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Seminararbeit, 2004, 12 Seiten
Autor: Cathleen Schulz
Fach: Ethik
Details
Institution/Hochschule: Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Tags: Angewandte, Ethik, Geschichtswissenschaften, Proseminar
Jahr: 2004
Seiten: 12
Note: 1,6
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-06986-6
Dateigröße: 122 KB
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Angewandte Ethik in den Geschichtswissenschaften 1
Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einführung
2
2. Wissensethik
3
3. Geisteswissenschaften
5
4. Geschichtswissenschaften
7
Literaturverzeichnis
Angewandte Ethik in den Geschichtswissenschaften 2
Einleitung
Ethische Probleme in den Naturwissenschaften sind immer wieder ein Thema in den
Medien und auch in der Wissenschaft. Doch wie steht es mit ethischen Problemen in
den Geisteswissenschaften? Besteht da kein Handlungsbedarf? Oder gibt es doch
spezielle geisteswissenschaftliche, ethisch bedenkliche Probleme, die einer genaueren
Untersuchung bedürfen?
Wissenschaftsethik ist da gebraucht, wo aus der theoretischen Wissenschaft praktische
Folgen entstehen. Dies ist bei den Naturwissenschaften häufig der Fall durch ihre
Umsetzung in Technik. Doch auch bei den Geisteswissenschaften gibt es praktische
Folgen. Diese aufzuzeigen und ihre ethische Dimension zu benennen, soll Aufgabe
dieser Arbeit sein. Der Aufteilung nach Spinner in forscherische, sammelnde und
verteilende Wissensaktivitäten folgend, soll es hier hauptsächlich um den Nachweis
gehen, daß auch im Bereich der Geisteswissenschaften die forscherischen Tätigkeiten
ethische Relevanz haben. Speziell die Geschichtswissenschaften sollen hier untersucht
werden, da der Umfang eine Untersuchung aller Geisteswissenschaften sprengen würde.
Im ersten Teil werde ich auf allgemeine Wissensethik eingehen und deren Probleme
aufzeigen, der zweite Teil gibt eine oberflächliche Einführung in die spezielle
Problematik der Geisteswissenschaften und der dritte Teil schließlich befasst sich
konkret mit der angewandten Ethik in den Geschichtswissenschaften.
Angewandte Ethik in den Geschichtswissenschaften 3
Al gemeine Wissensethik
Wissensethik hat zum einen das Wissen an sich zum Gegenstand, zum anderen, weitaus
größeren Teil, den Umgang mit Wissen. Bei Spinner ist nicht nur das wissenschaftlich
erzeugte Wissen relevant, sondern auch jegliche andere Art von Information. Darunter
fällt die Erzeugung von Wissen, d.h. die ,,forscherischen Wissensaktivitäten"1, die
Weiterverarbeitung von Wissen, d.h. die ,,sammelnden Wissensaktivitäten"2 und die
Verbreitung von Wissen, die ,,verteilenden Wissensaktivitäten"3. Nach Spinner gibt es
ordnungspolitische Leitwerte für jede dieser Wissensaktivitäten; diese Leitwerte sind die
Veränderungsfreiheit für die Forschung, die Beeinträchtigungsfreiheit für die
Bewahrung von Wissen und die Verkehrsfreiheit für die Verbreitung.4
Veränderungsfreiheit meint, daß alles Wissen veränderbar sein sollte. Damit ist sowohl
eigenes als auch fremdes Wissen gemeint; es dürfen keine Einschränkungen durch
Dogmen oder Zensur gemacht werden. Alles darf verändert werden ohne sich mit den
Folgen des theoretischen Wissens zu belasten. Es geht um eine quantitative und
qualitative Verbesserung des vorhandenen Wissens. In solch einem Ideal muss Wissens-
kommunismus herrschen.5
Beeinträchtigungsfreiheit bedeutet, daß es keinen Eingriff in das zu sammelnde Wissen
geben soll. Darunter fällt auch besonders low-quality Wissen im Privatbereich, vor allem
das Recht auf freie Meinung innerhalb der bestehenden Gesetze.6
Im Bereich der Wissenschaft hat diese Freiheit besondere Relevanz bei der Bewahrung
von Quellen, die nicht verändert werden dürfen. Auch Fälschung würde dieser Freiheit
widersprechen.
Verkehrsfreiheit schließlich sorgt für den ungehinderten Fluß von Informationen.
Besonders wichtig ist hierbei auch die Gleichberechtigung von Information und Gegen-
information, oder auch von Kritik.7 Praktische Anwendung sollte die Verkehrsfreiheit
für die Wissenschaft im Wissenschaftsjournalismus finden.
Diese drei Freiheiten werden nach Spinner durch eine zu schaffende Wissensordnung
vorgegeben und bieten damit die Rahmenbedingungen innerhalb derer Ethiken sich
1 Vgl. Spinner, S.738.
2 Ebenda.
3 Ebenda.
4 Vgl. Spinner, S.739f.
5 Ebenda. Wissenkommunismus meint, daß Wissen für jedermann frei zugänglich ist..
6 Ebenda.
7 Ebenda.
Angewandte Ethik in den Geschichtswissenschaften 4
einpassen können.
Diese Ethiken, die sich in die Wissensordnung einpassen sollen, sind die
Kreativitätsethik, die Informationsethik und die Publizitäts- und Medienethik.
Dabei hat die Kreativitätsethik im Bereich der Forschung die Güte des Wissens als
Inhalt, die Informationsethik die Gleichberechtigung der Informationen und Gegen-
informationen und die Publizitäts- und Medienethik achtet auf die informationelle
Grundversorgung der Gesellschaft und zeigt im Bereich der Wissensvermittlung
Probleme auf.8
Die Beschäftigung mit den Inhalten des Wissens, das bei Spinner nur als Form
betrachtet wird, wird hierbei ausgespart. Die drei Bereichsethiken, die Spinner nennt,
umfassen den Umgang mit Wissen, nicht jedoch die Problematik, wie mit brisantem
Wissen umgegangen werden soll. Die Kreativitätsethik achtet darauf, daß solches
Wissen erzeugt werden kann und daß die Güte dieses Wissen so hoch wie möglich ist.
Aber was ist mit der Frage der Verantwortung der Wissenschaftler für die Folgen ihres
erzeugten Wissens? Diese Frage erwähnt Spinner zwar, bietet aber keine Bereichsethik
an, die sich speziell mit dieser Problematik beschäftigen sollte.
Bei diesen Fragen über den Inhalt von Wissen haben sich verschiedene
Wissenschaftsethiken herausgebildet; so z.B. die Bioethik oder die Medizinethik.
8 Vgl. Spinner, S.745.
Angewandte Ethik in den Geschichtswissenschaften 5
Geisteswissenschaften
Im Bereich der Geisteswissenschaften fehlt solche eine Ethik jedoch. Zum einen weil
Geisteswissenschaften ihre praktische Anwendung meist nicht in der Technik finden,
zum anderen scheint das Wissen, das in den Geisteswissenschaften erzeugt wird, keine
ethische Dimension zu haben. Doch worum geht es den Geisteswissenschaften
überhaupt? Was verbindet und was trennt sie von den Naturwissenschaften?
Diese Frage lässt sich nicht einfach beantworten; viele Geisteswissenschaftler
diskutieren darüber. ,,Diskussionswissenschaften" oder auch ,,Buchwissenschaften"9
werden oft synonym zu Geisteswissenschaften verwendet, um die
Geisteswissenschaften über ihre Methode zu definieren. Dabei gehen diese
Bezeichnungen davon aus, daß nur die Geisteswissenschaften über Diskussion bzw.
über das Rezipieren von Büchern zu ihren Erkenntnissen gelangen. Als Abgrenzung zu
den Naturwissenschaften eignen sich diese Bezeichnungen nicht, da auch während eines
Projekts in den Naturwissenschaften diskutiert wird und die meisten Neuerungen der
Naturwissenschaften in Team-Arbeit entstehen. Bücher dienen den
Naturwissenschaftlern ebenso als Grundlage wie den Geisteswissenschaftlern, wenn
vielleicht auch nicht in diesem starken Maße. Doch wenn der Unterschied nicht in der
Methode liegt, worin dann? Ritter definiert die Geisteswissenschaften als
,,die Wissenschaften, die im Horizont der uns überhaupt zugänglichen geschichtl-
lichen Zeit die Geschichte selbst, Sprache, Kultur, Dichtung, Philosophie, die Reli-
gionen, aber ebenso auch Dokumentationen persönlichen Lebens in historischer und
hermeneutischer Methode zum Gegenstand haben und vergegenwärtigen."10
Im Bezug auf ihre Methoden und ihren Gegenstand, nennt Mittelstraß die
Geisteswissenschaften, im Gegensatz zu Ritter, unendlich.11 Seiner Meinung nach, sind
die Geisteswissenschaften weder über ihre Gegenstände, noch über ihre Methoden
eindeutig zu fassen. Dilthey bezeichnete die Geisteswissenschaften zuerst als
,,Wissenschaften vom Menschen, der Gesellschaft und dem Staat"12, später benannte er
als Gegenstand die geschichtliche geistige Welt des Menschen, die sich in den Werken
des Menschen ausdrückt, damit sind Kunstwerke, Dichtungen, Philosophie und Rechts-
und Lebensordnungen gemeint. Als Methode, mit der die Geisteswissenschaften
vorgehen, nannte er die Auslegung und das Verständnis der geschichtlichen geistigen
9 Vgl. Mittelstraß, 1996, S.10.
10 Ritter, S.120.
11 Vgl. Mittelstraß, 1996, S.5.
12 Hier zitiert nach Ritter, S.121.
Angewandte Ethik in den Geschichtswissenschaften 6
Welt.13 Nach Ritter entstehen die Geisteswissenschaften in ihrer heutigen universitären
Form erst im 19.Jahrhundert. Viele der großen Philosophen oder Historiker oder
allgemeinen Gelehrten, haben nie an einer Universität gelehrt . Doch im Unterschied
zu den Naturwissenschaften waren die Geisteswissenschaften als sie an die Universität
gelangten, noch nicht methodisch konstitutiert. Viele Bereiche, die für uns heute
selbstverständlich als zu den Geisteswissenschaften gehörig zählen, mussten hart darum
kämpfen, an die Universitäten aufgenommen zu werden, so z.B. die
Sprachwissenschaften.14
Es scheint schwierig, sich der Frage ,,Was sind die Geisteswissenschaften" über die
Methoden oder über ihre Gegenstände zu nähern. Eine weitere Möglichkeit wäre es,
sich dieser Frage über die Aufgabe und den Sinn der Geisteswissenschaften in der
modernen Welt zu nähern. Oft werden sie als ,,Orientierungswissen" beschrieben, die in
der modernen Welt uns helfen sollen, die Technik in die richtigen Bahnen zu lenken
und die ,,Geschichtslosigkeit" der naturwissenschaftlichen Welt auszugleichen.15
Mittelstraß formuliert das folgendermaßen:
,,Die technische Vernunft sagt, was moderne Gesellschaften
können
; die
geisteswissenschaftliche Vernunft sagt, was moderne Gesellschaften
sind.
"16
Für Mittelstraß sind die Geisteswissenschaften eine erworbene Freiheit einer rationaler
Kultur; da sie nicht dem Zwang der Nutzbarkeit unterworfen sind.17 In den Geistes-
wissenschaften verschafft sich die moderne Gesellschaft Wissen über sich selbst.18
,,Insofern hat (nur scheinbar paradox) keine Gesellschaft Geisteswissenschaften so
nötig wie gerade die (geschichtslose) technische Gesellschaft."19
Für Mittelstraß besteht die Hauptaufgabe der Geisteswissenschaften im Deuten,
Erklären, Argumentieren und Konstruieren. Sie müssen nicht nur vergegenwärtigen,
was war, sondern auch den momentanen Zustand kritisch betrachten und die Zukunft
vorausdenken.20
Bodammer bezeichnet die Geisteswissenschaften als
,,sensibilitätsfördernd" und ,,identitätsbildend"21, sie sind außerdem nötig zur Förderung
der Humanität.22
13 Vgl. Ritter, S.121.
14 Vgl. Ritter, S.123f
15 Vgl. Ritter, S.131.
16 Mittelstraß, 1986, S.63.
17 Vgl. Mittelstraß, 1986, S.63.
18 Vgl. Mittelstraß, 1986, S.64.
19 Mittelstraß, 1986, S.64.
20 Ebenda.
21 Vgl. Bodammer, S.215.
22 Vgl. Bodammer, S.248
Angewandte Ethik in den Geschichtswissenschaften 7
Ethik in den Geschichtswissenschaft
Die Aufgabe der Geisteswissenschaften besteht also im kritischen Betrachten der
Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Diese Aufgabe birgt viele ethische
Aufgaben in sich. Solch eine Aufgabe, die schließlich das Selbstverständnis der
Menschen stark beeinflußt, sollte mit Hilfe einer eigenen Bereichsethik betrachtet
werden. Nicht nur die Kreativitätsethik spielt in diesem Bereich eine große Rolle, d.h.
die Ethik, die die Qualität des erzeugten Wissens sichern soll; sondern auch der
inhaltliche Aspekt sollte untersucht werden. Den inhaltlichen Aspekt der gesamten
Geisteswissenschaften zu untersuchen, würde den Rahmen der Arbeit sprengen; daher
werde ich mich auf die Geschichtswissenschaft konzentrieren.
Auch die Aufgabe der Geschichtswissenschaft liegt im kritischen Betrachten der
Vergangenheit; die Gegenwart und die Zukunft sind ursprünglich nicht Gegenstand der
Geschichtswissenschaft. In letzter Zeit wurde jedoch vor allem in Frankreich eine
nouvelle histoire
praktiziert, die auch die Gegenwart in das historische Forschen mit
einbezieht:
,,Die Geschichte ist die Wissenschaft von der Vergangenheit und die Wissenschaft
von der Gegenwart." 23
Auch wird die Geschichtswissenschaft als ,,Wertelieferant" gesehen, denn wenn das
Bewußtsein von der eigenen Geschichte verloren geht, verliert man auch die tradierten
Werte. Um diese wieder neu zu erkennen, wendet man sich wieder der Geschichte zu.24
Diese wichtige Aufgaben der Geschichtswissenschaft, nämlich die Vergangenheit und
die Gegenwart kritisch zu beurteilen, mit wachem Verstand die Gesellschaft zu sehen
und mit Hilfe von Veröffentlichungen der Gesellschaft ihre Geschichte bewußt zu
machen und so Werte und ein Selbstverständnis vorzugeben - im Prinzip sind somit
Historiker ,,Dienstleister" der Gesellschaft - ; braucht eine angewandte Ethik. Eine
Ethik, die dem Historiker seine Verantwortung bewußt macht und ihm auch hilft, seine
Arbeit qualitativ gut zu machen.
Ein Problem der Geschichtswissenschaft ist die unterschiedliche Annahme von
Veröffentlichungen durch die Medien und die Gesellschaft. Der Fall Goldhagen macht
das besonders deutlich. 1996 veröffentlichte Daniel Goldhagen seine Dissertation
,,Hitler′s Willing Executioners" . Diese Dissertation war in den Medien und in der
23 Lucien Febvre, hier zitiert nach Goertz, S.15.
24 Vgl. Goertz, S.10.
Angewandte Ethik in den Geschichtswissenschaften 8
Historikerzunft stark umstritten.
Zusammenfassend gesagt stand die Meinung der Historiker, daß das Buch große
methodisch-empirische Mängel aufweise, nur einen monokausalen Erkärungsansatz
habe und die Form popularisierend und z.T. moralisierend sei, gegen die Meinung der
Medien und der zahlreichen Leser, die das Buch kauften, daß Geschichte den Lesern auf
emotionalen Weg näher gebracht werden könne als durch die distanzierte
Darstellungsform der Historiker.25
Hier wird das Spektrum deutlich, in dem sich historische Arbeiten bewegen. Entweder
werden sie von der etablierten Wissenschaft als zu populistisch und wissenschaftlich zu
ungenau kritisiert, oder sie werden von dem Publikum, daß schließlich auch ein
Interesse an der Geschichte hat und daher auch in historischen Veröffentlichungen
angesprochen werden sollte, abgelehnt, weil die Form zu distanziert ist und keine
einfache Erklärung anbietet.
Hier ist es wichtig, daß die Wissenschaft dieses Feld nicht Esoterikern überläßt, die mit
einfachen Weltbildern und Erklärungen die Öffentlichkeit stark beeinflußen. Auch das
könnte eine Aufgabe für eine angewandte Ethik sein, hier bewußt zu machen, wo
wirklich fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse zugrundeliegen und wo nicht.
Geschichte versucht die Vergangenheit zu erklären; z.B. wie es zum Nationalsozialismus
kommen konnte. Leider gibt es hier keine einfache Erklärung26, sondern nur
unterschiedliche Kausalitäten, die zusammenwirkten. Historiker versuchen diese
unterschiedlichen Erklärungsansätze möglichst umfassend darzustellen und ihre
Wechselwirkung aufzuzeigen; desweiteren sichern sie ihre Arbeiten durch den
wissenschaftlichen Apparat ab, um die Darstellung und Argumentation für jedermann
nachvollziehbar und nachprüfbar zu machen. Diese Arbeitsweise geht dann zu Lasten
einer ansprechenden Darstellungsform.
Um ihrer Aufgabe als ,,Dienstleister der Gesellschaft" nachzukommen, müssten
Historiker mit Hilfe einer angewandten Ethik einen Weg finden, ihre wissenschaftlich-
qualitativ gute Arbeit so darzustellen, daß sie vom Publikum angenommen wird. Dabei
ist besonders darauf zu achten, daß der eigene Standpunkt des Historikers deutlich
gemacht wird und klar von den Fakten getrennt wird, damit das Publikum sehen kann,
wo die persönliche Meinung des Historikers durchscheint.27
Andererseits ist die Forderung, daß Historiker sowohl wissenschaftlich korrekt arbeiten
25 Vgl. Weingart, S.267-270
26 Einfache Erklärungen wären z.B. Hitler war Schuld oder die Deutschen hatten Schuld.
27 Ein weiteres Problemfeld im Bereich der Geschichte ist, daß jeder Historiker auch ein Mensch mit
eigenen Meinungen ist, die man nicht immer vollständig von der historischen Arbeit trennen kann.
Angewandte Ethik in den Geschichtswissenschaften 9
sollen und gleichzeitig bei ihrer Darstellung immer das Publikum bedenken sollen,
ebenfalls problematisch28. Der Wissenschaftler wird so zum Verkäufer der Ware Wissen.
Das könnte nicht nur auf die Darstellungsform Auswirkungen haben, sondern, wenn
diese Geisteshaltung übernommen wird, werden sich Wissenschaftler im schlimmsten
Fall auch ihre Forschungsfelder sehr genau aussuchen. Dann wird fast nur noch über
Themen geforscht, bei denen man sich der Gewogenheit des Publikums sicher sein
kann.
Ein Problem, dessen sich Historiker bewußt sein sollten, ist die mögliche Beeinflußung
durch die aktuelle Politik. Die Geschichtswissenschaft ist anfällig dafür, daß ihre
Arbeiten sich nicht von aktuellen Ereignissen trennen lassen, da sie viel auslegen und
interpretieren, d.h. Methoden anwenden, die von einer subjektiven Beurteilung
abhängen. Im schlimmsten Fall kann es zu einer Beeinflußung der Wissenschaft durch
den Staat kommen, z.B. in Diktaturen. Diese können an den genauen Wissenschaften
relativ wenig beeinflußen29, die Geschichte jedoch ist auslegbar. Auch kann dadurch
Mißbrauch getrieben werden, daß eben nur bestimmte Bereiche der Geschichte, die der
Ideologie genehm sind, erforscht werden dürfen.
Im Nationalsozialismus legitimierten Historiker einen deutschen Herrschaftsanspruch
über bestimmte Gebiete Europas bzw. auch z.T. über ganz Europa mit Hilfe ihrer
Wissenschaft.30 In den Augen der Öffentlichkeit ein deutliches Signal, daß die
Nationalsozialisten im Recht waren.
Am Beispiel des Nationalsozialismus lässt sich auch zeigen, wie stark das Bewußtsein
der eigenen Geschichte das eigene Selbstverständnis bedingt. In den 50er- und 60er-
Jahren wurde dieses Thema von der Öffentlichkeit verdrängt31, obwohl es durchaus
deutsche Historiker gab, die sich um eine Aufarbeitung der Geschichte bemühten. Hier
kommt wieder das Problem zum Vorschein, daß wichtige wissenschaftliche
Veröffentlichungen nicht ihr Publikum erreichen.
Erst in der Studentenbewegung 1967/68 wurde das Thema wieder angesprochen und
gelangte in die öffentlichen Diskussion. Noch heute spürt man oftmals, wie schwierig
der Umgang mit der Vergangenheit für Deutsche heute ist. Hier ist es Aufgabe der
Historiker aufzuklären und vorsichtig zu beurteilen, aber auch das Selbstverständnis
wieder positiv zu beeinflußen.
28 Besonders wenn solch eine Geisteshaltung durch ökonomische Vorteile unterstützt wird.
29 Zum Beispiel war auch im Nationalsozialismus 1+1 immer noch 2. Die Geschichte wurde jedoch von
den Nationalsozialisten stark nach ihrer Ideologie interpretiert. (Vgl. hierzu Elvert, S.91.)
30 Vgl. Elvert, S.91.
31 Zum Ausdruck brachte das Buch von Alexander Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. München
1967.
Angewandte Ethik in den Geschichtswissenschaften 10
Und auch hier gibt es Schwierigkeiten; als Historiker könnte man z.B. deutsche positive
Errungenschaften in den Vordergrund stellen; jedoch besteht dann wieder die Gefahr,
daß die Vergegenwärtigung des Dritten Reiches zu stark vernachlässigt wird.
Eine angewandte Ethik könnte dem Historiker helfen, diesen Drahtseilakt zu
vollbringen. Sie könnte ihm helfen, die richtige Mischung aus populistischer und
wissenschaftlicher Darstellungsform zu finden; sie könnte ihm helfen, sich seine
Verantwortung für das öffentliche Meinungsbild bewußt zu machen und damit
umzugehen; sie könnte ihm helfen, sich seine eigene subjektive Position zu
vergegenwärtigen und sie in seine wissenschaftliche Arbeit zu beachten und sie könnte
ihm helfen, seine Arbeit anstatt einer informierten, kritischen Öffentlichkeit zu
hinterfragen ob ihrer Qualität und Verantwortung. Denn oftmals kann es auch ein
Problem sein, daß es keine informierte Öffentlichkeit gibt, da z.B. über das Thema sehr
wenig bekannt ist.
Angewandte Ethik in den Geschichtswissenschaften 11
Bibliographie
1. Bodammer, Theodor: Philosophie der Geisteswissenschaften. Freiburg, München
1987
2. Elvert, Jürgen: Geschichtswissenschaft. In: Hausmann, Frank-Rutger; Müller-
Luckner, Elisabeth (Hg.): Die Rolle des Geisteswissenschaften im Dritten Reich 1933
1945. München 2002, S.87-135
3. Goertz, Hans-Jürgen: Umgang mit Geschichte. Eine Einführung in die
Geschichtstheorie. Reinbek 1995
4. Mittelstraß, Jürgen: Die unheimlichen Geisteswissenschaften. In: Information
Philosophie. Juni 1996/2, S.5-19
5. Mittelstraß, Jürgen: Wissenschaft als Kultur. In: Heidelberger Jahrbücher. 1986, S.51
- 71
6. Ritter, Joachim: Die Aufgabe der Geisteswissenschaften in der modernen
Gesellschaft. In: Ritter, Joachim: Subjektivität. Sechs Aufsätze. Frankfurt/Main 1974,
S.105 S.140
7. Spinner, Helmut: Wissensordnung, Ethik, Wissensethik In:Nida-Rümelin, Julian
(Hg.): Handbuch Angewandte Ethik Die Bereichsethiken und ihre theoretische
Fundierung. Stuttgart 1996, S. 719-749
8. Weingart, Peter: Die Stunde der Wahrheit? Zum Verhältnis der Wissenschaft zu
Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft. Weilerswist 2001
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