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Goethe, Johann Wolfgang von - Die Leiden des jungen Werther - Vergleich Goethe / Plenzdorf

Presentation (Pre-University), 2002, 8 Pages
Author: Andrea Bader
Subject: German - Literature, Works

Details

Category: Presentation (Pre-University)
Year: 2002
Pages: 8
Language: German
Archive No.: V106428
ISBN (E-book): 978-3-640-04707-9

File size: 127 KB


Fulltext (computer-generated)

Andrea Bader

Klasse 11a
Deutsche Hausaufgabe
Zum 10.05.2002

Vergleich Goethe / Plenzdorf

Literarische Erörterung
Der Titel von Plenzdorfs Roman setzt das Schicksal von Edgar W. in Beziehung zu Goethes Erfolgsroman. - Umreißen Sie die Eigenart von Edgars Lebenslauf als Wiederholung und Veränderung von Werthers Geschichte!

Gliederung

A. Die Wirkung von Goethes Werther
B. Vergleich des Lebenswandels der beiden Protagonisten


I. Angaben zum Inhalt

1. Goethes Die Leiden des jungen Werther
2. Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W.

II. Parallelen im Lebenslauf

1. Arbeitsleben

a) Kündigung
b) Einstellung zur Arbeit

2. Zwischenmenschliches

a) Liebe zu Charlotte
b) Freundschaft zu Wilhelm

3. Verhältnis zur Natur

III. Unterschiede im Lebenslauf

1. Sprachgebrauch
2. Integrationsverhalten

a) Umgang mit Leid
b) Gesellschaftsfähigkeit

3. Gesellschaftskritik
4. Todesursache
5. Wirkung auf den Leser

C. Goethe-Vorlage als Folie
D. Literaturverzeichnis

Der Roman Die Leiden des jungen Werther von Johann Wolfgang Goethe löste mit seinem Erscheinen 1774 eine regelrechte Werther - Euphorie aus, deren Nachwirkungen noch bis heute zu spüren sind. Der Briefroman fand sowohl begeisterte Fans als auch erbitterte Gegner und vor allem mehrere Nachahmer. Zu ihnen gehört auch Plenzdorf mit seinem Roman Die neuen Leiden des jungen W., der 1973 in der DDR erschienen ist. Dazu will ich erläutern, inwiefern Plenzdorf Goethes Vorlage übernommen bzw. verändert hat.
Zunächst jedoch werde ich als Grundlage meiner Argumentation die Inhalte der beiden Romane wiedergeben.

Der 1774 erschienene Roman Die Leiden des jungen Werther von Johann Wolfgang Goethe berichtet von einem jungen Mann, Werther, der an seiner Liebe zu einer jungen Adeligen, Charlotte, zerbricht.
Es handelt sich um einen Briefroman, eine damals neuartige Form der Literatur. Literarischer Verfasser der Briefe ist der außergewöhnlich gefühlsbetonte, künstlerisch begabte und intelligente junge Werther, Adressat sein Freund Wilhelm. Der Roman beginnt mit Werthers Umzug aufs Land, um dort Ruhe und Abstand zu gewinnen. Dort lernt er die Tochter des Amtmannes bei einem Ball kennen und verliebt sich trotz des Hinweises einer Base, dass sie schon vergeben ist, unsterblich in die junge Charlotte. Obwohl sie verlobt ist, weist sie Werthers Zuneigung nicht zurück und sie sehen sich von nun an beinahe täglich. Da Lottes Mutter verstorben ist, kümmert sie sich um die vielen Geschwister, was Werthers Begeisterung für sie intensiviert. Ihr Verlobter Albert ist ein charakterfester und strebsamer junger Mann, dessen Lebensart sehr viel ernsthafter und geregelter als die von Werther ist. Die unerfüllte Liebe veranlasst ihn, auf Zureden seiner Mutter und eines Freundes, das Städtchen zu verlassen und eine Stelle in einer Gesandtschaft anzunehmen. Die nicht zu unterdrückende Liebe und die unerträgliche berufliche Situation lassen ihn zu Lotte zurückkehren. Doch diese bittet ihn, auf Alberts Drängen, seine Besuche zu reduzieren. Aufgrund der Tatsache, dass Lotte und Albert bereits verheiratet sind und der neuerlichen Abneigung von Alberts Seite ihm gegenüber, sieht Werther seinen einzigen Ausweg im Freitod. Woraufhin er sich von Lotte verabschiedet und sich mit der von Albert ausgeliehenen Pistole in den Kopf schießt. Den Folgen dieser Verletzung erliegt er erst gegen Mittag und wird ohne Kirchensegen in ungeweihter Erde begraben.
Nun zu Ulrich Plenzdorfs 1973 in der DDR erschienenen Roman Die neuen Leiden des jungen W., der ein Rückblick auf das Leben des 17jährigen Antihelden Edgar Wibeau nach seinem selbstverschuldeten Unfall ist.
Als Rahmengeschichte des Romans versucht sein Vater nach Edgars Tod, den er nach der Trennung von seiner Frau nicht mehr gesehen hat, mehr über ihn zu erfahren und die letzten Monate seines Lebens zu rekonstruieren. Dazu sucht er nacheinander sehr unterschiedliche Wegbegleiter seines Sohnes auf. Edgar ergänzt durch Jenseitskommentare wie es seiner Meinung nach wirklich war.
Nach einer Meinungsverschiedenheit verlässt der junge Musterknabe Edgar seine Lehrstelle in Mittenwald und zieht sich in eine Gartenlaube seines Freundes Willi in Berlin zurück. Dort fällt ihm auf der Suche nach Toilettenpapier Goethes Bestseller in die Hände. Ohne zu wissen, dass es sich um Die Leiden des jungen Werther handelt beginnt er zu lesen, kann anfangs aber nichts damit anfangen. Schließlich erweist sich Old Werther für Edgar doch noch als sehr brauchbar. Da er durch ihn, im richtigen Moment zitiert, seine Umwelt völlig verwirrt und erheblich Eindruck schindet. Auch Willi schickt er Tonbänder mit Werther Zitaten, die seinen Seelenzustand widerspiegeln. Er lernt eine Kindergärtnerin, die er Charlie nennt, kennen und vor allem lieben. Zwar sieht sie in ihm ein kleines verstörtes Kind, der aber ein guter Gegenpol zu ihrem spießigen Verlobten Dieter ist und genießt seine Gesellschaft, während ihre Schützlinge neben seiner Laube spielen. Auf Charlies Drängen sucht und findet Edgar schließlich Beschäftigung in einer Arbeitsbrigade, die ihn nach einiger Zeit in ihr Vorhaben, die Erfindung eines revolutionären nebellosen Farbspritzgerätes, einweiht. Edgar, der sich für ein verkanntes Genie hält, kann sich endlich beweisen und baut an seiner eigenen Erfindung. Da er aber unter Zeitdruck gerät unterläuft ihm ein folgenschwerer Fehler und er erleidet einen tödlichen Stromschlag.

Auf dieser Grundlage möchte ich nun Wibeaus Lebenslauf mit dem Werthers vergleichen. Zunächst zu den Parallelen im Lebenswandel der beiden Protagonisten.
Plenzdorf greift mit Die neuen Leiden des jungen W. die Grundhandlung Goethes auf und transponiert sie in die Zeit der ehemaligen DDR. Schon im Titel verweist Plenzdorf auf Goethes Meisterwerk. Mit der Initiale W. stellt Plenzdorf nun einerseits eine Analogie zu Goethes Werther her, verweist aber auch auf seinen Protagonisten Wibeau.
Sowohl Werther als auch Wibeau kündigen ihr Arbeitsverhältnis auf. Werther gibt seine Arbeitsstelle bei einer Gesandtschaft auf, weil ihm Engstirnigkeit, Pedanterie, Rangsucht und Adelsdünkel (...) die neuen Verhältnisse bald zur Qual1werden lassen und er es dem Gesandten nie zu Danke machen kann2. Wibeaus Tätigkeit in einem metallverarbeitenden Betrieb füllt ihn geistig nicht aus und er lehnt den dort herrschenden Leistungsdruck kategorisch ab. Des weiteren fühlt er sich nicht verstanden und ungerecht behandelt: Ich hatte was gegen Selbstkritik, ich meine öffentliche. Das ist irgendwie entwürdigend. 3
Werthers Einstellung zur Arbeit ist verkrampft: Ich arbeite gern leicht weg, und wie´s steht, so steht´s.4. Diese Haltung verschärft Wibeau noch: wenn ich arbeite, dann arbeite ich, und wenn ich gammle, dann gammle ich.5
Beide verlieben sich in eine von Kindern umringte Frau. Werther nennt sie liebevoll statt Charlotte Lotte. Edgar bezeichnet sie ebenfalls liebevoll Charlie statt Charlotte, obwohl dies nicht ihr Name ist: Ich heiß doch nicht Charlotte6. Die angebeteten Frauen sind beide verlobt. Trotzdem weisen sie ihre Verehrer, Werther und Wibeau, nicht entschieden zurück. Lottes Verlobter Albert und Charlies Versprochener Dieter sind im bürgerlich Langweiligen stellenweise bis hinein ins Spießige verhaftet. Nach anfänglicher Freundschaft zu Werther/Wibeau durchschauen sie deren Absichten und weisen Lotte/Charlie an, Distanz zu halten.
Im Fortlauf des Romans heiraten schließlich beide Paare, woran die jeweils unglücklich Verliebten endgültig zerbrechen.
Eine weitere Parallele liegt im Freund Wilhelm, mit dem beide in engem Kontakt stehen. Werther hält seinen Wilhelm durch die Briefe immer auf dem Laufenden. Wibeaus Willi, erfährt vom Seelenzustand seines Freundes immer durch Tonbandaufzeichnungen, die er aber nicht deuten kann. Darum fordert er ihn auf, gib mir den neuen Code!7
Ein intensives Verhältnis zur Natur ist ebenfalls beiden gemeinsam. Werther überkommt ein volle(s) warme(s) Gefühl (seines) Herzens an der Natur8und Wibeau preist das wahre Gefühl von Natur9.
Beide Romane beschreiben einen zeitenabhängigen Zwiespalt in der Gesellschaft, sowie die Geschichte einer unglücklichen Liebe, die den Tod der Protagonisten mit erfordern. Der Todestag ist ebenfalls bei beiden der 24. Dezember.
Bei genauerer Betrachtung, erkennt man aber auch Unterschiede. In Folge der Übertragung des Romans von Goethe haben sich Ort, Personen und einzelne Handlungsstränge verändert.
Der auffälligste Unterschied liegt wohl im sehr unterschiedlichen Sprachgebrauch der beiden Hauptfiguren. Werther drückt sich in gewähltem Schrifthochdeutsch aus, Wibeau dagegen verwendet Umgangssprache.
Werther gelingt es mit dieser Sprache erstmals Gefühle in Worte zu fassen: so viel Einfalt bei so viel Verstand, so viel Güte bei so viel Festigkeit10. Dies ist signifikant für die Literatur des Sturm und Drang und wohl auch teilweise für den außerorderlichten Erfolg des Romans verantwortlich. Wibeaus Jargon: Du Scheiße11 und andere typische Floskeln sprechen dagegen besonders die Jugendlichen an, weil er sich mit dieser Sprache von der Erwachsenengesellschaft distanziert und ihre Normen, Werte und Verhaltensweisen offen ablehnt.
Des weiteren sieht sich Werther einem enormen Leidensdruck hilflos ausgeliefert, der durch seine unerfüllte Liebe und die Gesellschaft hervorgerufen wird. Er hat keinen Zufluchtsort, an dem er Ruhe finden kann. Auch sein Versuch durch die neue Arbeitsstelle Abstand zu gewinnen, scheitert. Wibeau kann dies nicht verstehen, er verspottet Werther anfangs regelrecht wegen seiner Gefühlsdusselei. Dagegen gelingt Wibeau der Ausbruch aus seiner gewohnten Umgebung und der Gesellschaft scheinbar. Er kann sich in der Laube frei entfalten, muss sich aber dann doch wieder der Gesellschaft unterordnen, was ihm sehr schwer fällt. Ob es ihm auf Dauer gelingen könnte bleibt offen.
Wenn man die Werke in ihrer Gesamtheit betrachtet, erkennt man, dass Goethe mit seinem Werk unter anderem Kritik an der damaligen Ständegesellschaft übt. Werther zerbricht an der unerfüllten Liebe zu einer Frau aus gehobenem Stande, die dadurch für ihn unerreichbar ist. Mitverantwortlich für sein Scheitern ist damit auch die Gesellschaft, in die er sich nicht einfügen kann. Plenzdorf greift nun diese Vorlage auf, um unter dem Deckmantel der Werther Kopie indirekte Kritik am System der DDR anzubringen. Um dies versteckt zu tun und der Zensur des Staates zu entgehen, lässt er Wibeau als Tarnung eine politisch neutrale Haltung vertreten: Ich hatte nichts gegen Lenin und die. Ich hatte auch nichts gegen den Kommunismus und das (...).Dagegen war ich nicht.12
Sarkastischerweise kommt Wibeau gerade bei dem Versuch sich in den Dienst des Kollektivs zu stellen und sich damit ins System zu fügen ums Leben. Werther führt seinen Tod dagegen bewusst herbei, er ist von langer Hand geplant und es handelt sich weder um einen Unfall, noch um eine Kurzschlusshandlung.
Ein gravierender Unterschied besteht in der sehr anderen Wirkung auf den Leser. Werthers Lektüre birgt mitunter durch die Sprache eine solche Tragik in sich, dass sie eine Selbstmordwelle seitens der Leser nach sich zog.
Wibeaus Schicksal berührt den Leser durch das vorweggenommene Ende, die Retrospektive und die ungezwunge Sprache nicht so tief.

Abschließend kann man festhalten, dass Plenzdorf die Werther-Vorlage nur als Folie für seinen eigenen Roman verwendet hat. Er stellt das Verhältnis von Individuum zur Gesellschaft aufmüpfig kritisch dar, indem er durch die Goethe-Folie Gegenwartsprobleme beschreibt. Sicherlich sind manche Ähnlichkeiten frappant, doch handelt es sich dabei meist nur um strukturelle Analogie. Die Geschichte des Edgar Wibeau ist somit als komplexe Metapher zu verstehen. Wie schon Goethe gelingt es Plenzdorf in seinem Werk etwas neuartiges erstmals zu artikulieren.

.

Literaturverzeichnis

Baasner, R./ Reichhard, G.: Epochen der deutschen Literatur, Stuttgart 1999
Goethe, Johann Wolfgang: Die Leiden des jungen Werther, Berlin 1989
Hehlmann, W.: Wörterbuch der Pädagogik, Stuttgart 1967
Jens, W.: Kindlers Neues Literaturlexikon, München 1990
Meid, Volker: Metzler Literatur Chronik, Stuttgart, Weimar 1993
Plenzdorf, Ulrich: Die neuen Leiden des jungen W., Frankfurt 1976
Rothmann, Kurt: Literaturwissen Johann Wolfgang Goethe, Stuttgart 1994
Schweikle, Irmgard u. Günther: Metzler Literatur Lexikon, Stuttgart 1990

1 Meid, V., 243

2 Goethe, J. W., 60

3 Plenzdorf, U., 15

4 Goethe, J. W., 60

5 Plenzdorf, U., 66

6 Plenzdorf, U., 44

7 Plenzdorf, U., 65

8 Goethe, J. W., 49

9 Plenzdorf, U., 76

10 Goethe, J. W., 18

11 Plenzdorf, U., 34

12 Plenzdorf, U., 80


Comments

coriii
07.12.2007 15:04:57
lala (=
einfach tipii - toppi :-)
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