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Termpaper, 2003, 19 Pages
Author: Sascha Schimke
Subject: Orientalism / Sinology - Miscellaneous
Details
Tags: Gründung, Staates, Israel
Year: 2003
Pages: 19
Grade: 1
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-06625-4
File size: 106 KB
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Fulltext (computer-generated)
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften
Institut für Philosophie
Hausarbeit
Die Gründung des Staates Israel
Verfasser:
Sascha Schimke
13. Oktober 2003
Veranstaltung:
Sommersemester 2003
Jüdische Lebenswelten
Inhaltsverzeichnis
1
Vorgeschichte
1
1.1
Quellenlage .
1
1.2
Von Abraham bis zur Zerstörung des zweiten Tempels
.
1
2
Zionismus
5
3
Weg zur Staatsgründung
11
Literatur
16
Einleitung
Am 14. Mai des Jahres 1948 proklamierte David Ben Gurion den Staat Israel.
Bereits am folgenden Tag sah sich der junge Staat heftigen militärischen Angrif-
fen seitens seiner arabischen Nachbarn ausgesetzt. Der Unabhängigkeitskrieg be-
gann. Wie es zur Staatsgründung Israels kam, die von vielen Juden seit langer Zeit
herbeigesehnt wurde, ist Thema dieser Arbeit.
1
Vorgeschichte
1.1
Quellenlage
Wie unter anderem der Autor des Buches ,,Kleine Geschichte Israels" betont,
liegen historisch einwandfreie Quellen zu den Anfängen der jüdischen Religion
kaum vor. Hauptsächlich sind dies die Texte des Alten Testamentes, deren histori-
sche Authentizität jedoch eher ungewiss ist. Vielfach wurden bestimmte Aspekte
der Geschichte nachträglich umgeschrieben, um Situationen und handelnde Per-
sonen in ein bestimmtes Licht zu rücken. (Vgl. Bock 1998)
Da in dieser Arbeit jedoch im Mittelpunkt steht, worauf sich die Juden im
Zusammenhang mit der Staatsgründung Israels beriefen und noch heute berufen,
ist eine streng authentische Kenntnis der Historie zugunsten der Inhalte jüdischen
Glaubens verzichtbar. Es ist nicht wichtig, ob eine Person namens Mose tatsäch-
lich 40 Jahre lang mit seinem Volk durch die Wüste irrte. Wichtig ist, dass dies
Bestandteil der jüdischen Vorstellung von den Anfängen des Volkes Israel ist. In
diesem Sinne werden im folgenden Abschnitt die wichtigsten Eckdaten der jüdi-
schen Geschichte kurz wiedergegeben, wie sie im Alten Testament erzählt wer-
den. Je jünger ein Ereignis ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit geschicht-
licher Tatsächlichkeit.
1.2
Von Abraham bis zur Zerstörung des zweiten Tempels
Das erste der fünf Bücher Mose berichtet von
Abraham
, seinem Sohn
Isaak
und
dessen Sohn
Jakob
. Letzterer erhält von Gott den Namen
Israel
(1 Mose 35,10).
Diesen Dreien sie werden die
Patriarchen
oder auch Erzväter genannt wird
jeweils von Gott verheißen, ihren Nachkommenschaft würde ein großes Volk
Gottes auserwähltes Volk werden und Land dieses Volkes solle (das heutige)
Israel sein. (Bsp. 1 Mose 12,2; 17,8; 26,6f; 28,13f. . . ) Dieses Land war zu jender
Zeit (die Datierungen schwanken zwischen 2000 und 1200 v.d.Z. Vgl. Grübel
1997: 8) unter dem Namen Kanaan bekannt.
Die Nachkommen von Jakobs zwölf Söhnen, die zwölf Stämme, wanderten
aufgrund einer Hungersnot in ihrer Heimat nach Ägypten und gerieten in den
1
Frondienst des dortigen Herrschers.
Mose
, ein Mann aus dem Stamm Levi, führte
sein Volk in die Freiheit und zurück in das verheißene Land. Auf der Wanderung
dorthin, am Berg Sinai, wurden Mose von Gott die
zehn Gebote
geoffenbart.
Nach Ankunft dieser Menschenschar im Gebiet, das in Josua 1,4 beschrie-
ben ist, erfolgte das, was gemeinhin als die
Landnahme
bezeichnet wird. Die
zwölf Stämme ließen sich im Land der Philister Philistäa bzw. Palästina nie-
der. Von einem Volk im engeren Sinne kann zu diesem Zeitpunk noch nicht die
Rede sein. Vielmehr handelte es sich um eine lockere Stammesgesellschaft. Die
Stämme wurden von ihren Nachbarn, deren angestammtes Gebiet die Juden im
Zuge ihrer Landnahme sich zueigen machten, beeinflusst und bedrängt. So kam
es teilweise zum Abfall vom Glauben und auch zu kämpferischen Auseinander-
setzungen mit den Ammonitern, den Moabitern, den Philistern, den Kanaanitern
und den Medianitern.
In solchen Situationen des Abfallens und der Bedrängnis traten nacheinander
eine Reihe von Rettergestalten auf, die als die
Richter
bekannt sind. Diese Richter
einten das Volk bis zur Überwindung der jeweiligen Not und traten daraufhin
wieder ab. (Vgl. Küng 1991: 96; Bock 1998: 60f)
Den Richtern war jedoch nur ein begrenzter Erfolg beschieden, da ein Volk ei-
ne kontinuierliche Herrschaft sowie ,,ein konsolidiertes, zentral gelenktes Staats-
wesen" (Küng 1991: 99) braucht, um beispielsweise mit Bedrohungen von außen
umgehen zu können. Insbesondere von den Philistern ging große Gefahr aus, da
diese eine wohl organisierte Militärmacht waren, über herausragende Fähigkei-
ten zur Waffenproduktion verfügten und darüber hinaus versucht waren, ihr Ge-
biet auszudehnen. Um dieser Herausforderung zu begegnen wurde das Amt des
Königs
eingeführt.
Nach biblischer Überlieferung salbte der letzte Richter, Samuel,
Saul
im Auf-
trag Gottes zum Fürsten. Zunächst einmal erfüllte Saul die in ihn gesetzen Er-
wartungen. Er verhinderte das weitere Vordringen der Philister und schlug unter
anderem die Ammoniter. (Vgl. Grübel 1997: 12) Nach diesen Erfolgen rief man
ihn zum König aus. (1 Samuel 10,24) Mit der Inthronisation von Saul begann die
Wandlung von der Stammesgesellschaft zum Staatsvolk. Recht schnell bildeten
sich dabei jedoch zwei Lager zwischen den Stämmen heraus das Nordreich, ,,Is-
rael" genannt, und das Südreich, ,,Juda". Sauls Amtszeit währte nur acht Jahre.
Nach Misserfolgen und einer militärischen Niederlage soll er sich in sein Schwert
gestürzt haben. (1 Samuel 31,4)
Sauls Nachfolger als König wurde
David
(etwa 1004965). Während Saul es
lediglich vermochte, den Vormarsch der Philister zu stoppen, gelang es David,
ihnen eine vernichtende Niederlage beizubringen. Nach diesem Erfolg eroberte
David die zwischen den beiden Reichshälften gelegene Stadt Jerusalem und ver-
legte seine Residenz sowie das religiöse und kultische Zentrum dorthin. (Vgl.
Bock 1998: 72; Grübel 1997: 13) Davids Verdienst ist es, das Reich vergrößert
2
und seinen Einfluss von der Grenze Ägyptens bis zum Euphrat ausgedehnt zu
haben.
Die Nachfolge Davids trat sein Sohn,
Salomo
(965926), an. Im Gegensatz zu
seinem Vater heisst es von Salomo, er habe Reichtümer eher auf diplomatischem,
denn auf kriegerischem Wege angesammelt. Aufgrund dieser Friedfertigkeit wird
ihm auch die sprichwörtliche Weisheit nachgesagt. Als Salomos großes Verdienst
gilt die Errichtung des
ersten Tempels
. Der Tempel wird zum Staats- und Zen-
tralheiligtum zum Wohnsitz Gottes (Jahwes). Mit dem Tode Salomos traten die
Spannungen zwischen dem Nord- und dem Südreich offen zutage. Es kam zur
Reichstrennung. Das Reich im Süden, Juda, hielt an der Erbfolge Davids fest,
während im Norden die Könige des Öfteren gestürzt wurden.
Die folgenden zwei Jahrhunderte des Nebeneinanderexistierens der beiden
Reiche waren geprägt von stetem Bruderzwist, bei dem es sowohl um territoriale
Fragen als auch Fragen des Kultes ging. Diese Situation wurde von den Nachbar-
völkern ausgenutzt, um sich von jüdischer Herrschaft zu befreien und das eigene
Territorium auf Kosten Israels zu vergrößern. (Vgl. Grübel 1997: 16f) Besonders
vom erstarkten assyrischen Reich ging schließlich eine große Gefahr aus. Der as-
syrische Herrscher annektierte im Jahr 733 v.d.Z. größere Teile des Nordreiches.
Elf Jahre später wurde die Hauptstadt des Nordreiches, Samaria, nach drei Jahre
währendem Widerstand erobert. Dabei kam es zu Deportationen der Oberschicht
nach Nordmesopotamien und Medien. ,,Nie wieder sollten die Verschleppten zu-
rückkehren." (Küng 1991: 126) Dies bedeutete das Ende des Nordreichs Israel.
Nach dem Untergang des assyrischen Weltreiches schickten die Babylonier
sich an, ihre Macht auszudehnen. Um 597 besetzten babylonische Truppen das
Südreich und belagerten Jerusalem. Die Belagerten ergaben sich, um eine Zerstö-
rung der Stadt zu verhindern. Wiederum wurde die Oberschicht deportiert. Einen
Aufstand gegen die neuen Besatzer schlug der babylonische Kronprinz
Nebukad-
nezzar II.
im Jahr 586 nieder. Dabei wurde der
Tempel zerstöert
.
Anders als die Assyrer, die ihre Deportierten im ganzen Land verstreut ansie-
delten, um deren kulturellen und ethnischen Zusammenhalt zu zerstören, gestat-
teten die Babylonier den Exilanten eine geschlossene Ansiedlung. Diese konnten
sich dadurch ihre Traditionen und ihren Glauben innerhalb der heidnischen Be-
völkerung bewahren.
Nachdem die Perser das babylonische Reich erobert hatten, wurde den Exilan-
ten um 538 gestattet, in ihre vormalige Heimat zurückzukehren. Einige tausend
Juden machten sich nach Jerusalem auf, um dort das staatliche und religiöse Le-
ben wiederherzustellen. Im Jahr 515 war die
Wiedererrichtung des Tempels
abgeschlossen. Das Gebiet Syrien-Palästina stand für die nächsten knapp zwei
Jahrhunderte unter persischer Herrschaft und statt eines Königs, der die politi-
sche und religiöse Macht verkörperte, gab es nun einen Hohepriester. Nicht alle
Exilanten jedoch verließen ihre neue Heimat in der Fremde, um nach Jerusalem
3
zurückzukehren. Viele hatten sich während des 5060 Jahre dauernden Exils eine
neue Existenz geschaffen, die eine wirtschaftlich bessere Zukunft versprach als
in der Heimat ihrer Vorfahren. So entstand das
Diaspora-Judentum
jüdisches
Leben und jüdische Gemeinden in der ,,Zerstreuung". Ein weiteres Resultat der
Zerstörung des Tempels und des Exils war, dass sich statt des vorherigen religi-
ösen Opferkultes, der im Tempel praktiziert wurde, nunmehr das Gebet und der
opferlose
Wortgottesdienst
(als Vorläufer der synagogalen Tora-Vorlesung) ins
Zentrum des religiösen Lebens rückte.
Im Jahr 322 wurde Palästina von Alexander dem Großen erobert. Da sich der
Hohepriester als Repräsentant der Juden ihm unterwarf, behielt Juda als ,,Tempel-
staat" seine Autonomie. Eine zunehmende Auseinandersetzung der Juden mit der
griechischen Kultur fand nun statt. 198 fiel Juda an die Seleukiden, deren Herr-
schaft anfangs versöhnlich war Abgaben wurden gesenkt und jüdische Geset-
ze wurden bestätigt. Nach einem Machtwechsel bei den Seleukiden änderte sich
diese Situation jedoch völlig. Die Steuerlast wurde verdoppelt, der Tempelschatz
geplündert, Truppen stationiert und die jüdische Religion bei Todesstrafe verbo-
ten. Dies führte zum aktiven Widerstand der Juden und zum Aufstand (166164).
Anführer dieses Aufstandes war ein Sohn aus dem Haus Hasmon, Jada Makka-
bi. Das trug den Hasmonäern den Beinamen ,,
Makkabäer
" ein. Dem Sohn des
Juda Makkabi gelang es schließlich, Hohepriester und seleukidischer Statthalter
zu werden, wofür er von frommen Kreisen streng kritisiert wurde. (Vgl. Grübel
1997: 32; Bock 1998: 145f)
Einem Nachfahren des Juda Makkabi, Johannes Hyrkanus I., gelang es, er-
neut eine jüdische königliche Dynastie begründen die der Hasmonäer. Das Ende
dieser Dynastie war geprägt von Streitigkeiten um die Erbfolge. Die inzwischen
mächtigen Römer schritten ein und beseitigten das Hasmonäerreich. In Jahr 63
v.d.Z. eroberte Pompeius Jerusalem und machte Juda zum römischen Vasallen-
staat. Damit begann die 700 Jahre währende Herrschaft der Römer über Judäa,
von einem kurzen hasmonäischen Intermezzo (4037) einmal abgesehen. (Vgl.
Grübel 1997: 34)
Die von den Römern eingesetzten Statthalter, Prokuratoren genannt, erreg-
ten den Unmut der Juden, weil sie ,,die religiösen Gefühle der Juden" (Grübe;
1997: 38) verletzten. Im Jahr 66 n.d.Z. brach ein Aufstand gegen die römische
Besatzung aus. Noch im selben Jahr schickte Rom Truppen, um diesen Aufstand
niederzuwerfen der
erste jüdisch-römische Krieg
brach aus. Im Jahr 70 wur-
de Jerusalem erobert und zerstört, wobei auch der
zweite Tempel in Flammen
aufging. Damit verloren die Juden endgültig ihr religiös-kultisches Zentrum der
Tempel wurde nie wieder errichtet und nur die Westmauer (,,Klagemauer") der
Umfassung des Tempelgebietes ist heute noch erhalten. Zu einem zweiten Auf-
stand mit dem Ziel der ,,Wiederherstellung der politischen Existenz Israels" (Bock
1998: 173) kam es 132 unter der Führung von
Bar Kochba
. Kurzzeitig gelang die
4
Befreiung Jerusalems, jedoch wurde dieser Aufstand drei Jahre später niederge-
schlagen. Nach 135 kam das jüdische Leben in Jerusalem völlig zum Erliegen.
,,Juden wurde das Betreten von Jerusalem und Umgebung bei Todesstrafe verbo-
ten." (ebd.) Das jüdische Zentrum verlagerte sich nach Galiläa.
Es folgten für die Juden nun viele Jahrhunderte der Diaspora, des Lebens in-
nerhalb andere Kulturen, häufig geprägt von einer Sonderrolle der Juden, leider
jedoch in sehr vielen Fällen der Ablehnung, des Antisemitismus. Im ,,gelobten
Land" wurden die Juden erst wieder zum Ende des 19. Jahrhunderts eine politi-
sche Größe.
2
Zionismus
Der Begriff
Zionismus
meint das Streben nach einer Rückkehr des Volkes der
Juden in das Land Israel. Zion bezeichnete ursprünglich einen Hügel in Jerusa-
lem sowie eine auf ihm gelegene Burg, die von König David etwa um 1000 v.d.Z.
erobert wurde. Später, als sich die Stadt Jerusalem vergrößerte, wurde auch der
angrenzende Tempelbezirk so genannt. Dichterisch wurde später erst Jerusalem,
dann ganz Israel unter dem Namen Zion gefasst. Erste Zeugnisse dieser Zions-
sehnsucht datieren aus der Zeit des babylonischen Exils und finden sich etwa in
Psalm 137: ,,An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion
gedachten." Unter ,,Zionismus" ist teilweise auch die Suche nach einer generellen
Heimstätte für die Juden verstanden worden, ohne damit zwingend Israel zu mei-
nen.
Seit Verlust des judäisch-israelisch-palästinensischen Gebietes als Stammland
waren die Juden, wo immer sie sich ansiedelten, in einer Minderheitenrolle inner-
halb einer fremden Kultur. Auf der einen Seite suchten sie ihre eigene Kultur, ihre
Gebräuche und Traditionen, ihren Glauben zu bewahren, von der anderen Seite,
der Seite der sie umgebenden Kultur her wurden sie teilweise ausgegrenzt, dis-
kreminiert, hatten sie weniger Rechte zwei Umstände, die einander bedingen.
Obschon beide Kulturen, jüdische wie ,,Wirtskultur", miteinander im Austausch
standen und einander befruchteten, fast immer war eine Diskreminierung zu ver-
zeichnen. Eine Mischung aus Missgunst ihrer Erfolge wegen und Angst vor ihrem
Anders-Sein begegnete den Juden vonseiten der Umwelt und gipfelte häufig in un-
geheuerlichen Anschuldigungen und blinder Gewalt. Genannt seinen hier die in
erstaunlicher Regelmäßigkeit vorgebrachten Vorwürfe der Brunnenvergifung, des
Hostienfrevels und des Ritualmordes sowie die damit einhergehenden Pogrome
gegen Juden.
Im Zuge der Aufklärung in Europa und der Französischen Revolution (ab
1789) begann auch eine Bewegung der Emanzipation, die unter anderem den Ju-
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den die gleichen Rechte wie allen anderen Menschen einräumen sollte. Vorausge-
setzt wurde dabei jedoch, dass die Juden sich nicht länger als ein eigenständiges
Volk ansahen. Das Judentum sollte dabei eine Konfession sein, wie es auch andere
Glaubensrichtungen sind. Deutlich wird dies etwa in einer Erklärung des Deligier-
ten der französischen Nationalversammlung, Graf Clermont-Tonnerre: ,,Den Ju-
den als Nation ist alles zu verweigern, den Juden als Menschen ist alles zu gewäh-
ren." (Krupp 1985: 21) Die Juden würden also auf ihre kollektive Sonderstellung
und Autonomie verzichten müssen. (Vgl. Solomon 2002: 19) Diese Entwicklung
wurde von den meisten Juden begeistert aufgenommen. Bedeutender Vertreter der
jüdischen Aufklärung und Gegner von jüdischem Separatismus war
Moses Men-
delssohn
(17291786). Entschieden sprach er sich für eine Assimilation an die
Kultur aus, in der die Juden jeweils lebten und forderte, sie mögen die Landes-
sprache, statt des Jiddischen, zu sprechen. (Solomon 2002: 63f)
Interessant in diesem Zusammenhang ist die sehr unterschiedliche Darstel-
lung und Bewertung der Assimilation. Von den einen als Ende der Unterdrückung
und Anfang der Gewähnung von gleichen Rechten gefeiert, von anderen als Auf-
gabe jüdischer Identität, als Gleichschaltung, Zeichen der Scham, Jude zu sein,
abgelehnt.
Die Entwicklung des Judentums verlief in Ost und West des Europas des 18.
und 19. Jahrhunderts sehr verschieden. Während, wie bereits erwähnt, der We-
sten dabei war, den Juden Gleichberechtigung zu gewähren, suchte die russische
Regierung die Ausbreitung des Judentums zu verhindern. Als Folge der Teilung
Polens in den Jahren 1772, 1793 und 1795 sowie durch den Wiener Kongress
von 1815 fiel Russland ein beträchtlicher Teil Polens und auch Litauens, mitsamt
den dort lebenden Juden, zu. Russland hatte seit dem Mittelalter den Juden jede
Ansiedlung verweigert, nun beherbergte es plötzlich die Mehrheit der jüdischen
Weltbevölkerung. (Vgl. Grübel 1997: 85f) Zarin Katharina die Große erließ 1786
eine Verfügung, nach der Juden in Russland nur in einem so genannten
Ansied-
lungsrayon
(
russ.
¢¡¤£¦¥¤§ : Bezirk, Gebiet, Gegend) arbeiten und sich niederlassen
durften. Auch mussten sie doppelt so viele Steuern zahlen wie die übrige Bevöl-
kerung. Der Rayon erstreckte sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer sowie
von Kalisch bis Minsk und Kiew. Diese Anordnung der Zarin blieb, leicht verän-
dert, bis 1917 gültig. Während sie zuvor zumeist auf dem Land lebten, wurden
die Juden im Rayon zumeist in Städten angesiedelt. Sie verloren dadurch ihre bis-
herigen Berufe und Einnahmequellen und mussten sich somit neue Berufszweige
erschließen. Erschwert wurde ihnen dies dadurch, dass sie Handel nur unterein-
ander treiben durften. Dies verhinderte eine Assimilation in die russische Kultur
(falls dies jüdischerseits überhaupt gewünscht wurde) und führte zur Entwicklung
einer spezifisch russisch-jüdischen Kultur und Religiosität. (ebd.)
Die Lage der Juden in Russland verschlechterte sich weiter, als Zar Alexan-
6
der II. am 1. März 1881 ermordet wurde. Den Juden wurde eine Mittäterschaft
unterstellt und ihnen wurde auch die Schuld an der schlechten wirtschaftlichen
Lage gegeben. In der Folge kam es zu Verfolgungen von Juden in einer Reihe von
Städten, so etwa in Elisabethgrad, Kiew und Odessa. Diese Verfolgungen waren
zum Teil staatlich gelenkt oder zumindest geduldet. Der neue Zar, Alexander III.
versuchte, die ,,Hauptbevölkerung vor jüdischer Ausbeitung zu schützen" (ebd.
170) und erließ eine Verordnung, die die Bewegung-, Gewerbe- und Berufsfrei-
heit der Juden noch weiter einschränkte.
Unter dem Endruck dieser Ereignisse veröffentlichte der russische Jude und
Arzt
Leon Pinsker
(1821-1891) seine Schrift ,,
Autoemanzipation!
Mahnruf an
seine Stammesgenossen von einem russischen Juden". Vormals Anhänger der As-
similation, beschreibt Pinsker nun die Unmöglichkeit des jüdischen Volkes, von
anderen Nationen als Bestandteil aufgenommen zu werderen. Der Antisemitis-
mus sei kein zeitlich und örtlich beschränktes Phänomen, ,,sondern eine vererb-
te sozial-pathologische Erscheinung". (Küng 1991: 350) Eine Lösung für dieses
Problem könne nicht in der bürgerlichen und politischen Gleichstellung liegen. Es
sei vielmehr erforderlich für die Juden, eine eigene Heimat zu haben. Ein Land,
in dem sie nicht länger die Minderheit sind. Das jüdsche Volk werde nicht als
gleichberechtigt angesehen, weil es keinen eigenen Bodes besäße. (Vgl. Krupp
1985: 29) Für Pinsker stand dabei nicht einmal im Vordergrund, diese Heimat
dort zu finden, wo sie sich einmal befand. So stellte sich Pinsker vor, Amerika sei
der rechte Ort dafür. Pinsker schloss Palästina aber als mögliche Heimstätte auch
nicht aus.
Bereits einige Jahre zuvor, im Jahr 1878, erwarb der ungarische Jude Jeho-
schua Stampfer nahe Jaffa Boden und gründete mit einigen Freunden die erste
neuzeitliche jüdische Siedlung in Palästina. Der Name der Siedlung war ,,Petach
Tikwa", zu deutsch ,,Tor der Hoffnung". 1937 war aus der Siedlung eine Stadt
geworden, die heute 170 000 Einwohner hat.
Sicherlich sind Pinskers Äußerungen in Anbetracht der schweren Lage der
Juden in Russland, ihrer Verfolgung und Ermordung, verständlich. Er zeigt damit
einen pragmatischen Weg auf, sich dieser Verfolgung zu entziehen. Andererseits
redet er den Antisemiten das Wort, die ihn für ihre Zwecke interpretieren und
fordern, die Juden mögen das Land verlassen. (Einen ähnlichen Vorwurf kann
man später auch Herzl machen.) Wahrscheinlich ist aber, in bestimmten Zeiten
der Verfolgung und der Not, die Emigration wirklich der einzig gangbare Weg.
Um diese Pläne und Ideen in die Praxis umzusetzten, leitete Pinsker das Odes-
saser Komitee des Palästinskolonisationsvereins. Diesem Verein gelang es, etwa
25 000 Juden nach Palästina zu bringen. (Zum Vergleich: In den kommenden Jah-
ren wanderten etwa drei Millionen Juden nach Amerika aus.) Dies erfolgte ge-
gen das Verbot des Osmanischen Reiches, unter dessen Herrschaft Palästina noch
7
stand. Diese erste größere Ansiedlung von Juden in Palästina wird die
erste Alija
genannt (Alija: wörtl. ,,Aufstieg"; meint die Einwanderung nach Israel). Ähnlich
wie in Odessa formierten sich auch in anderen Städten, etwa in Warschau, Wil-
na, Brest, Moskau und Misk, Aktionseinheiten. Dies war der Ausgangpunkt der
Hoveve-Zion-
oder
Hibbat-Zion-
Bewegung (Bewegung der Zionsfreunde oder Zi-
onsliebenden), die auch nach Rumänien, Galizien sowie in den Westen, nach Wi-
en, Berlin, Paris und London, übergriff. (Vgl. Greive 1992: 168)
Die Lage der Siedler in ihrer neuen Heimat war schwierig. Einst fruchtbarer
Boden war infolge von Waldrodungen, die bereits während der Zeit der Römer
begonnen wurden, im Laufe der Zeit weggeschwemmt, Talniederungen waren
versumpft. Dazu kam, dass die Siedler Abgaben an die osmanische Regierung
leisten mussten, sich aber dennoch um viele Belange selbst kümmern mussten,
die normalerweise Staatsaufgabe sind. Etwa Straßenbau, sanitäre Einrichtungen
und ärztliche Betreuung musste selbst organisiert werden. Unterstützt wurden sie
dabei durch den Baron Edmund Rothschild. (Vgl. Krupp 1985: 33ff)
Trotz anfänglicher Erfolge befand sich das palästinensiche Siedlungswerk am
Ende von Pinskers Leben in einer Kriese. Große landwirtschaftliche Monokultu-
ren führten zu Absatzkriegen und jüdische Arbeiter wurden durch billigere arabi-
sche Arbeitskräfte verdrängt. So musste eine Reihe von Siedlern das Land wieder
verlassen. ,,Resignierend und zerbrochen starb [Pinsker] im Jahr 1891. Die Rewe-
gung `Chowew Zion′, der Liebhaber Zions, blieb zerrissen zurück." (ebd. 37)
Als eigentlicher Vater des Zionismus gilt der Wiener
Theodor Herzl
(1860
1904). Seinen Bestrebungen, den Juden einen eigenen Staat zu geben, sollten in
Zukunft mehr Erfolge beschieden sein als Leon Pinsker. Ihm gelang es, den Zio-
nismus als politische Kraft zu organisieren. Ohne die Schriften von Pinsker zu
kennen, veröffentlichte er 1896 das Buch ,,
Der Judenstaat
. Versuch einer moder-
nen Lösung der Judenfrage." Entstanden ist das Buch vor dem Hintergrund der so
genannten Dreyfus-Affäre, über die Herzl als Korrespondent für die Wiener Zei-
tung ,,Neue Freie Presse" direkt aus Paris berichtete. Hintergrund dieser Affäre
war ein Prozess gegen den Juden und Generalstabsoffizier Alfred Dreyfus. Ihm
wurde vorgewurfen, er hätte Spionage für die Deutschen betrieben und er wurde
verurteilt. Später stellte sich heraus, dass Dreyfus unschuldig war. Nicht der Pro-
zess selbst, wenngleich tragisch für Dreyfus, jedoch war es, der Herzl entsetzte,
sondern die ihn begleitenden antisemitischen Ausbrüche. Obgleich er assimiliert
und ohne jüdische Erziehung aufgewachsen war, ,,zeigte er bei antisemitischen
Vorfällen einen verletzten jüdischen Stolz." (Krupp 1985: 41)
Einige Autoren führen Herzls Wandlung vom assimilierten Juden zum über-
zeugten Zionisten auf weitere Gründe, etwa auf das Erstarken des Antisemitismus
in Herzls Heimatstadt Wien, zurück. Dort wurde, nach dreimaliger Ablehnung
durch Kaiser Franz Joseph I., Karl Lueger zum Oberbürgermeister gewählt, ein
8
Mann, den später Adolf Hitler sein Idol nennen sollte. (Vgl. Küng 1991: 352) An-
dere Überlegungen gehen dahin, dass nicht diese negativen Erlebnisse ausschlag-
gebend sind, sondern vielmehr positive Seiten des Judentums. Hermann Greive
(1992: 170) schreibt etwa von einem jüdische Solidaritätsgefühl, das in der re-
ligiösen Tradition, in Glaubensinhalten und Lebensregeln, in erlebter religiöser
Gemeinsamkeit in Familie und Gemeinschaft verankert sei.
Es kann davon ausgegangen werden, dass jeder Versuch einer monokausalen
Erklärung an der Wahrheit vorbeigehen muss. Es wird das Zusammenspiel vieler
Ursachen gewesen sein, die Herzl zu seinem politischen Handeln veranlassten.
Nicht vergessen werden darf, dass der Nationalsimus in Europa zu dieser Zeit die
Menschen stark prägte, der Versuch, eine kollektive Identität aufgrund gemeinsa-
mer Wurzeln zu finden.
Herzl war, wie Pinsker auch, davon überzeugt, dass eine vollständige Assimi-
lation nicht gelingen könne, weil antisemitische Haltungen in allen Gastländern zu
stark verwurzelt seien. In seinem Buch heisst es: ,,Ich halte die Judenfrage weder
für eine soziale noch eine religiöse, wenn sie auch so oder anders färbt. Sie ist eine
nationale Frage. [...] Wir sind ein Volk,
ein
Volk." (Herzl 1896) Diese Betonung
auf
ein
Volk sollte die Einigkeit auch mit den osteuropäischen Juden ausdrücken.
Wie wenig wichtig ihm die religiöse Komponente des Judentums war, zeigt sich
daran, dass er in jüngeren Jahren einmal darüber phantasierte, alle Juden Wiens
in einer Massentaufe zu Christen zu machen, um somit den Antisemiten den Bo-
den zu entziehen. (Vgl. Küng 1991: 351) Auch dass Herzl nicht auf Palästina als
neue Heimat bestanden hatte, ist ein Indiz dafür, dass es ihm die nationale Idee
wichtiger war als Religion.
Herzls Buch befasste sich zu einem großen Teil mit der konkreten Planung
des Aufbaus eines Staates für die Juden. Eine illegale Besiedlung eines frem-
den Landes, quasi eine Infiltration, lehnte Herzl ab. Zwei Organisationen seien
zu schaffen, die die Durchführung garantieren sollten. Die
Society of Jews
sollte
Sachwalterin des jüdischen Volkes, staatsbildende Macht und Vertreterin gegen-
über anderen Völkern sein. Die
Jewish Company
sollte, als Aktiengesellschaft
gegründet, Bodenkäufe tätigen und die Auswanderung und Ansiedlung organisie-
ren. Herzl war sich bewusst, dass religiöse Gefühle und Sehnsüchte der Menschen
nach einer Heimat würden helfen können, seine Pläne umzusetzten. Er wollte je-
doch ganz klar keinen Gottesstaat errichten. So heisst es in seinem Buch an ei-
ner Stelle: ,,Werden wir also am Ende eine Theokratie haben? Nein! Der Glaube
hält uns zusammen, die Wissenschaft macht uns frei." Vielmehr war er an der
Schaffung eines modernen, sozial gerechten, freiheitlichen und toleranten Staates
interessiert.
Die Begeisterung für Herzls Schrift in zionistischen Kreisen war erwartungs-
gemäß groß. Er machte konkrete Vorschläge, wie das Ziel, die Schaffung eines
9
Staates für die Juden, in endlicher Zeit erreicht werden konnte. Widerstand be-
kam Herzl aber von zwei Seiten zu spüren. Zum einen waren die assimilierten
Juden nicht bereit, ihre, wie sie meinten, sicheren Stellungen in ihrer jetzigen
Heimat aufzugeben, um in ein fremdes Land und in eine ungewisse Zukunft zu
ziehen. Die andere Seite waren die Rabbiner. Sie warfen Herzl vor, seine Pläne
widersprächen den messianischen Verheißungen, ,,wie sie in der Heiligen Schrift
und in den späteren Religionsquellen enthalten sind." (Krupp 1985, 43) Es stehe
also Herzl nicht an, die Juden ins gelobte Land zu führen dies sei einzig dem
wahren Messias vorbehalten. Protest mit weniger Reichweite, da leicht abwehr-
bar, kam vonseiten russischer Juden. Sie warfen ihm Verrat am Land Israel vor, da
er sich zeitweise für Britisch-Uganda als Siedlungsgebiet stark machte. Da die-
ser Siedlungsvorschlag aber sowieso kein integraler Bestandteil von Herzls Idee
war, konnte er in dieser Frage einlenken. Jedoch fehlte den zionistischen Kreisen
der Chowew-Zion-Bewegung in Herzls schrift, der rechte ,,jüdische Geist", das
,,jüdische Empfinden". (ebd.)
Herzl politische Anstrengungen zum Erreichen seines in ,,Judenstaat" gesetz-
ten Zieles, waren vielfältig. Er verhandelte mit dem Osmanischen Reich über
einen Schutzvertrag für Palästina oder ein anderes Land im Einflussbereich der
Osmanen. Desweiteren gründete er Organisationen und Institutionen, um die prak-
tische Umsetzung seiner Pläne zu gewährleisten und um seinen Verhandlungen
mehr politisches Gewicht zu verleien.
Drei Jahre nach dem Dreyfus-Prozess kam es in der Schweiz zum ersten
Zionistischen Weltkongress
, den Herzl leitete. Der Kongress verabschiedete ein
Grundsatzprogramm, das ,,Basler Programm", in dessen Zentrum die ,,Schaffung
einer öffentlich-rechtlich gesichterten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästi-
na" stand. (Küng 1991: 353)
Nachdem Verhandlungen mit dem türkischen Sultan über einen Schutzvertrag
ergebnislos verliefen, wandte sich Herzl an Kaiser Wilhelm II., später auch an den
russischen Zaren sowie an Papst Pius X. stets ohne konkrete Erfolge.
Im Jahr 1901, auf dem fünften Kongress der Zionisten (ebenfalls in Basel),
kam es zu ernsten Auseinandersetzungen mit Anhängern der Chowew-Zion-Be-
wegung, die auch ohne einen Schutzvertrag eine, gewissermaßen schleichende,
Besiedlung forderten. Die politische Aktivität wurde mit den Worten verurteilt,
Israel würde nicht durch Diplomaten, sondern durch Propheten erlöst werden.
Den Vorschlag einer langsamen Einsickerung der Juden, einer Infiltration des
Siedlungsgebietes, lehnte Herzl wie bereits erwähnt ab. Ein Grund dafür könnte
gewesen sein, dass er vermeiden wollte, dass die Siedler ihre neue Heimat würden
verlassen müssen, falls wider Erwarten doch eine anderen Gegend als Palästina
endgültiges Ziel würde. Andererseits ist auch die andere Position zu verstehen.
Wenn man bereit ist, den Ruch der Illegalität in Kauf zu nehmen, dann ist eine
10
,,Besiedlung von Unten", also statt einer groß geplanten Besiedlung, ein probates
Mittel, um Tatsachen zu schaffen. Wenn ersteinmal eine größere Anzahl an Sied-
lern im Land lebt und dort eine Wirtschaft und Infrastruktur schafft, ist eventuell
die eigene Verhandlungsposition anderen politischen Mächten gewichtiger.
Im Oktober 1902 kam es zu Verhandlungen mit der englischen Regierung über
Zypern oder El Arish der Halbinsel Sinai als alternatives Siedlungsgebiet. Die
Engländer waren bereit, den Juden El Arish zu überlassen und auch die Chowewe
Zion waren einverstanden, da auf der Halbinsel Moses die göttliche Offenbah-
rung empfangen hatte. Die Grenzziehung zwischen Palästina und Ägypten war
an dieser Stelle noch nicht abgeschlossen, so bot sich diese Gegend also an. Eine
Kommission stellte auch fest, dass das Gebiet unbewohnt war, jedoch über kein
Wasser verfügte. Da Ägypten den Juden Nilwasser verweigrte, musste dieser Plan
aufgegeben werden.
Als Herzl im Jahr 1904 starb, waren unmittelbare Erfolge noch nicht sichtbar.
Es gab noch keine Zusage von irgendeiner Macht, die Juden bei ihrem Problem
zu unterstützen. Das riesige Begräbnis in Wien zeugt aber von der großen Begei-
sterung, die er mit seinen Ideen und Plänen hervorgerufen hatte.
Im Jahr 1905 brachen in Russland neuerliche Pogrome aus und die
zweite
Alija
begann. Einer der Auswanderer dieser Zeit war David Ben Gurion, der spä-
ter der erste Premierminister Israels werden sollte. Wie er waren viele Emmigran-
ten aus Russland sozialistisch geprägt. Viele hatten für die Revolution gekämpft.
1906 kam es zur Gründung der ersten hebräischen Oberschule (in Jaffa) und
Kunstakademie (in Jerusalem). Der erste Kibuz entstand 1909 in Deganja am See
Genesaret, ebenso wie die erste moderne jüdische Stadt, nämlich Tel Aviv.
Im Laufe des Ersten Weltkrieges kam es in Russland erneut zu Pogromen ge-
gen die Juden, denen Verschwörung mit den Zentralmächten vorgewurfen wurde.
Auch nach der Oktoberrevolution von 1917 besserte sich die Lage nicht. Wäh-
rend viele Juden vorher für die sozialistische Idee gekämpft hatten, wurde nun der
Zionismus von den neunen Machthabern als reaktionär verboten, ebenso wie der
Gebrauch der hebräischen Sprache.
3
Weg zur Staatsgründung
Die Britische Regierung hatte 1914 dem Osmanischen Reich den Krieg erklärt,
und sah sich nun unmittelbar mit der Palästinafrage konfrontiert. Als britische
Truppen 1916 von Ägypten aus in Richtung Palästina vorrückten, waren sie natür-
lich an einer jüdischen Unterstützung gegen die Türken interessiert. Diese Situa-
tion machte sich
Chaim Weizmann
(18741952) zunutze und es gelang ihm im
Juni 1917, vom britischen Außenminister Lord Balfour eine Erklärung zu bekom-
men, in der dieser sich zur Situation der Juden positionierte. Weizmann war nach
11
dem Tod Herzls und in der Zeit um den Ersten Weltkrieg eine der wichtigsten Per-
sonen der zionistischen Bewegung. Besagte Erklärung, die
Balfour-Declaration
,
beinhaltete die Zustimmung zum Plan der Zionisten, einen jüdischen Staat in Palä-
stina zu errichten. Wörtlich hiess es in der Erklärung: ,,Seiner Majestät Regierung
betrachtet die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische
Volk mit Wohlwollen und wird die größten Anstrengungen machen, um die Errei-
chung dieses Zieles zu erleichtern [. . . ]" Es wurde weiterhin jedoch klar gesagt,
dass die Rechte nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina respektiert werden
müssten.
Genau dieser letzte Punkt, die Rechte der Nichtjuden, sollte zum Konflikt wer-
den. Ein Leitspruch der zionistischen Bewegung war stets: ,,das Volk ohne Land
braucht ein Land ohne Volk". Dabei wurde geflissentlich ignoriert, dass Palästi-
na eben kein ,,Land ohne Volk" war. Vielmehr lebten zu dieser Zeit rund 500 000
Araber in diesem Land. Andererseits ist dies auch kein völlig überzeugendes Argu-
ment, schließlich wäre Palästina durchaus groß genug, um beiden Völkern Platz
zu bieten. Zumal zu erwarten stand, dass mit den jüdischen Einwanderern aus
diversen Industrieländern ein wirtschaftlicher Aufschwung Palästinas einsetzten
würde. Andererseits wäre wohl dennoch ein friedliches Nebeneinander zweier
Teilstaaten eher von Erfolg gekrönt als ein versuchtes Miteinander (um nicht zu
sagen Durcheinander) zweier Völker gemischt in einem Land.
Kurze Zeit nach der Balfour-Erklärung zogen britische Truppen in Jerusalem
ein und beendeten die 400 Jahre dauernde osmanische Herrschaft. Die Deklarati-
on löste die
dritte Alija
aus, da sich die Juden nun politisch durch die Briten un-
terstützt wähnten. Die Einwanderer dieser Einwanderungswelle waren vor allem
Juden aus Polen, die in Palästina nun mehrheitlich landwridschaftliche Siedlungen
gründeten.
Auf Wunsch der britischen Regierung wurde die Zionist Commission gegrün-
dete mit der Aufgabe, Bindeglied zwischen der jüdischen Bevölkerung und der
englischen Regierung zu sein. Präsident dieser Kommission wurde Weizmann.
Ein Jahr später gründete er die Hebräische Universität Jerusalem. Die Schaffung
dieser Institutionen und Einrichtungen (die Schule in Jaffa, nun die Universität,
die Kommission, . . . ) sowie die Balfour-Erklärung waren erste Grundsteine der
späteren Staatsgründung.
Im Jahr 1920 unterstellte der Völkerbund Palästina offiziell der britischen Ver-
waltung. Es war nun
britisches Mandatsgebiet
. Das Mandat umfasste dabei nicht
das Ostjordanland (Transjordanien). Dieses wurde dem Haschimiden-Emir und
späterem König von Jordanien, Abdallah, unterstellt. Der Völkerbund forderte
Großbritanien 1922 auf, ,,in Anerkennung der geschichtlichen Verbundenheit des
jüdischen Volkes mit Palästina", die Juden bei der Einwanderung und Ansiedlung
zu unterstützen. (Vgl. Küng 1991, 357) Eine Besiedlung auch Transjordaniens
12
wurde durch Großbritanien trotz aller jüdischen Forderungen verboten. Ermu-
tigt durch die nun auch offiziell erlaubte, ja vom Völkerbund auch gewünschte
(,,in Anerkennung der geschichtlichen Verbundenheit [. . . ] [ist] die jüdische Ein-
wanderung [. . . ] zu erleichtern,,), Besiedlung sowie infolge einer schweren Wirt-
schaftkriese in Polen kamen während der Jahre 1924 bis etwa 1930 als
vierte
Alija
ungefähr 80 000 Juden nach Palästina. Statt sich in militärische Auseinan-
dersetzungen verwickeln zu lassen, tat Weizmann alles, ökonomische Positionen
aufzubauen. Das Land erlebte in dieser Zeit einen enormen wirtschaftlichen Auf-
schwung.
Wie bereits erklärt war jedoch Palästina kein ,,Land ohne Volk". Im Zeitraum
von 1920 bis 1929 kam es mehrmals zu antijüdischen Aufständen. Die palästi-
nensichen Araber setzten sich gegen die Einwanderungswellen zur Wehr. Krupp
(1985: 81) schreibt dazu jedoch, die Mehrheit der Araber jener Zeit seien weder
pro- noch antizionistisch eingestellt gewesen. Vielmehr seien sie diesbezüglich
uninteressiert. Nur die führende Schicht der palästinensischen Araber hätte sich
in ihrer sozialen und herrschenden Stellung bedroht gefühlt. Demgegenüber be-
richtet Küng (1991: 361) von einem Generalstreik im Jahr 1936, aus dem sich
ein dreijähriger Aufstand entwickelte. Im Laufe dieses Aufstandes seien fast 3000
Araber, 1200 Juden und 700 Briten ums Leben gekommen. Der Generalstreik
sowie der Aufstand seien verantwortlich für das wachsende palästinensische Na-
tionalbewusstsein, heisst es weiter.
Es gab in der ,,Araberfrage" zwei Strömungen innerhalb der zionistischen Be-
wegung. Die eine vertrat der in Odessa geborene Journalist und zionistische Akti-
vist
Vladimir Jabotinsky
(18801940). Er und seine revisionistische Partei ver-
folgen das Ziel, Israel in den biblischen Grenzen wieder entstehen zu lassen, also
einschließlich des Gebietes östlich des Jordans. Er schloss dazu auch Waffenge-
walt gegen Araber und Briten nicht aus. Bereits 1920 organisierte Jabotinsky dafür
eine jüdische Untergrundarmee, die Hagana. Mit einer von der Hagana abgespal-
tenen terroristischen Organisation, Irgun, verbreitete Jabotinsky ab 1937 Angst
und Hass unter den Arabern. Willkürliche Bombenattentate waren dabei ein Mit-
tel. Den jüdischen Anspruch auf Palästina begründete er biblisch und die Araber,
so sagte er, könnten schließlich in anderen Ländern siedeln, im Gegensatz zu den
Juden. Die andere Strömung wurde maßgeblich gelenkt durch David Ben-Gurion.
Er setzte auf die Kooperation mit den Arabern, um auf friedlichem Wege eine
jüdische Wirtschaftsstruktur zu schaffen, auf der der spätere Staat würde aufbau-
en können. Aber auch Ben-Gurion hatte eine größtmögliche Ausdehnung Israels
stets im Hinterkopf. Auch er rechnete mit Umsiedlungen (
weniger freundlich for-
muliert also mit Vertreibungen
) der arabischen Bevölkerung. Vermutlich hat er
letztere Überlegungen nicht ganz so öffentlich vertreten wie sein Bekenntnis zum
friedlichen Umgang mit den Arabern, andernfalls wäre dieser Widerspruch ja of-
fensichtlich gewesen. In Anbetracht des Nationalismus, Imperialismus und Kolo-
13
nialismus schienen Umsiedlungen als politisches Mittel akzeptiert. Etwa Frank-
reich und Großbritanien hatten kurze Zeit zuvor den Nahen und Mittleren Osten
mit zum Teil willkürlichen Grenzziehungen zergliedert und aufgeteilt. (Vgl. Küng
1991: 360)
Während all dessen befand sich die britische Regierung, also die Mandats-
macht, in einer schwierigen Lage. Einerseits hatte sie den Juden die Schaffung
eines eigenen Staates in Aussicht gestellt, andererseits den Arabern aber ebenfalls
zugesichert, ihre angestammten Rechte bewahren zu können. Ein Bericht der bri-
tischen Peel-Kommission empfahl 1937, Westpalästina aufzuteilen in einen arabi-
schen und einen jüdischen Staat. Die palästinensichen Araber lehnten dies strikt
ab, Ben-Gurion jedoch, Führer der Arbeiterpartei, also der stärksten Kraft inner-
halb des Zionismus, akzeptierte. Ohne arabische Zustimmung kam aber für die
Briten die Errichtung eines jüdsischen Staates nicht in Frage. Zu groß schien ih-
nen das Risiko einer Eskalation der Situation. Aus diesem Grund beschränkte die
Mandatsmacht nun die Zahl der Einwanderer auf jährlich 75 000. Nach fünft Jah-
ren sollte die Einwanderung generell gestoppt werden.
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde diese Politik der Briten
aufgegeben. Jetzt war man an der Unterstützung der Juden interessiert. Viele Ju-
den in Palästina meldeten sich freiwillig zur britischen Armee. Die Briten hoben
nun Beschränkungen des Landerwerbs und der Einwanderung auf. Währenddes-
sen setzte die Irgun ihren Terror gegen die Briten fort mit dem erklärten Ziel, sie
aus dem Land zu bomben. Dabei wurden der britische Nahost-Bevollmächtigte
Lord Moyne und später der UNO-Vermittler Graf Folke Bernadotte ermordet so-
wie das von der britischen Regierung genutzte King David Hotel teilweise zerstört
stets von der Welt mit Empörung zur Kenntnis genommen.
Nach allen Wirren der vergangenen Jahren beschlossen die Vereinten Natio-
nen am 29. November 1947 mit einer großen Mehrheit (USA und UdSSR) die
Aufteilung Palästinas. Am 14. Mai des folgenden Jahres sollte das britische Man-
dat enden. Den Juden sollten 15 000 und den Arabern 11 000 qkm des Bodens
zustehen und die Stadt Jerusalem unter Verwaltung der UN gestellt werden. Be-
kanntermaßen stimmten die Juden zu. Die arabischen Mächte, die für die Palästi-
nenser sprachen, welche noch keine eigene politische Vertretung besaßen, lehnten
diese Aufteilung ab. Damit verpassten die Araber die Gründung eines eigenen
palästinensichen Staates, den sie sich heute wünschen. Am Tag nach dem Ende
des britischen Mandats sollte der neue Staat entstehen. Wegen des bevorstehen-
den Schabbats proklamierte David Ben-Gurion den Staat Israel am 14. Mai 1948.
Bereits einen Tag später wurde der junge israelische Staat von den Armeen Ägyp-
tens, Transjordaniens, Syriens, Libanons und des Iraks angegriffen. Damit hatte
der erste jüdisch-arabische Krieg begonnen der
Unabhängigkeitskrieg
. Er en-
dete knapp ein Jahr später, am 24. Februar 1949, aufgrund von Uneinigkeit des
arabischen Lagers und der mangelnden Qualität der arabischen Truppen. Israel
14
siegte und war nun im Besitz eines Gebietes, das erheblich größer war, als jenes,
dass der UN-Teilungsplan vorgesehen hatte. Zu den dunklen Seites dieses Krieges
gehört der kaltblütig geplante Überfall israelischer Terroristen auf das friedliche
palästinensische Dorf Dir Jassin. Bei diesem Überfall starben fast alle Dorfbewoh-
ner; Frauen, Kinder, Männer. Als Folge dieses und ähnlicher Überfälle setzte eine
Massenflucht und Vertreibung von rund 850 000 Arabern aus ihren angestamm-
ten Gebieten in die angrenzenden arabischen Staaten ein. Um den Flüchtlingen
die Rückkehr unmöglich zu machen, wurden 360 arabische Dörfer und 14 Städte
innerhalb des Staates Israel dem Erdboden gleichgemacht. (Vgl. Küng 1991: 368)
Tatsache ist aber auch, dass die so oft beschworene arabische Freundschaft
nicht ausreichte, den palästinensischen Brüdern eine Ansiedlung in den Ländern
zu erlauben, in die sie sich flüchten konnten. Stattdessen wurden sie in Flücht-
lingslagern untergebracht. Als Übergangslösung ist dies ein durchaus adäqua-
tes Mittel, aber auf Dauer unbefriedigend. Gründe mögen darin liegen, dass die
arabischen Nachbarländer bereits ohne die palästinensischen Flüchtlinge wirt-
schaftliche Probleme hatten. Es ist aber ebenfalls nicht auszuschliessen, ja sehr
wahrscheinlich, dass die Araber in den Palästinensern ein lebendes Druckmittel
gegenüber Israel hatten. In diesen Flüchtlingslagern lag das Potential zum Wider-
stand gegen den neuen israelischen Nachbarn.
Dem Unabhängigkeitskrieg sollten vier weitere größere Kriege folgen: der
Sinai-Feldzug
im Jahr 1956, der
Sechtage-Krieg
1967, 1973 der
Jom-Kippur-
Krieg
und schließlich 1982 die
Libanon-Invasion
. Stets wurden von israelischer
Seite vermeinlich gute Gründe angeführt, warum ein Präventivkrieg nötig war
oder warum man auf eine bestimmte Provokation reagieren musste. Die verschie-
denen Quellen, von verschiedenen politischen Haltungen gefärbt, erschweren es,
jeweils ,,den Schuldigen" bei diesen Auseinandersetzungen auszumachen. Neuere
Untersuchungen von Historikern zeigen aber deutlich, dass nicht immer alles so
geschehen ist, wie es schien. So hat beispielsweise der israelische Publizist und
Historiker Simcha Flapan herausgearbeitet, dass bereits an der Ablehnung des
UN-Teilungsplans von 1947 durch die arabische Seite Israel seinen Anteil hatte.
So gab es ein Geheimabkommen Ben-Gurions mit Abdallah von Transjordanien,
dass dieser das für die palästinensische Besiedlung vorgesehene Gebiet annektie-
ren sollte um später ein großsyrisches Reich zu errichten. Das Ziel Ben-Gurions
war es, so die Schaffung eines selbstständigen Staates der palästinensische Araber
zu verhindern. Dies Beispiel soll zeigen, dass keine Seite unschuldig ist an dem
bis heute andauernden Konflikt.
15
Literatur
Bock, Sebastian (1998): Kleine Geschichte Israels. Freiburg.
Brym, Max (2002): Sinn und Unsinn der Zionismuskritik. Onlie in Internet: URL:
http://www.zionismus.info/antizionismus/zionismuskritik.htm
[Stand 2003-09-18]
Greive, Herrmann (1992): Die Juden Grundzüge ihrer Geschichte im mittelal-
terlichen und neuzeitlichen Europa
Grübel, Monika (1997): Judentum Schnellkurs. Köln.
Herzl, Theodor (1896): Der Judenstaat Versuch einer modernen Lösung der Ju-
denfrage. Online in Internet: URL: http://www.zionismus.info/judenstaat/
judenstaat.htm [Stand 2003-09-18]
Krupp, Michael (1985): Zionismus und Staat Israel. Gütersloh.
Küng, Hans (1991): Das Judentum. München.
Neumann, Franz (Hg.) (1996): Handbuch Politische Theorien und Ideologien 2.
Stuttgart. (UTB 1854)
Solomon, Norman (2002): Judentum Eine kurze Einführung. Stuttgart.
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