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Lesson Plan, 1994, 16 Pages
Author: Dr. Wilma Ruth Albrecht
Subject: German - Pedagogy, Didactics, Literature Studies
Details
Year: 1994
Pages: 16
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-07537-9
File size: 232 KB
Ein Kursthema für den Oberstufenunterricht (SEK II) - Erprobt und durchgeführt in einem Leistungskurs 11 (II)/1994. Dr. W.-Ruth Albrecht ist Sprach- und Sozialwissenschaftlerin und unterrichtet/e seit 1990 unter anderen die Fächer: Deutsch, Geschichte und Sozialwissenschaft an der Heinrich-Böll-Gesamtschule. Sie hat sowohl spezielle Unterrichtseinheiten über produktive Rezeption am Beispiel des Krimi im Deutschunterricht als auch allgemeine pädadogische Beiträge zum schulischen Unterricht veröffentlicht.
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Fulltext (computer-generated)
Dr. W. Ruth Albrecht
„DER FALL GLASENAPP„
ANTIFASCHISTISCHE LITERATUR AM BEISPIEL
VON
STEFAN HEYMS ROMAN
"AUS DEM EXIL "
(1942)
Ein Kursthema für den Oberstufenunterricht (SEK II) –
Erprobt und durchgeführt in einem Leistungskurs 11 (II)/1994
Was folgt ist die 1994 an einer Gesamtschule im Rheinland durchgeführte Unterrichtseinheit im Deutsch/Literaturunterricht entsprechend des damals von der Fachleiterin erarbeiteten und von der Schulabteilung der Kölner Bezirksregierung genehmigten schulbezogenen „Curriculums Deutsch Oberstufe/Sek. II der Schuljahre 1993/94 bis 1995/96“ (unveröff. Ms., 5 Seiten).
Die für diesen Beitrag erarbeiteten und benützten Unterrichtsmaterialien - meistens jeweils in Form eines Arbeitsblatts - sind am Schluß dieses Beitrags (7.) wohl aufgelistet, aber hier bewußt nicht veröffentlicht: Auch dieser, in der GRIN-Community erstveröffentlichte, Text sollte nicht dokumentarisch überfrachtet und/oder überlang werden ...
Der Beitrag steht in erkennbarem Zusammenhang mit zwei weiteren sprach- und literaturgeschichtlichen Arbeiten der Autorin: Der Unterrichtseinheit zu Theodor Fontanes Roman „Zwischen Fiktion und Realität - Effi Briest“: http://www.hausarbeiten.de/unicum/hausarbeit/p16/25151.html und ihrem Vortrag „Historisch-kritische Hinweise auf Ärgernisse durch Recht und Verwaltung und Deutschland“: http://www.wissen24.de/vorschau.38678.htm. -
Die Autorin, Dr.rer.soc. W. Ruth Albrecht, ist Sprach- und Sozialwissenschaftlerin mit den Arbeitsschwerpunkten: Literatur-, Sprach-, Politik-, Bau- und Planungsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und war beruflich als Wissenschaftlerin, Lehrerin und Stadt- und Regionalplanerin tätig; mailto/e-Post bitte an: dr.w.ruth.albrecht@web.de .
Gliederung
1. Begründung des Rahmenthemas
2. Fachwissenschaftliche Orientierung
3. Didaktisch - methodische Überlegungen
4. Ziel der Unterrichtsreihe
5. Anmerkungen
6. Unterrichtssequenzen
7. Material
I. Begründung des Rahmenthemas
Nachdem Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre antifaschistische und pazifistische Sozialbewegungen deutlich das öffentliche Leben in der Bundesrepublik Deutschland mitbestimmten und das Anliegen dieser Bewegungen in weiten Teilen der Bevölkerung positiv aufgenommen wurde, zeigt sich heute, da die damals befürchteten Gefahren reale Gestalt angenommen haben - sei es in Form von Brandschätzen auf Häuser und Wohnungen ausländischer Mitbewohner, wohlverpackter antisemitischer Propaganda oder gestiefelter Aufmärsche von Neonazis und Skin-Heads in Straßenräumen und Fußballstadien - eine große und weitgehende Apathie und Hilflosigkeit gegenüber solchen Ausschreitungen. Die Teile der Jugend, die gegen diese Erscheinungen protestieren, fühlen sich intellektuell , moralisch und sozial allein gelassen.
Mit dem folgenden Unterrichtsentwurf soll bewusst wertend Stellung bezogen werden, nämlich für einen aufklärerischen, an humanistischen Zielen orientierten Deutschunterricht, der nicht nur auf kognitive Wissensvermittlung abzielt, sondern auch die Gefühlswelt einbezieht, um zu einer abgerundeten sozialen, moralischen und ästhetischen Urteilsbildung zu gelangen.
Dafür wurde exemplarisch der antifaschistische Roman von Stefan Heym „Der Fall Glasenapp“, der 1942 erstmals unter dem Titel „Hostages“ (deutsch: „Geiseln“) in den USA erschien, dort zum Bestseller und auch verfilmt wurde, ausgesucht. (1)
Der Roman soll im Unterricht ganzheitlich behandelt werden, d.h. er wird unter historischen, biografischen, literaturwissenschaftlich-stilistischen und zeitgenössisch-rezeptionswirksamen Aspekten untersucht und als Ausgangspunkt für Übungen zur schriftlichen Textinterpretation sowie zu eigener Textproduktion benutzt.
2. Fachwissenschaftliche Orientierung
Der Roman, als „moderne bürgerliche Epopoe“ zunächst von Hegel charakterisiert, gilt als „das wichtigste Zeugnis der dichterischen Erfahrung und Darstellung des modernen individuellen und kollektiven Selbstbewusstseins“ (2). Dieses Selbstbewusstsein wird jedoch nicht empirisch analysiert sondern fiktional gestaltet, um eine Sinnhaftigkeit zu vermitteln, die es erlaubt, die Vielfältigkeit der Erscheinungen von Welt zu ordnen.
Um dieser Sinnhaftigkeit willen benutzt der Schriftsteller nicht nur Sujet und Figuren sondern auch typische Erzählhaltungen, Raum- und Zeitperspektiven sowie stilistische Mittel, „mit denen Erzähler, gegenständliches Material und Leserezeptivität zueinander in Beziehung gebracht und zugleich voneinander distanziert werden“ (3). Das In-Beziehung-Setzen zeichnet die Architektonik des Romans aus, die der Schriftsteller (zumeist über einen Bauplan) planmäßig entwirft.
Die Ausformung der Sinnhaftigkeit im Roman besitzt einen hohen Suggestivgehalt, woraus sich auch das Lesevergnügen nährt. Dieser Suggestivgehalt kann sowohl humanistische und aufklärerische Werte transportieren aber auch ihr Gegenteil. Deshalb ist es nicht willkürlich oder beliebig, welcher Roman als Unterrichtsgegenstand ausgewählt wird.
Für die vorliegende Unterrichtseinheit wurde ein Roman ausgewählt, der der antifaschistischen Literatur zuzuordnen ist. Der Begriff „antifaschistische Literatur“ wurde von Lutz Winckler in die Literaturwissenschaft eingeführt, um die Literatur zu kennzeichnen, „die durch ihren Humanismus und ihre Moral, durch die Wahl ihrer Sujets, durch das Wachhalten kultureller Traditionen, durch die Vertiefung des Geschichtsbewusstseins , durch die Methode ihrer Gesellschaftskritik zur Bekämpfung und Verhinderung des Faschismus beitragen wollte“(4). Der Begriff „antifaschistische Literatur“ wurde bewusst unterlegt, weil er über den der Exilliteratur, der die Gefahr besitzt, den Gegenstand dieser Literatur ins rein Historische zu verweisen, hinausgeht und er es auch erlaubt, eine internationale und gegenwartsbezogene Dimension einzuführen.
Wie der Definition zu entnehmen ist, kennzeichnet den antifaschistischen Roman neben der typischen Wahl des Sujets (Leiden unter einem und/oder Kampf gegen ein inländisches oder von außerhalb oktroyiertes faschistisches System)
1. die realistische Schreibweise, d.h. Wahrheitsverbundenheit, Volkstümlichkeit, Perspektivenbewusstsein und parteiliche Sozialkritik,
2. die Orientierung am literarischen Erbe, d.h. Anknüpfen an, Übernehmen von The-men, Figuren und formalen Elementen humanistischer Nationalliteratur
3. und die humanistische Grundüberzeugung, die sich in Personengestaltung und Geschehensablauf niederschlägt.
Natürlich werden auch autobiografische Erfahrungen verarbeitet, doch dieses Kennzeichen bildet nicht die Spezifik dieses Romantyps.
Jedenfalls erlauben diese Merkmale des antifaschistischen Romans literaturhistorische und gattungsspezifische Querverbindungen aufzuzeigen und vermögen dadurch ein Spektrum von Literatur aufzufächern. Damit lassen sich an diesem Romantyp unterschiedliche Formen der Textinterpretation und ihre Aussagekraft exemplarisch veranschaulichen.
All diese vorgenannten Merkmale lassen sich idealtypisch an Stefan Heyms Roman „Der Fall Glasenapp“ aufzeigen. Thematisiert werden die nationalsozialistische Willkür- und Terrorherrschaft im sogenannten Reichsprotektorat Böhmen / Mähren und der Widerstand des tschechischen Volkes.
Nachdem ein Wehrmachtsoffizier bei einem Cafébesuch in Prag verschwindet, werden willkürlich alle Tschechen, die sich im Café aufhalten, festgenommen und als Geisel festgehalten, um an ihnen ein Exempel zu statuieren. Auch als sich herausstellt, dass dieser Wehrmachtsoffizier, Leutnant Glasenapp, wegen einer unglücklichen Liebesgeschichte Selbstmord verübte, werden die Geisel nicht freigelassen. Vielmehr benutzt die Gestapo die Geiselnahme dazu, den Mythos des tapferen deutschen Soldaten, der heimtückisch von tschechischen Widerstandskämpfern ermordet wurde, aufzubauen und eine großangelegte Fahndung nach dem vermeintlichen Mörder durchzuführen, die die Opposition aufschrecken und die Bevölkerung veranlassen soll, mögliche und tatsächliche Widerstandskämpfer zu denunzieren. Der klug durchdachte Plan der Gestapo jedoch misslingt. Wohl werden die Geisel hingerichtet, darunter auch ein Widerstandskämpfer, Janoschik, doch einer antifaschistischen Zelle von Tschechen in Prag gelingt es, eine lang geplante Sabotageaktion, nämlich die Sprengung von Munitionszügen, erfolgreich durchzuführen.
Die Handlung in das Protektorat Böhmen / Mähren zu verlegen, lässt sich nicht nur als Reminiszenz Heyms an die CSR und Prag, wo der Schriftsteller in den Jahren 1933 bis 1935 politisches Asyl fand, deuten, sondern entspricht auch einer realistischen Einschätzung des antifaschistischen Arbeiterwiderstands, der in den 40er Jahren, nachdem er in Deutschland zerschlagen worden war, glaubwürdig nur in den besetzen Gebieten angesiedelt werden konnte.(5)
Auch die Form der Widerstandshandlungen ist nicht überzogen, sondern orientiert sich an tatsächlichen Geschehnissen, ebenso die Charakterisierung exponierter Nazitypen wie Heydrich und Reinhardt und die Differenzierung der Herrschaftsmethoden zwischen Gestapo und Wehrmacht.(6)
Der Roman verarbeitet jedoch nicht nur Realitätsgeschehen in der „Tradition des anglo-amerikanischen Realismus“ (7), er will auch analysierend aufklären. Dies erfolgt über die Individualisierung schichtspezifischen Sozialverhaltens bei der Charakterisierung der Geisel: So repräsentiert Preissinger das Kapital, Dr. Wallerstein und Prokosch die akademische und künstlerische Intelligenz, Lobkowitz die Jugend und Janoschik das unterdrückte tschechische Volk. Dabei verbindet sich in der Gestaltung Janoschik´s historisch-mythologische und literarische Tradition, böhmischer Bär und Schweijk, mit aufklärerischem Humanismus.
Psychologische Tiefe erfährt der Roman in jenen Passagen, in denen Verhalten und Gedanken der Geisel in der Zelle geschildert werden. In extrem lebensbedrohender Ausnahmesituation und zusammengepfercht auf engstem Raum zeigen sie sich egoistisch, aggressiv, feindlich und zerstörerisch. Dieses Verhalten , von der Gestapo bewusst provoziert, wird erst über die tiefhumane Empfindung von Mitleid mit dem durch Folter gequälten und zerschundenen Körper Janoschiks durchbrochen und aufgelöst.
Die Darstellung des Zellenlebens der Gefangenen und das Anknüpfen an die Tradition des psychologischen Romans gibt dem Werk, das durch die bewusste Verwendung von „Sex and Crime“ zu verflachen droht, die eigentliche Substanz und legitimiert es auch literarisch als Unterrichtslektüre.
Nicht zuletzt kennzeichnet den Roman (8) auch die Verarbeitung individuellen Leids, die der Schriftsteller durch die Herrschaft der Nationalsozialisten erfahren hat, besonders die Geiselnahme des eigenen Vaters 1933 in Chemnitz anstelle des gesuchten Sohns, und die gezielte politische Wirkungsabsicht auf das US-amerikanische Publikum (9).
3. Didaktisch-methodische Überlegungen
Uwe Naumann hat 1981 einen grundlegenden Aufsatz zur Didaktik und Methodik eines antifaschistischen Literaturunterrichts (10) veröffentlicht, in dem er nachdrücklich dafür plädiert, den kognitiven Umgang mit Literatur durch Einbeziehung emotionaler Elemente zu ergänzen, um das, was man auch „Hohlraum der Gefühle“( A. Seghers) nennen könnte, nicht unausgefüllt zu lassen. Er stellt in seinem Aufsatz auch sechs Grundsätze auf, an denen sich die Behandlung antifaschistischer Literatur ausrichten soll: (1) Personifizierung, (2) Unterhaltsamkeit, (3) Medienvielfalt, (4) Selbsttätigkeit, (5) Regionalisierung und (6) Gelassenheit. An diesen Prinzipien orientieren sich auch die nachfolgenden Überlegungen.
Der Roman „Der Fall Glasenapp“ von Stefan Heym vermag
(1) den Schülern LESEGENUSS zu verschaffen, dem sie auch unaufgefordert nach kommen können, denn die Handlung ist spannend und die (formale) Ausgestaltung des Handlungsgeschehens mittels Trivialelementen von Krimi und Liebesgeschichte entspricht den Rezeptionserfahrungen heutiger Jugendlicher;
(2) AUFKLÄREND zu wirken, denn er vermittelt nicht nur Kenntnisse über die Okkupationspolitik des deutschen Faschismus, seine Herrschaftsmethoden und Herrschertypen sondern auch Verständnis für Nationalbewusstsein und Kultur eines östlichen Nachbarstaates Deutschlands, dem heutigen Tschechien mit seinem Zentrum Prag;
(3) ein Angebot zur IDENTIFIKATION MIT HUMANISTISCHEN IDEALEN wie Gerechtigkeit, Mitleid (Empathie), Solidarität und (sozialer) Klugheit zu unterbreiten und
(4) einen ENGAGIERTEN ZEITGENOSSEN UND REALISTISCHEN GEGENWARTSSCHRIFTSTELLER, der selbst gegen den deutschen Faschismus gekämpft hat, in den USA als Bestsellerautor reüssierte, im Zweiten Weltkrieg in der US-Armee auf Seiten der (West-)Alliierten kämpfte, dann kurze Zeit als US-Besatzungsoffizier tätig war, in den USA ferner von McCarthy verfolgt wurde und als kritischer Dissident in der DDR opponierte, nahe zu bringen.
(5) Darüber hinaus lassen sich im Zusammenhang mit der Lektüre des Romans ARBEITSFORMEN UND AUFGABENSTELLUNGEN entwickeln, die LEHRPLANMÄßIG VORGESCHRIEBEN sind und dem inhaltlichen und ästhetischen Verständnis des Romans entsprechen. Hierzu zählen u.a. Exzerpt und Konspekt als Wiederholungsübungen, um Hintergrundinformationen aus Handbüchern, Monografien und Biografien vorzustellen, Anleitungen zur Erstellung eines Referats, vertiefte Inhaltsangabe, Erstellung von Interpretationsthesen als Vorbereitung einer Textinterpretation und Personencharakterisierung.
Die Übungen sind als ANLEITUNGEN ZUR SELBSTÄNDIGEN THEMENBEARBEITUNG konzipiert und dienen weiterhin dazu, zur schriftlichen Textinterpretation, dem Klausurthema, hinzuführen.
4. Ziel der Unterrichtsreihe
Wesentliche Ziel dieser Unterrichtsreihe für die Oberstufe ist es, die Schüler zu selbständigem Arbeiten zu motivieren und anzuleiten sowie die gefundenen Ergebnisse und Erkenntnisse mündlich und schriftlich in angemessener Form aneignen, darstellen und vermitteln zu können.
Bei der praktischen Durchführung der vorliegenden Einheit erwies es sich als interessant, die Referatsergebnisse, die die notwendigen Sachinformationen zu unterschiedlichen werkübergreifenden Interpretationsmethoden beinhalten, zusammenzufassen.
5. Anmerkungen
(1) Schneider, Gerhard (Hrsg) : Stefan Heym. Wie der Fall Glasenapp entstand. In Schneider, Gerhard: Eröffnungen. Schriftsteller über ihr Erstlingswerk. Berlin 1974, S. 81-88; Zachau, Reinhard K.: Stefan Heym. München (Beck Verlag) 1982, S. 21-25
(2) Lange, Victor: Roman. In: Fischer Lexikon Literatur. Bd. 2/1. Hrsg. Von W.-F.-Friedrich, W. Killy. Frankfurt (Fischer TB-Verlag) 1965, S. 224
(3) Ebenda, S. 230
(4) Winckler, Lutz (Hrsg) : Antifaschistische Literatur. Programme, Autoren, Werke. Kronberg /T. (Scriptor-Verlag), Bd.1, 1977, S. 1-23 und S. 30-52; Albrecht, Richard: Exil-Forschung. Studien zur deutschsprachigen Emigration nach 1933. Frankfurt a.M., Bern, New York, Paris (Lang-Verlag) 1988
(5) Peukert, Detlev :Der deutsche Arbeiterwiderstand 1933-1945. In: K.D. Bracher, M. Funke, H.A.. Jacobsen,. (Hrsg): Nationalsozialistische Diktatur 1933 -1945. Eine Bilanz. Bonn (Bundeszentrale für politische Bildung) 1983, S. 633-654
(6)Ivanov, Miroslav : Der Henker von Prag. Das Attentat auf Heydrich. Berlin (edition q) 1993, besonders S. 47 -84
(7) Wolfschütz, Hans: Stefan Heym. In: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Hrsg. v. H. L. Arnold. München (Edition Text + Kritik) 1993 (43. Lieferung)
(8) Heym, Stefan: Der Fall Glasenapp. Frankfurt /M. (Fischer -TB-Verlag) 1978; mit dieser deutschen Textausgabe wurde im Unterricht gearbeitet
(9) Dies wird von Heym in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder bekundet, so zuerst in der Rede in Camp Ritchie (1943), im Gespräch mit Günter Gaus (1985) oder in seiner Selbstbiografie, vgl. Heym, Stefan: Stalin verlässt den Raum. Politische Publizistik. Leipzig (Reclam) 1990, S. 208 - 219; Heym, Stefan: Nachruf. München (Bertelsmann) 1988 (3. Auflage), S. 207-220 Heym, Stefan: Der Fall Glasenapp. Frankfurt /M. (Fischer -TB-Verlag) 1978
(10) Naumann, Uwe: Plädoyer wider einen kopflastigen Antifaschismus. Überlegungen zur Didaktik und Methodik eines antifaschistischen Literaturunterrichts. In: Diskussion Deutsch, 12 (1981) Heft 59, S. 245 - 258; Albrecht, Wilma R.: Ein spannender Roman ist noch immer kein Schnee vergangener Zeiten... In: Diskussion Deutsch. Heft 144, Dezember 1995, S. 308-310
6. Unterrichtssequenzen
SEQUENZ 1:
EINFÜHRUNG IN DAS REIHENTHEMA
Die 1. Unterrichtssequenz dient dazu, Interesse an dem Roman, seinem Autor und dem Thema zu wecken, Leistungsanforderungen offen zu legen, die Kursarbeit zeitlich und arbeitsorganisatorisch zu strukturieren sowie praktische und methodische Hilfestellung für die von den Schülern zu leistende eigenverantwortliche Themenbearbeitung (Referat) zu bieten.
Dabei orientiert sich die Vorgehensweise am praktischen Lektüreverhalten: man nimmt ein Buch zur Hand, vergegenwärtigt sich Titel und Autor, liest gegebenenfalls die Verlagsinformationen und beginnt einfach mit dem 1. Kapitel in der durchaus begründeten Hoffnung, dass die im 1. Kapitel vom Autor mit den formalen Mitteln des Genres des Kriminalromans erzeugten Spannung Interesse zum Weiterlesen hervorruft.
Parallel oder im Anschluss daran lassen sich im Lehrer-Schülergespräch Fragen entwickeln, die im Kursverlauf bearbeitet werden sollen und durchaus die Themenwahl des Lehrers in Frage stellen können (M 1 (Tb) ).
Es ist schon wichtig, dass Schüler Fragen stellen oder dass man sie dazu anregt, denn nur so können, wie die alten Griechen schon wussten, Erkenntnisprozesse in Gang gesetzt werden. Genauso wichtig ist es, dass die Antworten auf diese Fragen von den Schülern selbst und zwar über Eigeninitiative und Arbeit, d.h. durch intellektuelle Anstrengung, gefunden werden.
Deshalb werden an die Fragen operative Untersuchungsaufgaben geknüpft, die die Schüler als Referatsthemen bearbeiten sollen. Die Bearbeitung eines Referats sei es in Einzel- oder in Gruppenarbeit ist für jeden Schüler verpflichtend. In diesem Zusammenhang bietet es sich an, nochmals auf „Exzerpt“ und „Konspekt“ wiederholend einzugehen, um Thesenbildung und Zitieren als unerlässliche wissenschaftspropädeutische Arbeitstechniken zu üben. Zur Begründung der Leistungsanforderungen und für die zuvor angesprochene Übung und Wiederholung sollen die 3. und 4. Stunde der Sequenz verwendet werden. Ziel muss die verpflichtende Festlegung von Hausaufgaben, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken, sein (M 2 (Ab 2/3) ).
„Trockenübungen“ sind nützlich, doch sie ersetzen nicht die Praxis. Deshalb erweist es sich als nützlich, mit den Schülern vor Ort der Recherche zu gehen, sei es in eine Schul- oder öffentliche Bibliothek. Hier sollen die Schüler für ihre Referatsthemen bibliographieren, exzerpieren und Bücher ausleihen. Dabei wird sich oft zeigen, dass der Lehrer seine Vorstellungen und Erwartungen praktisch einschränken muss: die entsprechende Literatur ist nicht vorhanden, unvollständig oder einseitig ausgerichtet, Fernleihen sprengen den zeitlich vorgegebenen Rahmen, Schüler verzweifeln angesichts des Umfangs vorhandenen Materials, schreiben einfach ab oder fotokopieren wahllos, das Bibliothekspersonal ist nicht verfügbar oder ansprechbar etc.
Die erste Unterrichtssequenz sollte sorgfältig und engagiert durchgeführt werden, denn sie führt in FORSCHENDES LERNEN ein und entscheidet wesentlich darüber, ob das Ziel der Einheit erfolgreich erreicht werden kann.
Schematische Übersicht : Stunden 1 - 6
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| | Buchform -1. Kapitel des Romans | |
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SEQUENZ 2 : DIE WIEDERGABE VON ERZÄHLTEXTEN
Während die Schüler in Hausarbeit den Roman weiterlesen und an ihren Referatsthemen arbeiten, dienen die nächsten Sequenzen für Übungen zum interpretierenden Schreiben.
Zunächst geht es um die Wiedergabe von Erzähltexten, wobei besonders Sinn und Zweck der Tempuswahl und der Wahl der Außenperspektive behandelt werden (M 5 (Tx)),denn durch sie wird DISTANZ ZUM ERZÄHLTEXT ermöglicht. Diese Distanz ist nötig, um zu einer kritisch wertenden Haltung zu gelangen. Anhand des 1. und 2. Kapitels des Romans soll die Textwiedergabe geübt werden. Dies kann durchaus im Unterricht als Arbeitsphasen vorgenommen werden, um den Schülern klar zu machen, innerhalb eines vorgegebenen Zeitrahmens eine Aufgabe zu erfüllen, aber auch um für individuelle Hilfestellung zur Verfügung zu stehen. Anhand einzelner Schülerbeispiele lässt sich darüber sprechen, ob eine Inhaltswiedergabe miss- oder gelungen ist (M6 (Ab) ).
Ein weiterer Schwerpunkt dieser Einzelsequenz liegt in der Untersuchung formaler Aspekte des Erzählens (M 7 (Tx)).
Schematische Übersicht: Stunden 1-6
Thema: Wiedergabe von Erzähltexten und Untersuchung erzählerischer Mittel
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SEQUENZ 3 :
DIE PERSONENCHARAKTERISIERUNG
In antifaschistischen Romanen steht weniger die Individualität einer Person als vielmehr ein SOZIALTYP im Vordergrund. Dieser Typ repräsentiert eine soziale Schicht, deren Handlungsmöglichkeiten und Verantwortung im gesellschaftlichen Herrschaftsgefüge, d.h. im vorgegebenen Roman Stellungnahme für oder gegen das faschistische Besatzersystem.
Eine dem Kurs parallel laufende langfristige Hausaufgabe umfasst die CHARAKTERISIERUNG EINER ROMANFIGUR. Da die Personen in den verschiedenen Handlungskonstellationen erst ihre Charaktermerkmale entfalten, lässt sich diese Aufgabe erst nach Abschluss der Lektüre lösen.
Als Unterrichtshilfe erhalten die Schüler zunächst ein Merkblatt, aus dem zu entnehmen ist, worauf bei der Charakterisierung besonders zu achten ist (M 9 (Ab)).
Eine Person, die als Repräsentant des NS-Systems gilt und als nationalsozialistischer Herrschertyp steht, ist Reinhardt Heydrich, stellvertretender Reichsprotektor seit 1941, der 1942 an den Folgen eines politischen Attentats starb. Heydrich tritt im 2. und 14. Kapitel des Romans auf. Anhand der entsprechenden Textstellen soll mit den Schülern eine Personencharakterisierung geübt werden.
Dabei steht zweierlei im Vordergrund: Zum einen soll die Personencharakterisierung den kontextuellen Zusammenhang aufgreifen, zu den Typusmerkmalen vordringen und die stilistischen Mittel kennzeichnen - insofern wird auf den vorausgehenden Übungen aufgebaut. Des weiteren gilt es aber auch, den Realitätsgehalt dieser im Roman auftretenden Figur herauszuarbeiten. Dabei sollte bei Heydrich deutlich werden, dass Nationalsozialisten als Herrscher und Ideologen sich nicht mit dem Klischee des gestiefelten Braunhemdes allein fassen lassen, sondern dass sie eher dem intellektuellen Schreibtischtäter nahe kommen (M 11 (Bd))
Mit Hilfe eines Arbeitsblattes, das schematisch eine Personencharakterisierung vorstrukturiert, soll Schülern, die Schwierigkeiten beim Abfassen eines Textes haben, Hilfestellung gegeben werden (M 10 (Ab)).
Schematische Übersicht : Stunden 1 - 4
Thema: Personencharakterisierung
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| | R. Heydrich |
SEQUENZ 4:
DIE WERKIMMANTE TEXTINTERPRETATION
Nachdem in den vorausgegangenen Sequenzen die Hauptaspekte der werkimmanenten Textinterpretation in Einzelschritten erarbeitet worden sind, soll in der 4. Sequenz die synthetische Verknüpfung erfolgen. Sie bietet gleichzeitig die Möglichkeit einer Klausurübung, denn bekanntlich liegen aus organisatorischen Gründen die Klausurtermine nicht - was eigentlich sinnvoll ist - am Ende der Unterrichtseinheit. Die werkimmanente Textinterpretation kann schematisch vorgestellt werden (M 12 (Tb) ).
Sinnvoll erweist es sich, die werkimmanente Textinterpretation an einem Kapitel oder Kapitelabschnitt zu üben, das oder der einen bedeutenden Stellenwert im Roman spielt. Das vorliegende Beispiel (Verhör Meleda - Reinhardt) ist dem 6. Kapitel entnommen und nimmt inhaltlich und stilistisch den im 7. Kapitel gestalteten Höhe- und Umschlagspunkt der Handlung, den das Verhör Janoschiks - Reinhardt bildet, und das das Klausurthema abgeben soll, vorweg. Auch in dieser Sequenz wird schwächeren Schülern eine Bearbeitungshilfe angeboten (M 13 (Ab) ).
Die Klausur ist dreistündig angesetzt (M 14).
Schematische Übersicht: Stunden 1-5
Thema: Die werkimmanente Textinterpretation
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| | Gliederung der werkimmanenten Textinterpretation | |
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SEQUENZ 5:
HINTERGRUNDINFORMATIONEN UND SCHÜLERREFERATE
Die 5. Sequenz beinhaltet die Darstellung der in Form von Schülerreferaten erarbeiteten Informationen über den historischen Hintergrund und die realen Schauplätze des Romans, die Biographie des Autors sowie genrespezifische Merkmale des Romans. Damit soll einerseits in die literatursoziologische und biografische Interpretationsmethode eingeführt werden, andererseits die dem antifaschistischen Roman eigene Realitätsbewältigung, die realistische Schreibweise und die Pflege des literarischen Erbes aufmerksam gemacht werden. Die Schüler sollen sich auch darin üben, Untersuchungsergebnisse mündlich vorzutragen und Fragen zu ihrem Spezialthema zu beantworten.
Als Ergebnis dieser Sequenz lässt sich auf Wincklers Definition von antifaschistischer Literatur abheben (s.o.).
SEQUENZ 6:
VERMITTLUNG DES ANLIEGENS VON ANTIFASCHISTISCHER LITERATUR
Zumeist verlieren Schüler mit Abschluss der Klausur das Interesse am Thema. Arbeitsergebnisse, die im Verlauf einer Unterrichtseinheit interessante Einblicke in ein Werk oder eine Epoche vermitteln, gelten als notwendige Pflichtübungen mit mehr oder weniger voluntaristischem Charakter. Um den Schülern zu zeigen, dass ihre Selbsttätigkeit bei der Themenerarbeitung nicht als Selbstzweck zu werten sondern durchaus mitteilungswürdig ist, soll versucht werden, die Schüler dazu anzuregen, eine Kommunikations- und Vermittlungsform zu finden, die es erlaubt, das Erarbeitete und erlernte anderen mitzuteilen. Hier werden pädagogische Vorstellungen von Freinet aufgegriffen, der der Kommunikation einen hohen Stellenwert im Lernprozess zubilligt.
Inhalt der letzten Sequenz kann wie im vorliegenden Fall die Zusammenstellung einer Materialsammlung zur Interpretation eines Werkes sein; es lassen sich jedoch auch andere Formen vorstellen wie etwa die Gestaltung einer szenischen öffentlichen Lesung verbunden mit Hintergrundinformationen oder die Erarbeitung eines Hörbildes oder eines Radio-Features. Im Mittelpunkt steht die Handlungsorientierung des Unterrichts, in der die Schranken des rollenorientierten Lehrer-Schülerverhältnisses gelockert werden können.
7. Material (Übersicht)
1 (Arbeitsblatt): Tabelle/Kritische Fragen an die Lektüre/Untersuchungsfelder
2 (Arbeitsblatt): Anforderungen für erfolgreiche Kursteilnahme im schriftlichen Bereich
3 (Arbeitsblatt): Auswerten: Orientierend lesen/Gelesenes festhalten
4 (Arbeitsblatt): Schriftliche Form des Referats/Beispiel
5 (Lehrbuchtext):Zur Wiedergabe von Erzähltexten
6 (Arbeitsblatt): Textbeispiele/Einleitungssätze von Inhaltswiedergabe
7 (Lehrbuchtext): Kleines Lexikon der Fachbegriffe
8 (Arbeitsblatt): Erstes Romankapitel/Untersuchungsfragen
9 (Arbeitsblatt): Textwiedergabe/textinterne Perspektive der ersten beiden Romankapitel
10 (Arbeitsblatt): Analyseschwerpunkt: Personen
11 (Arbeitsblatt): Charakteristik Heydrichs im Roman
12 (Bildermaterial): Heydrich 1937 [und] 1941
13 (Aufgabe): Textinterpretation eines Romansauszugs (7. Kapitel)
14 (Material): Gliederung/Inhalt werkimmanenter Textinterpretation
15 (Arbeitsblatt): Übung zur werkimmanenten Textinterpretation
16 (Material): Aufgabenstellung für eine Klausur
Hinweis
Interessent(inn)en können sich wegen möglicher Kopien vorliegender Arbeitsmaterialien gern an die Autorin wenden; mailto/e-Post bitte an: dr.w.ruth.albrecht@web.de
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