Der Inachos des Sophokles

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Details
Autor: Gustav Pyrhula
Fach: Griechisch / Altgriechisch
Institution/Hochschule: Freie Universität Berlin
Jahr: 2000
Seiten: 11
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 72 KB
ISBN (E-Book): 978-3-640-00084-5
Kurze Übersich über Sophokles, über das antike Satyrspiel und über erhaltene Fragmente des Satyrspiels "Inachos"
Volltext (computergeneriert)
Der Inachos des Sophokles
Einleitung
In diesem schriftlichen Referat wird das Satyrspiel Inachos des Sophokles
vorgestellt. Um über die Präsentation der größeren erhaltenen Fragmente des
Originaltextes hinaus ein erweitertes Bild zu vermitteln, sind auch kurze Berichte
über den Mythos des Inachos in seinen verschiedenen Überlieferungen, über des
Satyrspiel im antiken Griechenland und über Sophokles selbst eingefügt worden.
1
Das Satyrspiel im antiken Griechenland
Das Satyrspiel des antiken Griechenland wurde immer im Anschluss an eine
Tragödien-Trilogie aufgeführt. Die Dramatiker waren dazu verpflichtet ein "heiter-
komisches Nachspiel"1 im Rahmen der Dionysien zu verfassen. Seinen Namen
erhält das Spiel von den Satyrn, die im Satyrspiel immer den Chor bildeten. Lange
ging man von der Vorstellung aus, das Griechische Satyrspiel sei mit der
römischen Satire identisch. Seidensticker vermutet, dass das an dem geringen
Wissen über das Satyrspiel lag. Aber auch die Vorstellung, es sei eine Art Parodie
auf die zuvor aufgeführte Tragödie, war lange Zeit verbreitet und ist es noch2.
Deutlich und abschließend aber widerspricht Pfeiffer dieser Behauptung, indem er
argumentiert:
"Die Satyrspiele bieten keine Travestie des heroischen Mythos und parodieren nicht etwa den hohen Stil
der Tragödie. Beides gehört ausschließlich zum Wesen der µ, die damit noch den unmittelbaren
Angriff auf Zeit und Person verbindet. Gerade aus der Art, wie Aristophanes in den Acharnern oder in den
Vögeln Wendungen aus dem Inachos nachbildet, kann man den Umschlag in die bewusste Travestie
ersehen. Das Satyrdrama selbst aber gestaltet die überlieferten Geschichten von Danae oder von Io zum
3
einfachen, unbeschwerten, problemlosen Spiel."
Die Idee der Gegenseite kann aber auch verständlich sein, wenn man Inhalt und
Aufführungscharakter der Satyrspiele bedenkt: Sind sie bezüglich der Autorschaft,
der Schauspieler und des Chores, der Kostüme und Requisiten, der Sprache und
Metrik wie auch der Bauformen und der dramatischen Struktur eng mit der
Tragödie verwandt4 , so unterscheiden sie sich ebenso stark von ihr in "Ton und
typischem Handlungsverlauf [...], in der präsentierten Lebensphilosophie und in
der angestrebten emotionalen Wirkung"5. Die Verbindung nun von so intensiver
Bezugnahme und krassen Gegensätzen führt verständlicherweise zu einer
solchen Annahme.
Die Unwissenheit über das Satyrspiel entstand durch das geringe Interesse, das
ihm wohl schon in Athen zuteil wurde. So sind z.B. kaum theoretische
Überlegungen über das Satyrspiel in der Antike überliefert. Hinzu kommt, dass
1 Seidensticker, Bernd [Hrsg.],
Satyrspiel / hrsg. von Bernd Seidensticker
, Darmstadt 1989
,
S. 1.
Im
Folgenden
: Seidensticker, 1989.
2 Ebda.
S. 10.
3 Rudolf Pfeiffer in Seidensticker, 1989, S. 115 f.
4 Vgl. Seidensticker, 1989
,
S. 1
5 Ebda.
2
sich nur ein einziges Satyrspiel volständig bis in die Gegenwart erhalten hat: der
Kyklops des Euripides. Es "gelangte [auch] nur ein Teil der euripidäischen
Satyrspiele in die Bibliothek von Alexandria"6. Die Folge, nämlich das Fehlen
dieser Aufzeichnungen, wird mitunter dazu geführt haben, dass der Einfluss des
Satyrspiels auf das Theater der Neuzeit keine bedeutende Wirkung hatte. Aber
auch in Rom wurde das Satyrspiel im Gegensatz zur Tragödie und Komödie -
nicht übernommen. Man könnte vermuten, dass hierdurch der erste Bruch in der
Überlieferung entstanden ist. Jedoch ist schon in Athen der Niedergang der
Gattung des Satyrspiels noch zu Lebzeiten seiner großen Vertreter zu erkennen.
Als ein Merkmal dafür könnte gelten, dass Euripides, wenn auch nur einmalig,
anstatt des Satyrspiels eine vierte Tragödie, in diesem Falle war es die "Alkestis",
aufführen ließ7.
Sophokles
Sophokles lebte von 497/6 - 406/5 in Athen. Er bildet gewissermaßen das
Verbindungsglied zwischen dem älteren Aischylos und dem jüngeren Euripides.
Als Sohn eines wohlhabenden Unternehmers genoss er ausgezeichnete
Erziehung und Bildung. Er bekleidete viele politische und kultische Ämter in einer
Zeit, die geprägt war durch Perserkriege, Athens Blüte unter Perikles und die
Peleponnesischen Kriege.
Angeblich soll Sophokles schon im Alter von 25 Jahren mit dem Triptolemos bei
den Dionysien einen Sieg davongetragen haben. Warum er schon so früh Erfolge
erzielte im Gegensatz etwa zu Aischylos -, kann daran gelegen haben, dass
seine Erneuerungen - Hinzunehmen eines dritten Schauspielers, Erweiterung des
Chores etc. - der Tragödie eine größere Lebendigkeit verliehen und somit ihn von
seinen Zeitgenossen und Vorgängern abhob. Andererseits hatte auch Aischylos
die Erweiterung zu einem zweiten Schauspieler vorgenommen. Bei Sophokles
kam aber auch noch die Szenenmalerei hinzu. Weiterhin "verzichtete [er] meist auf
die trilog[ische] Komposition"8, was soviel bedeutet, dass er den einzelnen
6 Seidensticker, 1989
,
S.6.
7 Ebda. S. 3.
8 Johannes Irmscher,
Lexikon der Antike
, Leipzig 1962, S. 518.
3
Tragödien Autonomie eingestand und sie nicht unbedingt inhaltlich aufeinander
abstimmte.
Sophokles war ein gottgläubiger Mensch. Jedoch maß er im Verhältnis Gott-
Mensch, das er in seinen Tragödien in den Vordergrund stellt, dem Menschen
größeres Gewicht bei. Auch unterscheidet ihn von seinem Vorgänger Aischylos,
dass "die strikte Antithese Gott-Mensch aufgehoben ist und die Götter in keiner
entrückten, fremden Welt mehr leben"9.
Für Sophokles sind 123 Werke nachgewiesen. Jedoch nur dem Titel nach. Es hat
sich nur ein Bruchteil davon erhalten können. Erhalten sind Aias, Trachinerinnen,
Antigone, König Ödipus, Philoktet und Ödipus auf Kolonos. Von seine Satyrspielen
sind am besten die Ichneutai erhalten.
Der Mythos des Inachos
Inachos war ein Sohn des Okeanos und der Tethys und Gott des Flusses Inachos
in der Argolis. Er, bzw. sein Sohn Phoroneus, schrieb der Hera das Land Argos zu,
als sie sich mit Poseidon darum stritt. Poseidon soll daraufhin mit dem Wasser der
Flüsse das Land überflutet haben, so dass die Flussbetten nur bei Regen Wasser
trugen.
Verheiratet mit seiner Halbschwester Melia, Tochter des Okeanos und der Argeia,
zeugte er neben Phoroneus Aigialeus und Io. Erstaunlicherweise wird von nun an
Io die Hauptfigur der Überlieferung des Mythos. Um sie dreht sich nun der
Fortgang der Geschichte.
Nach Ovid soll Zeus Io anfangs zu umgarnen versucht haben. Als diese aber flieht,
lässt er dichte Nebel aufziehen, um ihre Flucht zu verhindern ("[599] cum deus
inducta latas caligine terras [600] occuluit tenuitque fugam rapuitque pudorem.")10.
Als Hera aber Zeus vermisst, hält sie nach ihm Ausschau und steigt auf die Erde
hinab. Zeus bemerkt ihr Kommen und verwandelt Io in eine Kuh. Hera jedoch
erkennt die Situation und bittet unter Vorspiegelung der Bewunderung der
Schönheit der Kuh Zeus darum, ihr sie zu schenken (vgl. Ovid, Vers 612 ff). Die
Kuh nun besitzend traut sie Zeus jedoch nicht, so dass sie Argos beauftragt, sie zu
9 Peter Kränzle in
Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon
, Band X (1995), Sp. 811
10 Ovid,
Metamorphosen
, Buch I, Vers 599-600.
4
bewachen. Einst soll Io in Kuhgestalt an den väterlichen Fluss gelangt sein und
sich ihm zu erkennen gegeben haben, indem sie ihren Namen mit der Ferse in
den Sand schrieb. Inachos erkennt sie. Io aber wird ihm durch Argos entrissen,
woraufhin Inachos sich in eine Höhle setzt und seine Tränen das Flusswasser
steigen lassen. Er verflucht Zeus, der wiederum als Strafe ihn durch die Furie
Trisiphone in den Wahnsinn treibt.
Bald schon erträgt Zeus nicht mehr die Qualen der Io (vgl. Ovid, Vers 668 ff) und
schickt Hermes, Argos zu töten und Io somit der Obhut der Hera entreißen zu
können. Durch Flötenspiel kann Hermes ein paar Augen des Argos ermüden. Den
vollkommenen Schlaf aber führt er mit der Erzählung über die gerade neu
erfunden Hirtenflöte herbei ("[713] talia dicturus vidit Cyllenius omnes [714]
subcubuisse oculos adopertaque lumina somno")11. Dann bringt Hermes den
Argos um. Hera lässt Io aber durch eine Bremse über die Welt jagen. Ein Ende der
Jagd bringt erst der Nil. Hera aber wird von Zeus besänftigt, indem er ihr vor
Zeugen verspricht, dass Io ihr nie wieder eine Konkurrentin sein werde. Io erhält
ihre menschliche Gestalt wieder. Der Sohn, den sie als nun von den Ägyptern
verehrte Göttin Isis gebiert, ist Epaphos.
Anders ist der Mythos bei Aischylos in seinem Prometheus überliefert12. Nach ihm
soll Io schon oft von Zeus geträumt haben, dass er zu ihr kommt und sie bittet,
"mitzukommen und ihm auf den lernäischen Gefilden beizuliegen"13. Io befragt
ihren Vater Inachos dazu, der wiederum vom Orakel in Delphi und Dodona den
Rat bekommt, Io des Landes zu verweisen. Ansonsten, so das Orakel, werde das
Volk von den Donnerkeilen des Zeus vernichtet. Außer Landes wird sie in eine
Kuh verwandelt und von einer Bremse gejagt, "die verhindern sollte, dass sich das
Tier längere Zeit niederließ und dabei von Zeus seiner Jungfräulichkeit beraubt
werden konnte"14. Auch Argos wird nach Aischylos von Hera eingesetzt. Hier ist er
in der Gestalt eines Riesen anzutreffen. Von Hermes getötet verfolgt nun sein
Geist Io über die Welt. Sie gelangt zu Prometheus, der an den Fels geschmiedet
11 Ovid,
Metamorphosen
, Buch I, Vers 713-714.
12 Ähnlich wird der Mythos auch durch Apollodor überliefert, wegen der Ähnlichkeit aber hier nicht mehr
aufgeführt.
13 M. Grant/ J. Hazel,
Lexikon der antiken Mythen und Gestalten
, München 1980 (9. Aufl. 1993), S. 222.
14 Ebda.
5
ist und ihr die Zukunft weissagt. Schließlich gelangt sie nach Ägypten, wo Zeus ihr
begegnet, sie in eine Frau zurückverwandelt und durch die Berührung seiner Hand
mit ihrem Leib Epaphos zeugt.
Das Satyrspiel des Sophokles
Besondere Beachtung verdient wohl dieses Satyrspiel. Denn "[u]nter den nicht-
tragischen Dramen des Sophokles scheint keines so beliebt gewesen zu sein wie
der Inachos"15.
Fragmente sind nur wenige erhalten geblieben. Es existieren mehrere
Buchfragmente und Papyri. Die größeren Papyri sollen hier erläutert werden. Zum
einen das Tebtunis-Papyrus Nr. 692 fr. 1 (
a
), das dem 2. Jh. v. Chr. entstammt16.
Es wurde im Jahre 1933 publiziert. Zum anderen das Oxyrhynchus-Papyrus 2369
fr. 1 (
b
)17. Beide werden hier der Vollständigkeit halber aufgeführt.
a
(CHOR?)
5
...(einmal)
(...)
...eine Hirtenflöte höre ich...
...(des Stalles)...
...den (Schritt der Rinder)...
(...)
13
...(sie) ist an Füßen gefesselt...
(...)
CHOR Von sehr, sehr schlauen Eltern stammte,
wer auch immer es war von den Früheren, der
dich beim Namen richtig nannte,
den unter der göttlichen
20
Finsternis der Hadeskappe.
(CH?) Nein, den Boten in Zeus′ Liebesangelegenheiten,
den großen Läufer,
(CH?) Hermes, bietet es sich an, bei deinem Lärm zu
vermuten
(CH?) Ihn nanntest du, der hierher zu mir den Fuß lenkte.
(CH?) Zum zweiten Mal scheinst du dir vor dem Augen-
schließen Mühen, die keinen Erfolg bringen zu schaffen
25
CH
O Weh! Siehst du (?)
15Rudolf Pfeiffer in Seidensticker, 1989, S. 117.
16 Vgl. Seidensticker, Bernd / Krumeich, Ralf / Pechstein, Nikolaus [Hrsg.],
Das griechische Satyrspiel
,
Darmstadt 1999, S. 324.
Im Folgenden
: Seidensticker, 1999.
17 Seidensticker, 1999, S.320.
6
(...) Bleib stehen!
Wahnsinn ist es dies zu hören,
Deinem Wort, Zeus, kann
29
man nicht trauen
(...)
31
...die spangentragende
...die flüsternde, sehr abwechslungsreiche
(?) Alles ersinnt mit List das (Geschlecht/Kind) des Zeus...
CH
Ist es also doch wieder des Zeus,
35
des Zeus Diener?
Er lenkt seine Fuß auf mich zu.
Halte mich! Er lenkt den Fuß auf mich.
Er mich...(Hand).
(?)
Große Furcht lässt (sc. Die Zähne) klappern.
40
Die Angst vor den Feinden...
(?) des unteren Zeus...(Spinne?)
(?) wenn du/er nicht vom Haus vertreib(s)t...
(?) Wohin muss man den Fuß setzen (?)
(?) ...mörderisch blicken...
(?) ...des Kampfes...
(?) Sprich nicht...mit dem Knüppel
(?) ich klage...
b
18
(INACHOS?)
21
(...)
...oder hier;
...den Gottverhassten
...ich begreife, wer der Fremde war
...(durch die) Tür...die ganze Abscheu
25
...er wurde gelobt, (dass er) Schönes (getan hat)
...er wurde dabei ertappt, (dass er) Übles (getan hat)
...von der Vorderseite weg
...nachdem er mich getäuscht hatte.
(CHOR?)
Ja, nun ist er wirklich weg und (ist)...
30
Nachdem er deine Augen verdunkelt hatte...
Dies weiß ich nicht mehr, (ob es schrecklich?)
IN Ob es schrecklich ist? Wie denn nicht? Der...
Die ehrwürdigen Tische im Hause...
Er (legt) den Arm um das Mädchen...,
35
um Io, eilt dann durch das Haus und ist verschwunden...
7
des Mädchens Nüster...der Kopf...
verwandelt sich in eine Kuh (und)...
lässt wachsen das Haupt (mit den Augen eines Stieres)...
der Nacken auf den Schultern...
40
der Füße Hufe...
stampfen auf den Dielenbrettern...
eine Löwenfrau...
sitzt...leinengemacht
solches...
45
der Fremde...
CH Ich bin sprachlos...
(...)
49
der
Fremde...
50
unglaubliches...
Oh, weh, Erde, der Götter Mutter...
(unverständlich)...
der vieler Zaubermittel kundige...
der sonnenverbrannte Barbar...
55
der eine...
der andere den mit schnell beweglichen Augen
Eine Zuweisung des Fragmentes (b) zum Inachos scheint nahezu eindeutig, da es sich
mit einem Buchfragment textlich überschneidet. Schwerer fällt es aber, das erstgenannte
Fragment in Zusammenhang mit dem Inachos zu bringen. Pfeiffer drückt sich vorsichtig
aus und beschränkt sich darauf, einen Indizienbeweis vorzunehmen19. Er führt mehrere
Tatsachen an. Zum einen die Stilverwandtschaft mit den Ichneutai. Größeren Wert noch
misst er dem Umstand bei, "daß Aristophanes von den Acharnern, also von 425 an, auf
dieses Stück immer wieder deutlich angespielt hat"20. Das ist für ihn Beweis, dass das
Satyrspiel unglaublich populär gewesen sein muss und hat für ihn "im Rahmen [des]
Beweisversuches für die Zusammengehörigkeit der alten Inachos-Zitate und des neuen
[Tebtunis-Papyrus Nr. 692 fr. 1] Papyrus"21.
Wichtig ist nun, wenn man die Zugehörigkeit der Fragmente zum sophokleischen Drama
akzeptiert, welchen Inhalt die Fragmente überliefern.
Deutlich interpretierbar ist wohl Fragment (b)22: Hier schimpft augenscheinlich
Inachos über Zeus, den Fremden, wobei zu klären sein müsste, ob er die
18 Die Zählung der Verse beginnt in diesem Fragment bei Vers 21, da der obere Teil dieser Kolumne
weitgehend verloren ist.
19 Rudolf Pfeiffer in Seidensticker, 1989, S. 111.
20 Rudolf Pfeiffer in Seidensticker, 1989, S. 111.
21 Rudolf Pfeiffer in Seidensticker, 1989, S. 111.
22 Vgl. Fußnoten 33 ff in Seidensticker, 1999, S. 322 f.
8
Verführung der jungfräulichen Priesterin Io durch Zeus verurteilt, oder schon auf
die Verwandlung der Io in eine Kuh anspielt. Die Beschreibung des Fremden wird
auch im Verlaufe des Fragmentes einige male aufgegriffen. So wird er z.B. in Vers
54 als sonnenverbrannter Barbar beschrieben. Hier wird vielleicht schon auf das
spätere Zusammentreffen Ios und Zeus′ in Ägypten angespielt, wo er ihr den
Epaphos zeugt. Dieser wird nun auch von dunkler Hautfarbe gewesen sein.
Interessant ist v.a. die Deutung der Verse 36 ff: Hier wird aufs genaueste
beschrieben, welche Verwandlungen der Io zuteil werden. Pfeiffer schließt hieraus
auf die "vollständige Verwandlung der Io in die Kuh"23 und nicht etwa wie bei
Aischylos nur eine teilweise Verwandlung.
Natürlich liefert die Bruchstückhaftigkeit auch dieses Fragmentes viele
Unsicherheiten. Als Beispiel soll Vers 43 genannt werden. Im Original erhalten als
"c " wird es unterschiedlich gedeutet: Io könnte an dieser Stelle
bewegungslos sein, so dass sie dem Betrachter als ein Bild eines Wandteppichs
erscheint. Sie könnte aber auch ein leinenes Gewand tragen oder irgendetwas aus
Leinen weben24.
Schwieriger verhält es sich mit Fragment (a). Allein schon die Problematik,
eindeutige Zuweisungen der Sprecherrollen vorzunehmen, erschwert die Deutung
des Textes25. Es beginnt der Text vermutlich mit einer Chorpartie, in der die Satyrn
eine Hirtenflöte erklingen hören, die Hermes, unsichtbar durch die Hadeskappe
und bereit, den Satyrn einen Streich zu spielen, zum Tönen bringt. Die übrigen
Verse des Fragmentes jedoch sind nur schwer eindeutig zu interpretieren. Man
kann z.B. Vers 22 folgendermaßen verstehen: eventuell agieren in der Umgebung
dieses Verses zwei Chöre. Der eine beschreibt eine Person, die von dem anderen
beantwortet wird mit: "Man kann aus deinen Worten schließen, daß es Hermes
ist". Diese Deutung ergibt sich, wenn man die in der Tragödie verwendete
Bedeutung von óµ ("der hohe Prunk der Worte") annimmt. Andererseits ist
óµ auch mit "Lärm" zu übersetzten, den Hermes trotz Hadeskappe
verursacht. Es könnten aber auch die Töne seiner Flöte sein, die hier gemeint
23 Rudolf Pfeiffer in Seidensticker, 1989, S. 123.
24 Vgl. Fußnote 41 in Seidensticker 1999, S. 323.
25 Vgl. Fußnote 51 ff in Seidensticker 1999, S. 326 ff.
9
sind. In Vers 24 wird das Problem deutlich, das sich dadurch ergibt, dass die
Rollenverteilung nicht eindeutig ist. Nimmt man als Sprecher die Satyrn an, so ist
dieser Vers folgendermaßen zu deuten: Die Satyrn machen sich über Hermes
lustig, weil er nun ein zweites mal, nach ihrer Ansicht erfolglos, versuchen wird, Io
von Argos zu befreien. Das zweite mal könnte hier heißen, dass er es schon
einmal versucht hat und diesmal sich mehr Erfolg durch die Hadeskappe
verspricht. Wenn aber hier nicht der Chor, sondern Hermes der Sprecher ist, so ist
mit dem bezeichneten "zweiten Male" ein Bezug zum "gerade erfolgten ersten
Versuch der Satyrn, den unsichtbaren Quälgeist zu fangen"26 hergestellt. Auch
Vers 32 ist vielseitig deutbar. So kann aufgrund der Tatsache, dass Kasus und
Numerus des überlieferten Textes nicht eindeutig zu bestimmen sind, nicht gesagt
werden, ob mit "flüsternd" die Syrinx (wie das Schilfrohr, aus dem sie gefertigt ist)
oder Hermes, der oft den Beinamen "der Flüsterer" trägt, gemeint ist. An letzter
Stelle sei hier die Problematik der Zuordnung der Sprecherrollen der Stychotomie
der Verse 40 ff genannt. So gibt es die Vorschläge, dass hier Silen und Hermes,
oder Hermes und Argos, oder Chor und Argos bzw. Silen und Chor sprechen.
Aber auch hier gibt es für jede Meinung genügend stichhaltige Argumentationen.
Oft hat man die Satyrspielqualität des Inachos angezweifelt. So wurde u.a.
angedacht, es mit der Alkestis des Euripides zu vergleichen (s.o.) und als Tragödie
zu deuten. Denn keines der Fragmente, so die Verfechter dieser These, liefere
einen sicheren Hinweis auf Satyrn oder den Silen. Hinzu kommt noch der Verweis
darauf, "daß keine der Tradenten der zahlreichen Fragmente das Stück als
Satyrspiel bezeichnet"27. Letztlich hat sich jedoch durchgesetzt, den Inachos als
Satyrspiel zu bezeichnen. Diese These wird auch dadurch unterstützt, dass die
Kürze des Botenberichtes von der Verwandlung der Io untypisch für eine Tragödie
wäre. V.a. sind es aber sprachliche Merkmale und Vergleiche zu den Ichneutai, die
einen zu dieser Überzeugung gelangen lassen.
26 Fußnote 60 in Seidensticker, 1999, S. 327.
27 Seidesticker, 1999, S. 313.
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