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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2000, 35 Pages
Author: Kurt Fuchs
Subject: Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Details
Institution/College: Otto-von-Guericke-University Magdeburg (Institut für Politikwissenschaft)
Tags: Fischer-Kontroverse, Fritz Fischer
Year: 2000
Pages: 35
Grade: 2
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-10675-7
ISBN (Book): 978-3-638-63709-1
File size: 153 KB
Im Rahmen des HS Große Kontroversen der Geschichts- und Sozialwissenschaften wurde im SS 2000 diese Hausarbeit angefertigt.
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Abstract
In jeder Fachwissenschaft bestehen unterschiedliche Positionen über ihren Untersuchungsgegenstand. Von den akademischen Diskussionen und Debatten nimmt die breite Öffentlichkeit meistens kaum etwas wahr. Selten wird aus einem internen fachlichen Streit auch eine öffentlich geführte Auseinandersetzung. Das trifft ebenso auf den Bereich der Geschichte zu. In der Vergangenheit gibt es einige Beispiele in denen Historiker aus ihrem sogenannten Schattendasein heraustraten und eine breite öffentliche Debatte auslösten. Zweimal rückte in solchen Diskussionen inhaltlich die Kriegsschuldfrage im Ersten Weltkrieg in das Blickfeld der Deutschen. Einmal, bereits 1919 einsetzend, durchzog diese Auseinandersetzung den gesamten Zeitraum der Weimarer Republik. Dessen propagandistische Ausrichtung war ein Mosaikstein auf dem Weg in eine Diktatur. Das zweite Mal, Anfang der 60er Jahre, löste eine fachliche Kontroverse einen öffentlich geführten Streit aus. Dieser leistete maßgeblich einen Beitrag zur politischen Kultur für die Demokratie in der Bundesrepublik – die Fischer-Kontroverse. Gleichzeitig stellte dies eine Zäsur in der Geschichtswissenschaft dar. Die Berliner Morgenpost vom 3. Dezember 1999 würdigte in einem Nachruf den am Vortag verstorbenen Historiker Fritz Fischer folgendermaßen: „Die meisten Historiker denken nur über die Geschichte nach. Nur wenige aus der Zunft haben auch Geschichte gemacht. … Untrennbar mit seinem Namen verbunden ist der erste große Historikerstreit der Bundesrepublik, die ‚Fischer-Kontroverse’.“ Diese Auseinandersetzung ist Gegenstand der nachfolgenden Arbeit. Ausgehend von den unterschiedlichen Positionen innerhalb der fachwissenschaftlichen Auseinandersetzung wird die öffentliche Wahrnehmung in ihren Wirkungen auf die bundesdeutsche Gesellschaft in ausgewählten Bereichen verdeutlicht. Der Schwerpunkt wurde hierbei auf den Aspekt der politischen Kultur gelegt. Insgesamt sind jedoch nur Grundstrukturen und Leitgedanken berücksichtigt worden, eine detaillierte Ausdifferenzierung hätte den Rahmen der Arbeit gesprengt. An Aktualität hat die von Fritz Fischer ausgelöste Debatte nichts verloren. Es haben sich fachliche Wandlungen um den Anteil der deutschen Verantwortung am Ersten Weltkrieg und die Frage nach einer Kontinuität, die vom Deutschen Kaiserreich bis hin zur nationalsozialistischen Diktatur führte, vollzogen. Ein abschließender Konsens steht jedoch bis zum heutigen Tage nach wie vor aus.
Excerpt (computer-generated)
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften
Institut für Politikwissenschaft
Hauptseminar: Politische Theorie: Die großen Kontroversen der Geschichts- und Sozialwissenschaften in diesem Jahrhundert
Semester: SS 2000
Dozent: Herr Dr. Stefan Schieren
Bearbeiter: Kurt Fuchs (4. Semester/ Gym 5)
Hausarbeit
Die Fischer-Kontroverse -
eine Zäsur in der deutschen Geschichtsschreibung?
Gliederung
1. Einleitung
2. Die Fischer-Kontroverse
2.1. Die Thesen Fritz Fischers zur Kriegszielpolitik des
Deutschen Kaiserreiches im Vorfeld und Verlauf des Ersten Weltkrieges
2.2. Die Thesen anderer Historiker zur Kriegszielpolitik des
Deutschen Kaiserreiches im Vorfeld und Verlauf des Ersten Weltkrieges
3. Die Wirkungen der Kontroverse in verschiedenen gesellschaftlichen
Bereichen auf die politische Kultur der BRD
3.1. Die Wirkungen auf die wissenschaftliche Analyse vergangener Zeiträume
3.2. Die Wirkungen auf die öffentliche Meinung
3.3. Die Wirkungen auf den Bildungssektor der Bundesrepublik
4. Fazit
5. Literatur
6. Anhang
1. Einleitung
Am 2. Dezember 1999 verstarb der Historiker Fritz Fischer. In einem Nachruf der Berliner Morgenpost würdigte man ihn folgendermaßen: "Die meisten Historiker denken nur über die Geschichte nach. Nur wenige aus der Zunft haben auch Geschichte gemacht. (...) Untrennbar mit seinem Namen verbunden ist der erste große Historikerstreit der Bundesrepublik, die ′Fischer-Kontroverse′."1
Aus dieser Einschätzung heraus ergaben sich für meine Arbeit zwei Aspekte einer Untersuchung: Zum einen [meiner eigenen Ausbildung im anderen deutschen Staat und den vorhandenen Kenntnissen über den Historikerstreit geschuldet2] in einem ersten Teil das Erarbeiten des Gegenstandes und der verschiedenen Positionen innerhalb dieser Kontroverse selbst. Hier wurde die enorme inhaltliche Ausdifferenzierung der Debatte auf die aus meiner Sicht wesentlichen Streitpunkte reduziert. Diese betreffen den Anteil der deutschen Verantwortung am Ersten Weltkrieg (Kriegsschuld) und die Frage einer Kontinuität, die vom Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus führt. In den grundlegenden Aspekten haben sich Wandlungen innerhalb der Ansichten vollzogen, ein abschließender Konsens steht aber nach wie vor noch aus.
In einem zweiten Teil erfolgt eine Erforschung der Spuren dieser wissenschaftlichen Debatte in der historischen Theorie und in der politischen Kultur der Gesellschaft der Bundesrepublik bis in die heutige Zeit hinein. Im Rahmen der Betrachtung der politischen Kultur der BRD habe ich die Bereiche der Historiographie, der öffentlichen Meinung anhand ausgesuchter Medienberichte sowie den Bildungssektor ausgewählt, weil sich hier ein spürbarer Wandel als Folge der Kontroverse abzeichnen müsste.
Um den Umfang der Arbeit nicht zu sprengen, beschränke ich mich hierbei exemplarisch auf [aus meiner Sicht] typische Sichtweisen in verschiedenen Zeiträumen. An diesen Positionen sollen Veränderungen und Wirkungen in der politischen Kultur über einen Vergleich erschlossen werden. Der Schwerpunkt liegt dabei in den Reflexionen der Theoriebildung im Bereich der Geschichtswissenschaft in der BRD seit den 60er Jahren.
Auf die Reaktionen in verschiedenen sozialen Gruppen und Schichten der Wirtschaft, wie Unternehmer, Großindustrielle oder in der Politik, wie Haltungen verschiedener Parteien wird hingegen nicht eingegangen.
Die dazu notwendige Erörterung soll einerseits aus der inhaltlichen Analyse der Fischer-Kontroverse in den 60er Jahren erwachsen, andererseits aber aus einem zeitlichen Perspektivenwechsel heraus an ausgewählten gesellschaftlichen Bereichen in Längsschnitten bis in die heutige Zeit vorgenommen werden. Damit eröffnet sich gleichzeitig der Leitgedanke dieser Hausarbeit:
Die Fischer-Kontroverse - eine Zäsur in der deutschen Geschichtsschreibung?
Der historische Hintergrund in der Zeit der Kontroverse mit Ereignissen auf innerdeutschem wie auf globalem Gebiet mit der Blockkonfrontation wird in dieser Arbeit vorausgesetzt und ist nicht Gegenstand dieser Arbeit. Nur an einigen Stellen verweise ich auf für diese Zeit bedeutsame Ereignisse.
Gleichermaßen bleibt der Systemvergleich der verschiedenen Positionen in den Sachfragen der Auseinandersetzung nur marginal in meiner Ausarbeitung bestehen.3 Dies trifft auch auf die zeitlich nach der Fischer-Kontroverse einsetzenden weiteren breiten Diskussionen zum Holocaust, der Rolle der Wehrmacht oder dem Erbe des Kommunismus zu, die nicht reflektiert werden.4 Der Blickwinkel aus anderen Ländern auf die Kontroverse wird ebenfalls ausgespart, da aus meiner Sicht bereits die Veröffentlichungen in der BRD ein ausreichendes Spektrum an Positionen und Sichtweisen in diesen Debatten verkörpern.5
Neben den Werken von Fritz Fischer und seinen Schülern stütze ich mich dabei auf verschiedene Veröffentlichungen von ausgewählten Kritikern sowie auf Sammelbände und Aufsätze, die den Gegenstand der Debatte des Historikerstreits wiedergeben oder ihn aus verschiedenen Zeiträumen heraus reflektieren. Weiterhin wurden ausgesuchte Artikel von Zeitungen aus deren Archiven über das Internet herangezogen und eine Vielzahl verschiedener Geschichtslehrbücher auf eine Berücksichtigung der Kontroverse bzw. auf ihre Auswirkungen hin untersucht und in einer Anlage in einem tabellarischen Vergleich angefügt.
Diese Literaturauswahl ist aus meiner Sicht jedoch exemplarisch, erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit noch stellt sie eine vollständige Bibliographie zum Thema selbst dar. In zahlreichen Werken, wie z.B. Jäger, Wolfgang, wurden umfangreiche Literaturverweise eingearbeitet, die bei einer Vertiefung der Thematik Verwendung finden können.6 In dieser Hausarbeit habe ich mich jedoch auf die angeführten ausgewählten Grundstrukturen der Kontroverse und ihre Wirkungen beschränkt und auf eine detaillierte Ausdifferenzierung verzichtet.
[...]
1 Berliner Morgenpost (Hrsg.): Griff nach der Weltmacht.Historiker Fritz Fischer gestorben. Zitiert nach: http://archiv.berliner-morgenpost.de/bin/bm/e?u=/bm/archiv1999/991203/feuilleton/story10607.html, 03. 12. 1999, 16.04.2000
2 In meiner DDR-Ausbildung zum Diplomlehrer Geschichte/Geographie an der Berliner Humboldt Universität im Zeitraum von 1981 bis 1985 war diese Kontroverse kein Gegenstand von Vorlesungen oder Seminaren. Erst in Fortbildungen in den 90er Jahren erfuhr ich flüchtig von diesem Historikerstreit. Grundlage der DDR-Ausbildung war zu diesem Thema: Klein, Fritz: Deutschland von 1897/98 bis 1917. Deutschland in der Periode des Imperialismus bis zur Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. In: Lehrbuch der deutschen Geschichte. Beiträge. Hrsg. von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Streisand, Joachim. 12 Bd., Bd. 9. Berlin (Ost) 19774. Spezielle Abhandlungen von Willibald Gutsche zur westdeutschen Historiographie waren hingegen nicht Gegenstand.
3 An der Stelle wird auf verschiedene Aufsätze im Sammelband von: Aisin, Boris Aronovi_/ Gutsche, Willibald (hrsg.): Forschungsergebnisse zur Geschichte des deutschen Imperialismus vor 1917. Berlin (Ost) 1980 verwiesen.
4 Hier seien als Stichworte nur die Goldhagendebatte, die Auseinandersetzungen zur Wehrmachtsausstellung, das Schwarzbuch des Kommunismus und die Untersuchung totalitärer Systeme genannt.
5 Vgl.: u.a. Hallgarten, George W. F.: Deutsche Selbstschau nach 50 Jahren: Fritz Fischer, seine Gegner und Vorläufer. In: derselbe: Das Schicksal des Imperialismus im 20. Jahrhundert. Drei Abhandlungen über Kriegsursachen in Vergangenheit und Gegenwart. Frankfurt/Main 1969, S. 57 - S. 135
6 Vgl. hierzu: Jäger, Wolfgang: Historische Forschung und politische Kultur in Deutschland. Die Debatte 1914 - 1980 über den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. In: Berding, Helmut; Kocka, Jürgen; Wehler, Ulrich (Hrsg.): Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Göttingen 1984. Dabei bieten vor allem die Ausführungen in den Anmerkungen weiterführende Informationsquellen dar, denen in dieser Arbeit jedoch nicht nachgegangen wird oder Wehler, Hans-Ulrich: Das Deutsche Kaiserreich 1871 - 1918. In: Leuschner, Joachim (hrsg.): Deutsche Geschichte. Bd. 9, Göttingen 19886
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