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van Hoddis, Jakob - Weltende

Referat / Schulaufsatz, 2001, 4 Seiten
Autor: Dennis Hofmann
Fach: Deutsch - Literatur, Werke

Details

Kategorie: Referat / Schulaufsatz
Jahr: 2001
Seiten: 4
Note: 13 MSS Punkte
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V105614
ISBN (E-Book): 978-3-640-03902-9

Dateigröße: 98 KB


Volltext (computergeneriert)

Interpretation des Gedichtes ,,Weltende" von Jakob van Hoddis


Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten - liest man - steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Das Gedicht ,,Weltende" von Jakob van Hoddis, mit bürgerlichem Namen Hans Davidsohn, wurde erstmals im Jahre 1910 im ,,Neopathetischen Kabarett" verbal vorgetragen und dann 1911 in der Zeitschrift ,,Der Demokrat" schriftlich publiziert.
Was von Hoddis damals noch nicht wissen konnte war, dass sein Werk als das berühmteste Gedicht1 in die Geschichte des deutschen Expressionismus eingehen würde.
Formal ist das Gedicht in zwei Strophen mit jeweils vier Zeilen, die wiederum aus fünf Jamben zusammengesetzt sind, gegliedert.
Die Zeilen reimen sich nach dem Schema abba und abab.
Der umarmende Reim in der ersten Strophe könnte inhaltlich auf das Festhalten des Bürgertums am Kaiserreich, dessen Ende van Hoddis prophezeit, hinweisen.
Eben dieses Bürgertum wird in der ersten Zeile durch den Verlust seines Standesmerkmales, dem Hut, unfreiwillig bloßgestellt. Die Metapher des spitzen Kopfes steht für den Spießbürger2 und festigt so die Annahme, dass das Bürgertum bzw. die Bourgeoisie gemeint ist.
Wir erfahren also über den Bürger nichts, außer, dass er einen spitzen Kopf hat. Ebenso erfahren wir nichts über Zeit und Ort des Geschehens. So erzeugt der Autor eine Distanz des Lesers zu den Geschehnissen und hindert ihn daran, sich mit dem Bürger, der seinen Hut verliert, zu identifizieren3.
Die zweite Zeile beschreibt das kollektive Entsetzen der erzkonservativen Gesellschaft über den Verlust des Standesmerkmals, der auch als Andeutung des Zusammenbruches des Wilhelminischen Zeitalters gedeutet werden kann.
In der dritten Zeile wird den von den Dächern stürzenden Dachdeckern, wie zuvor schon dem Bürger, jegliche Individualität genommen. Sie werden als Kollektiv erwähnt und auf ihren Beruf reduziert. Die dadaistischen Ansätze (,,...und gehn entzwei"), die dem Gedicht eine gewisse infantile Naivität verleihen machen es dem Leser einfach, sich die einzelnen Szenen als Bild oder Filmsequenz vorzustellen4. Eine weitere Folge dessen ist auch, dass der Leser nicht weiß, ob er das Gedicht nun als lustig oder traurig empfinden soll. Inhaltlich ist die dritte Zeile dahin gehend interessant, dass man das Dach als Schutzsymbol auffassen kann, welches durch das Entzweigehen der Dachdecker schutzlos der Witterung ausgesetzt ist und morbide vor sich hin vegetiert. Deutet man nun das Dach als Schutz des fragilen Kaiserreiches, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis dieses einstürzen würde5.
In der vierten Zeile wird durch den Einschub ,,liest man" erneut Distanz erzeugt. Durch die, im Vergleich zur dritten Zeile, sprachlich ernste Darstellung des Steigens der Flut, bekommt man zum ersten Mal den Eindruck einer gefährlichen Situation. Diesen Ernst der Lage scheint die Bevölkerung (der Bürger) aber nicht wahrzunehmen, da diese drohende Gefahr zwar registriert aber nicht weiter beachtet wird.
In der darauffolgenden fünften Zeile ist es dann soweit: ,,Der Sturm ist da". Der Sturm ist da und die schützenden Dächer des Kaiserreichs sind fragil. Folglich fällt es den wilden Meeren auch leicht, über die Ufer zu treten, was durch den abermals dadaistischen Ausdruck ,,hupfen" verdeutlicht wird.
Ebenfalls ein Hinweis darauf, dass sich die Lage zuspitzt, ist der Wechsel von den bisher stakkatohaften Sätzen auf das Enjambement (fünfte zur sechsten Zeile). Dieser Zeilensprung kann auch bildlich auf das Überspringen der Meere an Land gedeutet werden.
Die Intention der Meere für das ,,an Land hupfen" wird alliterarisch in der sechsten Zeile dargestellt: ,,um dicke Dämme zu zerdrücken". Diese Alliteration beschreibt die unaufhaltsame Wucht und nicht zu bändigende Absicht der Meere die schützenden Dämme wie Kinderspielzeug zu zerstören6. Nun befindet sich das Kaiserreich auf dünnem Eis und die sich unterdrückt fühlende und sich nach Demokratie sehnende Arbeiterklasse, sowie die expressionistische Bewegung, warten nur darauf es zu versenken. Doch das zu erwartende Spektakel wird dem Leser zunächst vorenthalten. Jakob van Hoddis bricht an dieser Stelle das Gesetz der Steigerung7, indem er die Auswirkungen der Ereignisse auf die Menschheit durch ein simples ,,Verschnupftsein" ausdrückt. Diese Tatsache ist für den Leser sehr verwirrend: soll er nun lachen oder weinen, nachdenken oder nicht?
Unmittelbar danach, in der achten und letzten Zeile, wird jedoch Klarheit geschaffen: van Hoddis beendet sein Gedicht damit, dass er Eisenbahnen von Brücken stürzen lässt. Nun realisiert der Leser, dass es sich bei ,,Weltende" um ein sozialkritisches, bürgerliches ,,Trauerspiel" und keinesfalls um eine ,,Komödie" handelt.
Aus sozialistischer Sichtweise könnte die Tatsache, dass van Hoddis Eisenbahnen abstürzen lässt und nicht etwa Pferdekutschen umkippen, auf die Abneigung der Arbeiterklasse gegen Maschinen hinweisen, die ihrer Meinung nach für die schlechte soziale Lage verantwortlich waren und die Arbeiter zu Fabriksklaven machten.
Insgesamt ist diese ,,Westentaschenapokalypse8" prophetisch zu deuten, was jedoch keinesfalls bedeutet, dass van Hoddis im Sinn hatte einen realen Weltuntergang oder den Ersten Weltkrieg vorauszusagen. Wenn jedoch van Hoddis´ Dichterkollege Johannes R. Becher das Gedicht rückblickend als ,,Marseillaise der expressionistischen Revolte" bezeichnet, so steckt auch in diesem pathetischen Vergleich mit dem Kampflied der Französischen Revolution eine prophetisches Verständnis9. Wie die Französischen Revolution das Ende des Feudalismus in Frankreich bedeutete, so soll ,,Weltende" und die gesamte expressionistische Revolte eine Kampfansage an das Kaiserreich und die bürgerliche Welt darstellen.


1) expressionistische Gedichte, hg. von Peter Rühmkopf,

Berlin 1976 (in Zukunft: eG), Seite (in Zukunft: S.) 61

2) Lektürehilfen: Lyrik des Expressionismus, hg. Von Franz Karl

von Stockert, Stuttgart-Düsseldorf-Leipzig, 1999

(in Zukunft: LH) S. 30

3) LH, S. 30
4) LH, S. 36
5) eG, S. 61
6) eG, S. 61
7) LH, S. 31
8) eG, S. 62
9) LH, S. 32

Dennis Hofmann


Kommentare

Phillip Lenders
12.02.2002 13:39:51
Bravo
bravo!
Theresa
15.04.2002 17:55:21
Danke Dennis
danke, ohne deine Interpretation wäre ein kleiner, jedoch entscheidender Teil meines Referates wohl ausgefallen. Ziemlich gut, deswegen kann ich auch nur einen Teil daraus verwenden, bzw. als Anhaltspunkt benutzen, sonst glaubt mir ja niemand, dass das von mir stammt. jo, ich muss dann mal wieder Ciao
Ali
22.04.2002 15:16:27
Echt super, deine Einstellung.
Endlich mal ein typ, dem es nicht kümmert wenn einer alles bei ihm abschreibt und wegen ihm ne gute Note bekommt.Da fällt mir einfach nichts mehr drauf ein.aber ist schon gut so, denn jetzt habe ich in 1 minute meine Hausaufgaben und kann so meine Zeit für weitaus wichtigere sachen nutzen, wenn du verstehst was ich so meine.ja dann hau rein.
samy
27.10.2002 20:26:43
sehr gut
Obwohl ich es selber auch interpretiert habe,habe ich es nicht so gut hinbekommen wie du.Mein deutschlehrer erstaunt von dir.Habe deine interprtation mit meinemverglichen,da sah ich das ich manche punkte nicht genannt habe.Ok bis dann Machst gut
Jan
11.01.2004 20:06:34
Hmmm....
Da hast du dir echt viel mühe gegeben! Aber ein bischen kritisch muss ich leider doch werden: einige deiner Thesen erklärst du mit dem dadaismus, aberd er dadaismus ist erst anfang der 40er jahre aufgekommen, das gedich ist von 1911!
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