Please wait
Please install the Adobe Flash Player if no e-book is displayed.
Research Paper (Pre-University), 2004, 23 Pages
Author: Benedikt M. Orlowski
Subject: History - National Socialism, World War II
Details
Tags: Kriegsende, Württembergisch, Franken, Beispiel, Gemeinde, Schrozberg
Year: 2004
Pages: 23
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-07190-6
File size: 898 KB
Other users also were interested in the following titles:
Fulltext (computer-generated)
Staatliche Berufsoberschule Nürnberg 2004/2005
Klasse:
13TA
Fach:
Geschichte
Seminarlehrer:
Kißlinger
Seminararbeit
Verfasser:
Benedikt Marko Orlowski
Thema:
Kriegsende 1945 in Württembergisch Franken am Beispiel der Gemeinde Schrozberg
Abgabetermin:
15. Oktober 2004
Note:
Zurückgegeben am:
Unterschrift des Seminarlehrers:
Seminararbeit Benedikt M. Orlowski, 13TA, BOS Nürnberg 2004
Kriegsende 1945 in Württembergisch Franken
am Beispiel der Gemeinde Schrozberg
Gliederung
Seite
1. Einleitung 2
1.1 Vorwort zur Seminararbeit 3
1.2 Vorbemerkung 3
1.3 Die Gemeinde Schrozberg 3
2. Die Gemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus (1932 1944) 4
2.1 Die Hintergründe zum Einzug des Nationalsozialismus in der Gemeinde 4
2.2 Schrozberg im II. Weltkrieg 6
2.3 Die Situation der Gemeinde Schrozberg vor dem Kriegsende ab 1940 7
3. Das Kriegsende in der Gemeinde Schrozberg 8
3.1 Die Heimat wird zur Front 8
3.2 Die ersten Zweifel am Sieg des Krieges durch die Deutschen 9
3.3 Die ersten alliierten Truppen erreichen die Gemeinde 10
3.4 Die letzten Kriegstage in der Gemeinde Schrozberg 11
3.4.1 Riedbach 11
3.4.2 Kälberbach 12
3.4.3 Zell 14
3.4.4 Schrozberg 15
4. Das Ende des nationalsozialistischen Glaubens in der Gemeinde 17
4.1 Das Umschwenken der ideologischen Überzeugung 17
4.2 Ausblick 18
5. Anhang 19
5.1 Bildnachweis 19
5.2 Quellen und Literatur 19 20
2
1. Einleitung
1.1 Vorwort
Schrozberg: Vom Kriege und den NS-Strukturen unberührtes Dorf auf dem öden Flach-
land der Hohenloher Ebene, verschont durch seine geografische Lage, fern ab von politi-
schem wie auch strategischem Interesse oder Nazi-Hochburg und bedeutendes
Schlachtfeld? Wer heute seinen Weg in das von Feldern und Wiesen umschlossene
Schrozberg findet und seine Augen und Ohren in die meist menschenleeren Straßen des
3500-Seelen Ortes richtet, mag letzteres bezweifeln und gedenkt wohl kaum einem der
freundlichen doch scheuen Bewohner des Ortes die Erinnerungen an die letzten Kriegsta-
ge des zweiten Weltkrieges zu entlocken. Selbst mir, obwohl ich in Schrozberg geboren
und aufgewachsen bin, entzogen sich tiefere Kenntnisse über das Geschehen im II. Welt-
krieg, sind doch meine Eltern erst 1978 nach Schrozberg gekommen die Mutter aus
Norddeutschland, der Vater gar verwaister Kriegsflüchtling aus Westpreusen, der Sohn
ehemals desinteressiert des heimatkundlichen Unterrichts. Das einzige Interesse an der
amerikanischen Besatzung lag in meinen Kindheitsalter nur in dem Tausch von Coca-
Cola Dosen gegen ,,Fresspakete", Camouflage-Jacken, ,,Lightsticks" und sogar Helmen,
wenn die ,,Amis" mal wieder ein Manöver durch Schrozberg fuhren und wir Kinder, mit
zum Peace-Zeichen gespreizten Fingern, die Straßen säumten. Deshalb lag mir nah, die
Kriegsjahre einmal genauer zu durchleuchten. Unterstützt von der Redaktion des Hohen-
loher Tageblatts fand ich erste Einblicke in diese Zeit und wurde durch die Heimatfor-
scherin Frau Dr. Kirchstein-Gamber auf Zeitzeugen aufmerksam gemacht, die mir
beihnah frei jeder Scheu von der damaligen Zeit berichteten, um mir mit Ihren lebhaften
Erinnerungen ein Bild derjenigen Tage zu zeichnen, die für die damaligen Bewohner der
Gemeinde Schrozbergs durch die Befreiung von den Alliierten entweder schnelle Er-
leichterung oder doch noch sinnloses Schicksal, kurz vor eigentlichem Ende des Schrec-
kens, bedeuteten. Im Stadtarchiv Crailsheim wurde mir Einblick in die Unterlagen
gewährt, die Hans Gräser zu der Erstellung seines Buches ,,Die Schlacht um Crailsheim"
verwendete. Eine regelmäßige, regionale Tageszeitung, die zu der untersuchten Zeit 1945
erschien, gab es nicht somit beschränkten sich meine Recherchen zunächst auf das im
Anhang erwähnte Buchmaterial, vor allem auf das Heimatbuch Schrozbergs und einer
Gedenkschrift mit Zeitzeugenberichten. Da mir schnell klar wurde, dass schon viel des
Geschehens zum Kriegsende klar erfasst wurde, blieben mir als Quelle neuer Apekte nur
die Zeitzeugen, die ich dann versuchte zwischen den Zeilen des bereits Geschriebenen zu
befragen, was sich jedoch oftmals als schwierig und nicht sehr erfolgsträchtig herausstell-
te. Dennoch stellte sich mir in den Gesprächen mit den Zeitzeugen eine mögliche Frage-
stellung heraus, die neue Aspekte liefern könnte:
3
I. Wie konnte der Nationalsozialismus im entlegenen Hohenlohe Fuß fassen?
II. Wann kamen die ersten Zweifel an der Nazi-Ideologie und dem Sieg des
Krieges durch die Deutschen auf?
III. Was machte die Gemeinde zum Austragungsort amerikanischer Bewegungen?
IV. Was geschah zum Kriegsende?
V. Wann brach die Nationalsozialistische Überzeugung entgültig zusammen?
Unter diesen Aspekten betrachtete ich die Quellen und achtete auf eine besondere Frage-
stellung im Gespräch mit den Zeitzeugen. An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich
bei denen im Anhang unter 5.1 genannten Zeitzeugen für ihre mir gewidmete Zeit bedan-
ken.
1.2 Vorbemerkung
(1) Als ,Gemeinde Schrozberg′ sei die Gemeinde nach dem heute gültigen Gemar-
kungsplan gemeint. Im II. Weltkrieg galten andere Zuordnungen der Orte.1) (2) In der
Darstellung der letzten Kriegstage beschränke ich mich neben Schrozberg auf Teilorte
Riedbach, Kälberbach und Zell um im Rahmen dieser Seminararbeit zu bleiben. Die zu-
nächst geplante Einbeziehung Gütbachs2) fällt wegen nicht angetroffener Zeitzeugen
weg, die von Bartenstein3) wegen zu großem Umfangs. (3) Vom der Redaktion des Ho-
henloher Tageblatts wurde ich auf das ungewisse Verbleiben eines gewissen Friedrich Al-
brecht aufmerksam gemacht4), welches ich aufklären konnte. Hierfür habe ich als
weiteres Kapitel ,,Schrozberg im II. Weltkrieg" eingefügt.
1.3 Die Gemeinde Schrozberg
Schrozberg wurde erstmals 1249 urkundlich erwähnt. Im Mittelalter stand es in vielen
Beziehungen zu Adelsgeschlechten, u.a. auch mit dem Götz von Berlichingen um den
bekanntesten zu nennen.5) Heute liegt die Gemeinde Schrozberg, umgeben von ihren
Weilern, ungefähr mittig auf der gedachten Verbindungslinie zwischen Heilbronn und
Nürnberg, in einem Landstrich der heute als die Hohenloher Ebene bekannt ist. Dies ist
im nord-östlichen Teil von Baden-Württemberg und zählt zum Landkreis Schwäbisch
Hall. Insgesamt findet man mit der Gemeinde Schrozberg ein beschauliches und ruhiges
Stück Erde vor. Mit den eingemeindeten Teilorten und Weilern (Bartenstein, Riedbach,
Ettenhausen, Schmalfelden, Leuzendorf, Spielbach um die Größeren zu nennen) be-
schreibt sie eine Fläche von 10.500 ha und ist an ihren Markungen im Norden durch
Krailshausen und Spielbach (Nord-Ost), im Westen durch Bossendorf, im Süden durch
1) Vgl.: Kolb, Monika: Heimatbuch Schrozberg, Schwäbisch Hall 1999, S.134 ff.
2) Vgl.: Kirschstein-Gamber, Birgit: Wider das Vergessen, Schrozberg 1995, S. 54
3) Vgl.: Hansberg, Holger: Heimatbuch Schrozberg, Schwäbisch Hall 1999, S.651 ff.
4) Vgl.: Gräser, Hans: Die Schlacht um Crailsheim, Crailsheim 1997, S.71
5) Vgl.: Schiffer, Peter: Heimatbuch Schrozberg, Schwäbisch Hall 1999, S. 65 ff.
4
Sigisweiler und im Westen durch Mäusberg begrenzt und zählt heute ca. 6.250 Einwoh-
ner. Diese verhältnissmäßig große Fläche wird zu über 70 % haupsächlich landwirt-
schaftlich genutzt, wobei sich auch einige mittelständische Industrie wegen der günstigen
Lage angesiedelt hat. Nach einer Trendwende sind die Einwohnerzahlen heute zuläufig,
doch stagniert der Arbeitsplatzmarkt: ,,Da die Stadt nach wie vor mehr Aus- als Einpend-
ler vorzuweisen hat, liegt ein Schwerpunkt bei der Schaffung weiterer Arbeitsplätze." 6)
Auch vor 1920 war die Gegend landwirtschaftlich geprägt, und deshalb ,,von der Inflation
weniger hart getroffen." 7) Doch mit der Weltwirtschaftskrise sollte sich die Situation ver-
schlechtern.
2. Die Gemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus (1932 1944)
2.1 Die Hintergründe zum Einzug des Nationalsozialismus in der Gemeinde
Im Wahljahr 1932 zählte Schozberg zum Oberamt Gerabronn.8) Durch Inflation und
Weltwirtschaftskrise (ab Ende 1929) hatte in ganz Deutschland ein Stimmungswandel
Einzug gehalten, dem sich auch das entlegene Hohenlohe nicht entziehen konnte. Natio-
nalsozialistische Propaganda und die steigende Arbeitslosenzahl in Deutschland führte
dazu, dass der Württembergische Bauern- und Weingärtnerbund starke Wählereinbußen
zu verzeichnen hatte. Obwohl die Bürger in der Gemeinde Schrozberg durch die Land-
wirtschaft nicht so sehr von der hohen Arbeitslosenquote betroffen waren, stellten die ,,im
Oberamt Gerabronn errungenen 52,9 % (...) das Spitzenergebnis der NSDAP in Württem-
berg dar".9) Der Grund hierfür scheint die allgemeine Stimmung, wie auch die Perspekti-
venlosigkeit der Gemeindemitglieder, insbesondere die der Jüngeren, wie Marta Hilpert
aus Zell (damals 19 Jahre) berichtet: ,,Ma hat nemands nix gehabt, [...] es hat keine Ar-
beit gegeben, [...] ma wor froh, wenn ma a Fahrrad g′habt hat." 10) Um die von der
NSDAP versprochene Verbesserung herbeizuführen wurde man sogar regelrecht enthu-
siastisch, so weiss Willi Heinkelein z.B. zu berichten, der Bürgermeister Herzog hätte
,,mit dem Motorrad auf dem Beiwagen die Frauen, die net laufen konnte′, ′nunder zur
Wahl g′führt." 11) Nach dem Wahlsieg der NSDAP vernahm man eine deutliche Verbesse-
rung der Lage auf dem Arbeitsmarkt. So entstanden auch um Schrozberg durch Hitlers
Projekte neue Möglichkeiten Geld zu verdienen. Ein Straßenbauarbeiter, der an einem
Bauprojekt an der Kaiserstraße beteiligt war, meinte damals in einem Gespräch zu Willi
Heinkelein: ,,Mit dem Hitler hob i′ ma′ erstes Geld verdient!" 12) Hitler schuf durch Ar-
beitsplätze bei Autobahnbau, Wehrmacht und Haushaltsdienst für Jungmädels grenzenlo-
se Begeisterung für seine Politik. Man sprach von einem Aufschwung, es sei etwas ,,in
6) Izsak, Klemens: Heimatbuch Schrozberg, Schwäbisch Hall 1999, S. 189
7) Kolb, Monika: ebenda, S. 127
8) Vgl.: Kolb, Monika: ebenda, S. 134
9) Kolb, Monika: ebenda, S. 131
10) Hilpert, Marta: In einem Gespräch mit dem Autor am 19.09.2004 in Zell
11) Heinkelein, Willy: In einem Gespräch mit dem Autor am 19.09.2004 in Ettenhausen
12) Heinkelein, Willy: ebenda.
5
Bewegung gekommen!" 13) und die Folge war so großer Respekt vor der Person Hitler,
dass er sogar in das morgentliche Schulgebet eingeschlossen wurde:
,,Herrgott, du hast einen Mann gesandt mit starkem Herzen und mit fester Hand, du sandest ihn aus reinem
Flammengeist, dass uns zum Himmel reißt..." 14)
Neben der Schule funktionierte die Gleichschaltung der Jugend über spezielle Organisa-
tionen. So gab es in Schrozberg und in fast in jedem Teilort Gruppierungen der
,Hitlerjungend′ und für die Frauen die ,Jungmädels′ oder das ,Jungvolk′ sowie den ,Bund
deutscher Mädel′. Willi Heinkelein war Jungenschaftsführer der HJ und berichtet über re-
gelmäßige Kampfspiele, sogenante Fehden, bei denen man ein um den Arm geschlunge-
nes Bändel des Gegners abreißen mußte. Als Mitgliedsbeitrag wurden im Monat 10
Pfennig von ihm eingezogen. In diesen Gruppierungen in Bartenstein hatte man ungefähr
einmal die Woche ,,Dienst": Im Jungvolk tagsüber, in der Hitlerjugend abends, und ein-
mal im Monat mußten die Jungenschaftsführer nach Blaufelden zur einer Schulung bei
der unter anderem auch ,,parteipolitisch geschult" 15) worden sei. Bei den Jungmädels
wurde geturnt oder Handarbeiten angefertigt.16) Mit interessanten Freizeittätigkeiten wur-
de also die Jugend indoktriniert. Zu den Parteistrukturen der NSDAP in der Gemeinde
Schrozberg weiß man wenig, da die Unterlagen, kurz vor Einmarsch der Amerikaner, von
einer ,,Angestellten, die schon lange im Amt gewesen war"17) vernichtet worden seien.
Die Führungsschicht setzte sich vor allem aus Gewerbetreibenden zusammen 18), unter
der Bevölkerung in Schrozberg soll es jedoch nicht so viele Parteimitglieder gegeben ha-
ben.19) Man kann davon ausgehen, dass nahezu jeder öffentliche Beruf und jedes Amt mit
einer Parteimitgliedschaft behaftet war, denn zum Beispiel über Riedbach meinte Willy
Heinkelein mit Nachdruck, es sei geradezu eine ,,Nazi-Hochburg" gewesen und gab als
Begründung an:
,,Riedbach hat viel Nazi gehabt. Alles war Nazi! Ha wie soll ich sagen... ′n Schullehrer hat Mitglied sein
müssen, wenn er seinen Posten behalten wollte." 20)
Auch am Beispiel des Schrozberger Bürgermeisters Willhelm Hirschburger zeigt sich,
wie die Partei in öffentliche Ämter verstrickt war. Hirschburger war NSDAP Mitglied
und Bürgermeister von Schrozberg er wurde Anfang 1938 zum Ortsgruppenleiter er-
nannt.21) Er war vielerorts als ein ,,großer Hitler" 22) bekannt. Am 1. Oktober 1938 wurde
dann im Zuge der Eleminierung gemeindlicher Selbstverwaltung der Bezirk Gerabronn
durch das ,Gesetzes über die Landeseinteilung′ aufgelöst und fast ganz dem Kreis Crails-
heim zugeordnet.23)
13) Hilpert, Marta: ebenda
14) Heinkelein, Willy: ebenda
15) Heinkelein, Willy: ebenda
16) Kaiser, Karola: In einem Gespräch mit dem Autor am 24.09.2004
17) Kaiser, Karola: ebenda
18) Kolb, Monika: ebenda, S. 135
19) Kaiser, Karola: ebenda
20) Heinkelein, Willy: ebenda
21) Kolb, Monika: ebenda, S. 135
22) Arold, Emma: In einem Gespräch mit dem Autor am 25.09.2004 in Kälberbach
23) Vgl.: Kolb, Monika: ebenda, S. 134
6
2.2 Schrozberg im II. Weltkrieg
Schon eine Woche vor Kriegsbeginn, am 1. September 1939, wurden die ersten Einbe-
rufungen nach Schrozberg gebracht. Im September dann, folgten fast täglich neue Stel-
lungsbefehle. Lebensmittelkarten gab es ab dem 27. August 1939, was der Bevölkerung
in Schrozberg nach anfänglicher Sorge keine weiteren Probleme bereitete.24) Wegen
dem durch die Einberufungen herrschenden Mangel an Arbeitskräften kam Unmut in
Schrozberg und Umgebung auf vor allem aber bei den Landwirten, welche einen Groß-
teil der Einwohner darstellten.25) In der Zeit der Jagtbomberangriffe kam es in Schrozberg
zu zwei wesentlichen Ereignissen. Ein Luftkampf im Oktober 1943 führte zum Abschuss
eines amerikanischen Flugzeugs im Waldteil Schorren. Dabei kam außer der Besatzung
niemand zu Schaden.26) Viel schlimmer traf es Schrozberg am 8. September 1944. Ein
Bomber warf nach dem Rückflug von Nürnberg eine vermutlich übrig gebliebene Luft-
mine über Schrozberg ab. Die Mine
schlug in der Nähe des Schafsee in der
Oberstettener-Straße (damals Adolf-
Hitler-Straße) ein und zerstörte 14
Wohngebäude, verletzte 48 Personen
und riss 13 in den Tod.27) Vielen da-
maligen Schrozbergern ist dieses Er-
eignis mit Schrecken in Erinnerung
geblieben, besonders schlimm war es
auch für Margarethe Merkle, deren
Vater Friedrich Albrecht, Schuhma-
Bild 1:
September 1944: Zerstörte Gebäude in der Oberstettener Straße
cher, beschuldigt wurde, durch schlechtes Verdunkeln diesen Abwurf provoziert zu ha-
ben. Laut der Tochter, die zu diesem Zeitpunkt als Krankenschwester nach Küstrin
abberufen war, war dies jedoch nur ein konstruiertes Gerücht, um den Vater zu bela-
sten.28) Der hatte mit dem Kreisleiter aus Schwäbisch Hall und einem Nachbarn persönli-
che Indifferenzen. Nach ihrer Benachrichtigung über die Zerstörung ihres Elternhaus
erfuhr sie erst auf ihrer Rückreise nach Schrozberg was alles geschah. Sie schnappte ein
Gespräch hinter ihrem Rücken auf: ,,Ha dere Schwester is a ums Lebe g′komme und n′
Vater habbe se′ a fort und konner waas wo noa!" 29) Friedrich Albrecht (damals 60) wurde
in Handschellen von der NS-Polizei abgeführt und in Crailsheim in Haft gehalten und
durfte nicht einmal der Beisetzung der Opfer der Luftmine beiwohnen. Magarethe Merk-
le ist heute überzeugt, dass der Kreisleiter wegen des Streits die Verhaftung veranlasst
hat, nachdem Albrecht von seinem Nachbar angeschwärzt wurde. Für die Familie
Albrecht bedeutete dies viel Leid und Sorge: ,,Mir ham net g′wußt kommt er nochmal,
kommt er nimmer!" 30) Doch der Rechtsanwalt Dr. Liebert aus Ellwangen , welcher Mit-
24) Kolb, Monika: ebenda, S. 139
25) Kolb, Monika: ebenda, S. 140
26) Kirchstein-Gamber, Birgit: Heimatbuch Schrozberg, Schwäbisch Hall 1999, S.148
27) Gräser, Hans: Die Schlacht um Crailsheim, Crailsheim 1997, S.70
28) Merkle, Margarethe: in einem Gespräch mit dem Autor am 25.07.2004 in Schrozberg
29) Merkle, Margarethe: ebenda.
30) Merkle, Margarethe: ebenda.
7
glied der NSDAP war, konnte den Schuhmacher zum Ende
Oktober wieder frei bekommen. Dies wurde Liebert nach
dem Kriegsende von Albrecht gedankt, indem er, nach der
Internierung Dr. Lieberts wegen seiner Parteimitgliedschaft
durch die Amerikaner, für ihn aussagte und somit dem
Rechtsanwalt zur Freilassung verhalf. In der folgenden Zeit
gab es fast täglich Fliegeralarm. Außer einer Lok wurde in
Schrozberg jedoch bis zum Anmarsch der Amerikaner über
Land nichts mehr zerstört.31)
Bild 2:
Albrecht, Friedrich (1938)
2.3 Die Situation der Gemeinde vor dem Kriegsende ab 1940
Jüdische Bürger gab es in der Gemeinde Schrozberg kaum welche, in Schrozberg sollen
vor dem Krieg nur 8 Juden gelebt haben, die wahrscheinlich schon bald geflohen sind.32)
Wichtig zu erwähnen ist, dass sich in der Zeit der letzten Kriegsjahre einige Kriegsgefan-
gene und Evakuierte in Schrozberg befanden. Zuerst kamen die Kriegsgefangenen (ab
1940) und wurden hauptsächlich als Hilfe für die Bauern eingesetzt und waren bei
Bauprojekten wie zum Beispiel dem ,,Bau der Könbronner Wasserleitung beteiligt".33)
Die Zwangsarbeiter stammten hauptsächlich aus Polen und Belgien, später aus Russland,
Serbien und Ungarn. Um die unfreiwilligen Arbeitskräfte zu verteilen wurden einige La-
ger in Schrozberg und in Teilorten eingerichtet. Das Zusammenarbeiten mit den Landwir-
ten lief größtenteils reibungslos, viele sollen sich sogar mit Gefallen in die Familien
eingegliedert haben und verließen diese nach Kriegsende nur mit Widerwillen.34). Auf der
anderen Seite gab es auch kleinere Probleme, wie beispielsweise Willy Heinkelein be-
richtet, habe ihm ein belgischer Kriegsgefangener, der ihm nicht gut gesinnt war, bei ei-
nem Transport von Eisschollen zur Brauerei eine Scholle auf den Kopf fallen lassen. Laut
gesetzlicher Vorschrift hätte Heinkelein ihn melden können, ,,müssen sogar!" 35), doch
hat er hierauf verzichtet wohl weil er wußte, dass dem Belgier eine schwere Strafe droh-
te. Die Kriegsgefangenen waren nämlich strengsten Verhaltensreglementierungen wie
unter anderem auch Ausgangssperre und Kennzeichnungspflicht unterworfen.36) Im Ju-
ni 1942 und April 1943 kamen die ersten Evakuierten aus Essen nach Schrozberg (ca. 120
Personen), die durch Jagdbomber-Angriffe heimatlos wurden. 1944 folgten ihnen weitere
aus dem Saargebiet (u. a. aus Kehl am Rhein). Die Flüchtlinge wurden per Anordnung
bei Familien untergebracht. Viele von ihnen erregten Mitleid unter der Bevölkerung,
denn zum Teil ,,konnten (sie) nicht beieinander bleiben" 37) die Familien wurden aufge-
teilt und in verschiedene Teile Deutschlands geschickt, wobei die Väter der Familien
31) Kirchstein-Gamber, Birgit: ebenda, S. 144 f.
32) Bräuninger, Walter: In einem Gespräch mit dem Autor am18.09.2004 in Bartenstein
33) Kolb, Monika: ebenda, S. 142 f.
34) Heinkelein, Lydia: In einem Gespräch mit dem Autor am 19.09.2004 in Ettenhausen
35) Heinkelein, Willy: ebenda
36) Kolb, Monika: ebenda, S. 142
37) Kaiser, Karola: ebenda
8
meist in den Krieg einberufen waren. Das Leid der Evakuierten war für die Schrozberger
nachvollziehbar, denn den ersten Einberufungen im Ort folgte auch stetige Nachricht
über gefallene Schrozberger. Einige der älteren Bewohner sahen mit steigender Zahl der
Gefallenen, und vor allem durch Stalingrad (′43) schon ein böses Ende voraus. Andere
Bewohner behielten, wider dieser ersten Vorzeichen für eine eventuelle Wendung des
Krieges zum Schlechten hin, ihre erstaunlich optimistische ,,Stimmung" bei. Viele waren
immer noch von der Ideologie Hitlers begeistert, an das Funktionieren des Systems habe
man ,,dran geglaubt" 38), die Jugend habe ,,nichts negatives" 39) an ihren NS-
Gruppierungen gefunden, und die Bauern waren mit der Situation der Zwangsarbeiter zu-
frieden, das ,,ganze System im Land (sei) in Ordnung gewesen!" 40). Besonders
,,Gutwollende" glaubten bis Ende ′44 an eine ,,positive" Wende durch die Fertigstellung
einer Wunderwaffe der propagierten Vergeltungswaffe durch Freiherr von Braun. Latri-
nenparolen stützten diese Gerüchte: ,,Da sind sie schon in Mannheim gestanden, da hat
der Häcker (Oberbürgermeister aus Bartenstein) gerufen: Da kommt noch was!" 41)
Doch kam alles anders.
3. Das Kriegsende in der Gemeinde Schrozberg
3.1 Die Heimat wird zur Front
Als die Alliierten (Engländer, Kanadier, Amerikaner und Franzosen) zu Beginn des Jah-
res 1945 den Rhein im Norden und Süden bei Nimwegen und Straßburg erreichten, ver-
hinderte Hitlers letzte große Offensive, die Ardennenoffensive im Dezember 1944, ein
schnelles Weiterrücken der Truppen.42) Nach dem Niederschlag der Offensive im Februar
1945 wurden die deutschen Truppen auf die Rheinline zurückgeworfen und bereits im
März konnte der Rhein auch in seiner Mitte, und somit in der ganzen Länge, von den Al-
liierten erreicht werden. Nach der ersten Rheinüberquerung am 7. März in Remagen
stellte sich einem schnellen Vorrücken eine zwar militärisch und physisch geschwächte,
doch wider Erwarten resistente deutsche Armee gegenüber. Obwohl die deutschen Hee-
resgruppen durch die Rückzugskämpfe in Frankreich und den Rheinübergang in Trup-
penzahl und Waffenbestand schwer dezimiert waren, boten sie der alliierten Armee einen
äußerst verbissenen Widerstand, der aus den immer noch funktionierenden Kommando-
strukturen und dem gnadenlosen Handhaben der gefürchteten Feldgendarmerie mit Fah-
nenflüchtigen resultierte. Auf der einen Seite stand der Kampf gegen die Alliierten und
auf der anderen Seite der sichere Tod für die Deserteure: ,,Wer sich [...] nicht unterwarf,
wurde unerbitterlich verfolgt und bestraft." 43) Mit dem Ausbau mehrerer Brückenköpfe
fiel schließlich Ende März zur Überraschung der deutschen Heeresspitze die Rhein-
38) Heinkelein, Lydia: ebenda
39) Kaiser, Karola: ebenda
40) Heinkelein, Willy: ebenda
41) Heinkelein, Willy: ebenda
42) Gräser, Hans: Die Schlacht um Crailsheim, S. 154 ff.
43) Gräser; Hans: ebenda, S. 156
9
front schneller als erwartet. Im nördlichen Württemberg überquerten bei Worms Corps
der 7. Armee (später gefolgt von anderen Alliierten Corps bei Mannheim, Speyer und
Germersheim) am 26. März jene psychologische Schmerzgrenze der deutschen Armee,
und trieben die teils aus versprengten Einheiten zusammengesetzen Divisionen immer
weiter östlich und schoben die immer wieder neu improvisierten Verteidigungslinien der
Deutschen in Richtung Odenwald und Neckar wo sie vor Heilbronn am 4. April zum vor-
läufigen Stillstand kommen sollten.
,,Die Deutschen hatten sich gesammelt und eine starke, halbkreisförmige Verteidigungslinie von Heil-
bronn nach Norden entlang dem Neckar, dann nach Nordosten entlang der Jagst bis zu ihrem Bogen bei
Dörzbach errichtet" 44)
Die darauffolgenden Aktionen der US-Armee insbesondere die der 10. Panzerdivision
sollten bezeichnend sein, für das Geschehen und das Schicksal der Region Hohenlohe
und der heutigen Gemeinde Schrozberg in den letzten Kriegstagen doch hierzu später
mehr.
3.2 Die ersten Zweifel am Sieg des Krieges durch die Deutschen
In der Zeit nach der Rheinüberquerung Ende März wird der Bevölkerung in Baden-
Württemberg schnell klar, dass der Krieg jene Wende genommen hat, die die NS-Führung
bis zuletzt verleumden wollte. Auch für die Bevölkerung im entfernten Hohenlohe zeigt
sich diese Realität in unverwandten und schockierenden Bildern. So schließen sich An-
fang 1945, als Vorboten des Kriegsendes, den Flüchtlingsströmen, Evakuierten und den
zahlreichen Jagdbomberngriffen auf das Umland (selbst in Schrozberg konnte man Heil-
bronn am 4.12.44 brennen sehen), weitere verzerrte Schatten der herorischen Propagan-
dabilder deutscher Überlegenheit an: Walter Bräuninger aus Bartenstein berichtet z.B.
,,Zuerst hat man die ganzen Soldaten gehabt, die rückwärts gekommen sind, von unten rauf. Die habbe′
ja nix mehr gehabt die Autos, die Lastwagen, weil kein Benzin mehr drinn′ war. [...] Eine Herde Kühe
habbe se′ die Kaiserstraße (von Bad Mgh.) hochgetrieben, wo die ganzen Füße wund waren und die ganze
Straße war voll mit Blutflecken [...] Da wußte man schon, dass es aus ist, dass es keine Rettung mehr
gibt!" 45)
Insbesondere das mystifizierte Bild der deutschen Soldaten kippte wohl zu dieser Zeit
was ein Erlebnis von G. Scheuermann aus Schrozberg nachvollziehen läßt. Er erlebte da-
mals ein Gespräch zwischen zwei hochdekorierten und mit MG schwer bewaffneten SS-
Soldaten, die zufällig an seinem Elternhaus vorbeikamen, und seinem Vater. Nach seiner
Aussage seinen diese Soldaten desertiert gewesen und wollten Richtung Osten den Fän-
gen der Feldgendarmerie entkommen. ,,Für die war der Krieg zu Ende, die wollten nichts
mehr wissen [...] hätte sich denen ein Deutscher in den Weg gestellt, die hätten ohne zu
zögern geschossen!" 46) Willy Heinkelein dagegen beweist, dass es auch Gegenteiliges
gab. Er meldete sich noch Ende Oktober 1944 trotz seiner Rückstellung und trotz seiner
Mithilfe bei den Aufräumarbeiten zu dem Luftmineneinschlag freiwillig zur Wehr,
44) Blumenstock, Friedrich: Der Einmarsch der Amerikaner und Franzosen im Nördlichen Württemberg im April 1945,
Crailsheim 1994, S. 37
45) Bräuninger, Walter: ebenda
46) Scheuermann, Günther: In einem Gespräch mit dem Autor am 24.07.2004 in Schrozberg
10
denn er fühlte sich gerufen sein ,,Vaterland zu verteidigen! Verteidigen!" 47)
Zwei Tage bevor die Amerikaner in kritische Nähe zu der Gemeinde gelangten, kamen,
dem Vorrücken der Alliierten Mächte weichende, deutsche Offiziere durch Schrozberg
und fragten gar auf dem Rathaus nach Landkarten der Umgebung, sie hätten nicht gewußt
,,in welche Richtung es geht" 48) und prägten somit den Eindruck eines völlig überstürz-
ten, unkoordinierten Rückzugs.
3.3 Die ersten alliierten Truppen erreichen die Gemeinde
Zurück zum Geschehen Ende März. Man vermutet, dass ein Einkesseln der deutschen
Truppen in Heilbronn durch
III. US-Armee
die bereits positionierten
Truppen im Westen und zusät-
Schrozberg
licher Unterstützung aus dem
63
Osten von Richtung Schwä-
VI.
10. Pz.
bisch Hall aus zu dem Bruch
der Verteidigungslinie in Heil-
Deutsche Abwehrfront
N
bronn führen sollte. Hierzu
100
Heilbronn
stießen verschiedene ,Combat
Commands′ der 10. Panzerdi-
0
10
20 km
Franzosen
vision in der Nacht vom 5. auf
Bild 3:
Umfassungsoperation des VI. AK. mit der 10. Pz.div. (4. 12.04.1945)
den 6. April von deutschen
Truppen nahezu ungehindert aus dem Raum Bad Mergentheim über die Kaiserstraße,
die heutige B290, bis nach Crailsheim vor und von dort aus Richtung Westen (Schwä-
bisch Hall) bis Wolpertshausen.
,,Wer hätte je gedacht, daß einmal unser entlegenes Frankenland der Schauplatz von kriegerischen Ereig-
nissen werden könnte? Doch die Tauberlinie, die zur strategischen Linie wurde, brachte die feindlichen
Heeresgruppen in einem rasenden Tempo zu uns".49)
Durch diese Bewegung der US-Panzerdivision wurde die Gemeinde Schrozberg plötzlich
erstmals vom Feind tangiert: ,,Bereits am 6. April, so Lina Reinhardt, waren gegen Mittag
mindestens 80 amerikanische Panzer durch Gütbach gefahren." 50) Auch weiter südlich in
Kälberbach, das sehr nahe an der Kaiserstraße liegt, sah man am 6. April die ersten Ame-
rikaner Richtung Blaufelden fahren. In Bartenstein jedoch, nur wenige Kilometer von der
Kaiserstraße enfernt, nahm man von dem zügigen Marsch der Panzer nicht einmal das
Geringste wahr, im Gegenteil: ,,Des hebbe mir goa net g′merkt." 51) Dass die Kaiserstraße
die schnellste und einzige Möglichkeit für die Panzerdivision war, nach Crailsheim und
von dort aus Richtung Heilbronn vorzustoßen, machte also die Gemeinde Schrozberg zu
einem wichtigen Austragungsort des Geschehens, das in dem sogenannten ,Battle for
Crailsheim′ gipfelte. Doch so schnell die genannten Orte von den Amerikanern besetzt
47) Heinkelein, Willy: ebenda
48) Kaiser, Karola: ebenda
49) Gräser, Hans: ebenda, S. 218
50) Kirschstein-Gamber, Birgit: Wider das Vergessen, Schrozberg 1995, S. 54
51) Bräuninger, Walter: ebenda
11
waren, so schnell mussten die Alli-
nach Bad- Mergentheim
Herbsthausen
ierten feststellen, dass sie bereits bis
5.4.
zum 11. April wieder bis fast nach
Mergentheim zurückgeworfen wur-
Gütbach
Leuzendorf
den. Der Nachschub wurde den
Riedbach
Schrozberg
Bartenstein
16.4.
10.4.
13.4.
Amerikanern auf der Kaiserstraße
mehrmals von deutschen Truppen
Wege der 10. Pz. Div.
Front am 11.4.1945.
gekappt, was zu Ihrem Rückzug
10.4.
Tag der Besetzung
Blaufelden
führte. Jedoch, nach kurzer Zeit des
8.4.
Sammelns neuer Reserven, mach-
Langenburg
ten sich die Amerikaner wieder
11.4.
Rot am See
daran, nach Crailsheim vorzusto-
ßen. Die aus diesem Hin und Her
der Truppenbewegung resultieren-
Kirchberg
den Kämpfe an der Kaiserstraße
und den umliegenden Dörfern
Ilshofen
brachte die Bewohner der Gemein-
7. 10.4.
de Schrozberg um ihre vermeintli-
N
0
5
10 km
Crailsheim
6. 10.4.
che Verschonung und stürtzte sie
doch noch in die Gewissheit harter
Bild 4:
Der amerikanische Vorstoß nach Crailsheim am 6.4.1945 und der
Gefechte.
Rückzug nach Norden am 9./10.4.1945
3.4 Die letzten Kriegstage in der Gemeinde Schrozberg
3.4.1 Riedbach
Als am Freitag den 6. April von der Ferne schon Kriegslärm an den Ort herantrat, eilte
ein Radfahrer als Vorbote durch den Ort: ,,Jetzt sind sie am Zollhaus, gehnt′ in den Kel-
ler!" 52) Der erste Beschuss erfolgte von der Kaiserstraße her. Daraufhin brannten sofort
zwei Häuser. Es dauerte nicht lange und die ersten Panzer fuhren durch den Ort in Rich-
tung Blaufelden. Dabei wurde vereinzelt geschossen, den Bewohner kam jedoch kein
Schaden zu. Die Panzerdivision fuhr ,,ohne auf wirklichen Widerstand zu stoßen, in ei-
nem Zug bis Crailsheim durch, wo sie um 5 Uhr abends einrückten." 53) Zwei Tage später,
am Sonntag den 8. April, seien sie ,,wieder retour gekommen, da ist erst richtig feste
g′schosse worde. [...] Die Leute hatten zur Konfirmation gebacke′! Und wo no? Unter
die Bettlaken! Und Mittags sind sie gekommen Kuchen im Ofen schnell raus und ver-
steckt!" 54) Es herrschte also helle Aufregung. Im Ort waren einige deutsche Soldaten sta-
tioniert, weitere kamen aus der Umgebung, darunter auch SS, und leisteten Widerstand.
Aus panischer Sorge um ihr Hab und Gut forderten die Bewohner die deutschen Soldaten:
52) Heinkelein, Lydia: ebenda
53) Blumenstock, Friedrich: ebenda, S. 52
54) Heinkelein, Lydia: ebenda
12
,,Gehnt′ doch fort! [...] Aber des habbe sie uns schwer angekreuzt, die habbe g′meint uns
sind die Amerikaner lieber, aber wir habbe doch g′wollt das net g′schosse wird da ware
die bös!" 55) Zum Schutz mussten die Einwohner in die Keller der Gebäude, die jungen
Leute durften sie nicht verlassen. Die älteren Personen jedoch verließen die Keller öfters
um das Vieh zu füttern. Einige Personen hatten sich nach Eichholz geflüchtet, was aber
auch als gefährlich galt. Zu
nach Niederstetten
Abend kam weiterer Be-
Wege der 10. Pz. Div.
schuss durch Artillerie au-
10.4.
Tag der Besetzung
ßerhalb des Ortes. Lydia
Könbronn
8.4.
Heinkelein wohnte damals
13.4.
Riedbach
direkt an der Straße und
SCHROZBERG
erinnert sich: ,,Wir sind in
Zell
12. 13.4.
ein anderes Haus, weg von
13.4.
der Straße!" 56) Doch genau
dort sei eine Granate direkt
9.4.
vor die Kellertür einge-
Kälberbach
schlagen: ,,Do is′ Feuer
durchs ganze Keller, aber
Bild 5:
Die nähere Umgebung Schrozbergs mit Kaiserstraße (schematisch)
passiert is′ nemands nix, außer a paar Schürfwunden bei denne vorne." 57) Morgens, am
9. April, wurden die deutschen Soldaten nochmals von den Riedbachern gebeten, den Wi-
derstand aufzugeben: ,,Fort! Sonst wird ganz Riedbach zusammeg′schosse′!" 58) waren
die verzweifelten Rufe an die eigenen Soldaten. In dem Schutzkeller wurde dann
zwischen dem Volkssturmführer F. Walther und dem Bürgermeister Häcker beraten: ,,do
mer d′ weiß Flagge naus, kummet die Deutsche wieder, dann werde mir uffg′hängt,
ne?" 59) Nach langem Beraten wurde dann doch beschlossen den Ort zu übergeben. Die
deutschen Soldaten hatten den Ort in der Zwischenzeit aufgegeben. Zu Zwischenfällen
kam es nicht mehr, aber: ,,Der Bürgermeister Häcker, der hat Angst g′habt!" 60) 25 deut-
sche Soldaten sind bei der Verteidigung des Ortes gefallen. Sie wurden von den Anwoh-
nern zusammengetragen und vorerst in einem Massengrab beigesetzt.61) Nach der
Einnahme des Ortes blieben die Amerikaner etwa 10 Tage, dabei wurden die Häuser nach
Waffen durchsucht, der Kreisbauernführer Niklas wurde ,,nach Heilbronn gebracht und
eingesperrt" 62)
3.4.2 Kälberbach
Am 1. April, einige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner, kamen ein Trupp deut-
scher Soldaten durch Kälberbach die, außer ihrem leeren Magen, auch noch der Waffen
55) Heinkelein, Lydia: ebenda
56) Heinkelein, Lydia: ebenda
57) Heinkelein, Lydia: ebenda
58) Heinkelein, Lydia: ebenda / (Anmerkung: Bei Kapitulation drohte der Zivilbevölkerung die Todesstrafe)
59) Heinkelein, Lydia: ebenda
60) Heinkelein, Lydia: ebenda
61) Vgl.: Kirschstein-Gamber, Birgit: Wider das Vergessen, Schrozberg 1995, S. 64
62) Kirschstein-Gamber, Birgit: ebenda, S. 64
13
leere Hände hatten.63) Bis die ersten Panzerketten am 6. April auf der circa ein Kilometer
entfernten Kaiserstraße ihre Rillen entgegen ihrem südlichen Ziel zogen, blieb es ruhig
im Dorf. Wohl um den zügigen Vormarsch der Amerikaner zu stoppen, oder um nach
Osten hin abzuriegeln, stömten einige deutsche Soldaten von Schrozberg in den Ort. Ein
einzelner, nach Aussage von Emma Arnold ,,ganz fanatischer" 64) von ihnen baute ein Ge-
schütz auf (vermutlich ein Maschinengewehr), schoß in Richtung Kaiserstraße und ent-
zündete damit ein mit Rohöl beladenes Gefährt, was den ganzen Zug zum Stocken
brachte. Da Kälberbach westlich ihrer Fahrtroute lag, währe es wohl für Kälberbach bei
ein paar umgeknickten Straßenpfosten geblieben, doch jetzt hagelte es gezielten Be-
schuss. Und obwohl die meisten deutschen Soldaten die Meinung vertraten es hätte ,,eh′
kein Wert mehr!" 65), blieb es bei Gegenfeuer von deutscher Seite aus, insbesondere von
jenem fanatischen Schützen. Nach der Aufforderung der Bewohner das Feuer einzustel-
len meinte, dass wenn noch ein Zivilist was sagten würde, schieße er ihn nieder 66), denn
er habe ,,Wunder gemeint was er noch ausrichte′ kann, der hat den Krieg au′ nimmer auf-
halten könne′!" 67) Drei Scheunen fingen an zu brennen, nur eine konnte gelöscht werden.
Zu den ,,Vaterlandsverteidigern" stießen auch ein Kollektiv ganz junger HJ-Burschen die,
jeder mit einer Panzerfaust bewaffnet, sich mutig ins Schußfeld der Amerikaner stellten.
Herr Klein, der Vater von Emma Arold, suchte schlimmeres zu verhindern, doch konnte
er durch Appellieren nicht verhindern, dass einer der Jungen angeschossen wurde. Er
wurde in einen Keller gebracht und später in ein Lazaret, wogegen ein anderer Soldat in
einer der Scheunen Opfer der Flammen wurde. Nach anhaltendem Schußwechsel trieb
vermutlich die pure Ohnmacht einen gewissen Herrn Pratz, hinter dem Rücken der deut-
schen Soldaten, mit einem weißen Bettuch über die Felder zu den Amerikanern, um der
faktiösen Verteidigung des Ortes ein Ende zu setzen. Beim Zusammentreffen mit den
Amerikanern habe er ,,mit den Händen gefuchtelt" 68), denn man habe sich nur schwer
verständigen können. Als daraufhin die Amerikaner in der Nacht des 9. Aprils nach Käl-
berbach einmarschierten, setzten sich die Deutschen ab. Der ganze Ort wurde von den
Amerikanern auf den Kopf gestellt bei der Suche nach verharrenden Soldaten, dabei fie-
len Schüsse, eine ältere Frau wurde am Hals getroffen und von einem US-Soldat verbun-
den.69) In der Nacht auf den 11. April schlichen sich nochmals ca. 40 deutsche Soldaten
in den Ort und versuchten die zehnfach überlegenen Amerikaner zu überrumpeln.70) Da-
bei kam es zu einer Schießerei, in den Kellern und Häusern herrschte Angst 71), durch ei-
nen der Keller wurde sogar durchgeschossen. Obgleich die Amerikaner mit dem Angriff
nicht gerechnet hatten, konnten sich die Deutschen nicht im Ansatz durchsetzen, 12 deut-
sche Soldaten fiehlen, der Rest war verwundet oder wurde gefangen genommen. Die Ge-
fangenen mußten sich nach ihrer Entwaffnung in Reihen aufstellen, ihnen wurden die
63) Vgl: Kirschstein-Gamber, Birgit: ebenda, S. 64
64) Arold, Emma: In einem Gespräch mit dem Autor am 25.09.2004 in Kälberbach
65) Arold, Emma: ebenda
66) Vgl.: Kirschstein-Gamber, Birgit: Wider das Vergessen, Schrozberg 1995, S. 65
67) Arold, Emma: ebenda
68) Arold, Emma: ebenda
69) Vgl.: Kirschstein-Gamber, Birgit:S.65
70) Vgl.: Blumenstock, Friedrich: ebenda, S. 139
71) Sinngemäß zitiert nach: Arold, Emma: ebenda
14
Taschen gelehrt, Uhren wurden abgenommen und Fotografien von Angehörigen, die sie
bei sich trugen, blieben nach ihrem Abtransport auf der Straße liegen.
3.4.3 Zell
Durch Kriegsgelärme aus der Ferne war man sich auch in Zell bewußt, dass der Krieg
vor der Tür steht. Am Sonntag, den 8. April waren ungewöhnlich viele deutsche Soldaten
im Ort die, durch ihr nervöses Umherwandern, den Bewohnern Zells merklich machten,
dass noch am selben Tag irgendetwas passieren wird. Gleichauf folgte dann auch die
deutliche Warnung der Soldaten an die Einwohner: ,,Ihr müsst in den Keller, heut passiert
noch was" 72). Die Warnung wurde nicht umsonst ausgerufen, denn noch am Abend des
selben Tages starteten die Amerikaner von der Kaiserstraße her, aus Richtung Riedbach,
Zell mit Granaten zu beschießen. In der Ortsmitte reihten sich tiefe Krater auf die Straße
und eine Scheune wurde abgedeckt. Während des anhaltenden Beschusses schob ein
deutscher Soldat einen mit Munition voll beladenen Waagen in die Scheune von Hilperts:
,,Wir haben Angst gehabt, dass eine Granate reinfliegt und das Zeug brennt!" 73) Zur
Nacht hin wurde es dann ruhiger, der Beschuss nahm ab. Die deutschen Soldaten, unter
denen auch SS-Soldaten waren, verließen Ihre Stellungen nicht und hielten an, den Ort zu
verteidigen. Die Familien mussten die ganze Woche zu Ihrem Schutz in den Kellern der
Häuser nächtigen. Um auch das Vieh zu schützen, banden die Bauern das Vieh ab, oder
jagten es aus den Ställen auf die umliegenden Felder, da der stetige Hagel der Granaten
nicht nachließ: ,,Man hat sich ja nicht mehr rausgetraut." 74) Phosphorbeschuss entzünde-
te dann schließlich die Feldscheune von Schuchs und auf einer Anhöhe die der Familie
Gundel. Familie Hilpert überlebte einen Granateinschlag Mittwoch Nacht direkt in Ihr
Wohnhaus, sie waren glücklicherweise zum Schlafen in den Keller gegangen. Die Besit-
zer mußten machtlos zusehen, denn man hätte ,,kein Wasser gehabt und keine Feuer-
wehr." 75) Am Donnerstag Morgen, den 12. April, steigerte sich nochmals die Härte des
Granatfeuers und des Phosphorbeschusses woraufhin fast der ganze Ort in Flammen auf-
ging. 17 Gebäude brannten ab.76) Die Flammenentwicklung war so stark, dass der Rauch
die Menschen aus den Kellern trieb. ,,Der (Rauch) ist bis auf den Boden runtergegangen
[...] des war furchtbar [...] Flammen überall [...] So einen Durst wie am Donnerstag, hat
man noch nie gehabt!" 77) In den Straßen lagen verbrannte Kühe und Pferde, in den
Scheunen ist das Vieh erstickt. Mehrere deutsche Soldaten kamen um. Ein besonderst
trauriges Bild bot ein junger Soldat: ,,Er ist im Straßengraben gelegen, ein ganz junger
Bursche so achzehn, neunzehn Jahre, hat einen Bauchschuss gehabt, doch man hat ihm ja
nicht helfen können." 78) Dieses Inferno veranlasste die restlichen deutschen Soldaten aus
dem Ort abzuziehen. Einige Bewohner (ungefähr 12) flüchteten sich mit ihren Kindern
ein wenig Proviant und Pferden in einen nahe gelegenen Steinbruch wo die Männer mit
72) Hilpert, Marta: In einem Gespräch mit dem Autor am 19.09.2004 in Zell
73) Hilpert, Marta: ebenda
74) Hilpert, Marta: ebenda
75) Hilpert, Marta: ebenda
76) Vgl.: Kirschstein-Gamber, Birgit: Wider das Vergessen, Schrozberg 1995, S. 66
77) Hilpert, Marta: ebenda
78) Arold, Emma: ebenda
15
einem improvisierten Bretterdach Wetterschutz herstellten. Dort wurde die Nacht ver-
bracht und am nächsten Morgen, den 13. April, gingen die Männer des Dorfes mit einer
weißen Fahne zu den Amerikanern und vereinbarten die Übergabe des Ortes, die bei aus
den Fenstern gehängten weißen Fahnen, um 11 Uhr stattfinden sollte.79) Zur Besetzung
des Ortes kam es nicht, da es in Zell schlicht und ergreifend nichts mehr zu besetzen
gab. Familie Hilpert mußte 3 Jahre lang in einer Baracke hausen, aber die Familien hätten
sich in dieser schwierigen Zeit ,,gegenseitig geholfen, dass man was zum Leben hat!" 80)
3.4.4 Schrozberg
Beim Sonntagsspaziergang am 8. April wurden die Schrozberger gewahr, dass der Ein-
marsch nicht mehr lange auf sich warten läßt, denn es hieß ,,irgendwo ist eine Granate
eingeschlagen!" 81) Diese erste Granate wurde aus Richtung Riedbach abgefeuert und
schlug im Hause Österreicher im Neukreut ein. Von da an war man in Angst versetzt, man
habe sich ,,nicht mehr weggetraut" 82), die Straßen blieben leer. Es sollen sich zu dieser
Zeit nur wenige deutsche Soldaten im Ort aufgehalten haben, der Volkssturm, der einige
wenige Verteidigungsmaßnahmen ergriff, habe sich aus 50 bis 60 jährigen zusammenge-
setzt.83) Der Artilleriebeschuss dauerte über mehrere Tage bis zum 12. April an. In der
Nacht von Sonntag auf Montag explodierten 3 Granaten auf dem Friedhof.84) Am Montag
den 09. April, wurde der Volkssturm angewiesen am Bahnhof die Straße in Richtung Käl-
berbach abzuriegeln. Dazu wurden große Kastanienbäume umgefällt, die an Ort und Stel-
le ihres Schlages liegen blieben, um somit als Panzersperre zu dienen. Die Häuser um den
Bahnhof wurden evakuiert. Bereits am selbigen Tag wurde die Arbeit in vielen Geschäf-
ten und Handwerksbetrieben niedergelegt.85) Der Dienstag blieb ruhig. Die Bevölkerung
wurde angewiesen, die Häuser zu verlassen oder in den Kellern zu bleiben. Aus Ungewis-
sheit flohen mehrere Familien ins Vorbachtal, welches in entgegengesetzter Richtung zu
dem Granatbeschuss lag. Dort fanden sich circa 15 Personen im ,,Berghaus" zusammen,
das Wirtshäusern als Eisdepot diente und richteten sich ein Lager auf den im Keller lie-
genden Kartoffelsäcken, um sich vor den Amerikanern zu verstecken. Ungefähr 40 wei-
tere Schrozberger hielten sich verstreut im ganzen Tal auf, manche versteckten sich in
ihrer Not unter Büschen. Da man nichts zu essen dabei hatte, waren einige gezwungen,
wider ihrer Angst nochmals den Ort zurückzukehren, man sei nachts am ,,Bahndamm
entlanggerannt" 86) und habe von Zuhause Lebensmittel mitgebracht, die dann, bei einer
Familie wohnhaft im Tal, zu Suppen verarbeitet wurden. Die meisten Bewohner blieben
jedoch in Schrozberg in ihren Kellern, auch im Gasthaus ,,Adler" suchten die Menschen
im Keller Schutz.87) Am 11. April und 12. April brannten durch verstärkten Beschuss
79) Vgl.: Kirschstein-Gamber, ebenda, S. 67
80) Arold, Emma: ebenda
81) Kaiser, Karola: In einem Gespräch mit dem Autor am 24.09.2004 in Schrozberg
82) Kaiser, Karola: ebenda
83) Kaiser, Karola: ebenda / Vgl.: Veeh, Helmut: Die Kriegsfurie über Franken 1945, Aub 1998, Umschlagseite
84) Scheuermann, Günther: In einem Gespräch mit dem Autor am 24.07.2004
85) Scheuermann, Günther: ebenda
86) Kaiser, Karola: ebenda
87) Kaiser, Karola: ebenda
16
mehrere Scheunen und Wohnhäuser ab. Insgesammt versuchte die Feuerwehr 15 Brände
zu löschen.88) Im Tal erfuhr man von mehreren Einschlägen bei der Molkerei, es habe dort
mehrere Tote gegeben. In diesen Tagen töteten Granatsplitter 6 Bewohner oder verletzte
sie schwer, darunter auch viele Kinder.89) Noch während des Granatfeuers fuhr ein Vater
seinen toten Jungen auf einem Leiterwägelchen in einem Brettersarg zum Friedhof.90) Für
die folgenden zwei Ereignisse konnte keine genaue zeitliche Einordnung getroffen wer-
den: Die Eisenbahnbrücke auf über die Straße in Richtung Niederstetten wurde von deut-
schen Truppen im Zuge des ,,Nerobefehls" gesprengt. Ebenso sollte es mit Molkerei und
Lagerhaus geschehen, was jedoch ,,mit Hilfe der Vorstandschaft" 91) der Stadt verhindert
werden konnte. Zwischen Könbronn und Oberstetten wurde nachts eine Panzersperre von
zwei Männern aus Könbronn fortgeräumt.91) Der Widerstand gegen den Einmarsch er-
schien den Bewohnern wohl schon zwecklos geworden zu sein. Zur erst vorgesehenen
Verminung der Straße kam es nicht mehr.92) Am Freitag den 13. April hieß es dann plötz-
lich: ,,Die Amis kommen! [...] Schwarze und Weiße, mit aufgepflanzten Gewehren, fin-
steren, mißtrauischen Gesichtern" 93), denen man die Angst gegenüber der Bevölkerung
angesehen haben soll. Sie bewegten sich vom Bahnhof in Richtung Schafsee auf der
Blaufeldener Straße, die Bewohner reihten sich wohl halb ängstlich, halb neugierig vor
ihren Häusern. Überall wurden von den Bewohnern schnell weiße Bettücher aus den Fen-
stern gehangen, von den Schrozbergern hätte keiner mehr etwas ,,mit einer Schießerei im
Sinn gehabt." 94) Auf dem Marktplatz vor der Kirche sammelten sich die Truppen beste-
hend aus Infantrie und Panzer. Oben vom Kirchturm wurde eine weiße Fahne ,,zum Zei-
chen der Übergabe" 95) gehisst. Für die Schrozberger muss es eine sehr zwiespältige
Stimmung gewesen sein, denn zum Einen fand zwischen den einziehenden Truppen und
der Bevölkerung kein Wortwechsel statt (ohnehin sprach kaum einer der Schrozberger
Englisch), zum Anderen hätte man nicht gewußt ,,was auf einen zukommt." 96) Im Tal
wußte man derweil noch nichts von der Besetzung Schrozbergs, denn ins Tal kamen keine
Soldaten. Erst Stunden später habe man dort erfahren, dass die Amerikaner im Ort sind
und ist dann zurück, vorbei an den fremden Soldaten die man nur ängstlich beäugte, je-
doch von ihnen ,,nicht belästigt wurde" 97).
Somit endete auch für Schrozberg die Zeit des Bangens um Angriffe aus der Luft oder zu
Land und in den Gesichtern der Bevölkerung machte sich Erleichterung breit. Der Ein-
marsch der Amerikaner bedeutete nun für viele, mit dem eigentlichen Feind, der jetzt Be-
satzer war, das eigene Haus zu teilen. Diese Zeit der Besatzung wurde vom Autor
nicht mehr bearbeitet es sei auf die genannte Literatur verwiesen.98)
88) Vgl.: Kirschstein-Gamber, ebenda, S. 72
89) Vgl.: Kirschstein-Gamber, ebenda, S. 72
90) Scheuermann, Günther: ebenda
91) Vgl.: Kirschstein-Gamber, ebenda, S. 68
92) Kaiser, Karola: ebenda
93) Vgl.: Kirschstein-Gamber, ebenda, S. 76
94) Vgl.: Kirschstein-Gamber, ebenda, S. 75
95) Bürgermeisteramt Schrozberg: Zum Heimattag, Schrozberg1952, S. 7
96) Kaiser, Karola: ebenda
97) Kaiser, Karola: ebenda
98) Anmerkung: In fast allen Teilorten kam es zur Besetzung durch die Amerikaner. Vgl.: 5.2. Quellenverzeichnis
17
4. Das Ende des nationalsozialistischen Glaubens in der Gemeinde
4.2 Das Umschwenken der ideologischen Überzeugung
Aus den Gesprächen mit den Zeitzeugen geht im allgemeinen hervor, dass die Meisten,
gleich ob jung oder alt, von dem System und der Ideologie der Nazis überzeugt waren. Es
seien alle irgendwie begeistert gewesen, doch ,,wo′ Krieg war nimmer!" 99) Einige waren
natürlich auch von vorn herein völlig gleichgültig oder zumindest schon sehr bald skep-
tisch. Doch wie konnten die, die ihre Zukunft in einem von Hitler geführten Reich sahen,
nach der Besetzung so schnell ihre Überzeugung verändern? War ein Verwerfen seiner
Überzeugung nicht eher mit Enttäuschung als mit Erleichterung verbunden? Dass der
Krieg nun ,,endlich zu Ende" 100) war, erzeugte vor allem bei denen, die der Krieg hart
getroffen hatte, regelrechtes Aufatmen und Freude. Die zu Anfang von Hitler erreichten
Verbesserungen zur Situation 1929 waren schnell vergessen, hat der Krieg doch noch
,,mehr wie des kaputt gemacht!" 101) Viele der Nazi-Anhänger waren ohnehin nur Mitläu-
fer aus Angst gegen das System zu schwimmen und dabei an den Haken zu kommen.
Man hätte ja ,,mitmachen müsse′, dann bist′ durchgekomme′" 102), man sagte sich: ,,Das
Brot ich ess, das Lied ich sing!" 103) Somit wird auch eher verständlich, dass viele mit der
weißen Fahne auch gleichzeitig ihre Einstellung geschwenkt haben. Dies ging soweit,
dass vereinzelt Bewohner kurz nach Kapitulation bei den Besatzern ,,angeschwärzt" wur-
den, man hätte geschrien: ,,Du warst auch ein Nazi!" 104) Eine aufschlussreiche Geschich-
te wußte Willy Heinkelein zu erzählen: Als er mit einem Freund vor Kriegsbeginn durch
den Ort wanderte lief ihnen ihr Schullehrer Gottert entgegen. Und da die zwei Jungen
,,au′ net immer gleich Heil Hitler schreien wollten" 105) versteckten sie sich seitlich der
Straße. Dem geübten Lehrerauge entging jedoch nichts und so lies er die Jungen spüren
was Disziplin bedeutet. Sie mußten mit der Hand zum Hitler-Gruß gerichtet vor ihm auf
und ab exerzieren, mehrere Male, mit den Worten: ,,Der deutsche Gruß ist Heil Hitler!,
Der deutsche Gruß ist Heil Hitler!" 106) Als Willy Heinkelein nach Kriegsende aus
Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, lief er dem alten Schullehrer an der selben Stelle
über den Weg und er hätte geschrien: ,,Grüß Gott!, Grüß Gott! Willy, bin i′ froh, dass du
z′rück bist!" 107) So schnell hatte man sich also wieder umgestellt das ,,Grüß Gott" war
wieder deutscher Gruß. In wie weit aber andere damit zu kämpfen hatten, dass jetzt alles
anders kommt als es erlebt und erträumt wurde und wie lange dieser Prozess angedauert
hat, lässt sich schwer nachvollziehen. Manchmal klang in den Zeitzeugengesprächen eine
gewisse Melancholie durch, die vermuten läßt, dass trotz allem Grauen der ,,guten alten
Zeit" ein wenig nachgetrauert wird, es wäre ,,früher einfach schön gewesen", das was es
99) Hilpert, Marta: ebenda
100) Hilpert, Marta: ebenda.
101) Hilpert, Marta: ebenda
102) Arold, Emma: ebenda
103) Merkle, Margarethe: ebenda
104) Bräuninger, Walter: ebenda
105) Heinkelein, Willy: ebenda
106) Heinkelein, Willy: ebenda
107) Heinkelein, Willy: ebenda
18
heute gibt ,,hat′s domols net ge′ben, dass mo do Angst habe hat müsse, [...] des (Nachts
hinausgehen) war sicher!" 108). Vorstellbar ist, dass jene, denen der Krieg nichts genom-
men hat, eher auch positive Seiten an der Zeit des Nationalsozialismus sahen oder sehen,
denen den er manches nahm, erkannten schnell den Irrglauben, dem sie gefolgt sind de-
nen den der Krieg alles nahm, können wir heute nicht mehr nach ihrer Meinung fragen.
In einem waren sich die Zeitzeugen aber alle einig: Man war froh, dass der Krieg zu Ende
war! Einstimmig wie ein Chor, klingt es nach in meinen Ohren, einstudiert aus Schmerz,
Verlust, Enttäuschung und Verdrängungswillen. Im Ortsbericht von Bartenstein kann
man nachlesen, dass diese Generation gelernt hatte:
,,Was ist das für ein Patriotismus, der unsere Söhne auf das von den Staatslenkern ausgemessene Schlacht-
feld jagt und sie dort sterben heißt; warum erzieht man die Menschen nicht zum Leben für das Vaterland?
Gegen feindliche Einfälle zuschlagen, ja, das ist mannbar und echt, aber nur nicht selbst anfangen. Wenn
der Patriotismus seine Wurzeln in Vorurteilen hat, so muß man wissen, wo er aufhört, eine Tugend zu
sein." 109)
4.2 Ausblick
Wie man aus dem Gelesenen folgern kann, war besonders die Jugend begeistert von der
nationalistischen Idee. Dies lieg daran, dass die Jugend schon im frühen Alter indoktri-
niert wurde und gerade in der Einöde Hohenlohes eine neue Perspektive wie sie Hitler
versprach, den Menschen Hoffnung machte. Wie Anfangs erwähnt, bin ich in Schrozberg
aufgewachsen (geb. 1979) und war dort, wie auch anderer Jugentliche, mit einer Art neu-
er Perspektivenlosigkeit konfrontiert. Keine großartigen Berufschancen und wenig
Freizeitangebot frustrieren hier viele junge Menschen. Deshalb haben auch heute wieder
viele der Jugendlichen ein offenes Ohr für neonazistische Propaganda wie sie z.B. durch
Szene-Musikgruppen verbreitet wird. Es werden ,Kahlkopf′, ,Entstufe′ oder ,Störkraft′
gehört. An vielen der jugendlichen Konsumenten mag dies ohne große Verinnerlichung
vorüberziehen, doch weiß ich auch von dem einen oder anderen, dass er die leeren Phra-
sen für durchaus ernstzunehmen hält und auch damit eine Menge Sinnesgenossen fin-
det. Die faschistische NS-Ideologie zieht also bis heute ihre Kreise duch Hohenlohe und
andere Teile Deutschlands. Man mag sich fragen, wie die weitere Bewältigung der NS-
Zeit weitergeht, wenn es einmal keine Zeitzeugen mehr zu befragen gibt, die uns von die-
ser Ideotie abraten können. Hoffentlich besitzen nachfolgende Generationen genügend
Urteilskraft, um auch ohne die direkte Überlieferung des damaligen Geschehens durch
Zeitzeugen ein für alle mal ein Wiederholen des Geschehenen unmöglich zu machen.
Folgende Zitate stehen für sich. Deshalb möchte ich sie ohne weiteres Kommentar und
Quellenbenennung anhängen. Die Zitate stehen nicht im Zusammenhang zueinander, und
108) Heinkelein, Lydia: ebenda
109) Gräser, Hans: Die Schlacht um Crailsheim, Crailsheim 1997, S.219
19
sind von unterschiedlichen Personen:
,,Man sagt immer, die Deutschen hätten gewusst, dass die Juden umgebracht! Bei mir selber, in unserer
Umgebung war nichts derartiges bekannt [...] man hat sich es auch nicht vorstellen können!"
,,Mer war sehr enttäuscht nach dem allen!"
,,In Niederstetten, als die Juden wegkamen, hat′ mer sich g′wundert [...] mer hat sich′s denken können."
,,Das hätte man halt nicht machen sollen, das mit den Juden!"
,,Wenn mer heut′ schaut, was es für Korruption gibt, des hat′s früher net ge′ben im dritten Reich, nein, ent-
weder hat mer′s net so g′merkt oder, Ha!"
,,Mer hat uns g′sagt: ,Der Hitler nimmt keine Butter aufs Brot!′, der sei so bescheiden!"
5. Anhang
5.1 Bildnachweis
Bild 1 (S. 6):
,,September 1944: Zerstörte Gebäude in der Oberstettener Straße"
Quelle: Abfotografie des Autors aus einem Album von Margarethe Merkle.
Bild 2 (S. 7):
,,Albrecht, Friedrich (1938)"
Quelle: Abfotografie des Autors aus einem Album von Margarethe Merkle
Bild 3 (S. 10):
,,Umfassungsoperation des VI. AK. mit der 10. Pz.div. (4. 12.04.1945)"
Quelle: Vom Autor überarbeitete Grafik in Anlehnung an Skizze 7, Blumenstock: ebena, S. 51
Bild 4 (S. 11):
,,Der amerikanische Vorstoß nach Crailsheim am 6.4.1945 und der Rückzug nach Norden
am 9./10.4.1945"
Quelle: Vom Autor überarbeitete Grafik in Anlehnung an Skizze 7, Blumenstock: ebena, S. 53
Bild 5 (S. 12):
,,Die nähere Umgebung Schrozbergs mit Kaiserstraße (schematisch)"
Quelle: Vom Autor erstellte, schematische Grafik der näheren Umgebung Schrozbergs.
5.2 Quellen und Literatur
Vom Autor befragte Zeitzeugen:
Arold, Emma (geb. Klein); Jahrgang 1927, Wohnhaft in Kälberbach
Bräuninger, Walter; Jahrgang 1932, Wohnhaft in Bartenstein
Hilpert, Marta; Jahrgang 1914, Wohnhaft in Zell
Heinkelein, Lydia (geb. Walther); Jahrgang 1928, Wh. i. Ettenhausen (′45 in Riedbach)
Heinkelein, Willy; Jahrgang 1927, Wohnhaft in Ettenhausen (′45 in Bartenstein)
Kaiser, Karola; Jahrgang 1925, Wohnhaft in Schrozberg
Merkle, Margarethe (geb. Albrecht); Jahrgang 1929, Wohnhaft in Schrozberg
Scheuermann, Günther; Jahrgang 1930, Wohnhaft in Schrozberg
20
Untersuchte Literatur:
Bürgermeisteramt Schrozberg: Gedenkschrift zum Heimattag, Schrozberg 1952
Blumenstock, Friedrich: Der Einmarsch der Amerikaner und Franzosen im Nördlichen Württemberg im
April 1945, Crailsheim 1994
Gräser, Hans: Die Schlacht um Crailsheim, Baier Verlag, Crailsheim 1997
Kirschstein-Gamber, Birgit: Wider das Vergessen, Schrozberg 1995
Stadt Schrozberg (div. Autoren): Heimatbuch Schrozberg, Schwäbisch Hall 1999
Veeh, Helmut: Die Kriegsfurie über Franken 1945 und das Ende in den Alpen, Aub/Bad Windsheim 1998
Bräuninger, Walter: Heute 72, damals 13
Scheuermann, Günther: Heute 74, damals 15
Ehepaar Willy und Lydia Heinkelein: Heute 77 und 76, damals 18 und 17
Ich erkläre, dass ich die Seminararbeit ohne fremde Hilfe angefertigt und nur die
im Literaturverzeichnis angeführten Quellen und Hilfsmittel benützt habe.
Unterschrift des Schülers
Datum
Comments
No comments yet
Other users also were interested in the following titles:
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit - Formatvorlage / Vorlage für eine Hausarbeit für Microsoft Word
Author: GRIN VerlagPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2005 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit - Formatvorlage / Vorlage für eine Hausarbeit für OpenOffice.org
Author: GRIN VerlagPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2005 Download as PDF-file for 9,99 EUR
Formatvorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit / Vorlage zur Erstellung einer Hausarbeit
Author: Marco FeindlerPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2005 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Author: GRIN VerlagPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2008 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wissenschaftlichen Arbeit
Author: Zoran ZivkovicPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2004 Download as PDF-file for 5,99 EUR
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Author: Claudia NickelPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2006 Download as PDF-file for 4,99 EUR
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Author: Maik PhilippPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2004 Download as PDF-file for 5,99 EUR
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - Hausarbeiten - Seminararbeiten
Author: Mark RichterPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2008
This text can be quoted and accessed from this url: