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Hausarbeit, 2000, 29 Seiten
Autor: Markus Mechnich
Fach: Politik - Int. Politik - Region: Ferner Osten
Details
Tags: China, Nato
Jahr: 2000
Seiten: 29
Note: 1,3
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-01583-2
Dateigröße: 207 KB
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Volltext (computergeneriert)
Otto-Suhr Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin
Hauptseminar 15205: China und die EU in einer neuen Weltkonstellation
Wintersemester 2000/01
Dozent: Dr. Junhua Zhang
China und die NATO
Einige Leitlinien chinesischer Außenpolitik
unter besonderer Berücksichtigung des Kosovokonfliktes
Markus Mechnich
Tellstr. 8
12045 Berlin
markus@mechnich.de
030-6127282
0177-6240021
Fax: 030-62734428
Gliederung
1. Einleitung
2. Die Besonderheiten und Leitlinien chinesischer Außenpolitik
3. Die Außenpolitik der VR China von 1949 bis 1999
3.1. Die Beziehungen zur UdSSR
3.2. Die Beziehungen zu den USA
4. Chinas Beziehungen zu Rest-Jugoslawien
5. Die Besonderheit des NATO-Einsatzes im Kosovo
6. Die Reaktion auf das Bombardement der chinesischen Botschaft in Belgrad
6.1. Reaktionen in China
6.2. Diplomatie in der Folge der Bombardierung
7. Hintergründe zu den Reaktionen und Motivsuche
8. Fazit und Ausblick auf die Außenpolitik Chinas
1
1. Einleitung
In meiner Arbeit möchte ich das Verhältnis zwischen der Volksrepublik China und dem
westatlantischen Verteidigungsbündnis NATO1 näher beleuchten. Besondere Berücksichtigung soll
dabei die Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad während des Kosovokonfliktes
und deren Konsequenzen finden.
Dabei gehe ich historisch orientiert vor, um die Außenpolitik des chinesischen Staates zu erklären
und Vorbehalte sowie Verhaltensmuster zu erläutern. Zunächst werfe ich einen Blick auf die
Prämissen und Besonderheiten der chinesischen Außenpolitik, um die Interessenlage besser
verstehen zu können. Anschließend folgt ein historischer Abriss über die Außenpolitik Chinas von
1949 bis 1990 um zu prüfen, mit welchen Mitteln und Strategien diese umgesetzt wurden. Dabei
lege ich besonderen Wert auf die Beziehungen zu den Supermächten USA und UdSSR und die
Bedrohungsszenarien, die in China perzepiert wurden. Als regionale Großmacht befand sich China
immer in einem strategischen Dreieck mit den beiden Gegnern des Kalten Krieges.
Im folgenden beleuchte ich die Verbindungen Chinas zu Jugoslawien bis 1989 und zu Rest-
Jugoslawien bis 1999 hinsichtlich der bilateralen Beziehungen und der wirtschaftlichen
Verknüpfungen. Hierbei geht es vor allem darum, die Besonderheit der Beziehungen zu dem
sozialistischen Bruderstaat und die einheitlichen Interessen zu analysieren und herauszuarbeiten,
warum China dort überdurchschnittlich engagiert ist.
Nun möchte ich mich dem Angriff der NATO auf Serbien und die serbischen Truppen im Kosovo
zuwenden. Mir geht es in dem Kapitel darum, herauszuarbeiten, warum dieser Angriff so besonders
war und wie er im völkerrechtlichen Kontext zu sehen ist.
Danach werde ich kurz die relevanten Ereignisse während des Jahres 1999 rekonstruieren, sowohl
die Ereignisse in China, als auch die diplomatischen Geschehnisse in der Folge der Bombardierung.
Dabei lege ich besonderen Wert auf die Reaktion der chinesischen Führung und die Gegenreaktion
in den kriegsteilnehmenden, westlichen Staaten, besonders aber auf die der USA als leitende
Kriegsmacht.
In Kapitel 7 möchte ich die Hintergründe zu den Ereignissen im Mai 1999 beleuchten. Ich
versuche dabei herauszufinden, welche Ziele die chinesische Führung gehabt haben könnte und
was die Quintessenz der Geschehnisse ist. Ebenso versuche ich herauszufinden, wie die Ergebnisse
der diplomatischen Auseinandersetzungen aussehen.
Im letzten Kapitel steht ein Ausblick auf die mögliche, zukünftige Politik der Volksrepublik China
gegenüber den maßgeblichen Kräften der momentanen, politischen Weltordnung. Dabei soll die
1 North Atlantic Treaty Organization
2
Vorstellung der chinesischen Führung über die künftige Rolle Chinas in der Weltpolitik ebenso
verdeutlicht werden wie die Strategien, die dabei zur Anwendung kommen könnten. Abschließend
soll ein Ausblick auf die Rolle Chinas im 21. Jahrhundert stehen. Die Fragen, wo sich China
positionieren kann, welchen Einfluss das Land außerhalb Asiens hat und wie sich interaktive
Modelle mit anderen Staaten aufbauen, sollen dabei im Vordergrund stehen. Aber ich möchte auch
die möglichen Zukunftsoptionen für die VR China beleuchten.
Ziel dieser Arbeit ist es zu prüfen, ob China die harten Reaktionen seiner Bevölkerung provoziert
und gefördert hat, um sich außenpolitisch mehr Gewicht gegenüber den USA zu verschaffen.
Ebenso stellt sich die Frage, wie sich Chinas Verhältnis zu Russland verbessert und vielleicht die
Basis für eine künftige Kooperation oder sogar Allianz der beiden Länder bereitet hat. Schließlich
gilt es herauszufinden, ob China in Jugoslawien einen Präzedenzfall für den militärischen Eingriff
aus humanitären Gründen deshalb verhindern wollte, weil es befürchtet, gleichermaßen Opfer
solcher Angriffe zu werden, wenn es um Tibet, Taiwan oder Bürgerrechtler im eigenen Land dreht.
3
2. Die Besonderheiten und Leitlinien chinesischer Außenpolitik
Geschichtlich bedingt ist die Außenpolitik der VR China durch zwei Grundvorrausetzungen
geprägt: Nationale Souveränität und territoriale Integrität2.
Diese Werte stehen deshalb im Vordergrund, weil sie nie eine Selbstverständlichkeit waren, sondern
der chinesische Staat immer um diese Werte kämpfen musste, sowohl nach innen als auch nach
außen. Diese Haltung trug aber auch zu vielen Missverständnissen in der Außenpolitik bei. Oft
wird diese von den westlichen Staaten und auch Chinas Nachbarn als arrogant und expansionistisch
gewertet.
Diese Rahmenbedingungen leiten sich ab aus den fünf Grundprinzipien friedlicher Koexistenz3 der
chinesischen Außenpolitik:
- Gleichheit
- Souveränität
- Nichteinmischung
- Nichtangriff
- Friedliche Koexistenz
Besonders in der Phase des Kalten Krieges zwischen den beiden Supermächten USA und UdSSR
sind diese Prämissen eminent wichtig, um das Verhalten der VR China zu erklären. Diese Begriffe
dienten als Maximen einer Politik der Äquidistanz zwischen den beiden Supermächten, aber später
auch als Basis für die Knüpfung freundschaftlicher Kontakte zu anderen Ländern und beherrschen
bis heute die chinesische Außenpolitik. Besondere Wichtigkeit erhielten diese Ziele durch die
Tatsache, dass die VR China in einem Zustand der Schwäche geboren wurde. Bei Ausrufung der
Volksrepublik 1949 stand das Land am Tiefpunkt einer jahrzehntelangen Niedergangsphase, die im
Bürgerkrieg von 1949 seinen Höhepunkt fand. Die junge Volksrepublik war sowohl in ihrer
Integrität als auch in ihrer Souveränität höchst angreifbar. Zudem herrscht in China der Glaube,
von feindlichen Mächten umgeben zu sein, was sowohl die beiden Supermächte als auch
Nachbarstaaten wie Japan4, Korea (später Südkorea), die VR Mongolei, Indien und einige andere
unmittelbare oder mittelbare Nachbarstaaten einschließt. Zudem wurde der Staat geboren mit
2 Zuletzt zitierte Außenminister Tang Jiaxuan diese Prinzipien bei einem Treffen mit dem neuen jugoslawischen Außenminister
Goran Svilanovic in einem gemeinsamen Kommuniqué anlässlich eines Besuches in der Bundesrepublik Jugoslawien; siehe
Anhang III.
3 In einem Interview mit chinesischen Journalisten hob der Außenminister Tang Jiaxuan diese Leitlinien nochmals als Basis für
freundschaftliche und kooperative Beziehungen mit allen Ländern hervor.
4 Spätestens seit dem Krieg gegen Japan 1937-1945 gilt Japan als ein Erzfeind. Im Vertrag über Frieden Freundschaft und
Zusammenarbeit mit der Sowjetunion von 1950 wird Japan auch namentlich als Aggressor benannt. Vgl. Kapitel 3.1.
4
Taiwan als direktem Kontrahenten. Dieser erhielt zunächst große Unterstützung von Seiten der
USA, die seit dem Koreakrieg den strategischen Nutzen der taiwanesischen Insel zu schätzen
wussten. Immer war die Befürchtung in der chinesischen Außenpolitik gegenwärtig, dass Taiwan
auch die Rückeroberung Festlandchinas plane. Auch wenn diese Bedrohung heute als eher
irrealistisch angesehen werden muss, so war sie in der chinesischen Außenpolitik immer eine
Option5.
Ein weiteres Dilemma durchzieht die chinesische Außenpolitik ebenso wie der Taiwankonflikt,
nämlich eine Großmacht ohne große Macht zu sein. Chinas physisches Gewicht, bedingt durch die
schiere Größe des Landes und der Bevölkerung, verhindert eine außenpolitisch bescheidenere
Haltung des Landes. Gleichzeitig ist jedoch China nicht in gleichem Maße entwickelt wie seine
meist hochtechnisierten Nachbarn. Das bringt dem Land entscheidende Nachteile im Bezug auf die
Umsetzung außenpolitischer Ziele. Auch wenn sich dieser Graben durch die rasante Entwicklung
in den 90er Jahren zunehmend schließt, herrscht immer noch ein latentes Gefühl der Ohnmacht in
China vor.
5 In der Tat wurde das Kriegsrecht auf Taiwan erst am 17. Juli 1987 nach 38 Jahren aufgehoben. Die ,,Angst" vor einer Invasion
seitens Taiwan ist aber eher als Maxime zur Wachsamkeit gegenüber Taiwan und der Nachhaltigkeit der ,,ungelösten" Taiwanfrage
zu verstehen. Seit die Amerikaner 1971 Taiwan die direkte Unterstützung entzogen ist es faktisch eigentlich ausgeschlossen, dass
ein solches Unterfangen erfolgreich sein könnte.
5
3. Die Außenpolitik der VR China von 1949 bis 1999
3.1. Die Beziehungen zu der UdSSR und Russland
Bereits im Jahr 1949, noch während des Bürgerkrieges in der Volksrepublik China, entstanden erste
Kontakte zur UdSSR. Zunächst waren diese von einer ideologischen Natürlichkeit geprägt. Mao
sah eine ideologische Verbindung als gegeben an und strebte aus diesem Grund auch bereits
während des Bürgerkriegs nach einer Anbindung an die UdSSR. Moskau hielt sich bis zum Sieg der
Kommunisten jedoch zurück, zum einen weil man sich nicht einen Feind im Süden aufbauen
wollte, falls die Gegenseite doch siegreich sein sollte, und zum anderen, weil sich in Europa die
Konfrontation mit den Westmächten zuspitzte. Stalin wollte sich in China alle Optionen offen
halten.
Doch bereits kurz nach der Ausrufung der Volksrepublik am 1. Oktober 1949 unternahm Mao eine
Reise nach Moskau, um die Beziehungen zu dem kommunistischen Bruderstaat auf ein festes
Fundament zu stellen. Die Reise mündete im Abschluss des ,,Vertrages über Frieden, Freundschaft
und gegenseitige Hilfe" vom 14. Februar 1950.
Dies geschah durchaus berechnend, denn das Land brauchte nach dem zerstörerischen Bürgerkrieg
jede Hilfe, die es bekommen konnte. Aus dem Westen war solche Hilfe nicht zu erwarten, da man
dort Chiang Kaishek′s Truppen unterstützt hatte und der jungen Volksrepublik mit großer
Feindseligkeit entgegen trat. Zudem war geplant, die Sonderrechte fremder Mächte in China
abzuschaffen, was nur mit einem starken Partner möglich war.
Fokus der Verhandlungen in Moskau war zunächst, die Bedrohung durch Japan und die
Westmächte zu neutralisieren. Im militärischen Bereich wurde ein Verteidigungsbündnis gegen
Japan und alle mit Japan verbündeten Mächte vereinbart. Ziel war es, die labile territoriale Integrität
Chinas abzusichern und für die Sowjetunion den Rücken in Asien frei zu halten. Ebenso wollte
man durch den Pakt einer starken Reaktion der USA bei einer Invasion in Taiwan begegnen, denn
Mao hoffte, das Taiwan-Problem bis Sommer 1950 gelöst zu haben6. Letztendlich sollte auch einer
internationalen Isolation, welche die westlichen Mächte unter Federführung der USA anstrebten,
vorgebeugt werden und diese langfristig dazu genötigt werden, die Volksrepublik diplomatisch
anzuerkennen. Getragen wurden die chinesischen Vorstöße jedoch auch immer von dem Wunsch
nach einer massiven wirtschaftlichen Hilfe aus der Sowjetunion. Die japanische Besatzung und der
6 Mao befahl im Juli 1949 der 3. Feldarmee sich für die Invasion auf Taiwan vorzubereiten. Geplant war der Angriff für den Sommer
1950. Die amerikanische 7. Flotte lief kurz nach Ausbruch des Koreakrieges (25. Juni 1950) in die Straße von Taiwan ein und
verhinderte ein Übersetzen der kommunistischen Truppen. Grund war die Containment-Politik der Amerikaner und die dadurch
gehobene Wichtigkeit der Insel (aus Schubert Günter, Taiwan seit 1945: Von der Entwicklungsdiktatur zur entwickelten
Demokratie, in Herrmann-Pillath Carsten, Lackner Michael (Hrsg.), Länderbericht China, Bonn, 2000, S. 497f).
6
darauf folgende Bürgerkrieg hatten dafür gesorgt, dass das Land wirtschaftlich am Boden lag. Somit
sah man sich auch als leichte Beute für aggressive Nachbarn.
Gestützt auf militärische und wirtschaftliche Zusammenarbeit, um den Preis einer Akzeptanz der
ungeliebten Volksrepublik Mongolei und der Einräumung von Privilegien für die Sowjetunion,
konnte Mao dies auch innenpolitisch durchsetzen, denn der Koreakrieg führte die Bedrohung vor
Augen und stärkte die Partnerschaft der beiden Mächte. Die Rettung des koreanischen
Revolutionsführers Kim Il Sung und seiner Bewegung durch Freiwilligeneinheiten der Chinesen
änderten auch die Einstellung Stalins gegenüber Mao Zedong. Nach Ende des Koreakrieges 1953
begann mit dem ersten Fünfjahresplan der wirtschaftliche Aufbau des Landes. Moskau lieferte
Fertigungsanlagen für die industrielle Produktion von technischen Gütern. Bis zum Bruch in den
Beziehungen 1960 wurden immerhin 154 von 304 versprochenen Anlagen geliefert und man kann
nichtsdestotrotz von einem entscheidenden Schub für die Wirtschaft der Volksrepublik sprechen.
Noch fruchtbarer erwies sich der Austausch von technischem Wissen für China. Etwa 15 000
Wissenschaftler wurden in der Zeit von 1953 bis 1960 in Moskau ausgebildet und in der selben
Perioden bildeten zahlreiche sowjetische Wissenschaftler in China etwa 170 000 Arbeiter vor Ort
aus7. Nicht zuletzt hatten die Verbindungen für die chinesische Nachkriegsgeneration prägende
Wirkung gehabt, denn mit der Sowjetunion gab es auch den größten kulturellen Austausch in der
Geschichte Chinas.
Auf internationaler Bühne hatte das gemeinsame Auftreten von Sowjetunion und Volksrepublik
eine einschneidende Wirkung. Besonders auf der Genfer Konferenz über Indochina 1954 zeigte
der Pakt Wirkung und ermöglichte ein Waffenstillstandsabkommen. Es trug dazu bei, Hanoi in
seinen territorialen Ansprüchen zu maßregeln. Auch bei dem Streben nach internationaler
Anerkennung wirkte sich das Bündnis hilfreich aus. So erhielt Moskau Rückendeckung für die
Niederschlagung des Volksaufstandes in Ungarn, und der Sowjetunion wurde die führende Rolle
im Weltkommunismus zuerkannt.
Die Phase von 1950 bis 1957 werden auch als die ,,sino-sowjetischen Flitterwochen"8 bezeichnet
und sollten nicht lange anhalten. Traditionell war das Russlandbild der Chinesen nicht besonders
positiv, und das konnte auch die ideologische Affinität nicht verbergen. Historisch war das
nördliche Gebiet um die Flüsse Ussuri und Amur immer Spielball der russischen und chinesischen
Interessen.
Die Irritationen zwischen der VR China und der Sowjetunion vertieften sich mit dem Tod Stalins
1953 und dem Beginn des Entstalinisierungsprozesses durch Chruschtschow 1956. Die chinesische
Führung war sehr irritiert durch die innenpolitischen Umwälzungen in der Sowjetunion, die mit
7 ebenda S. 498
8 ebenda S. 498
7
China nicht kommuniziert wurden. 1960 wurden sämtliche sowjetische Experten aus China
kommentarlos abgezogen und das traf das Land in einer besonders sensiblen Phase nach dem
Scheitern des ,,großen Sprungs nach vorn"9. Kommunikation mit dem immer noch schwachen
China hielt man in Moskau nicht für notwendig, und so wirkte sich auch die sowjetisch-
amerikanische Entspannung der 60er Jahre auf das sino-sowjetische Verhältnis negativ aus. Die
Unterstützung für das chinesische Atomprogramm wurde 1958 gestoppt und statt dessen nuklearer
Schutz angeboten. Nach einem Treffen mit dem amerikanischen Präsident Eisenhower reiste
Chruschtschow 1959 nach Peking, um Mao über das amerikanisch-sowjetische Vorhaben eines
Atomwaffensperrvertrages zu informieren und forderte im Interesse des Weltfriedens
Zugeständnisse im sino-indischen Grenzkonflikt, die Akzeptanz von Taiwan und die Einstellung
des chinesischen Atomprogramms. Diese Forderungen waren für Mao unannehmbar und wurden
entschieden abgelehnt. Eine weitere Eskalation fand während der polemischen Debatte über die
Generallinie des Weltkommunismus während der Jahre 1963/64 statt und letztendlich setzten die
langjährigen, blutigen Grenzkonflikte am Ussuri bis 1969 den sino-sowjetischen Bündnisvertrag de
facto außer Kraft.
Bis zu den Vorstößen der chinesischen Regierung am Anfang der 80er Jahre blieb das Verhältnis
der beiden Staaten von großen Spannungen belastet und alle Varianten der Auseinandersetzung bis
hin zu einem atomaren Krieg waren denkbar10. Dies war ein entscheidender Faktor für
außenpolitische Entscheidungen in allen Richtungen und bis zum heutigen Tag ist China, bei aller
Entspannung im Verhältnis zu Russland, bemüht, den Einfluss des nordischen Nachbarn in Asien
soweit wie möglich einzugrenzen und Gegengewichte zu schaffen.
Im April 1979 unternahm China einen einseitigen Vorstoß zur Aufnahme bilateraler
Verhandlungen ohne Vorbedingungen. Obwohl Moskau etwas überrascht war, nahm man die
Initiative an. Die Gespräche wurden zwar durch den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan bis
1982 unterbrochen und brachten auch später kaum wesentliche Fortschritte, jedoch trugen die
Verhandlungen eindeutig zur Entspannung zwischen den beiden Staaten bei. Auf dem XXII.
Parteitag der KP Chinas 1982 wurde diese Annäherung als Strategie zur Entwicklung einer
unabhängigen und selbstständigen Außenpolitik bezeichnet11.
Unter der Regierung Gorbatschows normalisierten sich die Beziehungen zur Sowjetunion noch
mehr, da er bereit war, die drei großen Hindernisse für eine Entspannung in dem Verhältnis zu
China aus dem Weg zu räumen. Zunächst wurde die Truppenpräsenz an der Grenze zu China und
9 Der ,,große Sprung nach vorn" sollte China direkt ohne den Zwischenschritt einer Agrargesel schaft in das Industriezeitalter hieven.
Dies misslang jedoch und hatte große Armut und Hungersnöte zur Folge.
10 Siehe auch Kapitel 3.2. ,,Die Beziehungen zu den USA".
11 Gu Xuewu, Die Volksrepublik China zwischen den Supermächten: 1949-1989, in Herrmann-Pillath Carsten, Lackner Michael
(Hrsg.), Länderbericht China, Bonn, 2000, S. 507
8
in der Mongolei reduziert. Dann unternahm Gorbatschow Schritte zum Truppenabzug aus
Afghanistan und stoppte die Unterstützung für das Engagement Vietnams in Kambodscha. Die
Beziehungen verbesserten sich wesentlich bis zum Ende der achtziger Jahre und es wurde erreicht
die russische Bedrohung aus dem Norden zu minimieren.
Seit dem endgültigen Ende des Ost-West-Konfliktes Anfang der neunziger Jahre blieben Chinas
Kontakte zunächst auch zum Nachfolgestaat Russland bestehen, jedoch wurden sie in Peking
zunächst als weniger wichtig angesehen, da die Supermacht im Zerfall begriffen war. Erst in den
späten neunziger Jahren intensivierten sich die Annäherungen von beiden Seiten, da beide Staaten
eine multipolare Weltordnung anstrebten und sich durch die amerikanische Übermacht bedroht
sehen.
Das Verhältnis zwischen der UdSSR und China ist zu jeder Zeit seit der Staatsgründung ein
Gegenpol zu den USA gewesen. Nur in diesem Zusammenhang lassen sich Beweggründe für die
chinesische Außenpolitik erklären.
3.2. Die Beziehungen zu den USA
Das Verhältnis zwischen den USA und der VR China ist von Anfang an gekennzeichnet von
Argwohn und Berührungsängsten. Diese resultieren meist aus historischem Kontext. So wurde die
Unterstützung der USA für die nationalistischen Truppen während des Bürgerkrieges in China nie
vergessen, ebenso wie das Versagen der diplomatischen Anerkennung nach dem Ende des Krieges
1949. Auch der Koreakonflikt, wo amerikanische und chinesische Truppen teilweise direkt
gegeneinander kämpften, unterminierten das Verhältnis der beiden Staaten. Nichtsdestotrotz sind
beide Länder so in ihren Aktionen miteinander verbunden, dass es immer wieder
Berührungspunkte gab und gibt.
Spätestens der Abschluss des ,,Vertrages zur gemeinsamen Verteidigung" zwischen Taiwan und
den USA am 2. Dezember 1954 brachte die sino-amerikanischen Beziehungen auf einen Tiefpunkt.
Die Amerikaner verfolgten seit dem Koreakrieg eine Containment-Politik12 im asiatischen Raum.
Der Vertrag machte Pläne der VR China zur Eroberung der Insel endgültig zunichte, ohne mit der
überlegenen Supermacht USA in direkte Konfrontation zu treten. Im Gegenzug förderte China die
kommunistische Bewegung in Vietnam, auch bis in den Vietnamkrieg der Amerikaner hinein.
Nachdem sich der Bruch mit der Sowjetunion bis Ende der 60er Jahre immer mehr zuspitzte,
befand sich China in einer Doppelkonfrontation mit den beiden Supermächten dieser Zeit. Genau
diese Situation wollte man jedoch in Peking stets vermeiden.
12 Containment (engl. Eindämmung), bezeichnet eine Strategie der Einkreisung der kommunistischen Staaten durch demokratische,
dem Westen anhängige, Staaten. Dadurch sollte verhindert werden, dass sich die kommunistische Ideologie weiter auf andere
Staaten ausdehnt oder von der UdSSR oder anderen portiert wird.
9
Moskau verstärkte seine Truppenpräsenz entlang der chinesischen Grenze massiv und es wurde
über einen begrenzten nuklearen Präventivschlag gegen die VR China nachgedacht. Auf der
Gegenseite bereitete man die Bevölkerung in China auf einen nuklearen Krieg mit der Sowjetunion
vor. Speziell in dieser prekären Situation wurde man in China gewahr, dass die Bedrohung von
Seiten der Sowjetunion wesentlich größer ist als die der USA.
Einhergehend mit der Neuorientierung der USA unter Präsident Nixon versucht auch die Führung
in Peking sich aus der diplomatischen Sackgasse herauszumanövrieren und beschließt eine Öffnung
gegenüber den Amerikanern. So beginnt 1969 eine Phase der Entspannung von beiden Seiten. Die
USA lockerten die Handelsrestriktionen, die seit dem Ende des Bürgerkrieges bestanden und
schränkten die Patroullien der 7. Flotte in der Straße von Taiwan stark ein. Dies schuf die
Voraussetzungen für diplomatische Kontakte, welche aber zunächst ausschließlich auf geheimer
Ebene stattfanden. Den Durchbruch brachte eine geheime Reise des amerikanischen
Sicherheitsberaters Henry Kissinger im Juli 1971 nach Peking, um sich dort zu Gesprächen mit
Zhou Enlai zu treffen. Der Besuch des amerikanischen Präsidenten Nixon im Februar 1972 wurde
vorbereitet und Verhandlungen über das ,,Shanghaier Kommuniqué" geführt, welches beim
Staatsbesuch des Präsidenten am 28. Februar 1972 verabschiedet wurde. Das Kommuniqué stellte
einen Staus Quo in den sino-amerikanischen Beziehungen dar, zeigte aber auch Probleme auf. Für
die Beziehungen zwischen den USA und Taiwan war das der Wendepunkt. Das Kommuniqué
enthielt die mittlerweile berühmte ,,Taiwan-Klausel". Darin wurde Taiwan zum Bestandteil
Gesamtchinas und die Taiwanfrage zur innerchinesischen Angelegenheit erklärt. Besonders wichtig
war auch eine ,,Anti-Hegemonie-Klausel", in der die Sowjetunion zwar nicht namentlich erwähnt
wurde, die aber darauf abzielte, die sowjetische Expansion in Asien einzuschränken.
International war die Annäherung zwischen China und den USA für die Volksrepublik in den
ersten Jahren ein voller Erfolg. China schaffte es, aus der diplomatischen Sackgasse zu entkommen
und sich neue außenpolitische Perspektiven zu eröffnen. Besonders die Übernahme des
chinesischen Sitzes in der UNO am 21. November 1971 und der damit verbundene Sitz als
Ständiges Mitglied im Weltsicherheitsrat brachte der VR China eine größere Bedeutung in der
Weltpolitik. Auch die Aufnahme von diplomatischen Beziehungen zu 33 Staaten in der Zeit von
Oktober 1970 bis Dezember 1972 eröffnete neue Handlungsspielräume. Schließlich schaffte es
China auch, mittels der Annäherung zu einem strategischen Dreieck mit den beiden Supermächten
aufzuschließen. Auch wenn China nach wie vor das schwächste Glied in diesem Dreieck war,
konnte es durch seine Einflussnahme erhebliche Macht ausüben.
Besonders deutlich wurde diese Rolle während der neuerlichen Abkühlung des sowjetisch-
amerikanischen Verhältnisses durch die Expansion der Sowjets in Afrika und Asien Mitte der 70er
Jahre. Die Amerikaner setzten zunehmend auf einen Ausbau der Kooperation mit der VR China,
10
um die Sowjets in Asien in Schach zu halten. So entschloss sich die Regierung der Vereinigten
Staaten 1979, diplomatische Beziehungen zu der VR China aufzunehmen. Von beiden Seiten gab es
allerdings Bedingungen, um die Konfrontation in Taiwan zu entschärfen. Die Chinesen bestanden
auf einen Rückzug der amerikanischen Truppen aus Taiwan, Kündigung des Sicherheitspaktes von
1954 und den Abbruch der offiziellen Beziehungen. Im Gegenzug mussten die Chinesen weiterhin
die Lieferungen von Verteidigungswaffen an Taiwan akzeptieren, sowie den Fortbestand der
kulturellen und wirtschaftlichen Verbindungen hinnehmen. Zusätzlich gab es eine Vereinbarung, in
der China nicht gegen eine Erklärung der USA zur friedlichen Beilegung des chinesisch-
chinesischen Konfliktes protestieren sollte. Nach der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen
wurde die Kooperation auf dem militärischen Gebiet deutlich verstärkt. Bereits im Januar 1980
reiste der amerikanische Verteidigungsminister Braun nach Peking, um die Bereitschaft der USA zu
verdeutlichen, sogenannte ,,nicht-tödliche" militärische Ausrüstungsgegenstände, etwa
Radaranlagen und Aufklärungsausrüstung, zu liefern. China wurde aus der ,,Y"-Liste des
amerikanischen Handelsministeriums gestrichen und in die ,,P"-Liste aufgenommen13. Damit
wurden normale Waffenlieferungen möglich. Vor allem in der Außenpolitik im restlichen Asien
zeigte sich die sino-amerikanische Partnerschaft sehr deutlich. Bereits im thailändisch-
vietnamesischen Konflikt zeigte das gemeinsame Vorgehen Wirkung und ermöglichte die
Eindämmung der vietnamesischen Expansionsbestrebungen. Die Bestrebungen gipfelten in einem
Angriff der chinesischen Streitkräfte auf Vietnam im Frühjahr 1979.
Entscheidend für die sino-amerikanische Partnerschaft war allerdings immer das gemeinsame Ziel,
den sowjetischen Einfluss in Südostasien einzudämmen. Dies stellte die Basis für das gemeinsame
Vorgehen dar und erreichte auch bei beiden Partner die nötige Konsensbereitschaft.
In Peking erwachte allerdings Anfang der 80er Jahre ein neues Selbstbewusstsein im Hinblick auf
das eigene außenpolitische Gewicht. Man wollte zu einer eigenständigen Politik zwischen den
beiden Supermächten finden und sich von Abhängigkeiten lösen. Daraus resultierten bereits neue
Vorstöße zu Verhandlungen mit der Sowjetunion, um den immer noch schwelenden Grenzkonflikt
im Norden zu lösen und den Kreml dazu zu bewegen, die Einkreisungspolitik gegenüber China zu
lockern. Genau da sah man das Versagen der sino-amerikanischen Partnerschaft, die dieses nicht
erreicht hatte. Ein weiterer Beweggrund waren die Abrüstungsverhandlungen zwischen der
Sowjetunion und den USA. In SALT-I14 waren genau die Mittelstreckenraketen ausgeschlossen, die
für die VR China die größte Bedrohung darstellten, und auch die strategisch ebenso gefährlichen
13 Das amerikanische Handelsministerium erstellt in Absprache mit dem Außen- und Verteidigungsministerium Listen in denen in
bestimmten Abstufungen die Lieferung von Waffen in die jeweiligen Länder erlaubt, bzw. verboten werden. Die ,,Y"-Liste stellt
die härteste Restriktion dar. In der gleichen Liste befand sich auch die Sowjetunion.
14 SALT-I; (Abk.: Strategic Arms Limitation Talks) Abrüstungsvertrag zwischen den USA und der UdSSR unterzeichnet am 18. Juni
1979
11
marinegestützten Kurzstreckenraketen, die vornehmlich im Ochotskischen Meer stationiert waren.
So kam man in China zu der Erkenntnis, dass die Entspannung in Europa zu Lasten der
strategischen Balance in Asien gehen könnte und zweifelte an dem Nutzen der Kooperation mit
Amerika.
Wenn auch die Annäherungen zwischen China und der Sowjetunion durch den Einmarsch in
Afghanistan verzögert wurden, so entspannte sich das Klima zwischen den beiden Staaten in den
80er Jahren erheblich. Diese Entspannung trug dazu bei, der chinesischen Außenpolitik endlich
eigenes Gewicht unabhängig eines strategischen Partners zu geben.
Die Beziehungen zu den USA in der Folge der achtziger Jahre und der wieder beginnenden
Annäherung an die Sowjetunion, kühlten sich etwas ab. Jedoch war China zum Aufbau seiner
Wirtschaft und als Folge der Politik der Öffnung unter Deng Xiaoping immer genötigt einen
politischen Austausch mit den USA zu betreiben. Seit dem Tiannamen-Massaker15 1989 haben sich
die Kontakte auf das Thema Menschenrechte konzentriert. Durch den innenpolitischen Druck in
den USA ist dies Bestandteil der meisten politischen Kontakte. Die rasante wirtschaftliche
Entwicklung Chinas seit Mitte der neunziger Jahre gab dem Land jedoch die Möglichkeit sich dem
Druck etwas zu entziehen. Die immer dynamischer werdende Globalisierung machte China zu dem
Markt der Zukunft. Kein Land, auch nicht die verbleibende Supermacht USA, wollte den Sprung in
diesen Markt verpassen.
15 Blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des himmlischen Frieden (Tiannamen) in Peking.
12
4. Die Politik Chinas im Balkankonflikt bis 1999
Jugoslawien hatte zu China vor allem deshalb besondere Verbindungen, weil es bis Ende der 80er
Jahre eine Diplomatie zwischen befreundeten kommunistischen Staaten gab. Die Beziehungen
waren jedoch nicht ungetrübt von ideologischen Auseinandersetzungen. Bereits im April 1960 gab
es Irritationen über den Kurs der jugoslawischen Regierung unter Tito. In dem Parteiorgan ,,Rote
Fahne" wurde der Kurs als ,,jugoslawischer Revisionismus" abgestempelt und angeprangert. Man
setzte sich in dem Organ, welches den Artikel ,,Es lebe der Leninismus" betitelte, für mehr
Linientreue und Nähe zur ideologischen Basis in Jugoslawien ein. Dabei ist jedoch zu
berücksichtigen, dass für China der Hauptadressat solcher ideologischer Auseinandersetzungen in
diesen Jahren stets Moskau war und so mit diesen Angriffen insbesondere der Kreml angesprochen
werden sollte. Andererseits befand sich China in den sechziger Jahren in einem massiven Umbruch,
sowohl innen- als auch außenpolitisch. Die Kooperation mit der UdSSR war bereits gescheitert16.
In dieser Zeit der außenpolitischen Isolation kamen Kontakten zu anderen sozialistischen Staaten
wie Jugoslawien mehr Bedeutung zu, denn einzig sie garantierten dem Land, das zu diesem
Zeitpunkt von fast keinem anderen Staat auf der Welt diplomatisch anerkannt worden war, die
wichtigen bilateralen Kontakte zu weiterentwickelten Staaten. Dennoch konnte Jugoslawien nie
Ersatz für die entfallene massive Hilfe aus der Sowjetunion sein.
Aus diesen Beziehungen entwickelte sich bis 1990 eine mittlerweile als traditionell angesehene,
Freundschaft der beiden Staaten, nicht ungetrübt von ideologischen und politischen Kontroversen,
aber dennoch stabil.
In den neunziger Jahren wurden die Grundprinzipien der Außenpolitik durch die Ereignisse in
Jugoslawien mehr und mehr zur Basis der freundschaftlichen Beziehungen. Während Jugoslawiens
Teilrepubliken Kroatien, Slowenien und Mazedonien 1991 ihre Unabhängigkeit erklärten stand
China immer auf dem Standpunkt, dass sich die internationale Staatengemeinschaft aus den inneren
Angelegenheiten Jugoslawiens heraushalten müsse und betonte stets, dass jedes Land das Recht
besitze seinen eigenen Weg bei der Gestaltung der eigenen Zukunft zu gehen. Wichtiger Zuspruch
für Milosevics Regime, das zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich isoliert war in der internationalen
Gemeinschaft. Auch die bilateralen Beziehungen zwischen den beiden Ländern blieben bestehen,
ebenso wie die wirtschaftlichen Verknüpfungen, was für das isolierte und sanktionierte Land fast
von großer Bedeutung war. Ideologische Gesichtspunkte waren zu diesem Zeitpunkt nicht mehr
relevant, den China hatte die Öffnung durch Deng Xiaoping hinter sich und Jugoslawien war
offiziell bereits eine Republik.
16 Siehe Kapitel 3.1.
13
Die Basis für die Beziehungen der beiden Länder waren stets die fünf Grundprinzipien für Chinas
Außenpolitik17. Die Wichtigkeit dieser Prinzipien ergibt sich für beide Staaten aus den territorialen
Problemen, die für beide fast charakteristisch sind. Beiden ist gemeinsam, dass territoriale Integrität
nie selbstverständlich war und beide stets gegen separative Tendenzen im eigenen Land kämpfen
mussten. Zudem haben beide Staaten durch den Niedergang der Sowjetunion einen wichtigen
Partner in der internationalen Gemeinschaft verloren und sehen sich als bedeutende
Regionalmächte der letzten verbleibenden Supermacht USA gegenüber, zu der sie eher
durchwachsene Beziehungen pflegen. Diese Gemeinsamkeiten verbinden die beiden Länder über
die Kontinente hinweg und sorgen für eine Basis der freundschaftlichen Beziehungen.
17 Siehe auch Kapitel 2.
14
5. Die Besonderheit des NATO-Einsatzes gegen Serbien
Der Angriff der NATO auf die jugoslawische Teilrepublik Serbien und die jugoslawischen
Streitkräfte im Kosovo 1999 war ein Novum für die internationale Staatengemeinschaft. Nie zuvor
hatte ein regionales Bündnis, wie es die NATO darstellt, unter Berufung auf die UN-
Menschenrechtscharta, aber gleichzeitig ohne Mandat des UN-Sicherheitsrates, einen Angriffskrieg
gegen einen souveränen Staat geführt. Gerade dieser Umstand bildete für einige Staaten die
Grundlage für massive Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Angriffe. Die völkerrechtliche Grundlage
der NATO-Aktion umfassender zu behandeln, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.
Nichtsdestotrotz erfordert diese Thematik eine kurze Erläuterung, da sie von enormer Wichtigkeit
ist, um das Verhalten der chinesischen Führung und auch der anderer Staaten zu erklären.
Der Angriff auf Jugoslawien durch die NATO war nicht der erste Angriff auf einen souveränen
Staat. Beste Beispiele sind der sowjetische Einmarsch in Ungarn 1956 und die Niederschlagung des
Prager Frühling 1968. Aber die Tatsache, dass aus humanitären Gründen angegriffen wurde, macht
ihn zu einem Präzedenzfall. Die Situation vor dem Angriff ähnelte denen der aufgeführten
Beispielen allerdings sehr. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen war nicht in der Lage,
gemeinsame Maßnahmen zu beschließen, geschweige denn ein Mandat zu verleihen, da er durch
Russland und China blockiert wurde. Dieses Dilemma durchzieht den gesamten Balkankonflikt wie
ein roter Faden.
Zwei Aspekte sind charakteristisch für diesen Krieg: Zum einen die rechtliche Legitimation der
Aktion und zum anderen der Schutz der Zivilbevölkerung. Der erste Punkt wird sicher noch
weitere Nachspiele auf internationaler Ebene haben und sich auf künftige Konflikte und deren
Lösung durch internationale Organisationen auswirken. Diese Frage steht als Charakteristikum für
eine internationale Entwicklung, an deren Ende ein neues weltpolitisches Sicherheitskonzept steht.
Nach den Umbrüchen in den 90er Jahren und dem Zusammenbruch der bipolaren Weltordnung
steht die Frage, wie mit Staaten umgegangen werden kann, die eklatant die Grundsätze der
internationalen Gemeinschaft verletzen, an vorderer Stelle. Dabei ist zu unterscheiden zwischen
innerstaatlichen Verbrechen und Vergehen zwischen souveränen Staaten. Letzteres ist durch das
Ende des Kalten Krieges etwas einfacher geworden. Aggressive Staaten können durch die in diesen
Punkten relativ klare Gesetzgebung der UNO als solche identifiziert werden und, je nach
Konstellation und Situation, auch bestraft werden, wie das Beispiel Irak 1991 zeigt. Hier regt sich
auch weit weniger Widerstand in den zuständigen Gremien der UNO.
15
Größere Schwierigkeiten entstehen durch die Frage, ob bei innerstaatlichen Vergehen gegen die
Menschenrechte eingegriffen werden kann. Hier zeigt sich massiver Widerstand, angeführt durch
Staaten wie Russland und China. Die Souveränität und territoriale Integrität18 eines Staates wird
wesentlich höher bewertet als Individualrechte. Durch diese Haltung entsteht jedoch immer wieder
Handlungsunfähigkeit im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen.
Dadurch stellt sich als Leitfrage: Lässt sich eine humanitäre Aktion aufgrund der UN-Charta
legitimieren, wenn keine Resolution des Sicherheitsrates zu erreichen ist? In Artikel 2 Ziffer 4 der
Charta wird die Gewaltanwendung eines Staates gegen einen anderen ausgeschlossen. Für diesen
zentralen Punkt in der UN-Charta gibt es eine klare rechtliche Grundlage, die nur für den Fall der
Selbstverteidigung, Artikel 51, zeitlich begrenzte Ausnahmen vorsieht. Frowein sieht jedoch im
Mittelpunkt des internationalen Völkerrechts nicht mehr nur souveräne Staaten, sondern auch den
Schutz des einzelnen Menschen vor massiven und systematischen Menschenrechtsverletzungen. In
diesem Sinne kann man auch die Ablehnung einer von Russland, China und Indien eingebrachten
Resolution zur Verurteilung der NATO-Angriffe interpretieren.
In Kapitel VII der UN Charta wird der Sicherheitsrat autorisiert, kollektive Zwangsmaßnahmen zu
beschließen. Dies impliziert einerseits Embargos, andererseits aber auch militärische Maßnahmen,
wie im Fall Irak. Es stellen sich zwei Fragen in Bezug auf dieses Kapitel der UN-Charta: War der
Sicherheitsrat im Falle Jugoslawiens überhaupt zuständig19 und war die NATO zum Einsatz
berechtigt? Frowein bejaht die erste Frage mit dem Verweis auf eine Friedensbedrohung durch
extreme Menschenrechtsverletzungen20. Die Einsatzberechtigung der NATO ist etwas
komplizierter, denn lediglich der Sicherheitsrat hätte mit einer Resolution die NATO als
Regionalorgan zu einem solchen Einsatz autorisieren können. Die USA sahen es bereits während
des Krieges als legitim an eine solche Beauftragung auch nachträglich vornehmen zu lassen, speziell
natürlich aus dem Grund, dass es eine Beauftragung durch die Vetostimmen von Russland und
China nie gegeben hätte. Frowein sieht jedoch die Legitimation als gewährleistet an, weil der Antrag
von Indien, China und Russland zur Verurteilung der NATO-Aktion vom Sicherheitsrat abgelehnt
wurde.
Der zweite Aspekt, der ausreichende Schutz der Zivilbevölkerung, ist Objekt vielseitiger
Spekulationen und Diskussionen. Sicher ist, dass in diesem Krieg gegen Serbien Ziele bombardiert
18 Siehe auch Kapitel 2.
19 ,,Von besonderer Bedeutung...ist die Frage, unter welchen Umständen die extreme Verletzung von Menschenrechten in einem
Staat als Friedensbedrohung angesehen werden und eine Ermächtigung zum militärischen Einsatz durch den Sicherheitsrat
begründen kann"; Frowein Jochen Abr., Der Schutz des Menschen ist zentral, in: Neue Züricher Zeitung (NZZ), 17./18. Juli 1999,
S.2.
20 ,,Es kann heute als anerkannt gelten, dass die Zuständigkeit des Sicherheitsrates bei genozidartigen Aktionen oder sonstigen
extremen Menschenrechtsverletzungen auf der Grundlage von Art. 39 der Satzung gegeben ist, weil hierin eine Friedensbedrohung
zu sehen ist."; Frowein Jochen Abr., Der Schutz des Menschen ist zentral, in: Neue Züricher Zeitung (NZZ), 17./18. Juli 1999,
S.2.
16
wurden, die eindeutig zivilen Charakter besitzen, wie zum Beispiel die Zerstörung des serbischen
TV-Senders RTS. Mehr Diskussionsbedarf gibt es sicher bei infrastrukturellen Zielen, wie Brücken.
Hier kann man zwar nicht eindeutig sagen, dass es sich um zivile Ziele handelt, jedoch im Fall der
Bombardierung der Brücke von Luzane, bei dem am 1. Mai nach serbischen Angaben 47
Menschen in einem vollbesetzten Reisebus ums Leben kamen, ist festzustellen, dass die NATO
geltendes Kriegsrecht gebrochen hat.
Eine Besonderheit begleitet die Aktion der NATO-Partnerstaaten: die unterschiedliche rechtliche
Stellung der teilnehmenden Staaten. Zwar betonte der NATO-Sprecher Jamie Shea immer wieder,
dass niemals zuvor die Regeln der Kriegsführung so strikt eingehalten wurden, aber rechtliche
Verbindlichkeiten wurden niemals benannt und die entsprechenden Verträge bewusst nie beim
Namen genannt21. Der Grund dafür liegt in der Tatsache begründet, dass Frankreich, die Türkei
und die USA niemals das Zusatzprotokoll Nr. I des Genfer Abkommen von 1949 unterzeichnet
haben. Damit standen nicht alle Partner der NATO-Offensive auf dem gleichen völkerrechtlichen
Fundament. Als Folge davon gab es keine genaue Definition davon, was als militärisches Ziel
anzusehen war und was nicht.
Ein weiteres Beispiel ist die Bombardierung von Zielen aus 5000 Metern Höhe, um eigene Soldaten
zu schützen. Bei einem solchen Einsatz ist nicht zu erkennen, ob sich Zivilisten im Zielgebiet
befinden. Aus diesen Fakten lässt sich ableiten, dass der Grund für die meisten zivilen Verluste in
der fehlenden oder mangelhaften Planungs- und Aufklärungsarbeit, sowie in
Koordinationsschwächen seitens der Nato zu finden sind.
Das tragischste Beispiel für diese Schwächen in bezug auf China ist die Bombardierung der
chinesischen Botschaft in Belgrad. Auch wenn es Thesen gibt, die einen Unfall in Frage stellen und
von einem gezielten Schlag gegen die Botschaft als Teil der informellen Infrastruktur sprechen22,
kann man eher davon ausgehen, dass es sich auch hier um einen Planungs- bzw. Aufklärungsfehler
handelt23. Die Treffer auf die chinesische Botschaft sind wahrlich nicht die einzigen sogenannten
Kollateralschäden, die es im Kosovokrieg gab. Bezeichnend ist jedoch, dass dieser Schaden als
einziger wirklich untersucht, und die Ergebnisse veröffentlicht wurden24.
21 ,,Die NATO hielt sich auch nicht an die Vorschrift des I. Zusatzprotokoll, wonach Angriffen durch welche die Zivilbevölkerung in
Mitleidenschaft gezogen werden kann, eine wirksame Warnung vorausgehen muss. Nach Aussagen von NATO-Vertretern wollte
man die Sicherheit der Piloten nicht aufs Spiel setzen."; Gidron Avner, Cordone Claudio, Die NATO und das Völkerrecht, in Le
Monde Diplomatique Nr. 6192, 14.07.2000, S. 1, 12-13.
22 Entsprechende Mutmaßungen vertrat die BBC im Mai 1999.
23 Gründe nach Aussage von NATO-Vertretern und Sprechern der CIA.
24 ,,Im April 2000 gab die CIA jedoch bekannt, dass sie gegen mehrere Mitarbeiter wegen ihrer Rolle bei der Fehlidentifizierung der
chinesischen Botschaft disziplinarische Maßnahmen ergriffen habe."; ebenda.
17
6. Die Reaktion auf das Bombardement der chinesischen Botschaft in
Belgrad
6.1. Reaktionen in China
Bei den Raketentreffern auf die chinesische Botschaft in Belgrad am 7. Mai 1999 wurde das
Gebäude von fünf Sprengkörpern getroffen. Dabei wurden drei Menschen getötet und weitere 20
verletzt. Nach Angaben der NATO war der Angriff nicht beabsichtigt und der Fehler rührte daher,
dass die Befehlshaber die Ziele für diesen Angriff mit veraltetem Kartenmaterial des CIA planten,
auf dem die Botschaft nicht eingezeichnet war.
Die Reaktionen der Chinesen waren vielfältig, medienwirksam und recht heftig. Mutmaßungen
über die eigentlichen Ziele der Bombardierung machten in China die Runde. Es wurde dem
amerikanischen Militär vorgeworfen, die sino-amerikanischen Beziehungen torpedieren und den
steigenden Verteidigungshaushalt Chinas publik machen zu wollen; den USA wurde unterstellt,
dass die Aktion eine Bestrafung für die chinesische Opposition gegen die Angriffe gewesen sei und
die Destabilisierung Chinas durch nationalistische Kräfte zum Ziel gehabt hätte.
Angetrieben von der Propaganda der staatlich kontrollierten Fernsehsender versammelten sich vor
den Konsulaten der NATO-Partner in China mehr als zehntausend Demonstranten zu
gewalttätigen Protesten. Die Entschuldigungen der NATO-Mitgliedsländer, insbesondere der
Amerikaner, wurden erst am 11. Mai, also zwei Tage nach der Entschuldigung durch Clinton und
die NATO, gesendet, bzw. abgedruckt. Ansonsten heizten die chinesischen Medien die Proteste
durch eine einseitige Berichterstattung kräftig an.
Die Kundgebungen an sich wurden durch den Vizepräsident Hu Jintao genehmigt25, der aber auch
anmahnte, keine Gesetzesverletzungen zu begehen. Dies wurde jedoch weitgehend ignoriert. Es
flogen Steine, Farbbeutel und Molotovcocktails auf die Vertretungen. In Chengdu wurde das
amerikanische Konsulat durch Brände zerstört. Danach wurde die Versammlung mit Hilfe von
Tränengas aufgelöst. Die Proteste begannen am 8. Mai, dem Tag nach der Bombardierung, und
setzten sich für drei Tage fort. Der U.S.-amerikanische Botschafter in Peking, James Sasser, sagte,
er und sein Botschaftspersonal konnten das Gebäude zum 10. Mai erstmals wieder verlassen.
Westliche Journalisten wurde auf offener Straße geschlagen, getreten und mit Steinen beworfen.
Auch vor der albanischen Botschaft wurde demonstriert und das Gebäude mit Gegenständen
beworfen. Spätestens am zweiten Tag der Proteste bekamen die Demonstranten auch logistische
Unterstützung durch die Regierung. Mit Bussen wurden sie in die Nähe der US-Botschaft in Peking
25 http://www.CNN.com, MacKinnon Rebecca, China gives green light to embassy protests, 9. Mai 1999, S. 2, vom 17.1.2001
18
gebracht. Von mehreren Orten wurde berichtet, dass die Polizei zunächst nichts zum Schutz der
Botschaften getan habe. In Chengdu sollen die Ordnungskräfte erst eingegriffen haben, als das
Konsulat bereits brannte. Auch in Kanton sollen die Sicherheitskräfte die Demonstranten in
kleinen Gruppen vor das deutsche Generalkonsulat gelassen haben und auch hier flogen Steine,
Fenster wurden eingeworfen und der Eingangsbereich des Konsulats wurde zerstört. Am nächsten
Tag war das Gelände jedoch durch Gitter abgesperrt und es kam zu friedlichen Protesten.
Eine neue Komponente gab es bei den Protesten gegen die NATO. Erstmals wurden gezielt
sogenannte Cyberattacken gegen amerikanische Militärcomputer und die NATO-Netzwerke
ausgeführt. Am 2. September 1999 sagte der Beauftragte für Kommunikation und Information der
Air Force Lt. Gen. William Donahue: hackers ,,...came at us daily, hell-bent on taking down NATO
networks."26. Auch die Herkunft der Angriffe lies sich nachvollziehen: ,,... people who came at us
with an IP-address that resolved to China". Mehrere IP-Adressen27 wurden nach China
zurückverfolgt und obwohl sich der General nicht dazu äußern wollte stand auch die Vermutung
im Raum, dass es sich dabei auch um staatliche Computer gehandelt haben könnte. Getragen wird
diese vor allem durch die starke Kontrollfunktion der chinesischen Regierung über das Internet.
Die Angriffe setzten sich während der ganzen Zeit der Luftangriffe fort, konnten allerdings keinen
Schaden anrichten. Meist handelte es sich um harmlosere Spam-Attacken28. Die Seite des Weißen
Hauses(Fußnote) wurde durch Hacker aus Hongkong allerdings für mehrere Tage außer Gefecht
gesetzt.
6.2. Diplomatie in der Folge der Ereignisse
Am 9. Mai 1999, zwei Tage nach dem Beschuss der Botschaft in Belgrad, entschuldigte sich der
amerikanische Präsident Clinton in einem offiziellen Brief an Staatspräsident Jiang Zemin für den
,,irrtümlichen" Angriff.
Am 10. Mai 1999 stellte die chinesische Regierung alle offiziellen Kontakte in den
Schlüsselbereichen des Dialoges mit den USA ein. Dies umfasste die Bereiche Militäraustausch,
Rüstungskontrolle und die Menschenrechtsfrage. China verlangte eine Untersuchung der
Ereignisse, die dazu führten, dass die Botschaft getroffen wurde und eine Bestrafung der
Schuldigen. Die ersten Untersuchungsergebnisse wurden am 17. Juni 1999 durch eine Delegation
26 http://www.CNN.com, Brewin Bob, Cyberattacks against NATO traced to China, 9. Mai 1999, S. 1, vom 17.1.2001
27 IP (Abk. Internet-Protokoll); jeder Rechner im Internet hat solange er verbunden ist eine eindeutige Adresse. Die Adressen werden
vergeben und sind somit nachvol ziehbar.
28 Spam ist eine Methode Mailserver durch Überlastung zum Absturz zu bringen. Dabei werden Massen an unsinnigen Mails
automatisch generiert und über einen Mailserver abgeschickt, bis dessen Kapazität überschritten ist.
19
unter der Führung von Thomas Pickering, Staatssekretär des U.S.-Außenministeriums, formal
vorgestellt.
Aufgrund der Ereignisse in Belgrad wurde der geplante Besuch des deutschen Bundeskanzlers
Gerhard Schröder in Peking verkürzt und die Delegation verkleinert. Auch Schröder entschuldigte
sich nochmals für den Angriff. Diese Entschuldigung wurde jedoch von der chinesischen
Regierung als ,,nicht ausreichend" bezeichnet. Dennoch verliefen die Gespräche in
freundschaftlicher Atmosphäre.
Am 15. Mai 1999 verabschiedete der Weltsicherheitsrat eine Erklärung, in der tiefstes Bedauern
und Besorgnis über die Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad durch den
Präsidenten des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen zum Ausdruck gebracht wurde29. Um den
Wortlaut dieser Erklärung wurde in den vorhergehenden Tagen schwer gerungen. China hatte
bereits am 8. Mai in einem Brief an den Präsidenten des Sicherheitsrates um eine Resolution zur
Verurteilung der Bombardierung gebeten. Auf diese Verurteilung verzichtete China allerdings am
11. Mai.
Zwei Kriegsschiffen der amerikanischen Pazifikflotte wurde am 21. Mai ein planmäßiger Stop im
Hafen von Hongkong verwehrt, die Schiffe durften nicht in den Hafen einlaufen.
Am 25. Mai desselben Jahres wurde vom Komitee für nationale Sicherheitsfragen ein 800 Seiten
starker Bericht vorgelegt in dem der VR China die massive Spionage in amerikanischen Labors des
Atomwaffenprogramms vorgeworfen wurde. Am 3. Juni verlängerte Präsident Clinton den Status
Chinas als normaler Handelspartner um ein weiteres Jahr.
Am 25. Juli 1999, nur zehn Wochen nach dem Bombardement, wurde beschlossen die Gespräche
zwischen den USA und der VR China wieder aufzunehmen, allerdings ohne zunächst konkrete
Termine dafür festzulegen. Dies wurde anlässlich eines Treffen zwischen US-Außenministerin
Albright und Ihrem chinesischen Amtskollegen Tang Jiaxuan in Singapur vereinbart. Die bilateralen
Beziehungen sollten wieder aufgenommen und intensiviert werden.
Im April 2000 gab es personelle Konsequenzen beim CIA aus dem Vorfall. Ein Mitarbeiter wurde
entlassen und sechs ranghohe Angestellte wurden mit Abmahnungen bedacht.
29 Siehe Anhang II.
20
7. Hintergründe zu den Reaktionen und Motiven
Bereits im Vorfeld der Bombardierung der chinesischen Botschaft gab es einige Missstimmungen
zwischen den USA und der VR China. Am 6. April 1999 traf der chinesische Premierminister Zhu
Rongji zu einem neuntägigen Besuch in den Vereinigten Staaten ein. Hauptthema der Visite war der
von China angestrebte Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO. Jedoch ließ sich US-Präsident
Clinton, nicht dazu überreden die Vereinbarung mit Rongji zu unterzeichnen, obwohl der
chinesische Premierminister viel weitergehende Zugeständnisse mitbrachte, als man vermuten
konnte. Innenpolitische Gründe sollen den Ausschlag gegeben haben und den Präsidenten zu der
Ansicht gebracht haben, dass die politischen Kosten zu hoch seien. Die chinesische Führung zeigte
sich sehr brüskiert, dass die weitgehenden Zugeständnisse nicht entsprechend honoriert wurden.
Mehrere hauptsächlich innenpolitische Faktoren spielten bei der Entscheidung Clintons eine Rolle.
Die Spionagevorwürfe gegen China standen bereits seit längerem im Raum. Zudem verstärkten sich
Vermutungen über Wahlkampfspenden an die Demokraten anlässlich des Wahlkampfes 1995 in
den USA. Des weiteren hatte Clinton innerparteiliche Auseinandersetzungen mit
Gewerkschaftslobbyisten über Billigimporte aus China zu führen und der Präsident war mit dem
Kosovo-Konflikt beschäftigt. Nichtsdestotrotz wurde es Clinton als großer Fehler angelastet, die
Vereinbarung mit China nicht unterschrieben zu haben. Ein Indiz dafür ist auch die Entsendung
einer US-Delegation nach China zu weiteren Verhandlungen, vermutlich um die von China
gemachten Zugeständnisse aufrecht zu erhalten.
Die Reaktionen Chinas allgemein zum Krieg im Kosovo fielen stets sehr aggressiv und lautstark
aus. China bildete mit Russland zusammen die Wortführer der Opposition gegen die NATO-
Luftschläge. Immer wieder während des gesamten Krieges verlangte China die ,,bedingungslose
Einstellung" der Angriffe und erklärte sich erst nach einem Ende der bewaffneten
Auseinandersetzungen bereit, an einer Kosovo-Resolution mitzuarbeiten. Dabei wurden die engen
Beziehungen zu Jugoslawien in den Vordergrund gestellt. Immer wieder wurde betont, dass die
territoriale Integrität und nationale Souveränität Jugoslawiens unbedingt erhalten bleiben müsse.
Der Konflikt wurde stets als innere Angelegenheit Jugoslawiens bezeichnet. Gerade an diesen
Formulierungen wird klar, warum sich China für Milosevic einsetzte, denn diese Formulierungen
findet man immer wieder, wenn es um die klassischen Problemzonen in China geht. Die beiden
Maximen der chinesischen Außenpolitik wurden also auch für andere Staaten geltend gemacht. Der
Grund dafür ist die Befürchtung, auf dem Balkan könnten Präzedenzfälle geschaffen werden für
militärische Operationen zur Erhaltung der Menschenrechte auf dem Gebiet souveräner Staaten
21
ohne Mandat der Vereinten Nationen30. Der Verweis auf die inneren Angelegenheiten soll für
Jugoslawien gelten, überträgt sich aber auch auf die Problemfelder Taiwan und Tibet in China. Der
Dammbruch sollte in Jugoslawien verhindert werden, bevor er sich auf andere Krisenregionen
übertragen kann. Diese Problematik verbindet China auch gleichzeitig mit Russland, die bei ihrem
Tschetschenienkrieg eine ähnliche Problematik haben. Natürlich ist der Vergleich zwischen
Jugoslawien und den Problemregionen in Russland und China nicht zulässig, da sowohl die
Konstellationen als auch die Länder an sich völlig andere Voraussetzungen aufweisen, aber der
Einsatz gegen Serbien birgt natürlich die Gefahr, dass solche Einsätze auch als Druckmittel gegen
China benutzt werden könnten.
Dass die Bindung an das Regime Milosevics nicht besonders stark war, zeigt die Weigerung der
chinesischen Regierung Milosevic nach seiner Abwahl Ende 2000 aufzunehmen und die
Fortführung und Intensivierung der bilateralen Beziehungen zu der Regierung von Zoran Zizic.
Im Anschluss an die gewalttätigen Proteste in China gegen die Vertretungen der NATO-Länder
wurde auch gemutmaßt, dass die Regierung die allgemeine Unzufriedenheit über soziale Probleme
kanalisieren wollte. Diese Theorie scheint mir jedoch nicht sehr wahrscheinlich, da dies eine sehr
kurzfristige Ablenkung wäre und die politischen Kosten dafür viel zu hoch waren.
Die Reaktion kann auch in einem größeren Maßstab betrachtet werden als ein Versuch, die
Emanzipation als Weltmacht auf internationaler Bühne zu manifestieren. Dies stellt seit der
Staatsgründung ein großes Anliegen der Chinesen dar. Mit der Schwäche Japans, beginnend Ende
der 90er Jahre durch die Asienkrise, und der Öffnung Chinas, beginnend 1978 durch Deng
Xiaoping, ist man diesem Ziel wesentlich näher gekommen. Die Wiedereingliederung Hongkongs
und Macaos sind weitere Meilensteine auf dem Weg Chinas zur Weltmacht. In dieser Situation stellt
der Angriff der NATO ohne Rücksprache mit China eine Verletzung dieses Status dar, der die
Regierung in Peking sehr irritiert hat. Hinzu kamen die Irritationen über das Verhalten der
Amerikaner bei dem gewünschten WTO-Beitritt Chinas31(Fussnote). Zudem kann man einen
praktischen Nutzen darin erkennen, die ,,lästigen" Dialoge mit den USA über Rüstungskontrolle
und die Menschenrechte, zumindest zeitweise, auszusetzen und auf einer neuen Basis
weiterzuführen.
30 Siehe Kapitel 5.
31 Siehe Kapitel 6.1.
22
8. Fazit und Ausblick auf die Außenpolitik der VR China
Die Politik Chinas im Konflikt um die Einsätze der NATO im Kosovo ist geprägt von
außenpolitischen Überlegungen, die zunächst nicht viel mit dem eigentlichen Krieg zu tun haben.
Die künftige Rolle Chinas auf der Weltbühne war für die Führung in Peking wesentlich
entscheidender als die Verbindungen zu Jugoslawien.
Dies wirft jedoch viele Fragen auf, bezüglich der angestrebten Rolle der VR China in der Welt.
Durch die Politik der Annäherung Chinas an die USA und gleichzeitig an Russland fühlt man sich
erinnert an die Phase der Äquidistanz zwischen den beiden Supermächten32. Doch die Situation hat
sich verändert. Russland kann sich nur durch Berufung auf den Status als Atommacht noch als
Großmacht verstehen. Wirtschaftlich und militärisch stehen die Zeichen in Moskau eher auf Sturm
und es ist bislang keinem Präsidenten gelungen, einen neuen Platz auf dem internationalen Parkett
langfristig einzunehmen und die russische Rolle neu zu definieren. Man fühlt sich durch die
Osterweiterung der NATO an die Wand gedrängt und sucht daher die Bindung an China als
gemeinsame Opposition gegen die letzte Supermacht USA. Auch gemeinsame Interessen, wie die
Haltung gegen die Einsätze auf dem Balkan aus innenpolitischen Gründen33 legen eine
Kooperation nahe.
Dennoch reagieren die Chinesen zurückhaltend auf die Annäherungsversuche aus Moskau. Ein
Grund dafür sind die Beziehungen zu den USA und ein gewisses traditionelles Misstrauen Russland
gegenüber. China kann es sich nach wie vor nicht leisten einen Bruch mit Washington zu riskieren.
Zu viele Fragen stehen ungeklärt zwischen den beiden wichtigsten Ordnungsmächten in Asien und
China besitzt nicht die Stärke für außenpolitische Alleingänge in so heiklen Fragen, wie sie Asien im
21. Jahrhundert aufwirft. Sowohl Taiwan als auch Tibet sind jedoch die entscheidenden Punkte, an
denen sich die Beziehungen zwischen den USA und China messen lassen müssen. Beide Seiten
haben erheblichen innenpolitischen Druck, hier Lösungen zu finden, sind aber gleichzeitig auch
aufeinander angewiesen.
Ein wichtiger Aspekt wird die Außenpolitik des neuen Präsidenten Bush sein. Bislang kann man
kaum abschätzen, wie sich die USA auf dem internationalen Parkett präsentieren werden. Der
angekündigte Rückzug aus Krisengebieten und die Besinnung auf die inneramerikanischen
Probleme kann auch ein Präsident Bush nur teilweise vollziehen. Zu schwerwiegend sind die USA
verwickelt in den Krisenregionen und es gibt meist keinen Ersatz für die letzte Supermacht. Die
EU ist noch lange nicht so weit, ihre Rolle auf der Weltbühne einzunehmen und Russland fehlt das
32 Siehe Kapitel 3.
33 Siehe Kapitel 7.
23
Geld und die Mittel. Mit der Ankündigung, die Forschung für den nationalen Raketenschild der
USA intensivieren zu wollen und dieses ehrgeizige Projekt zu verwirklichen hat sich Bush jedoch in
China bereits Respekt verschafft, aber auch massiven Widerstand hervorgerufen. Auch wenn sich
Experten noch lange über die Umsetzbarkeit des Projektes streiten werden, so hat es bei Russland
und China bereits die elementaren Ängste vor einer Hegemonie der USA hervorgerufen. Die
Gefahr, durch dieses Projekt eine neu Rüstungsspirale loszutreten, ist unübersehbar und es ist zu
erwarten, dass Indien und Pakistan den aufrüstenden Ländern folgen würden. Dies steht jedoch
auch den chinesischen Interessen entgegen, denn die Substanz für einen Rüstungswettlauf hat
China heute noch nicht.
Wenn man die Schlagzeilen in Bezug auf China in den letzten Jahren liest, fällt auf, dass es zwei
Komponenten von Nachrichten gibt: bilaterale, politische Gespräche und Wirtschaftsnachrichten.
Oft sind diese auch miteinander gekoppelt, denn die Regierungschefs aller westlichen Staaten haben
sich in Peking vorgestellt, um die Stellung der eigenen Wirtschaft auf dem größten Markt in Asien
zu sichern. Die politischen Nachrichten reichen von massiven Drohungen bis zu
freundschaftlichen Dialogen. Dies alles sind Zeichen dafür, dass China noch immer dabei ist,
seinen Platz in der Weltordnung zu suchen. Die Bedrohung, die oft in China gesehen wird, ist bei
genauerem Hinsehen weitaus geringer als man es meinen könnte. Betrachtet man die
außenpolitischen Aktionen der letzten 20 Jahre, so muss man zur Kenntnis nehmen, dass das Reich
der Mitte zu allen Nachbarn freundschaftliche Verbindungen aufgenommen hat, die meisten
Grenzstreitigkeiten mit seinen Nachbarn geregelt hat und aus der Tradition alter Feindschaften, wie
der mit Japan, ausgebrochen ist und somit zu einem verlässlichen Partner für die meisten Länder
Asiens geworden ist. Alles in allem ein äußerst positive Bilanz, wie sie kaum ein anderes Land der
Erde aufweisen kann.
Wo also liegt die Gefahr aus China?
Ein Punkt, der ein solch mächtiges Land unberechenbar macht, ist das politische System. Die
kommunistische Partei ist nach wie vor der unumstrittene Machthaber. Ein Wandel zu
demokratischen Strukturen ist einerseits nicht absehbar, wäre aber auch andererseits ein nicht
kalkulierbares Unterfangen. Wir haben am Zusammenbruch der Sowjetunion miterleben können,
wie unkalkulierbar und unsteuerbar ein solcher Wandel vom totalitären zum demokratischen
System sein kann und noch ist. Ohne den wirtschaftlichen Erfolg als Partner des Wechsels sind die
gesellschaftlichen Umbrüche kaum zu lenken. Aber auch ohne den Versuch zu demokratischen
Strukturen zu gelangen, ist schwer zu erahnen, welche politischen Kräfte sich in Zukunft die Macht
im Parteiapparat sichern werden und nach welchen Leitlinien sich ihre Politik richten wird.
Eine andere Frage ist, wie China auf Veränderungen in seinem Umfeld reagieren wird. Allein die
Wahlen in den USA haben gezeigt, wie schnell bilaterale Beziehungen wieder an Bedeutung
24
verlieren, wenn politische Wechsel mit starken Worten einhergehen, wie im Falle Bushs. Das
gleiche Argument lässt sich potentiell genauso auf Russland und andere Staaten, wie Indien z.B.,
anwenden. Wie also wird China mit einem aggressiveren Umfeld umgehen?
Die dritte Unbekannte stellen die Konflikte innerchinesischer Art dar, wie Taiwan und Tibet, sowie
Gebietsansprüche, wie z.B. im südchinesischen Meer, dar. Daraus resultierend sehen die westlichen
Staaten oft das aggressive China mit hegemonialen Ambitionen. Betrachtet man allerdings die
Schritte, die in den letzten Jahren unternommen wurden, so kann man sagen, dass in den meisten
Konflikten eine sehr vorsichtige Vorgehensweise angewandt wurde. Kombiniert mit den
Aussöhnungsprozessen mit seinen Nachbarn ergibt sich ein weit freundlicheres Bild als man es in
Europa und den USA wahrnimmt. Eine Ausnahme bildet jedoch Taiwan. Massivste
Drohgebärden, wie Manöver in der Taiwanstraße und Raketeneinschläge vor der Küste kurz vor
den Wahlen in Taiwan, sind sicher keine friedenstiftende Initiativen. Aber gerade in der
Taiwanfrage ist die Wahrnehmung zwischen den Westmächten und China am unterschiedlichsten.
Ob es zu mehr als Muskelspielen in der Straße von Taiwan kommen könnte, wird auch in Zukunft
offen bleiben, denn genau das möchte die chinesische Regierung erreichen. Die größte Schande für
einen chinesischen Politiker wäre sicher, derjenige zu werden der Taiwan endgültig verloren hat.
Daher wird sich auch in Zukunft in dieser Frage nicht viel bewegen. Aber was wäre der Gewinn
einer militärischen Eroberung der Insel? China hätte ein mit Sicherheit schwer zerstörtes Land
unter seiner Kontrolle, das auf Jahrzehnte nicht mehr an die heutige Wirtschaftskraft heranreichen
würde. Zu den Kriegskosten kämen also massive Kosten für den Wiederaufbau. Außenpolitisch
wäre ein solcher Schritt eine Katastrophe. Selbst wenn es nicht zu bewaffneten
Auseinandersetzungen mit den USA käme, so wäre China auf Jahrzehnte hinaus wieder isoliert. Ein
fast sicheres Embargo von allen Seiten würde die chinesische Wirtschaft ebenfalls um Jahrzehnte
zurückwerfen. Diese Faktoren würden ein solches Unternehmen auch innenpolitisch zu einem
großen Wagnis machen, denn um die staatliche Souveränität zu schützen, müssten massive
Vorkehrungen getroffen werden, die potentiellen Unruhen zu unterdrücken. Alles in allem stellt
sich ein solches Szenario als äußerst großes Wagnis dar, dessen Folgen für das Land unabsehbar
wären. Sicher ist Politik nicht immer rational zu begründen, aber ein solcher Schritt käme einem
Husarenritt gleich.
So bleibt festzustellen, dass China im 21. Jahrhundert sicher eine weitaus bedeutendere Rolle in der
Welt spielen wird als es im letzten Jahrhundert getan hat. Trotz vieler Vorbehalte wird diese Rolle
auch integriert sein in die Mechanismen der Weltpolitik und daher kann man davon ausgehen, dass
man es mit einem stärker werdenden, aber zähmbaren asiatischen Drachen zu tun hat.
25
Literatur:
Frowein Jochen Abr., Der Schutz des Menschen ist zentral, in: Neue Züricher Zeitung (NZZ),
17./18. Juli 1999
Gidron Avner, Cordone Claudio, Die NATO und das Völkerrecht, in Le Monde Diplomatique Nr.
6192, 14.07.2000, S. 1, 12-13
Goodman David S. G. (Hrsg.), China rising, London, 1997
Herrmann-Pillath Carsten, Lackner Michael (Hrsg.), Länderbericht China, Bonn, 2000
Lee Gregory, Troubadours, trumpeters, troubled makers, Durham, 1996
Li Lincoln, Student nationalism in China, Albany, 1994
Meier Chistian, Die Aporie des Krieges. Einige Überlegungen in historischer Perspektive, in Neue
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26
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Außenministerium der VR China
http://www.fmprc.gov.cn/eng/6692.html, Februar 2001.
27
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