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Der Schmale Grat

Research Paper (Pre-University), 2002, 33 Pages
Author: Stefan Amstein
Subject: Neurobiology

Details

Institution/College: KZO Wetzikon (Schweiz)
Tags: Schmale, Grat
Category: Research Paper (Pre-University)
Year: 2002
Pages: 33
Language: German
Archive No.: V109057
ISBN (E-book): 978-3-640-07242-2

File size: 894 KB


Fulltext (computer-generated)

intelligenz

brachte

Kultur,

Religion,

und Rausch

doch

Ein

Krieg

wird

geführt

gegen

Menschen,

die

niemanden

verletzen

wollen

Patchworkartige

Wissenschaft

gepaart

mit

den Erfahrungen

derer,

die wissen

versuchen

aufzuklären.

wenn aus

"just say no"

"just say know"

wird, könnten meine 4

Probanden Techno sicherer leben


Zusammenfassung

,,Sucht oder Abhängigkeit ist ein nur zu menschliches Verhaltensmuster und entstand nicht erst

durch Drogen. Es gilt damit umgehen zu lernen und stets im Hinterkopf zu behalten, dass ein

Krieg immer nur Verlierer bringt. Vor allem dann, wenn er gegen die eigenen Bürger geführt wird.

Das Drogenproblem endgültig lösen zu wollen, ist ein Ziel, das, solange es Menschen mit all ihren

Süchten und Sehnsüchten gibt, unerreichbar ist. Letztendlich entscheidet immer noch jeder für

sich, ob er es wie Adam und Eva erfahren will, was beim berühmten Biss in den Apfel passiert."

Diese Arbeit versucht aufzuklären mit ihren Ergebnissen, sie soll ausserdem die Erkenntnisse

zweier total verschiedener Betrachtungsebenen übereinander projizieren. Vier mir bekannte

Technoanhänger haben sich als Probanden zur Verfügung gestellt, um ihr Leben und ihren Um-

gang mit chemischen Drogen zu schildern. Die Spuren der Schritte auf dem Weg zu sich selbst,

welcher jede und jeder von ihnen während der Niederschrift und/oder schon im Vorfeld gemacht

hat, verleihen ihren Texten eine sehr spezielle Form von persönlicher Nähe und Durchsetzungs-

kraft. Diesen Erlebnisberichten vorweg werden noch pharmakologische Grundlagen über Ecstasy

und Amphetamine, ihre Ursachen und Wirkungen und ein verhaltensbiologisches Erklärungsmo-

dell zum Krankheitsbild einer psychischen Stoffabhängigkeit aufgezeigt. Alle zustande

gekommenen Resultate werden in einer weitsichtigen Diskussion benützt, um Folgerungen und

Aussichten auf psychologischer, sozialpolitischer und ethisch-moralischer Ebene zu synthetisieren.

:: 03 ::


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

5

2. Material und Methoden

6

2.1 Basiswissen

6

2.2 Erlebnisberichte

7

3. Wissenschaftliches Basiswissen

8

3.1 Pharmakologische Grundlagen

8

3.1.1 Stoffaufnahme und Körpermembranen (Pharmakokinetik)

8

3.1.2 Substanz-Rezeptor-Wechselwirkungen (Pharmakodynamik)

9

3.1.3 Affinität zwischen Rezeptor und Wirkstoff

10

3.1.4 Neurobiologische Grundlagen

10

3.2 Biologische Psychologie

11

3.2.1 Verhalten und Neurotransmitter

11

3.2.2 Verhaltensbiologische Aspekte einer Abhängigkeit

12

3.2.3 Die drei Aspekte der positiven Verstärkerwirkung

13

3.3 Physiologische Betrachtung einer Abhängigkeit

14

3.3.1 Adaption

14

3.3.2 Abhängigkeitsarten

15

4.Wirkstoffe 16

4.1 MDMA oder ,,Ecstasy"

16

4.1.1 Übersicht

16

4.1.2 Einige historische Aspekte

17

4.1.3 Wichtigere Wirkungen und Nebenwirkungen

17

4.1.4 Das serotonerge System

18

4.2. Amphetamin oder ,,Speed"

19

4.2.1 Übersicht

19

4.2.2 Geschichtlicher Abriss

19

4.2.3 Wirkungen

20

4.2.4 Pharmakologische Hintergründe

20

5. Fallbeispiele

22

Manuel, 18 Jahre alt

22

Tamara, 18 Jahre alt

23

Angela, 18 Jahre alt

24

Nina, 21 Jahre alt

26

6. Diskussion und Kommentar

28

7. Literaturnachweis

33

:: 04 ::


1. Einleitung

Vor etwa vier Jahren kam ich an die Kantonsschule Wetzikon und in meine damalige Klasse, das

CW3. Doch damals war alles anders, wir waren so jung wie motiviert und wild noch dazu. Nach

bestandener Probezeit legte sich die Motivation bei den meisten von uns etwas, dafür lernten wir

uns besser kennen. So geriet ich an eine Mitschülerin, welche in der Technoszene verkehrte. Sie

schien durch ihre Lebensweise schon sehr viel erlebt zu haben und strahlte diese Erfahrung auch

aus. Auf der einen Seite schien sie sehr erwachsen und gefestigt im Umgang mit ihren Gefühlen

und der Aussenwelt, auf der anderen Seite wirkte sie verspielt, vergnügt und ein wenig schrill.

Ich lernte sie und ihre Einstellung immer besser kennen und war fasziniert. Doch im Gegensatz

zu ihr bin ich ziemlich introvertiert und denke analytisch. So übernahm ich ihre hedonistische

Denkweise nicht und studierte sie und die Szene aus einer gewissen Distanz. Es war fast ein Leh-

rer-Schüler-Verhältnis, nur kam ich mir dabei vor, als würde ich wirklich etwas für mich selbst

lernen. Die ganze Thematik rund um Drogen begann mich auch diesem Anlass mehr zu interes-

sieren, was mich dazu brachte, viel über gewisse Substanzen und die Technoszene zu lesen.

Später besuchten wir auch ab und zu Technoparties zusammen und ich kam ­wenn auch sehr

oberflächlich- in Kontakt mit Drogenkonsumenten. Über die Monate driftete sie im Geist immer

weiter weg von der Schule und so waren ihre Gedanken meistens beim nächsten Wochenende

oder bei ihrem Liebhaber. Leider verliess sie nach nur etwa einem Jahr die Schule aus eigener

Entscheidung, begann eine Lehre und verbringt nun die meiste Zeit mit ihrem Dauerfreund, den

sie seit Ende ihrer Schulkarriere hat.

Meine Begeisterung für die Musik brachte mich dazu, DJ und somit auch ein Bestandteil der Szene

zu werden. Grosses Interesse an Biologie, Chemie und Psychologie brachte mich auf die Idee, ei-

ne Arbeit mit Schwerpunkt auf diesen Fächern zu schreiben, welche die sogenannten

,,Technodrogen" beleuchtet.

Leider wurde mein Enthusiasmus bald gebremst, denn eigentlich hatte ich vor, ein Gegenmittel

für den Ecstasy-Kater zu finden. Dies was aber gar nicht möglich, jedenfalls im Rahmen dieser

Maturitätsarbeit. Kollegen von mir, welche Serotonin gegen depressive Verstimmungen nach einer

Party nahmen, schwören darauf und platzieren öfters eine Bestellung im Internet.

Aufgrund dieser Einschränkung beschloss ich, nicht praktisch tätig zu werden und liess stattdes-

sen ausgesuchte Probanden ihre Lebensgeschichte mit den Drogen schildern. Zusammen mit

pharmakologischem Basiswissen, welches im Vorfeld aufgezeigt wird, sollen zwei völlig verschie-

dene Blickwinkel dargestellt und diskutiert werden. Der Leser soll einen Hauch des Gefühls für

diese beiden Welten bekommen.

:: 05 ::


2. Material und Methoden

Die Ergebnisse dieser Arbeit entstanden auf zwei völlig unterschiedliche Arten. Einerseits habe ich

versucht, Basiswissen aus vorhandenem Material (Fachbücher und Internet) aufzuzeigen, welches

biologische Vorgänge im Zusammenhang mit psychoaktiven Stoffen bis zu einem gewissen Grad

zu erklären vermag. Andererseits werden Schilderungen verschiedener Probanden, die ich selbst

rekrutiert habe, dazu verwendet, die Problematik von einem subjektiven Standpunkt zu beleuch-

ten.

2.1 Basiswissen

Hier bediente ich mich anfangs der Pharmakologie, speziell, ihrer Untergebiete Pharmakokinetik,

Pharmakodynamik und Toxikologie. Vorgänge wie Stoffaufnahme, Verteilung und Ausscheidung

können damit gut erklärt werden. Will man aber die Wirkung einer Substanz im Gehirn betrachten

und daraus entstehende Verhaltensänderungen ableiten, stossen diese Wissenschaftszweige bald

an ihre Grenzen. Daher habe ich Erkenntnisse aus der Biologischen Psychologie (behavioral neu-

roscience) zu Hilfe genommen, um eine Brücke zu psychologischen und soziologischen Aspekten

der Drogenproblematik zu schlagen. Allerdings liessen sich keine Theorien finden, welche von sich

behaupteten, den Wirkungsmechanismus einer bestimmten Substanz auf die Psyche bis zur Voll-

kommenheit aufgeschlüsselt zu haben.

Als Hilfsmittel verwendete ich geschriebenes Material und das Internet. Die Lehrbücher, Magazi-

ne, Dissertationen und anderen wissenschaftliche Publikationen stammten vorwiegend aus

Bibliotheken, wie der ETH-Bibliothek, der Zentralbibliothek Zürich und der Sammlung des Fach-

kreises Biologie an der KZO Wetzikon. Aus dem Internet stammten fast alle Abbildungen, welche

ich zum Teil digital verändert habe. Dazu gehörten übliche Verfahren wie Farbkorrekturen, Über-

setzen oder Überarbeiten der Beschriftungen, Anpassen von Grösse und Format, etc.

Einige wichtige Internetadressen, welche mir als Quelle dienten:

http://www.ncbi.nlm.nih.gov

Medizinische Landesbibliothek USA

http://www.erowid.org

Eigenständige Drogeninformationsseite

http://www.ecstasy.org

Gedenksite für Nicholas Saunders ("E for Ecstasy")

http://www.maps.org

Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies, USA

http://paradise-engineering.com

Ideologische geprägte Site zum Thema ,,Hedonismus"

http://www.droleg.ch

Politische Site zur Drogenlegalisierung in der Schweiz

http://www.btonline.de

,,Beratung und Therapie online"

:: 06 ::


2.2 Erlebnisberichte

Ich begann schon vor dem eigentlichen Verfassen dieser Arbeit damit, in meinem Bekanntenkreis

mögliche Kandidaten für eine Schilderung zu suchen. Das fiel mir nicht besonders schwer, da ich

selbst regelmässig als DJ in der Technoszene verkehre und so Hunderte ihrer Anhänger mehr

oder weniger flüchtig kenne. Doch bald erkannte ich, dass es viel mehr Sinn machen würde, je-

manden für meine Absichten zu gewinnen, den ich selbst gut kenne. Ich erhoffte mir dadurch

eine bessere Kooperation und vielsagendere Texte. Es stellten sich einige für meine Zwecke bereit

und so musste ich aussuchen. Dabei beschloss ich möglichst interessante, sprich extreme Fälle,

auszuwählen.

Die Probanden wurden angewiesen, selbständig einen Text zu verfassen mit der einzigen Auflage,

in ihrer Schilderung möglichst keine relevanten Informationen zu verschweigen. Ihnen wurde

vollkommene schriftstellerische Freiheit gewährt aber auch Hilfe geleistet, falls sie dies wünsch-

ten. Die Berichte wurden von mir leicht redigiert, falls die abgelieferten Fassungen grosse Mängel

in Ausdruck, Struktur oder Orthographie aufwiesen.

:: 07 ::


3. Wissenschaftliches Basiswissen

Im Gegensatz zu den verbreiteten Büchern und Broschüren, welche sich an den Konsumenten

oder an andere eher praktisch interessierte Leser richten, soll hier ein etwas differenzierteres

pharmakologisches Bild aufgezeigt werden.

Eingangs werden fundamentale Theorien der Pharmakologie dargelegt, welche sich vor allem mit

Stoffaufnahme und -verteilung befassen. Danach werden neurobiologische Wirkungsmechanis-

men aufgezeigt, welche zwar auch ein pharmakologisches Untergebiet sind, aber derzeit noch

nicht in befriedigendem Masse untersucht sind.

3.1 Pharmakologische Grundlagen

3.1.1 Stoffaufnahme und Körpermembranen (Pharmakokinetik)

Ein Wirkstoff muss, bevor er zum Rezeptor gelangt, verschiedene Typen von Membrangrenzen

passieren. Hier werden die im Bezug zur Arbeit wichtigsten näher betrachtet.


Zellmembranen:

Bei der Resorption im Darm oder beim Übertritt ins Zellinnere muss eine Sub-

stanz die Zellmembran passieren. Diese besteht aus einer Doppelschicht aus komplexen

Lipidmolekülen, den Phospholipiden, welche einen wasserlöslichen Kopf und einen Wasserabstos-

senden Schwanz besitzen und den Hauptteil der Membran ausmachen. Einige viel grössere

Proteine erstrecken sich vom Zellinneren durch die Phospholipidschicht bis in den Extrazellulär-

raum. Diese Doppelmembran ist für viele, aber längst nicht alle, Moleküle durchlässig.

Kapillaren:

Kurz nach Eintritt in die Blutbahn ist eine Substanz ziemlich gleichmässig über die

ganze Blutmenge verteilt. Allerdings besteht ein ständiger Stoffaustausch zwischen Gewebe und

den Blutkapillaren (,,allerkleinste Äderchen"). Die Kapillare selbst besteht aus Zellen, welche in ih-

rer Zellwand wassergefüllte Poren aufweisen, welche den Stoffaustausch fördern. Diese

Durchgänge sind nur für Moleküle mit einer Grösse von mehr als 15 Nanometer unpassierbar.

Einzig Proteine sind davon betroffen, alle Stoffe aus der Phenethylamin-Gruppe sowie alle ande-

ren auf das zentrale Nervensystem wirkenden Substanzen verlassen die Blutbahn problemlos

durch die Kapillaren.


Blut-Hirn-Schranke:

Diese strukturelle Barierre braucht das Gehirn, um normal funktionieren zu

können. Der Stoffaustausch zwischen Gehirn und Blut wird durch die Blut-Hirn-Schranke stark ein-

gedämmt. Um sie zu überwinden muss ein Wirkstoffmolekül sehr klein und dazu auch noch

fettlöslich sein.

Anders als in den übrigen Körperregionen haben Kapillarwände im Gehirn kaum Poren. Ausser-

dem umgeben spezialisierte Zellen, die Astrocyten (Abbildung 1), in der Nähe die Oberfläche der

Kapillaren mit ihrer lipidreiche Hülle, welche von einem Stoff kaum passiert werden kann, falls

:: 08 ::


dieser keine ausgeprägten fettlöslichen Eigenschaften hat. Folglich muss jede Substanz, die aus

den Kapillaren des Gehirns austritt, sowohl die Wand der Kapillare selbst (da es keine Poren gibt),

als auch die von den Astrocyten gebildete Membran durchdringen.

Jegliche auf das ZNS wirkende Substanz muss diese und die vorherigen zwei Hürden auf ihrem

Weg zum Gehirn nehmen, wäre sie dazu nicht fähig, könnte sie im Individuum keine bewusst-

seinverändernde Wirkung erzielen.

Abbildung 1

: Elektronenmikroskopische Aufnahme von menschlichem Nervengewebe mit 2250-

facher Vergrösserung. Gelblich dargestellt sind die Neuronen, welche von einem hier grün einge-

färbten Astrocyt umgeben sind. Seine lipophile Hülle schränkt den Stoffaustausch zwischen den

Blutgefässen und den Nervenzellen ein. Quelle: http://www.denniskunkel.com

3.1.2 Substanz-Rezeptor-Wechselwirkungen (Pharmakodynamik)

Um eine pharmakologische Wirkung entfalten zu können, muss eine Substanz mit einem oder

mehreren Zellteilen interagieren. Die Zellkomponente, welche zuerst mit der Substanz in Wech-

selwirkung tritt, wird als Rezeptor bezeichnet. Die Wirkstoffmoleküle binden sich an spezifische

Rezeptoren, die sich auf der Zellmembran oder im Zellinneren befinden. Diese Bindung veran-

lasst die Zelle, anders zu funktionieren, was in der Pharmakologie als Wirkung bezeichnet wird.

Aktiviert diese Bindung den Rezeptor, wird von einer agonistischen Wirkung gesprochen, bei einer

Inaktivierung von einer antagonistischen. In beiden Fallen wird eine Kaskade von Ereignissen in

der Zelle ausgelöst, wodurch schliesslich die relevanten Wirkungen und Nebenwirkungen entste-

hen.

Einige wichtige Aspekte des Wirkungsmechanismus sind:

· Rezeptoren befinden sich gewöhnlich an der Oberfläche membrandurchziehender Proteine.

Diese Proteine haben wiederum eine oder mehrere Arten von Bindungsstellen, in der Regel

für einen körpereigenen Überträgerstoff (Ligand), zum Beispiel einen Neurotransmitter.

· Die Anlagerung des spezifischen Liganden an den Rezeptor aktiviert diesen durch strukturelle

Veränderung des Proteins. Diese Veränderung erzeugt ein Signal, welches durch die Membran

hindurch ins Innere der Zelle übertragen wird.

:: 09 ::


· Die Stärke des entstandenen Transmembransignals hängt entweder von der Anzahl der akti-

vierten Rezeptoren ab oder von der Geschwindigkeit, mit welcher diese besetzt werden.

· Eine nicht körpereigene Substanz kann die Entstehung, die Übertragung oder den Empfang

des Transmembransignals entweder verstärken oder abschwächen, bindet sie sich an die Bin-

dungsstelle des Liganden. Imitiert diese Fremdsubstanz die aktivierende Wirkung des

Liganden, entsteht eine agonistische (oder ,,stimulierende") Wirkung, besetzt sie den Rezep-

tor ohne eine ligandähnliche Aktivierung hervorzurufen, wirkt sie antagonistisch (oder

inhibitorisch).

3.1.3 Affinität zwischen Rezeptor und Wirkstoff

Ein Wirkstoffrezeptor zeichnet sich durch eine hohe (aber nicht absolute) Spezifität oder Affinität

für die Moleküle ,,seines" Wirkstoffes aus. Die Stärke der Wirkung einer Substanz als Agonist oder

Antagonist stehen in engem Zusammenhang mit ihrer chemischen Struktur. Eine scheinbar gerin-

ge oder unbedeutende Veränderung dieser kann die Intensität der zellulären Reaktion erheblich

beeinflussen. So haben beispielsweise Amphetamin und Methamphetamin eine stark erregende

Wirkung auf das ZNS. Trotz der ausgeprägten Strukturähnlichkeit wirkt Methamphetamin bei glei-

cher Dosis viel länger und stärker, obwohl beide Substanzen wahrscheinlich auf die gleichen

Rezeptoren im Gehirn wirken.

Ausserdem unterliegen die Rezeptoren selbst vielen biologischen Einflüssen, welche ihre Empfind-

lichkeit und Zahl in beide Richtungen ändern können. Derartige Vorgänge sind unter anderem

wichtig in bezug auf Toleranzbildung und unterliegen auch genetischen Einflüssen.

3.1.4 Neurobiologische Grundlagen

Die Funktionen des menschlichen Gehirns basieren auf dem

Zusammenspiel von ungefähr 100 Milliarden Nervenzellen, welche

Neurone genannt werden. Diese Neuronen (Abbildung 2) besitzen

besondere Fortsätze, sog. Dendriten, über die das Verarbeiten von

Informationen abläuft. Eine für die Wirkungsweise von psychotropen

Phenethylaminen besondere Rolle spielen dabei die Kontaktstellen

zwischen den Nervenzellen, die sog. Synapsen. Jede einzelne der

Nervenzellen im Gehirn verfügt nämlich über unzählige

Eingangskontakte und Ausgangssynapsen, so dass sich ein unglaublich

feingeädertes Nervengeflecht bildet. Wenn ein elektrisches Signal über

ein Axon (Nervenzellen-Fortsatz) zu dem synaptischen Spalt kommt,

wird eine Ausschüttung spezieller chemischer Botenstoffe

(Neurotransmitter) bewirkt. Diese Botenstoffe befinden sich vor dem

Eintreffen des Reizes in den sich vor dem synaptischen Spalt befin-

denden synaptischen Bläschen, die Vesikel genannt werden. Nun öffnen

Abbildung 2:

Ner-

sich die Bläschen und die Neurotransmitter überqueren den Spalt zwi-

venzelle

:: 10 ::


schen den beiden Nervenzellen. Dort binden sie an spezifische Rezeptoren auf der postsynapti-

schen Seite und bewirken dort eine Weiterleitung des elektrischen Impulses. Die Botenstoffe

werden anschliessend entweder von speziellen Enzymen wieder abgebaut, oder vom Neuron, das

sie ausgeschüttet hat, wieder aufgenommen, um für die nächste Reizübertragung bereit zu sein.

Im menschlichen Nervensystem kommt eine grosse Anzahl von Neurotransmittern vor, wie z.B.

Acetylcholin, Serotonin, Dopamin, GABA, etc.

3.2 Biologische Psychologie

3.2.1 Verhalten und Neurotransmitter

Die Katecholamine und das mesolimbische Dopamin-System

Dopamin, Noradrenalin und Adrenalin gehören zu einer Gruppe von Neurotransmittern, welche als

Katecholamine bezeichnet werden und kaum mehr als 1-2% der gesamten Transmittermenge im

ZNS ausmachen. Diese Überträgerstoffe scheinen einen sehr grossen Einfluss auf breite Gebiete

der Physe und Psyche zu spielen, darunter fallen v.a. Motorik, emotionales Verhalten und Denken

(Kognition). Um sich die Wichtigkeit dieses Quäntchens einer körpereigenen Substanz noch bes-

ser vorstellen zu können, sei ein Parkinson-Patient erwähnt, dessen gesamtes Krankheitsbild auf

einen zu tiefen Dopaminspiegel zurückzuführen ist. Daher kann Dopamin (genauer ein sogenann-

ter Dopamin2-Agonist) in der Therapie erfolgreich eingesetzt werden.

Es würde im Rahmen dieser Arbeit kaum Sinn machen, diese komplexen neurochemischen Vor-

gänge herzuleiten, deshalb beschränke ich mich hier auf ein gewisses Untersystem im

menschlichen Gehirn, auf das sogenannte "mesolimbische Dopaminsystem". Dieses System ist die

gemeinsame Endstrecke praktisch aller belohnender Ereignisse. Wenn man etwas Positives er-

reicht hat (z.B. gute Prüfung geschrieben, etwas geschenkt bekommen, Tor geschossen, etc.)

und sich darüber freut, ist dies unter anderem dadurch vermittelt, dass in diesem System Dopa-

min ausgeschüttet wird. Dieses System erstreckt sich vom Mesencephalon (Mittelhirn) bis zum

Telencephalon (Endhirn), da vor allem zum limbischen System und spielt eine zentrale Rolle in al-

len motivationalen Prozessen. Etwas vereinfachend kann man sagen: "Ohne funktionierendes

mesolimbisches System keine Motivation." Auch die Wirkung von Drogen wie Kokain oder Amphe-

tamin entfaltet sich hier, d.h. die Drogenzufuhr bewirkt eine Ausschüttung von Dopamin, welches

einem Belohnungsreiz gleichkommt.

:: 11 ::


Abbildung 3

: Darstellung eines menschlichen

Gehirns und zweier Schaltkreise, links das meso-

limbische Dopaminsystem und rechts das

nigrostatiale. Ersteres wird von Psychostimulan-

tien beeinflusst und ist sehr wahrscheinlich der

Ort, wo das Belohnungsgefühl, welches Teil der

Drogenwirkung ist, entsteht.

3.2.2 Verhaltensbiologische Aspekte einer Abhängigkeit

Der vorher angetönte Belohnungsreiz entspricht in der Verhaltensbiologie einem positiven Ver-

stärker. Ein solcher zeigt dem Individuum an, dass es etwas richtig gemacht hat, es wird belohnt.

Dieser Reiz kann ebenfalls durch verschiedene Drogen direkt oder indirekt ausgelöst werden. Sehr

direkt auf das mesolimbische Dopaminsystem (unser ,,Belohnungszentrum") wirken Stimulantien

wie Kokain und Amphetamine. Auch Alkohol und fast alle Beruhigungsmittel entfalten ihre Wir-

kung vornehmlich hier, allerdings wirken sie inhibitorisch auf den Neurotransmitter Noradrenalin.

Diese Hemmung von NA führt zu einer verstärkten Wirkung von Dopamin. Auch auf diese Weise

wird das Belohnungssystem aktiviert.

Um zu verstehen, warum gewisse Personen nach mehrmaliger Stoffaufnahme ein sogenannt dro-

gensuchendes Verhalten (craving) entwickeln, müssen allerdings noch einige weitere

Mechanismen betrachtet werden. Anhand eines psychopharmakologischen Modells(Abb. 4) wird

versucht, das Abhängigkeitsverhalten zu beschreiben.


Die positive Verstärkerwirkung

ist einer der vier Faktoren im Modell, welches Verhaltensbio-

logen nutzen, um den auftretenden ,,Stoffhunger" zu erklären.


Aversive Drogenwirkungen

können den Stoffhunger durch Bestrafungsmechanismen ab-

schwächen. So geschieht dies beispielsweise in Form eines Katers nach übermässigem

Alkoholkonsum oder einer längeren depressiven Verstimmung nach der Einnahme von Ecstasy.

Solche Wirkungen können der angestrebten Drogenmenge eine obere Grenze setzen.

:: 12 ::


Abbildung 4

Ein psychopharmakologisches Modell zu Beschreibung von Abhängigkeit als dro-

gensuchendes Verhalten. Diese wird im wesentlichen über vier Prozesse gesteuert, welche sich je

nach Substanz oder Substanzgruppe verschieden stark ausprägen. Die physiologischen Aspekte

einer Abhängigkeit sind hier nicht speziell aufgeführt und werden im dazupassenden Abschnitt

behandelt.

Diskriminative Effekte

erzeugen die Erwartung einer Verstärkung. So verbindet beispielsweise

ein Ecstasy-Nutzer das kribbelige Gefühl in den Gliedmassen und die Euphorie beim Start der Wir-

kung mit der Tatsache, dass er die Pille zu sich genommen hat. Nun weiss er, dass von dieser

Substanz eine wohltuende Wirkung ausgehen kann. Allerdings haben diese Effekte nur einen In-

formationswert, sie zeigen dem Subjekt, dass von der Substanz eine wohltuende Wirkung

ausgehen kann und vermutlich auch wird. Alleine rufen sie niemals ein Verhalten hervor. Trotz-

dem wird der Entzug erschwert, da Angstzustände auftreten, wenn der Konsument durch Zwang

an seinem drogensuchenden Verhalten gehindert wird. Diskriminative Effekte sind auch verant-

wortlich für ein mögliches craving nach längerer Abstinenz (Rückfallgefahr).

Umgebungsreize

können durch klassische Konditionierung mit dem Verlangen, Drogen zu neh-

men, assoziiert werden. Der Stoffhunger kann so situationsbedingt weit über dem Mass auftreten,

welches nur durch die Drogenwirkung selbst entstanden wäre. So kann es einem langjährigen

Cannabiskonsumenten sehr schwer fallen, in einer Runde von Gleichgesinnten nicht mitzukiffen.

3.2.3 Die drei Aspekte der positiven Verstärkerwirkung

Eine drogenbedingte, im speziellen positive Verstärkerwirkung geschieht nach heutigem Kenntnis-

stand auf drei Ebenen:

· über die bereits früher erwähnten neuronalen Mechanismen

· über verhaltensbedingte Mechanismen, darunter Euphorie aufgrund der Drogenwirkung,

Angstlinderung, psychomotorische Aktivierung und der Vermeidung von Entzugssymptomen

· über diverse andere einfliessende Variabeln wie der soziale Kontext, genetische Faktoren,

bisherige Verhaltensprägungen (Erziehung, Neigungen, etc.) und die Art der bisherigen Dro-

generfahrungen (pharmakologische Biographie)

:: 13 ::


3.3 Physiologische Betrachtung einer Abhängigkeit

3.3.1 Adaption

,,Toleranz"

Sie kann als eine schrittweise abnehmende Wirkung bei gleicher Dosierung definiert werden.

Entwickelt jemand eine Toleranz gegenüber einem bestimmten Wirkstoff, müssen immer höhere

Dosen verabreicht werden um die Ausgangswirkung zu erzielen. An diesem Vorgang sind

mindestens drei Mechanismen beteiligt, wovon einer psychologisch bedingt ist.

Metabolische Toleranz

Konsumiert jemand grössere Mengen irgend einer pharmakologisch wirksamen Substanz welche,

metabolisiert und ausgeschieden wird, entwickelt der Körper bald eine erhöhte Kapazität diese

abzubauen. Dadurch verweilt das gleiche Quantum an Wirkstoff immer weniger lang im Blutplas-

ma. Die Tatsache, dass ein vermehrter Abbau geschieht, ist auch gleich der Auslöser für dieses

Phänomen. Denn dadurch wird die Synthese von Enzymen angeregt, welche für diesen Prozess

verantwortlich sind.

Rezeptoradaptation

Dabei passen sich die Rezeptoren im Gehirn einer ständigen Anwesenwesenheit einer Substanz

an. Es geschieht entweder eine Erhöhung der Rezeptorzahl, oder diese beginnen weniger emp-

findlich zu reagieren (,,down regulation"). Im erstem Fall wird eine höhere Substanzmenge

gebraucht, um die grössere Zahl der Rezeptoren zu besetzen. Diese Art einer Toleranz wurde

beim Missbrauch von Opiaten, Barbituraten und Alkohol beobachtet (Abb. 5).

Verhaltenskonditionierung

Diese rein psychische Form wurde erst in jüngerer Zeit erkannt. So wird ein gewisses Ritual oder

irgendein anderer Kontext im Zusammenhang mit dem Substanzkonsum als Grund für diese dritte

Toleranz angegeben. Fehlt dieser Umstand, tritt auch keine Toleranz auf. Durch diese Tatsache

wurde eine ,,bedingte Toleranz" entdeckt, welches wie folgt beschrieben wird.

Abbildung 5:

Verteilung und Dichte der

dopaminergen Nervenzellen im Gehirn

einer gesunden Kontrollperson (links)

und eines starken Amphetaminkonsu-

menten (rechts). Rot zeigt die höchste

Dichte. Offensichtlich kam es bei der

rechten Aufnahme zu einer Rezeptor-

adaptation.

:: 14 ::


,,

Die Umstände, welche für gewöhnlich mit der Substanzzufuhr verbunden sind, werden zu konditi-

onierenden Reizen, welche eine konditionierte Reaktion auslösen. Diese Reaktion kompensiert die

direkten Effekte der Substanz. Wie sich bei Konditionierungsexperimenten zeigt, nimmt das Aus-

mass der konditionierten kompensatorischen Reaktion zu und wirkt den direkten

Substanzeffekten entgegen ­ es entsteht Toleranz.

"

M. Klein (1995)

3.3.2 Abhängigkeitsarten

"

Sucht ist ein unabweichbares Verlangen nach einem bestimmten Erlebniszustand. Diesem Verlan-

gen werden die Kräfte des Verstandes untergeordnet. Es beeinträchtigt die freie Entfaltung einer

Persönlichkeit und zerstört die sozialen Bindungen und die sozialen Chancen des Individuums

"

K.

Wanke (1985)

Der ältere Begriff "Sucht" wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) durch den Begriff

der "Abhängigkeit" ersetzt. Man unterscheidet psychische Abhängigkeit, d.h. das übermächtige

und unwiderstehliche Verlangen, eine bestimmte Substanz wieder einzunehmen, und körperliche

Abhängigkeit, die durch Dosissteigerung und das Auftreten von Entzugserscheinungen gekenn-

zeichnet ist. Insgesamt handelt es sich bei Abhängigkeit also um ein zwanghaftes Bedürfnis und

Angewiesensein auf bestimmte Substanzen.

Heute ist Abhängigkeit eines der grössten gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Probleme

unserer Zeit. Einerseits entstehen durch verringerte Arbeitsleistung, Unfälle etc. hohe direkte und

indirekte Kosten, andererseits hat Abhängigkeit auch im sozialen Umfeld schwerwiegende Folgen.

Definitionen

in Anlehnung an Dilling und Reimer (1994)

Missbrauch:

Suchtmitteleinnahme, die zu körperlichen und psychosozialen Schäden führt. Es

liegt noch keine Abhängigkeit vor.

Psychische Abhängigkeit:

Die Kennzeichen der psychischen Abhängigkeit sind das unwider-

stehliche Verlangen nach der Einnahme eines Suchtmittels, der Kontrollverlust und die

Zentrierung des Denkens und Handelns auf das Suchtmittel.

Körperliche Abhängigkeit:

Die Kennzeichen der physischen Abhängigkeit sind das Auftreten

einer Toleranzerhöhung (Dosissteigerung) und das Auftreten von Entzugssymptomen bei Nicht-

einnahme des Suchtmittels.

Mehrfachabhängigkeit:

Besteht eine Abhängigkeit von mehreren Suchtmitteln, spricht man

von Mehrfachabhängigkeit (Polytoxikomanie).

:: 15 ::


4.Wirkstoffe

4.1 MDMA oder ,,Ecstasy"

4.1.1 Übersicht

Diese Droge gewann in den letzten 20 Jahren an Popularität aufgrund ihrer Eigenschaft, das

Wohlbefinden extrem zu steigern zu vermögen (Abb. 6). Meistens ist es in Form vom von Tablet-

ten im Umlauf, welche fast immer mit einem Logo versehen sind. Eine bestimmte Serie hält sich

jedoch kaum länger als einige Monate auf dem Markt. Danach verbreitet sich entweder eine Neu-

auflage mit gleicher Prägung oder die "Marke" wird von neueren Produktionen abgelöst.

MDMA wird viel seltener in Form von Kapseln oder Pulver angeboten. Fast immer wird es ge-

schluckt, selten gesnifft.

Nicht alle Drogen haben eine klar abgegrenzte ,,Heimat" in Form einer dazu passenden Szene,

doch Ecstasy wird höchst selten von Personen genommen, welche nicht eine Form von Techno

hören. Speziell die Trance Szene scheint in Symbiose zu der Droge zu stehen, welche auch als

,,Herzensöffner" bezeichnet wird. Diese spezielle Form elektronischer Musik versucht keine Inhal-

te zu vermitteln, sondern mit Melodien und Rhythmen Glücksgefühle bei den Hörern zu

produzieren. Man kann nicht sagen, ob sich die Droge in die Szene integriert hat, oder ob die

Szene einzig und alleine auf den Drogenkonsum ausgerichtet ist. Fakt ist jedoch, dass eine grös-

sere Zahl von Ravern auf Ecstasy die Stimmung an einer Party soweit verbessern können, dass

Nichtkonsumenten die Party als viel gelungener erleben.

Abbildung 6:

MDMA (C11H15NO2 oder 3,4 Methylendioxymethamphetamin)

:: 16 ::


4.1.2 Einige historische Aspekte

Dieses `psychedelische Amphetamin′ oder `Entaktogen′ wurde 1912 von der Firma Merk patentiert,

aber aus unklaren Gründen niemals auf den Markt gebracht. Danach geriet der Stoff in Verges-

senheit. 1953 testete das amerikanische Militär einige bewusstseinverändernde Mittel im

Tierversuch auf ihre Toxizität, darunter auch MDMA. Wahrscheinlich wurde nach einer ,,Wahr-

heitsdroge" gesucht, wozu Ecstasy jedoch nicht verwertbar war.

1965 synthetisierte der amerikanische Biochemiker Alexander Shulgin die Substanz erneut. Heute

wird er oft der ,,Stiefvater" von MDMA genannt. Auch widmete er sein ganzes Leben der Erfor-

schung und Selbstversuchen aller nur erdenklichen psychedelischen Substanzen. Zusammen mit

seiner Frau synthetisierte und testete er unter anderem 178 Phenethylamine und veröffentlichte

seine Ergebnisse in seinem Buch ,,Phenethylamines I Have Known And Loved".

Ecstasy gewann darauf schleppend an Popularität: Einige Hippies experimentierten damit, aber

auch Yuppies, Studenten und Psychiater. Homosexuelle wurden neugierig aufgrund seines Rufes

als ,,Liebesdroge".

Anfang der achziger Jahre stürzten sich die Medien auf die ,,neue" Droge, welche nun schnell

neue Anhänger fand. 1985 wurde der Stoff von der amerikanischen Regierung zur ,,Droge" er-

klärt, was kurz darauf von allen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen übernommen wurde.

4.1.3 Wichtigere Wirkungen und Nebenwirkungen

POSITIV

· Extreme Verbesserung der Stimmung

· Erhöhte Kommunikationsbereitschaft

· Gefühl der Energie

· Wohlgefühl der Zugehörigkeit und Nähe

· Gefühl des Verliebtseins, mehr Einfühlungsvermögen

· Geschärfte Sinne

· Tiefgreifende lebensverändernde Erfahrungen

· Neurologisch bedingte Angstlinderung

· Drang, Menschen zu berühren


NEUTRAL

· Appetitverlust

· Leichte Wahrnehmungsveränderungen

· Augenflackern

· Erhöhte Herzfrequenz und Pulsrate

NEGATIV

(treten häufiger bei wiederholtem Konsum höherer Dosen auf)

· Ruhelosigkeit, Nervosität

· Kieferspannen, Zähneknischen

· Konzentrationsschwäche und Schwierigkeiten, rational zu denken

· Kurzzeitige Denkstörungen, Konfusion

· Angespannte Muskeln

· Vorübergehende erektile Dysfunktion und Orgasmusschwierigkeiten

:: 17 ::


· Ehöhte Körpertemperatur, Dehydration

· Übelkeit und Erbrechen

· Kopfschmerzen, Benommenheit, Gleichgewichtsstörungen

· ,,Kater" mit leichten Depressionen und Mattheit

· Selten: Schwere Psychische Störungen (Panikattaken, Psychotische Episoden)

· Umstritten: Neurotoxizität

· Letale Unverträglichkeit möglich (etwa 20 ppm)

4.1.4 Das serotonerge System

Das 5-HT System gilt als das ausgedehnteste Botenstoffsystem im Säugergehirn. Obwohl es nur

eine vergleichsweise geringe Anzahl von serotonergen Nervenzellen gibt, führen deren Fortsätze

in fast alle Regionen des Gehirns. Zu den Funktionen des Gehirns, an denen das serotonerge Sys-

tem beteiligt ist, gehören solch wichtige wie das Essverhalten, die Wahrnehmung von Schmerz,

hormonelle Funktionen, das Schlaf/Wachverhalten, die Temperatur- und Kreislaufregelung, Emo-

tionen sowie die sexuelle Aktivität.

Abbildung 7

Verteilung und Dichte der serotonergen Nervenzellen im menschlichen Gehirn. Helle-

re Farben zeigen höhere Dichten. Die Höchstwerte wurden im Thalamus und in den Basaganglien

gemessen (rot eingefärbte Flächen)

,,Im Stoffwechsel serotonerger Nervenzellen wirkt Ecstasy als indirekter Serotonin-Agonist. Es be-

wirkt eine vermehrte Freisetzung von Serotonin, wobei es gleichzeitig die Nervenzellen daran

hindert, die Botenstoffe wieder aufzunehmen. Durch diesen Effekt wird die Erregungsübertragung

verstärkt, was sich in der stimulierenden Wirkung von Ecstasy niederschlägt und oft als Steige-

rung der psychophysischen Leistungsfähigkeit empfunden wird. Allerdings verhält es sich so, dass

dem Organismus diese vermeintliche Steigerung der Leistungsfähigkeit nur vorgespielt wird, da

vegetative Funktionen wie Blutdruck und Körpertemperatur durch den Anstieg des Serotonin-

Spiegels ebenfalls steigen. Nach der MDMA-bedingten starken Erhöhung der Serotonin-

Freisetzung fällt die Serotonin-Konzentration im Gehirn langanhaltend ab." (J. Dreissigacker)

:: 18 ::


4.2. Amphetamin oder ,,Speed"

4.2.1 Übersicht

Eine chemisch sehr simpel aufgebaute Substanz der Phenethylamin-Gruppe ist das klassische D-

Amphetamin (Abb. 8). Dieses bildet zusammen mit dem Methamphetamin, welches noch eine zu-

sätzliche Methylgruppe besitzt und weitaus wirksamer ist, ein wichtiger Posten in der

Asservatenkammer der Polizei. Beide Substanzen sind aufgrund ihrer psychostimulierenden Eigen-

schaften in der Schweiz verboten und fallen unter das Betäubungsmittelgesetz.

Abbildung 8:

Modell eines Amphetamin-Moleküls

4.2.2 Geschichtlicher Abriss

· Ende 1887 wurde Amphetamin erstmals synthetisiert

· Um 1935 erfolgte die Anwendung in der Medizin. Der Stoff wurde als Heilmittel gegen Narko-

lepsie angewendet aufgrund eines verbreiteten Glaubens an die Ungefährlichkeit der

Substanz wurde es immer breiter angewendet.

· Bis 1946 entstand eine Liste mit 39 Indikationen, darunter Schizophrenie, Tabakrauchen,

Seekrankheit, Schädel-Hirn-Trauma, etc.

· Im zweiten Weltkrieg diente Amphetamin zur Leistungssteigerung und zur Bekämpfung von

Müdigkeit und schlechter Moral bei Soldaten.

· Danach kam ein immer grösser werdender Missbrauch von Amphetamintabletten auf. Haupt-

sächlich Studenten und Lastwagenfahrer benützten es um ihre normale körperlichen und

geistigen Leistungsfähigkeit hinaus aktiv zu sein. In seiner Wirkung als Appetitzügler wurde

es ebenfalls angewendet und missbraucht.

· Das Stimulans wird heute noch legal und illegal für eine Vielzahl von klinischen und nichtme-

dizinischen Zwecken verwendet. Amphetamin selbst ist nicht zugelassen und in der Medizin

wird deswegen auf verwandte Substanzen wie Ritalin® auswichen, welches bei Narkolepsie

angewendet wird.

:: 19 ::


4.2.3 Wirkungen

Amphetamin wird vorwiegend geschnupft, kann jedoch auch oral oder intravenös zugeführt wer-

den. Die übliche HCl-Form der Substanz ist weniger gut zum Rauchen geeignet, als die freie Base.

Mögliche psychische Effekte

· Erhöhte Wachsamkeit

· Positiver Stimmungswandel, Übermut

· Gesprächigkeit

· Aggressivität

· Verminderter Appetit

· Paranoia


Mögliche physische Effekte

· Trockener Mund

· Kopfschmerzen

· Erhöhte Herzrate

· Schnellere Atmung

· Erhöhter Blutdruck

· Erhöhte Körpertemperatur

· Erweiterte Pupillen


Andere mögliche Effekte

· Fieber und Schwitzen

· Erröten

· Durchfall oder Verstopfung

· Verschwommenes Sichtfeld

· Sprechschwierigkeiten

· Krämpfe

· Übelkeit

· Koordinationsverlust

· Unkontrollierte Bewegungen (Zuckungen, Zittern, etc)

· Schlaflosigkeit

· Trockene Haut, Akne

· "Eingeschlafene" Körperbereiche

· Blässe

· unregelmässiger Herzschlag (Klopfen, Arrhythmie)

· Psychotische Episoden (Selten)

· Innere Unruhe

4.2.4 Pharmakologische Hintergründe

Die Amphetamine wirken indirekt agonistisch auf verschiedene Systeme von Neurotransmittern.

Damit regen sie die Freisetzung dieser Botenstoffe an. Sie besitzen eine sehr hohe Affinität zu den

Dopaminrezeptoren im mesolimbischen System. Hervorzuheben ist, dass die amphetamininduzier-

te Ausschüttung von Dopamin dessen Menge an den postsynaptischen Rezeptoren ebenso erhöht

wie die Cocain-induzierte Blockade der präsynaptischen Wiederaufnahme dieses Transmitters. Die

molekularen Wirkmechanismen von Amphetamin und Cocain sind zwar unterschiedlich, doch das

:: 20 ::


Ergebnis ist dasselbe: Die Dopaminmenge im synaptischen Spalt erhöht sich. Bei akuter Überdo-

sierung können folgende Nebenwirkungen auftreten: Bluthochdruck, Kopfschmerzen, Herzjagen,

kalte, blasse und feuchte Hände und Füsse, trockene Schleimhäute, Herzarhytmien, Angst, Schlaf-

losigkeit, Delieren und Krämpfe.

Langanhaltender Konsum hoher Dosen kann Gehirnschäden verursachen, welche zu Sprach-

schwierigkeiten und Denkstörungen führen können. Ausserdem können solche Personen eine

Amphetamin-Psychose entwickeln. Diese psychische Störung ähnelt einer paranoiden Schizophre-

nie. Die Psychose ist geprägt von Halluzinationen, Täuschungen und Paranoia. Bizarres,

möglicherweise gewalttätiges Verhalten ist die Folge. Die Symptome verschwinden gewöhnlich

nach einigen Wochen nach Beendigung des Gebrauchs.

Amphetamin wird zum Teil direkt über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden, zum Teil von der

Leber abgebaut. Die Halbwertzeit beträgt etwa 8 Stunden bei saurem Urin und bis zu 30 Stunden

bei alkalischem Urin.

:: 21 ::


5. Fallbeispiele

Hier soll die Problematik des Drogengebrauchs auf einer sehr persönlichen Ebene in ausgewählten

Beispielen dargestellt werden. Dieser Teil soll nicht nur als Zusatz zum Thema ,,Missbrauch und

Sucht" gesehen werden, sondern soll einen Gegenpol zu vorher vermittelten pharmakologischen

Grundlagen bilden. Ausserdem wird die Diskussion diese beiden Ebenen einander gegenüberstel-

len.

Manuel, 18 Jahre alt

Ich hatte schon sehr früh Kontakt mit Drogen, da mein Vater ab und zu mal gern einen Joint

raucht und dies auch öfters in meiner Nähe. Mit 15 begann ich selbst gelegentlich zu kiffen und

ich trank auch ab und zu. Im Verlauf der nächsten zwei Realschul-Jahre, bin ich einige Male auf

Alkohol abgestürzt. Das war allerdings nicht von grosser Bedeutung. So gegen Ende des 15. Le-

bensjahrs fing ich an, gegen meine Eltern zu rebellieren und bin einige Male von zu Hause

abgehauen, weil ich meine Freiheit wollte, aber dies von meinen Eltern nicht erlaubt wurde.

Am Abend meines sechzehnten Geburtstags kam es wieder einmal dazu und ich wollte mit Kolle-

gen ein wenig durch die Strassen ziehen. Doch es kam alles ganz anders. Stattdessen bin ich an

einer Techno-Party gelandet, und ich wusste zuvor nicht mal was Techno eigentlich ist... An die-

ser Party waren viele Leute auf Ecstasy und ich wurde neugierig. Nachdem ich die Pille zu mir

nahm überkam mich panische Angst, doch das verflog schon nach kurzer Zeit und ich war der

glücklichste Mensch auf Erden.

Von da an besuchte ich etwa jeden Monat eine Party und konsumierte nicht mehr als zwei Teile

pro Nacht. Ab Siebzehn stieg die Zahl der Partys und der Drogen kontinuierlich an. Die Streetpa-

rade′01 war der Höhepunkt meiner Drogenkarriere. Eigentlich wollte ich an diesem Tag Geld mit

Ecstasy verdienen. Stattdessen habe ich alle meine 25 Teile und mehrere Gramm Speed selbst

konsumiert.

In diesen zwei ereignisreichen Jahren erlebte ich viele schöne, aber auch nicht so schöne Dinge.

Diese Neue Welt der Drogen hat mich sehr beeindruckt. Mir gefiel mein neu entdecktes Wunder-

land mit all seinen speziellen Gefühlen, die ich an einer Party erlebte. Doch diese wunderbare

Welt ist je länger je mehr verschwunden und bleibt mir heute praktisch verschlossen. Egal wie

viel ich konsumiere, so schön wie am Anfang wird es nicht mehr.

Einmal habe ich ohne bewussten Grund vier Teile genommen und ging dann nach Hause. Zu die-

ser Zeit hatte ich sowieso schwere Depressionen und dachte sehr intensiv über mein Leben nach.

Was am Schluss geschah, war verheerend. Ich verlor die Kontrolle über meine Gedanken und

glaubte, ich müsse mich bestrafen. Dabei fügte ich mir insgesamt etwa hundert Schnittwunden

zu, verteilt über Arme und Beine. Ich hatte nicht vor, mich ernsthaft zu verletzen, sondern hatte

nur das Gefühl, mich bestrafen zu müssen. Zu einem Arzt ging ich nicht, denn am nächsten Tag

war ich in der Lage, meine Verletzungen selbst zu versorgen. Einige der Narben sind noch heute

zu sehen.

:: 22 ::


Meine Lieblingsdroge im Moment ist Amphetamin, weil sie mir ermöglicht, die ganze Nacht

durchzutanzen. Ich gehe nun nicht mehr nur an Partys um mir die Birne voll zu dröhnen, sondern

viel mehr um mir neue Moves beim Tanzen anzueignen und um den Sound zu verstehen. Eine

Party dauert im Durchschnitt so neun Stunden. Davon tanze ich bis zu sieben Stunden voll durch,

auch wenn mir danach die Arme manchmal sehr schmerzen. Ich kann einfach nicht anders!

Seitdem ich konsumiere, hat sich vieles in meinem Leben verändert: In meiner Lehre als Zim-

mermann läuft es alles andere als gut, weil ich meine Hausaufgaben nicht mehr mache. Dazu

verblassten auch meine Gefühle wie Liebe, Reue, Angst, etc. Oft hänge ich nur rum und tue

nichts, ausser mir den Schädel voll zu kiffen. Dabei empfinde ich eigentlich keine Angst, dass mich

das vielleicht die Lehre kosten könnte.

Im Moment stehe ich vor einem Abgrund und weiss überhaupt nicht, wie mein Leben weitergehen

soll. Zurzeit bin ich mit weit über tausend Franken im Defizit und es wird immer mehr! Beim

Schreiben dieses Textes ist mir erst klar geworden, was ich mir in den letzten zwei Jahren alles

angetan habe.

Nun muss ich irgendwie versuchen den Weg ins ,,normale" Leben wieder zu finden.

Tamara, 18 Jahre alt

Als ehemaliges Mädchen aus der fernen Agglomeration Zürichs entdeckte die City und beschloss,

dort neue Freunde zu finden. Dabei öffnete sich mir eine neue Lebenseinstellung, da sich meine

neuen ,,Freunde" ihre Zeit mit Realitätsflucht totschlugen, was mich faszinierte. So wurde der

Hauptbahnhof zu meiner zweiten Heimat und die Droge und das Wochenende zu meinem Lebens-

inhalt. Vom Hasch kam ich zu Kokain und dies in kurzer Zeit, suchte die Erfüllung in der

wunderschönen, aber so schrecklich vergänglichen Traumwelt der chemischen Drogen.

So verlor ich innerhalb kurzer Zeit die Kontrolle über das Funktionieren in der heutigen Gesell-

schaft. Es war eine harte Zeit, untermalt von einer inneren Unruhe. Ständig hatte ich das Gefühl,

etwas sei nicht in Ordnung, doch ich hatte keine Kraft oder Motivation um mich dagegen zu weh-

ren.

Ende Sommer 2000 war mir das Doppelleben und alles was zum Partykonsum dazugehörte zu viel

und ich beschloss (unter Drogeneinfluss) von Zuhause abzuhauen und eine Reise nach Frankreich

zu machen. Eigentlich wollte ich die ganze Situation ein wenig entschärfen, leider konnte ich aber

mit meiner neugewonnenen Freiheit nicht richtig umgehen. Während dem ich wie durch ein Aben-

teuer reiste, wurde ich plötzlich aufgefunden und auf eine Entzugsstation gebracht, als ich wieder

zurück in der Schweiz war.

Dort hatte ich endlich einmal richtig Zeit, um über mein Leben nachzudenken und meine Familie

wieder wahrzunehmen. Diese sechs Monate in meinem Leben haben mich sehr verändert, ich hat-

te die Chance, nochmals neu anzufangen: neue Lehre, neue Freunde und eine neue Beziehung zu

meiner Mutter. Ich scheine mir manchmal wie ein kleines Kind, dass von vorne beginnt, sein Le-

ben zu kontrollieren und mit Stresssituationen umzugehen.

:: 23 ::


Ich habe mit dem Konsum von XTC, Amphetamin und Kokain meine Persönlichkeit und mein

Selbstbewusstsein sehr geschädigt. Durch viele Gespräche mit Fachleuten und Sozialpädagogen

konnte ich mir wieder näher kommen und lernte auf eine andere Art mit dem Leben umzugehen,

ohne diesen Gedanken zu haben, in eine andere Welt flüchten zu müssen oder immer wieder die-

sem Glücksgefühl nachzurennen.

Ich finde es wichtig zu wissen, das man nicht etwas leisten muss, um das Vergnügen zu erleben,

sondern auch mit Vergnügen Leistung bringen kann.

Wenn ich zurück denke, ist das Schlimmste für mich, dass ich das Vertrauen meiner Mutter zer-

stört habe und meine wichtigen Ziele verloren hatte. Doch ich fühle, dass der Zeitpunkt kommt,

an welchem ich ein Leben in Eigenverantwortung meistern kann.

Angela, 18 Jahre alt

Meine Kindheit verlief wie fast jede andere. Ich ging meist fröhlich und aufgestellt durchs Leben,

fühlte mich jedoch etwas reifer als Gleichaltrige. Doch dabei sah ich mich auch stets gezwungen,

meinen Status vor den anderen und damit meine Selbstachtung aufrechtzuerhalten oder womög-

lich zu verbessern.

Zu dieser Zeit hörte ich vorwiegend Hip-Hop, begann kurz nach Eintritt in die Sekundarschule zu

rauchen, nur eine Woche später konsumierte ich das erste Mal Cannabis. Dabei verbrachte ich

meine Zeit vorwiegend mit meinen Kollegen, mit Gras und Alkohol, meinem Freund und der Schu-

le. Doch ich verlor je länger je mehr das Interesse an meiner Schulbildung, hängte immer öfter

einfach nur rum.

Ich und eine gute Kollegin sonderten uns etwa ein Jahr später von unserer Kifferclique ab. Ihr

Freund war Oxagänger, sie aber eigentlich noch zu jung für den Technoclub. Mit ihren fünfzehn

Jahren schaffte sie es dennoch, die Alterskontrollen zu umgehen und feierte die eine oder andere

Party dort. Voller Begeisterung kam sie nach der ersten Nacht im Tanzpalast bei mir angestürmt

und schilderte mir ihre Eindrücke. Das darauf folgende Wochenende ging ich mit ihr in einen ähn-

lichen Club. Aus Neugier nahm mich eine halbe Pille. Doch den Entscheid, die Droge zu

konsumieren hatten wir schon am Nachmittag gefällt und so betraten wir die Disco mit der Ein-

stellung, einen unvergesslichen Abend zu haben.

Meine Kollegin dachte darauf nur noch an Parties und das Wochenende, sie schwänzte oft. Nach

einer Weile war sie nicht mehr wiederzuerkennen. Ich konnte mit ihr kaum noch über etwas an-

deres reden, als über Drogen. Da ich recht selten und wenig konsumierte, war ich für sie nicht

mehr gleich ,,dabei" wie sie. Wir stritten uns auch immer öfter, deshalb sonderte ich mich zuneh-

mend von ihr und der Szene ab.

:: 24 ::


Ende der zweiten Klasse stellte mich mein Lehrer vor die Wahl, entweder meine Einstellung zu

ändern oder rausgeschmissen zu werden. Meine ehemalig beste Kollegin entschied sich für die

letztere Variante, ich dagegen wollte den Abschluss und kriegte ihn auch.

In den Sommerferien ging ich mit meinen damaligen Freund nach Lugano. Ihm zuliebe begann

ich Kokain zu sniffen. Alles was ich spürte, war eine vollkommene innere Leere, Agressivität, Un-

mut, Lustlosigkeit und mir war alles gleichgültig. An meinen Konsum und seinen Wirkungen (nicht

Nachwirkungen) zerbrach die Beziehung, obwohl ich dachte, dass ich ihm durch das Kokain näher

kommen würde.

Das Koks veränderte meine Persönlichkeit, was mir heute mehr bewusst ist, als es dies damals

war. Mein Leben war zu diesem Zeitpunk eine einzige Party und ich erkannte nicht, wie tief ich

schon drin war. Es gab kaum etwas was mir neben dem Feiern sonst noch wichtig war. Alles

schien so spielend leicht zu gehen, ich hatte zwar auch meine Probleme, diese waren aber in der

Regel schnell vergessen, sobald ich wieder auf der Tanzfläche stand.

Nach den Sommerferien begann ich eine Lehre in einem Gourmet-Restaurant, die mir von Anfang

an gefiel und mir nicht auch - wie so vieles - gleichgültig war. Trotzdem kam ich ab und zu mal

total ,,high" ins Geschäft. Manchmal war es eine Pille, die mich vergnügt und freundlich machte,

oder dann eine Line Speed oder Koks und ich war wieder energiegeladen.

Plötzlich erlebte ich einen krassen Absturz, eine Zeit indem ich fast keine Grenzen mehr kannte,

was meinen Konsum anbelangte. Meine arme Nase litt sehr darunter, doch mein Geist machte

Höhenflüge. Doch irgendwann kam ich runter, fühlte mich leer und depressiv. In meinem Welt-

schmerz verfluchte ich die Chemie, welche da über mich regierte. Ich beschloss mit dem Dreck

aufzuhören.

Ich wandelte meinen Entschluss, aufzuhören in eine längere Pause um. Nahm ich mir jedenfalls

vor. Genau zwei Wochen lang. Länger hielt ich es nicht aus, denn der Sommer stand vor der Tür.

Alle Raver-Herzen schlugen höher. Am Zürichsee bildete sich wieder diverse Cliquen und auch ich

war dabei. Wir waren alle für einander da bis zu einem gewissen Punkt, oder treffender formu-

liert: "einem gewissen Entwicklungsstadium". Als meine Sommerclique immer grösser,

unüberschaubarer und ihre Mitglieder immer intriganter wurden, kam es zu Kollaps. Angefangen

hat es mit Gerüchten, danach nutzte man sich immer mehr gegenseitig aus und schliesslich waren

Diebstähle und Schlägereien an der Tagesordnung. Viel jäher als der Sommer endeten viele

Freundschaften. Aus den liebsten Ravern wurden arrogante und aggressive Schweine.

Dies wurde mir dann ganz schnell zuviel und ich wollte einfach nur meine Ruhe und Abstand. So

zog es mich nach Italien, in ein verpenntes kleines Kaff. Umgeben von nichts ausser Sonne,

Strand und Meer begann ich ein weiteres Mal über mein Leben nachzudenken. Ich schloss damit,

dass es wohl jedem selbst überlassen sein muss, welchen Weg er wählt. Auch wenn es für Aus-

senstehende unbegreiflich tönen mag, aber ich konnte mir alles kaufen, was sich jeder wünscht.

Liebe und Glück in Tablettenform, sinnliche Träume und atemberaubende Phantasiewelten auf

Papier oder die Macht eines Gottes und die Energie selbst verpackt in kleinen Tütchen.

:: 25 ::


Ich fand wieder etwas zu mir selbst zurück, nahm fast nichts mehr. Auch änderte ich einiges an

meinem Umfeld, zum Beispiel meinen Freundeskreis. Nachdem sich fast alle völlig ins Negative

verändert haben, suchte ich mir andere Kollegen. Diese stehen zu mir und ich auch zu ihnen. Mei-

ne Lehre habe ich auch bald abgeschlossen, und meine Noten sind einiges besser als im Sommer.

Februar 2002. Schaut man nach draussen, scheint es schon fast Frühling zu sein. So wie ich das

sehe, werde ich kaum noch einen zweiten Sommer 2001 erleben. Das habe ich alles schon gese-

hen. Stillstand ist Tod. Es könnte mich überall hinziehen, festgelegt habe ich mich noch nicht. Ich

bin stets auf der Suche. Fortschritt ist Schicksal.

Nina, 21 Jahre alt

(Nina nahm ihre schriftstellerische Freiheit vollumfänglich in Anspruch und wollte, dass ihr Text

unverändert publiziert wird)

Die zwei wichtigsten Tage der Woche waren für mich immer Samstag und Sonntag, beziehungs-

weise Freitag- und Samstagnacht. Seit es mir altersbedingt möglich war auszugehen, tat ich dies

und die Nächte am Wochenende gaben mir das Gefühl, ,,wirklich" zu leben. Bis neunzehn Jahre

feierte ich Partys entweder ganz ohne Drogen zu konsumieren oder nur mit Haschisch und Alko-

hol. Ich liebte es, mich im Rauschzustand zu befinden und es war interessant, meine Grenzen

kennenzulernen. Irgendwann jedoch kannte ich diese und es kam der Moment, dass mir der nöti-

ge Kick fehlte. So war es die pure Neugier, welche mich zu meinem ersten Ecstasy-Konsum

führte. Ich hatte genug Leute um mich, die mir davon abrieten, doch ich beschwichtigte sie alle

und sagte, es werde beim einmaligen Versuch bleiben. Die Realität war dann schliesslich anders:

Ich war das erste mal drauf und ich wusste, es wird noch viele weitere Male geben wird in mei-

nem Leben. Ab diesem Zeitpunkt ging ich praktisch jedes Wochenende an Partys und orientierte

mich völlig neu. Dabei war ich vorher überhaupt nicht unzufrieden mit meinem Leben. Aufge-

wachsen in gutem Umfeld, Freunde und Familie die mir Halt gaben und die ich liebte, mit Hobbys

die mich erfüllten, hätte ich rein theoretisch überhaupt keinen Anlass gehabt, mich auf das künst-

lich erzeugte Glück zu berufen.

Diese neue Lebensoffenbarung besetzte mich völlig und nahm allen Platz in meinen Gedanken

ein. Mein Denken kreiste nur noch um Drogen und Partys, das Gymnasium an dem ich seit meh-

reren Jahren war, wurde plötzlich zweitrangig. Es war nicht so, dass ich keine Motivation mehr

hatte für die alltäglichen kleinen Dinge, und auch die Tage unter der Woche erschienen mir nicht

grau, dennoch war ich mental unfähig, mich wirklich mit dem Schulstoff auseinanderzusetzen.

Dies schlug sich gegebenermassen auf meine Leistungen nieder und ich musste die Schule repe-

tieren. In dieser Zeit lebte ich ständig in einem moralischen Zwiespalt. Nach jeder Party machte

ich mir Vorwürfe und schwor mir, meinen Konsum zu reduzieren und mich wieder auf anderes zu

konzentrieren. Dieses ständige Ringen mit der eigenen Person und dem Gewissen war enorm

nervenaufreibend und liess mich unzufrieden und ungeduldig werden. Mittlerweile habe ich meine

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Sucht akzeptiert und versuche jedes Wochenende aufs neue, mit ihr umzugehen. Seither geht es

mir besser und ich habe wieder mehr Raum für anderes wie zum Beispiel die Schule. Dennoch

zieht dieser ewige Wechsel von Absturz am Wochenende und seriösem Lernen während der Wo-

che eine gewisse physische und mentale Erschöpfung nach sich. Zudem ist es auch nicht beim

Konsumieren von Ecstasy geblieben, sondern andere Drogen wie Amphetamine und Kokain ka-

men dazu, was sicherlich auf den verlorengegangenen Respekt vor der Materie hinweist. Bis jetzt

habe ich noch keine direkt negativen Erfahrungen gemacht mit den Drogen, ausser, dass ich mitt-

lerweile immer mehr brauche, um mich wirklich gut zu fühlen.

Durch die Wirkung von Drogen hat sich mir eine Neue Welt aufgetan und es kommt mir immer

wieder vor, dadurch hinter einen Vorhang oder eine Mauer blicken zu können. Dieser ,,Einblick"

hat mich als Peson verändert, ob positiv, negativ oder von beidem etwas, wird sich wohl erst

rückblickend auf mein Leben zeigen.

:: 27 ::


6. Diskussion und Kommentar


In meinem ganzen Leben habe ich noch keine Heroinleiche gesehen. Darum ist es auch nicht ver-

wunderlich, dass keine solche erwähnt wird in den vorhergehenden Seiten. Es steht auch nichts

über Spritzen, Aids oder Hepatitis, nichts über Randständige oder Penner und einen Hinweis auf

irgendwelche Fixerstuben sucht man auch vergebens.

Trotzdem oder gerade deswegen wage ich es hier, über Drogen zu diskutieren. Wenn alle diese

Klischees nicht vorkommen, ist es gar nicht mehr möglich mit ihnen zu argumentieren, sondern

höchstens gegen sie. Um dies zu ermöglichen, kann es sicher nicht schaden, zuerst etwas über

ihre Geschichte zu wissen.

Die Verfolgung von Konsumenten und Händler von bestimmten illegalisierten Substanzen ist his-

torisch wahrscheinlich als ein Wahlkampftrick anzusehen, welcher Nixon zur amerikanischen

Präsidentschaft verhalf. Es gelang ihm, die Mittelschicht für sich zu gewinnen indem er den ,,War

on Drugs" heraufbeschwor und damit den in der Bevölkerung vorhandenen Rassismus für sich

nutze. (vgl. Judge P. Grey)

Fast alle Länder dieser Welt übernahmen die Schwarze Liste von Substanzen, welche in den Dro-

gengesetzten der USA verankert ist. Die wenigsten jedoch greifen mit solcher Härte durch. Das

US-Budget für den Drogenkrieg ist unterdessen auf knapp 20 Milliarden Dollar angewachsen,

doch es gibt keine Anzeichen für einen Sieg. Im Gegenteil: die Verbreitung der illegalisierten Sub-

stanzen hat zugenommen und ihr Preis ist gesunken. Richter Grey schliesst seine Beobachtungen

mit dem Fazit, dass die amerikanische Drogenpolitik ,,komplett versagt" habe.

Paradoxerweise sind sich dies viele Organe der amerikanischen Exekutive und Judikative bewusst,

doch sie sind nicht in der Lage, einen anderen Weg einzuschlagen. Amerika ist in vielerlei Hinsicht

abhängig vom Drogenkrieg. Handlungsbedarf besteht, doch solange die drogenpolitische Propa-

ganda gleich denkt wie der Staat, wird nichts unternommen. ,,Just say no to drugs" bedeutet

etwa soviel wie ,,don′t let them know". Keine Information, sondern Indoktrination sollte die Volks-

gesundheit vor der Drogenseuche retten. Die Exekutive ,,doesn′t want to know", obwohl sie sich

des Versagens ihrer Drogenpolitik im Klaren ist. Ein Umbruch wird spätestens in 20 Jahren un-

ausweichlich sein. Denn laut Hochrechnungen wären dann alle US-Bürger entweder Häftlinge,

oder damit beschäftigt, diese zu verwahren, falls die aktuellen Inhaftierungsraten beibehalten

würden.

Nun, da ein schlechter Lösungsansatz bekannt ist, könnte eigentlich auch ein besserer vorgestellt

werden. Die Schweiz löst das Problem indes viel intelligenter mit ihrer Vier-Säulen-Politik. Im Un-

terschied zu den USA wird hier ein Drogenkonsument nicht als Staatsfeind gesehen, sondern eher

als Kranker.

:: 28 ::


Ein kleiner Teil der Bevölkerung ist sich wahrscheinlich bewusst, dass fast jeder Drogenkonsum

ungeahndet bleibt. Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, glaube aber, dass keiner meiner vier Pro-

banden jemals wegen Konsum oder Besitz harter Drogen verzeigt wurde.

Aus langjähriger Erfahrung in der Technoszene weiss ich, dass der beste Schutz vor Personenkon-

trollen ein korrektes und unauffälliges Verhalten ist. In der Schweiz ist es üblich, dass man so

lange nicht für den Drogenkonsum (Cannabis ausgenommen) gebüsst wird, wie man als Teil der

Gesellschaft funktioniert. Die Politik bewegt sich Richtung Liberalisierung der Drogengesetze.

Wahrscheinlich wird noch dieses Jahr Cannabis legalisiert unter anderem aus dem Grund, dass

dieses Rauschmittel viel weniger gefährlich ist als die legale Droge Alkohol. Die WHO schätzt ihre

Gefährlichkeit etwa gleich hoch ein, wie die von Amphetamin. Allerdings ist noch kein Fall einer

tödlichen Überdosierung von THC bekannt.

Dieser Schritt weg von der Repression lässt hoffen. Gesetze und wissenschaftliche Meinungen de-

cken sich mehr und mehr. Die schweizerische Drogenpolitik versucht die Drogenabhängigkeit zu

verhindern und die Informationsarbeit der Präventionsstellen ist nicht darauf ausgelegt, Substan-

zen zu verteufeln. Das Motto auf den szenegerecht gestalteten Flyern lautet ,,DROGEN ­

informiere dich, bevor du entscheidest". Sie werfen niemanden ein verwerfliches Verhalten vor,

der Drogen konsumiert, sondern versuchen über Risiken des und Alternativen zum Konsum auf-

zuklären. Mir persönlich ist es wichtig, dass dieser Grundsatz noch etwas weitsichtiger behandelt

wird.

Die Geschichte des Rausches ist mindestens so alt wie die Zivilisation und die der Sehnsucht.

,,

So weit unsere geschichtlichen Aufzeichnungen auch zurückreichen, hat bisher jede Gesellschaft

Substanzen benutzt, die Stimmungen, Gedanken und Gefühle beeinflussen. Und es hat auch im-

mer eine kleine Zahl von Menschen gegeben, die von den jeweils üblichen Sitten, zu welcher Zeit,

in welcher Menge und zu welchem Anlass eine Droge zu nehmen sei, abwichen. Mithin sind so-

wohl der nichtmedizinische Gebrauch als auch der Missbrauch von Substanzen so alt wie die

Zivilisation selbst.

"

J. Jaffe (1990)

Wie bereits erwähnt, sind gesellschaftlich akzeptierte Suchtmittel wie Nikotin und Alkohol keines-

wegs ungefährlicher als viele illegale Drogen. Jetzt sollte man aufhören, zu differenzieren

zwischen ,,gesellschaftlich akzeptiert süchtig" und ,,illegal süchtig". In beiden fällen liegt dasselbe

gesundheitliche Problem ,,Abhängigkeit" vor, es gibt nur strafrechtliche Unterschiede. In der

Schweiz sterben jährlich etwa 10000 Menschen an den Folgen von Alkohol und Nikotin. Hingegen

meldet das Bundesamt für Statistik genau 205 Drogentote für das Jahr 2000.

Man könnte weitergehen und fragen: ,,Ist es verwerflich, niemals Drogen zu konsumieren?" Die

Antwort auf diese Frage ist gar nicht so leicht, wie es im ersten Augenblick scheint. Es ist schon

schwer, auf dieser Welt jemanden zu finden, der in seinem Leben noch niemals mit einem Sucht-

:: 29 ::


mittel in Kontakt kam. Ich möchte gar nicht soweit gehen, ein Urteil über ein solch atypisches

Verhalten zu fällen.

Eine Studie besagt jedoch, dass abstinente Jugendliche tendenziell ,,ängstliche Charaktere sind,

passiv überkontrolliert, sozial unbegabt und schlecht in der Lage waren, sich emotionale Befriedi-

gung zu verschaffen". (Barth, 1991, S. 75)

Barth stellt die Jugendlichen am besten hin, welche zwar gewisse Substanzen probieren, sie aber

nicht regelmässig (weniger als ein Mal pro Woche) konsumieren. Es scheint also keinen Grund zu

geben, warum es grundsätzlich schlecht, unmoralisch oder verwerflich sein sollte dies zu tun.

Da wären noch meine Probanden und ihre Texte. Was auffällt, ist, dass sie alle ausgeprägte Per-

sönlichkeitsveränderungen durchgemacht haben aufgrund ihres Konsums. Diese auf die

Drogenwirkung alleine zurückführen zu wollen, wäre falsch. In allen vier Fällen trug das soziale

Umfeld sicherlich auch dazu bei. Sie alle verkehren wie, ich selbst, in der Technoszene, welche ih-

re Ideale hat, wie alle anderen Szenen. Sie auf eine reine Konsumgemeinschaft zu reduzieren,

was oft getan wird, wäre ebenfalls nicht genug präzise. Es stimmt, dass die Techno-, speziell die

Trancekultur, ohne Ecstasy wahrscheinlich gar nicht existieren würde oder falls doch, dann mit

völlig anderen Idealen. Der Sound würde auch nicht in seiner heutigen Form existieren, da er auf

den Ecstasy-Rausch ausgelegt ist. Umgekehrt lässt sich sagen, dass sich die Droge MDMA kaum

gross verbreitet hätte, ohne eine dazu passende Szene. Die Fragestellung ähnelt jener vom Huhn

und vom Ei.

Diese Szenezugehörigkeit bringt verhaltensbiologisch eine Konditionierung mit sich. Techno-

Anhänger, und auch Anhänger anderer Szenen konsumieren vorwiegend rituell. Dies hat einen

grossen Vorteil, welcher zugleich einen Nachteil mit sich bringt. Die Rituale in Form von Techno-

parties bilden im Bewusstsein des Szenegängers eine alternative Realität. So geschieht praktisch

kein Drogenkonsum zwischen den Parties. Umgekehrt wird an einer solchen selten nichts konsu-

miert.

Die Szene hat ihre eigenen Regeln, Werte und Anforderungen an den Einzelnen. So gilt es, stets

gut drauf zu sein und sich gekonnt selbst zu inszenieren. Bei genauerer Betrachtung fällt auf,

dass sich all diese Punkte kaum von der realen Konsumgesellschaft unterscheiden. Techno zu le-

ben heisst, zu konsumieren und nicht zu rebellieren oder zu politisieren. Es herrscht weder eine

No-Future-Haltung vor, noch irgendeinen Drang, politische Verhältnisse umzustürzen. Im Gegen-

satz zu so vielen Jugendbewegungen versucht Techno auf das aufzubauen, was in der realen

Welt bereits gilt. Was unter kollektivem Drogeneinfluss gelebt wird, kann als ,,übermenschliche

Leistungserbringung zu hedonistischen Zwecken" beschrieben werden.

Der Drogenkonsum ist ein möglicher und üblicher Weg, einen Platz in der Szene zu erhalten. Wer

niemals Ecstasy oder Amphetamin konsumiert hat, wird tendenziell als weniger zugehörig einge-

ordnet. Ein Grund dafür ist die fehlende Verbindung durch das Rausch-Erleben, welches

omnipräsent ist in der Szene. Einmal Drogen konsumiert zu haben und dies jetzt nicht mehr zu

:: 30 ::


tun kann sowohl gut, als auch schlecht gedeutet werden. Verbreitet man immer noch eine gute

Stimmung und ist man nicht schon sehr früh müde, bleibt man ein wertvoller Teil der Party.

Nach dieser kurzen Einführung in das Denken eines Techno-Anhängers, soll jetzt die Frage geklärt

werden, woran es liegt, dass einige der Konsumenten mehr abhängig werden als andere. Sollten

Drogen das Funktionieren in der Gesellschaft eines Individuums stark einschränken, erhalten sie

den Ruf eines ,,Absturzes". Manuel hält diesen Titel inne und Tamara nicht mehr.

Eine kurze Analyse zweier Schilderungen halte ich für angebracht.

Nina, welche das Gymnasium besucht, scheint ein weit differenzierteres Selbstbild zu haben als

Manuel. Sie scheint ihre eigene Entwicklung sehr genau zu beobachten und zu hinterfragen. Man

erhält bei ihrem Text nicht den Eindruck, dass es ihr grosse Mühe bereitet hätte, ihn so zu struk-

turieren und zu formulieren, um ihm damit zu einer klaren Aussage zu verhelfen. Es soll noch

einmal betont werden, dass dies die einzige unüberarbeitete Schilderung ist. Die Persönlichkeits-

veränderungen, welche ihr Drogenkonsum verursachte, nimmt sie gelassen und vor allem

bewusst war. Sie sieht sich selbst als ,,Süchtige" und hat auch gelernt mit diesem Zustand ihren

inneren Frieden zu haben. Noch ein interessantes Detail am Rande: Die drei anderen Probanden

waren nach dem Verfassen des jeweiligen Textes psychisch aufgewühlt. ,,Sehr froh" seien sie

darüber gewesen, durch diese Arbeit so viel von sich selbst gelernt zu haben. Nina sagte nichts

dergleichen. Ihre E-Mail enthielt nur einen kurzen ironischen Kommentar: ,,Das hier wäre also nun

mein illegales, kaputtes, dekadentes und moralisch verwerfliches Leben"

Ganz anders denkt Manuel. Niemals habe ich ihn sagen hören, dass er sich selbst als ,,Süchtiger"

sieht. Jedoch bezweifle ich nicht, dass er aber genau dies öfters von verschiedensten Seiten zu

hören bekommt. Sein Text enthält nur sehr wenige philosophische Passagen, auch scheint er eine

gewisse innere Distanz zum Geschriebenen durchzuschimmern. Er hat auch am wenigsten Eigen-

leistung gezeigt von den Vieren. Die erste Version seines Textes ähnelte einem Patchwork,

welches einige der Themen vom zur Verfügung gestellten Mind-Map anschnitt. Auch jetzt noch

scheint der Text eher ein Bericht über das Ausmass seines Konsums zu sein, ohne viele persönli-

che Einflüsse.

Viele Male habe ich ihn sagen hören, er wolle aufhören. Oft sagte er sogar, er wolle sehr bald

aufhören und nannte ein Datum. Meistens jedoch war er sich seiner Pläne jedoch nicht einmal

mehr bewusst, als ich ihn einige Tage darauf wieder sah.

Er sagt zwar, er müsse den Weg zurück in ein geordnetes Leben finden, doch so wie ich ihn ken-

ne, wird er sein Ziel verfehlen. Mehr noch, er hat es schon längst wieder aus den Augen verloren.

Es ist auch nicht verwunderlich, dass er mir gestern seinen Minidisc-Recorder verkaufen wollte.

Ich erfuhr von einem Kollegen, dass er an diesem Tag ein sehr gutes Angebot erhalten hat. ,Red

X′ hiessen die Pillen meines Wissens.

:: 31 ::


Was mir auffällt, aber nicht unbedingt aus den Texten ersichtlich ist, ist, dass mehr chemische

Drogen konsumiert werden, wenn die Person nicht zufrieden mit ihrem Leben ist. Nina scheint gut

in der Lage zu sein, sich emotionale Befriedigung zu verschaffen und kann wahrscheinlich auch

deswegen gut mit ihrem Konsum umgehen. Manuel kann dies offensichtlich weniger gut und ver-

sucht, einen Ausgleich zu schaffen, indem er viel öfters in chemisch induziertes Glück zu

verschaffen. Mit schwerwiegenden Folgen. Bald wurde der Drogenkonsum für ihn zur fast einzi-

gen Möglichkeit, positive Gefühle zu erleben. Die einzige Chance, die ich für ihn noch sehe, um

aus eigener Kraft den Weg aus der Abhängigkeit zu schaffen, wäre eine funktionierende Bezie-

hung mit einer Frau, die möglichst nicht konsumiert.

Nina, welche sich selbst als Süchtige sieht, kann sich einen kleinen ironischen Unterton bei die-

sem Ausspruch leisten. So wie ich sie kenne, hätte ich ihn wahrscheinlich auch raushören können,

wenn sie mir ihren Text vorgetragen hätte. Es macht den Anschein, dass Folgen und Mengen ih-

res Konsums sich noch mehr oder weniger mit dem Funktionieren in der Gesellschaft vertragen.

Ich bezweifle nicht, dass sie unter den gegebenen Umständen unfähig ist, von heute auf morgen

mit ihrem Konsum aufzuhören. Aber sie lebt psychisch noch in beiden Welten und ist deshalb

noch fähig auch in beiden zu überleben. Manuel erweckt bei mir oft den Eindruck, dass er unter

der Woche nur immer ans Feiern denkt und sein Leben aus nichts Anderes als Parties, Depressi-

onen und Vorfreude besteht. Sein gesamtes Leben scheint sich auf Drogenbeschaffung und ­

konsum auszurichten.

Sucht oder Abhängigkeit ist ein nur zu menschliches Verhaltensmuster und entstand nicht erst

durch Drogen. Es gilt damit umgehen zu lernen und stets im Hinterkopf zu behalten, dass ein

Krieg immer nur Verlierer bringt. Vor allem dann, wenn er gegen die eigenen Bürger geführt wird.

Das Drogenproblem endgültig lösen zu wollen, ist ein Ziel, das, solange es Menschen mit all ihren

Süchten und Sehnsüchten gibt, unerreichbar ist. Letztendlich entscheidet immer noch jeder für

sich, ob er es wie Adam und Eva erfahren will, was beim berühmten Biss in den Apfel passiert.

:: 32 ::


7. Literaturnachweis

Drogen und Psychopharmaka

R. Julien (1997), Spektrum Akademischer Verlag

Biologische Psychologie

N. Birbaumer und R. Schmidt (1996), Springer Verlag, Berlin

Ecstasy in der Technoszene

J. Dreissigacker (1997), Diplomarbeit, FH Dortmund

Basiswissen Psychiatrie und Psychotherapie

H. Dilling und Ch. Reimer (1995), Springer Verlag, Berlin

Ecstasy, Mushroom, Speed & Co

N. Wirth (1997), Econ Verlag, Düsseldorf

Süchtiges Verhalten

K. Wanke (1985), Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren

Jahrbuch Sucht`96

M. Klein (1995), Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren

E for Ecstasy

N. Saunders(1994), Ricco-Bilger-Verlag, Zürich

Phenethylamines I Have Known And Loved

A. Shulgin (1995 ), Transform Press, Canada

Why Our Drug Laws Have Failed and What We Can Do About It

Judge P. Grey(1995):, University of Chicago Press, Chicago

(Zitat)

J. Jaffe, "Drug Adiction and Drug Abuse" in: A. Gilman (1990): Goodman and Gilmans The Phar-

macological Basis of Therapeutics, Pergamon, New York

(Zeitschrift)

A. Barth (1991): Endlich bewegt sich was, Der Spiegel, Ausgabe 21/1991

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