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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 43 Pages
Author: Jörg Büschgens
Subject: Theology - Comparative Religion Studies
Details
Institution/College: University of Bonn
Tags: Problematik, Reinkarnationsvorstellung, Berücksichtigung, Nachbenennung, Hauptseminar
Year: 2004
Pages: 43
Grade: sehr gut
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-15138-7
File size: 176 KB
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Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Religionswissenschaftliches Seminar
Hauptseminar: Reinkarnation und Wiedergeburt- Vergleichende Analyse
(WS 2003/04)
Hausarbeit zum Thema:
Über die Problematik einer "germanischen Reinkarnationsvorstellung" mit
besonderer Berücksichtigung der Nachbenennung
Von
Jörg Büschgens
Vorwort S. 1
Die kontinentalgermanische Situation S. 5
Die Literatur des skandinavischen Mittelalters S. 10
Exkurs: Das Bild des Toten in der altnordischen Literatur S. 18
"...und ich erhoffe ihm Glück um des Namens willen" S. 23
Nachwort und Resümee S. 33
Literaturverzeichnis S. 38
1) Vorwort
Im Jahr 1893 veröffentlichte Gustav Storm im
Arkiv för Nordisk Filologi
den Aufsatz ,,Vore
Forfædres Tro paa Sjælevandring og deres Opkaldelsessystem"1 in dem er versuchte, den in
der altnordischen Literatur kaum belegbaren Glauben an eine Wiederverkörperung
Verstorbener mit Hilfe der sich im 8. Jahrhundert in Skandinavien etablierenden
Nachbenennungssitte zu beweisen. Dabei stand für ihn ,,Seelenwanderung" synonym für
,,Metempsychose"2, also der ,,Wiederbeseelung" eines Körpers durch die Seele eines
Verstorbenen3. Das Ergebnis seiner Forschungen wurde schon durch den Titel seiner Arbeit
impliziert; er meinte sogar nachweisen zu können, dass die Seelenwanderung an ein ethisch
korrektes Verhalten zu Lebzeiten gebunden war4, im Endeffekt also eine Belohnung für
rechtschaffenes Verhalten darstellt. Dabei trennte er allerdings zwischen ,,Seele" und
,,Person", und kam zu dem Resultat, dass es einen Glauben an die ,,Unsterblichkeit der Seele"
gegeben hat, dessen Entstehungszeit zwar nicht festzumachen ist, der allerdings ,,heidnisch"
im Sinne von ,,nicht christlich" war5. Storm ging in seiner Arbeit noch nicht auf die
Problematik ein, ob es überhaupt einen ,,Seelenbegriff" in den germanischen Religionen gab,
bzw. was er in seinem Arbeitsgebiet als ,,Seele" definierte.
R.M. Meyer dagegen ging in seiner
Altgermanische Religionsgeschichte
6 auf die Problematik
der germanischen Seelenvorstellungen ein7 und verwarf den Begriff ,,Seelenwanderung"
zugunsten des Begriffes ,,Wiedergeburt", unter der er eine ,,
periodische Wiederkehr der Seele
in ihre Sippe
"8 verstand; was vom Menschen allerdings wiederkehrt, schrieb er nicht.
1 G. Storm, 1893; ,,Unserer Vorväter Glauben an die Seelenwanderung und ihr Namensgebungssystem"
2 ebd.; S. 201
3 ebd.; S. 199
4 ebd.; S. 200
5 ebd.; S. 222
6 R.M. Meyer, 1909
7 ebd.; S. 73ff
8 ebd.; S. 84
1
Grönbech9 analysierte die verschiedenen altnordischen Termini, die sich im weitesten Sinne
auf das Innenleben beziehen, und stellte fest, dass einige ,,Seelenanteile" keine rein
persönliche Qualität darstellen, sondern direkte und teilweise generationenübergreifende
Auswirkungen auf die gesamte Sippe haben10. Dagegen gab es für ihn aber auch strikt
individuelle Qualitäten, von denen die wichtigste das Schicksal ist11, und eben dieses
Schicksal entscheidet über Wiedergeburt bzw. Reinkarnation12. Weiter im Text trennte er sich
indirekt von den beiden Begriffen, und ersetzte sie durch Unsterblichkeit; der Held stirbt
nicht, wenn er sein Heil und seine Ehre durch seinen Namen weitergeben kann13. Auch wenn
Grönbech im Endeffekt stillschweigend zu dieser abstrakten Auffassung einer Wiedergeburts-
bzw. Unsterblichkeitsidee überging, die nichts mit der christlichen Seelenvorstellung zu tun
hat, zeigt sich hier ein modernerer Forschungsansatz als bei seinen Vorgängern.
Bahnbrechend für das Verständnis der altnordischen Nachtodvorstellungen war die Arbeit
Walhall
, die G. Neckel 1913 veröffentlichte. Neckel verwarf ältere, v.a. auf W. Wundt
basierende Seelenkonzepte, die man versuchte auf die Germanen anzuwenden, und brachte
seine Arbeit in dem Satz ,,
der heidnische Germane wusste nichts davon, daß er eine Seele
hatte, die länger zu leben vermöge als der Leib
"14 pointiert auf den Punkt; unabhängig von
Neckel kam H. Schreuer bei der Untersuchung des rechtlichen Status Verstorbener 1915 zu
einem sehr ähnlichen Ergebnis15.
M. Keil nahm 1931 wieder den Gedanken Storms über die engen Zusammenhänge zwischen
Nachbenennung bzw. Namensgebung und Wiedergeburt auf; den Begriff Seelenwanderung
9 Grönbech, I; 1912
10 ebd.; S. 259f; explizit: S. 279ff
11 ebd.; S. 264
12 ebd.; S. 265. Grönbech trennt die beiden Termini nicht von einander
13 ebd.; S. 320ff
14 Neckel, 1913; S. 37
15 Klare, 1933; S.2
2
lehnte er dagegen ab16. Für ihn war der Name eine im Endeffekt überindividuelle Größe, die
mit ,,Kraft" geladen ist, und Charakter, Glück und Schicksal des Nachbenannten bestimmt17;
gleichzeitig zeigte er aber, dass es sich nur sehr begrenzt um eine ,,persönliche" Wiedergeburt
handeln konnte, da manche Verstorbenen gleichzeitig in mehreren Nachkommen einer
Generation nachbenannt wurden18. Er versuchte auch zu belegen, dass die Nachbenennung
und somit Wiedergeburt einen willentlichen Akt der Familienmitglieder darstellt, also nicht
als Automatismus angesehen wurde19.
Dass der Name mit ,,Kraft" geladen ist, bemerkte bereits Schomerus20; er zeigte aber
ebenfalls, dass die Wiedergeburtsvorstellungen der Skandinavier komplexer und weniger
strukturiert gewesen sein müssen als es sich in den Sagatexten darstellt; er bemerkte, dass
häufig anlässlich der Namensvergabe in diesen Texten von der Ähnlichkeit des Kindes mit
dem Verstorbenen berichtet wird21.
Einen weiteren wichtigen Beitrag zu der Problematik brachte H.-J. Klare in seiner Arbeit
Die
Toten in der Altnordischen Literatur
22, in der er der Frage nachging, was denn den Toten vom
Lebenden unterscheidet; ein unverzichtbarer Beitrag wenn man herauszufinden versucht,
welche Qualität vom Verstorbenen auf den Nachkommen übergehen kann.
Im Rahmen des nun politisch geförderten Arierwahns der 30er Jahre kam es kaum noch zu
einer kritischen Auseinandersetzung mit den Quellen, und vor allem K.A. Eckhardt tat sich in
seinem Buch
Irdische Unsterblichkeit
23 durch eine ausgesprochen unkritische
Quellenauswertung hervor, die sehr das Moment des ,,Erlebens" bzw. ,,Empfindens" bei der
16 Keil, 1931; S. 98f
17 ebd.; S. 88ff
18 ebd.; S. 105
19 ebd; S. 107
20 Schomerus, 1928; S. 223
21 ebd.; S. 223f
22 Klare, 1933
23 Eckhardt, 1937
3
Auseinandersetzung mit Wiedergeburtsvorstellungen betonte24.
De Vries dagegen blieb quellenkritisch, und betonte in seiner
Altgermanische
Religionsgeschichte I
von 1935 die schon von Grönbech formulierte Eingebundenheit des
Individuums in die Sippe, die als geschlossenes und ewiges Kollektiv immer wieder dieselben
Erscheinungsformen hervorbringt25. Er wendete als erster für die Religion der Germanen den
Begriff ,,Partizipation" an, der das Phänomen des
endr-/aptrborin
besser umschreibt als
,,Seelenwanderung" oder ,,Wiedergeburt".
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielt die Frage nach einer
Wiedergeburtsvorstellung bei den Germanen keine große Rolle mehr, im Wesentlichen berief
sich die Forschung auf de Vries bzw. das Partizipationsmodell, wie z.B. Ström26, oder
ignorierte das Problem, wie z.B. in den beiden neuesten Darstellungen über die germanische
Religion im deutschsprachigen Raum von Maier27 und Simek28. Soweit mir bekannt, ist H.P.
Hasenfratz der einzige Religionswissenschaftler im deutschsprachigen Raum, der in jüngerer
Zeit wieder mit Begriffen wie Reinkarnationsseele u.ä. arbeitet29. Das Quellenmaterial das er
benutzt ist im Wesentlichen aber dasselbe, welches auch schon seine Vorgänger benutzt
haben, nämlich vor allem die Lieder des Helgizyklus und die
Vatnsdoela saga
.
Ich will mit diesem kurzen Abriss der Forschungsgeschichte nicht den Anspruch auf
Vollständigkeit erheben, sondern nur einige der wichtigen Eckpunkte in der Forschung über
das Problem der, wie auch immer gearteten, ,,Wiederkehr ins Leben" aufzeigen. Im
Folgenden möchte ich einige Quellenprobleme ansprechen die sich bei der Beschäftigung mit
der Thematik ergeben, um dann auf die Belege in der altnordischen Literatur einzugehen.
24 ebd.; S.2
25 De Vries, 1935/³1970; S. 80 f.
26 Ström, 1975
27 Maier, 2003
28 Simek, 2003
29 Hasenfratz, 1986 und 1992
4
Dabei ist der Begriff ,,germanisch" hier abstrakt zu sehen; für den ersten Punkt meiner Arbeit
bezieht er sich auf die Völker, die auch von antiken und spätantiken Schriftstellern als
Germanen bezeichnet wurden. Dies trifft für die wikingerzeitlichen und mittelalterlichen
Skandinavier nicht zu, sie laufen in dieser Arbeit lediglich aufgrund ihrer sprachlichen
Verwandtschaft unter der Bezeichnung ,,germanisch". Meinen Schwerpunkt möchte ich dabei
auf die Nachbennungssitte richten, die in der späten Völkerwanderungszeit bei den
dominanten Großstämmen auftaucht, um dann in Richtung Norden zu wandern, wo uns zum
ersten mal in der mittelalterlichen Literatur Islands eine Reflexion über diese eigentümliche
Form der Namensvergabe begegnet.
2) Die kontinentalgermanische Situation
Den frühesten Hinweis auf einen Wiedergeburtsglauben bei germanischen Völkern lieferte
Appian von Alexandria in seiner ca. Mitte des 2. Jh. n.Chr.30 entstandenen
Römische
Geschichte.
Bezüglich des Gallienfeldzuges Caesars weiß er von den Kriegern des Ariovist zu
berichten, dass sie deshalb den Tod verachten, ,,w
eil sie auf eine Auferstehung hoffen
"31. De
Vries bemerkt zu diesem Zitat, dass er einem Kommentar Strabos bezüglich der Kelten
gleicht, was Appians Bemerkung relativiert, allerdings nicht von vornherein unglaubwürdig
macht, da zwischen keltischen und germanischen Völkern von je her enge Beziehungen
geherrscht haben32. Er bemerkt aber daraufhin folgerichtig, dass Appian nicht klärt, ob es sich
um eine Wiedergeburt im Diesseits oder in einer jenseitigen Welt handelt.
Diese Bemerkung Appians steht in der antiken Germanenethnographie isoliert da, und um
weitere Hinweise auf evtl. vorhandene Wiedergeburtsideen zu finden, muss man das Gebiet
der ethnographischen Quellen verlassen und sich z.B. den germanischen
Verwandtschaftsbeziehungen zuwenden. Bereits 1691 bemerkte K. Stieler, dass das Wort
30 Brodersen in: Veh, 1987; S.2
31 Appian; Keltike 1,9 : ,, "
32 de Vries, ; S. 217f
5
Enkel
etymologisch mit
Ahn
zusammenhängt33. Das althochdeutsche
eniklîn
stellt eine
Deminutivform des althochdeutschen
ano
dar, bedeutet also ,,kleiner Ahn" oder ,,Ähnlein"34.
In Teilen der Forschung sah man in diesem Ausdruck einen Beleg für die Vorstellung, dass
die ,,Seele" des Großvaters im Enkel weiterlebe35.
Neben der Problematik eines germanischen Seelenbegriffs wies Müller auf eine gewisse
Denklücke dieser Theorie hin. In Anschluss an E. Hermann36 schreibt er, dass die
grundsätzliche Frage gestellt werden muss, von welchem Familienmitglied die Bezeichnung
,,kleiner Ahn" ausgeht37. Es ist nämlich ebenfalls denkbar, dass der Ausdruck ursprünglich
eine kosende Bezeichnung darstellte, d.h. der (lebende) Großvater gab die Anrede
ano
dem
Kind im Diminutiv zurück; aus der Anrede entwickelte sich dann der Appellativ38, ohne dass
eine wie auch immer geartete religiöse Vorstellung zu Grunde lag. Hasenfratz, der dagegen
ein klarer Befürworter einer Reinkarnationsvorstellung bei den Germanen ist, verbindet
indirekt diese Etymologie mit der Sitte der Nachbenennung nach Verstorbenen und dem
altisländischen Begriff
endrborin
bzw.
aptrborin
(erneut- bzw. wiedergeboren) um zu dem
(m.E. Zirkel-) Schluss zu gelangen ,,
die Vorstellung einer Wiedergeburt
(er spricht vorher
von
eine
(r)
Art Reinkarnationsseele
)
war überhaupt den Germanen nicht fremd
"39. Er geht
also den nicht unproblematischen Weg, aus drei zeitlich und räumlich auseinanderliegenden
Erscheinungen seine Theorie zu bilden. Neben dem Problem der im Endeffekt unklärbaren
Frage, aus welcher Kontextsituation das Wort
Enkel
entstand, steht auch noch das Problem,
dass seine Entstehung zeitlich nicht festzumachen ist, und es innerhalb der deutschen (!)
Dialekte ein zunächst bis weit in das Mittelalter hinein nur sehr begrenztes
33 Müller,1979; S. 71
34 Beck, ; S.303/ Müller, 1979; S. 72
35 Müller, 1979; S. 72
36 Hermann, 1918; S. 215
37 Müller, 1979; S. 73
38 ebd.; aaO.
39 Hasenfratz, 1992; S. 65
6
Verbreitungsgebiet hatte40, während z.B. in den skandinavischen Sprachen eine Entsprechung
fehlt.
Auch die Nachbenennungssitte kann nur bedingt als Stütze für eine Reinkarnation- oder
Wiedergeburtsvorstellung herhalten, da sie in den frühesten Schichten, d.h. vor-
völkerwanderungszeitlichen, germanischer Namen nicht belegt ist; sie scheint sogar erst im
Laufe der Christianisierung an Bedeutung zu gewinnen41. Germanische Namen sind meist
zweigliedrig und stehen im engen Zusammenhang mit Heldenepitheta bzw. in
Wechselwirkung mit der Heldendichtung42. Die frühesten Prinzipien der Namensbildung
innerhalb einer Familie sind dabei Alliteration und Variation, wie es z.B. bei der spät-
urnordischen Häuptlingsfamilie in Lister der Fall ist, deren Namen
Hariwulfr/Haþuwulfr/Heruwulfr
, sowohl alliterieren, Variationen vor dem konstanten
Endelement
wulfr
aufweisen und bei der sowohl
Hariwulf
als auch
Heruwulf
Entsprechungen im angelsächsischen Beowulfepos haben43. Dabei scheint aber die
genealogische Signifikanz des Namens eine sekundäre Erscheinung zu sein44, die sich
zunächst in den herrschenden Schichten durchsetzte45. Meist ist ein Namensbestandteil
genealogisch determiniert, wie z.B. in dem oben genannten Beispiel aus Lister oder in den
angelsächsischen Königshäusern, in denen meist der erste Namensbestandteil die familiäre
Bindung zeigt, ggf. reduziert auf den Anlaut46. Auffallend ist, dass bei den Angelsachsen die
vollständige Nachbenennung nach verstorbenen und/oder lebenden Vorfahren scheinbar erst
unter Einfluss des Danelag Mitte des 10. Jh. eine gewisse Bedeutung für die Herrscherhäuser
40 Müller 1979; Karten S. 85ff
41 Mitterauer, 1993; 222f. Mitterauer verwendet den Ausdruck ,,Repetition"
42 Andersson; S. 592 / Reichert, 1992; S. 568
43 Andersson, S. 592
44 Haubrichs, 2000; S. 180
45 Sonderegger, 1997; S. 23
46 Mitterauer, 1993; S. 228f; siehe auch Stammtafel der ags. Könige von Northumbria S. 226
7
gewann47.
Früheste Belege für die Nachbenennung nach verstorbenen Vorfahren lassen sich bei den
Westgoten des 5./6. Jahrhunderts finden, wenn man davon ausgehen möchte dass Eurich
(gest. 485) seinen Sohn Alarich nach dessen 410 verstorbenen Urgroßvater Alarich benannt
hat, während sie im Königshaus der Salfranken seit dem 6. Jahrhundert am deutlichsten in
Erscheinung tritt 48. Gerade bei den Franken zeigt die Nachbenennung nach Verstorbenen eine
Kontinuität bis in die Mitte des 9. Jahrhunderts49 und erlischt dann allmählich. Dabei fällt
auf, dass anfänglich bei den Merowingern im Gegensatz zu der späteren Praxis der
Skandinavier ein langer zeitlicher Abstand von bis zu vierzig Jahren zwischen Tod des
Namensgebers und Nachbenennung lag50, und erst später wurde nach gerade Verstorbenen
nachbenannt.
In der Generation Karls des Großen erfolgte dann ein partieller Umbruch dieser Sitte, da Karl
der erste karolingische Herrscher war, der eindeutig einen legitimen Sohn zu Lebzeiten nach
sich nachbenannte51, auch wenn es scheint dass sein Vater Pippin dieses ebenfalls schon
praktiziert hatte. Für Eckhardt war dieser Umbruch in der Benennungspraxis auf das Wirken
Bonifatius zurückzuführen52, der ja maßgeblich an der Reformierung der fränkischen
Reichskirche bzw. ihrem Zusammenschluss mit der römischen Kirche beteiligt und ein
eifriger Kämpfer gegen den Aberglauben war.
Allerdings war die Nachbenennung nach Lebenden eine Praxis, die im römischen Stadtadel
schon lange praktiziert wurde, und auch der fränkische Senatsadel übernahm diese Praxis,
47 Storm, 1893; S. 208
48 ebd.; S. 206f
49 ebd.; S. 209
50 Mitterauer, 1988; S. 395
51 ebd.; S. 376
52 Eckhardt, 1937; S. 63f
8
lange bevor es die Königshäuser taten53. Es ist fraglich, warum ein gerade demonstrativ zum
Christentum übergetretenes Herrscherhaus plötzlich dazu übergehen sollte, einem
,,heidnischen" Wiedergeburtsglauben durch die Nachbenennung Ausdruck zu verleihen, der
dann im Lauf der Jahrhunderte bei den mit ihnen in Kontakt stehenden Völkern eine solche
Popularität genießt, dass sie ebenfalls zu dieser Praxis übergehen.
Mitterauer schließt einen Wiedereinkörperungs- bzw. Wiederbelebungsglauben in
Verbindung mit Nachbenennung bei den Skandinaviern nicht aus54, aber auch im Falle
Dänemarks und Norwegens muss bedacht werden, dass die Nachbenennung im Endeffekt erst
mit dem Aufkommen einer neuen Königsideologie, nämlich des
allvaldskonungs/þjóðskonungs
nach fränkisch/christlichem Vorbild, populär wurde. Es sei an
dieser Stelle auch kurz angemerkt, dass wir die Nachbenennung mit explizit formuliertem
Wiedergeburtsgedanken nur aus der isländischen Literatur kennen; ein nicht unerhebliches
Problem, auf das ich später noch eingehen werde.
Trotzdem schien sich die Nachbenennung nach Verstorbenen, die auch für das antike
Judentum, mediterrane Christen und Byzantiner belegt ist55, gerade im nordgermanischen
Bereich einer großen Beliebtheit zu erfreuen, nachdem die Sitte um das 8. Jahrhundert
zunächst Dänemark erreichte und die ältere Variation langsam ablöste56. Auch in
Skandinavien waren es zunächst einmal die Königsfamilien, die die Nachbenennung
übernahmen; hier zeigt sich allerdings wieder das Grundproblem, dass wir über die
Genealogien der breiten Volksschichten nichts wissen, während uns die (mit aller Vorsicht als
solche zu bezeichnenden) Königsfamilien durch fränkische und irische Annalen überliefert
sind. Es ist allerdings auffallend, wie parallel (wenn auch zeitversetzt) die Entwicklung der
53 Mitterauer; 1988; S. 393
54 ebd.; S. 394
55 Ders., 1993; S. 33ff.
56 Storm, 1893; S. 209
9
Nachbenennung in den kontinentalgermanischen und skandinavischen Reichen verläuft57, die
Nachbenennung wurde jedes Mal dann populär, wenn sich eine neue Herrschaftsideologie
bzw. eine neue Herrscherdynastie etablierte.
Was bleibt also an Belegen für einen germanischen Wiedergeburtsglauben bei Sichtung der
kontinentalgermanischen Quellen und Indizien? Ersteinmal nicht viel, vor allem wenn man
sieht dass die Nachbenennung zu einem Zeitpunkt populär wurde an dem sich die
kontinentalgermanischen Großstämme dem Christentum öffneten und schon lange an der
mediterranen Welt partizipierten. Auch wenn im Endeffekt die Nachbenennung das gleiche
Ziel verfolgt wie die ältere Variation, nämlich die Anbindung an eine Sippe oder
Herrscherlinie58, so ist es doch fraglich ob dieser Anbindung ein Wiedergeburtsgedanke zu
Grunde lag.
3) Die Literatur des skandinavischen Mittelalters
Betrachtet man die reichhaltig überlieferte Literatur des isländischen Mittelalters, so scheint
hier auf den ersten Blick ein reichhaltigeres Quellenmaterial vorhanden sein, welches
Hinweise auf eine (nord-)germanische Wiedergeburtsvorstellung geben könnte. Doch bei der
Beschäftigung mit Eddischer Dichtung oder Prosaliteratur kann man in viele Fallen treten
wenn man nicht ständig vor Augen hat, dass man das Werk eines mittelalterlichen Literaten
vor sich hat, der mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit Kleriker war und zusätzlich in einem
Land lebte, dessen Isolation vom europäischen Festland ein romantischer Gedanke der frühen
Forschung war.
Schaut man sich die Heldenlieder des Codex Regius der Liederedda (ca. 127059) an, so
scheinen vier von ihnen Hinweise auf Wiedergeburtsvorstellungen zu geben. Als erstes Lied
57 ebd.; S. 209ff
58 Keil, 1931; S. 106
59 Simek/Pálsson, 1986; S. 52
10
wäre hier die
Sigurðarkviða in scamma
zu nennen. In diesem jungen Eddalied60 werden
Högni in der 45. Strophe die Worte:
,,(von) dort werde sie (Brünhild) niemals wiedergeboren
(aptrborin)"
in den Mund gelegt. Er hofft also, dass seiner Schwägerin, die indirekt Sigurd
auf dem Gewissen hat (und gerade im Begriff ist Selbstmord zu verüben) eine Wiedergeburt
verwehrt bleibt. G. Storm wertete die Vorstellung, die hinter dem Begriff
aptrborin
steht als
Metempsychose61, und sah die
Sigurðarkviða in scamma
als Beleg dass diese Metempsychose
an ethisch korrektes Verhalten im Leben gebunden sei, bzw. dass man hoffte, die ,,Bösen"
würden nach ihrem Tod keinen neuen Körper erhalten62. Eine solche Interpretation eines
hochmittelalterlichen Textes scheint mir allerdings gewagt; m.E. ist die gemeinte
Wiedergeburt eher vor einem christlich eschatologischen Hintergrund zu sehen.
Einen wertvolleren Hinweis scheint der aus der
Helgakviða Hundingsbana I
und
II
(im
Folgenden
HH I
und
HH II
) und der
Helgakviða Hörvarðssonar
(
HHö
) bestehende
Helgizyklus zu geben. Alle drei Lieder werden in ihrer erhaltenen bzw. kompilierten Form in
das 11.-12. Jh. datiert, wie alt der zugrunde liegende Erzählkern ist, ist ungewiss63.
Helgi Hundingstöter und Helgi Hörwardssohn sind jeweils beide mit einer Walküre
verheiratet; die Gattin des Ersteren ist Sigrun und die des Letztgenannten Svava. Neben dem
gleichen Namen ist dies also ein weiterer Punkt der sie verbindet. Nun heißt es aber am Ende
des Prosatextes der
Helgakviða Hundingsbana II
: ,,
Dies war der Glaube in der Vorzeit, dass
Menschen wiedergeboren (endrborin) würden, aber das wird nun alter Weiber Geschwätz
genannt. Von Helgi und Sigrun wird gesagt, sie würden wiedergeboren (endrborin). Er hieß
dann Helgi Haddingjaskati und sie Kara Halfdanstochter, so wie es im Karalied heißt, und
60 Schon Genzmer datiert das Lied (in: Genzmer, 2000) auf das 13. Jh; Simek und Pálsson (Simek/Pálsson,
1986; S.315) vermeiden eine Absolutdatierung, setzen es aber in Bezug zur verlorenen *
Sigurðarkviða in meiri
,
die sie als ,,
höfisch beeinflusst
" werten; somit kann man auch hier von einer Entstehung um die Mitte des 13. Jh.
ausgehen.
61 Storm, 1893; S. 201
62 ebd.; S. 200
63 Simek/Pálsson, 1986; S. 160ff
11
sie war Walküre
.". Von dem anderen Helgi heißt es am Ende der
Helgakviða Hörvarðssonar
:
,,
Von Helgi und Svava wird gesagt, sie würden wiedergeboren (endrborin).
".
Dies wäre ein Indiz für eine Wiedergeburtsidee im Zusammenhang mit einem wahrscheinlich
über das Skandinavische Mittelalter hinausgehenden Erzählkern.
Allerdings berichtet die
HH II
auch davon, wie der erschlagene Helgi nach seinem Tod des
Nächtens in seinen Hügel zurück reitet, noch blutig an der Todeswunde, und dort am zweiten
Abend mit seiner (noch lebendigen) Frau schläft, welche wenig später ebenfalls stirbt. Es
findet sich hier also auch das im Germanischen gut belegte Bild des lebendigen Toten64. Das
Lied weist außerdem eine Menge an mythologischen Bezügen auf, die eine Interpretation
weiter erschweren.
Dass die beiden Helgis und ihre Gemahlinnen identisch sind ist eine Feststellung, die sich nur
aus der Gesamtkomposition des Codex Regius herleiten lässt. Die Lieder sind genealogisch
geordnet65, die Hinweise auf eine Wiedergeburt Helgis können also durchaus den
Bedürfnissen des Kompilators entsprungen sein, denn anders als Helgi Hundingsbana (der mit
den Völsungen verwandt ist) fehlt Helgi Hörwardssohn eine genealogische Einbindung.
Trotzdem ist die
HHö
nicht ohne Wert; im Prosatext vor Strophe 6 heisst es, dass Helgi zwar
groß und schön war, aber stumm, und kein Name haftete an ihm (
ekki nafn festiz við hann
),
doch dann begegnet er der Walküre Svava, die ihm den Namen Helgi gibt, woraufhin seine
Karriere als Krieger beginnt. Dieser Abschnitt zeigt m.E. die Vorstellung einer engen
Bindung zwischen Namen und Person, die sich auch noch in den Sagatexten gut dokumentiert
findet, und auf die ich im weiteren Verlauf eingehen werde.
Aber selbst wenn die Helgilieder zumindest im Kern alt (will meinen vor der
Christianisierung Skandinaviens entstanden) sind, haben sie wenig Wert für eine Aussage
über eine allgemeine Wiedergeburtsvorstellung. Der Name
Helgi
stellt als isoliertes Adjektiv
eine Besonderheit im germanischen Namensschatz dar, er ist mit ,,
der Geweihte
" oder ,,
der
64 Simek, 2003; S. 201f ; Klare, 1933/34; besonders S. 29ff
65 Schomerus, 1929; S. 221
12
Unverletzliche
" übersetzbar, und auch wenn Otto Höfler nur mit Vorsicht zu lesen ist, so
scheint seine Argumentation, die Helgi in den Bereich eines mythischen Helden rückt, doch
schlüssig66. Ein mythischer Held ist aber kein Normalsterblicher.
Begibt man sich auf das Terrain der Sagaliteratur, so sind die Erwähnungen von
Wiedergeburtsvorstellungen ungleich häufiger. Natürlich muss auch hier wieder bemerkt
werden, dass die Sagas primär literarische Werke des isländischen Hochmittelalters sind, die
auf eine Vielzahl auch außerskandinavischer Quellen und Vorbilder zurückgreifen, diese
geschickt camouflieren und bewusst archaisieren.
Max Keil listete in seiner Dissertation67 28 Belege für eine Nachbenennung mit gleichzeitiger
Übertragung von (erst einmal ganz unspezifisch) Eigenschaften des Namensgebers auf den
Empfänger68 auf. Aufgrund des Umfanges möchte ich im Folgenden nur wenige Textbeispiele
angeben.
Den Anfang mache ich mit der
Vatnsdoela saga
, einer schlecht komponierten Saga, deren
Entstehungsdatum mit zwischen 1260 und 1280 angegeben werden kann69. Trotz ihrer
sprachlichen und kompositorischen Mängel fand sie vor allem bei H.-P. Hasenfratz
Beachtung, da in ihr die Wiedergeburtsidee, die hinter der Nachbenennung stehen soll, klar
formuliert zu sein scheint, was er zur untermauerung seiner These einer
,,Reinkarnationsseele"70 bei den Germanen braucht. Zu Beginn der Saga tötet der besonnene,
auf das Glück seines mächtigen Vaters bauende71 Thorstein den verwegenen aber edlen
Räuber Jökul. Dieser bittet Thorstein darum seine Schwester zu heiraten und seinen Namen
für die Familie zu erhalten: ,,
nun, wenn dir ein Sohn geschenkt wird, oder deinen Söhnen,
66 Höfler, 1952; besonders Seite 165ff.
67 Keil, 1931
68 ebd.; S. 75ff
69 Simek/Pálsson, 1986; S.289
70 Hasenfratz 1986; S. 84 und ders., 1992; S. 65
71 ÍF VIII, Kap.3; S.6: ,,
[...], dass er auf das Glück (hamingja) seines Vaters vertrauen solle
[...]"
13
dann lass meinen Namen nicht übergangen sein
"72. Da Thorstein ein echter
gæfumaðr
ist,
gelingt ihm die Heirat und er steht bei Jökuls Vater, dem schwedischen Jarl Ingimund, in
höchsten Ehren; als dieser stirbt benennt Thorstein seinen Sohn zunächst nach dem
verstorbenen Jarl, mit dem ausdrücklichen Wunsch nach ,,
Glück (hamingja) wegen dieses
Namens
"73.
Ó. Sveinsson, der Editor der Íslenzk Fornrit Ausgabe bemerkt, dass in der Handschrift AM
396 fol ,,
Glück von Namen und Geschlecht
" steht74. Trotzdem handelt es sich bei dieser
Formulierung um die Variation einer für Sagas typischen Vorstellung, auf die ich später noch
eingehen werde.
Erst mit der Geburt der Söhne Ingimunds, des Sohnes Thorsteins, kann das Versprechen an
Jökul eingelöst werden. Seinen Erstgeborenen benennt er nach eingehender Betrachtung und
der Feststellung dass er einen freundlichen Blick hat nach seinem Vater Thorstein, mit dem
Wunsch ,,
dass Glück (hamingja) ihm
(dem Namen)
folgen möge
"75. Und es ist nicht
verwunderlich, dass Thorstein so wird wie sein Großvater: gutmütig, besonnen,
vorausschauend und ein ausgesprochener
gæfumaðr
.
Der zweite Sohn wird nach dem Onkel Jökul benannt; auch hier sind es wieder seine Augen
(,,
er ist äußerst forsch und hat durchdringende Augen
")76, die ihn als Träger des Namens zu
qualifizieren scheinen. Und auch hier verwundert es nicht, dass Jökul ein ebenso großer
Kämpe mit einem Hang zur Überreaktion wird wie sein Namensgeber.
Würde man nun diese ,,Namensepisoden" aus dem Sagaganzen lösen, wie Hasenfratz es
offensichtlich tat, könnte man aufgrund der expliziten Beschreibung von Sinn und Zweck der
Nachbenennung und der Verhaltensähnlichkeit zwischen ursprünglichem Träger und
72 ebd, a.O.; S.10
73 ebd., Kap.7; S. 17
74 ebd., a.O.; Anmerkung 3
75 ebd., Kap.13; S. 37
76 ebd., a.O.
14
Nachbenannten tatsächlich von einer Art Metempsychose sprechen. Allerdings wird diese
Interpretation m.E. der Saga als literarisches Werk nicht gerecht. Die beiden Brüder sind
maßgeblich am gesellschaftlichen Aufbau ihres Thingbezirkes beteiligt und sind nach der
Etablierung des Godentums ihrer Sippe ein stabilisierender Faktor; die Konflikte des
Gemeinwesens werden durch die Synthese der Fähigkeiten Thorsteins und Jökuls gelöst.
Thorstein ist der Intellekt und die Güte, Jökul dagegen Kraft und Härte; beide bedürfen
einander um ihren Bezirk zu befrieden, was der Autor selbst immer wieder deutlich macht.
Daher ist es auch kein Zufall, dass das von Thorstein und dem dritten Ingimundssohn Thorir
im 37. Kapitel gerettete Kind später wie eine Synthese der Eigenschaften Thorsteins und
Jökuls wirkt, ein großer Gode wird und als guter Christ stirbt. Auch wenn der Autor hier also
auf die tatsächliche Sitte der Nachbenennung nach Verstorbenen zurückgreift, scheint mir
dieses Beispiel für die Belegung einer ,,Reinkarnationsseele" als ungeeignet; Thorstein und
Jökul sind, obwohl historisch belegte Personen, hier eher abstrakt als Kräfte zu sehen, die in
Einklang gebracht werden müssen, um eine bessere und neue Gesellschaft zu formen.
Trotz der genannten Einschränkungen sind die Motive der Nachbenennung in der
Sagaliteratur immer ähnlich. Neben der
Vatnsdoela saga
wird zwar nur in zwei weiteren
Sagas, der
Svarfdoela saga
(Kap. 5+26) und der
Finnboga saga
(Kap. 36), explizit auf das
,,Glück" (
hamingja/heill/heilir
) das dem Namen folgen soll77 hingewiesen, daneben stehen
aber zahlreiche Textstellen, in denen anlässlich der Nachbenennung auf die Schönheit und
Kraft oder die Ähnlichkeit in Charakter oder Geschick zwischen Namensgeber und
Neugeborenem verwiesen wird78. Einen Sonderfall stellt die um 1350, und somit sehr spät,
datierende79
Þórðar saga hreðu
dar, in der die Ähnlichkeit zwischen Verstorbenen und
Nachbenannten so weit geht, dass ,,
am Jungen festgestellt wurde, dass er ein Muttermal am
linken Oberarm hatte, dort wo sein Vater verwundet worden war; deshalb bekam er den
77 Keil,1931; S. 85
78 ebd., a.O.
79 Simek/Pálsson, 1986; S. 352
15
Beinamen seines Vaters, den dieser vorher besessen hatte, und wurde Thord Hræda
genannt.
"80.
J. de Vries sah in solchen Schilderungen, in denen die körperliche Ähnlichkeit zwischen
Namensgeber und Namensnehmer betont wird, eine moderne Entartung81, aber auch in einer
frühen Saga, der
Egils saga Skalla-Grímssonar
des Snorri Sturluson, findet sich ein Beleg für
die ,,Gleichheit" zwischen Verstorbenen und Nachbenannten. Der Bruder Egil Skalla-
Grimssons ist Thorolf, der nach dem erschlagenen Bruder Skalla-Grims benannt ist;
anlässlich seiner ,,Wasserweihe" und Kindheit heißt es: ,,
da bekamen sie (Skalla-Grim und
Bera) einen Sohn, und er wurde mit Wasser begossen und Thorolf genannt. Und als er
aufwuchs, da war er schnell sehr groß von Wuchs und von sehr schönem Aussehen; es war
aller Leute Rede, dass er dem Thorolf Kveld-Ulfssohn am ähnlichsten sei, nach dem er
benannt war.
"82; im folgenden Abschnitt wird diese Ähnlichkeit weiter betont, so dass man
hier schon fast davon sprechen könnte, dass beide Thorolfe im Endeffekt eine Person sind.
Aber auch was ihr Schicksal angeht sind deutliche Parallelen erkennbar. Thorolf Kveld-
Ulfsson tritt gegen den Rat seines Vaters in den Dienst König Harald Harfagris, wird dort
Opfer einer Intrige und wird erschlagen. Thorolf Skalla-Grimsson zieht in den Dienst König
Adalsteins und fällt in der Schlacht auf der Vinheide; beide sind ausgesprochene
gæfumenn
,
haben aber kein großes Glück im Dienst von Königen. Dem gegenüber steht aber Egil, bei
dem nicht klar ist, nach wem er seinen Namen hat. Aber er ist von schwieriger Art, hässlich
und schwarzhaarig wie sein Vater; und auch ohne Nachbenennung haftet ihm das troll- bzw.
berserkerhafte seines Vaters Skalla-Grim, dessen Vaters Kveld-Ulf und wiederum dessen
Vaters Hallbjörn Halftroll an, und ebenso wie sie stirbt er hochbetagt; gerade die
Eigenschaften, die die Familie über drei Generationen immer wieder in Schwierigkeiten
80 ÍF XIV; Þórðar saga hreðu, Kap. 1
81 de Vries, ³1970; S. 82
82 ÍF II; Kap. 31
16
bringen, zeigen sich trotz fehlender Nachbenennung als die genealogisch konstantesten83.
In der Sagaliteratur gibt es aber noch einen Fall, in dem eine Wiedergeburtsvorstellung nicht
an die Nachbenennung gebunden ist. In der
Þorgils saga skraða
wird von der Hauptperson
gesagt: ,,
sie (die Bauern) dachten sich nun Kolbein zurückgekehrt (aftr komin) und
wiedergeboren (endrborin)
"84, und das, obwohl Kolbein erst starb als Thorgil bereits 19 Jahre
alt war. Hier muss noch darauf hingewiesen werden, dass die Handlung in den vierziger
Jahren des 13. Jh. spielt, Thorgil starb 1258, und vermutlich wurde die Saga von seinem
Schwager in der Zeit zwischen 1275 und 1280 verfasst85. Eine recht unorthodoxe Vorstellung
also in einer bereits seit über 200 Jahren christlichen Gesellschaft, die sich zum Zeitpunkt des
Ausspruchs am Ende des Sturlungenzeitalters befindet. Dieses Beispiel zeigt, wie unscharf
die an den Begriff
endrborin
geknüpften Vorstellungen sind; von einer Metempsychose oder
Wiedergeburt im engeren Sinne kann hier wohl nicht gesprochen werden. Dies scheint
generell schwierig, ist doch das Kind bereits geboren bevor es den Namen erhält, der es dann
zu determinieren scheint. Und wie sieht es in den zahlreichen Fällen aus, in denen der Name
eines Verstorbenen gleich auf mehrere Nachkommen übertragen wird, ggf. sogar inklusive
seines Beinamens, wie z.B. im Fall des mächtigen Häuptlings und Begründers der
Viertelsthinge Thord Gellir, der gleich in drei Urenkeln nachbenannt wurde86?
Dass Name und Person für das Skandinavien der späten Wikingerzeit bis in das Mittelalter
hinein untrennbar sind87, zeigen bereits die frühen isländischen Gesetzestexte und
Sagaberichte. So ist das Aussetzen eines Neugeborenen auch für das christliche Island nur
dann erlaubt, wenn dem Kind noch kein Name gegeben wurde88, es also noch nicht in den
83 Keil, 1931; S.92
84 Þorgils saga skarða, Kap. 62
85 Simek/Pálsson, 1986; S. 354f
86 Keil, 1931; S.105
87 Storm, 1893; S.202
88 Bø, 1969; S. 209
17
Familienverband aufgenommen wurde; namenlos wird es noch nicht einmal als Mensch
angesehen89. Wie sehr sich das System der Nachbenennung im Laufe der Wikingerzeit in ganz
Skandinavien etablierte, sieht man an dem erstaunlich konstanten und begrenzten
Namensschatz, der bis weit in das Mittelalter, in Schweden sogar bis weit in die Neuzeit fast
unverändert blieb90. Doch wie bereits erläutert, ist die Sitte der Nachbenennung relativ jung
und es muss auch noch geklärt werden, was denn mit oder ohne Nachbenennung überhaupt
endrborin
wird; dieses ist Thema der beiden nächsten Abschnitte.
4) Exkurs: Das Bild des Toten in der altnordischen Literatur
Um darauf einzugehen was denn eventuell wiedergeboren werden könnte bedarf es einer
Betrachtung der Todesvorstellungen, denn nur wenn man weiß, was vom Menschen
eigentlich ,,stirbt", kann man sich Gedanken darüber machen, was denn im Nachkommen
wiedergeboren werden könnte. Und hier zeigt sich ein großes Problem, denn die Toten der
altnordischen Literatur scheinen uns sehr lebendig zu sein. Es ist ein gemeingermanisches
Phänomen, dass die Grabausstattung der Toten dem Bedarf des Lebenden gleicht. Er wird mit
Nahrung, Kleidung, Schmuck, Waffen und ggf. sogar mit Dienern und Lieblingstieren
bestattet, Indizien also, dass der Tote der selben Dinge bedarf wie der Lebende im Alltag. Die
Archäologie zeigt bis wie weit in die christliche Zeit hinein an der Grabausstattung
festgehalten wurde, doch liegt für den kontinentalgermanischen Bereich wieder ein
Quellenproblem in Hinblick auf die Todesvorstellungen vor.
Anders sieht es für die Literatur Islands aus, und es ist auffällig, wie konstant die
Vorstellungen von Toten bis in das Mittelalter hinein sind; Thorarin Loftunga hat keine
Probleme damit, den Patron des christlichen Königtums Norwegens, den heiligen Olaf, in der
Glælognskviða
(um 1032) in seinem Grab weiterleben zu lassen91, und auch zur Zeit Harald
89 de Vries, I 1970 ; S.80
90 Bø, 1969; S. 208 und: Otterbjörg, 1969; S. 210f
91 Glælognskviða; 3,7
18
Hardrades muss man einem liebestollen Wiedergänger, der die Gesellschaft der Frau des Jarls
Erlend sucht, den Garaus machen92. Harald starb in der Schlacht von Stamford Bridge 1066,
und seine Saga wurde von Snorri als Teil der Heimskringla um 1230 verfasst.
Die Sagas sind voll von Erzählungen über Tote und wie sie den Lebenden helfen oder ihnen
schaden, und stets sind sie körperlich fassbar. Wie sehr die Toten am Leben teilhaben zeigt
z.B. Hrapp in der
Laxdoela saga
der wünscht, stehend an der Tür des Küchenhauses bestattet
zu werden: ,,
Von da kann ich vollständig über mein Hauswesen sehen.
"93. In der
Haralds saga
harðráða
sagt Snorri über Olaf den Heiligen ,,
So lange hat König Olaf hier in der Wohnstätte
gelebt
" und bezieht sich dabei auf Olafs Schrein94, der Skalde Holmgöngu-Bersi berichtet in
einer Lausavisa vom ,,
Leben im kalten Grab
"95 und der ertrunkene Thorodd Skattskaupandi
kehrt jeden Abend mit seiner Schar zu seinem Heimathof zurück, um an den Langfeuern seine
Kleidung zu trocknen96 während Thorolf Mostrarskegg in seinem Grab im Helgafell ein
rauschendes Fest zur Begrüßung seines soeben ertrunkenen Sohnes feiert97. Die Toten der
altnordischen Literatur handeln wie die Lebenden, und sie haben die selben Bedürfnisse, sie
essen, haben Emotionen, bluten, suchen sogar körperliche Liebe und noch wesentlicher: sie
behalten ihre kognitiven und voluntativen Fähigkeiten98; dabei ist eine solche Vorstellung
vom lebenden Toten nicht allein in Sagaliteratur und Skaldik belegt, sondern auch Saxo
Grammaticus stellt sie so dar99.
Neben den Toten die ruhig in ihren Gräbern weiterleben existieren aber auch noch die
draugar
, die Wiedergänger, die ihre Gräber verlassen und Unheil stiften oder in ihren
92 Klare 1933/34; S. 12
93 Laxdoela saga (ÍF V); Kap. 17
94 Klare, 1933/34; S. 37
95 ebd.; a.O.
96 Eyrbyggja saga (ÍF IV), Kap. 54
97 ebd.; Kap. 11
98 Klare, 1933/34; S. 30ff
99 ebd.; S. 46
19
Gräbern auf Hügelbrecher warten um sie zu töten. Der Wiedergänger ist ebenfalls ein äußerst
beliebtes Sagamotiv, an dem man aber auch die aus heutiger Sicht paradoxe Vorstellung vom
Tod erkennen kann, denn der Wiedergänger muss getötet, d.h. vollständig vernichtet werden,
damit die Umwelt von ihm verschont bleibt.
Die Methoden einen ,,Toten zu töten" sind mannigfach, zu den häufigsten gehört aber das
Abschlagen des Kopfes, Zerbrechen des Rückgrades und die Verbrennung auf einem
Scheiterhaufen mit anschließender Ausstreuung der Asche in ein fließendes Gewässer100 .
Die
Grettis saga Ásmundarsonar
und der
Ólafs þáttr Geirstaðaálfs
berichten von der
eigentümlichen Handlung, das abgeschlagene Haupt des Wiedergängers an Hüfte bzw. Gesäß
zu plazieren, und hier scheint eine Praxis vorzuliegen, die sich wie die zahlreichen anderen
Maßnahmen gegen Wiedergänger101 archäologisch belegen lässt; im dänischen Tissø wurde
eine um 1030/1040 datierende Bestattung ausgegraben, bei der der Kopf zwischen den Beinen
platziert war102.
Der
Ólafs þáttr Geirstaðaálfr
ist auch im Zusammenhang mit Wiedergeburtsvorstellungen
hoch interessant. Sowohl der þáttr als auch eine Interpolation in einer Handschrift der
Ólafs
saga hins helga
berichten von der Vorstellung, dass der ältere Olaf in Olaf dem Heiligen
wiedergeboren sei, wobei beide Werke mit dem christlich geprägten Prinzip des
önd
(Geist im
Sinne von
spiritus
, also das Tod überdauerndes Prinzip) spielten103. In dem Þáttr erscheint
Olaf Geirstadaalf einem Bauern im Traum, bittet ihn bestimmte Artefakte aus seinem
Grabhügel zu entnehmen, das noch ungeborene Kind auf seinen Namen zu taufen und es den
Glauben Olaf Tryggvasons, also das Christentum, annehmen zu lassen. Olaf kann erst
geboren werden als seine Mutter mit diesen Artefakten in Berührung kommt. Das eigentlich
interessante an dieser Episode ist nun, dass der Bauer erst (den bereits seit fast 200 Jahren
100 ebd.; S. 52ff
101 Simek, 2003; S. 205f
102 ebd.; S. 206
103 La Farge, 1991; S. 100
20
toten) Olaf enthaupten muss, damit er die Artefakte bergen und somit der neue Olaf geboren
werden kann. Dieser wird später von einem Gefolgsmann darauf angesprochen, was Olaf der
Heilige mit den Worten ,,
Mein Geist (önd) hat niemals zwei Körper (likamar) besessen
"
entschieden zurückweist104.
Ein interessanter Zufall der Geschichte ist es dabei, dass der Name Olaf sich etymologisch auf
germ.
*anulaibaz
zurückführen lässt, was ,,lebender Ahn" bedeutet105. Schon O. Höfler
bemerkte aber, dass der Name Olaf (in einigen alten Überlieferungen wie z.B. der
Glælognskviða
auch in der nicht abgelauteten Form
Áleifr
) erst nach dem Tod Olaf des
Heiligen, auf Island evtl. nach dem Tod Olaf Tryggvasons, als weit verbreiteter ,,Volksname"
auftaucht, wohingegen er zunächst hauptsächlich auf die norwegischen und schwedischen
Ynglingarkönige beschränkt zu sein scheint106. Ob nun dem Skandinavier der Wikingerzeit
oder des Mittelalters die nur aus der modernen Sprachwissenschaft zu erschließende
Bedeutung des Namens bewusst war oder nicht, ist m.E. von sekundärer Bedeutung, muss
doch zunächst wieder beachtet werden, dass wir es hier mit einem Namen zu tun haben, der in
einem Geschlecht seine Hauptverbreitung fand, das sich als Abkömmlinge des Gottes Yngvi-
Freyr sah und deren sakrale Bedeutung schon in der
Ynglingatal
bezeugt ist.
Das Beispiel aus der Olafslegendarik ist in seiner Bedeutung für das altnordische Verständnis
von Tod und Leben nur sehr bedingt aussagekräftig. Es wird hier bereits auf ein den Tod
überdauerndes Seelenprinzip angespielt, wenn Olaf von seinem
önd
, also ,,Atem", spricht,
von dem auch der Geirstadaalf wünscht, er würde noch einmal eingekörpert, um die Taufe zu
erhalten. Aber der
önd
ist erst im Lauf des späteren Mittelalters mit
pneuma/spiritus
gleichgesetzt worden. Welche Bedeutung(en) an dem Konzept zur heidnischen Zeit hingen ist
unklar, da noch für hochmittelalterliche isländische Texte nur mittels der lateinischen Vorlage
104 ebd.; S. 99
105 Reichert, 1994; S. 554
106 Höfler, 1954; S. 43
21
zu erschließen ist, ob mit
önd anima
oder
spiritus
gemeint ist107; teilweise werden mit
andi
auch Gespenster und sogar der Heilige Geist (
heilagr andi
) bezeichnet.
Konstant diesseitig ist dagegen das
fjör
, das wohl ursprünglich im Herzen bzw. Körper
sitzende Prinzip108, welches den Toten vom Lebenden scheidet und soviel wie
Lebensenergie/Leben bedeutet. Aber auch an diesem Beispiel zeigt sich wieder, wie schwer
,,pagane" Anthropologie zu erfassen ist, denn auch das
fjör
kann als ,,unpersönlich" betrachtet
werden; so nennen z.B.
Morkinskinna
,
Orkneyinga saga
,
Magnúss saga hin lengri
und
Haralds saga harðráða
Personen, die mit anderen
eins mannz fjör
, also ,,
eines Menschen
Lebensenergie
" teilen109.
Neben
fjör
trennen aber weitere Dinge den Toten vom Lebenden, zum einen sind es seine
außergewöhnliche Kraft, sein übermenschliches Wissen und die Aversion gegen Licht, aber
Klare machte eine Entdeckung, die mir für das Thema ,,Wiedergeburtsvorstellungen"
wesentlicher erscheint: sie scheinen die Fähigkeit zur
bipresénce
, also die gleichzeitige
grobstoffliche Anwesenheit an zwei verschiedenen Orten, nicht mehr zu besitzen110. Der Tote
kann zwar noch seinen
hugr
in den Träumen Anderer Gestalt geben wie z.B. in der
Hálfssaga
ok Hálfsrekka
oder in der
Knýtlinga saga
, und er kann sich noch in Tiergestalt verwandeln
wie z.B. Thorgunna in der
Eyrbyggja saga
oder Hrapp in der
Laxdoela saga
, aber gleichzeitig
als Bär in der Schlacht kämpfen und als Mensch in der Halle schlafen wie Bödvar Bjarki in
der
Hrólfs saga kraka
kann er nicht. Dieses Phänomen bringt mich zum nächsten Punkt in der
Frage, was denn wiedergeboren werden könnte.
5) ,,...und ich erhoffe ihm Glück um des Namens willen"
Wie bereits erwähnt, scheint den Toten die Fähigkeit zur
bipresénce
zu fehlen, eine Fähigkeit
107 La Farge, 1991; S.101
108 ebd.; S. 165ff
109 ebd.; S. 98
110 Klare, 1933/34; S. 44
22
zu der man der
fylgja
und/oder der
hamingja
, bzw. generell der Begabung seinem
hugr
Grobstofflichkeit zu verleihen, bedarf. Die beiden Konzepte
hamingja
und
fylgja
sind
untereinander nicht klar abgegrenzt, aber beide scheinen beim Tod ihres Trägers einen neuen
zu suchen.
Fylgjen
,,
sind in der altnordischen Literatur die vom Leib gelösten Seelenwesen.
" schreibt R.
Simek im
Lexikon der germanischen Mythologie
111, relativiert den Begriff Seele aber sofort
indem er ihn vom christlichen Seelenverständnis abgrenzt, denn die
fylgja
löst sich beim Tode
von ihrem Träger und kann auf Verwandte übergehen. Wie eng sie mit dem Tod verbunden
ist, zeigt die häufig anzutreffende Vorstellung, dass ein Mensch der seiner eigenen
fylgja
begegnet zum baldigen Tode bestimmt ist; so z.B. im Kapitel 41
Njáls saga
. Ein weiteres
Beispiel, das enger mit dem Thema dieser Arbeit zu tun hat, ist der Tod des Skalden Hallfred
im Kapitel 11 der
Hallfreðar saga
. Hallfred liegt im Sterben, als er und seine Söhne ,,
eine
Frau hinter dem Schiff gehen sehen, sie war groß und in einer Rüstung
"112. Hallfred
identifiziert sie als seine
fylgja
(
fylgjakonu hans
) und entgegnet ihr: ,,
Ich erkläre dir
gegenüber Alles für aufgehoben
", woraufhin die
fylgjakona
Hallfreds älteren Sohn Thorvald
fragt, ob er sie ,,mitnehmen" (
taka við
) wolle, was dieser ablehnt.113 Hallfred hat seinen
jüngeren Sohn nach sich selbst nachbenannt, und dieser entgegnet der
fylgjakonu
dass er sie
mitnehme, woraufhin sie verschwindet/wieder unsichtbar wird. Als Dank erhält er daraufhin
das wertvolle Schwert
konungsnaut
, das sein Vater von König Olaf Tryggvason erhielt, und
andere Kostbarkeiten. Im selben Kapitel endet die Saga mit Hallfreds (des jüngeren) weiterem
Leben, und natürlich wird er wie sein legendärer Vater ein großer Mann in seinem Bezirk und
ein
gæfumaðr
. Dabei geht die Identifikation mit seinem Vater so weit, dass die Leute ihm den
gleichen Beinamen geben wie seinem Vater, nämlich
vandræðaskáld
. Von seinem Bruder
erfährt der Leser lediglich, dass er nach Norwegen fährt.
111 Simek ²1995; S. 119
112 Hallfreðar saga (ÍF VIII); Kap. 11
113 ebd.; aaO.
23
Hier liegt eine Indifferenz zur
hamingja
, dem ,,Glück" des Menschen, vor. Das Wort
hamingja
enthält schon im Namen starke Parallelen zur
fylgja
, dem ,,Folgegeist"114. Es lässt
sich vermutlich aus *
ham-gengja
herleiten, wobei
hamr
eine (grobstoffliche!) Hülle und
*
gengja/ganga
das Verb ,,gehen" meint;
*ham-gengja
ist also ,,der (oder die?) in einer Hülle
einhergeht"115. Wie nah sie auch im Sprachgebrauch der Sagaschreiber mit der
fylgja
verwandt ist, zeigen auch die Wörterbücher, in denen das Wort
hamingja
neben den
Bedeutungen ,,Glück/Glückskraft" auch mit ,,Schutzgeist" übersetzt wird116. In der
Víga-
Glúms saga
wird die häufig anzutreffende Indifferenz beider Begriffe deutlich. Im 9. Kapitel
der Saga träumt Glum wie ,,
eine Frau vom Meer her durch den Bezirk geht und dann auf ihn
zu zur Þverár kommt; und sie war so groß, dass die Schultern auf beiden Seiten die Berge
berührten. Ihm aber kam es vor als ob er heraus aus dem Hof auf sie zu ginge, und lud sie zu
sich ein; und darauf erwachte er
."117. Was dieser Traum bedeutet ist Glum schnell klar: ,,
dass
Vigfus, mein Muttervater, jetzt gestorben sein wird, und die Frau die ich über die Berge
ragend sah wird seine hamingja (!) sein. Denn er war den anderen Männern an Ansehen
meist überlegen, und seine haminga wird sich diesen Wohnsitz suchen, wo ich bin
."118. Es ist
nicht klar, wie dieses ,,
leita sér þangat staðfestu, sem ek em
" gemeint ist, bzw. ob Glum
meint, dass die
hamingja
seines Großvaters auf ihn selbst übergegangen ist, oder ob sie erst
einmal auf seinem Grund sozusagen ,,ruht". Glums Frau gebiert einige Kapitel weiter zwei
Söhne, Mar und Vigfus, die einander sehr ungleich sind. Auch wenn es nicht explizit erwähnt
wird, so scheint es doch auf Grund der oben geschilderten Ereignisse im Kapitel 9
wahrscheinlich, dass Vigfus seinen Namen von Glums Muttervater und nicht von Glums
Bruder gleichen Namens erhält, und es verwundert nicht, dass Urgroßenkel und Urgroßvater
114 Simek ²1995; S. 119; De Vries,³1975; S. 224f
115 De Vries, 1961;S. 207
116 Baetke, 1965; I, S. 230
117 Víga-Glúms saga (ÍF IX); Kap. 9
118 ebd.; aO.
24
auch im Wesen einander ähneln; Vigfus Glumsson wird als ,,
äußerst hoffärtiger Mann
",
,,
gewalttätiger Mensch
", ,,
von großer Kraft und äußerst mutig
" beschrieben119, ein Mann also,
an dem der alte Herse Vigfus, Glums Muttervater und in seiner Jugend ein großer Wikinger,
seine Freude gehabt hätte. Aber Glum profitiert ebenfalls von der
hamingja
seines
Muttervaters als ihm sein Sohn in einer fast verlorenen bewaffneten Auseinandersetzung zur
Hilfe eilt. O. Höfler identifizierte Glums Sohn im Anschluss an A. Holtsmark als ,,
der
wiedergeborene Urgroßvater Vigfúss Herse
"120, eine sicherlich nicht unproblematische
Deutung, aber in der Tat stellt die
Víga-Glúms saga
wieder eine Verbindung zwischen
hamingja
und Nachbenennung her. Wie gezeigt gibt es eine gewisse konzeptuelle Unschärfe
zwischen der
hamingja
und der
fylgja
; beide können im Zusammenhang mit dem Tod sichtbar
werden, beide können sowohl in Tiergestalt als auch in Gestalt einer Frau erscheinen und
beide dienen sich neuen Besitzern an, bzw. können von einer Person auf eine andere
übertragen werden. Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass beide auch mit dem Akt der
Geburt zusammen zu hängen scheinen; so kann z.B.
fylgja
auch die Nachgeburt bezeichnen121,
während in einigen neuzeitlichen dänischen Dialekten
hamingja
die Eihaut bezeichnet, die
das Kind umschließt122. Aber es gibt auch einige klare Unterschiede zwischen beiden. So kann
ein Mensch oder besser gesagt eine Sippe mehrere Fylgien besitzen123, wie z.B. im 12. Kapitel
der
Njáls saga
, und die
fylgja
ist ein aktives Prinzip, das ausgesendet werden kann um
Schaden zu stiften bzw. andere Fylgien zu bekämpfen, wie im Kapitel 6 der
Gull-Þóris saga
.
Auch ist die
fylgja
klar an eine Familie gebunden, und sie kann nur im Tode vererbt
werden124. Wie eng sie an die Familie gebunden ist, zeigen folgende Beispiele: der schon
119 Ebd.; Kap. 17; in einigen Handschriften fehlt die negative Bezeichnung
ójafnaðarmaðr
(Gewaltmensch)
120 Höfler, 1952; S. 233
121 Maier 2002; S. 112
122 De Vries, ³1970; S. 224
123 Hasenfratz, 1986; S. 89
124 Ström, 1975; S. 179
25
genannte Thorstein Ingimundarson träumt von ,,
der Frau, die dem Geschlecht gefolgt war
[...]
"125, und im Kapitel 7 der
Þórðar saga hreðu
wird eine solche Frau
ættarfylgja
, also in
etwa ,,Fylgie des Geschlechts" genannt126, wobei
ætt
die gesamte Sippe, also auch die
Verstorbenen, meint127.
Diese beiden Beispiele zeigen, dass trotz der ,,Weitergabe" einer Fylgie mit dem Tod, sie ein
eher überindividuelles Konzept darstellt. Hinzu kommt, dass das nachtodliche Schicksal der
Fylgie nicht eindeutig ist; so wie sie nach dem Tod ihres Trägers (wobei dieser Begriff schon
aufgrund der Bindung der Fylgie an eine ganze Sippe problematisch ist) auf ein
Familienmitglied übertragen werden kann, so kann sie auch mit dem Tod erlöschen128. Wie alt
das der Fylgie zugrunde liegende Konzept ist, ist nicht nachweisbar; voll ausgeformt erscheint
es uns erst in den späten Sagatexten des 14. Jahrhunderts, wo sie allerdings auch schon Züge
des christlichen Schutzengels trägt, wenn z.B. im 100. Kapitel der
Njáls saga
von einem
fylgju engill
gesprochen wird. Auch die Folklore einiger Gebiete Schwedens und Norwegens
des 20. Jahrhunderts kannte noch die Fylgien, bzw. mit ihnen eng verwandte Konzepte wie
dem des
vård
oder des
dräug
129, ihnen scheint aber der Zusammenhang mit einem
Familienverband zu fehlen, und sie sind eher individuelle Qualitäten.
Die
hamingja
dagegen ist zwar, wie gezeigt, nicht immer von der
fylgja
klar zu unterscheiden,
aber ihr Wortbestandteil
hamr
(Gestalt, Hülle; später auch Körper) scheint mit Ausnahmen
der beiden von mir genannten Beispielen sonst keine Rolle zu spielen. Wie bereits gesagt, ist
die
hamingja
das ,,personifizierte Glück" eines Menschen, welches, wie die von mir bereits
im vorhergegangenen Abschnitt angeführten Beispiele zeigen, mit dem Namen übertragen
werden konnte. Aber an dem Glück einer Person (ob die
hamingja
tatsächlich als
125 Vatnsdoela saga (ÍF VIII); Kap. 36
126 Þórðar saga hreðu (ÍF XIV); Kap. 7
127 De Vries , ³1970; S. 76f
128 Simek 2003; S. 202
129 Strömbäck, 1975; S.5, S.8ff
26
persönliches/individuelles Glück gedacht wurde, werde ich später noch kurz anreißen) können
auch Personen außerhalb der Familie partizipieren, wie die Redewendung
leggja hamingju
sína til með (e-m)
, also
(jmd.) sein Glück zulegen/übertragen
vermuten lässt, und das 69.
Kapitel der Heimskringlaversion der
Ólafs saga hins helga
zeigt. Hier zeigt sich also schon
ein deutlicher Unterschied zur
fylgja
, die ja nur vererbbar ist130. Trotzdem scheint m.E. die
Vererbbarkeit ein zentrales Element auch der
hamingja
zu sein, ich sehe sie nicht als ein
,,
strikt persönliches Eigentum
"131. Ich werde im Folgenden versuchen darzulegen, warum m.E.
das
hamingja
-Konzept mit begleitender Nachbenennung das einzige Indiz für einen (für unser
Denken sehr abstrakten) Wiedergeburtsglauben in der Religion der nach Island emigrierten
Siedler ist. Dazu muss ich erst einen kleinen Umweg gehen.
Liest man die Strophen der
Hávamál
, so scheinen die Strophen 76 und 77 auf das Problem der
menschlichen Sterblichkeit einzugehen:
76)Vieh stirbt, Verwandte sterben,
man selbst stirbt auch;
aber (guter) Wortruhm (
orðztírr
) stirbt nie,
den sich einer erwirbt.
77) Vieh stirbt, Verwandte sterben,
man selbst stirbt auch;
ich kenn eines, das niemals stirbt:
die Nachrede um jeden Toten
Diese beiden Strophen wurden zwar vom Nationalsozialismus überstrapaziert und pervertiert,
aber es ist nicht zu leugnen, dass uns auch die isländische Sagaliteratur, die Heldendichtung
und auch Runeninschriften eine Gesellschaft zeigen, in denen das Memorialdenken äußerst
130 Ström 1975; S. 179
131 ebd.; a.O.
27
ausgeprägt ist132. Mit diesem Memorialdenken scheint mir die
hamingja
verbunden zu sein,
auch wenn nicht mehr nachvollziehbar ist, wann diese Verbindung aus Memorialdenken,
Nachbenennung, ,,Glück" und unbekannten Elementen stattgefunden hat, und welche Über-
und Verformungen es gegeben hat. Auch wenn wir vor dem Problem stehen, dass die
Textbelege, die in der
Vatnsdoela
,
Finnboga
und
Svarfdoela saga
explizit auf die Verbindung
zwischen Nachbenennung und
hamingja
/
heill
eingehen, in ihrer erhaltenen Form erst in das
14. Jahrhundert datieren, so weisen m.E. auch die älteren Sagatexte auf diese Verbindung hin,
wie ich am Beispiel der
Egils saga Skalla-Grimssonar
zeigen wollte. Nicht zuletzt muss ja
auch die Verbindung zwischen Olaf Geirstadaalf und Olaf dem Heiligen Haraldsson, die ja
bereits in der
Glælognskviða
, also kurz nach 1030, angedeutet wurde, trotz der hier klar
propagandistischen Funktion, auf einer wie auch immer gearteten Vorstellung beruhen, dass
es außer dem Namen mehr Dinge gibt, die ,,heilvollen" Ahn und Nachfahren verbinden.
Somit wird m.E. der Ausdruck ,,persönliches Eigentum" problematisch, denn wenn ich die
hamingja
mittels des Namens und die die Namengebung begleitenden Handlungen übertragen
kann, wessen ,,persönliches" Eigentum ist sie dann? Und ist der Begriff ,,Person" im Sinne
von ,,Individuum" überhaupt auf eine Gesellschaft, deren breite Volksmassen erst spät durch
den langsamen Aufbau einer christlichen Infrastruktur mit dem christlichen
Persönlichkeitsbegriff vertraut wurden, anwendbar?
In der Literatur des mittelalterlichen Islands, v.a. den Familien- und Regionalsagas,
erscheinen uns die Familien als geschlossenes Kollektiv, das unter der Dominanz eines
Sippenoberen steht und handelt, wobei auch belegte Rechte wie die schon angeführte
Kindesaussetzung oder auch die in den Sagas häufig thematisierte und auch verurteilte
,,Sippenhaft" (vor allem in Verbindung mit der Blutrache) die Einheit der Großfamilie für das
wikingerzeitliche und mittelalterliche Island belegen. De Vries formulierte (wohl im
132 zum Memorialdenken siehe auch: R. Simek: ,,Gloria-Memoria-Historia" in: Beck, H./ Ebel. E. (Hgg.):
,,Studien zu Isländersaga. Festschrift für Rolf Heller", Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen
Altertumskunde (Bd. 24); Berlin 2000 [S. 255-267]
28
Anschluss an Grönbech) dieses Sippendenken so: ,,
Die einzelnen Menschen sind nicht die
Bausteine, aus denen die Familie zusammengefügt ist, sondern die Sippe ist die Einheit, aus
der die Mitglieder als immer wechselnde und dennoch immer gleichartige Sonderformen in
die Erscheinung treten
"133, und weiter: ,,
Geistige oder körperliche Vorzüge, die den Menschen
auszeichnen, waren nicht in erster Linie persönliche Eigenschaften, sondern durch die Art
der Sippe von vornherein bestimmt
."134. Auch wenn das Bild von der Sippeneinheit
mittlerweile deutlich relativiert wurde und sich keine neuere religionsgeschichtliche
Darstellung mehr dem Thema widmet, so greift Hasenfratz die alte Vorstellung indirekt
wieder auf135. Sieht man nun die Personen innerhalb einer Sippe als im Endeffekt ,,immer
gleichartige Sonderformen" die einer Wurzel entspringen, so scheint auch das Bild einer
individuellen Seele, die evtl. wandern könnte, problematisch. Ohne hier weiter auf die
Problematik eines altisländischen Seelenbegriffs eingehen zu wollen, so erscheint die
hamingja
als ,,
Ausdruck der in einer Sippe wirksamen Macht
"136, die sich m.E. am stärksten in
den nach berühmten verstorbenen Verwandten nachbenannten Familienoberhäuptern
manifestiert. Schomerus lehnte einen Seelenwanderungsglauben bei den Germanen ab.
Trotzdem sieht er in der Nachbenennung einen Wiedergeburtsglauben, der allerdings keine
,,persönliche" Wiedergeburt zum Ausdruck bringt, sondern eine Wiedergeburt des ,,Mana"
das an dem Namen hängt137, auch wenn er nicht den Begriff
hamingja
verwendet. Als
Beispiele für die Verbindung zwischen
hamingja
und Namen habe ich bereits Thorstein und
Jökul Ingimundssohn der
Vatnsdoela saga
und Thorstein Skalla-Grimssohn der
Egils saga
Skallgrímssonar
aufgeführt. Ich möchte hier noch kurz ein weiteres Beispiel angeben, den
133 De Vries , ³1970; S. 76
134 ebd.; S. 77
135 Hasenfratz, 1992; S. 64
136 De Vries I, ³1970; S. 227; siehe auch: Ström, 1975; S. 170
137 Schomerus, 1928; S. 223
29
Gisli aus der
Gísla saga Súrssonar
, die vermutlich um die Mitte des 13. Jahrhunderts138 auf
Basis eines höchst wahrscheinlich historischen Personeninventars verfasst wurde. Es
existieren zwei leicht unterschiedliche Versionen, wobei in der längeren (und
unvollständigen) Fassung eine interessante Passage enthalten ist. Im Kapitel 3 fallen Gislis
Onkel und seine Verwandten wegen einer unehrenhaften Tat (er will ein Schwert, das er sich
lieh, nicht zurückgeben) unter den Fluch des Opfers, dieser Onkel heißt ebenfalls Gisli, und
ist ein tüchtiger Kämpfer aus einer mächtigen norwegischen Familie. Gisli fiel indirekt unter
den Fluch bei der Verteidigung der Ehre seiner Schwägerin. Gislis Bruder Thorstein Sur
benennt nun seinen zweitältesten Sohn (der älteste erhält den Namen des verstorbenen Vaters)
Gisli; man kann wohl vermuten, dass der tote Onkel hier Pate stand. Mit dem Glück der
Familie scheint es erst einmal vorbei zu sein, und nachdem Gisli Thorsteinsson wiederum für
die Ehre einer Frau einen Totschlag begeht, muss die Familie nach Island fliehen. Hier
scheint der Fluch nicht wirksam zu sein, und die Familie besitzt wieder großen Einfluss und
Ehre. Doch schnell brauen sich wieder tödliche Konflikte zusammen, die zum Ausbruch
kommen, als Gisli mit dem umgeschmiedeten Schwert in Kontakt gerät, mit dem sein
Namensgeber (der auch charakterlich seinem Neffen glich) das Unheil auf die Familie zog.
Der Konflikt hat die Ausrottung der ganzen Familie mit Ausnahme von Gislis Schwester
Thordis zur Folge.
Soweit die
Gísla saga
. Interessant wird es nun, wenn man noch andere Sagatexte hinzuzieht.
Aus der
Gísla saga
erfahren wir nämlich, dass Thordis einen Sohn mit dem von Gisli
erschlagenen Thorgrim hat, der nach dem Tod seines Vaters geboren und ebenfalls Thorgrim
genannt wird, später aber aufgrund seines Wesens den Namen Snorri erhält139. Als Thorgrim
hätte er sicherlich nach dem ,,Sagadenken" keinen leichten Stand gehabt, starben doch alle
Vorfahren gleichen Namens väterlicherseits bereits mit 25 Jahren, sein Onkel Gisli und seine
Mutter entstammen einer verfluchten Familie und Gisli ist außerdem der Totschläger seines
138 Simek/Pálsson, 1987; S. 105f
139 Gísla saga Súrssonar (ÍF VI), Kap. 18
30
Vaters, während sein anderer Onkel väterlicherseits Thordis heiratet und auf unehrenhafte Art
und Weise Gisli töten lässt . Thordis lässt sich daraufhin vom Bruder ihres verstorbenen
Mannes scheiden.
Thorgrim/Snorri ist eine der bekanntesten Personen der Sagazeit, und eine der wenigen über
die ein Text vorliegt, der höchstwahrscheinlich unter Mithilfe seiner Tochter entstanden ist,
dem
Ævi Snorra goða
. Darin erfahren wir allerdings nichts darüber, dass Snorri zunächst
Thorgrim hieß. Von der Umbenennung Thorgrims weiß aber neben der
Sturlabók
auch der
Verfasser der
Eyrbyggja saga
zu berichten, wobei er die Umbenennung des Thorgrim
aufgrund seines Wesens noch versucht sprachwissenschaftlich zu untermauern140. Aber er
berichtet auch davon, dass Snorri (noch als Thorgrim) zu einem Pflegevater namens
Thorbrand gegeben wird, wo er dann den Namen Snorri erhält; die genaueren Umstände
erfahren wir hier nicht. Nun ist es aber interessanterweise so, dass der für die Sagazeit sehr
seltene Name Snorri unter den Vorfahren Thorbrands belegt ist141, nicht aber bei den
biologischen Verwandten Snorris. Könnte also die Umbenennung Thorgrims darauf beruhen,
dass er durch sie sozusagen aus der ,,in der Sippe wirksamen Macht" seiner biologischen
Verwandten ausgegliedert wird und in eine neue Familie ,,eingesippt" wird? Durch die enge
Bindung der isländischen Verwandtschaftsverhältnisse zur mütterlichen Linie wäre er ja als
einziger männlicher Nachkomme der Familie Gislis auch unter die
óhamingja
gefallen. Snorri
wird als Erwachsener zu einer der mächtigsten Personen Westislands und stirbt mit 67 Jahren
als reicher und hoch geachteter Mann, und mit Ausnahme der
Eyrbyggja saga
wird in der
Sagaliteratur des Westens immer wieder auf seine menschlichen Qualitäten hingewiesen.
Evtl. überinterpretiere ich hier die Quellen, aber es wird in der
Gísla saga
deutlich, dass
Thordis die Taten ihres Bruders verurteilt, alle Quellen berichten von ihrer Scheidung vom
Bruder ihres ermordeten Mannes und dann gibt sie ihren Sohn in eine Pflegefamilie, von der
er einen in der Familie tradierten Namen erhält. Wie tief die Bindung Snorris zu seiner
140 Eyrbyggja saga (ÍF IV), Kap. 12
141 Lie, 1951; S. 171f
31
Pflegefamilie ist, zeigt sich darin, dass er seinen Ziehbrüdern immer die Treue hält, obwohl
ihr Verhalten die blutigsten Konflikte innerhalb der
Eyrbyggja saga
provoziert, und obwohl
sie rücksichtslose Totschläger sind, gehorchen sie Snorri als ob er ein hochgestelltes
Familienmitglied sei. Das
Ævi Snorra goða
nennt außerdem die Namen der ,,
neunzehn
freigeborene(n) Kinder, die über das Kindesalter hinauskamen
"142, keines von ihnen trägt den
Namen seines berühmten Vaters Thorgrim, dessen Geschlecht zur Landnahme- und frühen
Sagazeit das mächtigste seiner Thingregion war; dies verwundert, da Snorri das Godentum
seines Vaters am Thorsnesthing übernahm und noch lange Zeit auf dem alten Familiensitz
Helgafell wohnte. Nach seiner Mutter wird allerdings eine Tochter nachbenannt, und sein
jüngster Sohn, der nach seinem Tod geboren wird, erhält den Namen Snorri. Die Namenswahl
unterliegt hier sicherlich nicht einem zufälligen Prinzip, ob sie aber mit
óhamingja
, also der in
seiner biologischen Familie wirksamen negativen Kraft, zu tun hat, kann ich nur vermuten.
Für die ,,Vererbung" eines Unglücks mit dem Namen gibt es aber ein Beispiel in der
Flóamanna saga
, in der der Charakter Atli weiß, ,,
dass das dem Namen folgt, dass er an einer
Verwundung sterbe, wie Jarl Atli, sein Großvater
(
föðurfaðir
)"143. Die mit dem Namen
transferierte ,,seelische Beschaffenheit"144 scheint also für die Sagaschreiber in seiner
Beschreibung der Menschen der Sagazeit so tief zu greifen, dass den Nachbenannten auch das
selbe Schicksal treffen konnte wie den Namensgeber.
6) Nachwort und Resümee
War ,,
die Vorstellung einer Wiedergeburt (den) [...] Germanen nicht fremd
"145 und handelt es
sich beim Namen um eine ,,
Art Reinkarnationsseele
"146? Auf die Problematik des Terminus
142 Eyrbyggja saga (ÍF IV), Ævi Snorra goða
143 Keil, 1931; S. 80; Übersetzung von mir
144 De Vries I, ³1970; S. 81
145 Hasenfratz, 1992; S. 65
146 ebd.; a.O.
32
,,Germanen" einzugehen, würde den Rahmen meiner Arbeit sprengen, aber ich hoffe, dass ich
zeigen konnte, dass für den kontinentalgermanischen Bereich, und sogar für die
skandinavischen Länder die Quellenlage bei weitem nicht ausreicht. Erst in der Sagaliteratur
des christlichen Islands begegnen uns das Wort
endr-/aptrborin
und die Intentionen, die
hinter einer Nachbenennung stehen, auch wenn diese Literatur freilich auf Genealogien
beruht, die im Falle der Königs-, Isländer- und Familiensagas als historisch zu betrachten
sind. Aber inwiefern waren die Menschen die nach Island auswanderten überhaupt Germanen
und die von ihnen praktizierte(n) Religion(en) überhaupt ,,germanisch"?
Zuletzt machte noch T. Gunnell auf die sich bereits durch die Umsiedlung von Norwegen
nach Island ergebenden Veränderungen in der religiösen Praxis aufmerksam147. Schon von
Unwerth stand vor dem Problem, dass es für die in den Sagas geschilderten
Wiedergeburtsvorstellungen im germanischen Bereich keine Parallelen gibt, hinzu kommt
noch die Problematik eines germanischen Seelenbegriffs. Daher schlug von Unwerth vor,
dass es sich bei diesen Vorstellungen um Entlehnungen aus dem Schamanismus der Saami
handelt148; diese Theorie setzte sich aber in der Wissenschaft nicht durch149. Das Problem liegt
nicht zuletzt in der Frage, wer die
finni
der altnordischen Literatur denn überhaupt waren150.
Ohne den Terminus nun an eine bestimmte Ethnie binden zu wollen, sind die
finni
und
besonders ihre Frauen in den Sagas immer Zauberer, Gestaltenwandler oder auch fähig ihrem
hugr
feste Gestalt zu verleihen, und die von ihnen durchgeführten Rituale scheinen häufig mit
tranceartigen Zuständen einherzugehen. Aber auch ein nicht unerheblicher Teil der
Landnehmer ist mit den
finni
verwandt, auch aus den führenden Familien wie der des Skalla-
147 Gunnell, T.: ,,
Höf, höll, goð(ar)
and
dvergar
; Ritual Space in the Pagan Icelandic
Skáli
" in: Simek,
R./Meurer, J.: ,,Scandinavia and Christian Europe in the Middle Ages; Papers of The 12th International Saga
Conference Bonn/Germany, 28th July-2nd August 2003"; Bonn, 2003
148 von Unwerth, 1913
149 siehe dazu: de Vries, ³1970; S. 82
150 Aalto, 2003; S. 1f
33
Grim auf Mýra151. Und von diesen wird ebenfalls oft erzählt, dass sie ,,übernatürliche" Kräfte
hätten152. Trotzdem können die Wurzeln des Wiedergeburtsglaubens nicht festgemacht
werden, sie als ,,germanisch" zu betrachten, halte ich allerdings für grundlegend falsch, nicht
zuletzt deshalb, weil die Gesellschaft Islands eben nicht nur aus Norwegern bestand, sondern
auch aus Leuten, die lange Zeit auf Irland, in Schottland und den angrenzenden Westinseln
etc. ansässig waren, unter ihnen auch Christen, und aus der Synthese all dieser Einflüsse die
isländische Kultur entwickelten, die uns in den Sagas begegnet.
F. Zander weist auf die generelle Problematik des Wiedergeburts- bzw.
Reinkarnationsbegriffes hin, die schon auf einer nicht vorhandenen einheitlichen Definition
beruht153, weshalb ich es nicht korrekt finde, dass Wissenschaftler wie H.-P. Hasenfratz den
Reinkarnationsbegriff auf ,,die Germanen" anwenden wollen. Ich will nicht ausschließen, dass
die Literatur des isländischen Mittelalters auf eine volkstümliche Vorstellung zurückgreift,
nach der der Name mit einer unbestimmbaren Kraft (
hamingja
?) durch seinen jeweiligen
Träger aufgeladen wird, die dann durch die Nachbenennung weitergegeben wird, dafür liefert
noch die in der
Sturlunga saga
eingegliederte
Íslendinga saga
, neben dem bereits genannten
und ebenfalls in der
Sturlunga saga
verarbeitete Beispiel von Thorgil skarda, einen Beleg.
Im Winter nach Kolbein Tumissons Tod (von dem die Leute später glaubten, er sei in
Thorgils skarda wiedergeboren) wird seinem Verbündeten, dem Häuptling Thorvald ein Sohn
geboren, und die Leute drängen ihn, den Sohn Kolbein zu nennen. Dieses lehnt Thorvald mit
einer interessanten Begründung ab:
,,Mein Sohn wird kaum so ein tüchtiger Mann werden wie
Kolbein; auch haben kluge Männer gesagt, man solle seine Söhne nicht nach Männern
nennen, die früh von hinnen gerufen wurden. Ich werde meinen Sohn Gizur nennen, denn es
sind nicht die Schlechtesten im Haukadalargeschlecht gewesen, die bisher so geheißen
151 Pálsson, 1999; S. 16f
152 ebd.; a.O.
153 Zander, 1999; S. 12
34
haben
."154. Der Name scheint also nicht so ,,mächtig" zu sein, wie man in die Sagaliteratur
hinein interpretieren könnte, da ja Thorvalds Sohn trotz Nachbenennung nicht so tüchtig
würde wie sein Namenspatron; auf der anderen Seite hat der Vater aber die Befürchtung, dass
der falsche Name einen frühen Tod für seinen Jungen bereiten könne. Dies trifft in der Tat für
Kolbein den Jüngeren zu, der von seinem Vater Arnor nach dessen Bruder Kolbein
nachbenannt wird, und der ebenso wie Vater und Onkel zwar ein mächtiger Häuptling wird,
aber mit 35 Jahren stirbt. Gizur Thorvaldsson dagegen hat Dank seines Namens scheinbar
mehr Glück, er überlebt als einziger Mann den Mordbrand von Flugumyra 1253, dessen (auch
für die Sturlungenzeit) extreme Grausamkeit auf die isländische Gesellschaft wie ein Schock
wirkte. Aber noch etwas ist an Thorvalds Ausspruch für das Thema dieser Arbeit interessant.
Er bezieht die Nachbenennung nicht auf einen spezifischen Gizur seiner Sippe, und das
obwohl er so wichtige Ahnen hat wie den 1204 verstorbenen Gelehrten und Gesetzessprecher
Gizur Hallsson oder den prominenten Helden des Sagazeitalters, Häuptling und Vater des
ersten isländischen Bischofs, nämlich Gizur den Weißen. Dieses Beispiel gewährt m.E. einen
tiefen Einblick in die volkstümliche Vorstellung die hinter dem Begriff
endr-/aptrborinn
,
dessen Übersetzung ,,wiedergeboren" im Endeffekt irreführend ist, steht. Es geht nicht darum,
dass ein bestimmter Gizur als Individuum wiedergeboren wird, sondern darum, dass der
bewährte und durch eine große
hamingja
ausgezeichnete Name der Sippe erhalten bleibt, er
soll sozusagen ,,unsterblich" werden. Dabei partizipiert nicht nur das nachbenannte Kind an
der ,,Kraft", die der Name aufgrund der glückreichen Vorfahren trägt, sondern die gesamte
Familie, da der ,,neue" Namensträger wiederum darum bemüht sein muss, dem bewährten
Namen alle Ehre zu machen, um ihn als glückbringend für die Familie zu erhalten155. Die
vielen Sagabelege für Nachbenennungen zeigen, dass für den mittelalterlichen Sagaverfasser
der Name bzw. die mit ihm verbundene ,,Kraft" auch tief in den Charakter des
154 Íslendinga saga; Kap. 22
155 de Vries, ³1970; S. 78
35
Nachbenannten greift156. Hier muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass der Autor der
Vatnsdoela saga
, wie bereits erwähnt, im 13. Kapitel anlässlich der Nachbenennung
Thorsteins und Jökuls explizit erzählt, dass die Nachbenennung vorgenommen wurde,
nachdem das Neugeborene vom Vater in Augenschein genommen wurde; die Kinder
qualifizieren sich hier also bereits als ,,Namenlose" zu Trägern der mächtigen Namen. Es ist
wohl nicht verwunderlich, dass eine primär mündliche und dezentrale Kultur wie die des alten
Islands kein geschlossenes Konzept überliefert hat, und es ist ebenfalls unmöglich, die
Entstehung der Nachbenennung und die mit ihr verbundenen Vorstellungen zeitlich
einzuordnen. Die Sagaliteratur ist primär Literatur des isländischen Mittelalters, die sich nur
vordergründig mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzt; sie ist kein Spiegel für
Glaubenskonzepte der vor- und frühchristlichen Isländer und schon gar keine Quelle für
,,altgermanische Religiosität". Dass sie allerdings auch volkstümliche Vorstellungen
überliefert ist jedoch unbestritten, und die in den Isländersagas aufgenommenen Genealogien
sind in den meisten Fällen historisch durch die
Íslendinga-
und
Landnamabók
geerdet. Doch
mehr als die Kontinuität bestimmter Namen in einflussreichen Familien können wir für den
Zeitraum zwischen 870 und 1030 in dem die meisten Sagas handeln, nicht belegen, und aus
welchen Quellen sich die Vorstellungen, die hinter dem Begriff
endr-/aptrborinn
standen,
speisten, ist nicht mehr nachvollziehbar. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass es für
die Sagaschreiber etwas gab, das die Verstorbenen mit den Lebenden verbindet. Gerade die
sehr zeitnah verfassten Sagas der Sturlungenzeit berichten uns von der ,,Macht die am Namen
hängt", wie ich versucht habe, durch die beiden Beispiele aus der
Sturlunga saga
zu zeigen.
Die Vorstellungen sind ,,heidnisch" im Sinne von ,,nicht konform gehend mit dem
zeitgleichen römischen Christentum", ein Beleg für ,,germanische
Reinkarnationsvorstellungen" sind sie nicht.
156 Schomerus, 1928; S. 223
36
7) Literaturverzeichnis
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30.03.2007 14:23:33
Sehr geehrter Herr Büschgens, Ihre Arbeit hat mich sehr angesprochen. Das Problem hier ist die dünne Quellenlage. Zum einen sind Texte vor 1000 vermutlich weitgehend verschwunden (vernichtet), die Texte ab dem Jahr 1000 sind in christlicher Zeit entstanden und beschränken sich offensichtlich ausschließlich auf das Rückzugsgebiet Islands. Man wird diesem Thema mit schriftlichen Quellen allein nicht gerecht, denn és ist im buchstäblichen Sinne "esoterisch", der sinnlichen Wahrnehmung verborgen. Ich hätte Herrn Büschgen gern eine entlegene Veröffentlichung zur Kenntnis gegeben, und zwar von K.O.Schmidt die sog. Baldur-Trilogie. Mit freundlichen Grüßen Peter Götz