Männer sprechen anders - Frauen auch. Über die Unterschiede im Sprachverhalten d... close

Bitte warten

Bitte installieren Sie den Flash Player, wenn kein E-Book erscheint.

Männer sprechen anders - Frauen auch. Über die Unterschiede im Sprachverhalten der Geschlechter in der Massenkommunikation.

Autor: Katrin Dirscherl
Fach: Medien / Kommunikation - Interpersonale Kommunikation

Lesen Sie im E-Book



Details

Veranstaltung: Proseminar 2: Sprache und Massenkommunikation
Institution/Hochschule: Ludwig-Maximilians-Universität München
Tags: Männer, Frauen, Unterschiede, Sprachverhalten, Geschlechter, Massenkommunikation, Proseminar, Sprache, Massenkommunikation
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 1999
Seiten: 29
Note: 1,7
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 593 KB
Archivnummer: V107148
ISBN (E-Book): 978-3-640-05423-7

Volltext (computergeneriert)

Wintersemester 1998 / 99

Ludwig-Maximilians-Universität München

Institut für Kommunikationswissenschaft (Zeitungswissenschaft)

Proseminar II:

Sprache und Massenkommunikation

Abgabetermin: 15.02.1999

Männer sprechen anders ­ Frauen auch

Über die Unterschiede im Sprachverhalten der

Geschlechter in der Massenkommunikation.

Verfasserin:

Katrin Dirscherl

Hauptfach: Kommunikationswissenschaft

Nebenfächer: Betriebswirtschaftslehre, Psychologie

3. Fachsemester


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

Inhaltsverzeichnis

1

Einleitung

1

2

Beobachtungen zum öffentlichen

2

Sprechen von Frauen

1.1.

Nachrichtensprecherinnen

2

1.2.

Frauen in Fernsehdiskussionen

4

3

Systematisierung der

7

Forschungssergebnisse

2.1.

Gesprächskontrolle

7

2.2.

Gesprächsarbeit

8

2.3.

Beziehungssprache versus Berichtssprache

9

4

Diskussion der Ergebnisse im

11

sozio-kulturellen Kontext

3.1.

Der Machtaspekt in der öffentlichen Kommunikation

11

3.2.

Die traditionelle Arbeitsteilung

12

3.3.

Die Handlung und Behandlung von Frauen ­ ein

13

Teufelskreis?

5

Schlußbemerkung

14


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

Anhang

Tabelle 1

: Teilnehmerinnen und Teilnehmer

16

Tabelle 2

: Anzahl der Redebeiträge (ohne Moderator)

16

Tabelle 3

: Redezeiten (Min.:Sek.), ohne Moderator

17

Tabelle 4

: Wortvergabe durch den Moderator

17

Tabelle 5

: Eigenübernahme des Wortes

18

Tabelle 6

: Beendigung des Redebeitrags

18

Tabelle 7

: Wer spricht wen direkt an?

19

Tabelle 8

: Wer spricht wen mit Namen an?

19

Tabelle 9

: Vergleich statushöchste Frau V ­ statushöchster Mann I und

20

statusniedrigste Frau VI ­ statusniedrigster Mann IV

Diagramm 1

: Anzahl der Redebeiträge ohne Störung / mit Störung

21

Diagramm 2

: Beginn des Redebeitrags

21

Diagramm 3

: Beendigung des Redebeitrags

22

Diagramm 4

: Wer spricht wen direkt an?

22

Literaturverzeichnis

23


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

1

Einleitung

,,Als eine Fernsehstation, die in amerikanischen Händen war, in Dharan,

Saudi-Arabien, vor zwei Jahren ihre Tätigkeit begann, entdeckte sie, daß die

weibliche Stimme durch Regierungsbeschluß tabu war. Frauen ist es nicht

gestattet, an den meisten öffentlichen Aktivitäten im Land teilzunehmen. Die

Fernsehstation mußte bei Filmen Männer nehmen, um weibliche Stimmen zu

synchronisieren... Frauen konnten zwar nicht aus Filmen herausgeschnitten

werden, ihre Stimmen aber konnten eliminiert werden. Jetzt hat die saudi-

arabische Regierung diese Einschränkung der weiblichen Stimmen

aufgehoben."1

Dieser Artikel mit dem Titel ,,Die Saudiaraber heben Fernsehbeschränkungen

für Frauenstimmen auf" erschien am 16.07.1959 im Christian Science Monitor (USA).

Ohne nun näher auf diese recht interessante Regelung der Araber genauer

einzugehen, stellt sie doch ein recht gutes Beispiel dafür dar, wie einerseits die

Medien die gesellschaftlichen Verhältnisse widerspiegeln, und andererseits, wie

unterschiedlich die Geschlechter in den Massenmedien behandelt werden können.

In unserer westlichen Gesellschaft sind Diskriminierungen dieser Art heute

undenkbar. Aber existieren nichtsdestotrotz auch bei uns Unterschiede sowohl in der

Behandlung als auch im Auftreten von Männern und Frauen in den Medien?

Manifestieren sich diese unter anderem im Sprachverhalten? Und spielt Macht und

Diskriminierung dabei doch noch eine Rolle, wenn auch eine verdeckte?

Um auf die Behandlung von Frauen in der Öffentlichkeit einzugehen, habe ich

die Resonanzen auf Frauen als Nachrichtensprecherinnen näher betrachtet, und

anschließend das Gesprächsverhalten von Frauen im Vergleich zu dem von

Männern anhand der Analyse einer Fernsehdiskussion untersucht. Ausgehend von

den empirischen Feststellungen habe ich deren Ergebnisse zusammengefasst und

zu systematisieren versucht. Abschließend habe ich diese Ergebnisse vor dem

Hintergrund der Kultur diskutiert, um eine Erklärung für die festgestellten

Unterschiede zu finden.

1 Cheris KRAMARAE: Nachrichten zu sprechen gestatte ich der Frau nicht. Widerstand gegenüber dem öffentlichen Sprechen

von Frauen. Mit Kommentar über die deutschen Nachrichtenfrauen von Ute Remus. In: Senta Trömel-Plötz (Hrsg.): Gewalt

durch Sprache. Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen. Frankfurt/Main 1984, S. 203.

1


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

2

Beobachtungen zum öffentlichen

Sprechen von Frauen

2.1

Nachrichtensprecherinnen

Schon in der frühen Zeit des Radios begann die Kontroverse über Frauen-

stimmen in den Massenmedien, im besonderen über die Ungeeignetheit von Frauen

zum Nachrichtensprechen. So veröffentlichte beispielsweise eine Londoner Zeitung

am 19.09.1928 einen kurzen Artikel mit dem Untertitel ,,Das Feilen von Stahl":

,,Viele langjährige Zuhörerinnen und Zuhörer behaupten, daß ... Adam eine

natürlichere Rundfunkstimme hat als Eva. Einige Zuhörer gehen soweit, daß

sie sagen, eine Frauenstimme wird nach einiger Zeit monoton, ihre hohen

Töne werden scharf und ähneln dem Feilen von Stahl, während ihre tiefen

Töne oft wie Stöhnen klingen." (Daily Express)"2

Als weitere ,,Gründe" für den Ausschluss der Frauen wurden unter anderem

angeführt, dass diese Arbeit körperlich zu anstrengend sei, und dass es die

,,generelle Meinung" sei, ,,daß es nur eine Frau unter ungefähr hunderttausend gibt,

die, was die allgemeinen Probleme des Tages anbelangt, genügend gebildet ist, um

Nachrichten in der Art und Weise ansagen zu können, wie sie angesagt werden

sollten"3, wie sich ein Sprecher der BBC ausdrückte.

Senta Trömel-Plötz führt als eine Erklärung dafür, dass das Vortragen der

Nachrichten so lange Zeit eine Männerdomäne war, an,

,,daß die Sprechhandlung des Informierens über Dinge, die Männern wichtig

sind, Frauen nicht zugestanden wird. Informieren bedingt ja, mehr Wissen zu

haben als die Zuhörenden und Wissen, das für sie von Wichtigkeit ist. Wenn

Männer auf solches Wissen von Frauen angewiesen sind, ist die Situation

anscheinend schwer für sie erträglich. Sie empfinden es schnell als Belehrung

[...], denn Informieren, einen Wissensvorsprung zu haben, anderen Wissen zu

vermitteln, ist ihnen allein vorbehalten."4

Als die erste Frau die Nachrichten im deutschen Fernsehen vortrug, befassten

sich die Reaktionen weniger mit den journalistischen Fähigkeiten der Frau, sondern

sie wurde in ihrer Rolle als Frau betrachtet.

2 Cheris KRAMARAE 1984, S. 205.

3 Cheris KRAMARAE 1984, S. 206.

4 Senta TRÖMEL-PLÖTZ: Vatersprache ­ Mutterland. Beobachtungen zu Sprache und Politik. 2., überarbeitete Auflage. München

1993, S. 62.

2


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

,,,Am Mittwoch, 12.Mai 1971, um 22.14 eröffnete die Hamburgerin Wibke

Bruhns (32) das Zeitalter der Nachrichtenfrauen. Mit schicker Frisur, Brille,

Bluse im Safari-Look ­ ausgesprochen lässig` (Kölnische Rundschau,

14.5.1971). Nach 19 Monaten bei der ,heute`-Sendung vom Zweiten

Deutschen Fernsehen ,verlas die Journalistin, deren ,aufregende Bluse` selbst

TV-Altmeister Werner Höfer von den Nachrichten ablenkte, zum letzten Mal

das Aktuellste vom Tage` (NRZ, 30.12.1972)."5

Es standen also nicht ihre beruflichen Qualitäten im Vordergrund, sondern ihre

Weiblichkeit. Sie wurde nicht wie ihre männlichen Kollegen ernst genommen,

sondern eher als Experiment belächelt.

5 Cheris KRAMARAE 1984, S. 228.

3


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

2.2

Frauen in Fernsehdiskussionen

Stellvertretend für die Vielzahl der analysierten Fernsehdiskussion wird hier

die Diskussion ,,Nach den Straßenschlachten", die am 16.07.1980 im Schweizer

Fernsehen lief und von Cornelia Hummel sowie von Senta Trömel-Plötz ausgewertet

wurde, vorgestellt. Es diskutierten 2 Frauen und 4 Männer unter der Leitung eines

Moderators.6 Die Ergebnisse, zu denen Hummel und

Trömel-Plötz bei ihrer

Gesprächsanalyse gelangen, sind repräsentativ für die Ergebnisse einer Reihe

ähnlicher Untersuchungen ihrer KollegInnen, da das Gesprächsverhalten der

Geschlechter hier sehr charakteristisch ist.7

Auffallend sind die starken Diskrepanzen bezüglich der Redezeit und

Redehäufigkeit der Männer und Frauen. Die Frauen sprachen mit durchschnittlich 11

Redebeiträgen fast doppelt so oft wie die Männer mit 6 Beiträgen im Schnitt8; setzt

man das aber ins Verhältnis mit der Redezeit, kommt man zu dem erstaunlichen

Ergebnis, dass die Frauen pro Redebeitrag 0:25 min, die Männer dagegen 1:02 min,

also vier mal so lang reden9. Betrachtet man dazu noch den Umstand, dass den

Männern zu 70,8%, den Frauen aber nur zu 4,5% ihrer Redebeiträge das Wort vom

Moderator erteilt wurde10, lässt sich klar feststellen, dass die Frauen viel mehr

Eigeninitiative zeigen und zeigen müssen als die Männer, um zu Wort zu kommen.

So kamen die Frauen bei 95,5% ihrer Beträge deshalb zu Wort, weil sie es sich

selbst nahmen; die Männer bemühten sich dagegen nur bei 29,2% ihrer Beiträge

selbständig um das Wort.

Die Tatsache, dass die Männer 66,7%, die Frauen allerdings nur 36,4% ihrer

Beiträge durch eigene Entscheidung beendeten11, bestätigt die These, dass den

Frauen viel weniger Möglichkeiten zu Äußerungen gegeben wird und diese dann

auch noch vorzeitig beendet werden. Verstärkt wird diese Feststellung noch durch

die Beobachtung, dass 58,3% der Beiträge der Männer ohne Störung, die der Frauen

aber nur zu 13,6% störungsfrei verliefen.12

6 siehe Tabelle 1, S. 16.

7 Weitere Analysen von Fernsehdiskussionen wurden u.a. vorgestellt in Ulrike

GRÄßEL 1991; Helga KOTTHOFF 1992; Heidi

LAUPER / Constance LOTZ 1984; Senta TRÖMEL-PLÖTZ 1982, 1984a, 1984b, 1984c; Ursula ZUMBÜHL 1984.

8 siehe Tabelle 2, S. 16.

9 siehe Tabelle 3, S. 17.

10 siehe Tabelle 4, S. 17.

11 siehe Tabelle 6, S. 18.

12 siehe Tabelle 2, S. 16.

4


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

Während sich kein Mann entschuldigt, entschuldigt sich eine Frau gleich 3x,

und zwar jedes Mal für ihre Inanspruchnahme ihres Rederechts.13 Sie leitet sogar

ihren ersten Redebeitrag mit einer Entschuldigung für ihre Eigenübernahme des

Wortes ein. Sie entschuldigt sich somit für etwas, wofür es nicht den geringsten

Anlass gibt und das die anderen TeilnehmerInnen als ihr selbstverständliches Recht

ansehen. Nach Marie Ritchie Key ist die ,,erklärende Sprechweise" der Männer der

,,entschuldigenden Sprechweise" der Frauen gegenüberzustellen: ,,Auch Männer

sagen ab und zu ,tut mir leid` oder ,Entschuldigung`, aber für Frauen ist es eine

Lebensart."14

Leider liegen keine Daten über die Anzahl der vorgebrachten Vorwürfe durch

Männer und Frauen in dieser Fernsehdiskussion vor. Dafür stellte Hummel deutliche

Diskrepanzen in der Art, auf einen Vorwurf zu reagieren, fest:

,,Während die Frauen sich auf einen Vorwurf hin entschuldigen und sich

verteidigen, formulieren die Männer einen Gegenvorwurf. [...] Während die

Männer Vorwürfe durchgehend sehr bestimmt und selbstsicher zurückweisen

und fast immer gleichzeitig ihr Gegenüber beschuldigen, sie bzw. er habe

nicht die Wahrheit gesprochen, machen es die Frauen ihrer

Gesprächspartnerin bzw. ihrem Gesprächspartner recht leicht, die

Zurückweisung eines Vorwurfs zu akzeptieren, indem sie ihre Aussage stark

einschränken, sich entschuldigen oder sonstige Zugeständnisse machen."15

Außerdem traten signifikante geschlechtsspezifische Unterschiede in Häu-

figkeit und Art der Formulierung einer Bitte auf. So stellten ­ um die statusgleichen

Paare einander gegenüberzustellen ­ die Stadträtin 2x und der Stadtrat 0x; die

Vertreterin der Jugendbewegung 7x und der Vertreter der Jugendbewegung 2x eine

Bitte.16

,,Auffallend ist, daß die expliziten Bitten, die während der Diskussion formuliert

werden (unter Verwendung des performativen Verbs ,bitten` oder des

Zusatzes ,bitte`), nur von Frauen gestellt werden, während die Männer ihre

Bitten durchweg nie als explizite Bitten, sondern immer als Behauptung oder

Frage formulieren. [...] Wie das Analyseergebnis zeigt, haben es die Männer

auch tatsächlich nicht nötig, starke, explizite Bitten zu formulieren, da schon

ihre indirekten, nur angedeuteten Bitten nahezu alle erfüllt werden, während

13 vgl. Cornelia HUMMEL: ,,Sie haben jetzt ja lange geredet, Frau

Lieberherr": Entschuldigungen, Vorwürfe, Bitten und direkte

Anreden in Fernsehdiskussionen. In: Senta Trömel-Plötz (Hrsg.): Gewalt durch Sprache. Die Vergewaltigung von Frauen in

Gesprächen. Frankfurt/Main 1984, S. 262f.

14 Cornelia HUMMEL 1984, S. 264.

15 Cornelia HUMMEL 1984, S. 268.

16 siehe Tabelle 9, S. 20.

5


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

die nicht explizit formulierten Bitten der Frauen (und nicht nur diese) hingegen

fast alle vergeblich sind."17

Durchschnittlich sprechen die Männer andere TeilnehmerInnen 1,5 mal an,

davon 1 mal mit Namen. Die Frauen dagegen sprechen andere im Schnitt 3 mal

namentlich, also 3 mal so oft an; direkte Ansprachen verwenden sie sogar knapp 9

mal so häufig, nämlich 13 mal im Schnitt.18

,,Wenn davon ausgegangen wird, daß eine direkte Anrede ein Signal dafür ist,

daß die sprechende Person verstärkt die Aufmerksamkeit der

angesprochenen Person auf sich lenken möchte und deren Bereitschaft zum

Zuhören sichergestellt werden soll, dann lassen sich die oben angeführten

Analyseergebnisse dahingehend interpretieren, daß Frauen sich um die

A u f m e r k s a m k e i t

a n d e r e r

G e s p r ä c h s t e i l n e h m e r i n n e n

u n d

Gesprächsteilnehmer erheblich mehr bemühen müssen als Männer."19

,,Werden die Analyseergebnisse letztendlich unter dem Aspekt betrachtet, daß

die direkte Anrede Höflichkeit und Respekt der sprechenden Person

gegenüber der angesprochenen Person zum Ausdruck bringt, so ergibt sich

[...] das Bild, daß die Frauen anderen Gesprächsteilnehmerinnen und

Gesprächsteilnehmern mehr Höflichkeit und Respekt entgegenbringen, als

dies die Männer tun."20

Beide Intentionen, sowohl das Sichern der Aufmerksamkeit als auch das

Erweisen von Respekt und Höflichkeit, weisen auf eine asymmetrische Beziehung

hin, die auf einem Status- und Machtunterschied basiert. Ein Vergleich der

statusgleichen Paare macht deutlich, dass sich das Gesprächsverhalten der Frauen

bzw. Männern unter sich viel ähnlicher ist als das eines Mannes und einer Frau von

gleichem Status.21

,,Was ihre Redezeit, die Wortvergabe durch den Moderator und das Muster

der Unterbrechungen angeht, rangieren erst alle anwesenden Männer, dann

Lieberherr und natürlich zuletzt Erna Müller. Also unter den sogenannten

Statusgleichen Lieberherr ­ Frick und Erna Müller ­ Hans Müller bekommen

die jeweiligen Männer höheren Gesprächsstatus als die Frauen, und absolut

gesehen haben alle Männer höheren Gesprächsstatus als die Frauen."22

17 Cornelia HUMMEL 1984, S. 272.

18 siehe Tabellen 7 + 8, S. 19.

19 Cornelia HUMMEL 1984, S. 279.

20 Cornelia HUMMEL 1984, S. 280.

21 siehe Tabelle 9, S. 20.

22 Senta TRÖMEL-PLÖTZ: Gewalt durch Sprache. In: Senta Trömel-Plötz (Hrsg.): Gewalt durch Sprache. Die Vergewaltigung von

Frauen in Gesprächen. Frankfurt/Main 1984, S. 63f.

6


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

3

Systematisierung der

Forschungsergebnisse

Die Kriterien, nach denen die Fernsehdiskussion untersucht wurde, lassen

sich grob untergliedern in Mittel der Gesprächskontrolle und Mittel der

Gesprächsarbeit.23

3.1

Gesprächskontrolle

Bezüglich der Gesprächskontrolle sind folgende Untersuchungskriterien

relevant: die Anzahl der Redebeiträge im Verhältnis zur Redezeit, die Zahl der

Worterteilungen durch den Moderator, die Zahl der störungsfreien Beiträge und die

Art der Beendigung der Beiträge, d.h. durch eigene oder Fremdentscheidung.

Die Frauen versuchen zwar, sich aktiver in die Diskussion einzubringen, was

an der großen Zahl der Wortübernahmen zu erkennen ist, ihre Redezeit ist allerdings

trotzdem viel geringer als die der Männer. Die Männer dagegen haben es gar nicht

nötig, sich besonders um das Wort zu bemühen, denn durch die vielen

Worterteilungen durch den Moderator an sie erhalten sie sowieso mehr Mög-

lichkeiten, das Gespräch zu kontrollieren. Zudem verlaufen ihre Beiträge meist ohne

Störung und werden kaum durch andere frühzeitig beendet. Den Frauen wird das

Rederecht deutlich stärker beschnitten, indem sie ständig unterbrochen werden, ihre

Redebeiträge selten störungsfrei verlaufen und zumeist durch andere beendet

werden. Sie werden im Prinzip systematisch zum Schweigen gebracht. Nach Robin

Tolmach Lakoff erfüllt dies vor allem drei Funktionen: dadurch, dass den Frauen das

Recht, den Kontext und auch sich selbst zu definieren, genommen wird, wird ihnen

volles Bewusstsein und Selbsterkenntnis abgesprochen. Des Weiteren bedeutet es,

Leute zum Schweigen zu bringen, dass man ihre Umwelt kontrolliert, indem man ihre

Handlungen vorbestimmt und/oder Voraussagen über ihre Rationalität macht. Und

schließlich heißt es auch, dass man den Menschen für sein Sprechen bestraft oder

ihn schon von Vornherein davon abschreckt.24

23 Bei der Unterteilung in ,,Gesprächskontrolle" und ,,Gesprächsarbeit" halte ich mich nicht an Vorgaben der Literatur, sondern

gebrauche eine eigene Systematisierung.

24 vgl. Robin Tolmach LAKOFF: Wie Frauen zum Schweigen gebracht werden. In: Senta Trömel-Plötz (Hrsg.): Frauengespräche:

Sprache der Verständigung. Frankfurt/Main 1996, S. 48f.

7


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

3.2

Gesprächsarbeit

Zu den Mitteln der Gesprächsarbeit sind die Kriterien zu zählen, mit denen der

Verlauf eines Gesprächs gefördert wird und die somit zu seinem Gelingen

unterstützen. So tragen z.B. Entschuldigungen, Bitten und direkte Anreden während

eines Gesprächs dazu bei, eine solidarische und respektvolle Beziehung zwischen

den Gesprächspartnern herzustellen, während Vorwürfe dem entgegenwirken.

Das Gesprächsverhalten der Frauen ist gekennzeichnet durch relativ häufiges

direktes, teilweise auch namentliches Ansprechen der Gesprächspartner; durch

Entschuldigungen, die z.T. sogar grundlos und automatisch sind; und Bitten, die

größtenteils explizit formuliert sind. Bei den Männern sind diese Merkmale deutlich

weniger vertreten, und wenn, dann fast ausschließlich gegenüber anderen Männern,

besonders statushöheren. Sie weisen Vorwürfe viel offensiver zurück, oft auch mit

Gegenvorwurf, während die Frauen auf einen Vorwurf hin eher friedlich reagieren,

um nicht für Unfrieden zu sorgen. Die Frauen versuchen, das Gespräch persönlicher

zu gestalten, indem sie sich den anderen gegenüber höflicher und respektvoller

verhalten und mehr auf sie eingehen. Den Männern geht es dagegen mehr um ihre

eigenen Belange, sie sind mehr an der Präsentation ihres eigenen Standpunktes

interessiert als an einer verständnisvolleren Gesprächsatmosphäre.

,,Der zwischenmenschliche, oder besser, auf andere hin orientierte Stil von

Frauen zeigt sich auch in ihrer konversationellen Kooperation. Frauen

kooperieren, damit die Konversationen erfolgreich sind und damit alle Teil-

nehmenden außer vielleicht sie selbst mit einem guten Gefühl aus einem

Gespräch gehen."25

25 Senta TRÖMEL-PLÖTZ: Die Konstruktion konversationeller Unterschiede in der Sprache von Frauen und Männern. In: Senta

Trömel-Plötz (Hrsg.): Gewalt durch Sprache. Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen. Frankfurt/Main 1984, S. 295.

8


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

3.3

Beziehungssprache versus Berichtssprache

Jemanden in einem Gespräch zu kontrollieren bedeutet, Macht auf ihn aus-

zuüben. Da die Männer in der Diskussion die Frauen viel weniger zu Wort kommen

lassen als umgekehrt, entsteht eine asymmetrische Beziehung zwischen den

Männern als Dominierenden und den Frauen als Dominierten. Obwohl die Frauen

sich durch ihre aktive Teilnahme an der Diskussion gegen die Errichtung dieses

Machtgefälles wehren, unterstützen sie es ungewollt, indem sie den Großteil der

Gesprächsarbeit leisten.

Auch Ulrike Gräßel, die 5 Fernsehdiskussionen nach der Sprachverwendung

der Geschlechter untersuchte, kommt zu dem Ergebnis, ,,daß Männer überwiegend

Merkmale eines dominanten Sprachverhaltens zeigen, Frauen überwiegend

Merkmale eines nicht-dominanten Sprachstils, indem sie mehr Formen der

Abschwächung gebrauchen und mehr Beiträge zur Gesprächsarbeit leisten."26

Jede Kommunikation hat simultan eine Beziehungs- und eine Sachebene, und

sie weist gleichzeitig Elemente der Verbundenheit und der Getrenntheit auf. ,,Nur

betonen Frauen in Gesprächen eher die Beziehungsebene und die Verbundenheit,

Männer dagegen die Sachebene und die Getrenntheit."27

So zeichnet sich das Gesprächsverhalten der Frauen in der analysierten

Fernsehdiskussion stärker durch Zuwendung an ihre Gesprächspartner und

Höflichkeit aus, während die Männer sich mehr auf ihren eigene Standpunkt und ihre

Selbstpräsentation konzentrieren und sich dadurch kaum den anderen Teilnehmern

hinwenden.

,,Für die meisten Frauen ist die Sprache der Konversation in erster Linie eine

Beziehungssprache: eine Möglichkeit, Bindungen zu knüpfen und

Gemeinschaft herzustellen. Sie demonstrieren vor allem Gemeinsamkeiten

und gleichartige Erfahrungen. [...] Für die meisten Männer sind Gespräche in

erster Linie ein Mittel zur Bewahrung von Unabhängigkeit und zur

Statusaushandlung in einer hierarchischen sozialen Ordnung."28

Die unterschiedlichen Intentionen, die hinter der Verschiedenartigkeit des

Gesprächsverhaltens der Geschlechter stehen, können überspitzt ausgedrückt

26 Ulrike GRÄßEL: Sprachverhalten und Geschlecht. Eine empirische Studie zu geschlechtsspezifi

schem Sprachverhalten in

Fernsehdiskussionen. Pfaffenweiler 1991, S 306.

27 Elisabeth KLAUS: Kommunikationswissenschaftliche Geschlechterforschung. Opladen / Wiesbaden 1998, S. 104.

28 Deborah TANNEN: Du kannst mich einfach nicht verstehen. Warum Männer und Frauen aneinander vorbeireden. Hamburg

1991, S. 79. (Originaltitel: You just don′t understand. Women and Man in Conversation. New York 1990.)

9


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

werden durch die Gegenpole Solidarität versus Status, Kooperation versus

Kompetition, Ranggleichheit versus Hierarchie.

Diese ungleichen sozialen Prioritäten der Geschlechter lassen sich schon in

der Kindheit feststellen. Nach Maltz und Borker erfüllt das Reden von Jungen vor

allem drei Funktionen: sie wollen ihre eigene Dominanzposition wahren, ein

Publikum gewinnen und sich selbst einbringen, wenn andere das Wort haben.29 Die

Mädchen dagegen gebrauchen die Sprache in hauptsächlich aus drei ganz anderen

Gründen: um auf Beziehungen, deren Merkmale Nähe und Gleichheit sind,

einzugehen und sie aufrechtzuerhalten, um andere auf akzeptable Weise zu

kritisieren und um das Reden anderer Mädchen angemessen zu interpretieren.30

29 vgl. Daniel N. MALTZ / Ruth A. BORKER: Mißverständnisse zwischen Männern und Frauen ­ kulturell betrachtet. In: Susanne

Günthner Helga Kotthoff (Hrsg.): Von fremden Stimmen. Weibliches und männliches Sprechen im Kulturvergleich.

Frankfurt/Main 1991, S. 64.

30 vgl. Daniel N. MALTZ / Ruth A. BORKER 1991, S. 62.

10


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

4

Diskussion der Ergebnisse im sozio-

kulturellen Kontext

4.1

Der Machtaspekt in der öffentl. Kommunikation

Aus den Untersuchungen über das öffentliche Sprechen von Männern und

Frauen ergab sich die klare Tendenz, dass Männer mehr reden als Frauen. In Analy-

sen zum Sprechen von Männern und Frauen im privaten Bereich ergab sich jedoch

ein ganz anderes Bild: unter Ausschluss der Öffentlichkeit scheinen es die Frauen zu

sein, die mehr Redezeit beanspruchen.

,,Fernsehdiskussionen unterscheiden sich von anderen Gesprächen vor allem

dadurch, daß die eigenen Positionen hervorgehoben werden können. Es ist

weniger wichtig, dem Gegenüber angemessen zu antworten, als dem Publi-

kum die eigenen Ideen zu demonstrieren. Die kommunikative Selbstpräsen-

tation der Geschlechter fällt im Fernsehen weit normativer aus als in anderen

Gesprächstypen."31

Für Männer geht es in Gesprächen grundsätzlich mehr um Fragen des Status,

der Macht und der Selbstdarstellung als dies bei Frauen der Fall ist. Deshalb fällt es

den Männern leichter, dem zentralen Aspekt in der öffentlichen Situation der Fern-

sehdiskussion, nämlich der Präsentation des eigenen Standpunktes und der Person,

gerecht zu werden. Frauen dagegen sehen in der Kommunikation viel eher die Mög-

lichkeit, eine Beziehung und Solidarität mit dem Gesprächspartner herzustellen, und

sind darum mit ihrem Gesprächsverhalten in öffentlichen Diskussionen meist weniger

erfolgreich. Abgesehen von diesen sozialen Prioritäten der Geschlechter signalisiert

das Sprechen in der Öffentlichkeit ganz allgemein Macht und Status, denn den

Aussagen des Sprechenden wird eine so große Wichtigkeit und Relevanz zugestan-

den, dass diese einem sehr großem Publikum präsentiert werden. Da die Männer im

Allgemeinen mehr Macht und Status als die Frauen haben, reden sie in öffentlichen

Situationen am meisten. Die ungleiche Geschwätzigkeit von Männern und Frauen in

der privaten und öffentlichen Kommunikation bedeutet also zweierlei: Auf der einen

Seite ist dies die Widerspiegelung der unterschiedlichen sozialen Orientierung der

Geschlechter; auf der anderen Seite zeigt es auch die ungleiche Verteilung der

Macht der Geschlechter in unserer Gesellschaft auf.32

31 Ingrid SAMEL: Einführung in die feministische Sprachwissenschaft. Berlin 1995, S. 161.

32 vgl. Janet HOLMES: Frauensprache in der Öffentlichkeit. In: Senta Trömel-Plötz (Hrsg.): Frauenge

spräche: Sprache der

Verständigung. Frankfurt/Main 1996, S. 89.

11


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

4.2

Die traditionelle Arbeitsteilung

Das unterschiedliche Gesprächsverhalten von Männern und Frauen lässt sich

zu einem großen Teil auf die traditionelle Arbeitsteilung der Geschlechter

zurückführen.

Männer waren für die Ernährung der Familie zuständig, während sich Frauen

um die Kindererziehung und den Familienzusammenhalt kümmerten. Männer

mussten sich in der ,,Wildnis" behaupten und sich gegen die Konkurrenz der anderen

Männer behaupten, sie mussten versuchen, sich einen hohen Status erkämpfen, um

bestmöglich für die Familie zu sorgen. Frauen dagegen hatten fast ausschließlich

soziale Aufgaben. Zwar befindet sich das Patriarchat heute in der Auflösung, aber sie

prägt unsere Gesellschaft immer noch.

Zum einen resultiert daraus die unterschiedliche soziale Orientierung der

Geschlechter: Frauen legen mehr Wert auf den Beziehungsaspekt ihrer Kommu-

nikationen, während Männer die Sachebene betonen; Frauen suchen Solidarität und

Ranggleichheit mit ihren Gesprächspartnern, Männer allerdings sehen in

sprachlichen Interaktionen eher die Möglichkeit, Hierarchien auszubilden, um ihren

gesellschaftlichen Status zu festigen und zu erhöhen.

Zum anderen hat die Zuständigkeit des Mannes für die Erwerbstätigkeit und

die der Frau für die Familienarbeit zur Folge, dass Männern und Frauen ein unter-

schiedlicher gesellschaftlicher Stellenwert zugesprochen wird: Die Reduktion von

Frauen auf ,,Kinder, Küche, Kirche" führte zu ihrer Unterdrückung, Abwertung und

Diskriminierung. Auch heute noch wird den Aussagen eines Mannes im Allgemeinen

mehr Wert zugemessen, die Worte von Frauen dagegen werden oft nicht für voll

genommen und denen eines Mannes zumeist nicht als gleichwertig akzeptiert.

,,Sprache erzeugt gesellschaftliche Machtstrukturen, ist gleichzeitig aber auch

ihr Indikator. Angewandt auf das Verhältnis zwischen den Geschlechtern

bedeutet dies, daß sprachliche Interaktion den in unserer Gesellschaft

herrschenden Machtvorsprung der Männer sowohl zum Ausdruck bringt als

auch immer wieder aufs neue herstellt."33

33 Gertrude POSTL: Weibliches Sprechen. Feministische Entwürfe zu Sprache & Geschlecht. Wien 1991, S. 64.

12


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

4.3

Die Handlung und Behandlung von Frauen ­ ein

Teufelskreis?

Das Gesprächsverhalten von Frauen steht also in engem Zusammenhang zu

ihrem gesellschaftlichen Stellenwert und ihrer Akzeptanz bzw. Nichtakzeptanz als

gleichwertige Gesprächspartnerinnen. Die Frauen wehren sich in der oben

vorgestellten Diskussion zwar gegen ihre Unterdrückung, indem sie sehr oft selbst

das Wort ergreifen, um sich durch eine hohe Teilnahme an der Diskussion einen

höheren Status zu erkämpfen, die Männer untergraben diese Versuche allerdings,

indem sie die Frauen als Frauen behandeln: nämlich statusniedriger.

Doch es ist nicht nur so, dass Männer Frauen statusniedriger behandeln,

sondern auch Frauen verhalten sich entsprechend dieser Geschlechterhierarchie,

indem sie einerseits oft nicht nachdrücklich genug gegen diese unterschwelligen

Diskriminierungen angehen, und andererseits indem sie sich durch ihre

Beziehungssprache ungewollt und unterbewusst wie statusniedrigere verhalten. Und

dies führt wiederum dazu, dass sie von Männern nicht als gleichwertige

Gesprächspartnerinnen behandelt werden.

,,Im männlichen und weiblichen Kommunikationsstil ist eine Aussage über die

gesellschaftliche Wertung der Geschlechter enthalten, aber keine über die

Qualität der Ausdrucksform an sich. Frauen sind nicht per se, per

biologischem oder sozialem Geschlecht, die besseren KommunikatorInnen,

die verantwortungsvolleren RezipientInnen, die gefühlvolleren JournalistInnen.

Frauen sind vielmehr auch selbstverantwortlich Kommunizierende und

mitverantwortlich Handelnde, die zu ihrem minderwertigen Status durch

,vorauseilenden Gehorsam` und ,selbsttätige Unterdrückung` beitragen".34

Der aus der patriarchalischen Gesellschaftsform resultierende Status-

unterschied zwischen Männern und Frauen führt also zu einem dementsprechenden

Unterschied im Gesprächsverhalten der Geschlechter. Dieser Unterschied wird

ausgedrückt und immer wieder gefestigt durch die minderwertigere Behandlung von

Frauen durch Männer sowie das Verhalten von Frauen als statusniedrigere

Gesprächspartner. ,,Die Feministische Linguistik hat [...] besonders deutlich gezeigt,

dass das Gesprächsverhalten von Frauen aus einer unterdrückten Position heraus

entstanden ist."35

34 Elisabeth KLAUS 1998, S. 44.

35 Elisabeth KLAUS 1998, S. 43.

13


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

5

Schlussbemerkung

Die Wissenschaftler, die sich mit dem interdisziplinären Gebiet ,,Sprache und

Geschlecht" beschäftigen, zeichnen ein recht pessimistisches Bild der sprachlichen

Interaktionen von Mann und Frau. Es geht um das Errichten und Aufrechterhalten

von Geschlechterhierarchien, Unterdrückung der Frauen und Macht der Männer.

Doch die Männer und die Frauen stellen keine homogenen Gruppen dar, die

sich durch das Merkmal ,,Sprachverhalten" auszeichnen. Die Unterschiede im

Gesprächsverhalten der Geschlechter sind nicht absolut - den sprachspezifisch

typischen Mann gibt es ebenso wenig wie den typischen Mann - sondern es gibt

immer Überschneidungen und Vermischungen. Dies erklärt auch, warum die

Forschungen und Schlussfolgerungen verschiedener Wissenschaftler dieses

Gebietes zum Teil voneinander abweichen, ebenso wie die Untersuchungsergeb-

nisse verschiedener Studien an sich teilweise recht widersprüchlich sind. Geschlecht

ist nur eine von vielen Determinanten, die das Sprachverhalten bestimmen, deshalb

sollte sie nicht verabsolutiert und überbewertet werden. Betrachtet man allerdings die

Studien in ihrer Gesamtheit, geben sie Aufschluss über signifikante Tendenzen, die

gesellschaftliche Aussagekraft und Relevanz besitzen.

Zudem sollte nicht vergessen werden, wie extrem stark sich das Verhältnis der

Geschlechter und die Stellung der Frau in der Gesellschaft verändert hat. In den

letzten Jahrzehnten hat eine starke Angleichung des weiblichen Verhaltens an das

männliche stattgefunden; immer mehr Frauen setzen sich im Zuge der

Gleichberechtigung in der ,,Berufswelt der Männer" durch und mussten deshalb

männliche Verhaltensmuster annehmen, um sich zu behaupten. So stellten auch

Senta Trömel-Plötz und Susanne Altenried in ihrer Analyse eines Interviews mit

Petra Kelly fest, dass deren Sprachverhalten viel mehr männliche Züge trägt als

weibliche.36 Viele feministische Autorinnen erteilen in Ratschläge an Frauen, wie sie

ihrem Sozialverhalten mehr männliche Züge geben können, um sich in Beruf und

Öffentlichkeit besser durchsetzen zu können. Doch ist es wirklich erstrebenswert,

dass Frauen sich immer mehr wie Männer verhalten? Es ist überaus wichtig, dass

Frauen die gleichen Rechte wie Männer haben und nicht mehr diskriminiert werden.

Aber die Unterschiede auszumerzen, indem sich Frauen wie Männer verhalten, halte

36 vgl. Susanne ALTENRIED / Senta TRÖMEL-PLÖTZ: Journalistinnen: Sprachliche Kompetenz im Interviewjournalismus. In: Senta

Trömel-Plötz (Hrsg.): Frauengespräche: Sprache der Verständigung. Frankfurt/Main 1996, S.

14


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

ich für falsch, denn damit würde erstens der weibliche Stil als der schlechtere,

auszumerzende dargestellt werden, und zweitens würde die sprachliche Interaktion

an Nähe verlieren. Vielmehr sollte ein Werte- und Einstellungswandel in unserer

Gesellschaft angestrebt werden. Unterschiede können, wenn sie wertfrei sind, auch

durchaus bereichernd sein und es besteht für jeden die Möglichkeit, sich das

positivste aus jedem Stil anzueignen.

,,Meine Hoffnung ist, daß wir auch die Männer für unseren Gesprächsstil, für

eine gewaltlose Sprache und gewaltlose Gespräche gewinnen können."37

37 Senta TRÖMEL-PLÖTZ 1984a, S. 66.

15


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

Anhang

A.

Tabellenanhang zur Fernsehdiskussion

,,Nach den Staßenschlachten" im

,,CH-Magazin" vom 16.Juli 1980

Quelle: HUMMEL 1984, S. 284 ­ 287; Überarbeitung durch die Verfasserin

0

Moderator:

Jan Kriesemer

I

Politiker:

Hans Frick, Stadtrat und

Chefkommandant der Polizei

II

Vertreter der Sozialistischen Partei: Leonhard Fünfschilling

III

Vertreter der Polizei:

Rolf Bertschi

IV

Vertreter der Jugendbewegung:

Hans Müller

V

Politikerin:

Emilie Lieberherr, Stadträtin und

Vorsteherin des Sozialamtes

VI

Vertreterin der Jugendbewegung:

Erna Müller

Tabelle 1

: Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Männer

Frauen

I

II

III

IV

V

VI

Gesamtanzahl

24

22

Anzahl der Redebeiträge

8

5

3

8

7

15

Ø

6

11

· Davon ohne Störung

4

4

1

5

1

2

Ø

3,5

1,5

In %

50%

80% 33,3% 62,5% 14,3% 13,3%

Ø

58,3%38

13,6%

Tabelle 2

: Anzahl der Redebeiträge (ohne Moderator)

38 Die prozentuale Durchschnittsbildung in den folgenden Tabellen

wurden aus dem Verhältnis der absoluten

Durchschnittswerte zu der durchschnittlichen absoluten Anzahl der Redebeiträge, also 6 bei den Männern und 11 bei den

Frauen, gebildet.

16


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

Männer

Frauen

I

II

III

IV

V

VI

Gesamtzeit

21:42

6:40

Gesamtzeit aller Redebeiträge

6:11

4:50

5:21

5:20

4:00

2:40

Ø

5:05

3:20

Länge eines Redebeitrags im Ø

0:46

0:58

1:43

0:40

0:34

0:16

Ø

1:02

0:25

Tabelle 3

: Redezeiten (Min.:Sek), ohne Moderator

Männer

Frauen

I

II

III

IV

V

VI

Anzahl der Worterteilungen

5

4

3

5

1

0

Ø

4,25

0,5

In %

62,5%

80%

100% 62,5% 14,3%

0%

Ø

70,8%

4,5%

Worterteilung nach Drohung

1

Worterteilung versprochen, nicht

5

eingelöst

Tabelle 4

: Wortvergabe durch den Moderator

17


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

Männer

Frauen

I

II

III

IV

V

VI

Anzahl der Eigenübernahmen

3

1

-

3

6

15

Ø

1,75

10,5

In %

37,5%

20%

0%

37,5% 85,7% 100%

Ø

29,2%

95,5%

· Davon an Übergangsstelle

1

1

-

-

-

3

Ø

0,5

1,5

· Davon durch Unterbrechung

2

-

-

3

3

6

oder Überlappung

Ø

1,25

4,5

· Davon an Konfusionsstelle

-

-

-

-

3

6

Ø

0

4,5

Tabelle 5

: Eigenübernahme des Wortes

Männer

Frauen

I

II

III

IV

V

VI

Durch eigene Entscheidung

5

4

2

5

1

7

Ø

4

4

In %

62,5%

80% 66,7% 62,5% 14,3% 46,7%

Ø

66,7%

36,4%

Durch Fremdentscheidung

3

1

1

3

6

8

Ø

2

7

In %

37,5%

20% 33,3% 37,5% 85,7% 53,3%

Ø

33,3%

63,6%

· Davon durch Überlappung

2

-

-

1

1

2

Ø

0,75

1,5

· Davon durch Unterbrechung

1

1

1

2

5

6

Ø

1,25

5,5

Tabelle 6

: Beendigung des Redebeitrags

18


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

an

Männer

Frauen

Von

Mod

I

II

III

IV

V

VI

Ø

I

Gesamtanreden

1

II

Gesamtanreden

2

III

Gesamtanreden

1

IV

Gesamtanreden

1

1

1,5

V

Gesamtanreden

4

2

4

VI

Gesamtanreden

3

7

2

4

13

Ø

3,5

5

Tabelle 7

: Wer spricht wen direkt an?

an

Männer

Frauen

Von

Mod

I

II

III

IV

V

VI

Ø

I

Davon mit Namen

1

II

Davon mit Namen

2

III

Davon mit Namen

IV

Davon mit Namen

1

1

V

Davon mit Namen

3

VI

Davon mit Namen

3

3

Ø

1,5

2

Tabelle 8

: Wer spricht wen mit Namen an?

19


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

V

I

VI

IV

Anzahl der Redebeiträge

7

8

15

8

Davon ohne Störung

1

4

2

5

In %

14,3%

50% 13,3% 62,5%

Redezeiten (Min.:Sek.)

Gesamtzeit aller Beiträge

4:00

6:11

2:40

5:20

· Durchschnittliche Länge eines Beitrags

0:34

0:46

0:16

0:40

Wortvergabe durch den Moderator

1

5

-

5

Eigenübernahme des Wortes

6

3

15

3

· Davon an Übergangsstelle

-

1

3

-

· Davon durch Unterbrechung oder Überlappung

3

2

6

3

· Davon an Konfusionsstelle

3

-

6

-

Beendigung des Redebeitrags

Durch eigene Entscheidung

1

5

7

5

In %

14,3% 62,5% 46,7% 62,5%

Durch Fremdentscheidung

6

3

8

3

In %

85,7% 37,5% 53,3% 37,5%

· Davon durch Überlappung

1

2

2

1

· Davon durch Unterbrechung

5

1

6

2

Direkte Anreden

10

1

16

2

· Davon mit Namen

3

1

3

1

Bitten

2

0

7

2

Tabelle 9

: Vergleich statushöchste Frau V ­ statushöchster Mann I und

statusniedrigste Frau VI ­ statusniedrigster Mann IV

20


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

B.

Diagramme zur Fernsehdiskussion

,,Nach den Straßenschlachten"

erstellt von der Verfasserin mit Hilfe des Tabellenanhangs

Diagramm 1

: Anzahl der Redebeträge ohne Störung / mit Störung

Diagramm 2

: Beginn des Redebeitrags

21


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

Diagramm 3

: Beendigung des Redebeitrags

Diagramm 4

: Wer spricht wen direkt an?

22


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

Literaturverzeichnis:

&

ALTENRIED

, Susanne / Senta

TRÖMEL-PLÖTZ: Journalistinnen: Sprachliche

Kompetenz im Interviewjournalismus

. In: Senta Trömel-Plötz (Hrsg.):

Frauengespräche: Sprache der Verständigung. Frankfurt/Main 1996; S. 143 ­

172.

&

FRANK

, Karsta:

Sprachgewalt: Die sprachliche Reproduktion der

Geschlechterhierarchie

. Elemente einer feministischen Linguistik im Kontext

sozialwissenschaftlicher Frauenforschung. Tübingen 1992.

&

GRÄßEL

, Ulrike:

Sprachverhalten und Geschlecht

. Eine empirische Studie zu

geschlechtsspezifischem Sprachverhalten in Fernsehdiskussionen. Pfaffenweiler

1991.

&

GÜNTHNER

, Susanne / Helga

KOTTHOFF

:

Von fremden Stimmen: Weibliches

und männliches Sprechen im Kulturvergleich

. In: Susanne Günthner / Helga

Kotthoff (Hrsg.): Von fremden Stimmen. Weibliches und männliches Sprechen im

Kulturvergleich. Frankfurt/Main 1991; S. 7 ­ 51.

&

HOLMES

, Janet:

Frauensprache in der Öffentlichkeit

. In: Senta Trömel-Plötz

(Hrsg.): Frauengespräche: Sprache der Verständigung. Frankfurt/Main 1996; S.

87 ­ 103.

&

HUMMEL

, Cornelia:

,,Sie haben jetzt ja lange geredet, Frau Lieberherr"

:

Entschuldigungen, Vorwürfe, Bitten und direkte Anreden in Fernsehdiskussionen.

In: Senta Trömel-Plötz (Hrsg.): Gewalt durch Sprache. Die Vergewaltigung von

Frauen in Gesprächen. Frankfurt/Main 1984; S. 258 ­ 287.

&

K L A U S

, Elisabeth:

Kommunikationswissenschaftliche Geschlechterfor-

schung

. Opladen / Wiesbaden 1998.

&

KOTTHOFF

, Helga:

Die konversationelle Konstruktion von Ungleichheit in

Fernsehgesprächen

. Zur Produktion von kulturellem Geschlecht. In: Susanne

Günthner / Helga Kotthoff (Hrsg.): Die Geschlechter im Gespräch.

Kommunikation in Institutionen. Stuttgart 1992; S. 251 ­ 285.

&

KRAMARAE

, Cheris:

Nachrichten zu sprechen gestatte ich der Frau nicht

.

Widerstand gegenüber dem öffentlichen Sprechen von Frauen. Mit Kommentar

über die deutschen Nachrichtenfrauen von Ute Remus. In: Senta Trömel-Plötz

23


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

(Hrsg.): Gewalt durch Sprache. Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen.

Frankfurt/Main 1984; S. 203 ­ 232.

&

LAKOFF

, Robin Tolmach:

Wie Frauen zum Schweigen gebracht werden

. In:

Senta Trömel-Plötz (Hrsg.): Frauengespräche: Sprache der Verständigung.

Frankfurt/Main 1996; S. 39 ­ 59.

&

LAUPER

, Heidi / Constance

LOTZ: ,,Also wir müssen jetzt aufpassen, liebe Frau

Struck"

: Untersuchung einer Fernsehdiskussion zwischen Karin Struck und Hans

Apel. In: Senta Trömel-Plötz (Hrsg.): Gewalt durch Sprache. Die Vergewaltigung

von Frauen in Gesprächen. Frankfurt/Main 1984; S. 246 ­ 257.

&

MALTZ

, Daniel N. / Ruth A.

BORKER

:

Mißverständnisse zwischen Männern und

Frauen ­ kulturell betrachtet

. In: Susanne Günthner / Helga Kotthoff (Hrsg.):

Von fremden Stimmen. Weibliches und männliches Sprechen im Kulturvergleich.

Frankfurt/Main 1991; S. 52 ­ 74.

&

POSTL

, Gertrude:

Weibliches Sprechen

. Feministische Entwürfe zu Sprache &

Geschlecht. Wien 1991.

&

SAMEL

, Ingrid:

Einführung in die feministische Sprachwissenschaft

. Berlin

1995.

&

TANNEN

, Deborah:

Du kannst mich einfach nicht verstehen

. Warum Männer

und Frauen aneinander vorbeireden. Hamburg 1991. (Originaltitel: You just don′t

understand. Women an Man in Conversation. New York 1990.)

&

TANNEN

, Deborah:

Andere Worte, andere Welten

. Kommunikation zwischen

Frauen und Männern. Frankfurt/Main / New York 1997. (Originaltitel: Gender and

Discourse. New York 19954.)

&

TRÖMEL- P L Ö T Z

, Senta:

Frauensprache: Sprache der Veränderung

.

Frankfurt/Main 1982.

&

TRÖMEL-PLÖTZ

, Senta:

Gewalt durch Sprache

. In: Senta Trömel-Plötz (Hrsg.):

Gewalt durch Sprache. Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen.

Frankfurt/Main 1984; S. 50 ­ 67. (Zitiert mit 1984a)

&

TRÖMEL-PLÖTZ

, Senta:

Die Konstruktion konversationeller Unterschiede in

der Sprache von Frauen und Männern

. In: Senta Trömel-Plötz (Hrsg.): Gewalt

24


Katrin Dirscherl

Frauen sprechen anders ­ Männer auch

durch Sprache. Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen. Frankfurt/Main

1984; S. 288 ­ 319. (Zitiert mit 1984b)

&

TRÖMEL-PLÖTZ

, Senta:

Weiblicher Stil ­ Männlicher Stil

. In: Senta Trömel-Plötz

(Hrsg.): Gewalt durch Sprache. Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen.

Frankfurt/Main 1984; S. 354 ­ 394. (Zitiert mit 1984c)

&

TRÖMEL-PLÖTZ

, Senta:

Vatersprache ­ Mutterland

. Beobachtungen zu Sprache

und Politik. 2., überarbeitete Auflage. München 1993.

&

ZUMBÜHL

, Ursula:

,,Ich darf noch ganz kurz..."

. Die männliche Geschwätzigkeit

am Beispiel von zwei TV-Diskussionssendungen. In: Senta Trömel-Plötz (Hrsg.):

Gewalt durch Sprache. Die Vergewaltigung von Frauen in Gesprächen.

Frankfurt/Main 1984; S. 233 ­ 243.

: http://hhobel.phl.univie.ac.at/mii/gpmc.dir9606/msg00013.html

: http://homestar.org/bryannan/tannen.html

: http://www.geocities.com/wellesley/garden/1842/tannen.html

: http://www.geocities.com/wellesley/4181/frauensprache/Sprache2/geschlecht.htm

: http://www.georgetown.edu/bassr/githens/paper511.htm

: http://www.ehche.ac.uk/study/schsubj/human/english/overview.htm#outlook

: http://www.umm.maine.edu/bex/students/marktripp/mt320.html

: http://www.xs4all.be/~cderycke/gender.html

25


Kommentare

Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:

http://www.grin.com/e-book/107148/