Scholary Paper (Seminar), 2000, 12 Pages
Author: Christoph Zeidler
Subject: Cultural Studies
Details
Institution/College: European University Viadrina Frankfurt (Oder)
Tags: Acts, Identity, Proseminar, Sprache, Kultur
Year: 2000
Pages: 12
Grade: 2,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-00672-4
File size: 88 KB
Diese Schriftfassung unseres Referates gibt einen Kurzüberblick über Identitätshandlungen durch Sprache nach Le Page und Tabouret-Keller
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Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Proseminar ,,Sprache und Kultur"
Sommersemester 2000
Acts of Identity
nach A. Tabouret-Keller und R. B. Le Page
Schriftfassung des Referates
Autoren:
Felix Hildebrandt
Christoph Zeidler
Inhaltsverzeichnis
Kapitel
Seite
1 Einleitung
1
2 Die Untersuchungen von Tabouret-Keller & Le Page
1
2.1 Das Land Belize
1
2.2 Ablauf und Ergebnisse
2
3 Was ist ein ,,act of identity"?
5
3.1 Thesen und Deutungen
5
3.2 Soziales Verhalten - ,,projection", ,,focussing", ,,diffusion"
5
4 Schluß: ,,Prolls" und ,,Machos" - Kategorienbildung und
7
,,Schubladendenken" durch acts
5 Anhang: Wirtschaftskarte Belize
9
1 Einleitung
Im folgenden wollen wir versuchen, die These von Tabouret-Keller und Le Page
zu verdeutlichen, wonach Konzepte wie Sprache und Gesellschaftsordnung
durch sogenannte Identitätshandlungen (,,acts of identity") entstehen, die Indivi-
duen im Umgang mit sich und anderen durchführen1.
Die Theorie der ,,acts of identity" markiert einen Wendepunkt im Kontext des
Seminars, da sie einen neuen Zusammenhang zwischen Sprache und Kultur
erkenntlich macht. Das Verständnis von Sprache als System mit festen
Strukturen und Grenzen ändert sich in Richtung eines freieren Zugangs, der
Sprache als Norm versteht, die sich erst durch ihren Gebrauch definiert.
Tabouret-Keller und Le Page sehen veränderliches Sprachverhalten als Norm
an, ein Sprachverhalten also, dem keine starren Regeln zugrunde liegen. Das
subjektive Sprachverhalten des Individuums beeinflußt seine Umgebung im
engeren wie im weiteren Sinne und bildet damit die Schnittstelle zwischen
Individuum und Gesellschaft, zwischen ,,individueller Sprache" und Kultur.
Sprache kann somit als primäres Kommunikationsmittel hinsichtlich sozialer
Lebensorganisation beschrieben werden.
2 Die Untersuchungen von Tabouret-Keller & Le Page
2.1 Das Land Belize
Belize liegt in Mittelamerika auf dem südöstlichen Teil der Halbinsel Yucatán.
Es grenzt im Norden unmittelbar an Mexiko und teilt die West-/Südgrenze mit
Guatemala. Charakteristisch für Belize ist das Küstenland mit seinen Sümpfen,
Lagunen und den Maya Mountains im Südwesten. Ursprünglich von Mayas
bevölkert, wurde Belize in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts britische Kolonie
1 siehe Le Page, R. B. & Tabouret-Keller, A.:
Acts of identity
Creole-based approaches to language and
ethnicity, Cambridge University Press, Cambridge 1985
Seite 1
mit dem Namen ,,British Honduras". 1964 erlangte Belize innere Autonomie und
damit erstmals eine teilweise Unabhängigkeit von Großbritannien. 1973 taucht
Belize erstmals als eigenständiger Name auf, und das Land erreicht 1981 unter
diesem Namen die vollständige Unabhängigkeit. Die Bevölkerung von Belize
wuchs seit 1970 (120.000 Einwohner) rasant auf cirka 215.000 Einwohner
(Stand: 1995), das entspricht einem Anstieg um 80%. Die größte Bevölkerungs-
gruppe stellen mit 44% die Maya-Spanier (Mestizen) gefolgt von 30% Kreolen
(englischsprachige Schwarze / Mulatten) und 11% Inder/Mayas. Des weiteren
gibt es kleine Minderheiten bestehend aus Weißen und Indern. Wichtigstes
Exporterzeugnis ist in erster Linie Zucker mit 40 %, es folgen Zitrusfrüchte,
Fische und Holz.
2.2 Ablauf und Ergebnisse
Die Ergebnisse, die Tabouret-Keller und Le Page vorlegen, beruhen auf
Untersuchungen, die beide seit Ende der 60er Jahre durchführten,
hauptsächlich auf Interviews und Umfragen, die auch teilweise mit identischem
Personenstamm wiederholt wurden, um eine eventuelle Entwicklung abzulesen.
Belize erschien den Autoren aufgrund seiner geschichtlichen Entwicklung und
der anzutreffenden sprachlichen Gegebenheiten für ihre Untersuchungen
geeignet, so ist beispielsweise der Begriff der nationalen Identität noch nicht
fest geprägt und eine einheitliche Sprache mit der bzw. über die eine
Identifikation erfolgen kann, nicht vorhanden. Vielmehr wird in Belize ein ,,bunter
Mix" an Sprachen gesprochen, der von Gruppe zu Gruppe, aber auch von
Sprecher zu Sprecher, beispielsweise in der Familie, variieren kann. Tabouret-
Keller und Le Page beobachteten dies unter anderem am Beispiel von Irma
Fairley (s. Abbildung 1).
Seite 2
Abbildung 1
Ein weiteres interessantes Ergebnis liefert eine Umfrage von 1970, in der die
Teilnehmer nach ihrer ethnischen Identität gefragt wurden, d. h. nach ihrem
Selbstverständnis gemäß der Idee einer ethnischen Zugehörigkeit. Dabei fällt
auf, daß es eine hohe Vielzahl verschiedener Begriffe für dieselbe Ethnie gibt.
Ein drittel der Befragten sieht sich als kreolisch, ,,miksup" bzw. schwarz, ein
viertel als spanisch und 12% als Indianer/Maya. Mehreren Ethnien fühlen sich
17% zugehörig (s. Abbildung 2).
Abbildung 2
Seite 3
Weitere Untersuchungen ergaben eine unterschiedliche Betrachtungsweise
hinsichtlich der Generationen. Es ließ sich beobachten, daß ältere
Generationen ihre ethnische Identität stärker mit ihrer Sprache verbinden, als
dies bei den jüngeren der Fall ist. Die jüngere Generation findet sich verstärkt
wieder in dem Begriff ,,belizean", d.h. die Jugend definiert sich als belizäisch,
unabhängig von der Herkunft ihrer Eltern bzw. Großeltern und deren Sprache.
Die Sprache ist nie alleiniges Kriterium für ethnische Identität, sondern sie steht
immer im Zusammenspiel mit anderen Kriterien, wie z.B. äußerer Erscheinung,
Abstammung oder Nationalität (s. Abbildung 3).
Jedoch wurde ebenfalls deutlich, daß Sprache nie alleiniges Kriterium für
ethnische Identität ist, sondern immer im Zusammenspiel mit anderen Kriterien
steht, wie z.B. äußerer Erscheinung, Abstammung oder Rasse.
Abbildung 3
Seite 4
3 Was ist ein ,,act of identity"?
3.1 Thesen und Deutungen
Aus dem Untersuchungen ergeben sich für die Autoren eine Reihe von
Schlußfolgerungen, die in sich die Besonderheit der Sprache als ,,act of Identity"
zeigen. Hier stellt sich nun die Frage, was ein solcher act ist bzw. wie eine
Kommunikation über acts zustande kommt.
Für Tabouret-Keller und Le Page haben alle sprachlichen Gegebenheiten
immer eine soziale Komponente, d.h. in der Art und Weise in der ein Individuum
bestimmte Wörter in einem bestimmten Kontext benutzt oder gerade nicht
benutzt, legt es damit einen Teil seines eigenen Selbst und seiner
Vorstellungen offen. Im Gespräch lädt es andere ein, an seinem ,,Universum",
an seinen Konzepten über die Welt, teilzuhaben. Diese entscheiden für sich, ob
sie dieser ,,Einladung" folge leisten möchten. So gründet sich jede Art von
Kommunikation auf das gegenseitige Abgleichen von Konzepten, woraus
bewußt oder unbewußt Sympathien bzw. Antipathien entstehen. Am Beispiel
der Konzepte von Rasse, ethnischer Gruppe und Sprache, mit denen sich die
Autoren befaßten, wird dies deutlich erkennbar. Diese Konzepte, eigene
Kreationen der Wirklichkeit, lassen sich nicht objektiv festlegen, sondern
unterliegen jedes für sich einer individuellen Interpretation. Das Ausmaß und
die Art und Weise in der diese eigenen Interpretationen den anderen mitgeteilt
werden, bilden mit dem oben beschriebenen Prozeß des Abgleichens soziale
Gruppen heraus und bestimmen deren Natur und Funktionsweise.
3.2 Soziales Verhalten - ,,projection, ,,focussing", ,,diffusion"
Jegliches soziales Verhalten, das Sprachverhalten eingeschlossen, beruht auf
drei grundlegenden Prozessen, die Tabouret-Keller und Le Page als
,,projection", ,,focussing" und ,,diffusion" bezeichnen.
Seite 5
Der Prozeß der ,,projection" beinhaltet das Anbieten der eigenen Sichtweise,
d.h. eines eigenes Konzeptes und einer eigenen Lebensvorstellung.
,,Focussing", also Schwerpunktbildung, findet anschließend in der Gruppe und
somit in den Köpfen aller Individuen statt und läßt durch gegenseitigen Abgleich
gleiche oder auch verschiedene Standpunkte deutlich werden.
Werden Schwerpunkte unterschiedlich gesetzt bzw. Konzepte verschieden
interpretiert und angenommen, so können diese verschwinden oder an
Bedeutung verlieren. Dieser Prozeß wird als ,,diffusion" bezeichnet.
Ein ,,act of identity" als Identitätshandlung kann demzufolge jedes Handeln sein,
das Identität preisgibt und sucht. Sprache ist grundsätzlich ein act wie jeder
andere, spielt jedoch eine besondere Rolle. Sie stellt nicht nur an sich ein
eigenes Konzept dar, sondern gleichzeitig auch ein bedeutendes Mittel,
welches alle anderen Konzepte transportiert und erklärt. Dieses Transportieren
und Erklären erfolgt durch Metaphern und Symbole als Bestandteile von
Sprache. Hingegen der weitverbreiteten Meinung, daß sich ein Wort nur auf
eine bestimmte Sache beziehen kann, haben Tabouret-Keller und Le Page
herausgefunden, daß Wörter immer in Bezug auf das eigene Konzept des
Sprechenden verwendet werden. Ein Wort kann somit bei verschiedenen
Sprechern und Hörern unterschiedliche Assoziationen hervorrufen und
variierende Bedeutungen erlangen. Wörter stehen demzufolge symbolisch für
die dahinterliegenden Konzepte.
Zur Verdeutlichung dieses Sachverhaltes schildern die Autoren folgendes
Beispiel. Sie zeigen anhand der Identitätsbekundung ,,Professor Mary Brown",
wie unterschiedlich die Konzepte und Vorstellungen über eine Person Mary
Brown sein können, abhängig von welchem Hintergrund die Person gesehen
wird und welches Verhältnis zu ihr besteht. Ihre Eltern und enge Verwandte
sehen hinter der Bezeichnung ,,Professor Mary Brown" eine andere Person, als
dies beispielsweise ihre Arbeitskollegen tun. Die Worte Professor und Mary und
Brown stehen symbolisch für eine Person, wobei hier deutlich wird, das es
keine einheitliche Definition dieser Person geben kann. Keiner kann behaupten,
die einzige, die reale Person Mary Brown zu kennen, denn jedes Konzept
Seite 6
beschreibt Mary Brown, wie sie von dem jeweiligen Individuum gesehen wird,
wobei kein Konzept richtiger oder falscher ist, als ein anderes.
Auch ein Austausch von Konzepten z.B. zwischen der Familie und den
Arbeitskollegen, oder die Übernahme eines Konzepts durch die Gruppe, würde
dennoch keine reale Definition entstehen lassen können. Es würde lediglich
eine mehrheitliche Angleichung der Konzepte erfolgen.
4 Schluß: ,,Prolls" und ,,Machos" Kategorienbildung und
,,Schubladendenken" durch Acts
Wir haben während unseres Vortrages eine Textauswahl von ,,Erkan und
Stefan" vorgestellt, um das Thema ,,acts of identity" anschaulicher darzulegen.
Diese zwei Comedians spielen mit der deutsch-türkischen Sprache und den
klischeehaften Vorstellungen, die sich bei den Zuhörern daraus ergeben. Sie
scheinen uns geeignet, die Thesen von Tabouret-Keller und Le Page
verständlicher zu machen. Über die Nachahmung des türkischen ,,pidgin-
deutsch" transportieren sie entsprechende Konzepte, die bei den Zuhörern zu
einer sofortigen Kategorisierung und Vorurteilsbildung führen. Dies war auch in
unserem Seminar der Fall. Ausschließlich aufgrund der gehörten Sprache
wurden Meinungen gebildet, die Sprache war Symbol für mehrere Charakter-
eigenschaften, wie z.B. ,,Proll", ,,Macho", ,,Döner" oder ähnliches. Gemein war
allen Charakterisierungen, daß dem Sprechertyp eine gewisse Ungebildetheit,
Schlichtheit und tumbe Männlichkeit unterstellt wurde. Die Konzepte der
Sprecher wurden transportiert und von den Zuhörern überwiegend akzeptiert,
wobei die gewünschte Fokussierung auf die bestimmte Identität des ,,Machos"
tatsächlich wie vorhergesehen erfolgte.
Letztlich zeigte sich die Bedeutsamkeit von Sprache als bedeutender, wenn
nicht gar entscheidender act of identity, da sich die Zuhörer anhand bestimmter
sprachlicher Symbole sofort einen gemeinsamen Schwerpunkt herausbilden
konnten. Während des Gesprächs wurden in den Köpfen fixe Kategorien
Seite 7
entwickelt, also ,,Schubladen" geschaffen und geöffnet, aus denen schwer zu
entkommen war.
Die Macht und Stärke der Sprache besteht also darin, Konzepte zu
transportieren, diese leicht annehmbar zu machen und klare Sympathie- oder
Antipathiegruppen zu schaffen. Darin liegt auch ihre große Gefahr.
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5 Anhang: Wirtschaftskarte Belize
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