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Scholary Paper (Seminar), 2002, 28 Pages
Author: Thierry Origer
Subject: Theology - Systematic Theology
Details
Tags: Papsttum
Year: 2002
Pages: 28
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-06510-3
File size: 189 KB
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THEOLOGISCHE FAKULTÄT TRIER
Fundamentale und ökumenische Theologie
Überlegungen zu einer Reform des Papsttums
aus der französischsprachigen Theologie
Hausarbeit zum Seminar
"Die ökumenische Diskussion über das Papstamt"
unter der Leitung von
Prof. Dr. Walter A. Euler
(SS 2002)
vorgelegt von
THIERRY ORIGER
(Matr.-Nr 99000930)
56, op der Hicht
L-6212 Consdorf
Trier, den 31. Oktober 2003
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
3
I. Ein neues "Amt der Gemeinschaft" nach dem GROUPE DES DOMBES
5
A. Vorbemerkungen 5
1. Zum GROUPE DES DOMBES
5
2. Zu ihrem Verständnis von Ökumene 5
B. Das Dokument von 1986 7
1. Hinführung 7
2. Zum Inhalt 8
a) Die Geschichte der Kirche neu lesen 8
b) Die Geschichte der Schriftauslegung neu lesen 11
) Zur Auslegung der Primatstelle (Mt 16,17-19) 12
) Dimensionen der Einheit im Neuen Testament 13
c) Vorschläge an die Kirchen 15
) Vorschläge an die katholische Kirche 15
) Vorschläge an die Kirchen der Reformation 17
3. Kritische Würdigung 18
II. Das Papsttum reformieren? - Einige Reformvorschläge aus Belgien
20
A. Exegetische Perspektive 20
B. Ekklesiologische Perspektive 21
C. Kirchenrechtliche Perspektive 23
Schlussgedanke
25
Literaturverzeichnis
26
2
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Einleitung
Der Primat des Papstes - für die Katholiken sichtbares Zeichen der Einheit und der
communio
- ist eines der umstrittensten Themen im ökumenischen Dialog. Dass der
Papst das größte Hindernis auf dem Weg der Ökumene sei, hat Papst PAUL VI. am 28.
April 1967 in einer Ansprache an das Sekretariat für die Einheit der Christen ganz
offen eingestanden.1 Aber auch innerhalb der katholischen Kirche ist das Papstamt in
seiner derzeitigen Form heute nicht unumstritten. Man fragt sich: Ein Papst für die
ganze Welt, in einer Zeit, wo auch in der Kirche von Inkulturation gesprochen wird,
geht das überhaupt?2 In seiner Enzyklika
Ut unum sint
vom 25.5.1995 hat Papst
JOHANNES PAUL II. die Theologen dazu aufgefordert, sich im Hinblick auf den
ökumenischen Dialog mit der Frage des Papstamtes zu befassen.3
Dem protestantischen Theologen Jean-Louis LEUBA zufolge scheint ein solches Unternehmen
zumindest aus protestantischer Sicht auf den ersten Blick sinnlos: Handelt es sich ihm zufolge
bei den meisten Stolpersteinen im ökumenischen Dialog um Inhalte einer Lehre, die man in
diese oder jene Richtung interpretieren kann, so haben wir es mit dem Papsttum mit einer
Institution, einem Faktum zu tun. Eine Institution, so scheint es, kann man nicht
interpretieren, sondern nur - wie die Katholiken - annehmen oder - wie die Protestanten -
ablehnen. Dennoch ist die Situation nicht so aussichtslos. Wenn man auch die Existenz einer
Institution nicht interpretieren kann, so kann man sich doch mit den konkreten Formen einer
Institution (sowie mit ihrem "Benehmen", ihren Wirkung auf Außenstehende, ihren Vorzügen
usw.) befassen.4 Die katholische Kirche wird ihr Papstamt nicht aufgeben wollen, fürchtet sie
doch m. E. zurecht den Verlust der Einheit der Kirche und deren Zersplitterung in viele
Teilkirchen, wie wir sie bei der protestantischen Kirche kennen. Dennoch gibt es auch
innerhalb der katholischen Kirche Überlegungen zur Reform des Papstamts. Die
protestantischen Kirchen können das Papsttum unter der heutigen Form und mit den
Implikationen, die damit zusammenhängen, nicht annehmen. Trotzdem mehren sich auch
hier Stimmen, die sich mit einer Art "Papst" als Primus anfreunden könnten.5
Die Theologen sind dem Aufruf von Papst Johannes Paul II. gefolgt: Vorschläge für
eine Reform des Papsttums gibt es seitens der katholischen und protestantischen
Theologen und Ökumeniker mittlerweile viele. In dieser Seminararbeit möchten wir
uns mit zwei Reformvorschlägen aus der französischsprachigen Theologie befassen.
1
Vgl. PAUL VI., a.a.O., 498: "Le Pape, Nous le savons bien, est sans doute l′obstacle le plus grave
sur la route de l′oecuménisme."
2
Vgl. FAMERÉE, 55-56. Außerdem wird oft darauf hingewiesen, dass aufgrund der aktuellen
Entwicklung der katholischen Kirche in den neuen Ländern und der immer größer werdenden
Komplexität der Probleme die Aufgabe, die auf den Schultern des Papstes ruht, so schwer
geworden ist, dass sie die Möglichkeiten eines einzelnen Menschen übersteigt: Dem Papst ist es
heute unmöglich, alle Entscheidungen, die in seinem Namen getroffen werden, selber zu
bedenken, so dass er völlig abhängig von seinen Beratern ist und man nicht weiß, was wirklich von
ihm kommt und was nicht. SESBOÜÉ bezeichnet das als eine höchst ungesunde Situation. Vgl.
SESBOÜÉ 2001, 262; 302-303.
3
Vgl. JOHANNES PAUL II, a.a.O., n° 95-96.
4
Vgl. LEUBA, 260-262.
5
So z.B. schon Karl Barth. Vgl. GIRAULT, 193.
3
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Zunächst seien jedoch einige allgemeine Überlegungen zur heutigen Situation der
französischen Theologie erlaubt. Vor kurzem hat Jürgen MOLTMANN der deutschen
Theologie vorgeworfen, sie sei einfallslos geworden.6 Dieser Vorwurf ist bei den
deutschen Theologen nicht zu unrecht auf Kritik gestoßen. Die Frage ist, inwiefern die
französische Theologie MOLTMANNs Vorwurf standhält. Die französische Theologie hat
im 20. Jahrhundert lange Zeit zur Avantgarde gehört. Theologen wie Henri de LUBAC
und vor allem Yves CONGAR waren zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils
führende Kräfte. Seither ist es jedoch, so diagnostiziert der französische Jesuit Pierre
VALLIN in einem jüngst erschienenen Artikel, ruhiger um die französische Theologie
geworden. Ihr scheint es seit längerem an Ausstrahlung zu fehlen.7 Dennoch ist sie
nicht einfallslos geworden. Eine ihrer Stärken ist weiterhin die Patristik und
infolgedessen auch die Ekklesiologie. Zahlreiche Theologen befassen sich mit
ekklesiologischen Themen, insbesondere auch mit der Frage des päpstlichen Primats.8
Im Jahr 1986 hat die ökumenische Theologengruppe GROUPE DES DOMBES ein
vielbeachtetes Dokument über das Papsttum veröffentlicht unter dem Titel "Le
ministère de communion dans l′Église universelle".9 Auch wenn es bereits 15 Jahre alt
ist, ist dieses Schreiben, das die Frage auf eine sehr einfühlsame und differenzierte
Weise und zudem auf eine `französische Art′ angeht, nach wie vor sehr lesenswert.10
Deshalb soll dieses Dokument Hauptgegenstand unserer Untersuchung sein.
Außerdem befassen wir uns mit Reformvorschlägen, die die belgisch-wallonische
Sektion der ASSOCIATION EUROPÉENNE DE THÉOLOGIE CATHOLIQUE unter der Leitung von
Paul TIHON kürzlich unter dem Titel "Changer la papauté ?" in Buchform vorgelegt
hat.11 Der Schwerpunkt liegt jedoch bewusst auf dem Schreiben des GROUPE DES
DOMBES.
6
Vgl. Publik-Forum (11.1.2002) 28-30.
7
Vgl. VALLIN, 582.
8
Vgl. VALLIN, 584.
9
Siehe Literaturliste. Wörtlich übersetzt lautet der Titel auf deutsch: "Das Amt der Gemeinschaft/
communio in der universalen Kirche." Im Folgenden mit "MComm" abgekürzt. Sämtliche Über-
setzungen sind von mir!
10 Vgl. FAMERÉE, 67.
11 Siehe Literaturliste.
4
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I. Ein neues "Amt der Gemeinschaft" nach dem GROUPE DES DOMBES
A. Vorbemerkungen
1. Zum GROUPE DES DOMBES
Der GROUPE DES DOMBES, der 1937 von Paul Couturier, einem der Pioniere der
Ökumene, ins Leben gerufen wurde, zählt heute etwa 40 Mitglieder - zur Hälfte
katholische und zur Hälfte protestantische (hauptsächlich reformierte) Theologen aus
Frankreich und der französischsprachigen Schweiz12 - die jedes Jahr die erste
Septemberwoche in der Trappistenabtei Notre-Dame des Dombes im Département
Ain, 40 km nördlich von Lyon, miteinander verbringen, um dort ihre Positionen
miteinander zu konfrontieren und einen wirklich `ganzheitlichen′ ökumenischen
Dialog zu betreiben: Die theologische Forschung geschieht hier im Rahmen eines
wahren Dialogs und in einer Atmosphäre des Gebets. Die Tatsache, dass die
Mitglieder sich persönlich sehr gut kennen und miteinander beten - was mit sich
bringt, dass Vorurteile abgebaut werden -, ist in ihrem positiven Einfluss auf die
theologische Forschung nicht zu unterschätzen.
Im Gegensatz zu anderen ökumenischen Dialogkommissionen hat der GROUPE DES
DOMBES kein offizielles kirchliches Mandat. Es handelt sich um eine Privatinitiative von
katholischen und protestantischen TheologInnen. Trotzdem - oder gerade deshalb -
sind sie längst zu einer unverwechselbaren und anregenden Stimme innerhalb der
theologischen Bemühungen um die Einheit der christlichen Kirchen und zu einer
wirklichen moralischen Autorität geworden.13 Ihre Arbeiten, die sie seit etwa 30 Jahren
unter der Form von "Dokumenten" veröffentlichen, stoßen bei den französischen
Theologen auf große Resonanz und werden als Abhandlungen erster Klasse und als
Referenztexte bezeichnet.14
2. Zu ihrem Verständnis von Ökumene
Der GROUPE DES DOMBES fühlt sich bewegt "von der Dringlichkeit oder eher der
Leidenschaft, endlich besser zusammen die in Jesus Christus geoffenbarte Liebe Gottes
zu bezeugen" und sind überzeugt, "dass die sichtbare und schöne
Communio
zwischen den christlichen Gemeinschaften noch mehr beitragen muss zu [deren]
Hoffnung einer Welt der Gerechtigkeit, in der das Brot geteilt werden wird und in der
die Wiederversöhnung der Christen den Menschen Sehnsucht nach
grenzüberschreitendem Frieden gibt."15 In diesem Abschnitt wollen wir thesenartig
12 Dazu gehört u.a. der bekannte Pariser Dogmatikprofessor Bernard SESBOÜÉ SJ, der übrigens 1984
zum Berater des römischen Sekretariats für die Einheit der Christen ernannt wurde.
13 Vgl. GIRAULT, 61-62; RUH 1991, 160.
14 Dies gilt ganz besonders auch für das zuletzt erschienene Dokument über Maria: Marie dans le
dessein de Dieu et la communion des saints, Paris 21999.
15 MComm (Liminaire), 1122: "Une urgence nous habite, ou plutôt une passion, celle de mieux
5
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untersuchen, welches Verständnis oder welche Vision von Ökumene die
Theologengruppe kennzeichnet. Wir berufen uns dabei auf ein weiteres ihrer
Dokumente, "Pour la conversion des Églises", sowie auf das Buch "Construire l′Église
une", das von René GIRAULT, einem Mitglied des GROUPE DES DOMBES, verfasst wurde
und unseres Erachtens dem Geist der Gruppe sehr gut entspricht.16
Roter Faden des Schreibens "Pour la conversion des Églises" ist, wie es auch aus dem
Untertitel hervorgeht, die Dialektik von Identität und Bekehrung. Die verschiedenen
Konfessionen müssen Schritte der Umkehr/
metanoia
tun. Sie sind dem GROUPE DES
DOMBES zufolge nur dann christlich, wenn sie sich öffnen für die Notwendigkeit der
Bekehrung.17 Insofern muss jede Konfession ein Schuldbekenntnis ablegen. Trotzdem
darf die Identität der einzelnen Konfessionen nicht verloren gehen. Es gilt also, offen
zu sein für Verzicht, aber ohne dass dabei Selbstaufgabe, Leugnung oder Verrat
geschieht. Das Dokument lädt weiter dazu ein, dass wir uns klarwerden, dass jeder
Konfessionskirche seit der Trennungen ein Stück Kirche fehle. Auch die katholische
Kirche habe durch die Spaltungen die Fülle ihres Kirchseins verloren und müsse sich
als unvollkommenes Sakrament, Sünderin und Faktor der Trennung betrachten. Ziel
der Ökumene sei eine wirkliche Einheit, die jedoch weder Uniformität noch bloße
Föderation sei.18
GIRAULT unterscheidet vier mögliche Auffassungen zur Realisierung der Einheit der
Christen.19 Die erste ist die Vorstellung der Einheit durch die "Absorption" der
anderen Kirchen. Diese wurde lange Zeit als die einzig mögliche angesehen, da jede
Konfession davon überzeugt war, als einzige die volle Wahrheit zu besitzen. Es ist dies
die Vorstellung, die im deutschen Sprachgebrauch gerne als "Rückkehr-Ökumene"
bezeichnet wird. Die zweite Auffassung geht auf Paul COUTURIER zurück, der - vor der
Gründung des GROUPE DES DOMBES - im Rahmen der Gebetswoche für die Einheit der
Christen vom 18.-25. Januar dazu einlud, zu beten "für die Einheit, welche Christus
will, in der Zeit und durch die Mittel die Er wählt". War dies auch eine
bemerkenswerte Intuition seitens COUTURIER, verführt diese Auffassung doch leicht zu
Passivität und Quietismus. Die dritte Vorstellung, die auch heute noch oft als die
einzig mögliche angesehen wird, besteht darin, eine Einheit in der Vielheit
anzustreben, "indem wir uns so nehmen wie wir sind". Auch Oscar CULLMANNs
Vorschlag einer Einheit
durch
die Vielfalt, d.h. einer Gemeinschaft von vollkommen
autonom bleibenden Kirchen, reiht GIRAULT in diese Kategorie ein. Er bezeichnet
témoigner enfin et ensemble de l′amour de Dieu manifesté en Jésus-Christ. Nous sommes
convaincus que la communion visible et belle entre les communautés chrétiennes doit contribuer
plus encore à témoigner de notre espérance d′un monde de justice, où le pain sera partagé entre
tous et où la réconciliation des Églises donnera aux hommes le goût de la paix, par-dessus toutes
frontières."
16 Zu den genauen bibliographischen Angaben, siehe Literaturliste.
17 Vgl. ConvEgl n° 8.
18 Vgl. ConvEgl n° 191.
19 Zum ganzen Abschnitt vgl. GIRAULT, 16-30.
6
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diese Sicht als eine billige und faule Lösung, die uns davon abhält, uns um eine
wirkliche Einheit zu bemühen: "Können wir wirklich so tun als ob die Unterschiede
nicht existieren würden und eine letztendlich billige Einheit verkünden?"20 Es geht ihm
darum, eine wirkliche Einheit bei einer legitimen Vielfalt zu erreichen. Solch eine
Einheit in der Vielfalt wird GIRAULT zufolge nur dann möglich, wenn alle Kirchen sich
für eine
metanoia
bzw. eine gegenseitige Bekehrung öffnen und die Anfragen der
anderen ernstnehmen. Eine solche gegenseitige Bekehrung könnte folgendermaßen
aussehen: Es gibt für jede Kirche einen wichtigen Punkt, in dem sie von allen anderen
interpelliert wird (GIRAULT spricht vom "Point d′attention"). Für die katholische Kirche
z.B. ist es die Autorität des Bischofs von Rom, für die protestantischen Kirchen ihr
Verständnis der evangelischen Freiheit im Verhältnis zum apostolischen Amt und für
die Orthodoxen ihr Verhältnis zur Welt und zur Geschichte. Wenn eine Kirche in
einem bestimmten und wichtigen Punkt bei allen anderen auf Kritik stößt, und dieser
Kritik bisher immer standgehalten hat, bedeutet das zweierlei: Einerseits handelt es
sich bei diesem Punkt um die tiefste "Treue" dieser Kirche, um den unverjährbaren
Anteil der Wahrheit, mit dem sie sich im Gewissen verbunden fühlt und den sie nicht
aufgeben kann, was bedeutet, dass dieser den anderen Kirchen so fremde Punkt der
"Dienst" der betreffenden Kirche an den anderen sein könnte. Zugleich aber gilt:
Wenn alle anderen Kirchen den besagten Punkt einstimmig kritisieren, bedeutet das
auch, dass es in diesem Punkt etwas zu bekehren bzw. zu reformieren gibt. Bei
diesem Bekehrungsprozess darf aber das Ziel nie aus dem Blick geraten: die volle
Gemeinschaft zwischen allen Kirchen in einer fruchtbaren Pluriformität, in der
evangelische Freiheit, Synodalität, Kollegialität und Primat miteinander versöhnt sind.21
B. Das Dokument von 1986
1. Hinführung
Im Dokument "Le ministère de communion dans l′Église universelle", mit dem wir
uns nun näher befassen, entwirft der GROUPE DES DOMBES Grundlinien eines
erneuerten Einheitsamtes für alle christlichen Kirchen. Wie könnte ein "ökumenisches
Petrusamt", d.h. ein Amt der Communio, das auch für die protestantischen Kirchen
akzeptabel oder sogar attraktiv wäre, aussehen? Welche Veränderungen müsste das
für das katholische Verständnis und die katholische Praxis mit sich bringen? Der
GROUPE DES DOMBES erhebt nicht den Anspruch, die ideale Antwort zu haben,
sondern möchte vielmehr mit seinem Schreiben eine Grundlage bieten und dazu
anregen, über diese Fragen weiter nachzudenken.22
20 GIRAULT, 25: "Pouvons-nous honnêtement faire comme si ces différences n′existaient pas et
proclamer une unité finalement à bon marché?"
21 Zum ganzen Abschnitt vgl. GIRAULT, 190-205; vgl. auch FAMERÉE, 57.
22 Vgl. MComm (Liminaire), 1122-1123.
7
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Das Schreiben gliedert sich in drei Teile: Der erste Teil ist historisch und befasst sich
mit der geschichtlichen Entwicklung in der Frage des Petrusamtes der letzten zwei-
tausend Jahre. "Wir haben verstanden, dass wir ein gemeinsames und präzises
Inventar machen mussten von all dem, was uns in den letzten zwanzig Jahrhunderten
passiert ist: hier finden wir für die aktuelle Situation Erklärungen und vielleicht auch
Mittel zur Überwindung."23 Dieser relativ lange historische Überblick stellt einen
Versuch dar, die Kirchengeschichte so zu schreiben, dass alle Kirchen sich darin
wiederfinden.24 Der zweite Teil befasst sich mit dem Zeugnis der Heiligen Schrift,
denn "die Wiederversöhnung unserer Kirchen setzt die Wiederversöhnung unserer
Deutungen der Hl. Schrift voraus"25. Wie der historische wird auch der exegetische
Befund jenseits der konfessionellen Deutungsmuster dargestellt. Darauf folgt nicht, wie
man es erwarten könnte, ein systematisch-theologischer, sondern ein eher "pastoraler"
Teil mit konkreten Vorschlägen sowohl an die katholische Kirche wie auch an die
Kirchen der Reformation, die alle zu einer
metanoia
aufgefordert sind.26 Auf diesem
letzten Teil liegt der Schwerpunkt unseres Interesses.
2. Zum Inhalt
a) Die Geschichte der Kirche neu lesen
Einleitend wird begonnen mit der Feststellung, dass es mittlerweile in sämtlichen
christlichen Konfessionen Bestrebungen gibt, ihre "Katholizität" zum Ausdruck zu
bringen.27 Auch das Schreiben des GROUPE DES DOMBES möchte beitragen zu der
Suche nach einer "Katholizität" und nach einem dieser Katholizität dienlichen
Einheitsamt. Da eine solche Suche nicht losgelöst von den zeitlichen Bedingungen
geschehen darf28, folgt eine Darstellung der 2000-jährigen historischen Entwicklung in
Bezug auf das Papstamt, bei der versucht wird, die Geschichte "neu zu lesen", d.h.
sie so darzustellen, dass alle Konfessionen sich darin wiederfinden können.29 Wir
wollen auf diesen historischen Teil, der auf eine sehr ausführliche Weise auf die
23 MComm (Liminaire), 1122: "Nous avons compris qu′il fallait faire un inventaire commun et précis
de ce qui nous est arrivé depuis vingt siècles: la situation actuelle y trouve en partie ses explications
et y trouvera peut-être ses remèdes."
24 Vgl. MComm (Liminaire), 1122.
25 MComm n° 95: "La réconciliation de nos Églises passe par la réconciliation de nos interprétations
de l′Écriture."
26 Insofern entwirft der GROUPE DES DOMBES kein Modell à la Rahner-Fries-Plan [FRIES, Heinrich;
RAHNER, Karl: Einigung der Kirchen - reale Möglichkeit (= Quaestiones disputatae 100), Freiburg
u.a. 31987].
27 Vgl. MComm n° 3. Die Verfasser denken hier an die Bemühungen des
Ökumenischen Rats der
Kirchen
(Schaffen von ökumenischen Räten der Kirchen in den einzelnen Ländern), der
katholischen Kirche (Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen dem Bischof von Rom und
den anderen Bischöfen seit dem II. Vatikanum), der anglikanischen Gemeinschaft
("comprehensiveness"), der orthodoxen Kirchen (panorthodoxe Konferenzen) sowie der
protestantischen Kirchen (Beziehungen zwischen den einzelnen Landeskirchen).
28 Vgl. MComm n° 5.
29 Vgl. MComm (Liminaire), 1122.
8
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Stellung des römischen Bischofs in der Kirche des ersten christlichen Jahrtausends
eingeht und die unterschiedlichen Wege, die die Kirchen nach den Trennungen des
11. bzw. 16. Jahrhunderts eingeschlagen haben, kommentiert, nur sehr summarisch
eingehen - so wichtig er auch ist.
Das erste Jahrtausend ist das Jahrtausend der Einheit: Die großen Kirchentrennungen
haben noch nicht stattgefunden (sieht man von den Abtrennungen der Kirchen,
welche die Konzile von Ephesus bzw. Chalcedon nicht rezipiert haben, im 5.
Jahrhundert, ab). Ein entscheidendes Ereignis in diesem ersten Jahrtausend ist das erste
ökumenische Konzil in Nicäa (325). Schon von der Kirche der ersten drei
Jahrhunderte ist das Entstehen gemeinsamer Anhaltspunkte (Kanon der Hl. Schrift,
Glaubensbekenntnisse, einheitliche Feier der Taufe und der Eucharistie) und
amtlichen Instanzen (Bischofsamt, lokale und regionale Synoden) bezeugt. Nach
Nicäa ist eine deutlichere Institutionalisierung zu beobachten. Insgesamt kann man
sagen, dass während der gesamten Väterzeit alle Kirchen in
communio
leben und sich
in ihrem Glauben an den erwähnten gemeinsamen Anhaltspunkten und an denselben
amtlichen Instanzen orientieren. Die Kirchen sind zudem alle der Auffassung, dass die
Kirche in Rom, d.h. die Kirche des Petrus und des Paulus, die erste der Kirchen ist,
dies nicht im chronologischen und auch nicht im politischen Sinn, jedoch unter
apostolischem Gesichtspunkt: Die Kirche von Rom ist die Kirche des Anführers der
Apostel und des Apostels aller Völker. Dieses Faktum verleiht ihr ein Primat. Es
handelt sich um ein "Ehrenprimat", das jedoch Verantwortlichkeit (Dienst an der
agape
und der kirchlichen
koinonia
und der Einheit) mit einschließt, nicht aber die
"Regierung" der Kirche.30
Mit der gregorianischen Reform kommt es zu einer größeren Zentralisierung - eine
Entwicklung, die wohl eine der (vielen) Ursachen für die Trennung von 1054 ist. War
das erste Jahrtausend das Jahrtausend der Einheit, so ist das zweite Jahrtausend das
Jahrtausend einer getrennten Kirche. Das Schisma von 1054 hat große Auswirkungen
auf das Innenleben der katholischen Kirche. Von nun an zentriert sich die katholische
Kirche, die jetzt nur noch aus dem Patriarchat von Rom besteht, mehr oder weniger
ausschließlich auf das personale Einheitsprinzip, d.h. den Papst. Aus der `
communio
mit Rom′ wird eine `römische Zentralisierung′, auch wenn das mittelalterliche
Christentum an sich eine vielseitige und alles andere als uniforme Erscheinung bleibt.
Die mit den Konzilien von Basel und Konstanz aufkommende Idee des Konziliarismus
wird anschließend verurteilt. Die Konziliaristen und die Anhänger des Papstes sind
sich aber in folgenden Punkten einig: Das Konzil erhält seine Autorität nicht vom
Papst, sondern von Christus her, und die Regierung der Kirche wird von Realitäten
geführt, die über dem Papst und über dem Konzil stehen: vom Gut des Glaubens und
dem Gut des Leibes Christi. Zu erwähnen ist auch, dass das abendländische
Mittelalter sich auch auszeichnet durch christliche Bewegungen, denen es um eine
Rückkehr zu den Ursprüngen und um eine evangeliumsgemäße Einfachheit geht
30 Vgl. MComm n° 13-46.
9
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(Bettelorden). Die byzantinischen orthodoxen Theologen entwickeln nach der
Trennung ihre eigene Ekklesiologie sowie die Theorie einer "Pentarchie". Ein Konzil
oder ein Dekret kann nur als ökumenisch gelten, wenn es von allen fünf Patriarchen
approbiert ist. Die Gründung des ottomanischen Reichs hat eine Akzentuierung der
Rolle des Patriarchen von Konstantinopel zur Folge.31
Nach dem abendländischen Schisma im 16. Jh. organisieren sich die Kirchen der
Reformation, die das Papstamt nicht mehr als Amt der Einheit ansehen können, indem
sie sich an folgenden drei Polen der Einheit orientieren: (1.) die souveräne Autorität
der Heiligen Schriften und deren Interpretation durch die Konzile, die ökumenischen
Glaubensbekenntnisse und die Bekenntnistexte der Reformation; (2.) das geweihte
Amt des Wortes und der Sakramente, welches eines der Zeichen der kirchlichen
Universalität darstellt; (3.) das Synodalleben, das sich um eine Verbindung zwischen
den einzelnen Kirchen bemüht. Während die lutherische Tradition die Ämter
(insbesondere das Bischofsamt), wie sie vor dem 16. Jh. existierten, anerkennt, sogar
dem Papst eine wichtige historische Rolle zuerkennt und ein Amt der Einheit,
repräsentiert durch den Bischof von Rom in Verbindung mit dem evangelischen Amt
des Petrus, akzeptiert, machen die Reformierten mit einem gewissen Radikalismus
tabula rasa
mit der Tradition, indem sie ein Gefüge von direkt im Neuen Testament
gründenden Ämtern wiederherstellen, ohne dass dabei ein institutionalisiertes
universales Amt sichtbar wird. Da der römische Zentralismus als eines der
Haupthindernisse für das spirituelle Gedeihen der Kirchen angesehen wird, errichten
die Reformierten ein konziliares-synodales System. Die ersten Reformatoren - sowohl
die Lutheraner wie die Kalvinisten - wünschten sich dringend die Abhaltung eines
durch den Papst einberufenen Generalkonzils, welches die Kirche in ihrem Glauben
und ihren Sitten reformieren sollte, sahen jedoch nach und nach von dieser Idee ab.
Bis heute ist es bekanntlich nicht zu einem solchen Generalkonzil gekommen. Die
Frage eines universalen und permanenten Amts der
communio
in der Kirche stand nie
im Vordergrund der Überlegungen der Reformatoren und deren Nachfolgern. Im
Laufe der Zeit haben sich verschiedene Haltungen herauskristallisiert: Für die einen
wird das Amt der
communio
direkt durch Jesus Christus, ohne menschliches
"Zwischenglied", repräsentiert; für andere gewährleistet das Glaubensbekenntnis die
sichtbare Einheit der Kirche; für noch andere muss ein Amt der
communio
notwendigerweise eine konkrete Gestalt annehmen, um die Treue der Kirche zu
ihrem Herrn zu gewährleisten.32
Das Trienter Konzil, das die Frage des Papstamtes in der Universalkirche an sich nicht
behandelt hat, stärkt die Rolle des Papstes beträchtlich: Der Papst erscheint als der
Garant der Einheit des Glaubens gegenüber der "Häresie" und als Bedingung der
Reformation und des guten Funktionierens der katholischen Kirche. Eine theologische
Strömung um Bossuet verteidigt eine
communio
-Ekklesiologie: Der Papst als Bischof in
31 Vgl. MComm n° 40-41; 47-66.
32 Vgl. MComm n° 67-74.
10
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der Mitte der Bischöfe wird als Nachfolger Petri verstanden, der damit beauftragt ist,
das
depositum fidei
und die Einheit der Kirche zu bewahren. Zu Beginn des 19. Jhs.
erscheint der Papst als der höchste und sicherste Garant einer Kirche, die von allen
Seiten angegriffen wird.33
Das I. Vatikanische Konzil kann als definitiver Triumph des personalen Amtes der
Einheit in der Kirche gelten. Die Mehrheit der Konzilsteilnehmer ist darauf bedacht,
der Welt einen weitestmöglichst ausgedehnten päpstlichen Primat vorzustellen, indem
man ihn mit den Attributen einer
potestas ordinaria, immediata
und
vere episcopalis
qualifiziert.34 Unfehlbarer, höchster Pontifex - so wird der Papst nun genannt und von
den Gläubigen regelrecht verehrt, welche in ihm das unzerstörbare Zeichen ihrer
christlichen Identität sehen. Der GROUPE DES DOMBES weist jedoch darauf hin, dass es
beim I. Vatikanischen Konzil auch eine Minderheit gab, die historische und
theologische Bedenken hatte in Bezug auf einen absoluten Monarchen oder einen
"Super-Bischof", sowie dass man sich über die genaue juristische Bedeutung der
verwendeten Termini im Klaren sein muss: "ordinarius" ist nicht das Gegenteil von
"extraordinarius", sondern von "delegiert"; "immediatus" (womit die Möglichkeit des
direkten In-Kontakt-treten jedes Gläubigen mit dem Papst gemeint ist) hebe die
Jurisdiktion des Bischofs nicht auf; "vere episcopalis" sei im Sinne von "wirklich
pastoral" zu verstehen. Der durch das I. Vatikanische Konzil definierte Primat verletze
das Amt der einzelnen Bischöfe nicht. Es gebe auch keinen Grund, den Papst als
Bischof der Bischöfe oder als ersten Bischof aller Christen zu definieren: Der Papst ist
der gemeinsame Hirte der Bischöfe und Gläubigen,
weil
er Bischof von Rom ist.35
Das II. Vatikanische Konzil hebt die Aussagen des I. Vatikanischen Konzils nicht auf,
sondern wiederholt sogar die Aussagen in aller Deutlichkeit (LG 22, Nota praevia 3),
eröffnet jedoch trotzdem immense Möglichkeiten: Die Kirche wird als Volk Gottes
definiert; die bischöfliche Kol egialität wird wiederentdeckt; die Theologie der
Ortskirchen und der
communio
wird erneuert; die Idee des Ökumenismus taucht
offiziell in den Dokumenten auf. Die Konzilstexte bieten eine gute Basis für ein
Gleichgewicht zwischen personaler, kollegialer und gemeinschaftlicher Dimension in
der Ausübung des Amtes der
communio
in der Universalkirche.36
b) Die Geschichte der Schriftauslegung neu lesen
Die Nummern 95-132 befassen sich mit den neutestamentlichen Grundlagen für ein
erneuertes Amt der Gemeinschaft. In einem ersten Schritt wird sich mit der
Primatstelle Mt 16,17-19 befasst. Da jedoch die Gefahr besteht, "in der Hl. Schrift
33 Vgl. MComm n° 75-80.
34 Vgl. Denz.-S. 3060.
35 Vgl. MComm n° 82-86.
36 Vgl. MComm n° 87-88.
11
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eine bestimmte Situation zu privilegieren und partielle Daten in ein einziges und
obligatorisches Modell zu verwandeln", folgt in einem zweiten Schritt anhand der
Untersuchung von weiteren Schriftstellen eine grundsätzlichere Reflexion über die
Dimensionen der Einheit im Neuen Testament.
) Zur Auslegung der Primatstelle (Mt 16,17-19)
In einem ersten Schritt weisen die Verfasser nach, dass es in der frühen Kirche keine
einheitliche Interpretation der Primatstelle gibt: Die Kirchenväter, welche diese Schrift-
stelle ab dem 3. Jahrhundert kommentieren, beziehen das Wort Jesu an Petrus
entweder auf alle Christen, oder auf alle Apostel und die Bischöfe als deren
Nachfolger, oder auf die Person des `Petrus′. Vertreter der ersten Deutung sind etwa
Origines oder Johannes Chrysostomos: Jeder Christ, der seinen Glauben bekennt,
verdient in gewisser Weise den Namen des Petrus. Cyprian von Karthago bezieht das
Wort auf die Apostel und deren Nachfolger: Der bekennende Petrus repräsentiert alle
Apostel, welche auch ihrerseits die Verheißung zum Binden und Lösen (Mt 18,18)
erhalten und Fundamente der Kirche sind (Eph 2,20) und diese Funktion an die
Bischöfe weitergeben. Andere Väter beziehen das Wort auf die Person des Petrus.
Petrus wird als Fundament der Kirche betrachtet, entweder weil er der ist, dem die
Schlüssel zum Himmelreich und die Vollmacht zu binden und zu lösen übertragen
worden sind (vgl. Mt 18,18) - so etwa Tertullian - oder aber weil er das
Glaubensbekenntnis abgelegt hat - so etwa Hilarius von Poitiers, Johannes
Chrysostomos oder Augustinus. In allen Fällen aber wird nicht vergessen, dass der
erste Stein, auf dem die Kirche gebaut ist, Christus selbst ist.37 So treten drei
Dimensionen zutage: eine
gemeinschaftliche
Dimension (die
ganze
Kirche bekennt
ihren Christusglauben), eine
kollegiale
Dimension (die zum Ausdruck kommt im
Kollegium der Apostel, welche die gleiche Vollmacht wie Petrus erhalten und auch als
Fundamente der Kirche bezeichnet werden) und eine
personelle
Dimension (die zum
Ausdruck kommt in der Person des Apostels Petrus, welcher einerseits den Glauben
der ganzen Kirche repräsentiert und andererseits durch sein Christusbekenntnis
Fundament, Prinzip oder Garant der Einheit der Kirche und der Erste der Zwölf ist).38
Nach den Kirchenspaltungen des 11. und 16. Jahrhunderts haben die katholische,
orthodoxe und reformatorische Tradition eine der drei Dimensionen dieses
"artikulierten und komplementären Gewebes von Bedeutungen"39 zur Legitimierung
ihres Kirchenverständnisses einseitig herausgegriffen und oft polemisch gegeneinander
verwendet. So habe die katholische Kirche in dem Stein, auf dem Jesus seine Kirche
baut, vor allem oder fast ausschließlich die
Person
des Apostels Petrus und der
Bischöfe von Rom als seine Nachfolger gesehen, während die orthodoxe Kirche in der
Primatstelle entweder das Glaubensbekenntnis der ganzen Kirche herausgelesen bzw.
37 Vgl. MComm n° 96-100.
38 Vgl. MComm n° 103.
39 MComm n° 104.
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Petrus als Repräsentant aller Apostel und aller apostolischen Stühle gesehen habe. Die
Kirchen der Reformation sehen in diesem Stein entweder das Bekenntnis zu Christus
oder Petrus als den ersten Christusbekenner, und lehnen jedweden institutionellem
Impakt dieser Schriftstelle im Sinne eines Nachfolgers Petri ab.40
) Dimensionen der Einheit im Neuen Testament
Es wäre jedoch einseitig, das Amt der
communio
ausschließlich durch die matthäische
Primatstelle zu beleuchten. So folgt in einem zweiten Schritt eine grundsätzlichere
Auseinandersetzung mit dem Thema Einheit und Gemeinschaft im Neuen Testament,
und es wird gezeigt, dass es auch dort selbst eine Vielfalt von Einheits- und
Gemeinschaftsmodellen gibt. Folgende Aspekte werden im Schreiben unterstrichen:
Aus den Paulusbriefen geht hervor, dass die einzelnen Kirchen, die von Paulus
gegründet worden sind, darum bemüht waren, miteinander in Beziehung zu sein,
ihren Glauben und ihre Freude auszutauschen und sich gegenseitig zu stärken.41 Auch
die Kollekten, die in den Gemeinden für die Gemeinde in Jerusalem organisiert
wurden (vgl. Röm 15 u.a.), dienten auch der Förderung dieser Beziehungen. Paulus
sah diesen Dienst an der Gemeinde in Jerusalem für die heidenchristlichen
Gemeinden als verpflichtend an, "aber er sagt nicht, dass die Kirche von Jerusalem
mehr
Verantwortung für die Einheit hat und irgendeinen Vorrang vor den anderen
hat"42, auch wenn sie in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte als "Mutterkirche",
von der alle Missionare, Aposteldelegierte, Apostel, Dekrete usw. ausgingen,
erscheint. Danach wird Jerusalem nicht mehr als Sitz der verantwortlichen Kirche
beschrieben, sondern als der Ort, an dem Paulus gelitten hat. Bedeutet das, dass die
Aufgabe der Sorge um die Einheit der Kirche nun an die Kirche von Rom
übergegangen ist? Der GROUPE DES DOMBES weist darauf hin, dass nirgendwo im
Neuen Testament von einer solchen Übergabe die Rede ist. Der Primat der Kirche von
Petrus und Paulus, d.h. von Rom, ist ein Datum, das noch nicht im Neuen Testament
enthalten ist.43
Eine weitere Schriftstelle, die in unserem Zusammenhang wichtig ist, ist der Bericht
über das Apostelkonzil (Apg 15). Auf diesem Konzil "wurde
die
große Entscheidung
der Geschichte des Neuen Testaments gemeinsam getroffen"44. Die einzelnen Apostel,
die von ihrer persönlichen Meinung überzeugt waren, waren sich einig, die strittigen
40 Vgl. MComm n° 104-107.
41 Vgl. MComm n° 113. Von Beziehungen zwischen judenchristlichen und heidenchristlichen
Gemeinden sowie von Beziehungen zu Gemeinden, die nicht von Paulus gegründet worden sind,
wird nichts gesagt, aber es ist davon auszugehen, dass auch solche bestanden. Vgl. MComm n°
114.
42 MComm n° 115: "[...] il ne dit pourtant pas que l′Eglise de Jérusalem est davantage responsable
de l′unité et a une quelconque préséance sur les autres."
43 Vgl. MComm n° 117: "La primauté de l′Église de Pierre et de Paul, c′est-à-dire de Rome, est une
donnée postérieure au Nouveau Testament."
44 MComm n° 121: "[...]
la
grande décision de l′histoire du Nouveau Testament fut prise
collectivement."
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Fragen gemeinsam zu besprechen und zu regeln. So erscheint die kollegiale
Dimension in der ganzen Apostelgeschichte als die entscheidende bei großen
Beratungen und Entscheidungen. Die Frage, ob man daraus auf eine Überlegenheit
der kollegialen Autorität zu der Autorität der einzelnen Apostel schließen kann, ist
vom Neuen Testament her nicht zu beantworten.45
Kollegialität erscheint also als ein wesentliches Element der kirchlichen
communio
.
Trotzdem ist auch die Gnade, die die einzelnen Apostel empfangen haben,
wesentlich. Die kollegiale Dimension ersetzt nicht die Initiativen der einzelnen
Apostel: Jakobus und Petrus schreiben privat an alle Kirchen; Paulus wendet sich im
Römerbrief an die Kirche in Rom, die er nicht gegründet hat. Die Apostel fühlen sich
also nicht nur verantwortlich für ihr Missionsgebiet, sondern für die ganze Kirche.46
Gab es in der Gruppe der Apostel einen Primat? Gab es einen, der vom Herrn eine
spezielle Verantwortung und Autorität bekam im Sinne eines Amtes der
communio
?
Hier sind wir dann doch wieder auf die Primatstelle im Matthäusevangelium
verwiesen. Dass Petrus vom Herrn eine spezielle Mission empfangen hat, wird heute
von niemandem mehr ernsthaft bestritten. Dass die Primatstelle nicht bei den anderen
Synoptikern zu finden ist und nicht dem jesuanischen Vokabular entspricht, also
wahrscheinlich einer späteren Tradition entspricht, scheint auch keine Schwierigkeiten
mehr zu bereiten. Den Theologen des GROUPE DES DOMBES zufolge hat die
Primatstelle, die im Kontext gelesen werden muss, einen großen ekklesiologischen
Wert. Sie erkennen in der Person und der Rolle des Petrus "das Auftauchen einer
wesentlichen Komponente des Amtes der Gemeinschaft. Denn es sieht so aus, dass
Mt 16,17-19 nur eine Autorität bestätigt, deren Realität in den anderen petrinischen
Traditionen im Neuen Testament nachgewiesen wird."47
Bei alledem ist jedoch zu beachten, dass Jesus die Autorität, die er Petrus verleiht, den
anderen Jüngern nicht entzieht.48 Durch die besondere Mission des Petrus werden
andere persönliche Charismen auch nicht ausgeschlossen: So steht Petrus z.B. im
vierten Evangelium in Konkurrenz zum "Jünger, den Jesus liebte" (Joh 20-21), welcher
zuerst am Grab ankommt, aber dann doch Petrus den Vortritt gewährt.
Zusammenfassend kann man sagen: Im Neuen Testament artikulieren sich Einheit und
Gemeinschaft in sehr verschiedenen Dimensionen, die sich nicht gegenüberstehen,
sondern sich gegenseitig ergänzen: Verantwortung der einzelnen Ortskirchen, kollegial
wahrgenommene Verantwortung der Apostel und persönliche Initiativen der
einzelnen Apostel. Die drei Dimensionen, die in der Untersuchung der patristischen
45 Vgl. MComm n° 118-122.
46 Vgl. MComm n° 123-124.
47 MComm n° 128: "[...] l′émergence d′une composante essentielle du ministère de communion. Car
il semble que Mt 16,17-19 ne fasse qu′officialiser ou consacrer une autorité dont les autres
traditions du Nouveau Testament sur Pierre montrent par ailleurs la réalité."
48 Vgl. MComm n° 127; 131.
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Auslegungen der Primatstelle herausgearbeitet worden sind - gemeinschaftliche,
kollegiale und personelle Dimension -, haben sich auch in der Betrachtung des Neuen
Testaments herausgeschält. Diese Pluralität und Komplementarität der Dimensionen
sollte auch heute wieder zur Geltung gebracht werden. Muss nicht sogar diese
Pluralität in der Bibel, die auch für die katholische Kirche
norma normans
ist, als
normativ betrachtet werden?49
c) Vorschläge an die Kirchen
Nach der Betrachtung des biblischen Repertoires, die natürlich nicht alle Fragen
beantwortet hat, folgt nicht ein systematisch-theologischer Teil, sondern ein Kapitel
mit konkreten Vorschlägen an die katholische und die protestantische Kirche. Auch
hier kommt das Grundanliegen einer
metanoia
der einzelnen Konfessionen sowie die
Vorstellung eines universalen Amtes der Einheit, das in einer ausgewogenen Weise
gleichzeitig persönlich, kollegial und gemeinschaftlich ausgeübt wird, zur Geltung.
) Vorschläge an die katholische Kirche
Es fällt auf, dass die Liste der Vorschläge an die katholische Kirche umfangreicher und
konkreter ausgefallen ist.50 In Nr. 133 heißt es: "Das Amt der Gemeinschaft und der
Einheit hat in der katholischen Kirche immer eine besondere Gestalt gehabt.
Grundlage dessen ist traditionellerweise die dem Bischof von Rom zuerkannte Rolle.
Was ein besonderes Charisma der katholischen Kirche ist, müsste ein Gut aller
Christen werden können [...]."51 Damit ein solches Amt jedoch von den anderen
christlichen Konfessionen anerkannt wird, scheint eine Bekehrung der Person und der
Ausübung des römischen Bischofsamtes unabdingbar. Denn: "Aus der Sorge um die
Einheit ist ein Faktor der Uniformität geworden"52. So spricht sich das Dokument
konsequent für eine Dezentralisierung der Verantwortlichkeiten in der katholischen
Universalkirche aus, im Sinne eines Gleichgewichts von gemeinschaftlichem,
kollegialem und personellem Prinzip:
Die
communio
, die zuerst Werk des heiligen Geistes ist, ruht vor allem auf der
Dynamik der
communio
innerhalb der Ortskirchen. Insofern ist nicht nur die
Kirchenleitung, sondern jeder Gläubige herausgefordert, wirklich Gemeinschaft zu
leben und nicht zentrifugale Tendenzen zu entwickeln, auf die der Hl. Stuhl
seinerseits mit einer Zentralisierung reagiert.53 Die
communio
ruht weiter auf den
49 Vgl. MComm n° 108.
50 Vgl. RUH 1986, 117.
51 MComm n° 133: "Le ministère de la communion et de l′unité a toujours pris dans l′Eglise
catholique un relief particulier. Le rôle dévolu à l′Évêque de Rome en est traditionnellement la clé
de voûte. Ce qui constitue un charisme propre à l′Église catholique devrait pouvoir devenir le bien
de tous les chrétiens [...]."
52 MComm n° 133: "le souci de l′unité est devenu un facteur d′uniformité"
53 Vgl. MComm n° 136: "La faiblesse humaine amène souvent le développement de tendances
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Beziehungen zwischen den Ortskirchen. Die Verfasser bejahen ausdrücklich
Partnerschaften zwischen den Bistümern, durch die wahrer spiritueller und materieller
Austausch und die vom Zweiten Vatikanischen Konzil gewünschte
communio
-
Ekklesiologie zustandekommen. Es gilt also, mehr dem Heiligen Geist zu vertrauen,
die Verantwortlichkeiten zu dezentralisieren und auch verstärkt Laien in die
Verantwortung mit einzubeziehen.54
Was den kollegialen Aspekt betrifft, so spricht sich das Dokument für einen größeren
Entscheidungsspielraum der Bischofskonferenzen, "kostbare Instrumente des Amtes
der Gemeinschaft in den Ländern oder Gebieten"55, aus. Deren Entscheidungen
sollten dann nur noch vom Heiligen Stuhl approbiert werden müssen, wenn sie
unmittelbar die Universalkirche betreffen. Des Weiteren schlägt der GROUPE DES
DOMBES eine Entflechtung der beiden Funktionen des Bischofs von Rom in der
westlichen Kirche vor: seine Verantwortung als Amtsträger der Gemeinschaft aller
Kirchen und seine Verantwortung als Patriarch der Kirche im Abendland. Damit diese
Unterscheidung wirklich wirksam wird, könnte die westliche Kirche in mehrere
"Kontinentalkirchen" eingeteilt werden. Diese sollten kanonisch anerkannt sein und
eine große Autonomie und Entscheidungskompetenz besitzen (z.B. in den Bereichen
Liturgie, Bischofsernennungen, Katechese, strukturelle Organisation der Kirchen).
Solche Kontinentalkirchen, die auch im Zusammenhang der Herausforderung der
Inkultu-ration sehr hilfreiche Einrichtungen wären, wären eine neue Form von
Patriarchaten. Wenn die ökumenischen Bemühungen weiter fortgeschritten wären,
könnten neue Patriarchate, wie etwa das Patriarchat der anglikanischen Gemeinschaft,
hinzukommen. Nach SESBOÜÉ würde eine solche Dezentralisierung der Kirche ein
neues Gesicht geben und "würde den orthodoxen Patriarchaten, der anglikanischen
Gemeinschaft, eventuell auch den Föderationen der aus der Reformation
hervorgegangenen Kirchen es erlauben, konkret zu sehen, was die Erneuerung der
Bindung in voller Gemeinschaft an die Kirche von Rom für sie bedeuten würde."56
Der GROUPE DES DOMBES spricht sich weiter aus für eine Wiederbelebung des
Synodalwesens auf allen kirchlichen Ebenen sowie für eine weiterreichende
Entscheidungskompetenz der römischen Bischofssynode.57
centri-fuges [...], auxquelles répond une activité centralisatrice de la part du Siège de Rome." An
dieser Stelle zeigt sich unseres Erachtens besonders die Einfühlsamkeit des Dokumentes.
54 Wiederum ist nicht nicht nur die Kirchenleitung gefordert: Wie oft kommt es vor, dass der Papst
von Gläubigen regelrecht zu einem Idol erhoben wird, das an die Stelle Gottes tritt? Wie oft
kommt es vor, dass Laien direkt an Rom appellieren, ihre Bischöfe übergehen oder sich gegen sie
wenden? Vgl. MComm n° 138-139.
55 MComm n° 141: "[...] des instruments précieux du ministère de communion au sein de leurs
nations ou territoires".
56 SESBOÜÉ 1990, 35: "[...] elle permettrait aux patriarcats orthodoxes, à la Communion anglicane,
éventuellement aux fédérations mondiales des Églises issues de la Réforme, de voir concrètement
à quoi les engagerait le lien de la pleine communion renoué avec l′Église de Rome."
57 Vgl. MComm n° 140-147.
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Was die personelle Dimension angeht, gilt Folgendes: Die katholischen Mitglieder des
GROUPE DES DOMBES halten an der Glaubenslehre der katholischen Kirche fest und
sind davon überzeugt, dass der Papst als Bischof von Rom ein Amt ausübt, das die
ganze Weltkirche betrifft und das notwendigerweise zur Struktur der Kirche gehört.
Nun bezeugt uns aber die Tradition, dass Dogmen oft im Laufe der Geschichte
sprachlich verbessert oder gar "korrigiert" worden sind, zu einem besseren oder
ausgeglicheneren Verständnis. Genau so wünscht sich der GROUPE DES DOMBES, "dass
der dogmatische Ausdruck dieses Amtes [d.h. des Papstamtes], der seit dem I.
Vatikanischen Konzil gegeben ist, und der die christliche Sensibilität unserer
getrennten Brüder im Osten und Westen zutiefst verletzt, Anlass gibt zu einem
offiziellen und aktualisierten Kommentar, ja sogar zu einer Erneuerung des
Vokabulars, zwecks der Integrierung in eine Ekklesiologie der Gemeinschaft."58 Aber
auch die konkrete Gestalt des Papstamtes sollte erneuert werden. Die Revalorisierung
seiner Funktion als Hirt bzw. als Bischof der Ortskirche von Rom würde sicher dazu
beitragen, dass sich das Image des Papsttums grundlegend ändere. Bei al en
metanoia
-
Bemühungen sollte das Amt der Gemeinschaft jedoch keine Schwächung oder
Verarmung erfahren, sondern im Gegenteil eine starke Kraft bleiben, die alle Kirchen
in den Herausforderungen der säkularen Welt und beim Druck verschiedener Kräfte
unterstützt, dies jedoch in evangelischer Transparenz und unter Berücksichtigung der
anderen Dimensionen des Gemeinschaftsamtes.59
) Vorschläge an die Kirchen der Reformation
An die Kirchen der Reformation richtet sich hauptsächlich die Aufforderung, sich
stärker mit dem Gedanken eines Amts der Gemeinschaft auf universalkirchlicher
Ebene anzufreunden. Es wird einleitend festgestellt, dass sie alle die "heilige
katholische Kirche" bekennen, jedoch nicht im Stande sind, klar zu sagen und auf
universaler Ebene zu zeigen, wie diese "Katholizität" der Kirche sichtbar gelebt
werden kann. Dies liegt dem GROUPE DES DOMBES zufolge zum Teil einfach an der
historischen Tatsache, dass die römisch-katholische Kirche den Primat des Bischofs
von Rom als Zeichen und Ausdruck der Universalität der ganzen Kirche allein
beansprucht hat.60 Es braucht jedoch in der Kirche "konkrete Zeichen unserer
Bekehrung zu Christus, Haupt der Kirche und Quelle aller wiedergefundenen
Gemeinschaft"61. Deshalb sind die Protestanten vor folgende Herausforderungen
gestellt: Auf gemeinschaftlicher Ebene sollte die einfache Regruppierung der
konfessionellen Allianzen überwunden werden. Auch die Idee einer "konziliaren
Gemeinschaft" des ÖRK fordert die einzelnen Kirchen nicht genug heraus. "Die
58 MComm n° 149: "[...] nous souhaitons que l′expression dogmatique de ce ministère, qui est
donnée depuis le Concile Vatican I et qui heurte profondément la sensibilité chrétienne de nos
frères séparés d′Orient et d′Occident, donne lieu à un commentaire officiel et actualisé, voire à un
changement de vocabulaire, qui l′intègre dans une ecclésiologie de communion."
59 Vgl. MComm n° 148-151.
60 Vgl. MComm n° 152-153.
61 MComm n° 152.
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Grundlage des Ökumenischen Rat der Kirchen ist embryonal und von einem
wirklichen Glaubensbekenntnis weit entfernt."62 Was die kollegiale Dimension angeht,
so wird bedauert, dass diese oft überbetont wird, und dass kongregationalistische oder
charismatische Tendenzen aufkommen.
Die protestantischen Kirchen müssen sich die Frage stellen nach den Ursachen, die sie
davon abhalten, ein universales (von allen zentralistischen und machthaberischen
Tendenzen gereinigtes) Amt der
communio
zu konzipieren bzw. anzuerkennen.
"Wozu diente [...] die Übereinstimmung unserer gemeinsamen Forschungen in den
Bereichen der Bibel, der Patristik, der Theologie, der Geschichte und der Diakonie,
wenn diese Forschungen nicht ihre Vollendung und ihre Anwendung fänden in dem
Willen und der Kapazität zum Zusammenleben der christlichen Gemeinschaften, die
alleine ohne die anderen nicht Kirche Christi sein könnten?"63 Ein Amt der
Gemeinschaft und der Einheit müsste nach dem Schreiben des GROUPE DES DOMBES
unter dem Gesichtspunkt des personellen Prinzips folgende Bedingungen erfüllen: Es
kann nur in der wachsamen Unterordnung unter das Wort Gottes und gegebenenfalls
in der Öffnung für eine
correctio fraterna
wahrgenommen werden; es kann nur von
einem persönlichen Bischofsamt in Bezug auf eine Partikularkirche ausgehen; es muss
ausgeübt werden in der Kollegialität (Konzilien, Synoden, Beratungen durch Bischöfe,
Priester, Diakone und Laien). Die Rolle des Papstes wäre also etwa die "eines
Schiedsrichters in der bischöflichen Kollegialität und in den Konzilsversammlungen,
eine universale
episcope
-Funktion, um die Einheit unter den Partikularkirchen
anzuregen, ein prophetischer Dienst, um der Kirche neue Perspektiven zu öffnen."64
In einem "Voeu final", der sich sowohl an die katholische wie die protestantische
Kirche richtet, regen die Verfasser zur Einberufung einer großen Versammlung an, an
der Repräsentanten der katholischen Kirche und Vertreter des Ökumenischen Rat der
Kirchen teilnehmen sollten, und in der man sich mit den vielen Arbeiten, Vorstößen
und Einigungen, die auf ökumenischen Gebiet erfolgt sind, beschäftigen sollte. Eine
solche Versammlung könnte zwar nicht Konzil genannt werden, wäre jedoch nach
Meinung des GROUPE DES DOMBES fruchtbar für den Fortgang der ökumenischen
Bemühungen und entspräche dem Wille Jesu Christi, seine Kirche zu einigen.65
3. Kritische Würdigung
62 MComm n° 155: "La base du Conseil oecuménique des Églises est embryonnaire et encore
éloignée d′une véritable confession de foi."
63 MComm n° 159: "A quoi servirait [...] la convergence de nos recherches communes dans les
domaines biblique, patristique, théologique, historique et diaconal si ces recherches ne trouvaient
leur aboutissement et leur début d′application dans la volonté et la capacité de vivre ensemble des
communautés chrétiennes qui ne peuvent être Églises du Christ les unes sans les autres?"
64 MComm n° 158: "[...] un rôle d′arbitre dans la collégialité épiscopale et dans les assemblées
conciliaires, une charge d′
épiscopè
universelle pour stimuler l′unité entre les Églises particulières,
un service prophétique pour ouvrir de nouvelles perspectives à l′Église."
65 Vgl. MComm n° 163-164.
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Das Dokument des GROUPE DES DOMBES erscheint uns als sehr einfühlsam, taktvoll
und auch ausgewogen. Zugleich richtet es einen klaren Auftrag sowohl an die
katholische wie auch an die protestantische Kirche. Der Gedanke einer
metanoia
und
einer gegenseitigen Bekehrung der einzelnen Konfessionen scheint uns die einzige
Möglichkeit zu sein, wenn wir auf dem Weg der Ökumene weiterkommen wollen,
um eine wirkliche Wiederversöhnung bemüht sind und uns nicht mit einer billigen
Einheit in der Vielheit zufriedengeben möchten. Der Vorschlag eines harmonischen
Ausgleichs zwischen gemeinschaftlicher, kollegialer und personeller Dimension des
Papstamtes, der schon in der aus der Sitzung der Kommission
Faith and Order
in Lima
(1982) hervorgegangenen Konvergenzerklärung "BEM" (Baptême-Eucharistie-
Ministère) enthalten ist66 und vom GROUPE DES DOMBES konsequent als ein
Grundprinzip aufgenommen worden ist, wird auch in der darauffolgenden Zeit immer
wieder aufgegriffen und weiterentwickelt.67 Auch 15-20 Jahre nach den Erklärungen
von Lima und dem Erscheinen des Dokuments des GROUPE DES DOMBES gibt es in der
katholischen Kirche weiterhin ein Ungleichgewicht zwischen den drei Dimensionen:
Auch wenn diese formal bekannt werden, ist das personelle Prinzip nach wie vor sehr
dominierend. In diesem Punkt müsste die katholische Kirche ihre existentielle
metanoia
ansetzen.68
66 BEM n°26 (siehe Lit.).
67 So z.B. jüngst bei FAMERÉE, 65-66 und v.a. bei SESBOÜÉ 2001, 243-264.
68 Vgl. SESBOÜÉ 2001, 244.
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II. Das Papsttum reformieren? - Reformvorschläge aus Belgien
Im Folgenden möchten wir uns noch kurz mit den bereits angesprochenen
Reformvorschlägen der wallonischen Sektion der ASSOCIATION EUROPÉENNE DE
THÉOLOGIE CATHOLIQUE, die in Buchform unter dem Titel "Changer la papauté"
erschienen sind69, befassen. Im Besonderen sollen die Beiträge des Exegeten Jean-
Marie VAN CANGH, des Ekklesiologen Joseph FAMERÉE und des Kirchenrechtlers
Alphonse BORRAS - alle drei Professoren an der Katholischen Universität Leuven - in
den Blick genommen werden.
A. Exegetische Perspektive
70
VAN CANGH geht aus von der markinischen Fassung des Messiasbekenntnisses des
Petrus (Mk 8,27-33), welche alle Garantien der Historizität besitzt. Ihm zufolge führt
die Primatstelle Mt 16,17-19 diese Perikope Mk 8,27-33 fort, in der am Ende
geschildert wird, wie Jesus Petrus als Satan scheltet, da er das Leiden des Messias
verwirft. Bei Mt 16,17-19 handelt es sich offensichtlich um einen redaktionellen
Zusatz durch Matthäus, der relativ ungeschickt eingefügt ist, so dass davon
auszugehen ist, dass es sich hier nicht um ein echt jesuanisches Wort handelt. Diese
Annahme wird gestützt durch die Tatsache, dass Jesus Petrus in den Evangelien immer
mit `Simon′ anspricht. Bei `Petrus′ handelt es sich um einen Beinamen, der eine
Charakteristik des Apostels bezeichnet. Petrus erhält hier einen Namen, der seine
Funktion in der Zukunft bezeichnet. Die Umbenennung erfolgt in Mk 3,16 bzw. in
Joh 1,42. In Joh 1,35-40 fällt des Weiteren auf, dass Petrus als dritter Apostel genannt
wird und nicht er, sondern sein Bruder Andreas in Jesus den Messias erkennt. Petrus
erscheint sodann in drei unabhängigen Zeugnissen als der erste offizielle Zeuge der
Auferstehung (1 Kor 15,5; Lk 24,34; Mk 16,7). Es liegt deshalb nahe, anzunehmen,
dass es sich bei Mt 16,17-19 um eine Projektion der ersten Erscheinung Jesu an Petrus
in das irdische Leben Jesu, d.h. um eine nachösterliche Verheißung handelt. Ein
weiteres Argument für diese Annahme bringt uns der Vergleich mit dem Paralleltext
Gal 1,64. Außerdem setzt der Gebrauch des Wortes eine spätere Theologie
voraus, da Jesus bekanntlich nicht von Kirche, sondern vom
gesprochen hat. Daraus kann geschlossen werden, dass es sich bei Mt 16,18 um eine
freie Komposition des Evangelisten handelt, die sicherlich auf zwei authentischen
Fakten aufbaut (die Bezeichnung Simons als Petrus sowie die erste offizielle
Erscheinung des Auferstehen-den an Petrus), deren Inhalt jedoch nicht mehr genau
aufzuhellen ist. "Wir sollten also bescheiden sein und uns hüten vor jeglicher
apologetischer Verwendung dieser Texte, deren ursprünglicher Inhalt uns völlig
entgeht."71 VAN CANGH ruft sodann in Erinnerung, dass die drei Evangelisten, die die
69 Siehe Literaturliste.
70 Changer la papauté, 41-62.
71 "Il faut donc rester modeste et se garder de toute utilisation apologétique des textes dont le
contenu primitif nous échappe totalement." (Changer la papauté, 55).
20
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Erscheinungen des Auferstehenden erwähnen, einhellig die erste Erscheinung den
Frauen, insbesondere Maria Magdalena zugestehen, so dass man also paradoxerweise
behaupten kann, dass die Frauen die ersten Gründerinnen der Kirche sind, da sie als
erste das frühe Kerygma von 1 Kor 15,3-4 bezeugen, und, wenn man der ältesten
evangelischen Überlieferung Glauben schenkt, sie die ersten Verkünderinnen der
Auferstehung sind.
In einem zweiten Schritt geht VAN CANGH ein auf das Verhältnis zwischen Petrus und
Paulus. Ab dem 1. Kapitel des Galaterbriefs wird die Unabhängigkeit des Paulus
gegenüber Petrus und den übrigen Aposteln deutlich: Paulus verdankt seine Berufung
und seinen apostolischen Auftrag allein der Offenbarung Christi (Gal 1,12ff). Sodann
wird die
koinonia,
im Blick auf die Einheit des Evangeliums, sowohl von Petrus, dem
Apostel der Juden, wie von Paulus, dem Apostel der Nationen (Gal 2,8) verlangt.
Paulus teilt sich das Vorrecht in der Evangelisierung der Heiden zu, so wie er Petrus
das Vorrecht der Mission bei den Juden zuspricht (Gal 2,7-8). Dabei unterstreicht er,
dass dieses respektive Primat in beiden Fällen von Gott kommt. Vor allem das Ereignis
in Antiochien (Gal 2,11-16) ist sehr aufschlussreich über ihr Verhältnis: Aus Angst um
seinen Ruf bei den Judenchristen weigert sich Petrus, sich mit den Heidenchristen an
einen Tisch zu setzen. Paulus lehnt sich gegen Petrus auf und gewinnt: Das jüdische
Gesetz gehört nicht konstitutiv zum Heil. Dieser Vorfall markiert den Übergang einer
partikularen jüdischen Gruppe hin zu einer universalen Religion. Es ist also Paulus,
und nicht Petrus, der diesen Übergang initiiert hat.
Deshalb fordert VAN CANGH: Man soll sich fortan nicht mehr auf die apologetische
Interpretation der Primatstelle Mt 16,18 beschränken und darin die einzige
Begründung der Macht des Petrus (und dessen Nachfolger) in der Kirche von gestern
und heute sehen. Die wahren Gründer der Kirche sind sowohl Petrus (als
Verantwortlicher der judenchristlichen Gemeinschaft) und Paulus (als Verantwortlicher
der heidenchristlichen Gemeinde), in Einheit mit dem Kollegium der Zwölf. Von
einem Primat Petri sollte nur noch im engeren Sinn gesprochen werden, d.h. von
einer chronologischen Priorität der Berufung des Petrus im Vergleich zu derjenigen des
Paulus.
B. Ekklesiologische Perspektive
72
FAMERÉE unterscheidet in der katholischen Kirche gegenwärtig drei verschiedene
Haltungen in der Frage des Papstamtes. Die erste Position ist die eines Großteils der
römischen Kurie und besagt, dass keinerlei Änderungen an den Formulierungen des I.
Vatikanums vorgenommen werden dürfen: Alles ist auch heute noch so zu
wiederholen bzw. zu bestätigen. FAMERÉE bezeichnet diese Haltung als "falsch",
"hinterhältig": Einerseits werde dauernd von einer Theologie der kirchlichen
communio
geredet, andererseits würden aber die damit notwendig gewordenen
72 Changer la papauté, 63-84.
21
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institutionellen Konsequenzen nicht gezogen. Die zweite Position ist eine
"reformierende": Ohne dass man die Lehre des I. Vatikanums und eventuell auch
ohne dass man die konkreten Formulierungen dieser Lehre aufgibt, versucht man
innerkatholische Reformen durchzuführen, z.B. indem man die Synodalität auf allen
Ebenen ausbaut und sie eventuell im Kirchenrecht verankert und allgemein einen
Geist der Synodalität beim Gottesvolk weckt. FAMERÉE zufolge kann hier vieles erreicht
werden, dennoch scheint ihm diese Haltung letztendlich theologisch, ekklesiologisch
und ökumenisch unzureichend. Anders als POTTMEYER73 fordert er eine
Neuformulierung oder sogar eine Neukonzeption der römisch-katholischen Lehre vom
Primat und der Unfehlbarkeit des Papstes (Vaticanum I & II), um zu einem Papsttum
zu gelangen, dass den Ursprüngen (Neues Testament, frühes Christentum) treu ist. Da
die Dogmen des ersten Vatikanums und deren Formulierungen (Jurisdiktionsprimat,
plenitudo potestatis
) nicht nur für die Nichtkatholiken, sondern auch für viele
Katholiken heutzutage inakzeptabel geworden sind, darf man es nicht bei einigen
institutionellen "Flickereien" wie die Einrichtung einer größeren Synodalität belassen,
sondern diese Änderungen müssten in der Lehre festgeschrieben werden und den
Papst (via Kirchenrecht) binden. FAMERÉE zufolge hätte eine solche "Revolution" einen
großen Impakt nicht nur auf das Innenleben in der katholischen Kirche, sondern
ebenfalls auf die Verkündigung der Frohen Botschaft in der gegenwärtigen
Gesellschaft: Eine Reform der Papsttums böte der Inkulturation des Evangeliums eine
große Chance.
Nach einem Kommentar der Enzyklika
Ut unum sint
führt FAMERÉE diese dritte
Perspektive ein wenig aus. Ihm zufolge gilt es, die ganze oder universelle Kirche
effektiver
als eine communio von
gleichen
Ortskirchen, von denen jede einzelne -
selbstverständlich in Verbindung mit den anderen Ortskirchen - ganz Kirche Christi ist.
In dieser Perspektive ist "Rom" in erster Linie eine Ortskirche: die Ortskirche von
Rom, die den anderen Ortskirchen nicht übergeordnet ist. Insofern wäre das römische
Episkopat kein "Super-Episkopat", sondern ein Episkopat, das der Kirche und den
Kirchen dient. Diese besondere Rolle bzw. diese "besonders starke Apostolizität"
kommt dem Bischof von Rom legitimerweise zu, weil Rom bekannterweise der Ort
des Martyriums der Apostel Petrus und Paulus ist. Dabei sollten Bezeichnungen wie
"Souverain Pontife" (im Französischen noch geläufig), "römischer Pontifex",
"Stellvertreter Christi" (allein auf den Papst bezogen), "caput Ecclesiae" usw. zukünftig
nicht mehr benutzt werden, weil sie zweideutig sind und ein pyramidales Bild von
Kirche propagieren.
Keine universelle päpstliche Entscheidung dürfte getroffen werden ohne das
gegenseitige Einverständnis zwischen dem römischen Primat und dessen permanenten
73 Vgl. POTTMEYER, 95.122ff.: POTTMEYER bestreitet, dass eine Reform des Papsttums nur möglich sei
durch eine Leugnung bzw. Relativierung der Dogmen vom I. Vaticanum. Ihm zufolge ist eine
Änderung des Dogmas nicht erforderlich, sondern es muss nur anders ausgelegt werden. Die
Definitionen müssen lediglich auf dem Hintergrund der Situation der Zeit verstanden werden.
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höchsten Synode. Diese bestünde aus einer kleinen Gruppe von Bischöfen, welche
von den Bischöfen gewählt würde, wirklich repräsentativ für das Weltepiskopat wäre,
regelmäßig erneuert würde und nicht nur beratende Funktion hätte. Universelle
Entscheidungen wären selten. Die wichtigsten sollten gemeinsam auf einem
Generalkonzil getroffen werden, alle anderen sollten von Partikularkonzilen oder
kontinentalen, nationalen oder regionalen Bischofskonferenzen geregelt werden. Die
hier getroffenen Entscheidungen, die keiner vorherigen
recognitio
seitens Rom
bedürfen sollten, würden dann den anderen Lokalkirchen, insbesondere der
Lokalkirche von Rom, mitgeteilt werden zwecks Aufnahme bzw. einer eventuellen
correctio fraterna
. Der Bischof von Rom wäre aufgrund seiner besonderen Autorität
wirklicher Sprecher aller Kirchen in Fragen des Glaubens und der Disziplin, dies
insbesondere in Zeiten, wo der Glaube als solcher ernsthaft gefährdet wäre. Dies alles
würde bedeuten, dass die römische Kurie zu einem rein ausführenden Organ
umfunktioniert werden müsste.
C. Kirchenrechtliche Perspektive74
Auf der Basis einer Korrelation zwischen Primat und Kollegialität schlägt der bekannte
belgische Kirchenrechtler (und jetzige Generalvikar der Diözese Lüttich) Alphonse
BORRAS einige theologischen und kirchenrechtlichen Perspektiven für eine bischöfliche
Kollegialität im Dienst der Einheit vor. Näherhin fordert er die Aufwertung dreier
Institutionen: die Bischofssynode, die Bischofskonferenzen sowie die Patriarchate.
Die Bischofssynode ist
de jure
eine Instanz, die im Dienst des päpstlichen Primats
steht. Der CIC/1983 behandelt die Bischofssynode im Rahmen des Kapitels über die
höchste Autorität. Die Kommentatoren sind sich einig: Auch wenn sie die Bischöfe
repräsentiert, ist die Bischofssynode de facto eine Instanz der Kollaboration mit dem
Bischof von Rom in seiner Primatsfunktion, also eine Art bischöflicher Rat des
päpstlichen Primats. BORRAS schlägt vor, die von c. 343 eröffnete Perspektive zu
nutzen: Hier wird vorgesehen, dass in bestimmten Fällen der Bischofssynode vom
Papst eine Entscheidungskompetenz zuerkannt werden kann und der Papst die
Entscheidungen der Synode nur noch ratifiziert. Diese Möglichkeit würde dazu
beitragen, die Rolle der Diözesanbischöfe als Oberhäupter effektiver (nicht fiktiver)
Ortskirchen in ihrer Aufgabe der Unterstützung des Papstes in seinem Amt der
communio
zu verdeutlichen, ohne dass damit der spezifische Beitrag des (nicht nur
aus Diözesanbischöfen zusammengesetzten) Kardinalskollegiums überflüssig würde,
nach dem Motto: Nicht nur eine
affektive
, sondern eine
effektive
Kollegialität!
Die Institution der Bischofskonferenzen realisiert den
affectus collegialis
der Bischöfe
eines bestimmten kirchlichen Gebiets. Das Problem liegt darin, dass diese partielle
und dennoch wirkliche Kollegialität nicht in den aktuellen kirchenrechtlichen
74 Changer la papauté, 85-120.
23
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Dispositionen wiedergegeben ist. Das rezente Motu proprio
Apostolos Suos
75
beinhaltet maximalistische, ja gar unrealisierbare Forderungen: Damit die
Bestimmungen der Bischofskonferenzen in Bezug auf die Lehre als authentisches
Lehramt gelten und im Namen der Bischofskonferenz veröffentlicht werden können,
müssen sie von allen Mitgliederbischöfen einstimmig gutgeheißen werden. Ansonsten
ist die 2/3-Zustimmung sowie die
recognitio
des Apostolischen Stuhls erforderlich.
BORRAS fragt: "Wieso hat man nicht einfach eine Mitteilung, eine Art In-Kenntnis-
setzen seitens erwachsener Bischöfe, die in den respektiven Kirchen verankert sind
und mit ihren regionalen Kirchen solidarisch sind, ins Auge gefasst? Kommt nicht
diesen Bischöfen als Oberhäuptern von benachbarten, in Konferenzen geeinten
Kirchen die Aufgabe zu, diese regionale Kirche gemäß dem Evangelium aufzubauen
durch Bestimmungen ihres Lehramts?"76
Die Einrichtung der Patriarchate existiert im Kirchenrecht der katholischen Ostkirche
(CCEO) und auch in der Praxis einzelner unierter Ostkirchen, ist jedoch in der
Westkirche regelrecht "deaktiviert". Eine der historischen Folgen des Schismas von
1054 war die Quasi-Identifizierung der in Einheit mit Rom stehenden Kirchen und des
abendländischen Patriarchats. Rom ist es nie gelungen, die apostolische Funktion von
der patriarchalen, eher administrativen Funktion zu trennen. Diese Unterscheidung
zwischen dem römischen Primat und dem Patriarchat des Abendlandes sollte jedoch
theologisch ernst genommen werden, auch wenn die Westkirche de facto
monopatriarchal ist. BORRAS schlägt nun ebenfalls vor, die Westkirche in mehrere
Patriarchate einzuteilen, d.h. etwa ein südamerikanisches, ein nordamerikanisches,
ein europäisches, ein asiatisches und ein afrikanisches Patriarchat zu schaffen. Diese
Neueinrichtung wäre auch unter ökumenischem Gesichtspunkt höchst
vielversprechend, würde sie doch mit Sicherheit den getrennten Kirchen die
"Rückkehr" zur katholischen Kirche erleichtern: So wäre es z.B. denkbar, dass die
anglikanische Kirche in ein anglikanisches Patriarchat oder die nordeuropäischen
lutherischen Kirchen in ein skandinavisches Patriarchat umgewandelt würden. In
jedem dieser Patriarchate sollte eine strikte Korrelation zwischen Kollegialität und
Primat herrschen.
75 Siehe Literaturliste.
76 "Pourquoi ne pas avoir simplement envisagé une communication sur le mode du ′faire part′ de la
part d′évêques adultes, ancrés dans les Églises respectives et par surcroît solidaires de leur Église
régionale? N′est-ce pas à ces évêques, en tant que chefs d′Églises voisines constituées en
conférence, qu′il revient d′édifier cette Église régionale selon l′Évangile par les déclarations
doctrinales de leur magistère?" (Changer la papauté, 112)
24
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Schlussgedanke
Überlegungen zu einer Reform des Papsttums
? Dieser Titel wäre früher höchst
provozierend gewesen. Auch heute noch möchten nicht wenige sofort hinzufügen:
"Das Papsttum reformieren - eventuell, aber unter der Bedingung, dass man die
Finger vom Wesentlichen lässt." In unserer Zeit ist es kein anderer als der Papst selbst,
der zu solchen
Überlegungen zu einer Reform des Papsttums
anregt. In seiner
Enzyklika
Ut unum sint
hat JOHANNES PAUL II. die Theologen der verschiedenen
Konfessionen dazu aufgerufen, gemeinsam über die Zukunft des Papsttums
nachzudenken - eine Geste, die möglicherweise als eine der wichtigsten seines
Pontifikats in die Geschichte eingehen wird: Der Papst öffnet sich dem Dialog über
seinen eigenen Status. Die Theologen der verschiedenen Konfessionen haben ihn
beim Wort genommen: Reformvorschläge gibt es mittlerweile viele. Sie alle zeugen im
Allgemeinen von einer intensiven Liebe und Treue zu Jesus Christus, zur Kirche und
zum gemeinsamen Glauben. Es wäre zu wünschen, dass die vielen Ideen von den
entsprechenden Stellen `rezipiert′ würden, und dass der eine oder andere Vorschlag,
der heute möglich und wünschenswert scheint, in die Tat umgesetzt würde, so dass
sich irgendwann die Verheißung erfüllen wird: "Damit alle eins seien" (Joh 17,21).
25
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Literaturverzeichnis
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Changer la papauté ?, hg. von Paul TIHON, mit Beiträgen von J.-M. VAN CANGH, J.
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[zitiert: Changer la papauté]
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Documentation catholique 83 (1986) 1122-1142.
[zitiert: MComm]
GROUPE DES DOMBES: Pour la conversion des Églises. Identité et changement dans la
dynamique de communion, Paris 1991. (Dt. Übers.: Für die Umkehr der Kirchen.
Identität und Wandel im Vollzug der Kirchengemeinschaft, übers. v. Ingeborg SIEGERT,
Frankfurt/Main 1994)
[zitiert: ConvEgl]
2. Sekundärliteratur
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Eucharistie-Ministère (BEM), Paris 1982, 21987.
FAMERÉE, Joseph: Le ministère de l′évêque de Rome. Une perspective oecuménique,
in: Revue théologique de Louvain 28 (1997) 54-78.
GIRAULT, René: Construire l′Église une. Nouveaux chemins oecuméniques (Coll. Petite
Encyclopédie Moderne du Christianisme), Paris 1990.
JEAN PAUL II.: Lettre apostolique
Apostolos Suos
en forme de Motu proprio sur la
nature théologique et juridique des conférences des évêques, in: Documentation
catholique 95 (1998) 751-759.
JOHANNES PAUL II.: Enzyklika
Ut unum sint
. Über den Einsatz für die Ökumene, hg.
vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (= Verlautbarungen des
Apostolischen Stuhls 121), Bonn 1995.
LEUBA, Jean-Louis: Papauté - Protestantisme - Oecuménisme, in: Freiburger Zeitschrift
für Philosophie und Theologie 41 (1994) 259-268.
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PAUL VI.: Discours au Secrétariat pour l′unité des chrétiens (28 avril 1967), in: Acta
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POTTMEYER, Hermann Josef: Die Rolle des Papsttums im dritten Jahrtausend (=
Quaestiones disputatae 179), Freiburg u.a. 1999.
RUH, Ulrich: Ökumene - Die Gruppe von Dombes appelliert an die Kirchen, in
Herder-Korrespondenz 45 (1991) 160-162.
RUH, Ulrich: Papstamt und Ökumene - Ein Dokument der Gruppe von Dombes, in:
Herder-Korrespondenz 40 (1986) 116-118.
SESBOÜÉ, Bernard: Le magistère à l′épreuve. Autorité, vérité et liberté dans l′Église,
Paris 2001.
SESBOÜÉ, Bernard: Pour une théologie oecuménique. Église et sacrements, Eucharistie
et ministères, La Vierge Marie (= Cogitatio Fidei 160), Paris 1990.
VALLIN, Pierre: Kirche neu denken. Was die französische Theologie derzeit beschäftigt,
in: Herder-Korrespondenz 55 (2001) 582-586.
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