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Termpaper, 1999, 26 Pages
Author: Oliver Dehn
Subject: Communications: Print Media, Press
Details
Institution/College: University of Bamberg
Tags: Zeitungslesen, Gebrauchsverstehen, Hauptseminar
Year: 1999
Pages: 26
Grade: 1,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-05659-0
File size: 226 KB
Die Arbeit hat die soziohistorischen Probleme und den Kontext der Alphabetisierung breiter Bevölkerungsschichten der emergierenden Industrieländer zum Thema.
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Fulltext (computer-generated)
Otto-Friedrich-Universität SS 1999
Bamberg
Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft
Zeitunglesen und Gebrauchsverstehen
Lehrveranstaltung: Hauptseminar
Hausarbeit zum Referat vom 31.05.1999
Thema: Soziohistorische Probleme der Alphabetisierung
im 19. Jahrhundert.
vorgelegt von:
Oliver Dehn
Studiengang: (Diplom) Germanistik
Nebenfach: Psychologie
Fachsemester: 08
Abgabedatum: 30. Juli 1999
I. Einleitung: 2
II. Das 19. Jahrhundert als Epoche einschneidenden Wandels: 3
1. Die politische Lage: 3
2. Die Industrielle Revolution: 4
3. Soziale Lage - Soziale Frage: 5
III. Systemtheoretischer Exkurs: Gesellschaftliche Differenzierung 6
1. Funktional differenzierte Gesellschaften: 6
2. Umstellung der Differenzierungsform: 7
IV. Lesen und Schreiben - Schrift und Kultur: 10
1. Alphabetisierungsbegriff und Schriftlichkeit: 10
2. Massenalphabetisierung und Literalitätsbegriff: 11
3. Schule und Bildung: 12
4. Randbedingungen des Alphabetisierungsprozesses: 14
V. Schluß: 15
VI. Literatur: 17
Soziohistorische Probleme der Alphabetisierung im 19. Jahrhundert
I. Einleitung:
,,The world was all before them, where to choose
Their place of rest, and providence their guide:
They hand in hand with wandering steps and slow,
Through Eden took their solitary way."
(John Milton: Paradise lost, (Ed.) Alastair Fowler, 2nd ed., London, New York: Longman 1998)
Warum beginnt eine Arbeit zur Alphabetisierung mit dem Schluß des großen religiösen Versepos von John Milton, das den biblischen Sündenfall thematisiert? Vermutlich deshalb, weil sich dem Autor symbolische Analogien zum Thema aufdrängen, wenngleich man dem erst auf den zweiten Blick folgen mag.
Der alttestamentarische Sündenfall entsteht durch den Genuß eines Apfels vom Baum der Erkenntnis und schlagartig ändert sich die vormals so stabile Idealwelt Edens. Die neugewonnene Erkenntnis ist ein Erkennen seiner selbst, des Anderen und der übergeordneten Zusammenhänge. Dieser sogenannte Sündenfall einer unfreiwilligen, ja unbewußten Befreiung aus Unwissen, läßt das erste Menschenpaar methaphorisch seine Unschuld verlieren, indem sie Wissen gewinnen und dadurch zur Gefahr für die übergeordnete Kontrollinstanz werden. Diese mag man Gott oder Systemstabilität nennen - das gesetzte Ordnungsgefüge ist durch Erkenntnis und Zweifel bedroht und somit folgt konsequenterweise die Allegorie der Vertreibung aus dem Paradiese eines Glückes, das auf Unwissen und Unmündigkeit gebaut war.
Es mag gewagt anmuten, hier Parallelen zur Alphhabetisierung zu sehen, doch steht fest, daß ausnahmslos alle Kulturen, welche wir rückblickend gewohnt sind, Hochkulturen zu nennen, Schriftkulturen in dem Sinne waren, daß sie über ein mehr oder weniger elaboriertes Zeichensystem zur Codierung prinzipiell beliebiger Inhalte und Sachverhalte verfügten.
Man könnte auch sagen, daß in dem Maße, in dem die Welt an Komplexität zunahm, Schriftsysteme unabdingbar wurden, um die Stufen weiterer Evolution zu erklimmen. Das Medium Sprache hat, besonders in seiner schriftlichen Ausprägung, die Bedeutung eines relativ zeitstabilen Sinnspeichers. Nicht nur der bloße ,,Informationstransport" wird über Schrift geleistet, sondern auch die Generierung und Konservierung von Wissensbeständen. Sollen diese die Zeit überdauern oder breiteren Gruppen zugänglich gemacht werden im Sinne einer prosozialen Wissensverwendung, so wird klar, daß reine Mündlichkeit sehr schnell ihre Grenzen in Raum und Zeit findet.
Das Vorhandensein eines Schriftsystems, einer Schriftkultur, ist aber nur eine Bedingung für die ,,Lesbarkeit der Welt": Man muß auch lesen können - oder schreiben, am besten lesen und schreiben!
Anders ausgedrückt: Gibt es niemanden, der einen Code beherrscht, kann keine Codierung verwendet werden, sie entsteht nicht. Existiert ein Code, den niemand decodieren kann, so entsteht kein Sinn. Beherrschen nur wenige einen Code und eine Mehrheit nicht, so wird das Codierte ein Geheimnis und Ungleichheit entsteht.
Diese uns heute so selbstverständliche, weil basale Kulturtechnik des Lesens und Schreibens, mußte sich jedoch erst entwickeln, ausbreiten und Fuß fassen.
Von diesem, Alphabetisierung genannten Vorgang und von einigen sozialen Begleiterscheinungen soll diese Arbeit mit Blick auf das 19. Jahrhundert handeln.
II. Das 19. Jahrhundert als Epoche einschneidenden Wandels:
1. Die politische Lage:
Betrachtet man das 19. Jahrhundert rückblickend aus der Distanz von fast zweihundert Jahren, so fällt eine auch im Vergleich mit heute ungewöhnlich große Veränderungsintensität auf. Dies gilt auch für den Bereich der Politik und hier namentlich für Deutschland. In den ersten fünfzehn Jahren des 19. Jahrhunderts wurde eine Ordnung hinweggefegt, die seit Jahrhunderten mit zäher Fortschrittsresistenz den Veränderungen getrotzt hatte. Das Erscheinen Napoleon Bonapartes auf der europäischen Bühne veränderte die Landkarte und die Gefühlslage entscheidend. Nach dem Sieg über Österreich in der Schlacht von Austerlitz, zerschlug Napoleon das ,,Heilige Römische Reich deutscher Nation". Kaiser Franz II. legte am 6. August 1806 die Kaiserkrone nieder und die deutschen Rumpfstaaten fanden sich als Satelliten unter dem Dach des französisch kontrollierten ,,Rheinbunds" zusammen (Rössler, 1961, S.452). Unter dem Eindruck der französischen Herrschaft werden die ursprünglich eher unpolitischen Freiheitsideen einer intellektuellen Dichter- und Gelehrtenelite auf ein breiteres gesellschaftliches Fundament gestellt und auf die Nation bezogen. Parallel dazu werden innere Staatsreformen durchgeführt, deren Kerngedanke eine ,,Revolution von oben" ist - die Abschwächung und schließliche Ablösung der absolutistischen Staatsidee (Atlas zur Weltgeschichte, 1991, S.314). Die Kerninhalte dieser Reformen sind: Errichtung einer professionellen Bürokratie, Bauernbefreiung (1807), Kommunale Selbstverwaltung (1808) und Gewerbefreiheit (1810). Zielvorstellung ist die konstitutionelle Monarchie mit Staatsbürgern statt Untertanen (ders., ebd., S.315). Die auf dem Wiener Kongreß von 1815 vereinbarte Verringerung der deutschen Territorien führte zur Gründung des ,,Deutschen Bundes" (ders., ebd., S.321), innerhalb dessen ab 1834 die Zollschranken fielen (Borchardt, 1985, S.157).
Diese Reformen stehen in engem Zusammenhang mit einem Fundamentalwandel des Wirtschaftssystems.
2. Die Industrielle Revolution:
Kaum ein Ereignis in der Menschheitsgeschichte hat die Welt so grundlegend und so nachhaltig verändert, wie die sogenannte ,,Industrielle Revolution" (Cipolla, 1985, S.1). Sie nahm ihren Ausgang in England und war neben der geistesgeschichtlich neuen Idee einer freien Marktwirtschaft auch auf neue Technologien begründet (Lilley, 1985, S.136). Revolutionär war in diesem Zusammenhang vor allem die ab 1784 von James Watt konstruierte Dampfmaschine (Brockhaus, 1894, S.736), welche die Arbeit auf nie zuvor gekannte Weise von menschlicher Kraft entkoppelte und eine Gleichzeitigkeit in die Arbeits- und Wirtschaftsprozesse brachte, die ebenfalls neu war. Massenproduktion und eine Entgrenzung des Handels lösten den Marktbegriff von seiner rein räumlichen Dimension, ein europazentrierter Welthandel, ja eine internationale Wirtschaft entstehen (Woodruff, 1985, S.435). Neben den Gütermärkten entstanden Faktormärkte für Arbeit und so entstand ein gesellschaftlicher Prozeß mit teilweise ungeahnten Konsequenzen für die Sozialstruktur und auch für das Wirtschaften selbst. Zwischen 1816 und 1866 verdoppelte sich das preußische Agrarland. Gleichzeitig wurden die Erträge von 100% auf 173% gesteigert (Schwind, 1983, S.17). Gewinne wurden für Rationalisierungen verwendet, wodurch nicht mehr alle Landarbeiter beschäftigt werden konnten. Sie bildeten eine mobile industrielle ,,Reservearmee" von ungelernten Arbeitskräften, die in den Fabriken beschäftigt werden konnten. ,,Bevölkerungswachstum, Konsumanstieg, Kapitalakkumulation, Verstädterung und Binnenwanderung sind Kennzeichen der Agrarrevolution. Sie kann damit als Vorbedingung der deutschen Industriellen Revolution gelten" (Schwind, 1983, S.17).
Im Zusammenhang mit der ,,Industriellen Revolution" gab es drei wesentliche Prozesse des Wandels, die für gesellschaftliche Evolution entscheidend waren (Borchardt, 1985, S.139):
A.) Die ,,Bevölkerungsrevolution" - die Einwohnerzahl Europas stieg zwischen 1800 und 1850 von ca. 187 Mio. auf ca. 266 Mio. Menschen (Armengaud, 1985, S.15).
B.) Die ,,Agrarrevolution" - die Übertragung neuer landwirtschaftlicher Techniken auf Gegenden geringer Bevölkerungsdichte bedingt einen Produktivitätsschub (Bairoch, 1985, S.302). Die Produktivitätszuwächse wiesen seit 1800 Zuwachsraten von rund 1% jährlich auf, Hungersnöte blieben fast völlig aus (ders., ebd.).
C.) Die ,,Verkehrsrevolution" - Verkehrs- und Nachrichtentechnik- und infrastruktur hatten die nachhaltigste Wirkung auf Wirtschaft und Handel durch Erschließung neuer Räume und Märkte (Woodruff, 1985, S.456).
Die deutsche Politik folgte der Idee der Selbststeuerung der Wirtschaft, was Ferdinand Lasalle dazu veranlaßte, diesen liberalen, auf Selbstheilung setzenden Staat, spöttisch einen ,,Nachtwächterstaat" zu nennen (Schatt, 1983, S.168), der das freie Spiel der Marktkräfte trotz sozialen Elends distanziert betrachtete. Wirtschaftspolitisch gesehen, stellte die Industrielle Revolution einen Triumph des Individualismus dar (Supple, 1985, S.204) - Angebots- und Nachfragemechanismus, sowie Ressourcenallokation richteten sich nach den individuellen Wirtschaftsträgern (ders., ebd.). Ein Haupttrend der Gesetzgebung nach den Befreiungskriegen ging in die Richtung eines kontinuierlichen Abbaus der strukturellen, fiskalischen und wirtschaftlichen Behinderungen der Mobilität von Menschen und Ressourcen (ders., ebd.), also vom Merkantilismus zum Liberalismus.
3. Soziale Lage - Soziale Frage:
,,(...) und zwar spricht man überall da von Sozialer Frage, wenn die ökonomische Lage gewisser gesellschaftlicher Klassen nicht den Ansprüchen genügt, die die betreffenden Angehörigen der Klasse nach ihrer sozialen Bedeutung zu stellen sich berechtigt glauben; oder wenn die ganze Lage der Angehörigen der Klasse oder eines großen Teils derselben gedrückt ist." (Brockhaus, 1895, S.7).
Bei Anbruch des Industriezeitalters war der Bürger kein soziostrukturelles Novum mehr (Bergier, 1985, S.262). Neu war jedoch, daß gerade das Bürgertum zum Motor, ja zum Träger dieser revolutionären, epochalen Entwicklung wurde. Durch Entstehung der Faktormärkte für Arbeit bildete sich rasch der Gegensatz zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer heraus - eine Einteilung, die in dieser Form durchaus neu und keinesfalls mit feudal-grundherrlichen Verhältnissen der Vergangenheit zu vergleichen war. Das Industriebürgertum drängte auf die Schlüsselpositionen der politischen und wirtschaftlichen Macht (ders., ebd., S.265), während die Zahl der Besitzlosen wuchs und ihre Lage sich verschlimmerte. Die Entwicklung einer ,,Arbeiterklasse" erfolgte langsam aus der amorphen Masse der Arbeitenden. Zwei Phasen, die auch für die Alphabetisierung von Belang sind, sind zu unterscheiden: erstens das Aufkommen der Arbeitermassen an sich und zweitens das Heranreifen einer abgrenzbaren sozialen Klasse (ders., ebd., S.276). Für Deutschland gilt, daß die Masse der Landarbeiter die entscheidende Rolle bei der Entstehung der Industriearbeiterschaft gespielt hat, im Gegensatz zu den Handwerkern. Die Mehrzahl behielt zunächst noch die bäuerliche Lebensweise bei, so daß der Ausdruck ,,Proletariat" zumindest vor 1860, als die große Landflucht einsetzte, unpräzise ist (ders., ebd., S.280/281). ,,Gleichwohl sind sich alle einig, daß der Lebensstandard der Arbeiter extrem niedrig war, mit allem, was das an Elend, Krankheit und Analphabetentum bedeutete, (...)" (ders., ebd., S.282).
III. Systemtheoretischer Exkurs: Gesellschaftliche Differenzierung
Da das 19. Jahrhundert nicht nur als ,,Sattelzeit" der Umwälzungen und Umorientierungen zu sehen ist, sondern auch als Epoche des Zerbrechens eines evolutionären Typs von Gesellschaft betrachtet werden kann - des Übergangs von der Prämoderne zur Moderne - halte ich einen systemtheoretischen Exkurs zur gesellschaftlichen Differenzierung für angebracht.
1. Funktional differenzierte Gesellschaften:
,,Das dominante Paradigma sozialer Differenzierung wird heute von der Systemtheorie repräsentiert, (...)"
(Mayntz, 1988, S.11).
Luhmann unterscheidet drei Typen sozialer Systeme, denen sich auch Ebenen steigender Komplexität zuweisen lassen.
Auf Mikroebene sind dies Interaktionen, die auf die Präsenz und Kopräsenz von Personen angewiesen sind.
Als Organisationen werden Sozialsysteme auf der Mesoebene bezeichnet, die durch Mitgliedschaften gekennzeichnet sind und sich über Entscheidungstechniken reproduzieren.
Auf der Makroebene findet sich schließlich Gesellschaft als umfassendstes Sozialsystem, welches sowohl Interaktion, als auch Organisation in sich vereinigt (Kneer/Nassehi, 1997, S.111).
Gesellschaft ist für Luhmann ,,die Gesamtheit aller erwartbaren Kommunikationen" (zit. n. dies., ebd.), also ein hyperkomplexes Potential von aneinander anschließenden Kommunikationen, oder Verflechtungen.
Die klassische Vorstellung von Differenzierung geht ebenfalls von einer Aufgliederung eines Ganzen in verschiedene Teile aus (Mayntz, 1988, S.14).
Als ursächlich für diesen Aufgliederungsvorgang sieht Luhmann die dadurch gegebene Möglichkeit, komplexere Systeme in einer komplexeren Welt zu stabilisieren (Willke, 1993, S.248). Der Komplexitätsbegriff bezeichnet den Umstand, daß es für eine bestimmte Situation mehr als eine Alternative gibt. Das System steht unter Entscheidungszwang, es muß selegieren. Diesen Sachverhalt der Einschränkung zulässiger Ereignisse auf ein bestimmtes Möglichkeitsintervall, meint der Kontingenzbegriff, ohne hier darauf näher eingehen zu können.
Plastischer wird der Sachverhalt, wenn man den traditionellen Begriff der Arbeitsteilung auf den Differenzierungsprozeß überträgt. Arbeitsteilung heißt in seiner einfachsten Form, dem Wortsinn nach: die Arbeit wird geteilt - nicht jeder macht alles. Das gilt nicht nur für Arbeit, sondern für Funktionszusammenhänge ganz allgemein. Hinsichtlich der funktionalen Bedeutung für Gesellschaften stellen diese Spezialisierungsprozesse eine leistungssteigernde evolutionäre Errungenschaft dar (Mayntz, 1988, S.15).
Als primäre Differenzierung bezeichnet Luhmann diejenige Form der Differenzierung, die auf der bereits erwähnten Makroebene der Gesellschaft, für das Gesamtsystem charakteristisch ist (Kneer/Nassehi, 1997, S.114). Diese primäre oder dominante, weil die Strukturen beeinflussende Differenzierungsform, ist für moderne Gesellschaften die funfktionale Differenzierung. Es ist die Bezüglichkeit auf das Ganze, was die Teile funktional differenzierter Gesellschaften ausmacht.
2. Umstellung der Differenzierungsform:
Unter dem Aspekt der Systemkapazität für Komplexitätsreduktion, unterscheidet Luhmann drei evolutionäre Stufen einer dominanten gesellschaftlichen Differenzierungsform (Willke, 1993, S.248. Kneer/Nassehi, 1997, S.122).
Die einfachste Stufe nennt er dabei segmentäre Differenzierung und versteht darunter ein in gleiche Teile differenziertes Gesellschaftssystem, wie es für archaische Gesellschaften typisch ist (Kneer/Nassehi, 1997, S.122). Die Grenzen der Teilsysteme einer segmentär differenzierten Gesellschaft bestehen in konkreten Handlungssituationen, die auf die Anwesenheit von Personen angewiesen sind. Die Folge ist eine geringe Arbeitsteilung.
Der Komlexitätsgrad eines solchen Gebildes ist demnach recht niedrig, es bestehen kaum Variations- oder Selektionsmöglichkeiten. Da es an funktionaler Differenzierung fehlt, sind die anfallenden Systemoperationen zeitlich abfolgend organisiert, was langwierig ist und Problembewältigung erschwert (dies., ebd., S.124).
Erste Rollendifferenzierungen, wie etwa Geschlechterrollen und an sie geknüpfte Erwartungen, die sich in Arbeitsteilung niederschlagen, erhöhen langfristig die Komplexität archaischer Gesellschaften. Wächst der Komplexitätsdruck, so daß ungleiche Sachverhalte nicht mehr in der gleichen Zeit zu bewältigen sind, drängt sich der Gesellschaft eine neue Differenzierungsform auf (Kneer/Nassehi, 1997, S.125).
Diese zweite Stufe nennt Luhmann stratifikatorische Differenzierung. Das entscheidende Einteilungsprinzip sind hier ungleichartige und ungleichrangige Teile. Hierarchische Beziehungen sind kennzeichnend für das Verhältnis der Teilsysteme untereinander. Die Leitdifferenz besteht in der Unterscheidung zwischen oben und unten (Kneer/Nassehi, 1997, S.126). Als Prototyp können höfische Gesellschaften angeführt werden, deren strikte Standesgrenzen ihre Kohäsion in einer religiös fundierten, also ,,gottgewollten" Ordnung fanden.
Grob vereinfachend gesagt ist es das allmähliche Zerbrechen der religiösen Herrschaftslegitimation, die den Übergang zu dem nächstkomplexeren Differenzierungstyp bewirkt. Temporalstrukturen werden umgebaut, Zukunft und Welt als gestaltbar und veränderbar begriffen (Blöbaum, 1994, S:270). Das Entstehen einer Differenz zwischen Religion und Politik in der Neuzeit bedingt eine Reflexion der Politik auf sich selbst, die zu Selbstreferenz anstelle von Fremdreferenz führt. Es ist also nicht nur die bloße Zunahme von Komplexität, die den Übergang zu einem neuen Differenzierungstyp bedingt, sondern zusätzlich deren neue Handhabung im Sinne eines Zwanges aus sich selbst heraus (Kneer/Nassehi, 1997, S.130).
Dieser neue, nunmehr funktionale Differenzierungstyp, hat sich bis spätestens zur Mitte des 19. Jahrhunderts etabliert (dies., ebd., S.131) und ist gekennzeichnet durch Teilsystembildungen, als gleichzeitige innere Ausdifferenzierungen der Gesellschaft.
Es sind im wesentlichen Entkoppelungsprozesse mit der Herausbildung jeweils spezifischer Codes, die eine Autonomisierung der verschiedenen gesellschaftlichen Teilsysteme zur Folge haben. Wichtig ist, daß die Teilsysteme nicht mehr durch eine allen gemeinsame Grundsymbolik integriert werden können (Kneer/Nassehi, 1997, S.131).
Eine weitere bedeutsame Unmöglichkeit besteht für die Teilsysteme in ihrer gegenseitigen Nicht-Substituierbarkeit (dies., ebd.). Wichtig ist, wie weit es gelingt, die Exklusivität der Zuständigkeit für einen bestimmten Bereich durchzusetzen.
Als exemplarische Reihe funktionaler Teilsysteme identifiziert Blöbaum Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Recht, Erziehung, Sport, Literatur und Journalismus (Blöbaum, 1994, S.80). Die zugeschriebene Funktion des letzteren sei dabei, Themen zur öffentlichen Kommunikation her- und bereitzustellen (Rühl, zit.n. Blöbaum, 1994, S.80).
Das zentrale Spezifikum der funktionalen Differenzierung ist die sinnhafte Spezialisierung (Mayntz, 1988, S.19). Diese besteht in Verengung des Wahrnehmungshorizonts durch codemäßige Selektion. Zum anderen durch Intensivierung, da eine Funktionserbringung für das Gesamtsystem nun exklusiv und damit anstelle und stellvertretend für alle anderen Teile geleistet wird.
Dieses Zusammenwirken und die Herstellung des Bezuges zum Ganzen ist die Primärfunktion von Publizistik durch Ermöglichung der Selbst- und Fremdbeobachtung der gesellschaftlichen Teilsysteme (ders., ebd., S.148).
Die Frage der Publizistikentwicklung ist die Frage nach dem wann und wie des Ausdifferenzierungsprozesses dieses Funktionssystems aus der Gesellschaft.
,,Es gibt keinen Konsens darüber, mit welchem Datum oder welchen Daten der Anfang von Journalismus zu fixieren ist." (Blöbaum, 1994, S.86).
In bezug auf das Kriterium der Ausbildung von Publizistik als gesellschaftlichem Funktionssystem, kann jedenfalls gesagt werden, daß es des Entwicklungsstadiums einer funktional differenzierten Gesellschaft bedarf, wodurch der zeitliche Rahmen ungefähr auf das 19.Jahrhundert einzugrenzen ist. ,,Der Leserkreis wächst mit den Lesekundigen, die Buchproduktion und die Produkton anderer gedruckter Medien expandieren. Das 19. Jahrhundert erlebt nicht nur eine Erweiterung des Publikums, sondern auch seine soziale Differenzierung." (ders., ebd., S.105).
IV. Lesen und Schreiben - Schrift und Kultur:
Doch auch auf Seite der Abnehmer journalistischer Leistungen waren Binnendifferenzierungsprozesse notwendig. Als minimale Grundvoraussetzung für das Entstehen einer auch nur potentiellen Publikumsrolle, ist die breit angelegte Entwicklung der Lese- und Schreibfähigkeit anzusehen.
1. Alphabetisierungsbegriff und Schriftlichkeit:
Im Wortsinne heißt Alphabetisierung mit dem Alphabet einer Sprache vertraut sein. Man versteht darunter ,,(...) die Vermittlung der Fähigkeiten des Lesens und Schreibens an Jugendliche und Erwachsene, die aufgrund der infrastrukturellen Situation ihrer Länder keine Schule besucht haben. (...) Für die mittel- und westeuropäischen Länder ging man seit dem Ende des 19. Jahrhunderts von genereller Alphabetisiertheit der Bevölkerung aus, (...). Alphabetisierung war häufig eingebettet in allgemeine gesellschaftliche Umwälzungen." (Metzler Lexikon Sprache, 1993, S.30).
Schriftlichkeit ist demgegenüber von technischer Schriftbeherrschung zu unterscheiden, vielmehr ist damit ein gesellschaftlicher Zustand oder Prozeß gemeint. ,,Gesellschaften gelten als literal, wenn sie über Schriftlichkeit verfügen, wenn schriftliche Kommunikation ein konstitutives Merkmal ihres gesellschaftlichen Verkehrs ist." (dass., ebd., S.533). Ist in einer bestimmten Gesellschaft Schriftlichkeit als elementare Kommunikationsform sozial realisiert, verfügt sie über Schriftkultur (Glück, 1987, S.13). ,,Die Existenz von Schriftkultur setzt voraus, daß mindestens ein gewisser Teil der Mitglieder der betreffenden Gesellschaft lesen und vielleicht auch schreiben kann." (ders., ebd.). Schriftlichkeit korrespondiert historisch stets mit dem Auftreten von Ausbildungsinstitutionen (Schulen) und Schriftspeichern (Archiven, Bibliotheken). Übergangszustände der Semiliteralität, in denen eine Gesellschaft zwar literal funktioniert, aber überwiegend analphabetisch ist, sind typisch für diese Prozesse, so auch für Europa bis ins 19. Jahrhundert (Metzler Lexikon Sprache, 1993, S.533).
2. Massenalphabetisierung und Literalitätsbegriff:
Zunächst einmal sollte festgehalten werden, daß die Massenalphabetisierung Westeuropas keinesfalls als eine Art Initialzündung angesehen werden kann, richtig ist vielmehr, daß Literalität und Analphabetentum über längere Zeiträume hinweg ohne soziale Reibungen koexistieren konnten. ,,Schriftkultur setzt keine Massenalphabetisierung voraus." (Glück, 1987, S.175; Hervorhebung durch O.D.).
Erwähnenswert ist ebenfalls die Tatsache, daß alles, was wir heute quantitativ über diese Prozesse wissen, sich auf Statistiken stützt, deren Aussagekraft z.T. höchst fragwürdig ist. Im Wesentlichen stützt sich die Forschung dabei auf die Militärstatistik und auf die Heiratsstatistik (Engelsing, 1973, S.96). Erhebungskriterium war dabei in beiden Fällen notgedrungen, das Vermögen (oder Unvermögen), eine Unterschrift zu leisten (ders., ebd.), was allenfalls über Minimalststandards der (Unter-)Schriftbeherrschung etwas aussagt, jedoch keinesfalls über den Literalitätsgrad einer Gesellschaft (Glück, 1987, S.174).
Unstreitig scheint jedoch, daß der Industrialisierungsprozeß zunächst einmal zu niedrigeren Alphabetisierungsquoten führte, da die Entwicklung fabrikmäßiger Massenproduktion, v.a. in semi-modernen Branchen wie Textilien und Tabak, eher zu Dequalifizierung von Arbeit führte (ders., ebd., S.175). Zur Veranschaulichung dieses Sachverhalts können die Alphabetisierungsquoten, vorbehaltlich o.g. Problematik, herangezogen werden:
Die in der Industrialisierung um die 1850er Jahre am meisten fortgeschrittenen Länder England, Frankreich und Belgien hatten dabei einen Analphabetenanteil von zwischen 33% und 50%. Vergleichsweise rückständige Agrarländer wie Schweden, Preußen und Schottland dagegen im selben Zeitraum nur zwischen 10% und 20% (ders., ebd., S.176). ,,Eine Tendenz, die besagt, daß technologischer Fortschritt und Volksbildung sich alles andere als synchron entwickelt haben." (ders., ebd.).
Was die phasenmäßige Einteilung des Industrialisierungsprozesses angeht, so teilt Borchardt diesen in eine Anlauf- oder Gründungsphase ab den 1830er Jahren und eine Aufschwungphase zwischen 1842 und 1846 ein (Borchardt, 1985, S.159).
Der Fortschrittszusammenhang mit der Massenalphabetisierung ist komplex: in einer zunehmenden Zahl von Produktionssparten bewirkte der technologische Fortschritt, daß Lesen und Schreiben unverzichtbare Voraussetzungen für bestimmte Funktionen innerhalb der Produktion wurden, wie etwa das Bedienen einer Maschine oder das Führen ganzer Anlagen (Glück, 1987, S.176). Glück sieht in dieser ,,sinistren Dialektik des Fortschritts" die Erklärung für die Entwicklung gesellschaftlicher Literalität (ders., ebd.). ,,Wenn technologische Neuerungen spezifische Qualifikationen erforderten, wurden diese Qualifikationen in der Regel auch vermittelt. Aber nicht jede technologische Neuerung verlangt neue Qualifikationen, und vor allem verlangt sie (...) nicht die Qualifikation der gesamten bisherigen Produzentenschaft." (ders., ebd.).
Es ist einzusehen, daß die Folge dieser Teilqualifizierung der Arbeitenden zu einer Heterogenität innerhalb ihrer sozialen Gruppe und Lage führte, die für führende Sozialisten Anlaß zur Kritik war. In diese Richtung zielte Wilhelm Liebknecht mit seiner Broschüre ,,Wissen ist Macht", die zu einem geflügelten Wort, nicht nur der Sozialdemokratie wurde. Kernpunkt seiner These ist, daß politische Wirkungen, die auf Veränderungen zielen, letztlich nur zu erzielen seien, wenn der anvisierte Adressatenkreis auch ohne große Mühe lesen konnte (ders., ebd., S.177). Seine Einschätzung dieser Lage war jedoch noch 1872 recht düster: ,,Der Sinn dessen, was sie lesen, macht der Mehrzahl große Mühe, eine Mühe, der sie sich freilich nur selten unterziehen." (Liebknecht, zit.n. Glück, S.178).
3. Schule und Bildung:
Die wichtigste Institution für die Massenalphabetisierung war die Volksschule. Bemerkenswerterweise führte gerade das Kriegsrisiko ab 1840 zu einem verstärkten Volksschulausbau (Engelsing, 1973, S.101): Lesen, Schreiben und Rechnen und natürlich die Religion, später die vaterländische Geschichte sollte ein Volksschulabgänger können, bzw. kennen (Glück, 1987, S.179) - ein Rekrut natürlich auch! Sogar die preußisch-deutschen Siege in den Kriegen von 1864, 1866 und 1870/71 wurden der Volksschulbildung zugeschrieben (Engelsing, 1973, S.102). Schulbildung wurde geradezu als Hauptfördermittel der Wehrkraft gesehen, so etwa das Militär-Wochenblatt von 1875 (zit.n. ders., ebd.). Tatsache ist, daß sich die Zahl der Volksschüler in Preußen von 1.509.000 im Jahre 1822 auf 2.916.000 im Jahre 1864 fast verdoppelt hatte (ders., ebd., S.103). Grund dafür war unter anderem die rigorose Durchsetzung der Schulpflicht, sogar unter Androhung von Haftstrafen. So erreichte Preußen 1864 eine Schulbesuchsquote von 91%, die sich nach der Reichsgründung nocheinmal erhöhte und zur Jahrhundertwende die 100% praktisch erreicht hatte (ders., ebd.).
Die Gründe für Widerstände gegen den Schulbesuch waren im wesentlichen drei, von drei verschiedenen Seiten: 1) Seitens der (analphabetischen) Eltern wurde die patriarchalische, hausväterliche Ordnung als gefährdet angesehen - Bildung als ,,Überbildung", die alles in Frage stellt, wurde als bedrohlich erlebt.
2) Seitens Staat und Kirche wurde vor ,,Manschettenbauern" und einer Entfernung von Religion und Obrigkeitsstaat gewarnt. ,,Wie leicht sind ferner all der gute Samen, den die Schule in das jugendliche Gemüt hineingestreut hat, zerstört und ausgerottet, wenn der junge Mann von dem Lesen, das er in der Schule gelernt hat, in der Weise Gerauch macht, daß er sozialdemokratische Blätter studirt (...)" (Staatsminister Hofmann, 1878, zit.n. Glück, 1987, S.180).
3) Seitens der Wirtschaft waren Kinder als Arbeitskräfte erwünscht, da billig und verfügbar, bis zum Gesetzesregulativ vom März 1839, welches Kindern einen dreijährigen Schulbesuch vorschrieb und eine Einstellung unter neun Jahren verbot (Rössler, 1961, S.488).
Hatten die Volksbildungsbestrebungen anfangs der Volksschule und den Lehrern starken Auftrieb gegeben, so änderte sich die Lage nach 1848 drastisch. Von konservativer Seite wurde dem vermeintlich zu hohen Bildungsstandard und der angeblich übertriebenen Lehrerausbildung die Schuld an den politischen Unruhen gegeben. Die sog. ,,Stiehlschen Regulative" von 1854 warfen die preußischen Volksschulen um Jahrzehnte zurück: ihr Unterricht wurde auf Lesen, Schreiben, Rechnen, Gesang und Religion beschnitten (Böhm, 1983, S.327). Und das, obwohl auch nach Ausmerzung des offiziellen Analphabetentums die Volksschule in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch beträchtliche Aufgaben zu bewältigen hatte (Engelsing, 1973, S.101). Glück weist darauf hin, daß neben den elementaren kulturtechnischen Qualifikationen des Lesens und Schreibens zunehmend das Einimpfen ideologisch-sozialer Tugenden im Vordergrund stand (Glück, 1987, S.180). Pünktlichkeit, Fleiß, Disziplin und Treue gegen Kaiser, Volk und Reich bezeichnet er als ,,Verfleißigung unserer Nation", die durchaus im Sinne der Wirtschaft war.
,,Im Verlauf seiner Verfleißigung wurde das Volk alphabetisiert, nicht weil die preußischen Schulgesetze dies vorschrieben oder wohlmeinende Pastoren und Menschenfreunde zurieten, und auch nicht deshalb, weil die industrielle Produktion nur mit schreib- und lesekundigen Arbeitern hätte aufrechterhalten werden können. Veränderte soziale Umstände riefen veränderte soziale Bedürfnisse hervor." (ders., ebd.).
Es kann also festgestellt werden, daß die entscheidenden Phasen des Rückgangs des Analphabetentums und der Zunahme der Lektüre der zweiten Phase der Industrialisierung voraus gingen und weitgehend unabhängig von ihr erfolgten (Engelsing, 1973, S.105).
Neben der staatlichen Volksschule als nicht gänzlich ideologiefreiem Bildungsraum, entstand parallel dazu eine Volksbildungsinstitution der Selbsthilfe, die auf Eigeninitiative gründete: die Arbeiterbildungsvereine. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Fabrikarbeiter der damaligen Zeit waren im allgemeinen erbärmlich und ließen die Arbeiterschaft lange Zeit in Passivität und Resignation verharren (Bergier, 1985, S.283). Und so kam auch der Anstoß zu einer organisierten ,,Hilfe zur Selbsthilfe" von außen, aus bürgerlichen oder Handwerkerkreisen (ders., ebd., S.284).
1846 wurde etwa in Bremen der Verein ,,Vorwärts" gegründet, der sich die Elementar- und Fortbildung von Arbeitern und Handwerkern zur Aufgabe gemacht hatte. Ähnliches leisteten andernorts Gewerbe- und Industrievereine, die allenthalben entstanden. Teilweise unterhielten sie sogar Leihbibliotheken und organisierten neben dem Elementarunterricht Vorträge und Diskussionen (Engelsing, 1973, S.107). Was die Bibliotheken und Lesezirkel angeht, so läßt sich heute jedenfalls sagen, daß von ihnen zu keiner Zeit jene staatsgefährdende weil revolutionäre Wirkung ausging, die ihnen von Seiten der Konservativen damals unterstellt worden war. ,,Die Volksbibliothek München verlieh 1873/74 zu 60% Belletristik (...)" (ders., ebd., S.108). Es muß darauf hingewiesen werden, daß diese Vereine zu einem großen Teil aus selbständigen Handwerkern und Gewerbetreibenden bestanden und sich stets auch einige Unternehmer unter den Mitgliedern fanden (ders., ebd.). Auch privates Mäzenatentum zur Beförderung der Arbeiterbildung soll nicht verschwiegen werden, so gründete beispielsweise die Firma Krupp 1897 eine Bücherhalle (ders., ebd.).
Ob zu recht verdächtigt oder nicht, das Jahr 1848 stellte für alle Arbeiterbildungsvereine eine deutliche Zäsur hinsichtlich ihrer Anzahl, Verbreitung und Mitgliederzahl dar. Erst ab den 1860er Jahren gewannen auch die liberal gesinnten Bildungsvereine wieder Auftrieb, wenngleich sie stets nur ,,(...) eine dünne Oberschicht der Arbeiterklasse erreichten." (ders., ebd., S.110).
4. Randbedingungen des Alphabetisierungsprozesses:
Dies sind Faktoren, welchen keine ursächliche Hauptverantwortung für den Alphabetisierungsprozeß zugeschieben wird, die jedoch als Begleitumstände von Bedeutung sind. Hier sind v.a. zu nennen: die Arbeitszeit, die pädagogischen Neuerungen, die häusliche Beleuchtung und neue Schreibmittel.
Was die Arbeitszeit angeht, so waren die Verhältnisse zu Beginn der Industrialisierung geradezu menschenunwürdig und teilweise als regelrechte physische Zerstörung der Menschen anzusehen. Die Unternehmer waren an möglichst langen Maschinenlaufzeiten interessiert und der Staat kontrollierte das Gewerbe zunächst nicht, so daß Tagesarbeitszeiten zwischen 12 und 16 Stunden für Männer, Frauen und Kinder durchaus normal waren (Deane, 1985, S.39). Minchinton nennt für Deutschland gar eine Wochenarbeitszeit von 111 Stunden, für Belgien von 121 Stunden, nennt jedoch kein Bezugsjahr seiner Quelle und dürfte sich mit diesen Zahlen am Maximum des überhaupt möglichen bewegen (Minichton, 1985, S.63). Es bedarf jedenfalls keiner Kommentierung, daß derartige Arbeitszeiten sowohl dem Lesenlernen, als auch dem Lesen entgegenstehen. Allerdings ist anzumerken, daß die Arbeitszeit der zweiten Jahrhunderthälfte um duchschnittlich 15% kürzer ist, als die der ersten Jahrhunderthälfte (Borchardt, 1985, S.170).
Einen engen Zusammenhang bilden die Entwicklung neuer pädagogischer Methoden, wie der ,,Schreiblesemethode" und die Neuerung im Bereich der Schreibgeräte. Dominierte bis 1850 der natürliche Federkiel ein kunstvolles, mittelalterliches ,,Schreib-zeichnen", so revolutionierte die aufkommende Stahlfeder den Schreibvorgang und die schulische Ausbildung (Engelsing, 1973, S.126). Für die 1870er Jahre galt: ,,Die Stahlfeder hat die Welt erobert." (ders., ebd.).
Eine weitere wichtige ,,Nebensache" stellte die häusliche Beleuchtung dar. Erst ab den 1860er Jahren breitet sich die Petroleumlampe aus, die eine abendliche Freizeitlektüre erst ermöglichte. ,,Die Einführung der Petroleumlampe war in Deutschland wahrscheinlich entscheidend für die Ausdehnung der Lektüre in den Häusern von Bauern und Arbeitern." (ders., ebd., S.127).
Als letzte Randbedingung sei noch ein Umstand zu nennen, der schwerer zu fassen ist, nämlich der des allgemeinen Klimas, der Einstellungen und Vorurteile, die herrschten. So hielt sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Land und in der Stadt die Auffassung, ,,(...) ein gebildeter Landmann könne schwerlich tüchtig sein." (ders., ebd., S.129). Für das obere Ende der Gesellschaftspyramide galt Bildungsmißtrauen in ähnlicher Weise. Stereotypen des Junkers, Jägers, Kriegers, Gesellschaftsmenschen und Müßiggängers hielten sich lange als Idealvorstellung im Adel und schienen sich mit Bildung und dem damit implizierten ,,Leistungsadel" nicht zu vertragen (ders., ebd., S.130). Exemplarisch und abschließend sei hier die vormoderne Sichtweise eines deutschen Souveräns zitiert, des Großherzogs Ernst Wilhelm von Sachsen-Weimar-Eisenach, der um 1900 sagte: ,,Wenn man irgendeinem Menschen die wichtigsten Stellen anvertrauen soll, bloß deshalb weil er etwas gelernt und geleistet hat, so hört sich alles Regieren auf." (zit.n. Engelsing, 1973, S.131).
V. Schluß:
Um das obige Zitat aufzugreifen und zu ergänzen - das Regieren hörte sich wenig später tatsächlich auf. Im November 1918, knapp hundert Jahre nach Beginn der Industrialisierung in Deutschland wurden Fürsten, Könige und auch der Großherzog von Weimar hinweggefegt von einer Entwicklung, der sie teils hilflos gegenüber, teils einfach im Wege standen. Einer Entwicklung, die nicht zuletzt mit der Massenalphabetisierung Mitteleuropas zu tun hatte und die Bevölkerungsmehrheit aus der unverschuldeten Unwissenheit einer asymmetrischen, feudalen Herrschaft in die Moderne überführt hat, womit sich letztlich auch die Richtung der Willensbildung im Staat umkehrte.
Gerade an diesem Beispiel deutscher Geschichte verdeutlicht sich meiner Meinung nach in umgekehrter Weise das, was Glück meinte mit: ,,Analphabeten sind die potentiellen und faktischen Opfer der Herrschaftsausübung." (Glück, 1987, S.174). Man sollte dies auch im Hinblick auf neue Erfordernisse einer neuen Zeit im Auge behalten: das Computerzeitalter erfodert die hard- und softwarebeherrschung als basale Kulturtechnik, doch machen wir uns nichts vor - sie beruht letztlich auch nur auf Lesen und Scheiben. Vom ,,Baum der Erkenntnis" haben wir längst gegessen!
VI. Literatur:
André Armengaud in: Europäische Wirtschaftsgeschichte (Hg) Carlo Cipolla/Knut Borchardt, Bd.3, Stuttgart, New York: UTB 1985.
Atlas zur Weltgeschichte, Lizenzausgabe des Deutschen Bücherbundes, Stuttgart, München: 1991.
Paul Bairoch in: Europäische Wirtschaftsgeschichte (Hg) Carlo Cipolla/Knut Borchardt, Bd.3, Stuttgart, New York: UTB 1985.
J.-F. Bergier in: Europäische Wirtschaftsgeschichte (Hg) Carlo Cipolla/Knut Borchardt, Bd.3, Stuttgart, New York: UTB 1985.
Bernd Blöbaum: Journalismus als soziales System. Ausdifferenzierung und Verselbständigung, Opladen: Westdeutscher Verlag 1994.
Wilfried Böhm in: Deutsche Geschichte (Hg) Heinrich Pleticha, Bd.10, Gütersloh: Bertelsmann 1983.
Knut Borchardt in: Europäische Wirtschaftsgeschichte (Hg) Carlo Cipolla/Knut Borchardt, Bd.4, Stuttgart, New York: UTB 1985.
Brockhaus Konversationslexikon, Bd.4, Leipzig, Berlin, Wien: Brockhaus 1894.
Brockhaus Konversationslexikon, Bd.15, Leipzig, Berlin, Wien: Brockhaus 1895.
Phyllis Deane in: Europäische Wirtschaftsgeschichte (Hg) Carlo Cipolla/Knut Borchardt, Bd.4, Stuttgart, New York: UTB 1985.
Rolf Engelsing: Analphabetentum und Lektüre. Zur Sozialgeschichte des Lesens in Deutschland zwischen feudaler und industrieller Gesellschaft. Stuttgart: Metzler 1973.
Helmut Glück: Schrift und Schriftlichkeit. Eine sprach- und kulturwissenschaftliche Studie. Stuttgart: Metzler 1987.
Georg Kneer/Armin Nassehi: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, 3.Aufl., München: UTB 1997.
Samuel Lilley in: Europäische Wirtschaftsgeschichte (Hg) Carlo Cipolla/Knut Borchardt, Bd.3, Stuttgart, New York: UTB 1985.
Renate Mayntz u.a. (Hg): Differenzierung und Verselbständigung. Zur Entwicklung gesellschaftlicher Teilsysteme. Frankfurt, New York: Campus 1988.
Metzler Lexikon Sprache (Hg) Helmut Glück, Stuttgart, Weimar: Metzler 1993.
Walter Minchinton in: Europäische Wirtschaftsgeschichte (Hg) Carlo Cipolla/Knut Borchardt, Bd.3, Stuttgart, New York: UTB 1985.
Hellmut Rössler: Deutsche Geschichte, Gütersloh: Bertelsmann 1961.
Gerhard Schatt in: Deutsche Geschichte (Hg) Heinrich Pleticha, Bd.10, Gütersloh: Bertelsmann 1983.
Margarethe Schwind in: Deutsche Geschichte (Hg) Heinrich Pleticha, Bd.10, Gütersloh: Bertelsmann 1983.
Barry Supple in: Europäische Wirtschaftsgeschichte (Hg) Carlo Cipolla/Knut Borchardt, Bd.3, Stuttgart, New York: UTB 1985.
Helmut Willke: Systemtheorie. Eine Einführung in die Grundprobleme einer Theorie sozialer Systeme. 4.Aufl., Stuttgart, Jena: UTB 1993.
William Woodruff in: Europäische Wirtschaftsgeschichte (Hg) Carlo Cipolla/Knut Borchardt, Bd.4, Stuttgart, New York: UTB 1985.
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