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Sinn und Funktion von Ritualen im gesellschaftlichen Kontext und der Schulpädagogik

Examensarbeit, 2002, 152 Seiten
Autor: Melanie Kornet
Fach: Pädagogik - Päd. Soziologie

Details

Kategorie: Examensarbeit
Jahr: 2002
Seiten: 152
Note: 2,0
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V10565
ISBN (E-Book): 978-3-638-16950-9

Dateigröße: 461 KB


Textauszug (computergeneriert)

Wissenschaftliche Hausarbeit
im Rahmen der Ersten Staatsprüfung
für das Lehramt an Grundschulen
im Fach Soziologie,

eingereicht dem Amt für Lehrerausbildung
- Außenstelle Gießen -

Sinn und Funktion von Ritualen
im gesellschaftlichen Kontext
und der Schulpädagogik

von

Melanie Kornet

 

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung ... 1

2. Was sind Rituale? ... 4
2.1 Klassische Ritualtheorien ... 4
2.2 Weitere Definitionsansätze ... 16
2.2.1 Begriffsbestimmung scheinbarer Synonyme - Gewohnheit, Zeremonie, Tradition, Brauch, Regeln, Riten & Ritualisierungen ... 22
2.3 Eigene Begriffsdefinition ... 27

3. Rituale im Wandel der Zeit ... 32

4. Entstehung von Ritualen ... 35

5. Die Bedeutung von Ritualen in der heutigen Zeit ... 37

6. Gesellschaftsrituale ... 42
6.1 Religion ... 42
6.2 Politik ... 43
6.3 Familiäre Zeremonien ... 43
6.4 Entwicklungsbedingte Rituale ... 44
6.4.1 Kindheit ... 44
6.4.2 Pubertät ... 47
6.4.3 Alter ... 49

7. Familien- und Erziehungsrituale ... 52

8. Alltagsrituale ... 58

9. Interaktionsrituale ... 60
9.1 Imagepflege ... 60
9.2 Verhaltensregeln ... 65

10. Rituelle Medieninszenierungen ... 69

11. „Bitte lesen Sie die Packungsbeilage “ – Falscher Gebrauch und Pervertierung von Ritualen. ... 72
11.1 Sinnentleerung ... 72
11.2 Zwang und Rigidität ... 73
11.3 Rituale als Machtinstrument ... 75
11.4 Übertriebener Kult ... 76
11.5 Zwangserkrankung ... 76

12. Rituale – „Kleine Helfer“ in schweren Zeiten ... 80
12.1 Übergangsrituale ... 80
12.2 Krisenrituale ... 81
12.3 Heilungsrituale ... 82

13. Rituale für die Schulzeit ... 85
13.1 Rituale für gemeinschaftliches Lernen ... 85
13.1.1 Einführung von Ritualen ... 86
13.1.2 Zeit und Struktur von Unterricht ... 87
13.1.3 Kritische Phasen im Schulalltag ... 88
13.1.4 Die Auflösung der Rangordnung im Ritual ... 91
13.1.5 Schulrituale in der Diskussion ... 92
13.2 Praxisbeispiele schulischer Rituale ... 94

14. Auswertung der Fragebögen ... 99
14.1 Allgemeine Informationen zu Statistiken ... 99
14.2 Persönliche Vorüberlegungen ... 100
14.3 Daten der statistischen Auswertung ... 102
14.4 Ziel und Zweck der statistischen Untersuchung ... 102
14.5 Analyse ... 104
14.5.1 Riten, Sekten, Rituale – Begriffsdefinitionen im Diskurs ... 105
14.5.2 Vertrauen contra Misstrauen... 107
14.5.3 Rituale in der Schulpädagogik ... 113
14.5.4 Rituale in der Familie ... 114
14.5.5 Wertewandel oder Werteverfall? ... 118
14.5.6 Inwieweit können Meinungen beeinflusst werden? ... 120
14.5.7 Rituale in allen Lebensbereichen? ... 123
14.6 Interpretation der Analyse unter Berücksichtigung bisher verwendeter Literatur ... 126

15. Resümee ... 136

16. Literaturangaben ... 139

17. Anhang ... A


1. Einleitung

Erinnern Sie sich an das Gefühl, das sie hatten, als Sie zuletzt bei einem Bekannten übernachtet hatten? Morgens stehen Sie auf und bemerken mit Unbehagen, dass im Badezimmer Ihres Bekannten keine Musik aus dem Radio ertönt, die Sie ansonsten allmorgendlich bei Ihnen zu Hause aus den letzten Traumgedanken in die nüchterne Realität reißt. Dann erreichen Sie schlecht gelaunt das Esszimmer und finden statt Ihrer gewohnten Tageszeitung nur einen spartanisch gedeckten Frühstückstisch vor, auf dem Sie dort – wo normalerweise Ihr köstlich duftender Kaffee steht – ein Glas Wasser empfängt. Nachdem Sie sich durch die Spielzeugmassen des süßen Sprösslings Ihres Bekannten einen Weg zu Ihrem Wasser gebahnt haben, stellen Sie fest, dass das Frühstück in diesem Hause im Stehen eingenommen wird und man sich – mit dem Toast in der einen und der Aktentasche in der anderen Hand – auf dem Weg zur Arbeit macht. Obwohl Sie nicht undankbar auf die Gastfreundschaft Ihres Bekannten reagieren wollen, merken Sie, dass Sie ein unbehagliches Gefühl beschleicht und Ihre Stimmung stetig sinkt.

Das Gefühl des Unbehagens lässt sich sicher nicht auf Undankbarkeit Ihrerseits oder auf einen Fehler des Bekannten zurückführen. Der Grund für die schlechte Laune liegt hier lediglich in der Tatsache, dass Ihr gewohnter Tagesrhythmus durcheinander geraten ist. Jeder Mensch entwickelt in seinem Leben bestimmte Eigenarten und Gewohnheiten bezüglich seines Tagesablaufs und ritualisiert sie. Auf diese Weise ist das Leben von uns geordnet und der Tagesablauf übersichtlich. In unserem Kulturkreis werden Rituale allerdings allzu oft nicht mehr wahrgenommen. Rituale werden meist als „Voodoo“ abgetan und nur mit Sekten, Kult und Religion in Verbindung gebracht. In der heutigen Zeit scheinen sie überholt und unfortschrittlich zu sein. Sinn und Notwendigkeit, die Rituale gerade in der modernen, schnelllebigen Zeit haben, werden teilweise noch immer verkannt und ignoriert.

Da ich mich in den letzten Wochen sehr mit diesem Thema und der dazu erschienenen Literatur beschäftigt habe, fiel mir indessen auf, dass die Wissenschaft dieses Thema in den letzten Monaten und Jahren vermehrt behandelt und dass das „Ritual“ beinahe zu einem eigenen Wissenschaftsgebiet geworden ist. Das Interesse von Soziologen, Psychologen, Ethnologen,… scheint geweckt und man findet zahlreiche Thesen und Definitionen vor, die die bestehenden Vorurteile unserer Gesellschaft ausmerzen wollen. Hingegen ist zu sagen, dass die Wissenschaft bei diesem Thema noch in den sprichwörtlichen „Kinderschuhen“ zu stecken scheint, da es bis heute keine einheitlich anerkannte Definition von Ritualen gibt. Selbst namhafte Lexika widersprechen sich einander und liefern somit keine zufrieden stellende Antwort auf die Frage „Was sind Rituale?“

Ich werde aus diesem Grund zunächst einige (zum Teil widersprüchliche) Definitionen bekannter und weniger bekannter Wissenschaftler zu diesem Thema aufführen und anschließend meine persönliche Meinung zur Materie darlegen, auf der meine weiteren Ausführungen größtenteils aufbauen werden. Ziel meiner Arbeit ist es, einen allgemeinen Einblick in das Thema „Ritual“ zu geben und bewusst zu machen, dass sie in fast allen Bereichen des Alltags (Kommunikation, Schule, Medien uvm.) vorkommen. Da ich mich nicht auf ein einzelnes Themengebiet beschränken werde, hoffe ich auf diese Weise ein übergreifendes Verständnis zu vermitteln. Sinn und Funktion von Ritualen im gesellschaftlichen Kontext und der Schulpädagogik

2. Was sind Rituale?
2.1 Klassische Ritualtheorien
Seit Ende der 80er Jahre häufen sich die Artikel über Rituale. Somit wurde der Versuch unternommen, der Tendenz der Entritualisierung nach 1968 ein Ende zu setzen (vgl. Kap. 3). Trotzdem ist das Thema erst in den letzten Jahren – wahrscheinlich aufgrund der zunehmenden Multireligiosität und Multikulturalität der globalen Weltgesellschaft – zu einem eigenständigen Gebiet der Forschung geworden. Die neuesten Ansätze der Fach- und Forschungsliteratur wie der „Ritual Studies“ und „Cultural Studies“ gewinnen immer mehr an Bedeutung. Obwohl es viele neue Autoren auf diesem Gebiet gibt, scheinen die Klassiker der Ritualforschung wie z.B. Emile Durkheim, Victor Turner, Mary Douglas und Erving Goffman immer noch richtungweisend und aktuell zu sein. Viele Autoren, wie z.B. der amerikanische Soziologe Albert Bergesen, beziehen sich in ihrer Definition beispielsweise auf Durkheim (1858-1917) und befürworten seine Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet. Aus  diesem Grund ist es unerlässlich, die klassischen Ritualtheorien aufzuzeigen und sie mit neueren Theorien in Verbindung zu bringen.

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