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Diploma Thesis, 2001, 162 Pages
Author: Juliane Gerstberger
Subject: Psychology - Clinic and Health Psychology, Abnormal Psychology
Details
Tags: Psychotherapie, Traumata, Berücksichtigung, Relevanz, Gespräches, Therapie, Eine, Untersuchung
Year: 2001
Pages: 162
Grade: 1
Bibliography: ~ 69 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-10078-6
ISBN (Book): 978-3-638-63663-6
File size: 697 KB
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Abstract
Sexuelle und gewalttätige Übergriffe auf Kinder sowie Vernachlässigung sind ein sehr aktuelles Thema, welches aber oft entweder über- oder unterschätzt wird in seinen kurz- und langfristigen traumatischen Auswirkungen. „Es fehlt noch vieles an einer verbreiteten Therapiepraxis mit dem Schwerpunkt auf Miss-brauchs- und Misshandlungserleben. Sowohl für die Behandlung der kurzfristigen Folgen bei Kindern und Jugendlichen, als auch für die Langzeitfolgen mangelt es an ausgearbeiteten Therapiekonzepten. (....) Therapieevaluation, Effizienzkontrolle und Qualitätssicherung müssten von Anfang an gerade für jene innovativen, die Folge von Psychotraumen zu therapieren beanspruchenden neuen Ansätze selbstverständlich sein. Sonst reinszeniert die Therapie den Missbrauch der Biographie“. (Egle et al.,1997, S. 420) Mein persönliches Interesse für die von Egle et al. (1997) beschriebene Problematik entstand im Rahmen einer Körperpsychotherapieausbildung, die sich speziell der Behandlung sexualisierter Gewalterfahrungen widmete. Hier wurde ich auf ein integratives Verfahren aufmerksam, welches bei der Behandlung von Erwachsenen, die als Kinder einen sexuellen Miss-brauch erlitten, köper- und gesprächstherapeutische Elemente verbindet. In diesem Zusammenhang erfuhr ich, welche Relevanz dem Gespräch in der Therapie zukommt und wie wichtig gleichzeitig die Einbeziehung des Körpers ist, insbesondere in der Traumatherapie. Mein Anliegen mit dieser Diplomarbeit besteht darin, der Körperpsychotherapie als einer The-rapierichtung, der bisher wenig wissenschaftliche Beachtung zuteil wurde, öffentliches Gehör zu verschaffen. Außerdem möchte ich eine Synthese erstellen zwischen meiner körperpsychotherapeutischen Ausbildung, die eher praktisch orientiert war und meinem akademischen Studium an der Universität, welches den theoretischen Aspekt stark betont.
Excerpt (computer-generated)
Freie Universität Berlin
Fachbereich 12, Erziehungswissenschaften, Psychologie und Sportwissenschaft
Diplomstudiengang Psychologie
Diplomarbeit
Zur körperorientierten
Psychotherapie bei
psychischen Traumata unter besonderer
Berücksichtigung der Relevanz des therapeutischen
Gespräches in dieser Therapie
Eine empirische Untersuchung
| Erstgutachter und Betreuer: | Dr. Rainer Brockmann |
| Zweitgutachterin: | Dr. Ingeborg Schürmann |
| Verfasserin: | Juliane Gerstberger |
Abgabetermin: 14. 5. 2001
Inhaltsverzeichnis
Begriffsverwendung ... A
1. Einleitung ... 1
1.1. Mein persönliches Interesse an dem Thema ... 1
1.2. Überblick über die Diplomarbeit ... 3
I. Theoretischer Teil
2. Was ist ein psychisches Trauma? ... 5
2.1. Physiologische Grundlagen eines Traumas ... 7
2.2. Folgesymptome psychischer Traumatisierungen ... 8
2.2.1. Die akute und die posttraumatische Belastungsstörung ... 8
2.2.2. Dissoziative Störungen (Konversionsstörungen) ... 10
2.2.3. Regression ... 11
2.3. Die Rolle des Stressors - Traumata mit unterschiedlichen ... 12
2.3.1. Gedächtnisforschung und traumabedingte Amnesie ... 13
2.3.1.1. Das ,,heiße" und das ,,kühle" Gedächtnis ... 14
2.3.1.2. ,,Traumatische Erinnerungen" ... 15
2.3.2. Wann entsteht ein Trauma und wann nicht? ... 15
2.3.3. Ressourcen ... 16
2.4. Traumata mit unterschiedlicher Intensität und Dauer ... 16
2.5. Traumata die auf sexualisierter Gewalt in der Kindheit beruhen ... 17
2.5.1. Definitionen von sexuellem Missbrauch ... 17
2.5.1.1. Häufigkeit des Vorkommens von sexuellem Missbrauch ... 19
2.5.1.2. Opfer ... 19
2.5.1.3. Täter ... 19
2.5.2. Spätfolgen anhaltender Traumatisierungen in der Kindheit -insbesondere sexueller Übergriffe durch Erwachsene ... 19
· Sexuelle Dysfunktionen/ Sexualisieren ... 21
· Beziehungsprobleme /Isolation/ Ko-Abhängigkeit ... 21
· Grenzen ... 22
· Angststörungen/Panik ... 22
· Körperliches Selbstbild/ Selbstwert ... 22
· Somatisieren ... 23
· Sucht ... 24
· Hilflosigkeit ... 24
3. Therapeutische Ansätze bei der Behandlung psychischer Traumata ... 25
3.1. Der verhaltenstherapeutische Ansatz zur Behandlung von Psychotraumata ... 25
3.2. Der Ansatz der systemischen Familientherapie in der Behandlung psychischer
Traumata, die durch sexuellen Missbrauch hervorgerufen wurden
... 26
3.3. Der psychoanalytische Ansatz zur Therapie psychischer Traumata ... 28
3.4. Die Einbeziehung des Körpers in die Psychotherapie ... 30
3.4.1. Definitionen der Termini: ,,körperorientierte Psychotherapie"/ ,,Körpertherapie"/ ,,Psychotherapie" ... 31
3.5. Geschichte der Körperpsychotherapie ... 31
3.5.1. Körperbilder in der Therapie ... 31
3.6. Die Bedeutung des Nervensystems im körperorientierten Ansatz ... 34
3.6.1. Biopsychologische Zusammenhänge in der Wirkung der Körperpsychotherapie ... 34
3.6.2. Die Bedeutung des vegetativen Nervensystems in der körperorientierten Psychotherapie ... 34
3.6.3. Die Bedeutung von Amygdala (Mandelkern) und limbischem System auf emotionale Vorgänge ... 36
3.7. Ansatz W. Reichs - Die Wirkung der Körpertherapie, basierend auf dem Konzept der Pulsation ... 37
3.7.1. Die Begründung Reichs für das Nichtbenutzen der Wortsprache ... 38
3.8. Der Ansatz P. Levines - Somatic Experinecing - Körperliches Erfahren ... 39
3.8.1. Die Rolle des ganzheitlichen inneren Empfindens ... 39
3.8.2. Transformation eines Traumas ... 40
3.9. Eva Reich und die sanfte Bioenergetik ... 41
3.10. Massage und Berührung ... 43
3.11. Die Bedeutung von Katharsis, Regression und Grenzen in der körperorientierten Psychotherapie von Psychotraumata ... 44
3.11.1. Katharsis ... 44
3.11.2. Grenzen ... 44
3.11.3. Regression als therapeutisches Medium ... 45
3.12. Haltetherapie - Bonding ... 48
3.13. Die Rolle des verbalen Austausches zwischen TherapeutIn und KlientIn, in der körperorientierten Therapie von Psychotraumata ... 51
4. Die Rolle und Relevanz des therapeutischen Gesprächs in der Körperpsychotherapie bei sexuellen Missbrauchstraumata ... 51
Teil II: Empirischer Teil ... 55
5. Forschungsfragen ... 55
6. Methode ... 56
6.1. Entscheidung für eine qualitative Forschungsmethode ... 56
6.1.1. Die Methode des ExpertInneninterviews ... 56
6.1.2. Die Anwendung von ExpertInneninterviews ... 57
6.1.3. Der Interviewleitfaden ... 57
6.1.4. Die InterviewpartnerInnen ... 58
6.1.5. Die Auswertung der Interviews ... 59
6.1.6. Gütekriterien in der qualitativen Forschung ... 61
7. Ergebnisdarstellung ... 63
7.1. Block I: Definitionen und Symptome von Missbrauch / Trauma ... 63
7.1.1. Definitionen von Trauma ... 63
7.1.2. Definitionen von Missbrauch ... 64
7.1.3. Wo fängt der Missbrauch an? ... 66
7.1.4. Symptome von Trauma/ Missbrauch ... 67
7.1.5. Auswirkungen und Überlebensstrategien ... 71
7.1.5.1. Missbrauch als Verlassenheit ... 71
7.1.5.2. Dissoziation ... 71
7.2. Block II: Generelle Aspekte in der Therapie von sexuellem Missbrauch/ Trauma ... 72
7.2.1. Generalisierbarkeit in der Therapie ... 72
7.2.2. Diagnostik ... 73
7.2.3. Therapiebeginn ... 74
7.2.4. Therapeutisches Setting ... 75
7.2.5. Männer und Frauen ... 77
7.2.6. Relevante Aspekte im therapeutischen Vorgehen bei sexuellem Missbrauch und Trauma generell ... 79
7.2.6.1. Das Thema Missbrauch ansprechen ... 79
7.2.6.2. Integration des Familiensystems ... 80
7.2.6.3. Vertrauensbasis ... 81
7.2.6.4. Akzeptanz als Wirkfaktor in der Therapie ... 82
7.2.6.5. Intuition ... 83
7.2.7. Arbeit mit Kindern, die sexuell missbraucht wurden ... 83
7.2.8. Arbeit mit Müttern und Babys ... 84
7.2.9. Die Relevanz der eigenen Erfahrung/ Eigentherapie der TherapeutIn ... 85
7.3. Block III: Körperpsychotherapie bei KlientInnen, die sexuell missbraucht wurden; und die Relevanz des therapeutischen Gesprächs ... 87
7.3.1. Massage und Berührung ... 88
7.3.2. Die Neo-Reichianische Therapie ... 89
7.3.2.1. Katharsis ... 90
7.3.3. Gestalttherapie und Psychodrama ... 93
7.3.4. Wasser - Schwimmen ... 94
7.3.5. Haltetherapie/ Bonding in der Praxis ... 94
7.3.5.1. Aquafloating ... 94
7.3.5.2. Flushing ... 96
7.3.5.3. Haltetherapie von Frau Montag - Grundbedürfnisse erfüllen ... 97
7.3.5.4. Frau Donnerstags Haltetherapie mit Müttern und Babys - Rückenstärke vermitteln ... 99
7.3.6. Entspannungsübungen/ Körperbewusstseinsübungen ... 100
7.3.7. Die Relevanz der therapeutischen Gesprächs in der körperorientierten Therapie von Psychotraumata ... 101
7.3.7.1. Das therapeutische Gespräch ... 101
7.3.7.2. Körperorientierte Psychotherapie und therapeutisches Gespräch ... 103
7.3.8. Therapie und Meditation ... 104
7.3.8.1. Kundalini und Dynamische Meditation ... 104
7.4. Block IV: Spezifisches Vorgehen in der körperorientierten Psychotherapie unterschiedlicher Teilaspekte von Psychotraumata; insbesondere sexuellem Missbrauch ... 105
7.4.1. Ressourcen ... 105
7.4.2. Selbstwertgefühl ... 106
7.4.3. Sprachlosigkeit überwinden ... 107
7.4.4. Grenzen ... 108
7.4.5. Körpertherapie bei Dissoziation ... 110
7.4.6. Retraumatisierung ... 112
7.4.7. Autoaggressionen/ Selbstverletzungen ... 112
7.4.8. Heilung ... 114
7.5. Block V: Grenzen dieser Therapieform /Therapiekrisen ... 116
7.5.1. Therapiekrisen ... 116
7.5.2. Grenzen der ambulanten Praxis ... 117
7.5.2.1. Therapieabbruch/ Kontraindikationen ... 117
7.6. Block VI: Täter und ihre Verantwortung ... 118
7.6.1. Verantwortlichkeit ... 118
7.6.2. Täter waren häufig früher selber Opfer ... 118
8. Ergebniszusammenfassung ... 120
9. Schlussbemerkung und Ausblick ... 130
10. Literaturverzeichnis
Anhang I:
(bezogen auf theoretische Konzepte; mit der Diplomarbeit gebunden)
- Die diagnostischen Kriterien von akuter und posttraumatischer Belastungsstörung nach DSM IV (1996).
- Die diagnostischen Kriterien des DSM IV (1996) für Dissoziative Störungen/ Konversionsstörungen.
- Die Kriterien des Structured Interviev for Disorders of Extreme Stress (SIDES) nach Pelcovitz et al. (1997).
- Kurze Darstellung der Methode der Dynamischen Meditation & Kundalini Meditation nach Osho (1984).
Anhang II:
(bezogen auf die Interviews und die Auswertung; separat gebunden, um den Umfang meiner Diplomarbeit nicht überdimensional zu erweitern)
- Interviewleitfaden
Begriffsverwendung:
Da das Thema des sexuellen Missbrauchs bezogen auf die Opfer in erster Linie Frauen und Mädchen betrifft, Jungen und Männer aber auch betroffen sein können, (Egle et al., 1997 gehen von einem Zahlenverhältnis zwischen 1:9 und 1:3 aus) wählte ich die weibliche Form: ,,Klientin". Hierbei entschied ich mich für die Schreibweise ,,KlientIn" mit großem ,,I", weil diese sowohl Frauen als auch Männer einschließt. Die Artikel und anderen Bezugswörter belasse ich der Einfachheit halber in der weiblichen Form.
Da es unter den TherapeutInnen, die ich befragte, einen Mann und sechs Frauen gab, verwendete ich auch in diesem Zusammenhang die Schreibweise ,,TherapeutIn", um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass es sich fast ausschließlich um Frauen handelte, aber auch ein Mann vertreten war. Ebenso verfuhr ich mit den Begriffen ,,InterviewpartnerInnen" und ,,ExpertInnen", aus dem gleichen Grund.
Bezogen auf die Täter bin ich von einem umgekehrten Zahlenverhältnis ausgegangen (vgl. Egle et al. 1997) und verwendete deswegen die männliche Schreibweise, auch wenn ich davon ausgehe, dass auch Frauen Täterinnen sein können. Der Leser möge zur Kenntnis nehmen, dass diese dann mit gemeint sind.
Den Begriff ,,sexuellen Missbrauch" verwende ich synonym mit ,,sexualisierte Gewalterfahrung" und ,,sexuelle Übergriffe". Wenn ich eine andere Form des Missbrauchs beschreibe, wie z.B. emotionalen Missbrauch, mache ich dies kenntlich. Der Begriff ,,Misshandlung" bezieht sich auf gewalttätige Übergriffe, die nicht unbedingt in einem sexuellen Kontext stehen.
Menschen, die sexuell und/oder in anderer Weise missbraucht wurden, bezeichne ich als ,,Betroffene", als ,,Überlebende (sexualisierter) Gewalterfahrungen" und möglicht selten als ,,Opfer", da für mich dieser Begriff einen demütigenden Beigeschmack hat und jemanden endgültig auf die ,,schwache" Opferrolle festzulegen scheint.
Ich verwende ihn nur im Sinne der Abgrenzung zum Täter, da ihm dies eindeutige die Verantwortung zuschreibt.
1. Einleitung
1.1. Mein persönliches Interesse an dem Thema
Mein Anliegen mit dieser Diplomarbeit besteht darin, der Körperpsychotherapie als einer Therapierichtung, der bisher wenig wissenschaftliche Beachtung zuteil wurde, öffentliches Gehör zu verschaffen.
Außerdem möchte ich eine Synthese erstellen zwischen meiner körperpsychotherapeutischen Ausbildung, die eher praktisch orientiert war und meinem akademischen Studium an der Universität, welches den theoretischen Aspekt stark betont.
Während ich viele der Elemente der klientzentrierten Gesprächstherapie nach Rogers als sehr positiv und unterstützend erlebte und auch im Verlauf meines Universitätsstudiums wiederholt auf Theorien und Hintergründe von Psychotherapien stieß, die mir als sehr sinnvoll und von praktischer Relevanz erschienen, empfand ich dort einen Mangel an Beachtung körperlicher Prozesse und Bedürfnisse in der Psychotherapie. In der Körpertherapie hingegen vermisste ich häufig eine Integration des Erlebten durch ein Gespräch. Vor allem nach kathartischem Gefühlssausdruck erschien mir das Fehlen kognitiver Integration als Vernachlässigung eines dringenden Bedürfnisses. Dieses Manko bewog mich, sowohl dem Körper, als auch dem sprachlichen Austausch besondere Beachtung zu schenken.
Silke v. Polenz (1994, S. 9/10) stellt in bezug auf die Körpertherapie die Frage: ,,Katharsis versus Erkenntnis?" und demgegenüber stellt sie die Gegenfrage bezogen auf die Psychoanalyse: ,,Erkenntnis statt Gefühlserfahrung?" Meines Erachtens muss eine ganzheitliche Therapieform sowohl Erkenntnis/Bewusstheit generieren, als auch emotionales/ körperliches Erleben ermöglichen.
Mein persönlicher Bezug zum Thema der körperorientierten Psychotherapie psychischer Traumatisierungen entstand im Rahmen einer Körperpsychotherapieausbildung, die sich speziell der Behandlung sexualisierter Gewalterfahrungen widmete. Hier wurde ich auf ein integratives Verfahren aufmerksam, welches bei der Behandlung von Erwachsenen, die als Kinder einen sexuellen Missbrauch bzw. Misshandlungen erlitten, köper- und gesprächstherapeutische Elemente verbindet.
Bevor ich diese Fortbildung absolvierte, hatte ich bereits ein breites Erfahrungsspektrum an körpertherapeutischer und körperpsychotherapeutischer Arbeit, durch meine Teilnahme an Selbsterfahrungs- und Ausbildungsgruppen und durch meine Arbeit als Masseurin, Heilpraktikerin und Körpertherapeutina.
Insbesondere in der Anwendung therapeutischer Verfahren, die Berührung beinhalten, wie Massage und Rebalancingb wurde mir sehr schnell klar, wie wichtig das Thema des sexuellen Missbrauchs und anderer Gewaltübergriffe in dieser Therapie war. Das Trauma eines Menschen, der sexuell missbraucht oder körperlich misshandelt wurde, bestand aus einer sehr verletzenden Art von Berührung. Aus diesem Grunde erschien es mir wichtig, den Betroffenen eine neue Erfahrung von Berührungserleben zu vermitteln, aber wie?
Ich machte die Erfahrung, dass Betroffene manchmal sehr heftige kathartische Gefühlszustände in der Behandlung erlebten, ohne einen Zusammenhang zu ihrer Vergangenheit zu erkennen, oder in der Lage zu sein, zu verbalisieren, was mit ihnen passierte. Andererseits war es auch möglich, dass sie plötzlich nicht mehr präsent zu sein, offenbar keine Gefühle mehr zu haben schienen. Dies lies mich annehmen, dass besonders bei dieser Klientel ein therapeutisches Gespräch unabdingbar war, um das in der Körperpsychotherapie Erlebte zu begreifen, in ihren Lebenskontext einordnen zu können und dadurch zu integrieren.
Auf der Basis dieser Erlebnisse ergab sich meine Teilnahme an der erwähnten körperpsychotherapeutischen Ausbildung zum Thema ,,sexueller Missbrauch und Trauma".
Diesem Ansatz liegt ein Verständnis von Trauma zugrunde, das P. Levine (1997, S. 29) wie folgt beschreibt: ,, Die langfristigen, beängstigenden und oft bizarren Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung ( PTBS) entwickeln sich, wenn wir das Eintreten in den Zustand der Immobilität oder des Erstarrens, das Verweilen darin und das spätere Wiederaustreten nicht zu einem natürlichen Abschluss bringen können. Wir können das ,,Auftauen" bewusst unterstützen". Peter Levine (1997) ist Biologe, Physiologe und Psychologe und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit den physiologischen und psychologischen Folgewirkungen von Traumata und ihrer Behandlung auf der psychischen und auch körperlichen Ebene.
Auf der physiologischen sowie biologischen Ebene wirken sich Levine (1997) zufolge, Traumata bei Menschen und Tieren gleich aus.
Eine lebensbedrohliche Situation bewirkt im Körper eine erhöhte Adrenalinausschüttung, welche die Mobilisierung einer Energiemenge zur Folge hat, die ausreicht, damit z.B. eine Antilope, die von einem Geparden verfolgt wird, mit 100 Stundenkilometern zu laufen imstande ist. Sobald jedoch der Gepard sein Opfer erreicht, bricht die Antilope zusammen und regt sich nicht mehr. Äußerlich wirkt sie wie tot, doch befindet sich ihr Nervensystem immer noch in jenem Erregungszustand der erforderlich ist, damit sie die hohe Geschwindigkeit laufen kann. Diesen Mechanismus bezeichnet Levine (1997) als Totstellreaktion.
,,Durch die Diskrepanz zwischen dem auf Hochtouren laufenden Nervensystem und der äußeren Bewegungslosigkeit entsteht im inneren des Körpers eine gewaltige Unruhe, die mit der Energie eines Tornados vergleichbar ist. (...) Ein bedrohter Mensch muss [ebenso wie die Antilope] nach Abklingen der Gefahr die gesamte mobilisierte Energie wieder auflösen, um den Zustand der Bedrohung zu überwinden, denn sonst entsteht ein dauerhaftes Trauma (....) Die verbliebene Energie entlädt sich nicht einfach, sondern verbleibt im Körper.." (Levine, 1997, S.29).
Um den Menschen von den daraus resultierenden Symptomen (z.B. Angst, Depression, psychosomatische Störungen, Verhaltensstörungen) zu befreien, muss der gewaltige Energieüberschuss vorsichtig abgeleitet werden. Basierend auf diesem Erklärungsansatz erscheint die Idee, bei der Therapie psychischer Traumata auch körpertherapeutische Elemente zu integrieren durchaus plausibel.
Wilhelm Reich (1973) versteht den menschlichen Intellekt und die verbale Sprache im therapeutischen Prozess eher als Störgröße, als eine Art Vermeidungsverhalten, um tiefes Erleben zu umgehen. Aus diesem Grund werden KlientInnen in den Neo-Reichianischen Therapien aufgefordert, sich ,,organismisch" auszudrücken und nicht verbal. (Kapitel 3.7.1.).
Die Erfahrung hat gezeigt, dass Reichs Paradigma plausibel und nachvollziehbar, aber nur eingeschränkt realisierbar ist, da die KlientInnen einer kognitiven Vorbereitung und integrativen Nachbereitung häufig dringend bedürfen. (vgl. Rosenberg et al., 1993).
Ein häufig beschriebenes Merkmal sexueller Traumatisierungen besteht darin, dass der/die Betroffene manchmal über Jahrzehnte zum Schweigen gezwungen wurde - vor diesem Hintergrund erscheint das Überwinden der Sprechbarriere unumgänglich. Aus diesem Grunde gehe ich von der Notwendigkeit einer zusätzlichen kognitiven Verarbeitung durch ein therapeutisches Gespräch aus.
Egle et al., (1997, S. 3) decken einen noch immer relevanten Mangel an adäquaten therapeutischen Methoden auf, die speziell der Behandlung von psychischen Traumata dienen:
,,Es fehlt noch vieles an einer verbreiteten Therapiepraxis mit dem Schwerpunkt auf Missbrauchs- und Misshandlungserleben. Sowohl für die Behandlung der kurzfristigen Folgen bei Kindern und Jugendlichen, als auch für die Langzeitfolgen mangelt es an ausgearbeiteten Therapiekonzepten. (....) Therapieevaluation, Effizienzkontrolle und Qualitätssicherung müssten von Anfang an gerade für jene innovativen, die Folge von Psychotraumen zu therapieren beanspruchenden neuen Ansätze selbstverständlich sein. Sonst reinszeniert die Therapie den Missbrauch der Biographie". (Egle et al.,1997, S. 420)
In meiner Arbeit möchte ich untersuchen, in welcher Weise praktizierende Psychotherapeuten diesen Ansatz in der Praxis umsetzen.
1.2. Überblick über die Diplomarbeit
Im Theorieteil der Diplomarbeit werden relevante Konzepte der psychologischen Fachliteratur vorgestellt.
Die Definitionen von ,,Trauma" und ,,sexuellem Missbrauch" werden gemäß den gängigen Diagnosemanualen dargestellt. (Kapitel 2. und 2.5./ 2.5.1.).
Es folgt die Erläuterung der bekannten Folgeerkrankungen: insbesondere dissoziative Störungen, autoaggressives Verhalten, Essstörungen und eine verzerrte Propriozeption in bezug auf Schmerzwahrnehmung, Aussehen und allgemeines Empfinden des Körpers , aber auch Angsterkrankungen, Depressionen, Borderlineerkrankungen, Suchterkrankungen und andere.
(Kapitel 2.2. und 2.5.2.).
Das Kapitel 3 befasst sich mit unterschiedlichen therapeutischen Ansätzen in ihrem Umgang mit Folgesymptomen von sexuellem Missbrauch/ Psychotraumen.
In den Kapiteln 3.1., 3.2. und 3.3. werden die Ansätze der Verhaltenstherapie, der Psychoanalyse und der systemischen Familientherapie vorgestellt und erklärt in der Behandlung der vorliegenden Thematik.
In Kapitel 3.4. wird die Erläuterung verschiedener, körperorientierter Therapieverfahren zur Behandlung der genannten Traumata hergeleitet und differenziert dargestellt. Ich beziehe mich auf die Körperpsychotherapie nach Wilhelm Reich, und die Neo-Reichianischen Körperpsychotherapien. (Kapitel 3.5., 3.6. und 3.7.).
Insbesondere aber stelle ich die neueren Verfahren vor, die einen ,,sanfteren Ansatz" befürworten, wie u.a. Levine (1997/2000) und Eva Reich. (Kapitel 2.1., 3.8.1. und 3.8.3.).
Einen weiteren Ansatz der körperorientierten Psychotherapie, welcher insbesondere bei Frühstörungen gemäß Ferenczi (1931/ 1933) als wirksam beschreiben wird, stellt die Methode des Bonding dar. Sie wird von Christof Schweigstill (1994) als ,,therapeutisches Äquivalent zum frühen Mutter - Kind - Kontakt" bezeichnet. Basierend auf der Theorie Ferenczis kann die Auswirkung eines Missbrauchs - oder Misshandlungstraumas als ähnlich beschrieben werden, wie die eines frühen Traumas und dies legt eine analoge therapeutische Vorgehensweise nahe. (Kapitel 3.5.1., 3.11. und 4.).
In Kapitel 4. wird die Relevanz des therapeutischen Gespräches allgemein aufgezeigt und von da ausgehend zu dem Kontext der körperorientierten Psychotherapie bei Psychotraumata in Beziehung gesetzt.
Hieraus ergibt sich folgende Fragestellung:
- Wie setzen die von mir befragten TherapeutInnen körperorientierte Psychotherapieverfahren bei Überlebenden von (sexualisierten) Gewaltübergriffen in der Praxis um?
- Welche Rolle und Relevanz schreiben sie dabei dem therapeutischen Gespräch zu?
Im Empirischen Teil meiner Diplomarbeit sollen die theoretischen Überlegungen anhand von sechs Interviews mit praktizierenden PsychotherapeutInnen, die körperorientierte Verfahren anwenden, evaluiert werden.
In der Auswahl der Forschungsmethoden entschied ich mich für ein qualitatives Paradigma.
Ich halte für meine Fragestellung eine solche Vorgehensweise für angemessen, weil dies eine weitestgehende Offenheit gegenüber den Daten meiner InterviewpartnerInnen ermöglicht und eine vorgängige Hypothesenbildung vermeidet.
Meiner Arbeit zugrunde liegen wird die Methode der ExpertInneninterviews nach Meuser und Nagel (1991). Ich wähle dieses Verfahren, aufgrund der Möglichkeit, den expliziten Inhalt der Interviews qualitativ auszuwerten und zueinender, sowie zu bereits bestehenden psychologischen Theorien in Bezug zu setzen.
Der Inhalt der sechs Interviews wir unter sechs thematische Blöcke subsumiert und systematisch aufgeordnet dargestellt.
II. Empirischer Teil
4. Forschungsfrage
Fragestellung:
- Wie setzen die von mir befragten ExpertInnen die Integration von körpertherapeutischen Methoden und sprachlichem Austausch zwischen TherapeutIn und KlientIn in der Behandlung von Psychotraumata in der Praxis um?
- Da auf der Basis der Theorie diese Kombination sinnvoll erscheint: Wie kann man eine Kombination von sprachorientierter und körperorientierter Therapie in der Praxis umsetzen und wie hat sie sich speziell in der Therapie von traumatisierten Menschen bewährt?
- Gibt es Kontraindikationen oder Fälle, in denen Vorsicht angezeigt ist?
- Wann ist eine solche Therapie sinnvoll?
- Welche Rolle spielt jede einzelne Komponente?
- Welche Gewichtung ist angezeigt in welchen Fällen und warum?
[...]
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