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Autor: Michael Spannbauer
Fach: Medizin
Details
Tags: Rolle, Therapeuten, Gesprächstherapie, Kurs, Medizinische, Psychologie/Soziologie
Jahr: 2001
Seiten: 14
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 62 KB
ISBN (E-Book): 978-3-640-01242-8
Bewertung gabs keine, vielleicht krieg ich ja eine von interessierten Leserinnen und Lesern.
Volltext (computergeneriert)
Die Grundeinstellungen des Therapeuten in
der klientenzentrierten Gesprächstherapie
Kurs der medizinischen Psychologie und medizinischen
Soziologie
Sommersemester 2001
Dozentin: Dr. Yve Stöbel-Richter
Verfasser: Michael Spannbauer
1
Gliederung
1.
Carl Rogers eine kurze Biographie 3
2.
Kurzer Abriss der klientenzentrierten Persönlichkeitstheorie 3
2.1
Die Selbstverwirklichung 3
2.2
Das Selbst 4
3.
Der Klient 4
4.
Der Therapieprozess 5
5.
Der Therapeut 6
5.1
Echtheit und Kongruenz 6
5.2
Emotionale Zuwendung und bedingungsfreies Akzeptieren 7
5.3
Empathie 8
6.
Ein Plädoyer für eine humanistische Psychologie 10
7.
Literaturverzeichnis 13
2
1. Carl Rogers eine kurze Biographie
Welche Rolle darf der Therapeut in einer Theorie einnehmen, in der der Klient
im Mittelpunkt steht? Carl Rogers, der Begründer der klientenzentrierten
Persönlichkeitstherapie, versuchte diese Frage zu beantworten. Er wurde am
08. Januar 1902 in Oak Park, Illinois als Sohn eines Farmers geboren. Er begann
zuerst ein Studium der Agrarwissenschaften, später der Theologie. Auch dieses
Studium brach er frühzeitig ab und widmete sich der Erziehungsberatung und
der klinischen Psychologie. Seinen Abschluss erreichte er 1931 nach seinem
Studium am Teachers College der Columbia Universität. Hier lernte er das
Spannungsfeld zwischen Subjektivität und klinischer Objektivität kennen. Mit
anderen Mitarbeitern gründete er 1968 das humanistische ,,Center for Studies of
the Person" mit dem Ziel, Kranke als Menschen und nicht nur als Objekte zu
behandeln . Und das mit Erfolg, auch in Fachkreisen: Rogers wurde Präsident
der American Psychological Association und bekam mehrere Auszeichnungen.
Carl Rogers starb 1987, seine Theorie ist heute allgemein anerkannt und lebt in
vielen Projekten und Verbänden weiter. (Pervin, 1993, S.193f.).
2. Kurzer Abriss der klientenzentrierten Persönlichkeitstheorie
2.1 Die Selbstverwirklichung
,,Der Organismus hat eine grundlegende Tendenz, den Erfahrungen machenden
Organismus zu aktualisieren, zu erhalten und zu erhöhen." (Rogers, 1959 aus:
Pervin, 1993, S.204). Die Selbstverwirklichung, oder auch
Aktualisierungstendenz (Pfeiffer, 1977, S.1019) genannt, ist bei Rogers der
Initiator allen Verhaltens, im Gegensatz zu Persönlichkeitsmodellen, bei denen
der Mensch nur auf Umwelteinflüsse reagiert. Andere sogenannte Triebe wie
Hunger oder Sexualitätstrieb besitzen keine Autonomie, sie sind nur
Manifestationen der Aktualisierungstendenz. Selbstverwirklichung nach Rogers
bedeutet ,,...eine Tendenz, seine Anlagen zu entwickeln, im Sinne einer
Differenzierung von Organen und Funktionen, einer Expansion (Wachstum,
Vermehrung, Steigerung der Effizienz), aber auch eine Tendenz zu gestalthafter
Integration und Eigengesetzlichkeit (Autonomie)" (Pfeiffer, 1977, S.1019).
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2.2 Das Selbst
Grundlage für Rogers Theorie ist die phänomenologische Position, d.h. jedes
Individuum hat eine einzigartige Wahrnehmung seiner Umwelt. Die Summe aller
Wahrnehmungen wird Wahrnehmungsfeld (Pervin, 1993, S.196) oder
,,phänomenales Feld" (Pfeiffer, 1977, S.1019) genannt.
Ein Teil des phänomenalen Feldes wird als sein eigenes Sein oder Funktionieren
bewusst (Pfeiffer, 1977, S.1021). Aus dieser bewussten Wahrnehmung ergibt
sich das Selbst. Es stellt ein organisiertes und beständiges Muster von
Wahrnehmungen dar(Pervin, 1993, S.198).
Dem Selbst gegenübergestellt existiert das Ideal-Selbst, das Selbst-Konzept, das
ein Individuum gern von sich hätte (Pervin, 1993, S.198).
Der Organismus strebt nach einer Kongruenz, d.h. einer Übereinstimmung von
seinen Wahrnehmungen vom Selbst und seinen Erfahrungen, er sucht eine
Abwesenheit von Konflikten, eine Konsistenz zwischen den
Selbstwahrnehmungen (Pervin, 1993, S.206). ,,Die vom Organismus
angenommenen Verhaltensweisen sind meistens die, die mit dem Konzept vom
Selbst übereinstimmen"(Rogers, 1951, aus: Pervin, 1993, S. 207).
3. Der Klient
Inkongruenz ist definiert als eine Differenz zwischen der aktuellen Erfahrung
und der eigenen Selbstwahrnehmung. Es resultieren innere Spannung, Konfusion
und letztendlich Angst. Angst vor einer unbewussten Wahrnehmung, die,
bewusst wahrgenommen, das Selbst-Konzept ändern würde. Entsprechende
Impulse werden von der Bewusstwerdung ausgeschlossen oder nur verzerrt
wahrgenommen. ,,Das hat zur Folge, dass das Verhalten nur zum Teil von der
bewussten Selbststruktur her gesteuert wird, zum anderen Teil aber von
Bereichen des Organismus, die nicht dem Selbst zugeordnet sind. Es wird dann
als ichfremd erfahren..." (Pfeiffer, 1977, S.1021). Dies kann zu einem hohen
Leidensdruck und zu psychoreaktiven Störungen der Persönlichkeit führen
(Pervin, 1993, S.207f.; Pfeiffer, 1977, S.1021). Patienten können als Folge an
starre psychische Konstrukte gebunden sein, suchen weder Veränderung noch
Wachstum, nehmen Gefühle nicht wahr und sind fern von gegenwärtigen
Erleben (Stalmann, 1989, S.143ff.).
4
4. Der Therapieprozess
Je nach den Problemen des Klienten werden vor allem sechs Aspekte im
therapeutischen Prozess verfolgt. Die unterste Stufe ist vor allem
gekennzeichnet durch einen Mangel an Gefühlen, rigiden psychischen Strukturen
und undifferenzierten Reaktionen. Die oberste Stufe, das eigentliche Ziel der
Therapie ist der sich voll entfaltende Mensch, der im Fluss des gegenwärtigen
Erlebens steht und frei von Widersprüchen bzw. Abwehrreaktionen ist. Dieses
Leitbild ist kein statistisch fixiertes Ziel der Therapie, nach Rogers soll sich der
Mensch nach seinen eigenen Vorstellungen entwickeln, nicht nach den
Wünschen des Therapeuten (Pfeiffer, 1977, S.1030). Die einzelnen Aspekte des
Prozesses, auf die kontinuierlich im Verlauf der Therapie geachtet wird, sind im
folgenden( aus: Pfeiffer, 1977, S. 1029):
1. Beziehung zu Gefühlen: Der Klient nimmt seine Gefühle nicht wahr bzw.
erkennt sie nicht als seine eigenen an. Ziel ist die Bewusstwerdung und die
Beschreibung von Emotionen.
2. Das Erleben (experiencing): Der Patient ist von seinem Erleben weit entfernt
und kann eigentlich nur der Vergangenheit bewusst werden; eigentlich sollte
er dem Erleben der Gegenwart gewahr werden.
3. Strukturierung des Erlebnisfeldes: Im sicheren Raum der Therapie kann er
die starren Strukturen seines Erlebnisfeldes, die für ihn Objektivität
bedeuten, in Frage stellen und somit Stück für Stück abbauen, bis er
schließlich mit neuen Erfahrungen ohne vorgegebene Konstrukte umgehen
kann.
4. Mitteilungen über das Selbst: Auf niederer Stufe des Therapieprozesses
scheut sich der Patient, über sein Selbst zu sprechen. Später erforscht er es,
und lernt es als Objekt kennen, während am Ende der Therapie das Selbst
den statische Charakter verliert und mit dem Erleben wandlungsfähig wird.
5. Beziehung zu Problemen: Der Klient nimmt seine Probleme nicht wahr oder
rechnet sie nicht zu seinem Erlebnisfeld. Im Lauf der Therapie lernt er, seine
Probleme bewusst wahrzunehmen, Verantwortung zu tragen und sich
schließlich konstruktiv mit ihnen auseinanderzusetzen.
6. Beziehung zu Personen: Inkongruente Menschen können nur schwer
persönliche Beziehungen aufbauen und flüchten sich dabei oft in Rollen.
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Lernziel ist bei diesem Aspekt das Ausbilden emotionaler Bindungen und
seine eigene Persönlichkeit offen zu zeigen.
5. Der Therapeut
Um wieder ein wirklichkeitsgerechtes Erleben zu gewährleisten, muss die
Inkongruenz zwischen Erleben und Selbstkonzept abgebaut werden. Der
Therapeut muss einige Grundeinstellungen mitbringen, um dem Klienten
effektiv zu einer Besserung im Sinne einer Kongruenz zu verhelfen. Es handelt
sich dabei nicht um starre Vorschriften, sondern um Fähigkeiten und
Einstellungen, die der Therapeut anwenden soll, um den therapeutischen
Prozess in Gang zu setzen (Pfeiffer, 1977, S.1028f.).
5.1 Echtheit und Kongruenz
Die Begegnung von Person zu Person ist ein grundlegender Aspekt der Therapie,
um ein Gespräch aufzubauen und um die Reaktionen des Klienten zu
beobachten. Doch zusätzlich zu der bloßen Anwesenheit muss der Therapeut
ohne Fassade auftreten und sich nicht hinter einer wissenschaftlichen Maske
verstecken, er muss Kongruenz zeigen (Stalmann,1989, S.140). Während des
therapeutischen Gesprächs soll er sich seines Erlebens und Empfindens bewusst
werden und diese Gefühle in die Beziehung zu seinem Klienten einbringen.
Falsch wäre es, Urteile oder angebliche Tatsachen in dem Gespräch zu
diskutieren. Auch negative Gefühle sollen soweit angemessen- zur Sprache
gebracht werden. Die Äußerung, dass der Therapeut sich z.B. langweilt, ist kein
Urteil, dass der Patient ein langweiliger Mensch ist. Werden diese Gefühle
besprochen, so verändert sich die Empfindung des Therapeuten, da er sich
sicher nicht langweilt, wenn er sein Selbst und seine Kongruenz zeigt und
gespannt erwartet, wie der Klient reagieren wird. So wahrt der Therapeut seine
Echtheit, zeigt sich mit seinen Stärken und Schwächen und überwindet
Barrieren zu seinem Patienten, der seinerseits die Maske(n) leichter abwerfen
wird und offen Selbst zu sein(Stalmann,1989, S.141). Die Therapie ist somit ein
Gespräch zwischen realen, unvollkommenen Persönlichkeiten; sowohl für Klient
als auch für den Therapeuten resultiert ein Lern- und Wachstumsvorgang. Eine
Maske, die sich der Arzt gibt, würde nicht nur dem therapeutischen Prozess
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schaden, sondern auch seine eigene persönliche Entwicklung
beeinträchtigen(Pfeiffer, 1977, S.1023).
5.2 Emotionale Zuwendung und bedingungsfreies Akzeptieren
Der therapeutische Prozess wird nicht durch von rationalen Aspekten dominiert,
sondern vielmehr durch emotionales Engagement. Echte Zuwendung fördert die
Gesprächsbereitschaft des Patienten, ist diese ,,...frei von Beurteilungen und
Bewertungen der Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen des Klienten,
verdient sie die Bezeichnung «bedingungsfreies Akzeptieren«", (Stalmann,
1989, S. 137) auch ,,unconditional positive regard"(Pfeiffer, 1977, S. 1023)
genannt.
Bedingungsfreies Akzeptieren ist die Voraussetzung für die natürliche
Entwicklung des Wertesystems von Kindern. Da der Mensch nach ,,positive
regard" (Pfeiffer, 1977, S. 1021), d.h. nach Liebe und Anerkennung strebt, wird
er sein Verhalten auf die Bewertungen anderer abstimmen. Findet eine Person
nur dann Akzeptanz, wenn bestimmte Verhaltensweisen unterdrückt werden,
oder konzentriert sich die Person stärker auf die Wertungen anderer als auf die
eigenen, so werden entsprechende Impulse vom Bewusstsein ausgeschlossen und
es resultiert eine Inkongruenz von Erleben und Bewusstsein. Gerade bei einer
Therapie soll ja das Gegenteil erzielt werden; Ziel ist es, durch unconditional
positive regard das Vertrauen des Patienten zu gewinnen und ihn dazu
bewegen, sein Selbst weiter zu erkunden und unrichtige Äußerungen zu
verwerfen (Stalmann, 1989, 138; Pfeiffer, 1977, S.1023). Förderlich ist die freie
Äußerung aller Gefühle, ob positiv oder negativ, eine ,,selektive Verstärkung",
eine Fixierung auf bestimmte erwünschte Gefühlen oder Verhaltensweisen soll
vermieden werden. Der Therapeut soll den Klienten, ob seine Verhaltensweisen
nun unnett, feindselig, unreif oder liebevoll sind, als eigenständige
Persönlichkeit akzeptieren und achten, was aber nicht bedeuten soll, dass er
alle Anschauungen des Klienten grundsätzlich positiv einschätzt. Er soll aber auf
die Fähigkeit des Patienten, sich mit seiner Lebenssituation
auseinanderzusetzen und seine Entwicklungstendenzen wahrzunehmen,
vertrauen, auch wenn die Person oft defensiv, verletzlich und zerrissen ist
(Pfeiffer, 1977, 1023; Stalmann, 1989, S.138).
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In dem Klima der Sicherheit und des Vertrauens, das damit aufgebaut wird,
können jetzt Gefühle erkundet werden, die vorher unzugänglich waren. Der
Klient kann in das Unbekannte und in die Angst, begleitet von seinem
Therapeuten, der ihm Sicherheit und Akzeptanz bietet, vordringen, um starre
psychische Strukturen, an denen er festhält, in Frage zu stellen und somit sein
Erlebnisfeld neu strukturieren (Pfeiffer, 1977, S.1029).
5.3 Empathie
Echtheit und bedingungsfreies Akzeptieren bilden die Grundlage der Therapie,
die eigentliche Aufgabe des Therapeuten besteht nun darin, in jedem
Augenblick des Gesprächs die Erlebnisse, Gefühle und deren persönliche
Bedeutung sensibel und präzise zu erfassen. Er muss das innere Bezugssystem
des Patienten kennen, in seiner Welt zuhause sein, als ob es die eigene wäre.
Dabei soll die Integrität der eigenen Persönlichkeit unangetastet bleiben, die
Identifikation mit seinem Gesprächspartner behält immer die Qualität ,,als ob".
Sein Verstehen teilt er mit, er verbalisiert seine Gefühle. Doch die
ausschließliche Reflexion von Gefühlen ist nicht das Hauptmerkmal der
klientenzentrierten Gesprächstherapie (Pfeiffer, 1977, S.1024). ,,Diese Technik
ist keineswegs ein entscheidender Teil der Therapie. In dem Maße freilich, in
dem sie einen Kanal bietet, durch den der Therapeut sensible Empathie und
bedingungsfreie Achtung mitteilt, mag sie als technische Hilfe zur Erfüllung der
zentralen Bedingungen der Therapie dienen" (Rogers, 1957, aus: Pfeiffer, 1977,
S.1024). Abzulehnen ist das Verbalisieren von Gefühlen dann, wenn der
Therapeut dabei seine Kongruenz in Frage stellt, z.B. wenn er vorgibt, er würde
die Äußerung verstehen, aber in seinem Inneren die Haltung ablehnt und nicht
in sein Bewusstsein vordringen lässt. Nur wenn echte Empathie da ist, führt
diese Technik zum Erfolg. ,,...Wenn dieser Art von Antwort eine reale Funktion
zukommt, dann ist sie nicht eine Reflexion von Gefühlen, sondern ein ehrlicher,
tastender Versuch von Seiten des Therapeuten, voll, sensibel und genau die
innere Welt seines Klienten (Sinn, Gedanken, Erleben, Gefühle) zu verstehen.
Wenn sie diese Qualität besitzt, dann ist sie erfolgreich und bewegt die
therapeutische Interaktion vorwärts"(Rogers, 1957, aus: Pfeiffer, 1977, S.1024).
Ziel ist es vielmehr, noch verschwommene, unbewusste Gefühle anzusprechen
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und den Klienten bei der Bewusstwerdung neuer Erlebnisse zu unterstützen. Das
Verbalisieren von Gefühlen ist dazu nicht der einzige Weg, das kann sowohl
durch nonverbale Reaktionen des Therapeuten passieren als auch durch die
Offenbarung seines momentanen Erlebens(Pfeiffer, 1977, S.1024). Ein Beispiel
für präzise Empathie soll in dem folgenden Tonbandprotokoll eines Gesprächs
zwischen dem Therapeuten (Th.) und der Klientin (K.), einer Frau mittleren
Alters, verdeutlicht werden.
,,...K.:Ja. Und sehen sie, schon gibt′s wieder Konflikte. Unser ganzes Leben ist
derart, dass ich meine, man schwelgt eben nicht in Selbstmitleid. Aber das ist
es nicht ich meine, ich empfinde, dass es nicht ganz diesen Beigeschmack hat.
Vielleicht.
Th.: Sie denken in etwa, dass es eine kulturbedingte Ablehnung des Sich-
Bemitleidens gibt. Und dennoch finden Sie, dass das Gefühl, das Sie erleben,
auch nicht ganz das ist, was die Kultur ablehnt.
K.: Und dann natürlich sehe ich inzwischen und spüre, dass darüber dass über
dieses sehen Sie, ich habe es zugedeckt.(
Weint.
) Ich habe es doch mit so viel
Bitterkeit zugedeckt, die ich dann auch zudecken musste. (
Weint
.) Das ist es,
was ich loswerden will! Mir macht es fast nichts mehr aus, wenn es weh tut.
Th.: (
Leise und mit Zartheit auf ihren Schmerz eingehend
) Sie spüren, dass hier
auf dem Grund, wie Sie es erleben, dass es ein Gefühl von wirklichen Tränen um
sie selbst ist. Aber das können Sie, dürfen Sie nicht zeigen, und darum ist es mit
Verbitterung zugedeckt, die Sie auch nicht mögen, die Sie los sein möchten. Sie
drücken es beinahe so aus, dass Sie fast lieber den Schmerz in Kauf nehmen
möchten als als die Bitterkeit zu empfinden. (
Pause
.) Und was sie sehr
nachdrücklich sagen, ist wohl: Es tut weh, und ich habe versucht, es
zuzudecken.
K.: Ich wusste es nicht.
Th.: M-hm. Eigentlich wie eine neue Entdeckung.
K.: (
Gleichzeitig
) Ich wusste es eigentlich nie. Aber es ist wissen Sie, es ist
fast etwas Körperliches. Es ist gewissermaßen so, als wenn ich in mich
hineinschaue auf allerlei Nervenenden und Stückchen von Dingen, die
kleingeschlagen wurden. (
Weint
.)
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Th.: Als wenn einige der empfindlichsten Teile von Ihnen gerade physisch
zerschmettert oder verletzt worden wären.
K.: Ja. Und wissen Sie, ich kriege wirklich das Gefühl: «Oh, du armes Ding!«"
(Stalmann, 1989, S. 136 f.)
Die Frau beschäftigt sich in der fortgeschrittenen Phase ihrer Therapie mit
Gefühlen, die sie beunruhigen und die ihr nicht richtig bewusst sind, die sie mit
,,ich meine" zu beschreiben versucht. Die erste Bemerkung des Therapeuten ist
nicht besonders hervorstechend, während die zweite sowohl rhetorisch als auch
verbalisierend echte Empathie zeigt und versucht, die Gefühle der Klientin
aufzuzeigen, die ihr selber nicht bewusst waren nämlich das Selbstmitleid.
Mit ihrer letzten Äußerung zeigt sie, dass sie ihr eigenes Gefühl endlich
gefunden hat und es widerstandsfrei akzeptiert(Stalmann, 1989, S.137).
Auch an diesem Beispiel zeigt sich, dass der Klient nach Rogers Theorie die
Freiheit und Fähigkeit zur Selbstexploration hat und somit nicht zum Objekt der
Wissenschaft werden muss.
6. Ein Plädoyer für eine humanistische Psychologie
,,Doch leider sind auf diesem Sterne eben
Die Mittel kärglich und die Menschen roh,
Wer möchte nicht in Fried und Eintracht leben?
Doch die Verhältnisse, sie sind nicht so!"
(Brecht, 1992, S.181)
,,Ich habe kein euphorisches Bild von der menschlichen Natur. Ich weiß, dass Individuen
aus Abwehr und innerer Angst sich unglaublich grausam, destruktiv, unreif, regressiv,
asozial und schädlich verhalten können. Es ist dennoch einer der erfrischendsten und
belebendsten Aspekte meiner Erfahrung, mit solchen Individuen zu arbeiten und die
starken positiven Richtungsneigungen zu entdecken, die sich auf den tiefsten Ebenen
bei ihnen wie bei uns allen finden."
(Rogers, 1973, aus: Pervin, 1993, S.196)
Die Theorie von Carl Rogers mag in Bezug auf das empirische Erleben,
überspitzt dargestellt in diesem kurzen Ausschnitt aus dem ersten Finale der
Dreigroschenoper, etwas naiv klingen und bietet viele Angriffspunkte. So gibt es
z.B. keinen Beweis dafür, das der Mensch im Grunde ,,gut" ist, zusätzlich zu der
Frage, was denn eigentlich ,,gut" ist, denn die Definition von Normen und
Werten ist nicht zu trennen von gesellschaftlichen Verhältnissen. Destruktivität
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und asoziales Verhalten werden auf Inkongruenz zurückgeführt (Pfeiffer, 1977,
S.1019) eine sehr gewagte These, alle ,,schlechten" Menschen als psychisch
gestört darzustellen, weil damit gesellschaftliche Probleme nur zu schnell als
pathologisch hingestellt werden und weiterhin ungelöst bleiben. Die
Selbstverwirklichungstendenz als treibende Kraft wird sich bei sozial schlecht
gestellten Personen anders ausdrücken als bei reichen Personen, die sich nicht
um ihre Grundbedürfnisse sorgen müssen. Maslow, ein anderer humanistischer
Psychologe, bewertet die Selbstverwirklichung nicht wie Rogers als Triebkraft,
sondern als höchstes Ziel menschlichen Strebens, das nur dann erreicht werden
kann, wenn Basisbedürfnisse erfüllt sind. Auch kann das Spannungsfeld, in dem
der Therapeut durch seine Anwesenheit und Kongruenz der entscheidende
Faktor der Therapie ist, der Mittelpunkt aber der Klient sein soll, dahingehend
ausgelegt werden, dass der Therapeut sein eigenes Ich auf den Patienten
überträgt und dessen Persönlichkeit sozusagen auslöscht (Pfeiffer, 1977,
S.1039).
Zentraler und ausschlaggebender Punkt, sich trotzdem auf Carl Rogers zu
beziehen, ist das Bild und die Behandlung des Menschen in seiner Theorie. Der
Mensch ist kein triebgesteuerter Organismus, der keinen Sinn in Leben hat außer
Bedürfnisbefriedigung. Er ist ein Individuum, das nach Entwicklung und
Aktualisierung strebt und noch dazu sich selbst verändern kann. Deswegen darf
der Mensch nicht zur Schachfigur der Wissenschaft gemacht werden, er darf
nicht zum rechtlosen Objekt werden, auch dann nicht, wenn er schwere
psychische Probleme hat und dadurch gegen gesellschaftliche Regeln verstößt.
,,Die (Patienten, A.d.V.) sind nicht in der Klinik, um repariert zu werden,
sondern nur, um von der Straße weg zu sein, wo sie den Erzeugnissen einen
schlechten Ruf geben würden. Die Chronischen sind auf Lebenszeit drin, das
gibt der Stab zu. Die Chronischen sind aufgeteilt in Geher wie mich, die sich
noch aus eigener Kraft bewegen können, solange man sie füttert, und Roller und
Vegetierer. Im Grunde sind die Chronischen von uns oder doch die meisten von
uns nichts anderes als Maschinen mit Fehlern im Innern, die sich nicht
reparieren lassen ...[...] Es gibt aber unter uns Chronischen auch solche, an
denen der Stab vor Jahren ein paar Fehler machte, solche, die als Akute
eingeliefert wurden und erst später zu den Chronischen kamen. Ellis ist ein
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Chronischer, der als Akuter gekommen war und dann übel zugerichtet wurde,
als sie ihn in jener dreckigen, hirntötenden Folterkammer, die die schwarzen
Jungen «Schockschuppen« nennen, zu sehr strapazierten." (Kesey, 1985, S.25).
Dieser kurze Ausschnitt ist nicht aus einem Science-Fiction-Buch und der ,,Stab"
sind keine Generäle, sondern medizinisches Personal. Die ist Teil einer
Beschreibung über die Patienten und Behandlungsmethoden einer
psychiatrischen Klinik in den USA, wahrscheinlich in den fünziger oder sechziger
Jahren, die eigentlich eher zu einem Gefängnis im Mittelalter als zu einer
medizinischen Einrichtung passt.
Vor allem Ärzte und Psychotherapeuten, die die Aufgabe haben und sich selbst
noch dazu den Ethos geben, Menschen zu helfen, dürfen andere Menschen nicht
wie den letzten Dreck behandeln oder gar Elektroschocktherapien verordnen,
wie es früher die Regel war. Auch im 21. Jahrhundert finden in der BRD v.a. in
Altersheimen, aber auch sicher in anderen medizinischen Einrichtungen
Menschenrechtsverletzungen geradezu geschäftsmäßig statt. Das dürfte nicht
sein. Die Integrität des Menschen muss geachtet werden, gerade bei Kranken,
die ohnehin nur wenig Schönes im Leben haben. Die Würde des Menschen ist
unantastbar und soll es auch bleiben.
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Literaturverzeichnis:
Brecht, B.(1992).
Die Stücke von Bertolt Brecht in einem Band
. Frankfurt am
Main,Suhrkamp
Kesey, K. (1985).
Einer flog über das Kuckucksnest
. Berlin: Volk und Welt
Pervin, L. A. (1993).
Persönlichkeitstheorien
. München: Reinhardt
Pfeiffer, W. M. in: Eicke, D. (1977).
Die Psychologie des 20. Jahrhunderts Band
III Freud und die Folgen(2)
. Zürich: Kindler
Stalmann, F. (1989).
Lust an der Erkenntnis: Die Psychologie des 20.
Jahrhunderts
. München: Piper
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