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Termpaper, 2004, 16 Pages
Author: Antonia Joseph
Subject: Theater Studies
Details
Tags: Aufführungsanalyse, Artaud, Hitler, Romanische, Café, Peuckert, Berliner, Ensemble
Year: 2004
Pages: 16
Grade: 1,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-07538-6
File size: 286 KB
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Fulltext (computer-generated)
Aufführungsanalyse
TOM PEUCKERT - ARTAUD ERINNERT SICH
AN HITLER UND AN DAS ROMANISCHE CAFÉ
Eine Halluzination
Mit Martin Wuttke
Inszenierung: Paul Plamper
Berliner Ensemble
Einführung in die Aufführungsanalyse
Antonia Joseph
WS 03-04: PS 17504
1
Inhalt
Hintergründe der Inszenierung
3
Erinnerung an die Aufführung vom 13.2.2004
3
Geräusche
5
Atem
7
Sprache
9
Musik
12
Fazit
15
Vorwort
Diese Aufführungsanalyse hat den speziellen Umgang mit dem Ton in der Inszenierung
,,Artaud erinnert sich an Hitler und an das Romanische Café" am Berliner Ensemble zum Thema.
Die meist auf unterschwelligen Ebenen wirkende, im Theater scheinbar oft vernachlässigte subtile
Geräuschdramaturgie erlangt gerade hier ihren besonderen Stellenwert einerseits durch den
speziellen Aufbau des Raumes, andererseits durch das ursprüngliche Format des
zugrundeliegenden Textes als Hörspiel.
Aus verschiedenen, unten genauer ausgeführten Gründen fällt eine klare inhaltliche Trennung
zwischen der Person des Schauspielers Martin Wuttke und der Figur des Antonin Artaud
schwer, weswegen in den beschreibenden Teilen dieser Arbeit keine exakte Differenzierung in
Form einer jeweiligen Benennung stattfindet, um eine vorschnelle Einordnung zu vermeiden.
2
Hintergründe der Inszenierung
Der Text ,,Artaud erinnert sich an Hitler und an das Romanische Café" entstand in einer
Zusammenarbeit von Tom Peuckert und Martin Wuttke und war ursprünglich als Hörspiel
geplant. Der Monolog basiert nicht auf biographischen Fakten aus dem Leben Artauds, sondern
nimmt einen von ihm 1943 in einer Anstalt geschriebenen Brief an Hitler zum Anlass, eine
fiktive Erinnerung zu konstruieren, in der er 1932 in Berlin im Romanischen Café zu einem
Gespräch mit Hitler zusammentrifft. Aus einer von Martin Wuttke als ,,komödiantisch"
bezeichneten Perspektive entsteht ein Einblick in ein mögliches Innenleben Artauds sowie eine
Auseinandersetzung mit dessen Ansicht des Verhältnisses von Kunst, Theater und
(Über-) Leben.
Für Martin Wuttke ist die Inszenierung dieses Textes unter der Regie von Paul Plamper
gleichzeitig eine Hommage an seine Rolle als Arturo Ui: Die Premiere am 3.10.2000 und die
ersten Vorstellungen von ,,Artaud" fand auf der Grossen Bühne statt, wobei der Bühnenaufbau
genau an der Position von Arturo Ui während des Schlussmonologes stand. 2002 wurde die
Aufführung auf die Probebühne verlegt.
Erinnerung an die Aufführung vom 13.2.2004
Beim Betreten der Probebühne fällt zuerst die einfache, provisorische Ausstattung des Raumes
auf: rechts die zerlegbare Zuschauertribüne mit einfachen Stuhlreihen, links auf einem Podest ein
Aufbau aus Holzlatten und Dämmplatten von den Ausmaßen eines Baucontainers. In die den
Zuschauern zugewandte Breitseite des Containers ist eine große Glasscheibe eingelassen, die
durchleuchtet und mit Packpapier hinterklebt ist, auf das von innen mit einem Filzstift in
Spiegelschrift Artauds Brief an Hitler geschrieben wird. Die Schrift wirkt durch die großen
Druckbuchstaben, die teilweise verkehrtherum entstehen, extrem kindlich. Zu beiden Seiten des
Podestes stehen auf hohen Stativen Boxen, daneben und dahinter sind die hellen Wände der
Probebühne mit herunterhängenden Kabeln, angestellten Leitern und unbenutzen Scheinwerfern
sichtbar.
Der Brief ist fertiggeschrieben, im Publikum kehrt Ruhe ein, alle warten gespannt. In dieser Stille
hört man zuerst das leise Geräusch zerreissenden Papiers, man sieht, dass das Packpapier am
Rand in schmalen Streifen abgerissen wird. Plötzlich springt von innen etwas gegen die Scheibe,
klammert sich fest, reisst so die Verkleidung ab und gibt den Blick in das Innere des Kastens frei:
Eine Person hängt wie ein Gecko an der Scheibe, hält sich an der Decke des Kastens fest und
lässt ihre Zunge hervorschnellen, als wolle sie damit eine Fliege fangen.
Die Innenwände des Containers sind aus porösem weissen Isoliermaterial, im rechten Teil des
Raumes hängt eine kleine Postkarte an der Wand. Links stehen zwei Pflanzen auf dem Boden, in
3
der Mitte ein Stuhl, und rechts ein einfacher Tisch, über dem ein brauner Lampenschirm hängt.
Sitz man im Publikum ziemlich weit links, ist in der rechten Seitenwand eine weissgestrichene
Tür zu sehen.
Insgesamt wirkt dieses spärlich eingerichtete Zimmer wie der Besuchsraum eines Krankenhauses
oder Gefängnisses - oder eben, wenn man die in die Front eingelassene Scheibe bedenkt (die
durch die Beleuchtung von innen wie ein Spiegel wirken muss), wie eine beobachtete Zelle für
Verbrecher oder Geisteskranke.
Darin wird Martin Wuttke für die nächste Stunde eingeschlossen bleiben: er erzählt, wütet,
leidet, spuckt und schreit, mimt eine Fliege, einen Gecko, Hitler, hört Schlager und tanzt dazu -
alles in einem hermetisch abgeschlossenen Raum, sowohl luft- als auch schalldicht - bis er am
Ende durch das Dach daraus hervorsteigt und sich selbst als Schauspieler in der Rolle des
glamourösen Schlagersängers präsentiert.
Sämtliche Geräusche von innen werden durch ein auf dem Tisch stehendes, altmodisch
wirkendes Standmikrofon nach aussen übertragen. Links oben in der Ecke der Rückwand des
Raumes ist ein kleiner Lüftungsventilator eingelassen, der über eine Steckdose in der Rückwand
gesteuert werden kann. Beide Elemente, das Mikrofon und der Ventilator, haben neben ihrer
dramaturgischen auch eine praktische Funktion: Der Container ist durch die Verwendung von
Isoliermaterial absolut luft- und schalldicht konstruiert, so dass zusätzliche Luftzufuhr und
elektronische Verstärkung des Tons nötig sind, um in dieser Bühnenanordnung überhaupt eine
Aufführung stattfinden zu lassen.
So wird der Eindruck eines Blicks in eine abgeschlossene Welt geschaffen, die nicht verlassen
werden kann - ausser am Ende, als die Figur darin zugunsten der Darstellung einer konstruierten
Show-Welt aufgegeben wird.
Die Betrachtungsweise des Containers als Zelle einer Anstalt, die durch einen einseitig
durchsichtigen Spiegel beobachtet wird, funktioniert ebenso wie die Annahme des Einblicks in
ein -verrücktes(?)- Gehirn.
4
Geräusche
Das im Kasten befindliche Mikrofon kann von innen nicht geregelt werden. Die einzige
Möglichkeit, die Lautstärke oder die Tonqualität zu beeinflussen, ist die körperliche Haltung im
Raum zu dem Gerät: Das Mikrofon befindet sich meistens auf dem Tisch in der rechten Hälfte
des Containers, so dass die Entfernung der Quelle des Geräusches vom Tisch sich massgeblich
auf die vom Zuschauer hörbare Tonqualität auswirkt. Wahrscheinlich wird am Tonpult der
Probebühne das Mikrofon zusätzlich laut bzw. leise eingestellt, um diesen Effekt zu verstärken.
Das Resultat daraus ist beim Zuschauer der Eindruck, direkter am Geschehen teilzuhaben, das
Gesehene wird durch dieses Verfahren intensiviert. So steht hier der Einsatz des Tones im
Widerspruch zur Bühnenanordnung, die durch die Abtrennung des Publikums durch eine
Plexiglasscheibe eher Distanz schafft.
Zu Beginn der Inszenierung, während dem Einlass, konzentriert sich die Wahrnehmung stark auf
das Akustische, da ausser dem Enstehen der Buchstaben auf dem Papier weiter nichts Sichtbares
geschieht. Nachdem das Kratzen des Filzstiftes aufgehört hat und im Publikum gespannte Stille
herrscht, sind aus den Boxen Geräusche zu hören: Schritte, lauter Atem, ein Möbelstück wird
über den Boden geschoben, vor allem fällt aber ein leises Zischen auf, das nicht auf Anhieb
einngeordnet werden kann - erst als das Innere des Containers zu sehen ist, erkennt man eine
Pflanzensprühflasche. Diese Töne steigern die Neugierde auf das Geschehen Innen und schärfen
durch ihre geringe Lautstärke die Konzentration des Publikums auf das Folgende.
Zusätzlich bilden sie zusammen mit dem Summen des Ventilators das akustische Gerüst des
Abends:
Das Zischen der Sprühflasche wird später immer wieder auftauchen, um entweder eine
Ruhepause oder einen weiteren Bruch in der Handlung oder der Stimmung der Figur einzuleiten:
Nach einer hastig und laut gesprochenen Textpartie z. B. scheint der Vorgang der Pflanzenpflege
sie zu beruhigen: völlig gelassen werden die Theater-Plastikpflanzen besprengt. Auch dem
eigenen Körper wird durch ins Gesicht gesprühtes Wasser Kühlung verschafft - woraus die
Entdeckung folgt, das mit nun nassen Haaren und schmierigem Gesicht die eigene Erscheinung
zu einer Parodie Hitlers einläd. Hier kippt die Handlung aus einem gehetzen, hasserfüllten
Monolog über das Theater in eine ironische Betrachtung Hitlers Physiognomie anhand eines
,,Selbstversuchs". Um diese auf die Spitze zu treiben, findet auch der Filzstift seinen erneuten
Einsatz: Scheinbar zweckfrei wird in Augenhöhe ein kleines schwarzes Viereck quietschend
krampfhaft auf die Scheibe gemalt. Einen Sinn ergibt diese Aktion erst eine halbe Minute später,
als sich das durch nasse, zum Seitenscheitel geklebte Haare und aufgeblasene Backen entstellte
Gesicht an das Viereck presst und ihm so ein Bärtchen erscheint. Hier werden die ersten
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(hörbaren) Eindrücke der Inszenierung wieder aufgenommen, um im Laufe des Abends Akzente
zu setzen.
Während dem Einlass läuft im Inneren des Kastens der in die Wand eingelassene Ventilator. Das
leise Summen wird fast nicht wahrgenommen, da das Ohr sich sehr schnell an diese Art
Hintergrundgeräusch gewöhnt und es sich mit anderen Geräuschen im Raum -dem Platznehmen
der Zuschauer, das Schaben des Filzstiftes auf dem Papier hinter der Scheibe etc.- mischt. Erst
als der Ventilator ausgeschaltet wird, nachdem der Brief fertiggeschrieben ist, entsteht durch das
Fehlen eine leichte Irritation beim Hörer, da die Veränderung bemerkt wird, aber nicht genau
benannt werden kann. Dieses plötzliche Fehlen eines Hintergrundgeräusches trägt zur Steigerung
der Anspannung bei, die in ihrem Höhepunkt durch den Sprung von Innen gegen die Scheibe
aufgelöst wird. Als nach einer kurzen Zeit das Kabel des Ventilator wieder einsteckt wird,
erzeugt das Geräusch schon einen vagen Wiedererkennungseffekt beim Zuschauer.
Der Einsatz des Ventilators funktioniert so als akzentuierendes Mittel auf einer fast
unbewussten Ebene, da der Ton des laufendes Ventilators nach kurzer Zeit schon nicht mehr
auffällt, sozusagen ,,ausgeblendet" wird.
Im Verlauf des Abends wird diese akustische Zäsur des Ausschaltens zwei weitere Male
eingesetzt:
Der Textausschnitt ,,Die Wurstmaschine" wird in die totale Stille hinein gesprochen und hebt
sich allein dadurch schon vom restlichen Verlauf des Abends ab (s. u. Sprache).
Ähnlich erscheint der am Ende des Abends rezitierte Text ,,Brief an den Intendanten": Auch hier
fällt die noch im Moment vorher rasende Figur in eine fast erschreckende Ruhe und erscheint
durch die monotone Sprechweise extrem distanziert.Auf praktischer Ebene dient der Ventilator
der Belüftung des hermetisch abgeschlossenen Kastens - wenn er ausgeschaltet ist, erfolgt kein
Luftaustausch mit draussen, auf die Dauer muss es darin unerträglich stickig werden. Das
Ausschalten der Belüftung nimmt so während dem als Epilog verständlichen ,,Brief" das Ende
der Inszenierung, das Verlassen des Kastens, vorweg.
Das leise, oft vom Zuschauer ausgeblendete Summen des Ventilators ist elementarer Bestandteil
des akustischen Rahmens der Inszenierung.
Der Sprung gegen die mit Papier hinterklebte Scheibe eröffnet den Abend mit einer akustischen
Schockwirkung. Das Mikrofon ist hier extrem laut eingestellt, so dass das plötzliche Krachen
von seinem elektronisch verstärkten Nachhall noch übertönt wird.
Vor Beginn des Monolges über das Kopfweh klopft die Figur sich bei geöffnetem Mund mit der
Faust gegen den Kopf - ein dumpfes, hohles Pochen ertönt. Dieses Geräusch wird unnatürlich
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laut übertragen, was diesen Moment skurril erscheinen lässt, da es sehr schmezhaft sein muss,
sich so fest gegen den Kopf zu schlagen, um ohne elektronische Verstärkung einen so lauten Ton
zu erzielen. Auf der einen Seite leitet diese Handlung den leidend vorgetragenen Bericht über
Kopfschmerz ein, andererseits verstärkt sie den Eindruck, einen Verrückten in seiner Zelle vor
sich zu haben, da das Schlagen gegen den eigenen Kopf zumeist mit Schwachsinnigkeit in
Verbindung gebracht wird.
Es gibt im Verlauf des Abends zwei extrem gesteigerte Momente, die auch auf körperlicher
Ebene als Anfall bezeichnet werden können. Die Figur schreit, tobt, stürzt, steht wieder auf und
keift weiter. Diese Höhepunkte werden im Vorfeld durch ,,schmerzhafte" Geräusche eingeleitet
wie z.B. das Quietschen des Stuhls über den Boden, das Schaben mit den Fingernägeln auf der
Tischplatte oder auch der Ton, der zu hören ist, wenn die Figur mit dem Gesicht an der
Plexiglasscheibe herunterrutscht. Bei einer Aufführung gipfelte der Anfall bei der Textpassage zu
dem ,,Pariser Einsamkeitsgrauen" im Herunterwerfen des angeschalteten Mikrofons, was im
Zuschauerraum so laut übertragen wurde, dass man nach diesem Krachen für kurze Zeit nur
noch ein leises Piepen im eigenen Ohr hörte.
Ein Grossteil der Geräusche dieser Inszenierung wird im Allgemeinen nicht direkt mit Theater in
Verbindung gebracht, weil diese normalerweise viel zu leise sind, um auf der Bühne
wahrgenommen zu werden. Durch die elektronische Verstärkung -nicht wie sonst nur einzelner
Elemente, sondern hier der kompletten Geräuschkulisse des Raumes- werden sie hier ausgestellt
und überdeutlich hervorgehoben. Im Zusammenhang mit dem hermetisch abgeschlossenen
Kasten und der Übertragung durch ein Mikrofon, das über den Wechsel von Nähe und Distanz
bespielt wird, entsteht so beim Publikum der Eindruck, die Geräusche aus der subjektiven
Perspektive vom Inneren des Containers aus wahrzunehmen. Die zusätzlich verwendeten
Effekte wie z.B. Hall, Abdämpfen, Schwingen etc. verstärken dieses Bild noch, da sie jeweils die
Stimmung der Figur bzw. den gerade gesprochen Text untermalen und verstärken.
Atem
Das Atemgeräusch, das zu Beginn hinter der noch mit Papier verhangenen Scheibe zu hören ist,
erweckt den Eindruck eines gehetzten Menschen: Der Atem geht stossweise, abgehackt und sehr
schnell - und bricht kurz vor dem Sprung gegen die Scheibe plötzlich ab, so als sei nun ein
Entschluss gefasst worden - die ,,Flucht nach vorne" gegen die Scheibe.
Im weiteren Verlauf der Inszenierung wird der Atem als hörbares Zeichen der Steigerung der
Aufregung der Figur eingesetzt, allerdings nicht während dem Sprechen, sondern als
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Akzentuierung zwischen den einzelnen Textabschnitten:
In Momenten der grossen Abscheu vor etwas z.B. beginnt ein Hecheln hörbar zu werden,
vergleichbar mit dem Atem eines Hundes. Darüber hinaus wird hier ebenfalls mit dem Wechsel
von völliger Ruhe, d.h. hier auch unhörbares, gleichmässiges Atmen, und lautem Keuchen oder
Röcheln gespielt. Erstaunlicherweise erfolgt dieser plötzliche Umschlag meist, wenn es -aus rein
physiologischen Gründen- überhaupt nicht möglich sein dürfte:
In einem Moment der totalen körperlichen Verausgabung z.B., nachdem eine Fliege gemimt
wurde und die Figur minutenlang in dem Container umhergerannt und -gesprungen ist und dazu
auch noch laut gesummt hat, ist in der Ruhe danach für wenige Sekunden stossweiser,
angestrengter Atem zu hören, der allerdings abrupt abbricht und einem völlig ruhigem,
gemessenen und kontrollierten Atmen weicht, in das mit unbeteiligter Stimme der neue Text
gesprochen wird. So entsteht der Eindruck, dass auch die vorangegangenen Zeichen von
Erschöpfung oder Anstrengung -die in diesem Moment als völlig normal und verständlich
erschienen- nur gespielt und keineswegs Resultat der körperlichen Aktion waren. In einer
Passage wird dieses Wechselspiel auf die Spitze getrieben, indem in schneller Abfolge durch die
Atemfrequenz Erschöpfung simuliert wird und dann wieder zu unhörbarem Atem leise
gesprochen wird. Diese Veränderungen zeigen oft auf dramaturgischer Ebene Gedanken- und
Zeitsprünge zwischen den verschiedenen Erinnerungen an, als würde sich der Kreislauf in der
Zeit zwischen den beiden Momenten wieder beruhigt haben, oder als hätten sich andere
Gegebenheiten verändert, ähnlich z.B. den räumlichen Verschiebungen innerhalb eines Traumes.
Dieses Mittel unterstützt die Rückbesinnung des Zuschauers auf den inhaltlichen Rahmen der
Inszenierung, die Halluzination.
Die körperlichen Anforderungen einer solchen Spielweise und die dazu nötige Beherrschung
rufen im Publikum Erstaunen und Bewunderung hervor - hier wird die Grenze zwischen
Schauspieler und Rolle verwischt, da die erwartete körperliche Erschöpfung des einen sich nicht
mit den weiteren Handlungen des anderen in Einklang bringen lässt.
Über den Atem werden Stimmungen und Stimmungswechsel deutlich gemacht, die die Figur
während dem Vorgang des Erinnerns überkommen. Sie findet sich in verschiedenen Rollen
wieder (wie z.B. Hitler, die Fliege, der Gecko, um die extremsten zu nennen), von denen sie
manche mehr und manche weniger erregen. Die Auswirkungen werden nach dem Prinzip der
Umkehrung gezeigt: körperlich anstrengende Aktionen zeigen weniger Resultat als eher weniger
aktive Darstellungen wie z.B. die Hitler-Parodie, die aber auf geistiger Ebene intensiver in der
Erinnerung wirkt - ihr ist extrem angestrengter Atem wie nach einer grossen sportlichen Leistung
hintenangestellt, während nach der ,,Fliege" mit fast unglaublicher Ruhe weitergespielt wird. So
zeigt der Atemmodus eher den jeweiligen mentalen Zustand an, was das Verständnis der
Bühnenanordnung wieder eher in Richtung ,,Innenwelt" tendieren lässt.
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Sprache
Die Art und Weise des Einsatzes von Sprache ist in dieser -auf einer als Hörspielmonolg
konzipierten Textvorlage basierenden- Inszenierung besonders hervorstechend, da insbesondere
durch Artikulation und Intonation oft die Grenzen zwischen Wort und Geräusch
verschwimmen: Die einzelnen Aussagen werden entweder in ihrem Sinn verstärkt oder durch
extreme Überartikulation oder ,,falsche" Betonung neu konotiert: So wird z.B. das Wort
,,Kopfweh" gleich zu Beginn in einer so hohen Tonlage, so gedehnt und durch das Mikrophon
extrem verstärkt ausgesprochen, dass allein der gehörte Ton ausreicht, um beim Zuschauer genau
dieses Gefühl auszulösen. Anders wird z.B. bei der Aussprache von ,,Nebel" durch eine
vergleichbare Intonation dem bloss beschreibenden Wort ein zusätzlicher Sinn verliehen - der
Zuschauer empfindet durch die Art der Nennung das körperliche Unbehagen, das die Figur wohl
bei dem Gedanken an Nebel fühlt, mit. Im weiteren Verlauf der Inszenierung wird diese
Methode öfter angewandt: Die persönliche Haltung des Protagonisten zu z.B. ,,Bürgerlichkeit",
oder ,,deutsch-sein" wird wieder durch die überakzentuierte Artikulation deutlich - diese Worte
werden als etwas Ekelerregendes hingespien, während z.B. ,,Tod" völlig ruhig, kurz und
abgeschlossen ausgesprochen wird, was die Endgültigkeit dieses Begriffs auf lautmalerischer
Ebene verstärkt.
An anderen Stellen wird besondere Artikulation verwendet, um Verweise auf Personen oder
Personengruppen herzustellen: So sind die beiden Momente der Hitler-Darstellung nicht nur
durch eine äusserliche Verwandlung gekennzeichnet, sondern auch durch das Nachäffen des
abgehackten, harschen Sprachmodus. Dieser Tonfall ist dem Zuschauer allerdings aus
verschiedensten anderen Parodien schon so geläufig, dass man hier durch den neuerlichen, fast
noch übersteigerteren Einsatz fast von einer Parodie der Parodie sprechen kann, vor allem, da der
übrige Text den Diktator keineswegs als Witzfigur, sondern als ernstzunehmenden
Gesprächspartner annimmt.
Immer, wenn das ,,Romanische Café" erwähnt wird, was meist als Anmerkung zu
vorangegangenen Textpassagen geschieht (,,...sagte ich zu Hitler im Romanischen Café."), wird
mit gekünsteltem klischeehaften französischen Akzent gesprochen. Im Wissen, dass Antonin
Artaud eben Franzose war, führt das zu einer amüsanten Doppelung, das vorher Gesagte wird
über diesen Witz in seiner Wichtigkeit herabgesetzt und ironisiert.
Die Sprache und der Tonfall schwanken beständig zwischen ruhigem, sehr exakt artikuliertem
Erzählton und scheinbar unkontrollierten Ausbrüchen. So entstehen innerhalb des Textes zwei
Ebenen: Die kühle Beschreibung und Analyse der jeweiligen Situation, die gerade reflektiert wird
steht einer Welt gegenüber, die stark durch die Subjektivität der Figur geprägt ist und als eine
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innere Welt angenommen werden kann. Aus diesem Schema fallen zwei Momente heraus, die
allerdings nicht nur durch sprachliche Veränderung, sondern auch auf der Ebene der Geräusche
und durch Lichtveränderung abgesetzt werden:
Der Textabschnitt ,,Die Wurstmaschine", der anstelle z.B. einer Pause den Abend in zwei
Hälften teilt, und der ,,Brief an den Intendanten" in Form eines Epilogs sind so stark vom Rest
der Inszenierung abgesetzt, weil sie nicht in der ursprünglichen Hörspielfassung von ,,Artaud"
enthalten sind: beides sind separat entstandene kurze Prosatexte von Tom Peuckert.
Die Einbindung der ,,Wurstmaschine" erfolgt auf spezielle Weise: Nach einem Ausbruch, der
gerade auf akustischer Ebene durch extreme Lautstärke fast die Schmerzgrenze des Publikums
überschreitet, wird der nun folgende Text sehr ruhig, gefasst und ernsthaft vorgetragen. Durch
die Diskrepanz zwischen dieser Art zu sprechen und dem Inhalt des Textes (,,Ich bin als Kind in
die Wurstmaschine gefallen, seitdem ist für mich alles nur noch Wurst...") entsteht eine Komik,
die sich durch ihr Funktionieren von anderen komischen Momenten des Abends abhebt: Das
Groteske erwächst aus dem Aneinanderfügen des Ausbruches, der starken körperlichen Aktion
und der absoluten Ruhe dieses Vortrags mit so seltsamen Inhalt.
Mit dem ,,Brief an den Intendanten" verhält es sich etwas anders: Zwar ist wieder der Bruch auf
sprachlicher Ebene durch Artikulation und vor allem durch Verringerung der Lautstärke
inszeniert, allerdings fehlt das komische Moment: Inhaltlich erinnert der Text an die reale
Situation, in der sich das Publikum befindet, an das Theater. Konnte man vorher trotz
verschiedenster Brüche in der Inszenierung in der Illusion versinken, einen Einblick in eine
fremde Welt zu bekommen, wird man nun in das Hier und Jetzt zurückversetzt. Dieser Eindruck
wird nicht nur durch den Tonfall, der fast an das Verlesen eines Testaments erinnert erreicht,
sondern auch durch andere bühnentechnische Mittel wie das Herunterdimmen der Neonröhren,
die die Hauptlichtquelle im Inneren des Containers waren, bis sie anfangen zu flackern und
schliesslich ganz erlöschen.
Auf einer weiteren Ebene eröffnet aber gerade dieser Text wiederum einen neuen Bezug zu
Artaud - nämlich dessen Verhältnis zu Theater nicht wie bisher auf einer intellektuellen Ebene,
sondern eher auf einer Basis, die man fast wirtschaftlich nennen könnte: Indem er sich direkt an
den Intendanten richtet, und der Inhalt des ,,Briefes" einen stark resignierten Unterton hat, wird
auf die Ablehnung angespielt, die Artaud zu Lebzeiten von einem breiten Publikum und
konventionellen Theatern erfuhr.
Dieser Epilog schliesst die Klammer um den Verlauf des Abends, die Stimmung, die u.a. durch
die Art des Sprechens entsteht, suggeriert das Ende der Inszenierung. Der offene Schluss des
Textes (,,...Ihr. Euer. o ja. ja. ja.") aber hinterlässt eine noch nicht aufgelöste Spannung in der
Luft, die sich in dem folgenden musikalischen Finale entläd (s.u. Musik).
Gerade bei diesen beiden Textstellen bekommt der Einsatz des Mikrofons eine besondere
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Bedeutung: Diese Abschnitte erhalten ihren Sonderstatus auch dadurch, dass der Sprecher sich
dem Mikrofon nähert, das Gesagte somit eindringlicher wird, während er gleichzeitig leiser
spricht und die Lautstärke von aussen zusätzlich heruntergeregelt wird, so dass der Hörer sich
mehr konzentrieren muss, um die Worte zu verstehen. Diese eigentümliche Umkehrung
intensiviert die Wirkung der Texte zusätzlich.
Im Bezug auf die Sprache hat der Einsatz elektronischer Verstärkung noch eine andere
Aufgabe: Es werden wiederholt Verzerreffekte verwendet, speziell von Wiederhall wird häufig
Gebrauch gemacht. Bei der Textpartie, in der die Mystiker behandelt werden, überträgt sich der
eigentlich ernsthafte Inhalt durch den Einsatz von Hall ins Ironisch-Überhöhte, so dass z.B. der
Ausdruck ,,Strahlenkranz aus Energien" einen unangemessen starken Pathos bekommt und das
Publikum zum Lachen reizt.
Wenn man die Bühnenanordnung als geschlossenen Raum einer Anstalt versteht, könnte man
also die Virtuosität im Gebrauch der Sprache als Mittel zur Illustration der jeweiligen inneren
Zustände des Insassen annehmen: Die Aussagen richten sich teilweise wie in einem
Selbstgespräch an den eigenen Geist und kreisen fast endlos um das jeweilige Thema.
Dann aber springt die Aufmerksamkeit des Sprechers plötzlich und unvorhersehbar zu einem -
imaginären(?)- Publikum, meist, um Gefühlen wie Wut, Schmerz oder Verzweiflung Raum zu
geben. Ebenso können die als einseitiger Dialog angelegten Sequenzen der direkten Ansprache an
Hitler sowohl als der innere Monolog einer schizophrenen Persönlichkeit als auch als die
konkrete Erinnerung an ein Treffen aufgefasst werden, das zumindest fiktiv stattgefunden hat.
In beiden Fällen stellt sich jedoch gerade bei den unkontrollierten Ausbrüchen der Eindruck ein,
einen zwanghaft handelnden Menschen vor sich zu haben, der sich entweder nicht beherrschen
kann - oder aber nicht will, und so diesen Eindruck sehr kalkuliert erweckt, um an den
Gewohnheiten der Beobachter zu rütteln.
Hier lässt sich die Parallele zu dem historischen Bühnenauftritt von Antonin Artaud 1947 im
Théâtre des View-Colombier ziehen, bei dem er eigentlich erschien, um Prosa und Gedichte
vorzutragen. Bei seinem Auftritt ändert er jedoch spontan das vorgesehene Programm, um ,,dem
Publikum einer Gesellschaft die Meinung zu sagen, die mich neun Jahre lang in einer
geschlossenen Anstalt eingesperrt hat..." (s. Programmheft S. 26). Er beschimpfte und
bespuckte die Zuschauer, erliess sich in Hasstiraden, schrie, weinte - und während der ganzen
zweistündigen ,,Vorstellung" behielten alle im Saal Anwesenden Ruhe, keiner wagte zu lachen
oder gar zu gehen. In einigen Momenten lehnt diese Inszenierung an Berichte über das damalige
Geschehen an, wenngleich durch verschiedene Elemente wie die Transformation des Tons durch
elektronische Medien, aber auch die Wand zwischen ,,Bühne" und Publikum auf technischer,
und durch Brüche im Handlungsablauf auf dramaturgischer Ebene eine Distanz aufrechterhalten
wird.
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Auch dadurch, insbesondere aber im sprachlichen Bereich werden durch verschiedenste Mittel
wie Artikulation, Intonation und eben Mikrofoneinsatz innerhalb des Textes immer wieder
mehrere Verständnisebenen eröffnet, die neben der Ausstattung (v.a. Kostüm) durch ihr
Zusammenwirken und Überschneiden dem Abend den Rahmen einer Groteske verleihen.
Musik
Die in dieser Inszenierung eingesetzte Musik stammt sowohl zeitlich als auch stilistisch aus sehr
verschiedenen Bereichen:
Die amerikanische Band ,,nine inch nails" brachte 1992 ihr Debutalbum heraus und ist auch
heute noch aktiv. Musikalisch ist sie im weitesten Sinne dem Independent-Bereich zuzuordnen,
sie spielen mit verschiedensten Stilrichtungen, allerdings zeichnet sich die Musik immer durch
sehr aggressive, oft elektronische Rythmen, verzerrte Geräuschexperimente und grösstenteils
eher pessimistische, negativ belegte Texte aus.
Mit der Hamburger Elektro-/Dub-/Drum´n´Bass-Konstellation ,,plexiq" hatte der Regisseur,
Paul Plamper, schon wiederholte Male zusammengearbeitet, zuletzt bei der Hörspielproduktion
,,Stopper". Wie auch hier wurde die Musik eigens für diese Produktion komponiert.
Dalida, die ägyptischstämmige Interpretin französischer Chansons begann ihre Karriere in den
60er Jahren. Ihre Musik wurde in verschiedenste Länder exportiert, was sie in den späten 70ern
und zu Beginn der 80er Jahre mancherorts zu dem Inbegriff von Chanson schlechthin machte.
Zwei ihrer bekanntesten Lieder, deren Titel allein schon bezeichnend sind, finden in der
Inszenierung Verwendung: ,,Je veux mourir sur scène" (,,Ich will auf der Bühne sterben") und
,,Je suis malade" (,,Ich bin krank") als Finale des Abends.
Das Spiel mit dem Innen und Aussen des Containers, also mit unhörbarem und hörbarem Ton,
wird bei dem ersten Musikeinsatz um eine neue Ebene erweitert:
Man sieht die Person am Tisch sitzen, sie trägt Kopfhörer, vor ihr steht ein altmodischer
Kassettenrekorder. Plötzlich beginnt sie, zunächst ganz zaghaft, einzelne Wörter des Songs ,,Je
veux mourir sur scène" (mit-) zu singen. Dieses Bild wirkt fast mitleiderregend - ein völlig in
sich gekehrter Mensch, der in dieser Musik so weit aufgeht, dass er mitsingt, und der -zum
ersten und einzigen Mal an diesem Abend- lächelt. Im kompletten Ignorieren der Welt um sich
herum steigert sich diese Euphorie soweit, dass er beginnt zu tanzen. Die groteske Wirkung auf
das Publikum bleibt nicht aus: es ist nur eine Männerstimme zu hören, die mit dauernd
einbrechender Kopfstimme eines der bekanntesten französischen Chansons singt, und eine
davon scheinbar abgetrennte Figur hinter Glas, die sich dazu tanzbärenartig bewegt.
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Dann allerdings scheint diese Figur von der ,,Realität" eingeholt zu werden: Sie blickt sich um,
erstaunt, und nach kurzem Überlegen zieht sie den Kopfhörer ab, um ihn auf das Mikrofon zu
setzen - nun ist die vollständige Originalmusik zu hören.
Jener Moment des Preisgebens von diesem starken Gefühl kann inhaltlich auf die gesamte
Inszenierung übertragen werden: Dem Publikum wird Einblick gewährt in das Innenleben einer
Person, manchmal zaghhaft schrittweise, dann wieder mit fast schmerzhafter Intensität.
Erstaunlich ist, dass ab dem Moment, in dem die Originalmusik aus den Lautsprechern ertönt,
das Geheimnis des Ursprungs des Gefühls auf der Bühne also geklärt wurde, die Lacher aus dem
Publikum sofort verstummen - als könne jeder die Regungen verstehen und nachvollziehen, die
solche Musik bei der Person im Kasten ausgelöst hat. Vielleicht ist es auch eine Art verschämtes
Innehalten, einen so intim erscheinenden Augenblick beobachtet zu haben.
Neben der wirklich komischen Performance des Mitsingens und -tanzens und deren Auflösung
gibt es aber noch einen weiteren Aspekt, der die Mehrdeutigkeit dieser Szene verstärkt:
Zum ersten Mal sieht es aus, als sei die Figur auf der Bühne wirklich glücklich. Es ist nicht
unbedingt nötig zu wissen, dass die Sängerin Dalida kurz nach ihrem letzten Auftritt, bei dem sie
auch dieses Lied intonierte, Selbstmord beging, um auf die morbide Diskrepanz zwischen dem
entrückt-glücklichen Ausdruck, dem singenden Schauspieler und dem Text ,,Ich will auf der
Bühne sterben" aufmerksam zu werden.
Die Musik von ,,plexiq" und ,,nine inch nails" wird eher als Hintergrund bzw. zur Untermalung
und Verstärkung des Textes eingesetzt:
In Momenten grosser Abscheu gegenüber der gerade verhandelten Thematik werden
verschiedene Liedsegmente eingespielt, die teils durch die Lautstärke, teils durch den Rythmus,
dem sich die Sprache anpasst, die aggressive Stimmung der jeweiligen Szene verstärken: So wird
z.B. die Textstelle ,,...Attacke auf der Ebene von Prinzipien..." mit Musik von ,,nine inch nails"
unterlegt, die einerseits durch ihren marschmusikähnlichen Takt Gedanken an Kriegshandlungen
aufkommen lässt, die aber auch mittels extremer Lautstärke und Übersteuerung die Trommelfelle
der Zuschauer im Wortsinne attackiert.
Die eher unterschwellig pulsierenden Beats von ,,plexiq" verleihen einzelnen Szenen eine
grössere Eindringlichkeit; das unmerklich langsame Einblenden dieser Musik verstärkt oft die
Empfindung von Unbehagen bis hin zu einer gewissen Bedrohlichkeit des Gehörten.
Der neuerliche Einsatz eines Liedes von Dalida als Finale des Abends setzt wieder einen
deutlichen Kontrast zu den vorangegangenen Szenen - allerdings wird nun mit allen
inszenatorischen Mitteln der bisherige Rahmen der Aufführung aus den Angeln gehoben: die
kleine, beschränkte Bühnenwelt innerhalb des Kastens wird gesprengt, auf einmal ist der ganze
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Rest des Raumes sichtbar; das grotesk bunten Kostüm hat sich durch ein einfaches Jackett in
einen showbühnentauglichen Anzug verwandelt; das Licht erhellt nicht mehr auf möglichst
realistische Weise ein kleines Zimmer, sondern reflektiert bunt glitzernd auf einer
überdimensionalen Spiegelkugel; und die qualitativen Möglichkeiten der Tonanlage werden
erstmals voll ausgenutzt.
Wo bei dem ersten Einsatz der Musik von Dalida aus dem Kasten lediglich ein eher
mitleiderregendes als schönes Mitsingen zu hören war, entfaltet sich hier die trainierte
Singstimme eines Entertainers, die zwar auch an den Gefühlen im Publikum rührt, aber eher auf
einer mitgerissen-sentimentalen Ebene des zelebrierten Kitsch als durch Mitgefühl.
Dieses Finale nimmt durch den extremen Bruch scheinbar die durch das Vorangegangene
entstandene Beklemmung, es löst die Spannung, die gerade durch den letzten Teil des
Monologes ungelöst in der Luft hing (s.o. Sprache). Es bietet dem Zuschauer an, sich einlullen
zu lassen von der starken Wirkung der Musik und von der neuen Welt, die auf einmal bunt, laut
und gar nicht mehr kalt und abweisend ist wie in der Stunde zuvor - und in der Tat sind die
Refrainzeilen des Liedtextes ,,Je suis malade" zumindest in den ersten Minten nach Verlassen
des Theaters in der Erinnerung die präsentesten der ganzen Inszenierung.
Diese Showeinlage am Ende der Aufführung schafft den Bogen zu einer neuen, komplett anderen
Welt - was auch den Untertitel des Abends ,,Eine Halluzination" wieder ins Gedächtnis ruft.
Alle Geschehnisse im Inneren des Containers hätten, vor allem durch die räumliche
Geschlossenheit und die Distannz als ,,reale" Momente der Beobachtung eines Menschen in
seiner Zelle oder eben als möglicher Einblick in das Innenleben eines fiktiven Antonin Artaud
verstanden werden können - doch jenes Heraustreten am Ende macht diese einfachen
Interpretationsansätze nichtig.
Die schon während der ganzen Inszenierung geschaffenen Brüche zwischen den verschiedenen
Persönlichkeiten innerhalb einer Figur, die sich vor allem auf sprachlicher und der musikalischen
Ebene zeigen, gipfeln in diesem Moment der perfekt durchinszenierten und -kalkulierten
Selbstdarstellung. Es wird unmöglich, innerhalb dieser einen Person Grenzen zu ziehen zwischen
der schizophrenen Persönlichkeit des kranken Genies, dem Bühnenschauspieler Antonin Artaud
und dem virtuosen Schauspieler Martin Wuttke.
Der Text des Chansons trägt stark zu diesem Vorgang bei: in glamouröser Inszenierung wird ,,Ich
bin krank" gesungen: Es könnte sein, dass mit schwärzestem Humor auf die ,,Heilanstalten"-
Odyssee von Antonin Atraud in den 40er Jahren angespielt wird; genauso möglich ist aber auch
der Gedanke an den ursprünglichen Kontext des Liedes als Liebeslied, das vielleicht der
Schauspieler -welcher, sei dahingestellt- als Hommage dem Theater, der Bühne (auf der er kurz
zuvor noch sterben wollte) widmet.
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Fazit
Diese Inszenierung liefert nicht nur auf der Ebene des Tons mehr Fragestellungen und damit
Denkansätze, als im Rahmen einer solchen Arbeit aufzuzeigen sind. Dennoch lassen sich einige
grundlegende Feststellungen resümieren:
Sämtliche Musik, Sprache und Geräusche werden -auch am Ende, als ausserhalb des Kastens
gesungen wird- nur über den Umweg der elektronische Verwandlung gehört. Dieses Verfahren
trägt wie auch die Bühnenanordnung dazu bei, das Publikum immer wieder auf seine Rolle als
Beobachter aufmerksam zu machen - die es im Theater zwar immer inne hat, die aber sonst nicht
in diesem Masse reflektiert wird. In diesem Kontext führt das Miterleben sehr intimer Momente
auf der Bühne anfangs des öfteren zu dem unangenehmen Gefühl, in die Rolle eines Spanners,
der private Grenzen allein durch seine Anwesenheit übertritt, gestossen worden zu sein.
Vielleicht ist neben der oft die persönliche Schmerzschwelle erreichenden und übersteigenden
Lautstärke der Übertragung auch das ein Grund dafür, das während mehrerer Aufführungen ein
Teil der Zuschauer den Saal schon nach wenigen Minuten verlässt.
Die unglaublich virtuose Wandlungsfähigkeit des Schauspielers verleiht dieser Empfindung eine
weitere Grundlage: Durch die konstanten Brechungen der Figur lässt sich keine klare
Abgrenzung von Darsteller und Rolle vornehmen - der Zuschauer kann zwar der Illusion eines
Einblickes in das geistige Innenleben eines anderen Menschen erliegen, allerdings wird mit der
zunehmenden Unklarheit gespielt, ob es nun der fiktive Antonin Artaud oder doch der reale
Martin Wuttke ist, der hier sein Innerstes preisgibt.
Erstaunlicherweise weicht die negative Konnotation des Beobachtens im Laufe des Abends mehr
und mehr der Faszination, die das völlige Eintauchen in diese Welt mit sich bringt. Erst nach dem
Finale wird gerade durch diesen letzten extremen Moment die Erinnerung an die situative
Anordnung der vorhergehenden Stunde zurückgeholt: Die Präsentation einer Show, die ihre
Realitätsferne ganz offen mit Bühnenmitteln ausstellt, steht im krassen Gegensatz zu der
bedrückenden Observationssituation durch die Plexiglasscheibe, in der das Publikum, ohne durch
die einseitig verspiegelte Glasschheibe gesehen werden zu können, extrem privat scheinenden
Momenten beigewohnt hat.
Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser sehr intensiven Erfahrungen bleibt am Ende nach dem
Verlassen der Probebühne das verrwirrende Gefühl, das Gesehene und Gehörte nicht genau
einordnen zu können: Die Halluzination funktioniert als Erklärung für den Zustand des
Protagonisten ebenso wie im Bezug auf die Erinnerung des Zuschauers an diesen Abend.
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