen des Gottesdienstes bescheid wusste. Die ,,Spitzengruppe",

welche aus Bischöfen, Äbten und Lehrern bestand, sollte die Leitung der

Schulen übernehmen.

-

Die Politik ,,Karls des Großen" schuf eine Allianz zwischen den Päpsten und

dem fränkischen Königen Kaiser Pippin, Karl dem Großen und Ludwig dem

Frommen. Das heißt eine Allianz zwischen kirchlicher und weltlicher Macht.

-

Das Papsttum hatte durch die Allianz neben der christlichen nun auch einen

allgemeine Souveränität erlangt.

-

Das Christentum wurde zum Machtfaktor in der mittelalterlichen Gesellschaft.

Dieses hatte auch Einfluß auf den Musikunterricht und die Entwicklung der

Musik im Mittelalter.

-

Etwa um 850, wurde der gregorianische Choral als der offiziell autorisierte

,,göttliche" Gesang. Festgelegt. Es stagnierte das komponieren der

Jahreszyklen für die Kirchenmusik. Zwar wurden Tropen und Sequenzen

hinzugefügt, jedoch war die Europäische Musik in Ihrer Entwicklung auf

Jahrhunderte vorbestimmt.

-

Meister Hucbald von St. Amand und Notker Balbulus von St. Gallen ( um 840

­ 912 ) waren zu dieser Zeit die wichtigsten Dichter der lateinischen

Dichtkunst, die für die vokale Musik bestimmt war. Sie waren Grammatiker,

Dichter und Komponisten. Ihre Texte unterlagen dem irischen Einfluß und

waren durch ihr oft seltsames Latein und ihren Humor in den ,,ernsten

Werken" gekennzeichnet.


4

2. Schultypen

Das mittelalterliche Leben war von dem täglichen Gottesdienst geprägt. Im Vordergrund

stand die Einheit von Kirche und Schule. Trotz unterschiedlicher Bildungsanstalten hatten alle

prinzipiell das selbe Ziel.

Es wurde zwischen allgemeinen und speziellen Schultypen unterschieden.

2.1. allgemeine Schultypen

·

2.1.1. Die Klosterschule

Hier konzentrierte man sich auf Erziehung und Bildung.

Ein Kloster wurde durch Mauern von der Außenwelt abgeschirmt. Man unterschied

zwischen

,,schola interior",

die sich innerhalb des Klosters befand und

,,schola exterior",

die außerhalb der monastischen Klausur lag.

In letzterer wurden Kinder unterrichtet, die später in öffentliche Ämter, z.B. das

Bischofsamt oder das Amt des Landesherren, eintraten.

In der

,,schola interior

" wurden Kinder unterrichtet, die sich dem geistlichen Stand

anschließen sollten. Sie waren von der Außenwelt abgeschlossen und lebten in dem

Kloster mit Mönchen zusammen.


5

·

2.1.2. Die episkopale Schule

Diese Schulen waren sogenannte Erzbischöfischen oder Domschulen, bzw. von einem

Erzbischof abhängige Bischofs- oder Kathedralschulen.

Das Ziel war es in Ihnen den ,,Säkularklärens" ­ (die Weltgeistlichkeit) auf die

Aufgaben im Gottesdienst vorzubereiten. Darüber hinaus sollten nach den alten

,,schola cantorum" in Rom Knaben und Männer für den liturgischen Gesang

ausgebildet werden.

·

2.1.3. Die Parachialschule

Diese Schulen dienten ,,nur" dazu, den Schülern das Lesen und Schreiben

beizubringen. In manchen Städten ohne Dom- oder Kathedralschulen entstanden

Parachialschulen.

·

2.1.4. Die Stadtschule

Da die existierenden Dom- und Stiftsschulen nicht in der Lage waren, den veränderten

Anforderungen hinsichtlich der rasch ansteigenden Schülerzahl und des sich

wandelnden Bildungszieles gerecht zu werden, entstanden Stadtschulen für das sich

entwickelnde Bürgertum.

Die in der 2. Hälfte des 13. Jh. entstandenen Stadt- und Ratsschulen wurden von

einem sogenannten ,,rector" geleitet.

Der Unterricht vermittelte Elementarkenntnisse für Handwerker, Kaufleute oder

Ratsbeamte. Ebenso wurde auch Gesangs- und elementarer Musikunterricht erteilt.

·

2.1.5. Die Universität

Der Unterricht in den ,,artes liberales" und ,,ars musica" bildeten die Grundlage für die

höhere Wissenschaft. Aufgrund der wachsenden Bevölkerung im 12.- und 13. Jh.

erlangten manche Schulen an besonderer Bedeutung, Die Universitäten erhielten von

Seiten der Kirche und des Staates Anerkennung und Privilegien.

2.2. spezielle Schultypen

·

2.2.1. Die Palastschule

Die Karolinger Palastschulen waren Bildungsanstalten für den Hof. Dort wurden

allgemeine Elementarkenntnisse und die religiös- sittliche Erziehung vermittelt.

Die Schule hatte keinen festen Standort, da sich dieser nach dem Aufenthaltsort des

Fürsten richtete.

Auch in dieser Schule wurde nach antikem Vorbild unterrichtet. Vor allem dem

Gesang wurde große Bedeutung beigemessen.

·

2.2.2. Die Schola cantorum

Sie ist eine Art Armenfürsorge. Hier wurden Männer und Buben im Gesang

unterrichtet. Die Knaben waren häufig Waisen. (Ihre Eltern waren meist nicht

verstorben, hatten aber die Kinder verlassen.)

Das Leben dieser Männer und Knaben an den Gesangsschulen waren lt. den

Überlieferungen eine Mischung aus Freud und Leid. Sie mussten sich ihren Unterhalt

und ihr Unterkommen (ihr Brot) mit dem Singen in der Kirche verdienen. Da dies

nicht sehr einfach war, fingen sie häufig an zu stehlen. Der Begriff ,,

Schola
cantorum

" veränderte sich deshalb auch zu

,,chorales"

oder

,,panistae"

was soviel

wie Brot heißt. (also Brotjunge)


6

3. Die Alterstufen des Schulkindes

Der Grund, warum die Eltern ihre Kinder verließen oder sie verkauften, bestand darin, dass

sie z.B. in Gallien bis ins 7. Lebensjahr für den Besitz eines Kindes Steuern zahlen mussten.

So gaben viele Eltern Ihre Kinder an Kloster und Kirchen, wo diese in einer ,,guten

Umgebung" aufwuchsen und ihr Leben Gott weihten. Sie erhielten dort Unterricht und

konnten so ihr Leben sichern.

Im Mittelalter wurde auf die Lebensphasen des Kindes bis zum Erwachsenen Rücksicht

genommen. Man unterschied zwischen

infans, puer, puber, adolescens

und

aetas perfecta.

d.h. Kleinkind ( bis zu 6 Jahren)

Kind ( von etwa 6- etwa 13 Jahren)

Puber ( von etwas 13 bis etwa 17 Jahren)

Adoleszent ( von etwa 17 bin etwa 21 Jahren)

Erwachsener ( ab etwa 21 Jahren).

Damals, wie auch Heute ­ betrachtete man die Übergansperiode zum Erwachsensein, d.h. die

Pubertät, als die schwierigste Lebensphase. Es gab zu jeder Lebensphase ein Lehrsystem.

4. Lehrsystem und Bildungsziel

Es ist schwer eine Übersicht des nach Altersstufen gegliederten Lehrsystems und des

Bildungszieles im Mittelalter zu geben. Das liegt daran, dass es verschiedene

Schulprogramme bzw. Lehrpläne gab, keine festgelegte Anzahl der Schuljahre, keine

Schulklassen in heutigen Sinn und das es von Lehrern abhing, was unterrichtet wurde.


7

Im allgemeinen gab es im Mittelalter kein einheitliches Erziehungsprogramm, jedoch war der

Unterschied und die Erziehung von der christlichen Lehre bestimmt und gründete letztlich im

Dienste Gottes. Die Aufgabe der Menschen bestand darin, für Gott zu leben und sein Lob zu

singen.

Zu IA:

Der allgemeine Unterricht

Die Schüler sollten im allgemeinen Unterricht nicht aus antiken Quellen, sondern aus den

mittelalterlichen Schriftstellern wie z.B. Cassidor, Isidor und Augustinus schöpfen. Nur

fortgeschrittene Schüler hatten die Erlaubnis, einen kleinen Einblick in die antiken Quellen zu

erlangen. Eine Studienordnung des Dominikanerorden von 1259 enthielt strenge

Anweisungen bezüglich der Verweigerung der antiken Quellen:

( Zitat )

,, ... Wenn ein Student in seinem geistigen Vermögen überragend ist, stelle er ihm dem Abt
vor. In den Büchern der Heiden und Philosophen sollen sie nicht studieren, könne jedoch
einen kurzen Einblick nehmen. Die weltlichen Fächer sollen sie nicht erlernen, ebenfalls nicht
die sogenannten freie Künste, sondern nur die theologischen Werke dürfen von den jungen,
wie auch von den übrigen Ordensmitgliedern gelesen werden".

( Zitat Ende ).

Die ,,Oberstufe" vermittelte den Lehrstoff der ,, artes liberales, der Disziplinen des

Triviums

und des

Quadriviums.

Grundlage der ,, freien Künste ,, bildete das Studium der Theologie,

Medizin und Jurisprudenz. Mit der Beschäftigung der Wissenschaft der Exegese und mit

einigen Regeln aus dem kirchlichen Recht, konnte man das Endziel klerikaler Ausbildung

erreichen. Im 12. und 13 Jr. entwickelte sich die Dialektik des

Triviums

zur philosophischen

Theologie, bzw. zur Scholastik.

ZU IB:

Im Mittelalter unterschied man im allgemeinen drei Stufen der Musikausbildung:

1.) Die Musik als Wissenschaft (

scientia, ars , disciplina

)

2.) Ausbildung in der Musiklehre:

Dem Schüler wurden die Anfänge der

,, scienta musica ,,

beigebracht. Dabei stütze

man sich auf die Kunstmusik, dem Gregorianischen Choral.

3.) Das Singenlernen als Musikerziehung

Außerhalb dieses Schemas war noch ein weiterer Punkt. Dieser ist aber in diesem Schema

nicht enthalten, da es sich nicht nach dem kirchlich- mittelalterlichen Bildungssystem

orientierte : die Unterweisung im Instrumentenspiel.

Dieser praktische Teil wurde von den sogenannten ,, Spielmännern" im Mittelalter

übernommen, der sich außerhalb der eigentlichen Musikerziehung befand. Man unterschied

damals zwischen dem gebildeten Musiker und dem Sänger oder Instrumentalisten. Der

Konflikt bestand darin, dass man Musik unterschiedlich bewertete. Auf der einen Seite stand

das rationale Denken, d.h. die musikalischen Gesetzmäßigkeiten, die Musik wohlwollend

erklingen ließ. Und auf der anderen Seite die natürliche Begabung, die das Musizieren ohne

theoretische Grundlagen erlaubte. Deshalb wurde der gebildete Musiker weit höher bewertet,

als der Praktiker.

Ein weiterer Faktor, der eine entscheidende Rolle in der Musik und der Musikerziehung im

Mittelalter spielte, ist die unantastbare kirchliche ,,

auctoritas

". Diese kirchliche Autorität

verkörperte der Gregorianische Choral, der als einziger, heiliger, offizieller Kirchengesang

galt. Das Problem zwischen Musiktheorie und Musikpraxis war schwer zu lösen. Die

Musiktheorie hatte im Mittelalter eine so große Bedeutung, dass sie der Praxis vorausging. Es

war schwer den vorgeschriebenen Kirchengesang (

auctoritas ecclesiastica

) in Verbindung

mit der Musiklehre zu bringen. Man könnte zwar mit der griechischen Musiktheorie

allgemeinen Lehrstoff, wie z.B. die Berechnung der Tonhöhe entnehmen, allerdings nicht das

Tongeschlecht oder die Harmonik. Leider brachte die Übernahme der griechischen

Musiktheorie Lücken mit sich, oder es entstanden Probleme, wenn sich die Praxis nicht mit

der Theorie deckte.


8

Das starre Festhalten an dem Überlieferten, führte zur Gegenüberstellung und

unterschiedlichen Bewertungen von ,,

musicus ,,

und

,, cantor ,,

mit.

5. musicus und cantor

Zwischen

musicus

und

cantor

war eine deutliche Rangordnung zu erkennen. Der musicus

war der Dozent der Musiklehre und der auf dem Gebiet der Musikwissenschaft bewandert

war. Während der

cantor

auf die Stufe gestellt wurde, der eine mechanische Arbeit

verrichtete. So war nur der

musicus

befähigt, die Musik und die Poesie zu beurteilen.

Das Bildungsideal und Bildungsziel, welches man aus diesem Schema erkennen kann, ist die

Aufgabe der Menschen für Gott zu leben.

Ziel der Ausübung des Gesangsunterrichts war es, die Schüler auf die Teilnahme am

Gottesdienst vorzubereiten. Ebenso auch diente der Gesangsunterricht der Vorbereitung auf

das Amt eines Schola- Mitgliedes. Diese Ausbildung war auf Grund des schwierigen

Repertoires besonders langwierig. Sie durften nur einem Schüler erteilt werden, der eine

schöne Stimme hatte und im Dienste der Verehrung und des Lobes Gottes stand.


9

6. Methodik, Didaktik, Unterrichtsformen

Der methodische und didaktische Musikunterricht im Mittelalter verlief so, dass man dem

Schüler erst das Resultat, die Theorie als These, als Tonalität und dann erst die Analyse bot.

Während man in anderen Fächer z.B. im Schreiben, die umgekehrte Reihenfolge wählte.

Beeinflusst wurde die Entwicklung der Musik und des Musikunterrichtes im Mittelalter durch

drei wesentliche Faktoren:

1.) die Abhängigkeit von der Tradition, die Einbeziehung des aus dem Altertum

übererliefertem Lehrstoffes.

2.) Das ,, feudale ,, Denken und die sich daraus ergebende Kluft zwischen Lehrer und

Schüler, zwischen Theorie und Praxis, zwischen

musicus

und

cantor

3.) Die

auctoritas ecclesiastica

, der zufolge die tägliche vorgetragenen Gesänge des

Propriums

heilig und unantastbar waren.

Die Bibel lehrte, dass ,, der Anfang aller Weisheit, die Furcht vor Gott ist", aber auch vor dem

Magister. Der Abstand zwischen magister und scholaris kann man auch in der harten

Bestrafung der Schülers sehen. Die unglaublich vielen Texte ( u.a. 150 Psalmen) und die

Melodien ( das Gregorianische Repertoire mit 100 Melodien, die täglich variierten), welche

die Schüler lernen mussten, wurden nicht selten ins Gedächtnis geschlagen. Der magister

machte des öfteren Gebrauch von seiner Rute.

6.1. Schreibutensilien der Schüler

Die Schreibutensilien der

pueruli

und

clericuli

bestanden aus zwei aneinandergebundene

Täfelchen aus Holz oder Bein mit höherem Rand, der aus Bienenwachs war. Als Stift diente

eine scharfe Spitze, mit der die Schüler Ihre Aufzeichnungen in die Wachsschicht ritzten. Mit

dem platten Stiftende konnte man wieder alles wegwischen.

6.2. Methodik und Didaktik des Elementarunterrichts

Bezüglich der Anfänge der Musiklehre gab es verschiedene Methoden.

Einige Lehrer begannen mit dem Einprägen der diatonischen Aufeinanderfolgen der Töne.

Andere wiederum begannen mit den steigenden Quartreichen (

Tetrachorden

), bei denen die

Lage der großen und der kleinen Sekunde die Selbe war ( z.B. C-D-F = G-a-h-c = D-E-F-G =

a-h-c-d etc ).

Die sogenannte Mutationslehre, die uns um 1100 begegnete und durch Guido von Arezzo

( gestorben um 1050) etwa 1030 verbreitet worden war, galt als die beste Methode. Das

Monochord

( einseitiges Instrument ) wurde als Demonstrationsmittel verwendet, um so das Verhältnis zu

den höheren oder tiefer liegenden Tonstufen zu zeigen .Im Anfangsunterricht konnte man mit

diesem Instrument eine langsame Melodie spielen und so die Intervalle- und die

Konsonantenlehre visuell und auditiv veranschaulichen.

Für den fortgeschrittenen Unterricht diente das Monochord vor allem als Ausgangpunkt für

die sogenannten

mensura monochordi.

Bei dem Auswendiglernen der Psalmen kam es

weniger auf das Verstehen des Inhaltes der Textes an, sondern auf die korrekte Aussprache.

Das brachte aber einen großen Vorteil beim singen der Psalmen im

Offizium

mit, aber auch

für den Gesang der Propriummesse, deren Texte ausschließlich den Psalmen entnommen

worden sind.

( s. Schema III )


10

6.3. Didaktische Hilfsmittel

An erster Stelle steht hier der Unterrichtsdialog, d.h. die Frage- und Antwort ­ Methode. Aber

ein weiteres didaktisches Hilfsmittel, welches in der Musiklehre bis ins 18 Jr. an den Schulen

Gebrauch war, ist die

Guidonische Hand.

Diese Methode ermöglichte den Lehrstoff leichter im Gedächtnis behalten zu können

Auch für den ,,höheren" Unterricht wurden diese visuellen und auditiven Prinzipien erweitert

und angewandt. Die Grundlagen für diesen Unterricht bildete das Monochord, welches für das

Messen der Saitenlängen benutzt wurde.


11

Die Guidonische Hand mit Darstellung der

Frau Musica. Handschrift es 13. Jahrhunderts

aus der Zisterzienserabtei Alderspach

Die Guidonische Hand basiert auf dem Hexachord- System. Das Hexachord (Sechssaiter) ist

eine Sechstonreihe mit festliegenden Tonabständen: 2 Ganztöne unten, 1 Halbton in der Mitte

und 2 Ganztöne oben. Um die Lage der 6 Töne leichter einprägsam zu machen und damit ein

System zum Blattsingen unbekannter Melodien zu entwickeln, unterlegte Guido von Arezzo

dem Hexachord Tonsilben. Die Silben stammen aus einem Johannes- Hymnus aus dem 8.

Jahrhundert, während Guido selbst wohl die dorische Melodie dazu erfand: es fallen dabei die

ersten Silben der Halbverse ut re mi fa sol la auf die Töne c d e f g a. Der Halbton liegt immer

zwischen den Silben mi und fa, denn die Silben bezeichnen relative Tonhöhen. Das

Hexachord wurde auf c, auf g, und später auch auf f aufgebaut.

c: hexachordum naturale

g: hexachordum durum (mit h)

f: hexachordum molle ( mit b)

Auf das ganze System verteilt ergaben sich 7 ineinandergreifende Hexachorde, die der Sänger

im Kopf hatte. Das Denken in Hexachorden und das Singen nach Tonsilben, das sog.

Solmisieren, machten es den Sänger möglich, die Lage des Halbtons zu behalten oder bei

entsprechender Mutation neu zu finden.. An den Gliedern der Guidonischen Hand könnte der

Sänger sich die Töne des Systems merken.


12

6.4. Methodik und Didaktik des Gesangsunterricht

Zum mittelalterlichem Gesangsunterricht gehörte das ,, singende Lesen" ( lectio). Der Lector

musste mit seinem Vortrag seine Zuhörer fesseln. Als Grundlage dienten hier Bücher von

Alkuin und Hrabanus Mairus. In diesen Büchern wurde genau auf die Stimmbildung,

Atmung, Haltung des Körpers und es Kopfes etc. eingegangen. Voraussetzung für das Singen

der

Psalmodie

, waren Kenntnisse auf dem Gebiet der Psalmenformeln und den komplizierten

System der Kadenzen. Um diese Kenntnisse zu erlangen und zu vertiefen, verbrachten die

Mönche täglich drei bis fünf Stunden in der Kirche - später war es sogar noch länger. Im

Vordergrund stand der Gesang zum Lobe Gottes, so daß man manchmal auch in einem

Dreischichtensystem ununterbrochen Tag und Nacht gesungen hat. Das Erlernen dieser

Gesänge war eine unvorstellbare Anforderung bezüglich der Ausdauer und des Gedächtnisses

an den Schüler. Die Meisten verbrachten ihr Leben damit, diesen Kirchengesang zu

vollenden.

Die Anzahl dieser schwierigen Gesänge stieg an die 300, so dass einige nur ein mal im Jahr

gesungen wurden. Die einzigen Schriften dieser Gesänge waren die

Neumenschriften

versehenen Bücher des Dirigenten. Etwas von 650 bis 1050, wurden diese Gesänge nach der

Methode des Vor- und Nachsingens der Nachwelt überliefert.

Eine weitere Methode entstammte aus dem römischen Abt ­ Cantor ( 670), die etwa 730 Beda

übernommen hatte. Man spricht von der ,,

viva- viva"- Methode

, was frei übersetzt ,, im

Schweiß eine Gans stopfen", heißt. Bei dieser Methode wird

1.) die Melodie dem Schüler vermittelt, d.h. ihm in den Mund gestopft

2.) wird das immer wieder wiederholt; dieser Vorgang ist so ermüdend, dass der Lehrer

dabei in Schweiß gerät.

3.) Wird der Lehrgang in einer typisch mittelalterlichen Anschauung gezeigt, d.h. der

heilige Geist wirkte in dem Jüngling, da er die Melodie im Gedächtnis behält.

4.) Ist er dann in der Lage, das Vorgesungene fehlerlos nach zusingen.

Anhand eines weiteren Beispiels, soll die Schwierigkeit des Auswendiglernens gezeigt

werden. Seit dem 11. / 12. Jr. wurden auch dem Schlussvokal des zweiten ,, Alleluias", die

sogenannten

Alleluis- Secunda,

ein lang ausgesponnenes

,, melismata

" gesungen.

Nicht selten bestand eine Tonreihe auf dem Schlussvokal aus 50 oder mehr Tönen. Eine große

Anforderung im Gesangsunterricht bildete also das Einstudieren der ,, melodiae longissimae".

Diese Stücke wurden überwiegend von Knaben mit hohen und reinen Stimmen gesungen. Sie

glichen so den Engelstimmen.

6.5. Stimmbildung, Klangideal, Cheironomie

Es gab fünf wichtige Folgerungen zur Stimmschulung und des Stimmideals:

1.) Man besaß eine gründliche Kenntnis der Gesangstechnik

2.) Die schwierigen Melodien des

Propriums

wurden nicht nur als Gesang einstudiert,

sondern man behandelte auch Textinhalte und Vorträge

3.) Knabenstimmen und Tenören ,und zwar denen mit einer hellen, forschen Stimme,

wurde der Vorzug gegeben

4.) Man sang mit rundem, offenem Lippenstand

5.) Der Körper des Sängers war gestreckt, das Haupt erhoben und etwas nach hinten

gebogen.


13

Cheironomie

bildete ein wichtiges Hilfsmittel beim Einstudieren von Gesängen. Bei dem

Gesang des

chorus

oder der

chola

. Stelle der Dirigent den Verlauf der Melodie in der

Luft dar. Man nahm auch an, dass er auch besonders schwierige Trennungen und

Verbindungen der Tongruppen angab.

6.6. Singen nach Noten

Wie man den letzen Schilderungen entnehmen konnte, war das Erlernen der schwierigen

Gregorianischen Melodien ein ,, Drama". Erst mit der Verbreitung der Liniennotation um

etwa 110, wurde Abhilfe geschafft. Die jahrelangen mündlichen Überlieferungen gehörten

der Vergangenheit an. Aber auch der Musikunterricht änderte sich damit, z.B. Feinheiten

des Vortrags gingen verloren und die Melodien wurden rein diatonisch gesungen. Diese

Liniennotation war der Verdienst von Guidos von Arezzo. Sein Notensystem basierte auf

dem System von Linien in Terzabständen, bei denen man auf und zwischen den Linien die

Noten notierte. Man benutze also eine Linie für drei verschiedene Tonhöhen. Durch diese

Schulung wurde das tonbewusste Hören gefördert. So konnten Schüler Gehörtes notieren,

so dass es auch von anderen problemlos abgelesen werden konnte. Das war eine große

Erleichterung, für ich Mönche, die nun nicht mehr die schwierigen Gesänge auswendig

singen mussten. Außerdem entlastete sich dadurch der Unterricht des Lehrers, der nun alle

Gesänge nicht so häufig wiederholen musste. Dadurch verkürzte sich auch das Studium

für die Schüler auf 2 Jahre.

7. Der Musikwissenschaftliche Lehrstoff, die grich. Musiklehre

Der pythagoreische Lehrsatz hatte einen großen Einfluß auf die europäische Kultur. Man

sagte, durch ihn hat man die Geheimnisse der Musik aufgedeckt und ihre

Zahlengesetzlichkeit entdeckt. Das Wesen der Musik war die Zahl. So entwickelte sich im

Mittelalter die Zahlensymbolik. Die Musiklehre war lediglich eine Lehre der Bewegung.

Nach dem man das Geheimnis der Musik aufdeckte, stieß man auch auf das Geheimnis

des Kosmos, d.h. des Makrokosmos und des Mikrokosmos.

Die Zahlensymbolik war so, dass man für die Zahl 2, in Verbindung mit Begriffspaaren

wie Tag und Nacht, Himmel und Erde etc. brachte. Die Zahl Drei brachte die

Unvollkommenheit von Anfang, Mitte und Ende zum Ausdruck. Die Zahl Vier bezog man

auch die vier Elemente Feuer, Erde, Wasser Luft oder die vier Jahreszeiten, usw.

Man befasste sich mit dem Addieren und Subtrahieren und versuchte alles in

Zusammenhang der Zahlensymbolik zu erfassen.

Dies versuche man auch auf dem Gebiet der Musik zu übertragen. So entstanden

Zahlenverhältnisse wie z.B. aus den Proportionen 6:8:9:12 ergab sich 6:8 = 3:4 = 9:12 und

6:9 = 2:3 = 8:12 und 6:12 = 1:2 . Einige Gelehrte gaben sich mit diesen Erkenntnissen

zufrieden, andre wiederum nicht.

Allerdings waren einige Ergebnisse nicht richtig, z.B. das eine reine Terz nicht die

Summe zweier gleicher Ganztöne, mit dem Zahlenverhältnis 8:9, ist. Man versuchte das

Problem zu lösen, obwohl man dann auf eine vielstellige Zahl kam.


14

8. Tonhöhe und Tonreinheit im Mittelalter

Die Normen im Hinblick auf die Tonreinheit im Mittelalter hingen von der Hörgewohnheit

der damaligen Zeit zusammen, die sich von den heutigen unterschied. Auch bediente man sich

der pythagoreischen Stimmung ( mit dem Proportionen 1:2, 2:3, 3:4, 8:9 ). Bei der Wertung

von Tonhöhe und Tonreinheit unterschied man zwischen der Musiklehre und der

Musikpraxis, so wie auch zwischen dem vokalem- und instrumentalen Musizieren.

In der Musiklehre wurde das pythagoreische Prinzip angewandt und fand heraus, dass die

Quarte, Quinte und die Oktave als ,, reine" Stimmungen empfunden wurden.

Das pythagoreische System wurde anfangs nur für die Messungen am Monochord und bei

dem Errechnen der Tonskalen benutzt.

In der Musikpraxis wurde allmählich im Mittelalter eine höhere Anforderung an die

Tonreinheit gestellt. Fortschritte in der Tonreinheit wurden bei der Monochordmessung und

der Stimmung mehrsaitiger Instrumente erzielt.

In der Vokalmusik ist zwischen syllabischem Gesang, d.h. für mehrere Textsilben wurde ein

Ton gesungen, und dem melismatischen ( d.h. auf eine Silbe folgten mehrere Töne) bzw. dem

Gregorianischen Choral, zu unterscheiden. Die Schwierigkeit bestand darin, dass man

Probleme hatte, kleine Sekundhalbschritte zwischen e-f und h-c zu treffen. Deshalb umging

man diesem Problem, indem man z.B. anstatt der kleinen Sekunde eine Terz nahm.

Ein wichtiger Bestandteil der Tonreinheit bildete das Monochord. Mit ihm gewann man

Einblicke in die Intervall- und Konsonantenlehre, in die Oktoechoslehre und in die

Verhältnisse der pythagoreischen Einteilung der Töne innerhalb einer oder zwei Oktaven.

Auch wenn man die Instrumente nach der pythagoreischen Einteilung stimmte, hörten sie

sich hin und wieder ,, unrein ,, an. Das lag daran, dass z.B. beim primitiven Gießen einer

Oktavreihe von Glöckchen ( Cymbala ) ungenau war. Auch das Spielen einer Melodie auf

einer Orgel war schwer. Es gab keine Tastatur im heutigen Sinn, sondern herausziehbare

Schieber, welche die Luftzufuhr zu den Pfeifen freigaben. Deshalb war die Tonreihe nach

unserem heutigen Geschmack ,, unrein".

Das größte Problem lag wohl in den Quart- und Quintparallelen. Zur Tonreinheit im

Mittelalter lassen sich allerdings gewisse ,, Regeln" erkennen.

Man unterschied zwischen Konsonanten bzw. ,, reinen" Stimmen und Dissonanzen

( ,, unreinen" Stimmen). Bei den Konsonanten unterschied man noch zwischen den perfekten

und imperfekten . Zu den perfekten Konsonanten gehörten die Prime, Quinte und die Oktave.

Zu den imperfekten Konsonanten gehörten die Terz und die Sext. Die Dissonanzen bestanden

aus der Sekunde, Quarte und der Septime.

Vermieden wurde der Tritonus durch Hexachorde. Im Laufe der Zeit entwickelten sich

spezifische Satztechniken für die Gesanglieder. Dazu gehörten z.B. das Vermeiden von

Quint- und Oktavparallelen. Ebenso sollte man, vor allem bei Mehrstimmigen Sätzen,

Dissonanzen und große Sprünge vermeiden ( höchstens eine Sext ! ).

Bald erkannte man, dass der zweistimmige monotone Satz langweilig wirkte. Man bediente

sich der Imitation, die ein Stück interessanter machte. Regeln gab es auch hier:

Man konnte mit der zweiten Stimme entweder in der Prim oder in der Quarte beginnen lassen.

Auch galt das Prinzip keine Quint- und Oktavparallelen und Dissonanzen. Ausnahme der

Dissonanzen bildete hier der Leitton, der überwiegend in der Syncopatio vorkam. Dieser war

legitimiert, da er nur einen kurzen Notenwert besaß und auf der leichten Zählzeit, d.h. 2 oder

4, gebildet wurde. Eine Syncopatio entstand aus dem Aufbau der Dissonanz und der

Auflösung in die Phrygische- , Tenor- , Sopran- . oder Diskantklausel.


15

9. Anhang

9.1 Literaturangabe

Waesberghe, Joseph Smits van:

Musikerziehung. Lehre und Theorie der Musik im Mittelalter.

In: Besseler, Heinrich und Bachmann, Werner ( Hgg.):

Musikgeschichte in Bildern.

Band III : Musik des Mittelalters und der Renaissance, Lfg.3.

(VEB Deutscher Verlag für Musik) Leipzig 1985 , S. 5- 45

9.2 Begriffserklärung

- Tropen

(von griechisch

tropos: Wendung

)

Bezeichnung für eine bildliche Ausdrucksweise.

Der Tropus ist ein neuer Text, der einem vorhandenen Melisma

syllabisch unterlegt wird, es kann aber auch eine neue Melodie

komponiert werden.

<zurück zum Text>

- Sequenzen

(von mlat. s

equentia: Folgegesang

)

Die Sequenz ist ein Sonderfall des Tropus:

Sie ist halbliturgische Dichtung mit syllabischer Textvertonung,

Reim und Assonanz (Assonanz: Gleichklang der betonten

Vokale mehrerer Wörter. Z.B. Jahr und Tag - Halbreim)

Der Jubilus bzw, die Sequenz erklang in der Messe bei der

Alleluja- Wiederholung nach dem Psalmvers ( Alleluja ­

Psalmvers ­ Alleluja). Das Wiederholungsalleluja (Sequenz)

wurde ausgedehnt und mir einem neuem Text unterlegt. Also

sind Sequenzen musikalische Erweiterungen, die neu textiert

wurden.

<zurück zum Text>


16

Schulszene:

Lehrer und Schüler

Anfang des 13. Jh.

Österreichische Nationalbibliothek, Wien

( Cpv ) 2499, fol. 1v



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